Tag 15: Drei Lost Places an einem Tag

Tag 15 (15. September 2026)

Von Holzhausen bis Ummerstadt (beides Gemeinde Heldburg)

Drei verlorene Orte, in ihrer Unterschiedlichkeit Zeitzeugen für deutsche Geschichte – alle drei an einem Tag entlang der heutigen Landesgrenze Bayern/Thüringen:

Gedenkstätte Billmuthausen: Ich bin völlig alleine dort, wo das Gras in der Sonne wogt und der Wind in den Bäumen raschelt. Zu sehen sind Reste eines alten Rittergutes, das sich über sechshundert Jahre zu einem Dorf entwickelt hatte. Dann genügten die Sicherheitsinteressen der DDR, den Ort innerhalb von knapp vierzig Jahren dem Erdboden gleich zu machen. Der Vorwurf: Zu nah an der Grenze. Übrig geblieben sind eine Gedächtniskapelle, Reste eines Friedhofs, Gedenktafeln, ein ehemaliger Grenzturm, der jetzt der Naturbeobachtung dient. Bleierne Stille lastet auf diesem Ort, und die Mühe, diese Gedenkstätte zu pflegen, sie dem Verfall zu entreißen, erzählt viel über den Schmerz, der hier einmal verspürt wurde.

Das Unkraut wuchert, Totenstille hinter den Glasfassaden: Therme und Kurklinik in Bad Colberg sind ein Lost Place – und auch eine gewaltige Investitionsruine.

Dann der Kurort Bad Colberg: Mein Wanderführer, erschienen im Jahr 2020, schwärmt von der neuerbauten Therme und dem schönen Terrassen-Cafe. Ich stehe sprachlos vor gewaltigen Glasfassaden – einer Rehaklinik, die einmal 300 Betten hatte, alles Neubauten aus den 90er Jahren – alles geschlossen. Im Inneren sind die Großpflanzen vertrocknet, die Möbel zusammengeschoben. Unkraut sprießt aus den Ritzen der Außenanlagen. Während ich recherchiere, dass Klinik und Therme Anfang 2024 wegen fehlender Wirtschaftlichkeit ihren Betrieb eingestellt haben, dass es vage Pläne für eine Umgestaltung zum Luxushotel gäbe, rollt ein Motorrad heran. „Ich war Grenzsoldat, und später hier als Patient“, erzählt mir der Biker. „Und jetzt? Sehen Sie sich das an!“ Ich sehe – und denke an die Wahlerfolge der Rechtsradikalen in Thüringen.

Das einzige Ladengeschäft im Zentrum von Ummerstadt ist eine Bäckerei – geöffnet an vier Tagen in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Nur Bares ist Wahres!

Schließlich Ummerstadt: Die kleinste Stadt Thüringens, 500 Einwohner. Ein herausgeputztes Fachwerk-Idyll wie aus einem deutschen Bilderbuch. Schon zu DDR-Zeiten führte die Grenznähe zu rapidem Einwohnerverlust. Seither wurde das Fachwerk renoviert, aber die Gaststätte ist zu, und Läden gibt es keine. Die Bäckerei am Marktplatz öffnet vier Tage in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Als ich vorbeikomme, sitzen drei Jugendliche auf den Treppenstufen des Rathauses. Sie grüßen mich fröhlich und sind sonst in ihre Handys vertieft. Was soll sie hier halten?

Distanz: es wären etwa 12 Kilometer gewesen; aber wegen einer kleinen Verletzung war ich gehandicapt und bin Teile der Strecke mit dem Auto gefahren, ca. 5.000 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine, siehe oben

Jäger-Hochsitze am Weg: keine, siehe oben

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

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