Von Ummerstadt bis Lindenau (beides Gemeinde Heldburg)
Es hat geregnet, und auf dem frischen Asphalt zischen die Autos zügig über die Grenze zwischen dem bayerischen Dorf Autenhausen und dem thüringischen Lindenau vorbei.
Ein Beitrag zum Stand der deutschen Einheit – gesehen an der Gedenkstätte zum Grenzübergang zwischen Autenhausen und Lindenau.Im Herbst 1989 forderten die Bürger in Lindenau ihren eigenen Grenzübergang nach Bayern. Gebaut haben sie ihn sich dann selbst.
Die Geschichte dieses Übergangs ist besonders. Die beiden Dörfer liegen nur wenige Kilometer auseinander, waren aber vierzig Jahre durch die Grenzanlagen getrennt. Im Tumult der zusammenbrechenden DDR hatte der Übergang hier keine Priorität und so bauten sich die Menschen ihn selbst. Eröffnet wurde er im Dezember 1989. Möglich wurde das nur, weil westdeutsche Baufirmen die rechtlich nicht vorgesehene Straße heimlich auch auf der DDR-Seite als Schotterpiste auswalzten. Der Osten hatte dafür keine Kapazitäten, und das westdeutsche Straßenbauamt sah sich nicht in der Lage, „im Ausland zu arbeiten“.
Die Geschichte wird anschaulich erzählt am Übergang, mit vielen historischen Fotos, einem Stück Grenzzaun, einer gemauerten Bank und dem auf meiner Wanderung ersten – und bisher einzigen – gesamtdeutschen, schwarz-rot-gold bemalten Mülleimer.
Distanz: es wären etwa 9 Kilometer gewesen; aber wegen einer kleinen Verletzung war ich gehandicapt und bin Teile der Strecke mit dem Auto gefahren, ca. 6.000 Schritte
Von Holzhausen bis Ummerstadt (beides Gemeinde Heldburg)
Drei verlorene Orte, in ihrer Unterschiedlichkeit Zeitzeugen für deutsche Geschichte – alle drei an einem Tag entlang der heutigen Landesgrenze Bayern/Thüringen:
Gedenkstätte Billmuthausen: Ich bin völlig alleine dort, wo das Gras in der Sonne wogt und der Wind in den Bäumen raschelt. Zu sehen sind Reste eines alten Rittergutes, das sich über sechshundert Jahre zu einem Dorf entwickelt hatte. Dann genügten die Sicherheitsinteressen der DDR, den Ort innerhalb von knapp vierzig Jahren dem Erdboden gleich zu machen. Der Vorwurf: Zu nah an der Grenze. Übrig geblieben sind eine Gedächtniskapelle, Reste eines Friedhofs, Gedenktafeln, ein ehemaliger Grenzturm, der jetzt der Naturbeobachtung dient. Bleierne Stille lastet auf diesem Ort, und die Mühe, diese Gedenkstätte zu pflegen, sie dem Verfall zu entreißen, erzählt viel über den Schmerz, der hier einmal verspürt wurde.
Das Unkraut wuchert, Totenstille hinter den Glasfassaden: Therme und Kurklinik in Bad Colberg sind ein Lost Place – und auch eine gewaltige Investitionsruine.
Dann der Kurort Bad Colberg:Mein Wanderführer, erschienen im Jahr 2020, schwärmt von der neuerbauten Therme und dem schönen Terrassen-Cafe. Ich stehe sprachlos vor gewaltigen Glasfassaden – einer Rehaklinik, die einmal 300 Betten hatte, alles Neubauten aus den 90er Jahren – alles geschlossen. Im Inneren sind die Großpflanzen vertrocknet, die Möbel zusammengeschoben. Unkraut sprießt aus den Ritzen der Außenanlagen. Während ich recherchiere, dass Klinik und Therme Anfang 2024 wegen fehlender Wirtschaftlichkeit ihren Betrieb eingestellt haben, dass es vage Pläne für eine Umgestaltung zum Luxushotel gäbe, rollt ein Motorrad heran. „Ich war Grenzsoldat, und später hier als Patient“,erzählt mir der Biker. „Und jetzt? Sehen Sie sich das an!“ Ich sehe – und denke an die Wahlerfolge der Rechtsradikalen in Thüringen.
Das einzige Ladengeschäft im Zentrum von Ummerstadt ist eine Bäckerei – geöffnet an vier Tagen in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Nur Bares ist Wahres!
Schließlich Ummerstadt: Die kleinste Stadt Thüringens, 500 Einwohner. Ein herausgeputztes Fachwerk-Idyll wie aus einem deutschen Bilderbuch. Schon zu DDR-Zeiten führte die Grenznähe zu rapidem Einwohnerverlust. Seither wurde das Fachwerk renoviert, aber die Gaststätte ist zu, und Läden gibt es keine. Die Bäckerei am Marktplatz öffnet vier Tage in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Als ich vorbeikomme, sitzen drei Jugendliche auf den Treppenstufen des Rathauses. Sie grüßen mich fröhlich und sind sonst in ihre Handys vertieft. Was soll sie hier halten?
Distanz: es wären etwa 12 Kilometer gewesen; aber wegen einer kleinen Verletzung war ich gehandicapt und bin Teile der Strecke mit dem Auto gefahren, ca. 5.000 Schritte
Von Adelhausen (Gemeinde Straufhain) bis Holzhausen (Gemeinde Heldburg)
Der Kolonnenweg ist ein Erlebnispfad für ambivalente Geschichten. Diesmal führt er mich nach Streufdorf – und zurück in das Jahr 1952. In den Kinos der DDR läuft genau in diesen Tagen der Film „Das verurteilte Dorf“, heute als „Propagandastreifen“ disqualifiziert, damals aber erfolgreich und mit sozialistischen Filmpreisen geehrt. Das „verurteilte“ fränkische Dorf „Bärenweiler“ ist Fiktion, aber die Geschichte nicht völlig aus der Luft gegriffen: Im heraufziehenden Kalten Krieg beschließt die amerikanische Besatzungsmacht, dort – westlich der Grenze – einen grenznahen Militärflugplatz zu errichten, wo „Bärenweiler“ liegt. Die Menschen wehren sich, am Ende sind sie – daher Propaganda – damit sogar erfolgreich.
Gedenktafel in der Kirche von Streufdorf
Es wirkt wie ein Witz, aber genau zu dieser Zeit, als „Das verurteilte Dorf“ die Kinos der sowjetisch besetzten Zone füllte, startete die DDR-Führung die Aktion „Ungeziefer“ – eine gewaltsame Umsiedlung von politisch als unzuverlässig eingeschätzten Bewohnern der Dörfer in Grenznähe – jetzt östlich des Grenzstreifens. Das Muster solcher Aktionen war überall gleich: Im Morgengrauen rollten LKW heran, Volkspolizisten gewährten den betroffenen Familien zwei Stunden , das nötigste zusammenzuraffen, dann wurden sie mit ihrem ganzen Hab und Gut zwangsumgesiedelt in grenzferne Ersatzwohnungen. An vielen Orten führte das zu Protesten, an manchen – wie beispielsweise in Liebau – zu kollektiver Flucht in den Westen. Aber im thüringischen Streufdorf, das ich heute durchwandere, da gab es zur Überraschung der Staatsmacht organisierten Widerstand. Die Kirchenglocken läuteten Alarm, Lehrer forderten die Schüler auf, die schon halb beladenen LKWs wieder leerzuräumen und die Möbel zurückzustellen, es wurden Barrikaden errichtet. Erst der Einsatz von mehreren Hundert herbeigerufenen Soldaten, von Feuerwehrmännern, die ihre Fahrzeuge als Wasserwerfer einsetzten und brutaler Gewalt berittener Polizei konnte nach einem Tag den Widerstand in Streufdorf am 5. Juni 1952 brechen. Insgesamt achtzehn Familien wurden im Ergebnis zwangsweise ausgesiedelt, zehn mehr als geplant, weil man die Anführer des Protestes auch gleich einpackte. Viele davon verbrachten zum Teil mehrere Jahre im Gefängnis, darunter der Bürgermeister, der damals empört den Polizisten und Soldaten zurief: „Denkt an das verurteilte Dorf!“
…gesehen am Wegesrand
Der Kolonnenweg führt mich weiter Richtung Süden, wieder einmal durch völlige Einsamkeit. Kurz vor meinem Tagesziel kann ich es kaum glauben: Ein privates Auto steht auf dem Kolonnenweg. Es sind zwei junge Burschen beim Pilzesammeln. „Zu mühsam, durch den Wald zu streifen“, erklären sie mir, „wir sehen die Pilze vom Auto aus und holen sie ab. Hier läuft ja eh niemand.“
Distanz: 13,9 Kilometer, 19.500 Schritte
Begegnungen mit Wanderern: vier, plus zwei Pilzsammler im Auto
Ein zorniger Brief nach der Wahl in Sachsen-Anhalt
Wenig verehrtes halbes Wahlvolk von Sachsen-Anhalt,
Ihr habt gestern Parteien gewählt, die Euch das Blaue vom Himmel versprechen, die Euch mit Lügen und billigen Vereinfachungen in eine Zukunft locken wollen, die es nicht gibt. An Euch, an diese Hälfte richten sich meine Zeilen. Sie werden Euch nicht interessieren, aber das stört mich nicht, denn sie interessieren mich. Ich habe mit Euch zu tun, weil Ihr seid ein Teil auch meines Landes – ein Teil von Deutschland.
„Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal.“ Bild von Javier Robles auf Pixabay
Das Problem seid Ihr. Das Problem sind nicht der freundliche Ulrich oder die Eisfrauen Alice und Sahra, denen Ihr hinterherlauft. Ihr seid zu bequem, um nachzudenken. Ihr könntet Euch die Mühe machen, die Komplexität der Welt wenigstens gelegentlich verstehen zu wollen. Das macht Ihr aber nicht. Zu engstirnig seid Ihr, um den Wert des Kompromisses zu erkennen. Zu geizig seid Ihr, um Euch Nachrichtenquellen zu leisten, die an der Suche nach Fakten interessiert sind. Stattdessen rennt Ihr den Rattenfängern hinterher, die ihre dumme Soße in das Billignetz der Halb- und Unwahrheiten quetschen.
Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt
Das Problem ist Eure Blindheit für die Welt. Euer Horizont hinter den Vorgärten der schmuck sanierten Häuschen reicht nicht weiter als bis zu Eurem geschmacklosen Jägerlattenzaun. Nichts dahinter interessiert Euch wirklich. Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal. Die seelischen und körperlichen Qualen von Menschen, die nicht dem Weltbild Eurer Gartenzwerge entsprechen, kennt Ihr nicht und glaubt deshalb, dass Ihr sie ignorieren könnt. Oder wegsperren. Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt.
Ihr wollt gute Straßen haben für Eure zu großen Autos, aber Steuern zahlen wollt ihr so wenig wie möglich. Ihr wollt Strom haben aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, aber der Waldbrand und die Überschwemmung nebenan sind Euch egal. Ihr wollt das haben, was Ihr „Meinungsfreiheit“ nennt, aber der Kultur, den Theatern, den Schulen und Universitäten wollt Ihr vorschreiben, was sie zu verbreiten haben. Ihr wollt Pflege für Eure Großeltern jetzt, und später auch für Euch selbst, aber Pflegekräfte aus dem Ausland nennt Ihr „kulturfremd“.
Stolz auf mein Land wollt Ihr sein
Stolz auf mein Deutschland wollt Ihr sein, aber von der deutschen Geschichte wollt Ihr Euch nur das herauspicken, was Euch passt. Eure Idole faseln von einer „erinnerungspolitischen Wende“, und wenn Ihr an den Stammtischen, in den Telegram-Foren, im ganzen digitalen Sumpf dazu nickt und liked, dann macht schon mir das Angst – und erst Recht den jüdischen Menschen, den Fremden, den Anderen.
Dem breiten Grinsen vom freundlichen Ulrich habt Ihr vertraut, mit Freibier und Bratwürsten habt Ihr Euch bestechen lassen, und jetzt seid Ihr stolz auf Eure Selfies mit dem künftigen Ministerpräsidenten. Allen anderen Kandidaten habt Ihr gar nicht mehr zuhören wollen, wenn sie Euch mit Sachthemen zur Landespolitik überzeugen wollten. Alles lästig. Viel einfacher ist es, Eurem dumpfen Zorn gegen Friedrich Merz Luft zu machen. Ganz sicher, der Bundeskanzler hat viele Fehler zu verantworten – aber der stand gar nicht zur Wahl. Diese Unterscheidung ist zu kompliziert für Euch.
Jetzt bekommt Ihr die Regierung, die Ihr Euch gewählt habt
So werdet Ihr jetzt die Regierung bekommen, die Ihr Euch gewählt habt. Sie wird ein paar Symbole umsetzen. Sie wird das Gendern an Schulen und in Ämtern verbieten. Sie wird Euch einreden, dass Ihr bald keine Gebühren mehr zahlen müsst für TV und Radio, und Euch glauben machen, dass Ihr irgendetwas gewinnt, wenn Ausländer malträtiert werden.
Und es wird nicht lange dauern, bis die rechten Zauberlehrlinge Euch erzählen werden, dass sie alle ihre schönen Versprechen von einer besseren Welt gar nicht erfüllen können. Sie werden sagen, dass sie da nichts dafür können, sondern die Regierungen zuvor schuld sind oder die Bundespolitiker in Berlin oder Europa oder sonst wer. Und Ihr werdet auch das wieder glauben.
Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Idylle der Zug pünktlich fährt. Immer. Gut, es gibt auch nur eine einzige, eingleisige Strecke, vom Hafen zum Örtchen, und die ist nur knapp drei Kilometer lang. Die Herausforderung zur Pünktlichkeit ist also überschaubar. Trotzdem: Er fährt, wenn er soll, und er kommt an, wann er soll.
Wer in die deutsche Idylle möchte, muss mit einem Schiff fahren, eine gute halbe Stunde hinüber, raus aus der Welt der Unwägbarkeiten und Ärgernisse. Sie oder er muss eine Schiffspassage bezahlen und eine tägliche Tourismusabgabe, die praktischerweise gemeinsam einkassiert werden- Eine Art Eintrittsgebühr in die heile Welt ist das. Dann steigt man in den beschriebenen Zug – und alles ist schlagartig gut.
„Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten.“ Morgenszene aus der deutschen Idylle
Die Backsteinhäuschen sind adrett und nicht zu hoch, manche sind alt, andere neu, allesamt sind sie komfortabel. Die Natur ist satt und grün und gesund, die Blätter rauschen, die Pferde weiden, die Möwen kreischen hoch in der Luft, und das vertraute Taubenpaar wiegt sich im Weidengeäst vor dem Fenster. „Keine Haie, keine Autos“, war einmal das Motto der Idylle, nicht ganz korrekt, weil im Meer vor dem breiten Strand doch ein paar eher harmlose Hai-Arten leben. Aber Autos gibt es tatsächlich nicht, alles bewegt sich mit dem Fahrrad, und wenn das nicht ausreicht, dann schaffen katzengleich schnurrende Elektrokarren schweres Gut durch die Idylle. Wie von Zauberhand bringen sie frühmorgens Waren in die Geschäfte, sorgen so für einen steten Fluss des Konsums. Um acht Uhr abends schließen die Läden, um zehn Uhr die Lokale, um elf herrscht Ruhe. Das Meer rauscht, der Wind in den Bäumen auch. Sonst ist es still.
Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein
Die deutsche Idylle ist eine Welt, wie der konservative Mensch sie sich wünschen könnte. Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein, migrantische Haut ist nur selten zu erspähen zwischen den Rucksack-bewehrten Rentnern, den jungen Familien, den Omas und Opas mit Enkeln. Es herrscht Ordnung, und zwar ohne dass sie mit großem Aufwand durchgesetzt werden muss. Kein Müll liegt auf den Straßen, alles ist akkurat gekämmt und gebürstet, gestriegelt und geordnet. Es gibt zwar eine Polizeistation, aber die ist nur „werktags zu den üblichen Bürozeiten“ in Einsatz. Mehr Bedarf gibt es nicht für das Sicherheitsgefühl.
Die deutsche Idylle ist auch eine Welt von gestern. In vielen Geschäften und Lokalen gibt es nur Barzahlung, im einzigen Kino kommen die Karten von der Abreißrolle und nicht digital. Gesprochen wird Deutsch oder Platt, und wenn Fremdsprachen zu hören sind, dann sind es der rheinische Singsang oder das selbstgewisse Bayrisch oder das breitgelatsche Schwäbisch. Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten am Strand.
Die heile Welt hat ihren Preis
Die heile Welt hat ihren Preis. Die deutsche Idylle ist teuer, nicht nur wegen der Tourismusabgabe. Quartier für eine Woche auf der autofreien Insel kostet deutlich mehr als eine All-inclusive-Zelle in der Türkei, und da ist der Flug schon mitgerechnet. Das Preisniveau der Gastronomie und des Handels liegt locker zwanzig Prozent über dem Festland. Man muss es sich leisten können, den Kümmernissen der restlichen Welt zu entfliehen.
Gewiss würde nichts funktionieren in dieser heilen Welt, die sich oft anfühlt wie ein rückwärtsgewandter biodeutscher Lebenstraum – gäbe es nicht die zahllosen Menschen aus anderen Ländern, die das sauber geölte Räderwerk der deutschen Idylle am Laufen hielten. Die ukrainischen Besenflitzer-Frauen, die die Ferienwohnungen reinigen, die geduldigen Polinnen, die Cappuccino und Aperol für den Strand mixen, der unermüdliche Rumäne, der morgens die Brötchen in rasender Geschwindigkeit in Tüten sortiert, die asiatischen Kellner, die kroatischen Köche, die hier etwas von der Zubereitung von Fisch verstehen müssen.
Im Straßenbild sieht man diese Menschen kaum, und gerade deshalb entsteht der Eindruck der Monokultur. Aber sie sind da, sie hausen in billigen Unterkünften, versteckt auf den Innenseiten der schönen Backsteinhäuschen, in den Zimmern ohne Balkon und Terrasse. Oder sie wohnen auf dem Festland, kommen zur Arbeit jeden Tag herüber auf die teure Insel.
Es gab einen Militärflugplatz und Zwangsarbeiter
Die Idylle war nicht immer so. Sie war einmal ein Militärflugplatz für deutsche Expansionsfantasien, sie war auch einmal ein Zwangsarbeiterlager. Bis heute sind die Spuren dieser Zeit im Stadtbild sichtbar, und man kann den gut 1300 Einheimischen nicht den Vorwurf machen, sie würden diesen Teil ihrer Geschichte verstecken. Sie wissen auch gut um die Macht der Natur. Ihr sind sie ausgeliefert an manchen Wintertagen, wenn Stürme das Meer hochpeitschen, wenn sich die im Sommer gehüteten Sanddünen dieser Urgewalt entgegenstellen und alle hoffen, dass dem Wasser der Durchbruch auch dieses Jahr wieder nicht gelingt.
Aber was kümmert das den Idylle-Tourist? Er steigt auf sein gemietetes Fahrrad, freut sich über die schöne Seite des unberechenbaren Wetters, spürt den Wind, genießt die Sonne, erwartet den Regenschauer – alles gleichzeitig – und fährt zum wohl geordneten Fahrradparkplatz hinter der Düne. Gerade hat er sich zwei Drinks geholt, die Füße im Strandkorb hochgelegt, lässt den Abend herannahen. Die Familien mit Kindern rüsten zum Aufbruch, es ebbt, die Weite des Strandes nimmt zu, die untergehende Sonne glitzert auf dem ruhiger werdenden Meer.
Allerdings: Nachts war das Knattern eines landenden Hubschraubers zu hören gewesen. Ein Notfall? Und an diesem Morgen war eine der beiden Tauben tot und zerfetzt im Gras vor dem Fenster gelegen. Welches Tier war hier tödlich seinem Trieb gefolgt? Einen Schatten hatte beides geworfen, Momente des Zweifels aufkommen lassen. Und nun: Ein doppelter lauter Aufschrei, ein ohrenbetäubendes Aufjaulen durchschneidet die vorabendliche Stille in der deutschen Idylle. Zwei Bundeswehrjets jagen hoch am Himmel über dem Strand entlang, dem Horizont entgegen.
Es war im Frühsommer 2021 in Berlin: Noch herrschte Corona, und als #BerlinerFlaneur war ich einige Wochen unterwegs in der Hauptstadt. Zu den Besuchseindrücken zählte auch die Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die ich damals in einen Zusammenhang mit der Frage stellte, wie grau das geschichtsbeladene Berlin und die deutschen Geschichte gewesen ist – und wie gegensätzlich dazu das knallbunte Werk von Kusama wirkte. Am 14. Auguxst 2026 ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben.
Hier eine leicht aktualisierte Fassung der Reportage von 2021:
Farbfilm vergessen
„Du hast den Farbfilm vergessen!“ schimpfte 1974 die 19jährige Sängerin der Gruppe „Automobil“, Nina Hagen, ihren Reisebegleiter Micha. „Automobil“ landete damit in der Schlagerparade der DDR.
„Alles grau“, urteilte das Westkind
Brauchte man in der DDR einen Farbfilm? „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön ’s hier war“, ging der Text des Liedes weiter, „alles Blau und Weiß und Grün – und später nicht mehr wahr!“ Es gab eine Zeit, in der westdeutsches Vorurteil dem Osten unseres Landes attestierte, dort sei „alles grau“. Und tatsächlich kann sich der Flaneur gut an seine erste Reise in die gerade ganz neu und frei zugänglich gewordene Noch-DDR erinnern. Die damals sechsjährige Tochter schaute nach dem Überwinden der nicht mehr gesicherten innerdeutschen Grenze lange und fasziniert aus dem Fenster, die ersten Dörfer kamen ins vorbeiziehende Bild, und was sagte das unvoreingenommene Westkind? „Alles grau!“
Alles grau: Die Topografie des Terrors und das Bundesfinanzministerium hinter dem Mauer-Reststück
Wer heute durch Berlin wandert oder fährt, kann West und Ost nicht mehr an der Farbigkeit unterscheiden. Aber farbig bunt ist deshalb noch längst nicht alles. Von einem Ort, der „Topografie des Terrors“ heißt, erwarten wir vielleicht auch aus gutem Grund nicht gerade Farbigkeit. Hier wird kein Farbfilm benötigt. Der Ort fordert den Besucher als graue Steinwüste, ein eingezäuntes Areal, ein modernes graues Gebäude in seiner Mitte, ein abgesenkter Graben, ein langes Stück DDR-Mauer an seiner Seite – alles grau. Es bedarf einiger Mühe, sich bewusst zu machen, was das hier eigentlich für ein leeres Straßenkarree ist. Häuser standen her bis zum Kriegsende, Paläste, prächtige Bauten, ein nobles Hotel, aber es gab auch Hinterhöfe, Garagen, Gärten, Lauben. Wenig davon ist übrig, alles ist platt und grau. Die „Topografie des Terrors“ wurde 1987 nach langer Diskussion zu einer begehbare Gedenkstätte, die erinnern soll an das Grauen, das in nationalsozialistischer Zeit dort geschah. Denn hier standen die Zentralen des Terrorregimes, das Hauptquartier von SS und SA, von Gestapo und Polizei, alle auf diesem Fleck, vereint zwischen vier Straßen.
Bomben der Alliierten zerstörten das Zentrum des Grauens, Ruinen blieben übrig von der brutal-rechtlosen Machtausübung. In den 60er Jahren wurde entschieden, das unwirtliche Gelände unmittelbar an der Mauer abzuräumen – und nichts von den Palästen zu erhalten, in denen die Mörder residierten, folterten, quälten – Betriebsfeste feierten, zu Geburtstagen anstießen, Siege bejubelten und Niederlagen schönredeten. Was man heute noch dort findet ist ein modernes Dokumentationszentrum über die Nazidiktatur und eine informative Freiluftausstellung über Deutschlands Irrweg von der Weimarer Republik hin zur totalen Niederlage im selbst angezettelten „totalen Krieg“. Alles wichtig und sehenswert, vieles davon schon hundertmal gesehen.
Moderne Archäologie
Was diesen Ort besonders macht ist so etwas wie moderne Archäologie. Unter dem Schutt der abgeräumten Nazi-Paläste wurden bei der Neugestaltung als Gedenkort die immer noch vorhandenen Pflastersteine der Einfahrten gefunden, über welche die Opfer der Gestapo in die Folterkammern gekarrt wurden. Die eingestürzten Eingangstore der Gestapo-Zentrale, kantige Ruinen, mahnen, einst unbeachtet liegengelassen, jetzt an die Todesangst der Menschen, die das Osttor einst passierten. Unterirdische Gefängniszellen der Gestapo wurden ausgegraben und pietätvoll wieder zugeschüttet, aber markiert. Die graue Topografie deutet die angelegten bombensichern Kellergänge an, zeigt die unterirdisch angelegten Räume einer Cafeteria der Folterknechte.
Die Westdeutschen der Nachkriegsjahre vergaßen sicher keinen Farbfilm, wenn sie in den Urlaub fuhren. Aber die Orte ihrer eigenen grauen Vergangenheit wollten sie gerne aus den Augen und damit aus dem Sinn haben. Alle möglichen Verwendungszwecke für die leere Brache direkt an der Mauer wurden diskutiert. In den 70er Jahren richtete Westberlin schließlich auf dem Gelände ein „Autodrom“ ein, einen Freizeitpark, auf dem man das Autofahren üben konnte – ohne Führerschein hinweg über die Folterkammern des Führers.
Heute denken wir anders. Der Gang über das weite Gelände wird zur Zeitreise vom Grauen ins Grüne. Der Besucher kann das ganze Gelände abschreiten, einige der alten Trassen des Autodroms nutzend, und findet sich bald in einem idyllischen Robinienwäldchen wieder, in dem die Blumen blühen und die Bienen summen. Zurück führt der Weg zur Betonrohr-bewehrten grauen Mauer, das von Mauerspechten durchlöcherte, angenagte, jetzt unter Denkmalschutz stehende Monument der deutschen Teilung. Die Geschichte erlaubt uns, heute ohne Schmerz über sie hinweg zu sehen, hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesfinanzministeriums, das so grau und abweisend dasteht, als wollte es allen Klischees von der grauen DDR und dem öden Grau jedes Bürokratenapparates gerecht werden.
Das „Detlef-Rohwedder-Haus“ wurde als Monumentalbau von den Nazis errichtet, beherbergte das Reichswehrministerium, später in der DDR das „Haus der Ministerien“ und gab so vielen grauen Bürokraten der DDR einen Arbeitsplatz. Nach dem Fall der Mauer war der graue Kasten dann Sitz der Treuhandanstalt (nach dessen ermordeten Präsidenten er später benannt wurde) und seit 1999 ist dort der Sitz des Bundesfinanzministers. Vermutlich würde es schon am Denkmalschutz scheitern, wenn ein Versuch unternommen würde, das Haus bunt anmalen zu lassen.
Das Bunte muss von woanders her kommen
Alles Bunt: Die roten Bäume von Yayoi Kusama beim Gropius-Bau
Das Graue gehört zu diesem Gebäude, wie das Grauen zur Topografie des Terrors gehört. Also muss das Bunte von anderswo kommen. Und siehe da, Blick zurück, keine hundert Meter, außerhalb der Einzäunung, da wartet es schon, das überraschende Bunt. Stehen da tatsächlich knallrote Baumstämme mit leuchtend weißen Punkten? Wie bitte – rote Baumstämme mit weißen Punkten? Kann das sein und wenn ja – wie und warum? Der Anblick ist unglaublich und macht so hoffnungstrunken wie das Licht am Ende eines zu langen Tunnels, so glücklich wie das Durchbrechen eines neuen, strahlenden Motivs in der Musik, wie die erste Blüte im Schnee.
Rote Bäume mit weißen Punkten? Gewachsen können sie so nicht sein, also nochmal hingeguckt: Die bunten Bäume sind eingewickelt und sie sind ein Kunstwerk, Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im benachbarten (von außen übrigens auch ziemlich grauen) Gropius-Museumsbau. Gelockt von den roten Bäumen, schnell online einen Timeslot gebucht, den Corona-Test gezückt, und raus aus der grauen „Topografie“ rein in den Ausstellungpalast. Durstig nach Buntheit, nach Farbenpracht und Vielfalt. Im Foyer räkeln sich die roten Punkte im dichten Gewirr dicker Tentakel über-mannshoch bis ins Obergeschoss der Halle, bilden einen Dschungel der Farbenpracht, laden ein zu weiteren farbigen Abenteuern der Kunst. Man muss nicht alles verstehen, was sich die Künstlerin aus dem fernen Osten dabei gedacht hat, aber dem bunten Zauber der manchmal durch Spiegel ins Unendliche gesteigerten Farbigkeit ihrer Werke wird sich niemand entziehen, der sensiblen Sinnes ist.
Noch mehr Farbe in der Ausstellung der japanischen Künstlerin
Übersatt erfüllt von Farben tritt der Besucher wieder heraus in das reale Berlin, das jeden Tag so bunt gepunktet sein kann, wie der Stamm dieser Bäume, zwischen denen er jetzt steht. Bunt wie das frische Grün an den Zweigen der rotgepunkteten Bäume, oder so gelb wie die vorbeirauschenden DHL-Autos, oder so leuchtend blau wie der sommerliche Himmel. Oder so grau wie das Finanzministerium.
Zur Bregenzer Inszenierung von Verdis „La Traviata“
Wie wäre das Leben der jungen Frau verlaufen, wenn sie nicht schon als junges Mädchen hätte arbeiten müssen in einer Spelunke auf dem Land? Wenn sie sich nicht als 15-jährige als Dienstmädchen in Paris verdingt hätte, damit sie ihren Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Es war die blanke Tristesse ihres jungen Lebens, aus der sie sich befreien wollte, als sie begann, ihre Schönheit zu verkaufen. Fortan war sie abhängig von den Männern, die sich mit ihr schmücken wollten, sie verehrten und benutzten: gierig, lüstern, besitzergreifend.
Ein weiteres Mal wird diese Geschichte derzeit vor großem Publikum erzählt – in Bregenz auf der spektakulären Seebühne (noch bis 23. August, wobei alle Vorstellungen ausverkauft sind). Man kann sie bis zum 27. Oktober 2026 auch in der ZDF-Mediathek erleben.
Die schöne Frau ist sterbenskrank. Marie Duplessis hat bis 1847 in Paris gelebt und war das historische Vorbild für die Oper „La Traviata“ mit der suchtauslösenden Musik von Guiseppe Verdi zu einem Libretto von Francesco Maria Piava. Sie starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Nach ihr hat Alexandre Dumas den Roman „Die Kameliendame“ verfasst, dessen Schauspielfassung Verdi in Paris gesehen hatte und sich von diesem Stoff anregen ließ zur „Traviata“ – „der vom Weg abgekommenen“.
Violetta stirbt auch an gesellschaftlichen Verhältnissen
Also ist auch Verdis Violetta am Ende des Opernabends tot. Sie stirbt an ihrer damals unheilbaren Erkrankung, aber auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der Gefallenen keinen sozialen Aufstieg erlauben. Die es den Männern leicht machen, die Frau in ihrer Mitte herumzuschubsen zwischen Eifersucht, Eitelkeit, Zorn und Demütigung. Schließlich aber stehen sie alle ratlos herum um das Totenbett. Das Finale der Oper „La Traviata“ hat nur wenige Takte, aber es zählt szenisch wie musikalisch in seiner vorwurfsvollen Endgültigkeit zu den wuchtigsten, stärksten musikalischen Momenten, die Musiktheater erzählen kann. Denn in diesem Moment des Todes, der eigentlich nach Stille verlangt, schlägt die Musik mit voller Wucht zu. In fünf kräftigen Orchestertutti haut Verdi wie mit der Faust auf einen apokalyptischen Tisch: Wumm – wamm – wumm – wamm – dann ein Trommelwirbel – ein längerer Verzweiflungsschrei in Musik und schließlich ein letzter, alles mitreißender Donnerschlag, der diese ratlosen Männer hinwegfegt, sie alle hineinreißt in den Abgrund des Schicksals, und uns alle gleich mit.
Diese Opernszene gibt es auch in „Pretty Woman“
Was für eine Magie der Töne! Vielleicht aus diesem Grund hat es genau diese Schlussszene in den Film „Pretty Women“ geschafft. Die erste Opernerfahrung der schönen (von Julia Roberts gespielten) Prostituierten Vivian rührt diese zu Tränen. Denn es sind trotz aller Verzweiflung Momente der Erlösung, die sich nach jeder Vorstellung von „La Traviata“ Bahn brechen und Stürme der Begeisterung auslösen, oft schon in die letzten Klänge des wuchtigen Finales hinein. Es ist eine Erlösung darüber, dass dieser emotional-romantische Albtraum ein Ende hat. Violetta ist tot, und der Tod ist immer ungerecht. Aber wir dürfen leben!
„La Traviata“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt, eine „sichere Bank“ für jeden Opernintendanten. Opernanfängern wird häufig geraden, mit der „Traviata“ zu beginnen, sich mit Violettas und Alfredos Hilfe einzulassen auf dieses seltsame Genre, in dem kaum gesprochen, dafür aber lange gesungen wird. Es ist vor allem die Musik von Giuseppe Verdi, die eingängig dahinschmelzend den Zuschauer hineinsaugt in diese romantisch-tragische Welt, für manche vielleicht sogar zu süßlich, für andere suchtauslösend.
Dazu kommt eine Handlung, die jedes Herz erreicht, wenn es denn nicht ganz aus Stein ist: Eine junge Prostituierte Violetta muss weitermachen in ihrem Teufelskreis aus Verkäuflichkeit und Demütigung, weil sonst ihr Leben schon rein finanziell kollabiert. Da trifft sie auf Alfredo, der anders ist als alle anderen, der sie im Wissen um ihre Vorgeschichte umwirbt. Sie schwankt zwischen den luxuriösen Vergnügungen ihrer Käuflichkeit und den Verlockungen der Bindung, und entscheidet sich schließlich für die Liebe. Die Symptome der Krankheit schwächen sich ab; das Paar hat zwar kein Geld mehr, aber sie planen eine gemeinsame Zukunft.
Da greift Alfredos Vater ein: Der gesellschaftliche Sittenkodex könnte den Ruf der Familie gefährden, er fordert daher die junge Frau und später auch seinen Sohn auf, voneinander zu lassen. Violetta nimmt im Wissen um ihren baldigen Tuberkulose-Tod und aus Liebe zu ihrem Alfredo alles auf sich, lässt ihren Geliebten im Unwissen darüber, dass sie einem Eingriff seines Vaters folgt und erregt so seinen eifersüchtigen Zorn. Viel zu spät erkennen alle Männer, was sie da angerichtet haben.
Viel Spektakel und eine große Idee
Sollten wir uns das heute ansehen? Unbedingt! Der gesellschaftliche Stand bestimmt noch immer den sozialen Standort. „La Traviata“ erzählt uns die Geschichte derer, die „vom Wege abkommen“ (wie die Übersetzung des Operntitels wörtlich lautet) und sich heute im Elend der Bordelle am Stadtrand, in der Gewaltwelt der Clans oder im digitalen Shitstorm wiederfinden. Verdis Oper war schon bei ihrer Uraufführung 1853 (nur sechs Jahre nach dem Tod der Marie Duplessis) nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern harte Sozialkritik, und sie ist es bis heute.
So schön dahinschmelzend wurde der Gesellschaft allerdings noch selten der Finger in die Wunde gelegt. Die Bregenzer Neuinszenierung erzählt nun die traurige Geschichte auf der Riesenbühne und unter dem Anspruch, während der Festspiele täglich rund 6.500 Zuhörende zu fesseln. Es muss also etwas geboten werden, vor allem für das Auge, und das bei einem Stoff, der vor allem ins Gemüt geht. Die Ballszenen, die zur Traviata gehören, werden unter diesen Umständen eher zu einem wasserbasierten Spektakel, viel Kitsch und Tand plätschert da um die gewaltige Bühne, die einen zerborstenen Spiegel darstellt.
Falls sich Besuchende an diesen Konzessionen an den Massengeschmack gestört haben sollten, so werden sie schließlich durch eine faszinierende Inszenierungsidee von Regisseur Damiano Michieletto entschädigt, die im dritten Akt den Atem stocken lässt: Die Krankheit selbst, die in Kürze die Schöne hinraffen wird, tritt auf – symbolisch, und mit übermächtiger Gewalt. Und all die wichtigtuerischen Männer, die sich um die Violetta scharen, werden zu machtlosen Randfiguren. Als Violetta schließlich tot dahingesunken ist unter Verdis mächtigen Schicksalsschlägen, als sie reglos liegt auf der ins Wasser drapierten Scherbe der Bregenzer Bühne, da wissen wir, dass es Hoffnung gibt. Heute ist die Tuberkulose heilbar. Violetta könnte leben.
Dieser Text ist eine aktualisierte Fassung. Die erste Version ist im Januar 2022 erschienen und bezog sich auf eine Aufführung in der Oper am Rhein in Düsseldorf. „La Traviata“ wird immer wieder an zahlreichen Opernhäusern in Deutschland gezeigt. Die Aufführung auf der Seebühne in Bregenz ist bis 27. Oktober 2026 in der ZDF-Mediathek abrufbar.
Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.
Vor wenigen Tagen bei der Fußball-Weltmeisterschaft rückte jenes Ereignis wieder ins öffentliche Bewusstsein, das meine ersten persönlichen Zweifel an der Tragfähigkeit von Pazifismus in der Weltpolitik markiert. „Las Malvinas son Argentinas“ stand da auf einem Transparent, das argentinische Fußballer im Spiel gegen England in die Kameras hielten. Um was es da geht, wird noch erklärt werden – für alle, die es vergessen oder nicht erlebt haben.
Andreas Vogt war mehr als dreißig Jahre in verschiedenen Funktionen bei der Techniker Krankenkasse (TK) tätig, zuletzt von 1999 bis 2021 als Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg. Er gestaltet – zusammen mit seiner Frau Ute Vogt – die Website vogtpost.de als Forum für Politik und Kultur. Andreas Vogt engagiert sich kommunalpolitisch für die Partei Bündnis 90/Grüne. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay)
Vorher aber ein paar Erinnerungen an meine Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1976. Vollkommen absurd kam mir schon damals die Situation einer „Gewissensprüfung“ vor: Graue alte Männer, vermutlich mit eigener Kriegsvergangenheit, hielten Gericht über meine Gesinnung. Meine Eltern wurden gebeten, zu meiner Verweigerung Stellung zu nehmen. Und schließlich war für mich ein Gespräch entscheidend, das ich zur Vorbereitung meiner „Gewissensprüfung“ mit einem Berater der Deutschen Friedensgesellschaft führte.
Graue alte Männer saßen zu Gericht über mein Gewissen
„Wenn sie Dich fragen“, so sein Rat, „was Du machst, wenn eine Räuberbande Deine Freundin überfällt, dann sag bloß nicht: Ich lasse es geschehen.“ Ein solcher Radikalpazifismus galt als unglaubwürdig. Man habe sich, so die Unterstellung, dann nicht wirklich mit einer eigenen Haltung zur Gewalt auseinandergesetzt. Vielmehr sollte ich den Gewissenskonflikt einräumen, also das Dilemma aus Gewaltverzicht und Nothilfe schildern. Es sei schließlich kein Widerspruch zur gewissensgetriebenen Friedfertigkeit im Kriegsfall, wenn man der bedrohten Freundin rettend beispringe.
Auch dank dieser Beratung konnte ich schließlich die alten grauen Männer von meiner Gewissensentscheidung gegen den Kriegsdienst überzeugen. Würde ich auch heute noch den Kriegsdienst verweigern? Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Ganz sicher aber werde ich das Recht zur Verweigerung verteidigen. Und ich verstehe alle heute 20-Jährigen, die es nutzen. Und gleichzeitig bin ich jeder und jedem 20-jährigen dankbar, die oder der bereit ist, unsere Werteordnung, unsere Demokratie, meine Freiheit, auch mit der Waffe zu verteidigen.
Warum? Weil sich die Notwehr-Situation mit der Freundin und den Räubern eben auch auf die heutige, reale Weltlage übertragen lässt. In meiner damals deutschen Sicht auf den „Kalten Krieg“ gab es nur zwei Weltmächte, die sich durch gegenseitige Hochrüstung bedrohten. Mir erschien es sehr einfach, das zu beenden. Es müssten sich eben nur auf beiden Seiten genügend Menschen finden, die ihr Gewissen dazu befragen, ob sie ein Teil dieser gegenseitigen Bedrohung sein wollen. „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ (ein Zitat des amerikanischen Publizisten Carl Sandburg, das fälschlicherweise oft Bertold Brecht zugeschrieben wird) – das erschien mir damals unfassbar einfach und richtig.
In der Welt von damals leben wir heute nicht mehr
In dieser Welt von damals leben wir heute nicht mehr. Nicht in Deutschland und auch nicht anderswo. Das führt zurück zur Inselgruppe der Malvinas – oder der Falkland-Inseln, wie sie in Großbritannien genannt werden. Mein gerade in der Gewissensprüfung attestiertes, pazifistisches Weltbild bekam im sogenannten „Falkland“-Krieg deutliche Risse. Auch wenn der britische Besitz dieser Inseln vor Argentinien Teil kolonialen Unrechts sein mag – als die argentinische Militärjunta 1982 die gewaltsame Inbesitznahme der Inseln befahl, wurde dort niemand unterdrückt, die Menschen dort wollten (und wollen bis heute) Briten sein, und keine Bedrohung ging von dort aus. Es war brutales, gewaltsames Unrecht, dort einzufallen und die Inseln zu besetzen. Und es war nach meiner Überzeugung auch moralisch zulässig, dass sich Großbritannien mit militärischen Mitteln gegen diesen Raub wehrte.
So sehe ich heute auch den Überfall Russlands auf die Ukraine: Niemand dort hat Russland bedroht, die Menschen in der Ukraine wollen in ihrer großen Mehrheit nicht von Russland beherrscht werden – und nichts, einfach gar nichts, rechtfertigt Bombenangriffe auf Wohnhäuser und Umspannwerke. Es ist also absolut legitim, wenn sich die Menschen in der Ukraine dagegen wehren, auch mit Gewalt. Die Sicherheitslage in ganz Europa hat sich durch diesen Angriff verschoben – mit den bekannten Auswirkungen auch auf uns.
Mehr Rüstung ist allenfalls ein notwendiges Übel
Ich bin also kein Pazifist mehr. Aber ich bleibe skeptisch, wenn sich die deutsche Gesellschaft nach meinem Eindruck viel zu bedenkenlos immer stärker militarisiert. Und deshalb brauchen wir gerade jetzt im gesellschaftlichen Diskurs Menschen, die lautstark daran erinnern: Mehr Rüstung ist auch in diesen Zeiten allenfalls ein notwendiges Übel, aber kein willkommener Wachstumsmotor. Atomwaffen-bestückte Langstreckenraketen sind kein Spielzeug, sondern millionenfach todbringende Werkzeuge der Apokalypse. KI-gesteuerte Drohnen sind kein Videogame. Und Diplomatie war nie wichtiger als jetzt.
Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.
Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.
Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken
Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat: Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!
Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.
Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.
Und heute, fast 60 Jahre später?
Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.
Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.
Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?
Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?
Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD – zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben: dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren, dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!
Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt
Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren: alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.
Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!
Ein halber Buchstabe macht den Unterscheid. Hier ist nicht die Rede von alten weißen Männern, denn über die ist schon viel geschrieben worden. Hier wird nichts verteidigt werden, was diese ungefragten Dauer-Erklärer angeht, ihr penetrantes Grundgefühl des Besserwissens, ihr eingefrorenes Weltbild.
Nein, hier soll es um alte weise Männer gehen. Um Männer aller Hautfarben, mit denen Menschen geboren werden. Der alte weise Mann hat gelebt mit seiner individuellen Biografie, mit allen Erfolgen, auf die er stolz ist und mit allem Versagen, das er sich zuzurechnen hat. Vielleicht müsste er noch nicht einmal zwingend „alt“ sein, denn manchmal überholt das gefühlte Alter das tatsächliche.
Aber ein Mann muss er schon sein in diesem Text, denn als Mann hat er sein Leben gelebt, hat als Mann seine Welt und seine unmittelbare Umgebung geprägt, und als Mann diese Rolle zu verantworten. Er kennt vieles nicht, was Frauen wissen und spüren, und da er weise ist, weiß er auch darum. Gilt dieser Text auch für Frauen? Vielleicht. Aber geschrieben ist er über Männer.
Es geht um Männer, die sich Verdienste erworben haben
Hier geht es um Männer, die sich Verdienste erworben haben, von deren Wissen die Gesellschaft profitieren könnte, die Vorbild sein könnten. „Weisheit verbinden die meisten Menschen mit dem Alter, mit einem Menschen, der viel erlebt hat und es geschafft hat, eine Art Seelenruhe zu finden,“ sagt der Philosoph Kai Marchal, der zum Begriff der Weisheit zusammen mit Michael Hampe und anderen Autoren ein ganzes Buch herausgegeben hat.
Was darf also erwartet werden von einem weisen alten Mann? Hier der Versuch für ein Anforderungsprofil:
Versuch für ein Anforderungsprofil
Erstens: Die Bereitschaft, sich dem schnellen, ungestümen Urteil zu verschließen, trotz allem Wissen und aller Erfahrung, das er in sich trägt – kurz: Nachdenklichkeit.
Zweitens: Solide, von tiefer Durchdringung geprägte Kenntnisse über das eigene Fachgebiet, vielleicht auch eine gute Allgemeinbildung, vor allem aber das tief verankerte Bewusstsein darum, dass „ich nur weiß, dass ich nichts weiß“ (Socrates) – weil die Wahrheit immer noch viel größer ist als der eigene Ausschnitt, den man kennt, und sei dieser noch so breit – kurz: Eigenes Wissen und das Wissen um Wissenslücken.
Drittens: Nicht selbst viel reden! Der alte weise Mann hat etwas zu sagen, aber vor allem auf der Basis dessen, was er gehört und verstanden hat. Denn er ist nicht mehr in der Vorhand – in der Vorhand sind die Träger aktuellen Wissens; der alte weise Mann könnte es mit Erfahrung bereichern – kurz: Zuhörenkönnen.
Viertens: Muss der alte weise Mann selbst den PC programmieren, ein Tiktok-Video drehen oder online die Fahrkarte buchen? Nein, muss er nicht. Darf er diese Veränderungen verachten? Nein, darf er nicht. Sein Zugang zur Moderne könnte sich ausdrücken in der Wachsamkeit gegenüber diesen Veränderungen, in der verstehenden Beobachtung, im Bestärken, das Moderne zu erproben, die Vorteile zu sehen, auch wenn er es selbst nicht mehr nutzen möchte – kurz: Offenheit für das Moderne.
Fünftens: Der alte weise Mann ist meist nicht aufgewachsen in einer verständnisvollen Welt. Aber er konnte seither lernen, sich in das Denken und Fühlen anderer hineinzuversetzen. Und vielen ist es gelungen, auch der Generation der Kriegskinder und Geflüchteten, die bitterste Not und den Kampf der Ellenbogen erlebt haben. Sie haben es sich erarbeitet, was wir – kurz – Empathie nennen.
Schließlich sechstens: Der alte weise Mann weiß, dass er ein winziges Glied in einer Kette der Jahrtausende ist; dass nichts untergeht, nur weil er selbst untergehen wird. In Weisheit vertraut er darauf, dass Jüngere und ganz Junge das Erbe der Menschheit weitertragen werden, und er traut es ihnen zu – kurz: Er ist ein Botschafter des Kulturoptimismus.
Wo sind sie, die alten weisen Männer?
Viele Millionen solcher alter weiser Männer müsste es geben. Aber wo sind sie? Das Weltgeschehen lenken zu viele alte Männer ohne Weisheit, manche von ihnen machtbesessene Autokraten, andere selbstgerechte Lügner, zu oft beides. Und auch im Alltag belästigen zu viele alte Männer ihre Umwelt mit allzu viel Selbstgewissheit, mit festgefahrenen Überzeugungen, mit rückwärtsgewandter Sehnsucht nach einer Zeit, die nicht wiederkommen wird. Sie beschädigen sich damit selbst.
Wo also sind sie, die alten weisen Männer? Wer kennt einen davon?
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