Utes #Lesezeichen Nr. 5: Dreimal Tukur

Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 301 Seiten

ausgelesen am 16.2.2026

In großer Begeisterung hatte ich mir vor Weihnachten das Buch von Ulrich Tukur gekauft, einmal als Geschenk für eine liebe Bekannte, die meine Begeisterung für Tukur teilt, einmal für mich. Ja, und dann fand ich das Cover und die Optik des Buches einfach schön, und das ist sie natürlich noch immer.

Mit der Lektüre habe ich mich dann schon schwerer getan. Eine Geschichte, die in der Zukunft und Vergangenheit spielt, in Stuttgart, Paris und Südfrankreich, die ins Mystische abgleitet und doch reale Geschichtsbezüge aufweist.  Welch‘ ein Entwurf der Handlung, die ich hier nicht detailliert wiedergeben möchte, um niemandem Inhalte vorzugreifen. Doch über weite Strecken wechseln ständig die Blick- und Erzählwinkel des Erzählers, so wie Personen (mit leider oft ähnlichem Namen) die Rollen wechseln, und das in steter Folge. Fazit: ich bin innerlich immer wieder ausgestiegen, habe den Faden verloren, war mir unsicher, welche Person erlebt hier was. Vielleicht war diese Melange auch gewünscht, denn sind wir nicht die Guten, in denen auch immer das Böse schlummert? Ich finde das Buch dennoch lesenswert, und das Buch ist anders, als man es aufgrund des Klappentextes sich vorzustellen vermag.

Leseempfehlung: für Tukur – Fans, für Literaturjunkies, für Leser:innen, die gerne auch Ungewöhnliches versuchen wollen

 

Die Seerose im Speisesaal von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 246 Seiten

ausgelesen am 20.02.2026

Noch einmal Ulrich Tukur. Zwischen der Lektüre des letzten und diesem Buch liegen nur wenige Tage, v.a. aber eine Lesung mit Ulrich Tukur im Mozartsaal in Stuttgart. „Eine Nacht in Venedig“ – Texte, Lieder, Akkordeon. Tukur hat 20 Jahre mit seiner Frau in Venedig gelebt, spricht die Sprache und das italienische Leben.

Die an diesem Abend vorgetragenen Geschichten waren unterhaltsam, machten neugierig, stets an der Grenze zwischen „Ist das wirklich so passiert oder ist es Fantasie?“ Die wunderbaren Schwarzweiß-Bilder aus Venedig, die Melodien, die das rote Akkordeon und Tukurs Stimme in den Saal trugen, sie halfen mir zu einer Reise ans Mittelmeer, und ich schmeckte den Rotwein, genoss den Duft des Espresso und hörte das Plätschern des Wassers in der Lagune. Zuhause angekommen, war Lektüre Pflicht.

Und wenn ich vielleicht bei dem Roman „Der Ursprung der Welt“ etwas verhalten war, empfehle ich die venezianischen Geschichten. Die Sprache pointierter und doch fantasievoll, authentisch. Was Tukur beim Roman vielleicht nicht so richtig gelungen ist, in den Geschichten ist es vollendet.

Leseempfehlung: für Tukur Fans – für Venedigliebhaber:innen – für italophile Dolce vita Genießer:innen – für alle, die Literatur spannend finden….und nebenbei ein Glas guten Rotwein trinken

 

Die Spieluhr, eine Novelle von Ulrich Tukur, erschienen 2013 bei Ullstein, 151 Seiten

ausgelesen am 17.03.2026

Und noch ein dritter Tukur, vermutlich das schönste der drei Bücher! In der Novelle Die Spieluhr entfaltet Tukur wieder seine wirrende Technik des Wandels zwischen den Zeiten, wieder die Vermischung zwischen der Geschichte des letzten, vorletzten Jahrhunderts und dem Heute, diesmal offiziell unter der Fahne einer Verfilmung; wieder geht es um Frankreich und Deutschland. Der Film Séraphine von 2008 erzählt einen Ausschnitt des Lebens der französischen Künstlerin Séraphine de Senlis, einer der wichtigsten Vertreterinnen naiver Kunst in Frankreich. Im Film spielt Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle, nämlich die des Kunstsammlers Wilhelm Uhde, der in seiner Zugehfrau das Talent als Künstlerin entdeckt. Das Drehbuch und die Dreharbeiten haben Tukur wohl zu diesem Büchlein inspiriert, doch wie schon davor in seinen Werken, lässt mich die Lektüre tendenziell etwas verwirrt zurück, und so manches Mal hatte ich beim Lesen Probleme mit der Zuordnung der Personen und Zeiten. Aber vielleicht ist es nicht wichtig, es ist eine mystische Erzählung mit wahrem Kern.

Ganz besonders erwähnen möchte ich aber das Cover. Leinen, mit Golddruck.

Alle drei Bücher von Ulrich Tukur zeichnen sich durch besondere Cover aus, weil Tukur laut Recherche großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtkunstwerk legt. Sein Anspruch ist es wohl, dass Einband, Papier, Schrift und Sprache eine harmonische Einheit bilden. So wirken die Cover retrospektiv, wie ihr Inhalt, ja, er greift sogar häufig den literarischen Stil der letzten Jahrhunderte auf. Allein das schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Leseempfehlung: für alle Tukur Fans; für Menschen, die literarisch auch die Nicht-Klassiker lesen und Besonderes entdecken wollen; für VerehrerInnen in Referenz für Séraphine und die naive Kunst Frankreichs; für Liebhaber:innen schöner und sinnlicher Buchgestaltung

 

Mehr über Ulrich Tukur finden Sie hier.  

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Tag 13: Der böse Tod im Niemandsland

Tag 13 (28. Mai 2026)

Von Eisfeld bis Adelhausen

Südlich von Eisfeld spuckt mich der Bus an einem sehr deutschen Ort aus: Das buntgestrichene Gebäude nennt sich „Schlagerhotel“ und es glitzern die Discokugeln auf jedem Balkon, unweit davon wird ein restaurierter Grenzwachturm von den Straßenschlingungen der Autobahnausfahrt Eisfeld-Süd umarmt. Drei Stücke der Berliner Mauer stehen herum, mit Zertifikat. Und gleich daneben wartet eine große Tankstelle. Ich lasse diese Vielfalt auf mich wirken, verzichte aber auf den Besuch des Grenzturm-Museums; auch weil ich keine zwei Euro-Münzen parat habe, die für den automatisierten Eintritt benötigt würden.

Also unter der Autobahn hinweg. Das Dröhnen der Mobilität wird mit jedem Schritt leiser, und dann entführt mich der Kolonnenweg in eine Welt von sommerlich gleißender Schönheit. Es ist der  vielleicht landschaftlich beeindruckendste Abschnitt meiner bisherigen Wanderung. Das Tal und seine sanften Hügel (im Wanderführer lese ich, dass es „Haderleite“ heißt) ist vollkommen einsam, keine Straße, kein Auto, kein Haus von Horizont bis Horizont, nur wogendes Getreide, sattgrüne Wiesen, bunte Blumen, Schafe, ein paar Kühe. Stille. Rauschen der Blätter im Wind. Schwalben irgendwo weit über mir.

Vor mehr als fünfzig Jahren ereignete sich hier der Mord an zwei DDR-Grenzsoldaten. Mein westdeutsch geprägtes Gemüt nimmt das Gedenken an ihren Tod durch Organisationen wie „Verband zur Pflege der Tradition der NVA“ etwas DDR-nostalgisch wahr. Aber die Geschichte der Ereignisse belehrt mich, vorsichtig zu sein mit allzu schnellen Urteilen.

Außer dem Kolonnenweg ist von der alten Grenze nichts mehr zu sehen – solange, bis im hohen Gras mehrere Kreuze auftauchen. Die Geschichte, die sie erzählen, nimmt mich mit auf die andere Seite des Unrechts, dem ich hier schon so oft begegnet bin. Sie erinnern an zwei junge Grenzsoldaten, die hier am 19. Dezember 1975 von einem dritten – überraschend und ohne Chance auf Gegenwehr – erschossen worden sind. Der dritte war ein mehrfach vorbestrafter (u.a. wegen 54-fachem Autodiebstahl) DDR-Krimineller,  der hier unter Nutzung seiner Waffen, seiner Ortskenntnisse und des zugefrorenen Bodens in den Westen floh. Auch dort wurde bald nach ihm gefahndet, zwei Tage später wurde er weit entfernt in Recklinghausen festgenommen.

Die weitere Geschichte ist filmreif: Die DDR verlangte eine Auslieferung des Täters, was die Bundesrepublik unter Verweis auf die ihm dort drohende Todesstrafe verweigerte. Der Prozess wurde dem Mann also in Westdeutschland gemacht und endete mit einem Freispruch, da die ostdeutschen Behörden die Bereitstellung belastenden Materials an die westdeutsche Justiz zunächst beleidigt verweigerten. Für die zweite Instanz überlegten sie es sich anders, was zu einer Verurteilung des geflüchteten Kriminellen zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis führte. Im Jahr 1982 wurde er freigelassen. Nach dem Mauerfall fanden sich Dokumente, die zeigten, dass die Staatssicherheit Pläne hatte, den Mann im Westen ermorden zu lassen. Umgesetzt wurden sie nicht. Der Mann beschäftigte weiter die Justiz, musste 2005 erneut in Haft; dennoch urteilte er im Jahr 2018: „Alles in allem kann ich nicht meckern. Die Strafjustiz ist eher milde mit mir umgegangen“ (lt. einem Zeitungsbericht vom Mai 2024, der an einen Baum bei der Gedenkstätte geheftet wurde). Anfang 2024 ist er gestorben.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und in einem Videospiel wurde seine dramatische Flucht zur Vorlage für fragwürdige Vergnügungen.

Weniger prominent blieben die Namen seiner beiden Opfer, die an dieser Stelle, hier im Niemandsland, ihren bösen, kalten Tod fanden. Sie hießen Jürgen Lange und Peter Seidel, waren 20 und und 21 Jahre alt. Ihre Geschichte ist eine gänzlich andere als die vielen, denen ich auf meinem Weg bereits begegnet bin. Es war ein Tod im Dienst ihres Staates, den sie sich nicht ausgesucht hatten, der sie an dieser Stelle ereilte, erschöpft und müde, bei minus zwanzig Grad, kurz vor Weihnachten.

Den Grenzsoldaten Jürgen Lange und Peter Seidel gehören meine Gedanken.

 

Distanz: 9,7 Kilometer, 13.800 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des flüchtenden Werner Weinhold und seiner beiden Opfer Jürgen Lange und Peter Seidel ist sehr gut aufgearbeitet in einem Text des Bundesarchivs. 

 

Tag 12: Mauer bröckelt, Kriegerdenkmal steht

Tag 12 (27. Mai 2026)

Vom Froschgrundsee bis Rottenbach

Blitzblank glitzernd liegt das Staugewässer mit dem originellen Namen „Froschgrundsee“ in der Sonne. Die Staumauer liegt auf der bayerischen Seite der Grenze, und sie dient vor allem dem Hochwasserschutz von Coburg. Als der See 1986 entstand, musste mit der DDR vereinbart werden, dass das Wasser sich auch auf thüringisches Gebiet ausbreiten würde – was dem  devisenklammen Staat einige Millionen einbrachte. Heute ist er ein Naherholungsparadies für Menschen aus Oberfranken wie aus Thüringen, seit 2011 überspannt von einer eleganten Brücke für den ICE aus Berlin Richtung München.

Ein paar Kilometer weiter steht eine Mauer mitten auf der Wiese in einer Straßenbiegung. Ein bröckelnder Rest bietet Insekten ein löchriges Zuhause. Das aus Thüringer Sicht davor liegende Dorf Görsdorf ist nur wenige Meter von der Grenze entfernt, mit dreitausend Einwohnern war es zu groß für eine Evakuierung. Das Schicksal, begafft zu werden aus dem Westen, das wollte man ihnen ersparen – die Mauer diente weniger der Sicherheit des Staates, als dem Blickschutz der Menschen. Heute schützt sie nichts mehr, sie ist selbst Denkmal-geschützt. Als ich mich herumwende, sehe ich einen kleinen Schrottplatz; im hohen Gras verrotten zwei Trabis.

Deutsche Geschichten: Die löchrige Mauer bei Görsdorf hat keine Funktion mehr, und die Trabis auch nicht, die wenige Meter entfernt verrotten.

Ich wandere weiter in das bayerische Rottenbach. Dort habe ich Zeit, die evangelische Kirche zu besichtigen, die zu meiner Überraschung offensteht. Der Friedhof um sie herum ist leergeräumt – nur das Denkmal für die Toten der Weltkriege steht noch. Ich denke über Prioritäten nach, und über die Frage, ob heute wohl ein Bus laut Fahrplan kommen wird. Gestern in Rückerswind hatte ich vergeblich gewartet. Dann biegt er um die Ecke, ein Linienbus in voller Größe und Pracht, pünktlich und vollkommen leer. Ich bleibe der einzige Passagier Richtung Coburg.

 

Distanz: 10,7 Kilometer, 15.600 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 12

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Mehr über den Froschgrundsee finden Sie z.B. bei Wikipedia. 

 

 

Tag 11: Nichts mehr zu sehen am Generalsblick

Tag 11 (26. Mai 2026)

Von der „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg bis Rückerswind

Es ist hochsommerlich in diesen späten Mai-Tagen, viel zu früh viel zu warm. Der Wald schützt, und ein leichter Wind streicht auch gelegentlich über die Felder, aber steile Anstiege auf dem Kolonnenweg fordern mich auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Der Berg wird „Isaak“ genannt, ein Muschelkalk-Hügel, in Jahrtausenden abgeschliffen von Wetter, Wind und allen anderen Kräften der Evolution.

Dann, kurze achtundzwanzig Jahre lang, von 1961 bis 1989, trug er an seinen Hängen die Vorzeige-Grenzanlagen der DDR. Der Wald war zum Militärgebiet erklärt worden, niemand durfte hier mehr wandern. Die ganze Breite der DDR-Sperranlagen mit Stacheldraht, Minenstreifen, Selbstschussanlagen durchzog den Hang und war vom Gipfel des Isaak so gut einzusehen, dass eigene und sozialistisch-befreundete Grenzverantwortliche höchster Ränge immer wieder dorthin gefahren wurden, um vorzuführen, was deutsche Gründlichkeit beim Aufbau sicherer Grenzen zu leisten imstande ist. Im Volksmund wurde der zu Vorführzwecken kahlgerodete Gipfel daher „Generalsblick“ genannt.

Nichts mehr zu sehen vom Stolz der Grenzsoldaten: Die Natur hat sich alles zurückerobert, was auf dem Berg Isaak einmal als Schneise zur Grenzsicherung geschlagen wurde, um hohen Militärs aus dem In- und Ausland vorzuführen, wie eine gut gesicherte Grenze aussehen muss.

Nichts davon ist übrig. Der Blick vom Hügel ist jetzt nur noch ein Blick ins Grüne, zugewachsen ist die Lücke, die man der Natur einst zugefügt hatte. Nur der gut ausgebaute Kolonnenweg, die flächig ausgelegte Boden-Lochplattenversammlung rund um den Gipfel erinnert noch daran, dass hier einst schwere Jeeps hochgefahren sind, aus Stolz auf eine Grenze, die es nicht mehr gibt.

Der Wald wächst nach und schweigt.

Distanz: 14,4 Kilometer, 20.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: eine Frau mit Hund

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Utes #Lesezeichen Nr. 4: Luft zum Leben

Luft zum Leben von Helga Schubert, erschienen bei dtv, 288 Seiten

ausgelesen am 31.1.2026

Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass ich Helga Schubert persönlich treffen konnte. Ich bin dankbar, dass ich Texte von ihr kennenlernen konnte. Beides war und ist ein großes Geschenk in meinem Leben.

2020 erhielt Helga Schubert im Alter von 80 Jahren im zweiten Anlauf den renommierten Ingeborg-Bachmann –Preis für ihre Geschichte „Vom Aufstehen“. Ein umfangreiches, fast lebenslanges Schreib- und Literaturleben lag da schon hinter ihr, auch etliche Veröffentlichungen, aber auch Repressalien in der ehemaligen DDR. Sie war vom DDR-Sicherheitsdienst als „feindlich-negativ“ eingestuft worden und unter stetiger Beobachtung. Doch stets stand sie zu ihrem Wort, zu Kritik und Widerstand, und behielt ihre Authentizität, ließ sich nicht beugen.

In meiner Lektüre folgten dann schnell das „Stundenbuch der Liebe“, eine Geschichte, ein tagebuchartiger Bericht über die Betreuung und Pflege ihres hochbetagten und an demenzerkrankten Ehemanns; ein Buch, dessen Inhalt und schonungslose Ehrlichkeit mir schon viel Respekt abverlangte einschließlich ihrer Disziplin, in den wenigen Momenten zu schreiben, wenn ihr Mann schlief und sie Ruhe gehabt hätte, auch nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden.

Als 2025 das neue Buch „Luft zum Leben“ erschien, Texte aus sieben Jahrzehnten, war ich zunächst ein wenig zögerlich mit dem Kauf und hatte gehofft, dass es über den weihnachtlichen Gabentisch den Weg zu mir finden würde. Tat es aber nicht. Und so kam der 14.1.2026, und mit ihm der Termin für eine Lesung mit Helga Schubert im Literaturhaus in Stuttgart, und natürlich gingen wir hin, und natürlich kaufte ich mir das Buch und ließ es signieren.

Schon die ausgewählten Texte flashten mich; das freundliche Lächeln dieser mittlerweile 86jährigen Frau, die Kraft, die sie ausstrahlte, schienen mich persönlich zu meinen. Ja, wenn Altern so gelingen darf, wünsche ich es mir auch. Wach, ungebrochen, nicht aufgebend trotz physischem und psychischem Unbill. Die Lektüre des Buches startete noch zu später Uhrzeit am gleichen Abend. Jeder Text saß. Die Klarheit der Sprache, schnörkellose Erlebnisschilderungen. Egal, ob sie den Text mit 20 oder 86 geschrieben hatte.

Ich bin dankbar für den Mut, den ich aus all den Texten lesen und zu meinem eigenen machen durfte.

Absolute Leseempfehlung: Für Männer und Frauen jeder Altersstufe – Für politisch Interessierte – Für Anhänger guter Sprache – Für Menschen, die leben und lieben.

Mehr über Luft zum Leben von Helga Schubert finden Sie hier, mehr über das Leben von Helga Schubert hier. 

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Utes #LeseZeichen Nr. 3: Ein Seelenroman, aber …

Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda, erschienen bei Penguin, 2022, 379 Seiten

leider nicht zu Ende gelesen am 14.1.2026

Da liegt nun seit wenigen Wochen das Buch auf meinem Lesestapel und verspricht mir höchsten Lesegenuss. Ich hatte es mehr zufällig bei einer Literaturbesprechung entdeckt, und war sofort auf den Inhalt abgefahren: die Geschichte der ersten Obergärtnerin Deutschlands, Else Hoffa aus Würzburg, die in Hamburg Blankenese einen bis heute bekannten Garten eines jüdischen Bankiers anlegt, schließlich selbst nach London vor dem Naziregime flüchten muss, und nur noch einmal 1957 nach Deutschland zu ihrem Garten zurückkehrt. Ein Biographieroman, eigentlich schon mein Beuteschema, tolles Thema, Garten, Hamburg, Emanzipation. Zudem hatte ich vor- her noch eine Leseempfehlung von meiner Büchernichte bekommen, da konnte doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Ja, und dann: lese und lese ich, und ich merke, wie ich mir immer wieder Zweitlektüre besorge (ich lese öfter mehrere Bücher parallel, aber eigentlich nur, wenn die Hauptlektüre mich nicht zu 100% packt ….). Ja, und dann keine Lust mehr verspüre, dranzubleiben. Und der Grund ist nicht der Inhalt – weiß Gott nicht! – aber die Sprache, nein, die Sprache, die Dialoge sind leider oft sehr schwach, manchmal langweilig, ohne Spannungsbogen. Seit Jahren fällt mir auf, dass ich so anspruchsvoll geworden bin, mein Literaturgeschmack verwöhnt durch die sprachliche Präzision eines Hesse, Mann oder v.a. Stefan Zweig (der Beste). Natürlich gibt es viel Gegenwartsliteratur, die sich an neuen Sprachmodellen versucht, das finde ich oft interessant, aber so ein schöner Seelenroman, ideal für die abendliche Lektüre, Futter für die Nachtseele, und dann diese einfache Sprache. Es tut mir leid zu sagen, dass ich das Buch nicht zum Ende brachte.

Leseempfehlung: für Gartenliebhaber – Menschen, die von ungewöhnlichen Frauen mehr lesen wollen – Hamburgfans – Biografiejunkies

Mehr über Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda finden Sie hier. 

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Aleyna und die Türken vor Wien

Eine Erzählung

(1)

Nein, sie prüft nicht mit dem tausendfach geübten Griff noch einmal den korrekten Sitz ihres Kopftuches, sie unterdrückt diesen Impuls. Sie weiß ja, dass es dort ist, wo es hingehört. An die Stirn zu greifen, um sicher zu sein, dass kein vorwitziges Haar sich herausgearbeitet hatte in den letzten Stunden, vielleicht auch nur Minuten; diese Gewohnheit kannte sie seit jenem Tag, an dem sie ihr schwarzes, kräftiges Haar erstmals unter dem Kopftuch verborgen hatte. Der prüfende Griff war zu einem Teil ihres Alltags geworden, eine Routine, meist überflüssig. So auch jetzt, da sie die große Kirche betritt, zusammen mit einem Strom anderer Touristen.

Symbolbild KI-generiert

Aleyna blickt sich um. Der Wiener Stephansdom ist nicht die erste christliche Kirche, die sie besucht, sie kennt die hochstrebenden Säulen der Gotik, das glitzernde Gold und die Schnörkel des Barock; ihr sind die christlichen Symbole halbwegs vertraut, die Kreuze, das Blut, die rätselhaften Darstellungen. Aleyna ist ja schließlich in einem Alpendorf im Salzburger Land aufgewachsen; jeden Sonntag waren es die lauten Kirchenglocken der Mehrheitsgesellschaft gewesen, die sie aus dem Schlaf geschreckt hatten. Bis heute holten dann die alten Leute ihre besten Kleidungsstücke aus dem Schrank, um damit in die Kirche und anschließend ins Wirtshaus zu gehen. Staunend hatte sie als Kind aus dem Fenster den Strom der verkleideten Christen zu ihrem Gottesdienst beobachtet.

In der dritten Klasse war sie dann mit der Schule auch selbst zur Besichtigung in dieser Kirche gewesen, begleitet von der Lehrerin, die irgendwelche Bilder erläuterte. Sie hat davon vor allem in Erinnerung, dass sie sich eingeschüchtert gefühlt hatte in diesem Raum, der angefüllt war von einem merkwürdigen, kalten, abgestandenen Geruch.  Diese Kirche, an der sie immer vorbeiging, wenn sie zum Schulbus eilte, der Klang ihrer Glocken, die Nachbarn beim Kirchgang – irgendwie gehörte das alles zu ihrer Heimat, und doch auch zu einer fremden Religion, die nicht die ihre war.

Aleyna war früher immer freitags mit den Eltern zur Moschee in die nächste Kreisstadt gefahren, der Vater mit schwarzer Jacke und die Mutter mit einem frischen Kopftuch, das sie auch sonst trug, wenn sie außer Haus ging. Als Kind hatte sie diese Ausflüge sehr gemocht, wollte gerne mit den anderen Mädchen barfuß zusammen bei ihren Müttern hocken, während die Väter weiter vorne auf dem Boden saßen, die Beine unter sich, und einem fremden Mann zuhörten. Aleyna hatte es immer sehr lustig gefunden, die Unterseite der Socken der Männer anzugucken, und zusammen mit ihren Freundinnen die Löcher zu zählen. Ihre Mutter hatte dazu gelächelt.

Später dann, Aleyna war schon fast erwachsen, war damit Schluss. Immer genau am Freitag trafen sich damals ihre Freundinnen, egal ob muslimisch oder nicht, zu gemütlichen Abenden, mit Seriengucken und Mädchengetuschel. Das war ihr wichtiger gewesen. Ihre Eltern hatten diese Entscheidung wortlos hingenommen. Ziemlich zur gleichen Zeit hatte Aleyna auch damit begonnen, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Ihre Eltern hatten sie dazu nicht gezwungen, aber gefreut hatten sie sich schon.

Das alles liegt nun schon zehn Jahre zurück. Inzwischen ist Aleyna verheiratet, und jetzt ist es ihr Mehmet, der sich über das Kopftuch freut. Ob sie es deshalb weiterhin trägt? Sie weiß es selbst nicht. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, aber nicht nur … die Religion unterscheidet sie eben von den meisten Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat. Es ist ihr Bedürfnis und Stolz, diesen Teil ihres Lebens auch öffentlich zu zeigen, obwohl sie sonst wenig mit den Ritualen ihrer Religion anfangen kann. Sie fühlt sich als ganz normale Frau. Heute zum Beispiel, an diesem Wochenende in Wien, ist sie einfach eine Touristin, wie Tausende andere in dieser Stadt. Mehmet und sein Bruder sind beim Fußballgucken. Und sie will den weltberühmten Dom sehen, die große Kirche mit dem bunten Dach.

(2)

Aleyna versucht sich zu orientieren, während Menschen um sie herumwuseln. Himmelwärts stürmen die Säulen, schwindelerregend, auf die Schnelle nicht abschätzbar in ihrer Zahl. Fast unermesslich streckt sich der große graue Raum in die Länge, bunte Fenster in der Ferne. Kerzen flackern. Viele, sehr viele Menschen strömen durch dieses prächtige Haus ihres Gottes. Sind das alles Christen? Jedenfalls tragen die Frauen keine Kopftücher, dafür kurze Hosen und schulterfreie Tops, und die Männer schlendern mit Händen in den Hosentaschen zwischen den Säulen herum. Respektlos findet das Aleyna. Männer eben. Alle tragen Schuhe, was sie noch immer befremdlich findet in den Kirchen der Christen.

Wo ist hier ein ruhiger Platz? Immer wieder bleibt Aleyna stehen, legt den Kopf in den Nacken, staunt über die Höhe des Gewölbes, das sich über ihr schließt. Aber ständig muss sie zur Seite treten. Sie lässt sich treiben zwischen den mächtigen Säulen, hört bald nicht mehr auf das ständige Rauschen, das vom Gemurmel der vielen Menschen kommt. Aufgeregte Besuchergruppen und gelangweilte Schulklassen ziehen an ihr vorbei, fremde Sprachen der Guides dringen zu ihr vor und verschwinden wieder im weiten Raum.

Dann spült sie der Menschenstrom in eine Nische, die sie für einen Moment für sich alleine hat.. Aleyna findet sich vor drei schlecht ausgeleuchteten Figuren wieder, die sie zunächst nicht deuten kann. Eine Marienfigur im Goldkranz ist da zu sehen, und irgendwelche Heilige oder Feldherrn, Männer eben, links und rechts von ihr. In der Mitte eine Marmortafel. Aleyna liest den ersten Satz: „Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria“.

Türkische Not? Aleyna war immer eine aufmerksame Schülerin gewesen, auch wenn es trotzdem nur für die Realschule gereicht hatte. Ihre Erinnerungen sortieren sich. Gemeint war hier wohl nicht eine Not der Türken, sondern eine Not vor den Türken? Von einer Belagerung, von den „Türken vor Wien“ hatte sie schon gehört in der Schule, da ist sie sich sicher.

Türkische Not! Bis heute fühlen sich manche von ihresgleichen belagert, obwohl die allermeisten Menschen mit türkischen Wurzeln längst gute Österreicher sind. Sie kennt die dummen Sprüche über ihr Kopftuch, meist von Menschen, die keine Ahnung haben vom Islam. Türkei, das war die Heimat ihrer Eltern gewesen, dorthin war Aleyna in ihrer Kindheit jedes Jahr in den Sommerferien gefahren, eine endlose Auto-Langweilerei. Stundenlanges Sitzen auf der vollgepackten Rückbank, ein schlecht gelaunter Vater am Steuer. Seit sie verheiratet ist, war sie nicht mehr in der Türkei gewesen.

Noch einmal schaut sie genau hin, liest die Marmortafel ganz. Kein Zweifel, sie steht vor den Resten eines Denkmals, das dazu gedient hatte, der Mutter ihres christlichen Gottessohns, dafür zu danken, dass die Belagerung Wiens durch die Soldaten des Osmanischen Reiches erfolglos gewesen war. Aleyna schüttelt den Kopf. So lange her, und diese traurigen Figuren sind ja auch nur ein Rest. Im Weltkrieg war das Denkmal zerstört worden, weil die große Glocke der Kirche draufgefallen war. Recht geschieht es ihnen, grinst Aleyna.

(3)

Dann wendet sie sich herum und erschrickt: Da steht ja schon wieder einer Maria! Aber diese hier, die hat keinen Goldkranz und auch keine Krone, sie ist einfach nur eine wunderschöne Frau aus Stein. Ihr Kind hält sie auf dem Arm, vorwitzig greift der Bub nach dem Schmuck am Kleid seiner Mutter. Aleyna schaut ihr lange in die Augen. Blickt sie zurück? Aleyna macht einen Schritt rückwärts und entdeckt, dass die lebensgroße Statue beschildert ist. Sie liest und kann es nicht glauben, was da steht. „Dienstbotenmadonna“, entziffert sie im Halbdunkel der Kirche die Plakette am Fuß der Statue, und sie muss es gleich nochmal lesen, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irrt: „Dienstbotenmadonna“.

Die „Dienstbotenmadonna“, Stephansdom in Wien (ca. 1320).

Sie holt ihr Handy aus der Handtasche und googelt das Wort. Sofort ploppen viele Seiten auf, und Aleyna erfährt, dass diese Marienfigur im Wiener Stephansdom einst aus Reue geschaffen worden sei. Vor – Aleyna rechnet im Kopf und reißt die Augen auf:  vor siebenhundert Jahren! – habe eine Herrin ihre Magd zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, und mit der Stiftung der Madonna habe sie dafür Abbitte leisten wollen. Seither würden in den frühen Morgenstunden die frommen Wiener Dienstboten ihre Gebete vor dieser Madonnenfigur verrichten. Daher der Name.

Noch einmal blickt sie der Maria ins Gesicht, die vielleicht so alt sein könnte wie sie selbst. Was für eine schöne Frau, und was für eine schöne Geschichte! Sogar eine Art Kopftuch trägt sie! Eine Beschützerin, eine Hoffnungsfrau für Putzfrauen und Köchinnen, für Zimmermädchen, Näherinnen und Waschfrauen. Und würden sie heutzutage an irgendetwas glauben, dann kämen jetzt wohl die vielen Frauen aus den Nagelstudios, die schlecht bezahlten Paketzusteller, die müden Kämpferinnen von der Supermarktkasse zu ihr. Oder auch wir aus der Altenpflege, fällt Aleyna ein. Übermorgen um sechs Uhr wird ihre nächste Schicht beginnen. Bis dahin hat sie noch zwei freie Tage hier in Wien.

Sie berührt, ganz sanft, mit nur einem Finger, diese steinerne Maria, die Dienstbodenheilige, an ihrer blanken rechten Hand; sie spürt die Glätte des Marmors, sanft und kühl und Jahrhunderte alt.

„Und Du hast also die Wiener vor uns Türken beschützt?“, murmelt sie. „Glaub ich nicht.“

 

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Mehr über die zweimalige Belagerung Wiens durch die Truppen des Osmanischen Reiches finden Sie auf Wikipedia. Weitere Informationen über die „Dienstbotenmadonna“ hier. 

 

 

Was Bürger in Bewegung bewirken können

Über Löcher und Denkmäler am „Eisernen Vorhang“

„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.

„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.

Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?

Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).

Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.

Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem  burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum;  Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.

Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren

Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.

Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.

„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron

Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten

Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.

Mehr zum „Paneuropa-Picknick“ am 19. August 1989 und zu den Ereignissen rund um die Brücke von Anbau im Herbst 1956 finden sie z.B. bei Wikipedia.

Über die Schwierigkeiten und den den Stand rund um das geplante Denkmal zur Deutschen Einheit „Bürger in Bewegung“ in Berlin informiert u.a. ein guter Dokumentarfilm des RBB, der in der ARD-Mediathek noch bis 10.10.26 verfügbar ist. 

Mehr Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, als #Politikflaneur hier.

 

 

 

Eine Aura kann man nicht ausstellen

Friedrich Silcher und die Musiker-Museen in Deutschland

Friedrich Silcher, dem Großmeister des deutschen Liedgutes der Romantik, war mehr als 100 Jahre ein Museum gewidmet – vor einem Jahr wurde es geschlossen. (Foto: Christoph Friedrich Dörr – Ausschnitt aus dem sog. „Hochzeitsbild“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1423045

Wie klingt Deutschland? Ganz gewiss vielstimmig: laut und trotzig, wie auch leise und schüchtern. Deutsche Musik klingt gleichermaßen nach glasklarem Barock wie nach ruppigem Deutschrap, lärmt mit Rammstein, träumt von 99 Luftballons, fährt, fährt, fährt mit Kraftwerk auf der Autobahn, und singt sich atemlos.

Deutschland klingt auch nach Friedrich Silcher: „Alle Jahre wieder“ singen die Kinder zu Weihnachten, und der eine oder andere Erwachsene wird mitbrummen. „Ännchen von Tharau“, oder das Lied der Loreley, und schließlich „Muss i denn, muss i denn …“ – alles deutsche Lieder, an deren Erhalt und Vertonung der schwäbische Komponist Friedrich Silcher (1789 bis 1860) entscheidend beteiligt war. Silcher war einmal ein ganz Großer seiner Zeit. Auf einer Ansichtskarte von 1900 wird er in einer Reihe genannt mit Schiller, Zeppelin, Kepler, Uhland und Mörike. Hunderte Straßen und Plätze, Schulen, Konzertsäle und andere Gebäude sind nach ihm benannt. Mehr als hundert Jahre lang wurde ihm in seinem Geburtsort, in Schnait unweit von Stuttgart, ein eigenes Museum gewidmet. Seit einem Jahr ist es geschlossen, und es wird auch nicht wieder eröffnet, sondern aufgelöst. Es ist das Ende eines „Musikermuseums“. Gesucht werden neue Ansätze, um die Erinnerung an den Komponisten aufrecht zu erhalten, am 25. April 2026 wird ein Versuch dazu unternommen. Es gründet sich in Tübingen eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft.  (Link führt zur Seite der Silchergesellschaft auf Instagram)

Wer sind Musiker? – Nicht die, denen Museen gewidmet sind

Also eine Gesellschaft, aber kein Musikermuseum mehr für Friedrich Silcher. Schon der Begriff „Musikermuseum“ ist bestürzend irreführend. Letztlich gibt es fast so viele Musiker in Deutschland, wie es Menschen gibt, Abermillionen, mitten im Leben, nicht in einem Museum. Es gibt die Trompeterinnen in der Blaskapelle, die Posaunistinnen auf dem Kirchturm, die ungezählten Chorsängerinnen, die Kammermusikerinnen, die sich abends in ihren Wohnzimmern treffen. Es gibt die Akkordeonspielerinnen und die Flötistinnen – und es gibt diese alle auch noch in männlicher Form. Händeringend suchen laute Bands aller Altersgruppen nach gut isolierten Übungsräumen, zirpen leise Gitarren aus Kinderzimmern, grübeln Menschen über die nächste Note ihrer Komposition, üben sich Hobby-Rapper in den richtigen Rhythmus ihrer Worte hinein. Es klingt und spielt in Deutschland allerorten, und alle diese Musizierenden gemeinsam sind auf der Suche nach dem richtigen Ton, der richtigen Taste, dem gesuchten Ventil, der perfekten Lippenspannung.

„Es kann doch wohl nicht sein“, spottete eine Tochter über ihren musikinteressierten Vater, „dass es immer noch Komponisten-Museen gibt, die Du noch nicht besucht hast!“. Doch, das kann sein. Es gibt so viele Musikermuseen in Deutschland, dass sie sogar eine gemeinsame Internetplattform betreiben und eine Landkarte herausgeben. In Deutschlands Mitte wirkten Johann Sebastian Bach und seine Söhne, Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Robert und Clara Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel, Richard Wagner, Franz Liszt, Carl Maria von Weber und viele weitere. Sie alle werden mit Musikermuseen gewürdigt. Weit nördlich lockt in Hamburg das Komponistenquartier mit Museen für weitere prominente Namen (Georg Philipp Telemann, Johannes Brahms, Gustav Mahler), weit südlich wurde in Augsburg Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und noch weiter südlich lebten Carl Orff am Ammersee und Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen.

Silcher stand einmal in einer Reihe mit Schiller und Mörike

Im deutschen Südwesten sticht nur ein Name hervor, und der ist von dieser Landkarte verschwunden. Der Komponist und Musikpädagoge Friedrich Silcher machte sich unsterblich, weil er im Geist der Romantik mehr als 300 Werke des deutschen Liedgutes vertonte. Silcher schrieb nicht nur die überbrachten Texte und Melodien auf, er setzte sie auch in mehrstimmige Kompositionen um und fügte ihnen eigene musikalische Ideen hinzu. Ein Lied zu singen, das war in Silchers Zeit Teil von freiheitsstrebender Identität, Ausdruck des Traums einer klassenlosen Gesellschaft. Und doch konnte das vom Württembergischen Chorverband getragene, private Silcher-Museum nicht erhalten werden. Seine Bestände wurden verteilt – an das Literaturarchiv in Marbach, an das Stadtmuseum in Tübingen (wo Silcher hauptsächlich wirkte) und an andere Stellen.

Der Arbeitsraum des Gewandhaus-Direktors Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig.

Kann man Musik ausstellen? Wer nur einige der vielen deutschen Musikermuseen besucht, lernt unterschiedlichste Ansätze kennen, sich der Musik physisch zu nähern: Das Robert-Schumann-Geburtshaus in Zwickau gewährt Zutritt zu den Originalräumen von Schumanns Kindheit und füllt sie mit vielen Dokumenten und Lesestoff aus. Im Mendelssohn-Museum von Leipzig gewinnt der Besuchende Eindrücke über die Lebensumstände des Gewandhausdirektors, kann einzelne Gegenstände aus seinem Besitz bestaunen und in einem Raum dank Hightech selbst erleben, wie es sich anfühlt, ein Orchester zu dirigieren.

Für das Werk mancher Musiker reicht ein Museum nicht aus

Manche Komponisten haben solche Wucht in ihren Werken, dass ein einziges Museum gar nicht ausreicht. Johann Sebastian Bach kann man sich am Geburtsort Eisenach nähern, aber auch in Gedenkstätten in Wechmar (Heimat der Bach-Familie), Arnstadt (erste Organistenstelle) und in einem mächtigen Museumsneubau an seiner wichtigsten Wirkungsstätte in Leipzig. Dort drückt man auf Knöpfe, toucht auf Bildschirme und bleibt doch ratlos zurück darüber, wie der Thomaskantor neben seiner ganzen schier unerschöpflichen, bis heute gültigen Schaffenskraft auch noch eine schwindelerregende Verpflichtungsdichte (z.B. bei der Beaufsichtigung seiner Chorschüler) bewältigen konnte. Richard Wagner machte Urlaub in Graupa, unweit von Dresden. Der dortigen Entstehung seiner Oper „Lohengrin“ ist heute ein schickes modernes Museum gewidmet, neben dem berühmten Haus Wahnfried in Bayreuth und einer privaten Wagner-Sammlung in Eisenach.

Nicht das Museum macht den Musiker unsterblich

Kein Museum mehr, aber die Musik bleibt – wenn die Musiker es möchten: Das frühere Silcher-Museum in seinem Geburtshaus in Schnait bei Stuttgart. (Foto. Thomoesch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28057926

Macht also ein Museum den Musiker unsterblich? Gewiss nicht. „Die Aura ist nichts, das ohne Kenntnis leuchtet,“ berichtet Elisabeth Hardtke, die Kustodin des aufgelösten Silcher-Museums in einem eindrücklichen Film, der über Silcher informiert und das Ende des Museums erklärt und dokumentiert (Link führt zu YouTube).

Und so hat manches angestaubte Musikermuseum auch etwas Tröstliches: Das Museum mag eines Tages sterben, aber die Musik lebt fort, und klingt millionenfach durch Deutschland – weniger wegen des Komponisten, mehr wegen der vielen Musiker und ihrer Zuhörer. Alle Jahre wieder …

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

Im Text finden Sie die Links zum Instagram-Auftritt der Silchergesellschaft, zur Internetdomain musikermuseen.de und zum sehr sehenswerten Film  über das Leben von Friedrich Silcher – und das Ende des Silcher-Museums in Schnait. 

Dies ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Textes vom Oktober 2024. Die Audiofassung gibt den Originaltext wieder. 

Der Mob will pfeifen, nicht zuhören

Warum falsche Erwartungen in Politik nur Populisten helfen

Nur noch fünfzehn Prozent der bundesdeutschen Wahlbevölkerung sei zufrieden mit der aktuellen Regierung, hat der ARD-Deutschlandtrend in diesen Tagen gemessen. „So unzufrieden mit Schwarz-Rot wie noch nie“, titelt dazu die Pressemitteilung. Nun kann  man aus vielen guten Gründen Kritik an der Regierung haben. Auch ganz ohne Parteipräferenz könnte man darüber grübeln, was diese Regierung eigentlich real anders machen müsste, um ihren Zufriedenheitswert zu steigern. Ja, was genau also?

Bild AI-generiert von vocablitz via Pixabay

Dazu eine Fußballgeschichte aus dem Jahr 2018: Zwei deutsche Fußball-Nationalspieler mit türkischer Lebensbiografie hatten es für angebracht gehalten, auf dem Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfs in der Türkei und kurz vor der Weltmeisterschaft sich grinsend gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Erdogan abbilden zu lassen. Beide Superstars verdienten Millionen, hätten sich Berater leisten können, welche sie vor der Wirkung eines solchen Fotos hätten warnen können und müssen. Aber es kam zu diesem Foto, und die Empörung in Deutschland war riesengroß: Wie können diese Vaterlandsverräter es wagen, ihre biografischen Wurzeln in den Dienst eines autokratischen Herrschers zu stellen, aber gleichzeitig mit ihrer deutschen Staatsangehörigkeit für Deutschland zu spielen?

Eine Entschuldigung wurde verlangt, beruhigte den rassistisch eingestellten Mob aber nicht

Die beiden Fußballhelden hießen Mesut Özil und İlkay Gündoğan. Verlangt wurde von der wütenden, von BILD, rechten Social-Media-Kanälen und der AfD aufgeheizten Öffentlichkeit zumindest eine Entschuldigung. Özil verweigerte den im Geschrei der Populisten herbeigebrüllten Kotau. Gündoğan beugte sich und formulierte die gewünschte Unterwerfung. Aber da war es schon zu spät: Als er unmittelbar danach von Bundestrainer Jogi Löw in ein WM-Vorbereitungsspiel eingewechselt wurde, gellten ohrenbetäubende Pfiffe durch das Stadion, immer wieder, bei jeder Ballberührung. Die Entschuldigung hatte nichts mehr bewirkt, der rassistische Mob war nicht mehr zu beruhigen.

Hier soll die Fußballgeschichte um Özil und Gündoğan für diesen Text enden. Sie ist als Beispiel für die komplizierte Lebenswirklichkeit der türkischstämmigen Deutschen ganz herausragend in einer ZDF-Dokumentation derzeit zu besichtigen. Die schmerzhaften Pfiffe gegen den reuigen Gündoğan sind dort zu erleben, und auch die gnadenlose Wucht dumpfer Gefühle. Wenn dieser Zustand erst erreicht ist, dann lässt sich Vox populi auch durch Beseitigung angeblicher Ursachen und Auslöser nicht mehr beruhigen.

„Die Politik muss endlich beginnen, die Probleme zu lösen.“ Echt jetzt?

Damit zur Unzufriedenheit mit der Regierung. Eine der beliebtesten Politik-Floskeln unserer Tage lautet so: Man müsse nun endlich mal die Probleme lösen, welche die Menschen umtreiben. „Die Politik“ müsse jetzt mal wirklich anpacken, damit die Menschen „draußen im Lande“ endlich spüren, dass sich etwas „zu ihren Gunsten“ tut.

Und auch viele der so Angesprochenen stimmen ein in den bequemen Chor: „Die da“ in Berlin oder in der jeweiligen Landeshauptstadt, die hätten ja keine Ahnung von den „Problemen vor Ort“, täten „nichts“ für die Menschen, die dann mit allem Unbill unserer Zeit zu leben hätten: Mit den steigenden Benzinpreisen, mit der unpünktlichen Bahn, mit zu wenig Wohnungen (in den Städten), verödenden Dörfern und geschlossenen Läden (auf dem Land), mit kriminellen Ausländern (auch wenn niemand konkret einen davon kennt) und kleinen Renten im Alter. Und auch die Apotheke vor Ort schließt, wie schon vorher die Post und die Bankfiliale. Die Gastwirtschaft im Dorf ist schon lange zu.

Das soll die Politik jetzt endlich mal anpacken. Und ändern.

Dann – so wird häufig hinzugefügt -, dann, wenn man diese Probleme mal endlich wirklich lösen würde, dann würde auch der Zulauf zu den radikalen, populistischen Parteien zurückgehen. Dann gäbe es keinen Grund mehr für den ganzen Ärger, der die Menschen zur AfD treibe.

Es ist bequemer, sich zu beklagen als zuzuhören

Diese ganze Erwartung ist ein einziger großer Denkfehler. Nicht nur deshalb, weil es keine Gleichartigkeit von Beschwernissen „bei den ganz normalen Leuten, die täglich früh aufstehen und hart arbeiten“ (Lars Klingbeil) gibt. Die Lebenswelten der Menschen sind so unterschiedlich wie ihre Biografien: Wer kein oder selten Auto fährt, stört sich nicht an den Benzinpreisen, ärgert sich aber täglich über die Bahn – und umgekehrt. Die Millionen Menschen auf dem Land bekommen das Problem der Wohnungsnot in den Städten allenfalls dann mit, wenn die eigenen Kinder eine Studienbude suchen. Wer selbst jeden Tag auf den Päckchenboten wartet, um das eben Bestellte in Empfang zu nehmen, sollte sich schon deshalb nicht über geschlossene Traditionsgeschäfte beklagen. Und die Dorfkneipe ist zu, weil immer weniger Menschen dort hingegangen sind.

Sondern auch: Weil es viel bequemer ist, sich zu beklagen, als zur Kenntnis zu nehmen, dass es kompliziert ist, die Dinge schnell zu ändern.

Gewiss ist nicht alles in bester Ordnung in Deutschland. Steigende Lebensmittelpreise infolge der Kriege (die allerdings allesamt nicht „die Politik“ in Deutschland vom Zaun gebrochen hat) belasten vor allem Geringverdiener. Von kaputten und versifften Schulklos berichten fast alle Kinder. Lange Wartezeiten auf einen Arzttermin oder weite Wege zu einer Apotheke machen auch Gesunden Sorgen, denn schon morgen könnte man zu den Betroffenen zählen.

Allerdings ist es auch nicht so, dass niemand damit beschäftigt wäre, Verbesserungen zu erreichen. Es ist böswillig, dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Wer fordert, „die Politik“ solle jetzt „endlich mal“ „die Probleme der Menschen lösen“, beleidigt Hunderttausende Verantwortung Tragende, Staatsbedienstete, Politiker/innen. Und formuliert gleichzeitig einen unrealistischen und simplifizierenden Anspruch.  Auch im Deutschlandtrend rufen jetzt alle nach „Reformen“, aber wenn sie kommen, wird die Empörung Betroffener über Veränderungen und Belastungen groß sein.

Die Dinge sind kompliziert, und Änderungen gehen nicht von heute auf morgen

Und häufig ist es gar nicht „die Politik“, die ein Problem kurzfristig lösen könnte. Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, haben vor allem die Vorstandsbosse versagt, und nicht die Politik. Die Sanierung der Infrastruktur wurde Jahrzehnte lang politisch versäumt – aber dies jetzt aufzuholen, dauert Jahre. Der Staat kann hier bessere Voraussetzungen schaffen, Anreize setzen, Bürokratie abbauen – aber es wird in jedem dieser Schritte Betroffene geben, die sich beklagen. Und es geht nicht von heute auf morgen. Derzeit gibt es kaum genügend Baufirmen, welche die Aufträge ausführen könnten, um beispielsweise die maroden Gleise der Bahn zu sanieren.

Populisten gewinnen Wählerstimmen nicht deshalb, weil es Probleme gäbe, die man kurzfristig lösen könnte. Sondern weil sie wider besseren Wissens Erwartungen an Politik schüren, die nicht realistisch sind. Der Mob will pfeifen, nicht zuhören. Und im Stimmenkampf tappen die Mitte-Parteien in die Falle: sie versprechen „spürbare Veränderungen“, und wecken damit Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Aus der Enttäuschung darüber komponieren die Rattenfänger ihre Flötentöne. Friedrich Merz und seine Regierung erleben genau das zurzeit.

Die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft sind zu komplex, um „gelöst“ zu werden. Viel mehr geht es um Kommunikation, Erklärung und professionelles Management der praktischen Prozesse. Wenn sich ein Fünftel der Deutschen im Westen (und noch viel mehr im Osten) dieser Komplexität verweigern, dann handeln sie wie der pfeifende Mob im Stadion – hier zählen keine Fakten.

Viel wichtiger wäre, der großen Mehrheit, die nicht schreit, die bereit ist zum Zuhören, die offen ist für die Komplexität der Herausforderungen, eine Gewissheit darüber zu vermitteln, dass im Rahmen der Möglichkeiten professionell gearbeitet wird. Daran allerdings mangelt es tatsächlich oft in Deutschland.

 

 

Im Text finden Sie Links zum Deutschlandtrend der ARD und zur herausragenden ZDF-Dokumentation (3 Teile) über den Fußballer Mesut Özil, die mehr über Deutschland erzählt als über Fußball. 

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