Ihr seid das Problem. Nicht der freundliche Ulrich.

Ein zorniger Brief nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

Wenig verehrtes halbes Wahlvolk von Sachsen-Anhalt,

Ihr habt gestern Parteien gewählt, die Euch das Blaue vom Himmel versprechen, die Euch mit Lügen und billigen Vereinfachungen in eine Zukunft locken wollen, die es nicht gibt. An Euch, an diese Hälfte richten sich meine Zeilen. Sie werden Euch nicht interessieren, aber das stört mich nicht, denn sie interessieren mich. Ich habe mit Euch zu tun, weil Ihr seid ein Teil auch meines Landes – ein Teil von Deutschland.

„Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal.“ Bild von Javier Robles auf Pixabay

Das Problem seid Ihr. Das Problem sind nicht der freundliche Ulrich oder die Eisfrauen Alice und Sahra, denen Ihr hinterherlauft. Ihr seid zu bequem, um nachzudenken. Ihr könntet Euch die Mühe machen, die Komplexität der Welt wenigstens gelegentlich verstehen zu wollen. Das macht Ihr aber nicht. Zu engstirnig seid Ihr, um den Wert des Kompromisses zu erkennen. Zu geizig seid Ihr, um Euch Nachrichtenquellen zu leisten, die an der Suche nach Fakten interessiert sind. Stattdessen rennt Ihr den Rattenfängern hinterher, die ihre dumme Soße in das Billignetz der Halb- und Unwahrheiten quetschen.

Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt

Das Problem ist Eure Blindheit für die Welt. Euer Horizont hinter den Vorgärten der schmuck sanierten Häuschen reicht nicht weiter als bis zu Eurem geschmacklosen Jägerlattenzaun. Nichts dahinter interessiert Euch wirklich. Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal. Die seelischen und körperlichen Qualen von Menschen, die nicht dem Weltbild Eurer Gartenzwerge entsprechen, kennt Ihr nicht und glaubt deshalb, dass Ihr sie ignorieren könnt. Oder wegsperren. Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt.

Ihr wollt gute Straßen haben für Eure zu großen Autos, aber Steuern zahlen wollt ihr so wenig wie möglich. Ihr wollt Strom haben aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, aber der Waldbrand und die Überschwemmung nebenan sind Euch egal. Ihr wollt das haben, was Ihr „Meinungsfreiheit“ nennt, aber der Kultur, den Theatern, den Schulen und Universitäten wollt Ihr vorschreiben, was sie zu verbreiten haben. Ihr wollt Pflege für Eure Großeltern jetzt, und später auch für Euch selbst, aber Pflegekräfte aus dem Ausland nennt Ihr „kulturfremd“.

Stolz auf mein Land wollt Ihr sein

Stolz auf mein Deutschland wollt Ihr sein, aber von der deutschen Geschichte wollt Ihr Euch nur das herauspicken, was Euch passt. Eure Idole faseln von einer „erinnerungspolitischen Wende“, und wenn Ihr an den Stammtischen, in den Telegram-Foren, im ganzen digitalen Sumpf dazu nickt und liked, dann macht schon mir das Angst – und erst Recht den jüdischen Menschen, den Fremden, den Anderen.

Dem breiten Grinsen vom freundlichen Ulrich habt Ihr vertraut, mit Freibier und Bratwürsten habt Ihr Euch bestechen lassen, und jetzt seid Ihr stolz auf Eure Selfies mit dem künftigen Ministerpräsidenten. Allen anderen Kandidaten habt Ihr gar nicht mehr zuhören wollen, wenn sie Euch mit Sachthemen zur Landespolitik überzeugen wollten. Alles lästig. Viel einfacher ist es, Eurem dumpfen Zorn gegen Friedrich Merz Luft zu machen. Ganz sicher, der Bundeskanzler hat viele Fehler zu verantworten – aber der stand gar nicht zur Wahl. Diese Unterscheidung ist zu kompliziert für Euch.

Jetzt bekommt Ihr die Regierung, die Ihr Euch gewählt habt

So werdet Ihr jetzt die Regierung bekommen, die Ihr Euch gewählt habt. Sie wird ein paar Symbole umsetzen. Sie wird das Gendern an Schulen und in Ämtern verbieten. Sie wird Euch einreden, dass Ihr bald keine Gebühren mehr zahlen müsst für TV und Radio, und Euch glauben machen, dass Ihr irgendetwas gewinnt, wenn Ausländer malträtiert werden.

Und es wird nicht lange dauern, bis die rechten Zauberlehrlinge Euch erzählen werden, dass sie alle ihre schönen Versprechen von einer besseren Welt gar nicht erfüllen können. Sie werden sagen, dass sie da nichts dafür können, sondern die Regierungen zuvor schuld sind oder die Bundespolitiker in Berlin oder Europa oder sonst wer. Und Ihr werdet auch das wieder glauben.

Euch ist wirklich nicht zu helfen.

Euer Andreas Vogt

 

Es lohnt sich, im Zusammenhang mit der politischen Zukunft von Sachsen-Anhalt noch einmal das Theaterstück „Ein Volksbürger – eine politische Farce mit Fabian Hinrichs“ anzusehen. Darüber gab es schon einmal einen Text auf vogtpost.de: „Artikel siebenunddreißig und vierundachtzig“

Der Film ist noch immer (bis 2.20.2027) online auf ARTE. 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. 

Die Seele Großbritanniens in elf Kapiteln (ULZ#13)

Utes #Lesezeichzen Nr. 13

Dear Britain“ von Annette Dittert, erschienen bei Dumont, 2026, 272 Seiten

ausgelesen am 30.08.2026 auf Langeoog

Schon vor Wochen schielte ich nach der Werbung für dieses Buch in den Buchhandlungsauslagen, den Anzeigen im Internet. Annette Dittert ist uns allen bestens bekannt als hoch professionelle ARD-Auslandskorrespondentin aus Warschau, New Vork und zuletzt London; dort oft im perfekt britischen Outfit im rotglänzendem Regenmantel mit weißen Tupfen 😊.

Ende 2025 beendete sie ihre Tätigkeit für die ARD und hat nun dieses Buch vorgelegt, eine Mischung aus Liebeserklärung, Geschichtsbuch und Anekdotensammlung über Großbritannien. Sie selbst hat inzwischen die britische Staatsbürgerschaft und lebt ganz ungewöhnlich auf ihrem Hausboot Emilia in London am Regent`s Canal mit Vorgarten und freundlicher Nachbarschaft.  Wer dazu mehr wissen will, dem empfehle ich das Buch wie auch das kurze Video auf YouTube bzw. den Instagram-Kanal von Frau Dittert. Regelmäßig stellt sie dort kleine Statementvideos zu aktuellen Themen ein, die häufig auf Emilia gedreht wurden.

Zunächst war ich etwas zögerlich bezüglich des Buches. Ehrlicherweise fürchtete ich zu viel Politik, zu wenig Drumherum, doch wurde ich nicht enttäuscht. In wunderbaren elf gut gegliederten und jeweils exzellent recherchierten Kapiteln bekommt die Leserschaft einen sehr persönlichen und gleichzeitig professionellen Blick auf das Königshaus, den Brexit, The Art of Gardening, die Armut in Großbritannien, die exklusiven Clubs und ihre Geheimnisse, die spannungsbehafteten Verhältnisse von England zu Wales und Schottland bzw. „the other way round“. Meine stets voyeuristische Neugier zu Orten, Personen und Anekdoten wurden auf wundervolle Weise gestillt, und dies in einem perfekt unterhaltsamem Erzählstil, der einen immer weiterführen möchte, in jeden Winkel des Landes, der Geschichte und ihrer BewohnerInnen.

Absolute Leserempfehlung: für Großbritannienfans, und die, die es werden wollen; für Royalisten und ihre Gegner; für Politikinteressierte; für AnhängerInnen roter Regenmäntel

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Viel Barzahlung in der biodeutschen Idylle

Eine Reportage von der Nordseeküste

Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Idylle der Zug pünktlich fährt. Immer. Gut, es gibt auch nur eine einzige, eingleisige Strecke, vom Hafen zum Örtchen, und die ist nur knapp drei Kilometer lang. Die Herausforderung zur Pünktlichkeit ist also überschaubar. Trotzdem: Er fährt, wenn er soll, und er kommt an, wann er soll.

Wer in die deutsche Idylle möchte, muss mit einem Schiff fahren, eine gute halbe Stunde hinüber, raus aus der Welt der Unwägbarkeiten und Ärgernisse. Sie oder er muss eine Schiffspassage bezahlen und eine tägliche Tourismusabgabe, die praktischerweise gemeinsam einkassiert werden- Eine Art Eintrittsgebühr in die heile Welt ist das. Dann steigt man in den beschriebenen Zug – und alles ist schlagartig gut.

„Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten.“ Morgenszene aus der deutschen Idylle

Die Backsteinhäuschen sind adrett und nicht zu hoch, manche sind alt, andere neu, allesamt sind sie komfortabel. Die Natur ist satt und grün und gesund, die Blätter rauschen, die Pferde weiden, die Möwen kreischen hoch in der Luft, und das vertraute Taubenpaar wiegt sich im Weidengeäst vor dem Fenster. „Keine Haie, keine Autos“, war einmal das Motto der Idylle, nicht ganz korrekt, weil im Meer vor dem breiten Strand doch ein paar eher harmlose Hai-Arten leben. Aber Autos gibt es tatsächlich nicht, alles bewegt sich mit dem Fahrrad, und wenn das nicht ausreicht, dann schaffen katzengleich schnurrende Elektrokarren schweres Gut durch die Idylle. Wie von Zauberhand bringen sie frühmorgens Waren in die Geschäfte, sorgen so für einen steten Fluss des Konsums. Um acht Uhr abends schließen die Läden, um zehn Uhr die Lokale, um elf herrscht Ruhe. Das Meer rauscht, der Wind in den Bäumen auch. Sonst ist es still.

Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein

Die deutsche Idylle ist eine Welt, wie der konservative Mensch sie sich wünschen könnte. Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein, migrantische Haut ist nur selten zu erspähen zwischen den Rucksack-bewehrten Rentnern, den jungen Familien, den Omas und Opas mit Enkeln. Es herrscht Ordnung, und zwar ohne dass sie mit großem Aufwand durchgesetzt werden muss. Kein Müll liegt auf den Straßen, alles ist akkurat gekämmt und gebürstet, gestriegelt und geordnet. Es gibt zwar eine Polizeistation, aber die ist nur „werktags zu den üblichen Bürozeiten“ in Einsatz. Mehr Bedarf gibt es nicht für das Sicherheitsgefühl.

Die deutsche Idylle ist auch eine Welt von gestern. In vielen Geschäften und Lokalen gibt es nur Barzahlung, im einzigen Kino kommen die Karten von der Abreißrolle und nicht digital. Gesprochen wird Deutsch oder Platt, und wenn Fremdsprachen zu hören sind, dann sind es der rheinische Singsang oder das selbstgewisse Bayrisch oder das breitgelatsche Schwäbisch. Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten am Strand.

Die heile Welt hat ihren Preis

Die heile Welt hat ihren Preis. Die deutsche Idylle ist teuer, nicht nur wegen der Tourismusabgabe. Quartier für eine Woche auf der autofreien Insel kostet deutlich mehr als eine All-inclusive-Zelle in der Türkei, und da ist der Flug schon mitgerechnet. Das Preisniveau der Gastronomie und des Handels liegt locker zwanzig Prozent über dem Festland. Man muss es sich leisten können, den Kümmernissen der restlichen Welt zu entfliehen.

Gewiss würde nichts funktionieren in dieser heilen Welt, die sich oft anfühlt wie ein rückwärtsgewandter biodeutscher Lebenstraum – gäbe es nicht die zahllosen Menschen aus anderen Ländern, die das sauber geölte Räderwerk der deutschen Idylle am Laufen hielten. Die ukrainischen Besenflitzer-Frauen, die die Ferienwohnungen reinigen, die geduldigen Polinnen, die Cappuccino und Aperol für den Strand mixen, der unermüdliche Rumäne, der morgens die Brötchen in rasender Geschwindigkeit in Tüten sortiert, die asiatischen Kellner, die kroatischen Köche, die hier etwas von der Zubereitung von Fisch verstehen müssen.

Im Straßenbild sieht man diese Menschen kaum, und gerade deshalb entsteht der Eindruck der Monokultur. Aber sie sind da, sie hausen in billigen Unterkünften, versteckt auf den Innenseiten der schönen Backsteinhäuschen, in den Zimmern ohne Balkon und Terrasse. Oder sie wohnen auf dem Festland, kommen zur Arbeit jeden Tag herüber auf die teure Insel.

Es gab einen Militärflugplatz und Zwangsarbeiter

Die Idylle war nicht immer so. Sie war einmal ein Militärflugplatz für deutsche Expansionsfantasien, sie war auch einmal ein Zwangsarbeiterlager. Bis heute sind die Spuren dieser Zeit im Stadtbild sichtbar, und man kann den gut 1300 Einheimischen nicht den Vorwurf machen, sie würden diesen Teil ihrer Geschichte verstecken. Sie wissen auch gut um die Macht der Natur. Ihr sind sie ausgeliefert an manchen Wintertagen, wenn Stürme das Meer hochpeitschen, wenn sich die im Sommer gehüteten Sanddünen dieser Urgewalt entgegenstellen und alle hoffen, dass dem Wasser der Durchbruch auch dieses Jahr wieder nicht gelingt.

Aber was kümmert das den Idylle-Tourist? Er steigt auf sein gemietetes Fahrrad, freut sich über die schöne Seite des unberechenbaren Wetters, spürt den Wind, genießt die Sonne, erwartet den Regenschauer – alles gleichzeitig – und fährt zum wohl geordneten Fahrradparkplatz hinter der Düne. Gerade hat er sich zwei Drinks geholt, die Füße im Strandkorb hochgelegt, lässt den Abend herannahen. Die Familien mit Kindern rüsten zum Aufbruch, es ebbt, die Weite des Strandes nimmt zu, die untergehende Sonne glitzert auf dem ruhiger werdenden Meer.

Allerdings: Nachts war das  Knattern eines landenden Hubschraubers zu hören gewesen. Ein Notfall? Und an diesem Morgen war eine der beiden Tauben tot und zerfetzt im Gras vor dem Fenster gelegen. Welches Tier war hier tödlich seinem Trieb gefolgt? Einen Schatten hatte beides geworfen, Momente des Zweifels aufkommen lassen. Und nun: Ein doppelter lauter Aufschrei, ein ohrenbetäubendes Aufjaulen durchschneidet die vorabendliche Stille in der deutschen Idylle. Zwei Bundeswehrjets jagen hoch am Himmel über dem Strand entlang, dem Horizont entgegen.

Wie schade, die Weltenflucht misslingt auch hier.

 

Der Autor verbringt seit Jahren seinen Sommerurlaub auf der autofreien Insel Langeoog. In der Sammlung #1000Kirchen finden sich auch die beiden Kirchen auf der Insel: Die evangelische Inselkirche, und die katholische Kirche St. Nikolaus. 

Mehr Texte vom #Politikflaneur finden Sie hier. 

 

Rote Bäume, weiße Punkte – mehr Farbe für Berlin

Zum Tod der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama

Es war im Frühsommer 2021 in Berlin: Noch herrschte Corona, und als #BerlinerFlaneur war ich einige Wochen unterwegs in der Hauptstadt. Zu den Besuchseindrücken zählte auch die Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die ich damals in einen Zusammenhang mit der Frage stellte, wie grau das geschichtsbeladene Berlin und die deutschen Geschichte gewesen ist – und wie gegensätzlich dazu das knallbunte Werk von Kusama wirkte. Am 14. Auguxst 2026 ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben. 

Hier eine leicht aktualisierte Fassung der Reportage von 2021: 

Farbfilm vergessen

„Du hast den Farbfilm vergessen!“ schimpfte 1974 die 19jährige Sängerin der Gruppe „Automobil“, Nina Hagen, ihren Reisebegleiter Micha. „Automobil“ landete damit in der Schlagerparade der DDR.

„Alles grau“, urteilte das Westkind

Brauchte man in der DDR einen Farbfilm? „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön ’s hier war“, ging der Text des Liedes weiter, „alles Blau und Weiß und Grün – und später nicht mehr wahr!“ Es gab eine Zeit, in der westdeutsches Vorurteil dem Osten unseres Landes attestierte, dort sei „alles grau“. Und tatsächlich kann sich der Flaneur gut an seine erste Reise in die gerade ganz neu und frei zugänglich gewordene Noch-DDR erinnern. Die damals sechsjährige Tochter schaute nach dem Überwinden der nicht mehr gesicherten innerdeutschen Grenze lange und fasziniert aus dem Fenster, die ersten Dörfer kamen ins vorbeiziehende Bild, und was sagte das unvoreingenommene Westkind? „Alles grau!“

Alles grau: Die Topografie des Terrors und das Bundesfinanzministerium hinter dem Mauer-Reststück

Wer heute durch Berlin wandert oder fährt, kann West und Ost nicht mehr an der Farbigkeit unterscheiden. Aber farbig bunt ist deshalb noch längst nicht alles. Von einem Ort, der „Topografie des Terrors“ heißt, erwarten wir vielleicht auch aus gutem Grund nicht gerade Farbigkeit. Hier wird kein Farbfilm benötigt. Der Ort fordert den Besucher als graue Steinwüste, ein eingezäuntes Areal, ein modernes graues Gebäude in seiner Mitte, ein abgesenkter Graben, ein langes Stück DDR-Mauer an seiner Seite – alles grau. Es bedarf einiger Mühe, sich bewusst zu machen, was das hier eigentlich für ein leeres Straßenkarree ist. Häuser standen her bis zum Kriegsende, Paläste, prächtige Bauten, ein nobles Hotel, aber es gab auch Hinterhöfe, Garagen, Gärten, Lauben. Wenig davon ist übrig, alles ist platt und grau. Die „Topografie des Terrors“ wurde 1987 nach langer Diskussion zu einer begehbare Gedenkstätte, die erinnern soll an das Grauen, das in nationalsozialistischer Zeit dort geschah. Denn hier standen die Zentralen des Terrorregimes, das Hauptquartier von SS und SA, von Gestapo und Polizei, alle auf diesem Fleck, vereint zwischen vier Straßen.

Bomben der Alliierten zerstörten das Zentrum des Grauens, Ruinen blieben übrig von der brutal-rechtlosen Machtausübung. In den 60er Jahren wurde entschieden, das unwirtliche Gelände unmittelbar an der Mauer abzuräumen – und nichts von den Palästen zu erhalten, in denen die Mörder residierten, folterten, quälten – Betriebsfeste feierten, zu Geburtstagen anstießen, Siege bejubelten und Niederlagen schönredeten. Was man heute noch dort findet ist ein modernes Dokumentationszentrum über die Nazidiktatur und eine informative Freiluftausstellung über Deutschlands Irrweg von der Weimarer Republik hin zur totalen Niederlage im selbst angezettelten „totalen Krieg“. Alles wichtig und sehenswert, vieles davon schon hundertmal gesehen.

Moderne Archäologie

Was diesen Ort besonders macht ist so etwas wie moderne Archäologie. Unter dem Schutt der abgeräumten Nazi-Paläste wurden bei der Neugestaltung als Gedenkort die immer noch vorhandenen Pflastersteine der Einfahrten gefunden, über welche die Opfer der Gestapo in die Folterkammern gekarrt wurden. Die eingestürzten Eingangstore der Gestapo-Zentrale, kantige Ruinen, mahnen, einst unbeachtet liegengelassen, jetzt an die Todesangst der Menschen, die das Osttor einst passierten. Unterirdische Gefängniszellen der Gestapo wurden ausgegraben und pietätvoll wieder zugeschüttet, aber markiert. Die graue Topografie deutet die angelegten bombensichern Kellergänge an, zeigt die unterirdisch angelegten Räume einer Cafeteria der Folterknechte.

Die Westdeutschen der Nachkriegsjahre vergaßen sicher keinen Farbfilm, wenn sie in den Urlaub fuhren. Aber die Orte ihrer eigenen grauen Vergangenheit wollten sie gerne aus den Augen und damit aus dem Sinn haben. Alle möglichen Verwendungszwecke für die leere Brache direkt an der Mauer wurden diskutiert. In den 70er Jahren richtete Westberlin schließlich auf dem Gelände ein „Autodrom“ ein, einen Freizeitpark, auf dem man das Autofahren üben konnte – ohne Führerschein hinweg über die Folterkammern des Führers.

Heute denken wir anders. Der Gang über das weite Gelände wird zur Zeitreise vom Grauen ins Grüne. Der Besucher kann das ganze Gelände abschreiten, einige der alten Trassen des Autodroms nutzend, und findet sich bald in einem idyllischen Robinienwäldchen wieder, in dem die Blumen blühen und die Bienen summen. Zurück führt der Weg zur Betonrohr-bewehrten grauen Mauer, das von Mauerspechten durchlöcherte, angenagte, jetzt unter Denkmalschutz stehende Monument der deutschen Teilung. Die Geschichte erlaubt uns, heute ohne Schmerz über sie hinweg zu sehen, hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesfinanzministeriums, das so grau und abweisend dasteht, als wollte es allen Klischees von der grauen DDR und dem öden Grau jedes Bürokratenapparates gerecht werden.

Das „Detlef-Rohwedder-Haus“ wurde als Monumentalbau von den Nazis errichtet, beherbergte das Reichswehrministerium, später in der DDR das „Haus der Ministerien“ und gab so vielen grauen Bürokraten der DDR einen Arbeitsplatz. Nach dem Fall der Mauer war der graue Kasten dann Sitz der Treuhandanstalt (nach dessen ermordeten Präsidenten er später benannt wurde) und seit 1999 ist dort der Sitz des Bundesfinanzministers. Vermutlich würde es schon am Denkmalschutz scheitern, wenn ein Versuch unternommen würde, das Haus bunt anmalen zu lassen.

Das Bunte muss von woanders her kommen

Alles Bunt: Die roten Bäume von Yayoi Kusama beim Gropius-Bau

Das Graue gehört zu diesem Gebäude, wie das Grauen zur Topografie des Terrors gehört. Also muss das Bunte von anderswo kommen. Und siehe da, Blick zurück, keine hundert Meter, außerhalb der Einzäunung, da wartet es schon, das überraschende Bunt. Stehen da tatsächlich knallrote Baumstämme mit leuchtend weißen Punkten? Wie bitte – rote Baumstämme mit weißen Punkten? Kann das sein und wenn ja – wie und warum? Der Anblick ist unglaublich und macht so hoffnungstrunken wie das Licht am Ende eines zu langen Tunnels, so glücklich wie das Durchbrechen eines neuen, strahlenden Motivs in der Musik, wie die erste Blüte im Schnee.

Rote Bäume mit weißen Punkten? Gewachsen können sie so nicht sein, also nochmal hingeguckt: Die bunten Bäume sind eingewickelt und sie sind ein Kunstwerk, Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im benachbarten (von außen übrigens auch ziemlich grauen) Gropius-Museumsbau. Gelockt von den roten Bäumen, schnell online einen Timeslot gebucht, den Corona-Test gezückt, und raus aus der grauen „Topografie“ rein in den Ausstellungpalast. Durstig nach Buntheit, nach Farbenpracht und Vielfalt. Im Foyer räkeln sich die roten Punkte im dichten Gewirr dicker Tentakel über-mannshoch bis ins Obergeschoss der Halle, bilden einen Dschungel der Farbenpracht, laden ein zu weiteren farbigen Abenteuern der Kunst. Man muss nicht alles verstehen, was sich die Künstlerin aus dem fernen Osten dabei gedacht hat, aber dem bunten Zauber der manchmal durch Spiegel ins Unendliche gesteigerten Farbigkeit ihrer Werke wird sich niemand entziehen, der sensiblen Sinnes ist.

Noch mehr Farbe in der Ausstellung der japanischen Künstlerin

Übersatt erfüllt von Farben tritt der Besucher wieder heraus in das reale Berlin, das jeden Tag so bunt gepunktet sein kann, wie der Stamm dieser Bäume, zwischen denen er jetzt steht. Bunt wie das frische Grün an den Zweigen der rotgepunkteten Bäume, oder so gelb wie die vorbeirauschenden DHL-Autos, oder so leuchtend blau wie der sommerliche Himmel. Oder so grau wie das Finanzministerium.

 

Mehr über Yayoi Kusama hier (führt zu Wikipedia).  

„Du hast den Farbfilm vergessen“ mit Nina Hagen auf youtube (hier in einer Live-Aufnahme von 2018):

Die Website der Topografie des Terrors finden Sie hier. 

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Die schöne Violetta könnte leben

Zur Bregenzer Inszenierung von Verdis „La Traviata“

Wie wäre das Leben der jungen Frau verlaufen, wenn sie nicht schon als junges Mädchen hätte arbeiten müssen in einer Spelunke auf dem Land? Wenn sie sich nicht als 15-jährige als Dienstmädchen in Paris verdingt hätte, damit sie ihren Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Es war die blanke Tristesse ihres jungen Lebens, aus der sie sich befreien wollte, als sie begann, ihre Schönheit zu verkaufen. Fortan war sie abhängig von den Männern, die sich mit ihr schmücken wollten, sie verehrten und benutzten: gierig, lüstern, besitzergreifend.

Ein weiteres Mal wird diese Geschichte derzeit vor großem Publikum erzählt – in Bregenz auf der spektakulären Seebühne (noch bis 23. August, wobei alle Vorstellungen ausverkauft sind). Man kann sie bis zum 27. Oktober 2026 auch in der ZDF-Mediathek erleben.

Mehr als 6.500 Besucher müssen während der Bregenzer Festspiele an jedem Aufführungstag für Oper begeistert werden, damit sich das Spektakel finanzieren kann. Es muss also etwas geboten werden für den Massengeschmack. Die übergroße Bühne, ein zerborstener Spiegel, ist faszinierend, aber passt außerhalb der Ballszenen nicht so recht zur eher intimen Stimmung von „La Traviata“. Foto: © anja koehler, bereitgestellt von Bregenzer Festspiele

Die schöne Frau ist sterbenskrank. Marie Duplessis hat bis 1847 in Paris gelebt und war das historische Vorbild für die Oper „La Traviata“ mit der suchtauslösenden Musik von Guiseppe Verdi zu einem Libretto von Francesco Maria Piava. Sie starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Nach ihr hat Alexandre Dumas den Roman „Die Kameliendame“ verfasst, dessen Schauspielfassung Verdi in Paris gesehen hatte und sich von diesem Stoff anregen ließ zur „Traviata“ – „der vom Weg abgekommenen“.

Violetta stirbt auch an gesellschaftlichen Verhältnissen

Also ist auch Verdis Violetta am Ende des Opernabends tot. Sie stirbt an ihrer damals unheilbaren Erkrankung, aber auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der Gefallenen keinen sozialen Aufstieg erlauben. Die es den Männern leicht machen, die Frau in ihrer Mitte herumzuschubsen zwischen Eifersucht, Eitelkeit, Zorn und Demütigung. Schließlich aber stehen sie alle ratlos herum um das Totenbett. Das Finale der Oper „La Traviata“ hat nur wenige Takte, aber es zählt szenisch wie musikalisch in seiner vorwurfsvollen Endgültigkeit zu den wuchtigsten, stärksten musikalischen Momenten, die Musiktheater erzählen kann. Denn in diesem Moment des Todes, der eigentlich nach Stille verlangt, schlägt die Musik mit voller Wucht zu. In fünf kräftigen Orchestertutti haut Verdi wie mit der Faust auf einen apokalyptischen Tisch:  Wumm – wamm – wumm – wamm – dann ein Trommelwirbel – ein längerer Verzweiflungsschrei in Musik und schließlich ein letzter, alles mitreißender Donnerschlag, der diese ratlosen Männer hinwegfegt, sie alle hineinreißt in den Abgrund des Schicksals, und uns alle gleich mit.

Diese Opernszene gibt es auch in „Pretty Woman“

Was für eine Magie der Töne! Vielleicht aus diesem Grund hat es genau diese Schlussszene in den Film „Pretty Women“ geschafft. Die erste Opernerfahrung der schönen (von Julia Roberts gespielten) Prostituierten Vivian rührt diese zu Tränen. Denn es sind trotz aller Verzweiflung Momente der Erlösung, die sich nach jeder Vorstellung von „La Traviata“ Bahn brechen und Stürme der Begeisterung auslösen, oft schon in die letzten Klänge des wuchtigen Finales hinein. Es ist eine Erlösung darüber, dass dieser emotional-romantische Albtraum ein Ende hat. Violetta ist tot, und der Tod ist immer ungerecht. Aber wir dürfen leben!

„La Traviata“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt, eine „sichere Bank“ für jeden Opernintendanten. Opernanfängern wird häufig geraden, mit der „Traviata“ zu beginnen, sich mit Violettas und Alfredos Hilfe einzulassen auf dieses seltsame Genre, in dem kaum gesprochen, dafür aber lange gesungen wird. Es ist vor allem die Musik von Giuseppe Verdi, die eingängig dahinschmelzend den Zuschauer hineinsaugt in diese romantisch-tragische Welt, für manche vielleicht sogar zu süßlich, für andere suchtauslösend.

Dazu kommt eine Handlung, die jedes Herz erreicht, wenn es denn nicht ganz aus Stein ist: Eine junge Prostituierte Violetta muss weitermachen in ihrem Teufelskreis aus Verkäuflichkeit und Demütigung, weil sonst ihr Leben schon rein finanziell kollabiert. Da trifft sie auf Alfredo, der anders ist als alle anderen, der sie im Wissen um ihre Vorgeschichte umwirbt. Sie schwankt zwischen den luxuriösen Vergnügungen ihrer Käuflichkeit und den Verlockungen der Bindung, und entscheidet sich schließlich für die Liebe. Die Symptome der Krankheit schwächen sich ab; das Paar hat zwar kein Geld mehr, aber sie planen eine gemeinsame Zukunft.

Da greift Alfredos Vater ein: Der gesellschaftliche Sittenkodex könnte den Ruf der Familie gefährden, er fordert daher die junge Frau und später auch seinen Sohn auf, voneinander zu lassen. Violetta nimmt im Wissen um ihren baldigen Tuberkulose-Tod und aus Liebe zu ihrem Alfredo alles auf sich, lässt ihren Geliebten im Unwissen darüber, dass sie einem Eingriff seines Vaters folgt und erregt so seinen eifersüchtigen Zorn. Viel zu spät erkennen alle Männer, was sie da angerichtet haben.

Viel Spektakel und eine große Idee

Sollten wir uns das heute ansehen? Unbedingt! Der gesellschaftliche Stand bestimmt noch immer den sozialen Standort. „La Traviata“ erzählt uns die Geschichte derer, die „vom Wege abkommen“ (wie die Übersetzung des Operntitels wörtlich lautet) und sich heute im Elend der Bordelle am Stadtrand, in der Gewaltwelt der Clans oder im digitalen Shitstorm wiederfinden. Verdis Oper war schon bei ihrer Uraufführung 1853 (nur sechs Jahre nach dem Tod der Marie Duplessis) nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern harte Sozialkritik, und sie ist es bis heute.

So schön dahinschmelzend wurde der Gesellschaft allerdings noch selten der Finger in die Wunde gelegt. Die Bregenzer Neuinszenierung erzählt nun die traurige Geschichte auf der Riesenbühne und unter dem Anspruch, während der Festspiele täglich rund 6.500 Zuhörende zu fesseln. Es muss also etwas geboten werden, vor allem für das Auge, und das bei einem Stoff, der vor allem ins Gemüt geht. Die Ballszenen, die zur Traviata gehören, werden unter diesen Umständen eher zu einem wasserbasierten Spektakel, viel Kitsch und Tand plätschert da um die gewaltige Bühne, die einen zerborstenen Spiegel darstellt.

Zum Ende hin gelingt der Regie eine großartige Symbolik: Violetta muss sterben, und die Krankheit wird zur übermächtigen Kraft, die alle wichtigtuerischen Männer zu Randfiguren macht. Foto: © anja koehler, bereitgestellt von Bregenzer Festspiele

Falls sich Besuchende an diesen Konzessionen an den Massengeschmack gestört haben sollten, so werden sie schließlich durch eine faszinierende Inszenierungsidee von Regisseur Damiano Michieletto entschädigt, die im dritten Akt den Atem stocken lässt: Die Krankheit selbst, die in Kürze die Schöne hinraffen wird, tritt auf – symbolisch, und mit übermächtiger Gewalt. Und all die wichtigtuerischen Männer, die sich um die Violetta scharen, werden zu machtlosen Randfiguren. Als Violetta schließlich tot dahingesunken ist unter Verdis mächtigen Schicksalsschlägen, als sie reglos liegt auf der ins Wasser drapierten Scherbe der Bregenzer Bühne, da wissen wir, dass es Hoffnung gibt. Heute ist die Tuberkulose heilbar. Violetta könnte leben.

 

 

Dieser Text ist eine aktualisierte Fassung. Die erste Version ist im Januar 2022 erschienen und bezog sich auf eine Aufführung in der Oper am Rhein in Düsseldorf. „La Traviata“ wird immer wieder an zahlreichen Opernhäusern in Deutschland gezeigt. Die Aufführung auf der Seebühne in Bregenz ist bis 27. Oktober 2026 in der ZDF-Mediathek abrufbar. 

Das Leben von Marie Duplessis, der historischen Vorlage für die Violetta in der Oper, ist gut dargestellt bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Duplessis

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

 

 

 

Hubert Seiter: Warum ich Pazifist bleibe

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Ich wollte mal Fallschirmspringer werden.“

Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.

Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.

Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken

Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat:  Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!

Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.

Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte  – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.

Und heute, fast 60 Jahre später?

Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.

Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.

Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?

Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?

Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD –  zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben:  dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren,  dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!

Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt

Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren:  alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.

Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!

Der Text gibt die persönliche Meinung von Hubert Seiter wieder, der von Andreas Vogt zu diesem Diskursbeitrag eingeladen wurde. Die persönliche Meinung des Kriegsdienstverweigerers Andreas Vogt finden Sie hier: „Warum ich kein Pazifist mehr bin“

 

Utes #Lesezeichen Nr. 9: Dreimal Island

EDEN, erschienen 2025 im Insel-Verlag, 248 Seiten, Miss Island, erschienen 2022, ebenfalls im Insel-Verlag. 236 Seiten, Weiß ich, wann es Liebe ist? erschienen 2011 bei Suhrkamp, 302 Seiten, alle von Auður Ava Ólafsdóttir

ausgelesen am 15.03.2026, am 01.07.2026 und am 09.07.2026

Am Anfang des Jahres habe ich über die Veröffentlichung des Buches EDEN von Auður Ava Ólafsdóttir gelesen, eine Frau, deren Namen ich noch nie gehört hatte und auch nicht aussprechen kann. Eine Isländerin, geb. 1958, die in Frankreich und Italien Kunstgeschichte studierte und Direktorin eines Kunstmuseums war. Sie hat schon zahlreich veröffentlicht und ist in ihrem Heimatland durchaus bekannt, bei uns allerdings nicht – wer interessiert sich ernsthaft für isländische Literatur? – und ist daher auch nur teilweise ins Deutsche übersetzt worden. Nun also EDEN, erschienen 2022 in Island, übersetzt und erschienen in Deutschland 2025. Angezogen hatte mich zunächst der Titel (natürlich dachte ich umgehend an den Garten Eden), das Cover (grüne, weite Landschaft, mit Seen /Meer, Bergen, menschenlos, die Schrift in Rot, die wie reife Äpfel an einem Baum hängen, Symbol der Verführung Evas durch die Schlange, bis das Drama mit der Vertreibung aus oben erwähntem Garten begann. Der Rest ist Historie).

Auf der Rückseite des Buches ein Zitat : „Eine Autorin, von der man sofort mehr lesen möchte“ (NDR Kultur). Stimmt absolut, das erging mir ebenso, doch dazu später.

Der Inhalt des Buches: eine Sprachwissenschaftlerin aus Reykjavik hängt ihre akademisch Karriere an den Nagel, zieht aufs Land und legt einen Garten an. Ganz nebenbei erlernt sie eine neue Sprache – die des Herzens, so der Aufdruck des Verlags. Nun, der Inhalt dieses Buches entspricht auf den ersten Blick nicht meinem Beuteschema – doch man lernt eine Menge über die Bedeutung von Isländisch als sterbende Sprache, die isländischen Begriffe für Warmwasserversorgung, Mischbatterie und Toilette, wie auch die Deklination von kýr, Kuh. Wer wollte das nicht wissen?

Einschub ganz nebenbei: in Cannes wurde 2025 ein Film namens PANDA ausgezeichnet, spielt in Island, und ja, auf Isländisch heißt Bambusbjörn = Panda. Mein Herz war sofort verloren, aber das ist ein anderes Thema, hier der Link zum Film The love that remains (Link führt zu YouTube).

Doch zurück zum Buch: Da ist also diese Frau mittleren Alters, die sich philologisch mit den KollegInnen der internationalen Elite messen kann, anfängt, dem Boden Islands aus Steinen, Eis und Schnee, eingehüllt in Wind und Stürmen, bedroht von Vulkanen, einen Garten Eden abzutrotzen, und dabei erstaunliche, ungeahnte Kompetenzen erlernt bzw. in sich entdeckt. Wundervoll, tolles Buch, warmherzig, gerne mehr davon.

Nun ja, dann war natürlich der Bann gebrochen, und gemäß des Zitats des NDR, dass es sich bei Auður Ava Ólafsdóttir um eine Autorin handelt, von der man mehr lesen möchte, ging ich auf die Suche weiterer Veröffentlichungen von ihr. Üblicherweise erwerbe ich ja gerne die komplette Bibliographie einer Autorin, die bis dato erschienen ist. Dies war diesmal schwierig, da nur wenige ihrer Bücher bislang ins Deutsche übertragen wurden.

Es folgte Miss Island, eine Geschichte über eine junge Frau auf dem Weg zur Schriftstellerin, die in der konservativen und männerdominierten Gesellschaft der sechziger Jahre in Reykjavik an der mangelnden Emanzipation zu scheitern scheint, abgesehen davon, was Me too in dieser Zeit hieß. Obwohl das Buch eine Zeit beschrieb, in der ich selbst heranwuchs, erschütterte mich der Stand der Emanzipation der Frauen zu diesem Zeitpunkt, und hielt mir einen Spiegel vor, welche Fortschritte in einer Lebensspanne schon geschafft wurden, wohl wissend, dass der Weg noch lange nicht zu Ende sein darf und kann.

Und schließlich habe ich Weiß ich, wann es Liebe ist? gelesen, die Geschichte eines jungen Isländers, der Rosen züchten möchte in einem alten Klostergarten im Süden Europas, und sich währenddessen mit seiner Rolle als Vater eines kleinen Mädchens auseinandersetzt.

Worin liegt nun die Faszination für diese isländische Autorin? Sie hat eine gefällige und unspektakulär klare Sprache ohne Schnörkel. Das fremde Ambiente fasziniert und eröffnet dem Leser, der Leserin in der Abstraktion eine bessere Identifikation mit den ProtagonistInnen, denn Island ist weit, und ich kann mich zu 100% darauf einlassen, ohne dass sich die Problematik in meiner Seele festsetzt. Ich habe viel über Island, vor allem die Gesellschaft in Island und letztlich über diese für uns eher ungefällige Sprache, bei der man schlichtweg an nichts anknüpfen kann, gelernt.

Ich gehe weiter auf die Suche nach Büchern von Auður Ava Ólafsdóttir und google jetzt einmal als Nächstes die Aussprache.

Leseempfehlung: für Island-Fans und solche die es werden wollen; LeserInnen, die sich entführen lassen wollen in die faszinierende Welt von Feuer und Eis; für hartgesottene GärtnerInnen; für emanzipierte Männer und Frauen;

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Utes #Lesezeichen Nr. 8: Hunger nach Leben

Für Polina, von Takis Würger, erschienen 2025 im Diogenes Verlag, 293 Seiten

ausgelesen am 26.07.2026

Ankündigung: In meinem heutigen Text zu Für Polina werde ich wenig zum Inhalt des Buches verraten, da ich hoffe, dass alle meine LeserInnen dieses Buch ebenfalls lesen werden und ich möchte nicht ein einziges Detail verraten. Zu wichtig ist jede Wendung und jedes Detail.

Ich habe Für Polina gelesen, weil Martin Suter dieses Buch in einer seiner letzten Veröffentlichungen als Lieblingsbuch bezeichnet. Ich lese viel; Altes, Neues, mal mit Anspruch und auch viel Anspruch, mal entspannend. Suter gehört sicher eher zur letzten Kategorie, aber ich liebe seinen sanft wiegenden Erzählstil und schätze ihn v.a. als Abendlektüre sehr. Sein Urteil zählt für mich durchaus. Nun bekam ich vor wenigen Tagen Für Polina geschenkt und ich habe sie allen anderen Aspiranten auf meinem Bücherlesestapel vorgezogen, eine Sonderbehandlung, deren sie sich als wert erwies.

Heute Vormittag bin ich am Ende von Für Polina angekommen, natürlich mit großem Bedauern, mit Trauerschmerzen, dass wieder ein gutes Buch, deren Geschichte ich gerne immer weiter gelesen hätte, endet. Ich habe Hannes, den teilweise autistischen jungen Mann und Protagonisten des Buches, von Anfang an geliebt, Polina, seine Seelenverwandte, mit ihrem Hunger nach Leben verstanden und wollte sie doch oft ganz mütterlich in den Arm nehmen und vor den Stromschnellen des Lebens bewahren (habe selbst eine Tochter), bin durch Hamburg gelaufen (kenne jede beschriebene Ecke vom Grindel bis zum Treppenviertel) und saß mit ihm im Prinzregententheater, dem „Prinzi“, in München, meiner Heimatstadt. Diese örtliche Nähe und mein Wissen darum sind sicher auch Teil der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich im Buch bewegen konnte.

Ganz außerordentlich in diesem Buch natürlich die Bedeutung der Musik. Allein die Beschreibung von Glenn Goulds Aufnahmen des Wohltemperierten Klaviers sind mir bestens bekannt, praktisch eins zu eins zu einer Ausführung meines Akkordeonlehrers. Ich habe die Buchseite auch gleich fotografiert und an ihn geschickt. So viel sei verraten: Musik, Klaviere und Flügel wie auch deren Transport spielen eine außerordentliche (wörtlich verstanden) Rolle in diesem Buch.

Takis Würger ist ein wundervoller Webteppich, ein Kelim? (für Insider, sh. Buch), gelungen, der die Leben der einzelnen Protagonisten zusammenführt und doch deren einzelne Fasern als eigenständige Muster belässt. Vieles ist so filigran beschrieben, lässt nur Gefühle anklingen, skizziert Situationen, dass man Angst hat, bei zu heftigen „Leseattacken“ das feine Spinnennetz zu zerreißen.

Am Ende des Buches erwartete mich ein Foto von John Daniel, ein Gorilla, der im Buch eine übertragene Rolle spielt – so viel sei verraten. Nun habe ich auch seinen Wikipediaeintrag  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Daniel_(Gorilla)  gelesen, wohl ahnend, dass dieser Teil der Geschichte historische Wurzeln hat.

Darunter die einfache Frage von Takis Würger, wie das Buch gefallen hat, dazu eine Emailadresse. Sehr ungewöhnlich, aber ich habe mich gefreut, und dies daher als Aufforderung verstanden und meinen Mailaccount geöffnet und geschrieben. Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Korrespondenz?

Leseempfehlung: für Literatur- und MusikliebhaberInnen; für Klaviertransporteure; für SpaziergängerInnen in Hamburg, Hannover und anderswo; für Menschen, die an die Lebensliebe und die Freundschaft glauben;  für FreundInnen von Moorhühnern 

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Das Bädle und die große Politik

Beim Schwimmen drängen sich die originellsten Gedanken ins Bewusstsein. Einer davon: Die einen baden hier zum Vergnügen, andere ertrinken im Mittelmeer. Foto: lizenzfrei von Ben_Kerckx via pixabay

Abseitige Gedanken eines Schwimmers

So ein Bädle ist eine entspannte Sache, wenn es heiß ist. Sie fragen sich, was ein Bädle ist? Ein kleines Schwimmbad. Ein Sommerfreibad mit nur zwei Becken; eines für Schwimmer und eines für solche, die es werden wollen. Ein Kinderplanschbecken. Eine Liegewiese. Pommes oder Gyros gibt´s beim Griechen, der das Bistro betreibt. Fertig. Kein Schnickschnack, kein Strömungskanal, keine Wasserrutsche.

Sie fragen sich vermutlich schon nicht mehr, wo es so ein Bädle gibt. Die Verniedlichung verrät das südwestdeutsche Idiom. Wir schwimmen in Stuttgart, im Norden der Metropole, ein von der Industrie geprägter Vorort der Großstadt. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Viele davon trifft man auch im Bädle.

Lust auf eine Abkühlung?

Dann kommen Sie doch bitte herein ins Schwimmerbecken, ein paar Bahnen ziehen. Vorher duschen! Den schaurig schönen Kälteschock genießen, losschwimmen. Heute ist es hier ganz entspannt, aber am Wochenende wird es voll im Bädle. Und wenn man mit den Schwimmmeistern spricht, erzählen sie davon, dass es manchmal Ärger gibt. Zu heiß, zu viele Leute, zu wenig Platz. Auch Leute, die sich daneben benehmen. Dann muss man halt eingreifen.

Aber noch nie hat man was von ernsthaften Problemen gehört im Bädle. Keine tödlichen Badeunfälle. Niemand ertrunken. Niemand ertrunken – war da nicht was?

Nicht schlappmachen! Weiterschwimmen!

Wenn es Ihnen zu langweilig ist, schauen Sie sich mal die Plakate links und rechts an. Das Bädle ist ein öffentliches Freibad, aber nicht von der Kommune getragen. Ein Sportverein ist Hausherr im Bädle. Ehrenamtliche leiten den Vorstand, kümmern sich um Anträge und die Einhaltung der Gesetze, stellen das Personal ein, das für Ordnung sorgt. Freiwillige Helfer decken abends die Becken ab, damit das Wasser nachts nicht so auskühlt und man Energie sparen kann.

Eine Bahn mehr, kurzer Stopp am Beckenrand, und dann zurückschwimmen!

Also, was hängen denn da für Plakate? Werbung ist das; der Sportverein ist auf alle Einnahmen angewiesen. Ein örtlicher Heizungsbauer und ein Autohaus preisen sich da, auch die letzte Bank, die noch eine mit Menschen besetzte Filiale hat im Stadtteil. Und ein Immobilienmakler. Wer im Bädle schwimmt, kann über Hauskauf oder –verkauf nachdenken, renoviert auch mal sein eigenes Bad, kauft sich ein neues Auto. Hat Geld auf der Bank. Vielleicht nicht viel, aber genug, dass sich die Bank die Werbung leistet.

Noch eine Bahn?

Klar! Aber aufpassen auf die langsam rückwärts schwimmende Rentnerin! Rücksicht ist angesagt im Bädle. Hier sind die „normalen“ Leute versammelt, von denen manche Politiker so gerne reden. Ist das ein Luxus-Millionär, der da auf der Bahn hurtig entgegengeschwommen kommt? Nein, Unsinn, nur ein sportlich ambitionierter Freizeit-Kampfschwimmer. Braucht immer eine Bahn für sich, müssen die anderen halt ausweichen. Das sind Menschen mit normalem schwäbischem Wohlstand, egal wo sie geboren wurden. Fleißige Leute in ihrer Freizeit schwimmen hier, oder Rentner, die mal fleißig gewesen sind. Wer wollte irgendwem auf der Welt verübeln, wenn sie oder er auch so leben will, auch mit so einem Bädle?

Wunderbar erfrischend, das Wasser!

So friedlich plätschert es herum im rechteckigen Becken! Selbst bei ruhiger See sind die Wellen im Mittelmeer bestimmt fünfmal so hoch wie das Kräuseln hier im Bädle. Und das Meer ist tausendmal so tief wie hier, wo wir noch stehen können.

Komischer Gedanke. Wie kommt man denn auf sowas? Gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dem Bädle und den Bedauernswerten, die sich durch die öden Wüsten Afrikas bis zum Mittelmeer durchkämpfen, um dann Gefahr zu laufen, in seinen Fluten zu ertrinken.

Noch eine Bahn? Oder lieber raus und die Sonne genießen? Im Schatten lagern bei der Hitze? Ja klar, im Bädle gibt’s auf der Liegewiese alles, was man haben möchte: Pralle Sonne für die Bräunungsfanatiker, oder guter Schatten unter dichten Bäumen. Die Leute in den Wüsten und auf so einem Schrottkahn im Mittelmeer, die haben übrigens keine solche Wahl. Entschuldigung, schon wieder so ein abseitiger Gedanke.

Also in den Schatten. Sie haben eine Decke dabei? Gut so.

Ein Windhauch. Wunderbar kühl auf der noch nassen Haut, nicht wahr? So ein friedlicher Ort, dieses Bädle.

Wir haben doch eigentlich Platz hier, oder? Überall brauchen wir Leute, in der Gastronomie, bei den Lieferdiensten, auch bei den ganzen modernen KI-Zentren, damit wir die Arbeit erledigt bekommen.

Das stimmt einerseits, sagen Sie. Aber andererseits sind die Zeiten sind nicht mehr so rosig. Gleich um die Ecke ist die Porsche-Fabrik, und die baut Stellen ab. Und der Daimler auch. Wo sollen die Leute alle arbeiten, wenn sie nicht beim Schwimmen sind? Der reichen Stadt Stuttgart brechen die Steuereinnahmen weg, und deshalb muss sogar das Bädle um seine Finanzierung kämpfen.

Alles richtig. Aber haben diese Probleme irgendwas mit den armen Leuten zu tun, die im Mittelmeer ertrinken? Fast zweitausend waren es im Jahr 2025. Also mal ganz ehrlich, die hätten doch hier im Bädle auch noch Platz gefunden?

Jetzt reicht´s Ihnen, sagen Sie? Schluss mit Politik auf der Liegewiese?

Ist ja gut. Ich meine ja nur, weil – weil doch hier im Bädle noch niemand ertrunken ist. Wäre uns ja auch nicht egal, oder?

 

 

Zahlen zu den Fluchttoten auf der Mittelmeerroute finden Sie bei der UNO-Flüchtlingshilfe. 

Das hier angesprochene „Bädle“ gibt es wirklich und heißt auch so: https://www.ssv-zuffenhausen.de/freibad-baedle/

Die Existenz des „Bädle“ ist derzeit bedroht wegen Haushaltseinsparungen der Stadt Stuttgart. Wer helfen will, kann das hier tun: https://www.gofundme.com/f/rette-das-badle

Der Text ist eine aktualisierte Fassung der ersten Version aus dem Jahr 2023.

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Utes #Lesezeichen Nr. 5: Dreimal Tukur

Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 301 Seiten

ausgelesen am 16.2.2026

In großer Begeisterung hatte ich mir vor Weihnachten das Buch von Ulrich Tukur gekauft, einmal als Geschenk für eine liebe Bekannte, die meine Begeisterung für Tukur teilt, einmal für mich. Ja, und dann fand ich das Cover und die Optik des Buches einfach schön, und das ist sie natürlich noch immer.

Mit der Lektüre habe ich mich dann schon schwerer getan. Eine Geschichte, die in der Zukunft und Vergangenheit spielt, in Stuttgart, Paris und Südfrankreich, die ins Mystische abgleitet und doch reale Geschichtsbezüge aufweist.  Welch‘ ein Entwurf der Handlung, die ich hier nicht detailliert wiedergeben möchte, um niemandem Inhalte vorzugreifen. Doch über weite Strecken wechseln ständig die Blick- und Erzählwinkel des Erzählers, so wie Personen (mit leider oft ähnlichem Namen) die Rollen wechseln, und das in steter Folge. Fazit: ich bin innerlich immer wieder ausgestiegen, habe den Faden verloren, war mir unsicher, welche Person erlebt hier was. Vielleicht war diese Melange auch gewünscht, denn sind wir nicht die Guten, in denen auch immer das Böse schlummert? Ich finde das Buch dennoch lesenswert, und das Buch ist anders, als man es aufgrund des Klappentextes sich vorzustellen vermag.

Leseempfehlung: für Tukur – Fans, für Literaturjunkies, für Leser:innen, die gerne auch Ungewöhnliches versuchen wollen

 

Die Seerose im Speisesaal von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 246 Seiten

ausgelesen am 20.02.2026

Noch einmal Ulrich Tukur. Zwischen der Lektüre des letzten und diesem Buch liegen nur wenige Tage, v.a. aber eine Lesung mit Ulrich Tukur im Mozartsaal in Stuttgart. „Eine Nacht in Venedig“ – Texte, Lieder, Akkordeon. Tukur hat 20 Jahre mit seiner Frau in Venedig gelebt, spricht die Sprache und das italienische Leben.

Die an diesem Abend vorgetragenen Geschichten waren unterhaltsam, machten neugierig, stets an der Grenze zwischen „Ist das wirklich so passiert oder ist es Fantasie?“ Die wunderbaren Schwarzweiß-Bilder aus Venedig, die Melodien, die das rote Akkordeon und Tukurs Stimme in den Saal trugen, sie halfen mir zu einer Reise ans Mittelmeer, und ich schmeckte den Rotwein, genoss den Duft des Espresso und hörte das Plätschern des Wassers in der Lagune. Zuhause angekommen, war Lektüre Pflicht.

Und wenn ich vielleicht bei dem Roman „Der Ursprung der Welt“ etwas verhalten war, empfehle ich die venezianischen Geschichten. Die Sprache pointierter und doch fantasievoll, authentisch. Was Tukur beim Roman vielleicht nicht so richtig gelungen ist, in den Geschichten ist es vollendet.

Leseempfehlung: für Tukur Fans – für Venedigliebhaber:innen – für italophile Dolce vita Genießer:innen – für alle, die Literatur spannend finden….und nebenbei ein Glas guten Rotwein trinken

 

Die Spieluhr, eine Novelle von Ulrich Tukur, erschienen 2013 bei Ullstein, 151 Seiten

ausgelesen am 17.03.2026

Und noch ein dritter Tukur, vermutlich das schönste der drei Bücher! In der Novelle Die Spieluhr entfaltet Tukur wieder seine wirrende Technik des Wandels zwischen den Zeiten, wieder die Vermischung zwischen der Geschichte des letzten, vorletzten Jahrhunderts und dem Heute, diesmal offiziell unter der Fahne einer Verfilmung; wieder geht es um Frankreich und Deutschland. Der Film Séraphine von 2008 erzählt einen Ausschnitt des Lebens der französischen Künstlerin Séraphine de Senlis, einer der wichtigsten Vertreterinnen naiver Kunst in Frankreich. Im Film spielt Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle, nämlich die des Kunstsammlers Wilhelm Uhde, der in seiner Zugehfrau das Talent als Künstlerin entdeckt. Das Drehbuch und die Dreharbeiten haben Tukur wohl zu diesem Büchlein inspiriert, doch wie schon davor in seinen Werken, lässt mich die Lektüre tendenziell etwas verwirrt zurück, und so manches Mal hatte ich beim Lesen Probleme mit der Zuordnung der Personen und Zeiten. Aber vielleicht ist es nicht wichtig, es ist eine mystische Erzählung mit wahrem Kern.

Ganz besonders erwähnen möchte ich aber das Cover. Leinen, mit Golddruck.

Alle drei Bücher von Ulrich Tukur zeichnen sich durch besondere Cover aus, weil Tukur laut Recherche großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtkunstwerk legt. Sein Anspruch ist es wohl, dass Einband, Papier, Schrift und Sprache eine harmonische Einheit bilden. So wirken die Cover retrospektiv, wie ihr Inhalt, ja, er greift sogar häufig den literarischen Stil der letzten Jahrhunderte auf. Allein das schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Leseempfehlung: für alle Tukur Fans; für Menschen, die literarisch auch die Nicht-Klassiker lesen und Besonderes entdecken wollen; für VerehrerInnen in Referenz für Séraphine und die naive Kunst Frankreichs; für Liebhaber:innen schöner und sinnlicher Buchgestaltung

 

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