Hubert Seiter: Warum ich Pazifist bleibe

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Ich wollte mal Fallschirmspringer werden.“

Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.

Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.

Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken

Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat:  Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!

Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.

Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte  – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.

Und heute, fast 60 Jahre später?

Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.

Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.

Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?

Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?

Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD –  zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben:  dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren,  dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!

Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt

Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren:  alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.

Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!

Der Text gibt die persönliche Meinung von Hubert Seiter wieder, der von Andreas Vogt zu diesem Diskursbeitrag eingeladen wurde. Die persönliche Meinung des Kriegsdienstverweigerers Andreas Vogt finden Sie hier: „Warum ich kein Pazifist mehr bin“

 

Utes #Lesezeichen Nr. 9: Dreimal Island

EDEN, erschienen 2025 im Insel-Verlag, 248 Seiten, Miss Island, erschienen 2022, ebenfalls im Insel-Verlag. 236 Seiten, Weiß ich, wann es Liebe ist? erschienen 2011 bei Suhrkamp, 302 Seiten, alle von Auður Ava Ólafsdóttir

ausgelesen am 15.03.2026, am 01.07.2026 und am 09.07.2026

Am Anfang des Jahres habe ich über die Veröffentlichung des Buches EDEN von Auður Ava Ólafsdóttir gelesen, eine Frau, deren Namen ich noch nie gehört hatte und auch nicht aussprechen kann. Eine Isländerin, geb. 1958, die in Frankreich und Italien Kunstgeschichte studierte und Direktorin eines Kunstmuseums war. Sie hat schon zahlreich veröffentlicht und ist in ihrem Heimatland durchaus bekannt, bei uns allerdings nicht – wer interessiert sich ernsthaft für isländische Literatur? – und ist daher auch nur teilweise ins Deutsche übersetzt worden. Nun also EDEN, erschienen 2022 in Island, übersetzt und erschienen in Deutschland 2025. Angezogen hatte mich zunächst der Titel (natürlich dachte ich umgehend an den Garten Eden), das Cover (grüne, weite Landschaft, mit Seen /Meer, Bergen, menschenlos, die Schrift in Rot, die wie reife Äpfel an einem Baum hängen, Symbol der Verführung Evas durch die Schlange, bis das Drama mit der Vertreibung aus oben erwähntem Garten begann. Der Rest ist Historie).

Auf der Rückseite des Buches ein Zitat : „Eine Autorin, von der man sofort mehr lesen möchte“ (NDR Kultur). Stimmt absolut, das erging mir ebenso, doch dazu später.

Der Inhalt des Buches: eine Sprachwissenschaftlerin aus Reykjavik hängt ihre akademisch Karriere an den Nagel, zieht aufs Land und legt einen Garten an. Ganz nebenbei erlernt sie eine neue Sprache – die des Herzens, so der Aufdruck des Verlags. Nun, der Inhalt dieses Buches entspricht auf den ersten Blick nicht meinem Beuteschema – doch man lernt eine Menge über die Bedeutung von Isländisch als sterbende Sprache, die isländischen Begriffe für Warmwasserversorgung, Mischbatterie und Toilette, wie auch die Deklination von kýr, Kuh. Wer wollte das nicht wissen?

Einschub ganz nebenbei: in Cannes wurde 2025 ein Film namens PANDA ausgezeichnet, spielt in Island, und ja, auf Isländisch heißt Bambusbjörn = Panda. Mein Herz war sofort verloren, aber das ist ein anderes Thema, hier der Link zum Film The love that remains (Link führt zu YouTube).

Doch zurück zum Buch: Da ist also diese Frau mittleren Alters, die sich philologisch mit den KollegInnen der internationalen Elite messen kann, anfängt, dem Boden Islands aus Steinen, Eis und Schnee, eingehüllt in Wind und Stürmen, bedroht von Vulkanen, einen Garten Eden abzutrotzen, und dabei erstaunliche, ungeahnte Kompetenzen erlernt bzw. in sich entdeckt. Wundervoll, tolles Buch, warmherzig, gerne mehr davon.

Nun ja, dann war natürlich der Bann gebrochen, und gemäß des Zitats des NDR, dass es sich bei Auður Ava Ólafsdóttir um eine Autorin handelt, von der man mehr lesen möchte, ging ich auf die Suche weiterer Veröffentlichungen von ihr. Üblicherweise erwerbe ich ja gerne die komplette Bibliographie einer Autorin, die bis dato erschienen ist. Dies war diesmal schwierig, da nur wenige ihrer Bücher bislang ins Deutsche übertragen wurden.

Es folgte Miss Island, eine Geschichte über eine junge Frau auf dem Weg zur Schriftstellerin, die in der konservativen und männerdominierten Gesellschaft der sechziger Jahre in Reykjavik an der mangelnden Emanzipation zu scheitern scheint, abgesehen davon, was Me too in dieser Zeit hieß. Obwohl das Buch eine Zeit beschrieb, in der ich selbst heranwuchs, erschütterte mich der Stand der Emanzipation der Frauen zu diesem Zeitpunkt, und hielt mir einen Spiegel vor, welche Fortschritte in einer Lebensspanne schon geschafft wurden, wohl wissend, dass der Weg noch lange nicht zu Ende sein darf und kann.

Und schließlich habe ich Weiß ich, wann es Liebe ist? gelesen, die Geschichte eines jungen Isländers, der Rosen züchten möchte in einem alten Klostergarten im Süden Europas, und sich währenddessen mit seiner Rolle als Vater eines kleinen Mädchens auseinandersetzt.

Worin liegt nun die Faszination für diese isländische Autorin? Sie hat eine gefällige und unspektakulär klare Sprache ohne Schnörkel. Das fremde Ambiente fasziniert und eröffnet dem Leser, der Leserin in der Abstraktion eine bessere Identifikation mit den ProtagonistInnen, denn Island ist weit, und ich kann mich zu 100% darauf einlassen, ohne dass sich die Problematik in meiner Seele festsetzt. Ich habe viel über Island, vor allem die Gesellschaft in Island und letztlich über diese für uns eher ungefällige Sprache, bei der man schlichtweg an nichts anknüpfen kann, gelernt.

Ich gehe weiter auf die Suche nach Büchern von Auður Ava Ólafsdóttir und google jetzt einmal als Nächstes die Aussprache.

Leseempfehlung: für Island-Fans und solche die es werden wollen; LeserInnen, die sich entführen lassen wollen in die faszinierende Welt von Feuer und Eis; für hartgesottene GärtnerInnen; für emanzipierte Männer und Frauen;

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Utes #Lesezeichen Nr. 8: Hunger nach Leben

Für Polina, von Takis Würger, erschienen 2025 im Diogenes Verlag, 293 Seiten

ausgelesen am 26.07.2026

Ankündigung: In meinem heutigen Text zu Für Polina werde ich wenig zum Inhalt des Buches verraten, da ich hoffe, dass alle meine LeserInnen dieses Buch ebenfalls lesen werden und ich möchte nicht ein einziges Detail verraten. Zu wichtig ist jede Wendung und jedes Detail.

Ich habe Für Polina gelesen, weil Martin Suter dieses Buch in einer seiner letzten Veröffentlichungen als Lieblingsbuch bezeichnet. Ich lese viel; Altes, Neues, mal mit Anspruch und auch viel Anspruch, mal entspannend. Suter gehört sicher eher zur letzten Kategorie, aber ich liebe seinen sanft wiegenden Erzählstil und schätze ihn v.a. als Abendlektüre sehr. Sein Urteil zählt für mich durchaus. Nun bekam ich vor wenigen Tagen Für Polina geschenkt und ich habe sie allen anderen Aspiranten auf meinem Bücherlesestapel vorgezogen, eine Sonderbehandlung, deren sie sich als wert erwies.

Heute Vormittag bin ich am Ende von Für Polina angekommen, natürlich mit großem Bedauern, mit Trauerschmerzen, dass wieder ein gutes Buch, deren Geschichte ich gerne immer weiter gelesen hätte, endet. Ich habe Hannes, den teilweise autistischen jungen Mann und Protagonisten des Buches, von Anfang an geliebt, Polina, seine Seelenverwandte, mit ihrem Hunger nach Leben verstanden und wollte sie doch oft ganz mütterlich in den Arm nehmen und vor den Stromschnellen des Lebens bewahren (habe selbst eine Tochter), bin durch Hamburg gelaufen (kenne jede beschriebene Ecke vom Grindel bis zum Treppenviertel) und saß mit ihm im Prinzregententheater, dem „Prinzi“, in München, meiner Heimatstadt. Diese örtliche Nähe und mein Wissen darum sind sicher auch Teil der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich im Buch bewegen konnte.

Ganz außerordentlich in diesem Buch natürlich die Bedeutung der Musik. Allein die Beschreibung von Glenn Goulds Aufnahmen des Wohltemperierten Klaviers sind mir bestens bekannt, praktisch eins zu eins zu einer Ausführung meines Akkordeonlehrers. Ich habe die Buchseite auch gleich fotografiert und an ihn geschickt. So viel sei verraten: Musik, Klaviere und Flügel wie auch deren Transport spielen eine außerordentliche (wörtlich verstanden) Rolle in diesem Buch.

Takis Würger ist ein wundervoller Webteppich, ein Kelim? (für Insider, sh. Buch), gelungen, der die Leben der einzelnen Protagonisten zusammenführt und doch deren einzelne Fasern als eigenständige Muster belässt. Vieles ist so filigran beschrieben, lässt nur Gefühle anklingen, skizziert Situationen, dass man Angst hat, bei zu heftigen „Leseattacken“ das feine Spinnennetz zu zerreißen.

Am Ende des Buches erwartete mich ein Foto von John Daniel, ein Gorilla, der im Buch eine übertragene Rolle spielt – so viel sei verraten. Nun habe ich auch seinen Wikipediaeintrag  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Daniel_(Gorilla)  gelesen, wohl ahnend, dass dieser Teil der Geschichte historische Wurzeln hat.

Darunter die einfache Frage von Takis Würger, wie das Buch gefallen hat, dazu eine Emailadresse. Sehr ungewöhnlich, aber ich habe mich gefreut, und dies daher als Aufforderung verstanden und meinen Mailaccount geöffnet und geschrieben. Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Korrespondenz?

Leseempfehlung: für Literatur- und MusikliebhaberInnen; für Klaviertransporteure; für SpaziergängerInnen in Hamburg, Hannover und anderswo; für Menschen, die an die Lebensliebe und die Freundschaft glauben;  für FreundInnen von Moorhühnern 

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Das Bädle und die große Politik

Beim Schwimmen drängen sich die originellsten Gedanken ins Bewusstsein. Einer davon: Die einen baden hier zum Vergnügen, andere ertrinken im Mittelmeer. Foto: lizenzfrei von Ben_Kerckx via pixabay

Abseitige Gedanken eines Schwimmers

So ein Bädle ist eine entspannte Sache, wenn es heiß ist. Sie fragen sich, was ein Bädle ist? Ein kleines Schwimmbad. Ein Sommerfreibad mit nur zwei Becken; eines für Schwimmer und eines für solche, die es werden wollen. Ein Kinderplanschbecken. Eine Liegewiese. Pommes oder Gyros gibt´s beim Griechen, der das Bistro betreibt. Fertig. Kein Schnickschnack, kein Strömungskanal, keine Wasserrutsche.

Sie fragen sich vermutlich schon nicht mehr, wo es so ein Bädle gibt. Die Verniedlichung verrät das südwestdeutsche Idiom. Wir schwimmen in Stuttgart, im Norden der Metropole, ein von der Industrie geprägter Vorort der Großstadt. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Viele davon trifft man auch im Bädle.

Lust auf eine Abkühlung?

Dann kommen Sie doch bitte herein ins Schwimmerbecken, ein paar Bahnen ziehen. Vorher duschen! Den schaurig schönen Kälteschock genießen, losschwimmen. Heute ist es hier ganz entspannt, aber am Wochenende wird es voll im Bädle. Und wenn man mit den Schwimmmeistern spricht, erzählen sie davon, dass es manchmal Ärger gibt. Zu heiß, zu viele Leute, zu wenig Platz. Auch Leute, die sich daneben benehmen. Dann muss man halt eingreifen.

Aber noch nie hat man was von ernsthaften Problemen gehört im Bädle. Keine tödlichen Badeunfälle. Niemand ertrunken. Niemand ertrunken – war da nicht was?

Nicht schlappmachen! Weiterschwimmen!

Wenn es Ihnen zu langweilig ist, schauen Sie sich mal die Plakate links und rechts an. Das Bädle ist ein öffentliches Freibad, aber nicht von der Kommune getragen. Ein Sportverein ist Hausherr im Bädle. Ehrenamtliche leiten den Vorstand, kümmern sich um Anträge und die Einhaltung der Gesetze, stellen das Personal ein, das für Ordnung sorgt. Freiwillige Helfer decken abends die Becken ab, damit das Wasser nachts nicht so auskühlt und man Energie sparen kann.

Eine Bahn mehr, kurzer Stopp am Beckenrand, und dann zurückschwimmen!

Also, was hängen denn da für Plakate? Werbung ist das; der Sportverein ist auf alle Einnahmen angewiesen. Ein örtlicher Heizungsbauer und ein Autohaus preisen sich da, auch die letzte Bank, die noch eine mit Menschen besetzte Filiale hat im Stadtteil. Und ein Immobilienmakler. Wer im Bädle schwimmt, kann über Hauskauf oder –verkauf nachdenken, renoviert auch mal sein eigenes Bad, kauft sich ein neues Auto. Hat Geld auf der Bank. Vielleicht nicht viel, aber genug, dass sich die Bank die Werbung leistet.

Noch eine Bahn?

Klar! Aber aufpassen auf die langsam rückwärts schwimmende Rentnerin! Rücksicht ist angesagt im Bädle. Hier sind die „normalen“ Leute versammelt, von denen manche Politiker so gerne reden. Ist das ein Luxus-Millionär, der da auf der Bahn hurtig entgegengeschwommen kommt? Nein, Unsinn, nur ein sportlich ambitionierter Freizeit-Kampfschwimmer. Braucht immer eine Bahn für sich, müssen die anderen halt ausweichen. Das sind Menschen mit normalem schwäbischem Wohlstand, egal wo sie geboren wurden. Fleißige Leute in ihrer Freizeit schwimmen hier, oder Rentner, die mal fleißig gewesen sind. Wer wollte irgendwem auf der Welt verübeln, wenn sie oder er auch so leben will, auch mit so einem Bädle?

Wunderbar erfrischend, das Wasser!

So friedlich plätschert es herum im rechteckigen Becken! Selbst bei ruhiger See sind die Wellen im Mittelmeer bestimmt fünfmal so hoch wie das Kräuseln hier im Bädle. Und das Meer ist tausendmal so tief wie hier, wo wir noch stehen können.

Komischer Gedanke. Wie kommt man denn auf sowas? Gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dem Bädle und den Bedauernswerten, die sich durch die öden Wüsten Afrikas bis zum Mittelmeer durchkämpfen, um dann Gefahr zu laufen, in seinen Fluten zu ertrinken.

Noch eine Bahn? Oder lieber raus und die Sonne genießen? Im Schatten lagern bei der Hitze? Ja klar, im Bädle gibt’s auf der Liegewiese alles, was man haben möchte: Pralle Sonne für die Bräunungsfanatiker, oder guter Schatten unter dichten Bäumen. Die Leute in den Wüsten und auf so einem Schrottkahn im Mittelmeer, die haben übrigens keine solche Wahl. Entschuldigung, schon wieder so ein abseitiger Gedanke.

Also in den Schatten. Sie haben eine Decke dabei? Gut so.

Ein Windhauch. Wunderbar kühl auf der noch nassen Haut, nicht wahr? So ein friedlicher Ort, dieses Bädle.

Wir haben doch eigentlich Platz hier, oder? Überall brauchen wir Leute, in der Gastronomie, bei den Lieferdiensten, auch bei den ganzen modernen KI-Zentren, damit wir die Arbeit erledigt bekommen.

Das stimmt einerseits, sagen Sie. Aber andererseits sind die Zeiten sind nicht mehr so rosig. Gleich um die Ecke ist die Porsche-Fabrik, und die baut Stellen ab. Und der Daimler auch. Wo sollen die Leute alle arbeiten, wenn sie nicht beim Schwimmen sind? Der reichen Stadt Stuttgart brechen die Steuereinnahmen weg, und deshalb muss sogar das Bädle um seine Finanzierung kämpfen.

Alles richtig. Aber haben diese Probleme irgendwas mit den armen Leuten zu tun, die im Mittelmeer ertrinken? Fast zweitausend waren es im Jahr 2025. Also mal ganz ehrlich, die hätten doch hier im Bädle auch noch Platz gefunden?

Jetzt reicht´s Ihnen, sagen Sie? Schluss mit Politik auf der Liegewiese?

Ist ja gut. Ich meine ja nur, weil – weil doch hier im Bädle noch niemand ertrunken ist. Wäre uns ja auch nicht egal, oder?

 

 

Zahlen zu den Fluchttoten auf der Mittelmeerroute finden Sie bei der UNO-Flüchtlingshilfe. 

Das hier angesprochene „Bädle“ gibt es wirklich und heißt auch so: https://www.ssv-zuffenhausen.de/freibad-baedle/

Die Existenz des „Bädle“ ist derzeit bedroht wegen Haushaltseinsparungen der Stadt Stuttgart. Wer helfen will, kann das hier tun: https://www.gofundme.com/f/rette-das-badle

Der Text ist eine aktualisierte Fassung der ersten Version aus dem Jahr 2023.

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Utes #Lesezeichen Nr. 5: Dreimal Tukur

Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 301 Seiten

ausgelesen am 16.2.2026

In großer Begeisterung hatte ich mir vor Weihnachten das Buch von Ulrich Tukur gekauft, einmal als Geschenk für eine liebe Bekannte, die meine Begeisterung für Tukur teilt, einmal für mich. Ja, und dann fand ich das Cover und die Optik des Buches einfach schön, und das ist sie natürlich noch immer.

Mit der Lektüre habe ich mich dann schon schwerer getan. Eine Geschichte, die in der Zukunft und Vergangenheit spielt, in Stuttgart, Paris und Südfrankreich, die ins Mystische abgleitet und doch reale Geschichtsbezüge aufweist.  Welch‘ ein Entwurf der Handlung, die ich hier nicht detailliert wiedergeben möchte, um niemandem Inhalte vorzugreifen. Doch über weite Strecken wechseln ständig die Blick- und Erzählwinkel des Erzählers, so wie Personen (mit leider oft ähnlichem Namen) die Rollen wechseln, und das in steter Folge. Fazit: ich bin innerlich immer wieder ausgestiegen, habe den Faden verloren, war mir unsicher, welche Person erlebt hier was. Vielleicht war diese Melange auch gewünscht, denn sind wir nicht die Guten, in denen auch immer das Böse schlummert? Ich finde das Buch dennoch lesenswert, und das Buch ist anders, als man es aufgrund des Klappentextes sich vorzustellen vermag.

Leseempfehlung: für Tukur – Fans, für Literaturjunkies, für Leser:innen, die gerne auch Ungewöhnliches versuchen wollen

 

Die Seerose im Speisesaal von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 246 Seiten

ausgelesen am 20.02.2026

Noch einmal Ulrich Tukur. Zwischen der Lektüre des letzten und diesem Buch liegen nur wenige Tage, v.a. aber eine Lesung mit Ulrich Tukur im Mozartsaal in Stuttgart. „Eine Nacht in Venedig“ – Texte, Lieder, Akkordeon. Tukur hat 20 Jahre mit seiner Frau in Venedig gelebt, spricht die Sprache und das italienische Leben.

Die an diesem Abend vorgetragenen Geschichten waren unterhaltsam, machten neugierig, stets an der Grenze zwischen „Ist das wirklich so passiert oder ist es Fantasie?“ Die wunderbaren Schwarzweiß-Bilder aus Venedig, die Melodien, die das rote Akkordeon und Tukurs Stimme in den Saal trugen, sie halfen mir zu einer Reise ans Mittelmeer, und ich schmeckte den Rotwein, genoss den Duft des Espresso und hörte das Plätschern des Wassers in der Lagune. Zuhause angekommen, war Lektüre Pflicht.

Und wenn ich vielleicht bei dem Roman „Der Ursprung der Welt“ etwas verhalten war, empfehle ich die venezianischen Geschichten. Die Sprache pointierter und doch fantasievoll, authentisch. Was Tukur beim Roman vielleicht nicht so richtig gelungen ist, in den Geschichten ist es vollendet.

Leseempfehlung: für Tukur Fans – für Venedigliebhaber:innen – für italophile Dolce vita Genießer:innen – für alle, die Literatur spannend finden….und nebenbei ein Glas guten Rotwein trinken

 

Die Spieluhr, eine Novelle von Ulrich Tukur, erschienen 2013 bei Ullstein, 151 Seiten

ausgelesen am 17.03.2026

Und noch ein dritter Tukur, vermutlich das schönste der drei Bücher! In der Novelle Die Spieluhr entfaltet Tukur wieder seine wirrende Technik des Wandels zwischen den Zeiten, wieder die Vermischung zwischen der Geschichte des letzten, vorletzten Jahrhunderts und dem Heute, diesmal offiziell unter der Fahne einer Verfilmung; wieder geht es um Frankreich und Deutschland. Der Film Séraphine von 2008 erzählt einen Ausschnitt des Lebens der französischen Künstlerin Séraphine de Senlis, einer der wichtigsten Vertreterinnen naiver Kunst in Frankreich. Im Film spielt Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle, nämlich die des Kunstsammlers Wilhelm Uhde, der in seiner Zugehfrau das Talent als Künstlerin entdeckt. Das Drehbuch und die Dreharbeiten haben Tukur wohl zu diesem Büchlein inspiriert, doch wie schon davor in seinen Werken, lässt mich die Lektüre tendenziell etwas verwirrt zurück, und so manches Mal hatte ich beim Lesen Probleme mit der Zuordnung der Personen und Zeiten. Aber vielleicht ist es nicht wichtig, es ist eine mystische Erzählung mit wahrem Kern.

Ganz besonders erwähnen möchte ich aber das Cover. Leinen, mit Golddruck.

Alle drei Bücher von Ulrich Tukur zeichnen sich durch besondere Cover aus, weil Tukur laut Recherche großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtkunstwerk legt. Sein Anspruch ist es wohl, dass Einband, Papier, Schrift und Sprache eine harmonische Einheit bilden. So wirken die Cover retrospektiv, wie ihr Inhalt, ja, er greift sogar häufig den literarischen Stil der letzten Jahrhunderte auf. Allein das schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Leseempfehlung: für alle Tukur Fans; für Menschen, die literarisch auch die Nicht-Klassiker lesen und Besonderes entdecken wollen; für VerehrerInnen in Referenz für Séraphine und die naive Kunst Frankreichs; für Liebhaber:innen schöner und sinnlicher Buchgestaltung

 

Mehr über Ulrich Tukur finden Sie hier.  

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Tag 13: Der böse Tod im Niemandsland

Tag 13 (28. Mai 2026)

Von Eisfeld bis Adelhausen

Südlich von Eisfeld spuckt mich der Bus an einem sehr deutschen Ort aus: Das buntgestrichene Gebäude nennt sich „Schlagerhotel“ und es glitzern die Discokugeln auf jedem Balkon, unweit davon wird ein restaurierter Grenzwachturm von den Straßenschlingungen der Autobahnausfahrt Eisfeld-Süd umarmt. Drei Stücke der Berliner Mauer stehen herum, mit Zertifikat. Und gleich daneben wartet eine große Tankstelle. Ich lasse diese Vielfalt auf mich wirken, verzichte aber auf den Besuch des Grenzturm-Museums; auch weil ich keine zwei Euro-Münzen parat habe, die für den automatisierten Eintritt benötigt würden.

Also unter der Autobahn hinweg. Das Dröhnen der Mobilität wird mit jedem Schritt leiser, und dann entführt mich der Kolonnenweg in eine Welt von sommerlich gleißender Schönheit. Es ist der  vielleicht landschaftlich beeindruckendste Abschnitt meiner bisherigen Wanderung. Das Tal und seine sanften Hügel (im Wanderführer lese ich, dass es „Haderleite“ heißt) ist vollkommen einsam, keine Straße, kein Auto, kein Haus von Horizont bis Horizont, nur wogendes Getreide, sattgrüne Wiesen, bunte Blumen, Schafe, ein paar Kühe. Stille. Rauschen der Blätter im Wind. Schwalben irgendwo weit über mir.

Vor mehr als fünfzig Jahren ereignete sich hier der Mord an zwei DDR-Grenzsoldaten. Mein westdeutsch geprägtes Gemüt nimmt das Gedenken an ihren Tod durch Organisationen wie „Verband zur Pflege der Tradition der NVA“ etwas DDR-nostalgisch wahr. Aber die Geschichte der Ereignisse belehrt mich, vorsichtig zu sein mit allzu schnellen Urteilen.

Außer dem Kolonnenweg ist von der alten Grenze nichts mehr zu sehen – solange, bis im hohen Gras mehrere Kreuze auftauchen. Die Geschichte, die sie erzählen, nimmt mich mit auf die andere Seite des Unrechts, dem ich hier schon so oft begegnet bin. Sie erinnern an zwei junge Grenzsoldaten, die hier am 19. Dezember 1975 von einem dritten – überraschend und ohne Chance auf Gegenwehr – erschossen worden sind. Der dritte war ein mehrfach vorbestrafter (u.a. wegen 54-fachem Autodiebstahl) DDR-Krimineller,  der hier unter Nutzung seiner Waffen, seiner Ortskenntnisse und des zugefrorenen Bodens in den Westen floh. Auch dort wurde bald nach ihm gefahndet, zwei Tage später wurde er weit entfernt in Recklinghausen festgenommen.

Die weitere Geschichte ist filmreif: Die DDR verlangte eine Auslieferung des Täters, was die Bundesrepublik unter Verweis auf die ihm dort drohende Todesstrafe verweigerte. Der Prozess wurde dem Mann also in Westdeutschland gemacht und endete mit einem Freispruch, da die ostdeutschen Behörden die Bereitstellung belastenden Materials an die westdeutsche Justiz zunächst beleidigt verweigerten. Für die zweite Instanz überlegten sie es sich anders, was zu einer Verurteilung des geflüchteten Kriminellen zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis führte. Im Jahr 1982 wurde er freigelassen. Nach dem Mauerfall fanden sich Dokumente, die zeigten, dass die Staatssicherheit Pläne hatte, den Mann im Westen ermorden zu lassen. Umgesetzt wurden sie nicht. Der Mann beschäftigte weiter die Justiz, musste 2005 erneut in Haft; dennoch urteilte er im Jahr 2018: „Alles in allem kann ich nicht meckern. Die Strafjustiz ist eher milde mit mir umgegangen“ (lt. einem Zeitungsbericht vom Mai 2024, der an einen Baum bei der Gedenkstätte geheftet wurde). Anfang 2024 ist er gestorben.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und in einem Videospiel wurde seine dramatische Flucht zur Vorlage für fragwürdige Vergnügungen.

Weniger prominent blieben die Namen seiner beiden Opfer, die an dieser Stelle, hier im Niemandsland, ihren bösen, kalten Tod fanden. Sie hießen Jürgen Lange und Peter Seidel, waren 20 und und 21 Jahre alt. Ihre Geschichte ist eine gänzlich andere als die vielen, denen ich auf meinem Weg bereits begegnet bin. Es war ein Tod im Dienst ihres Staates, den sie sich nicht ausgesucht hatten, der sie an dieser Stelle ereilte, erschöpft und müde, bei minus zwanzig Grad, kurz vor Weihnachten.

Den Grenzsoldaten Jürgen Lange und Peter Seidel gehören meine Gedanken.

 

Distanz: 9,7 Kilometer, 13.800 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des flüchtenden Werner Weinhold und seiner beiden Opfer Jürgen Lange und Peter Seidel ist sehr gut aufgearbeitet in einem Text des Bundesarchivs. 

 

Tag 12: Mauer bröckelt, Kriegerdenkmal steht

Tag 12 (27. Mai 2026)

Vom Froschgrundsee bis Rottenbach

Blitzblank glitzernd liegt das Staugewässer mit dem originellen Namen „Froschgrundsee“ in der Sonne. Die Staumauer liegt auf der bayerischen Seite der Grenze, und sie dient vor allem dem Hochwasserschutz von Coburg. Als der See 1986 entstand, musste mit der DDR vereinbart werden, dass das Wasser sich auch auf thüringisches Gebiet ausbreiten würde – was dem  devisenklammen Staat einige Millionen einbrachte. Heute ist er ein Naherholungsparadies für Menschen aus Oberfranken wie aus Thüringen, seit 2011 überspannt von einer eleganten Brücke für den ICE aus Berlin Richtung München.

Ein paar Kilometer weiter steht eine Mauer mitten auf der Wiese in einer Straßenbiegung. Ein bröckelnder Rest bietet Insekten ein löchriges Zuhause. Das aus Thüringer Sicht davor liegende Dorf Görsdorf ist nur wenige Meter von der Grenze entfernt, mit dreitausend Einwohnern war es zu groß für eine Evakuierung. Das Schicksal, begafft zu werden aus dem Westen, das wollte man ihnen ersparen – die Mauer diente weniger der Sicherheit des Staates, als dem Blickschutz der Menschen. Heute schützt sie nichts mehr, sie ist selbst Denkmal-geschützt. Als ich mich herumwende, sehe ich einen kleinen Schrottplatz; im hohen Gras verrotten zwei Trabis.

Deutsche Geschichten: Die löchrige Mauer bei Görsdorf hat keine Funktion mehr, und die Trabis auch nicht, die wenige Meter entfernt verrotten.

Ich wandere weiter in das bayerische Rottenbach. Dort habe ich Zeit, die evangelische Kirche zu besichtigen, die zu meiner Überraschung offensteht. Der Friedhof um sie herum ist leergeräumt – nur das Denkmal für die Toten der Weltkriege steht noch. Ich denke über Prioritäten nach, und über die Frage, ob heute wohl ein Bus laut Fahrplan kommen wird. Gestern in Rückerswind hatte ich vergeblich gewartet. Dann biegt er um die Ecke, ein Linienbus in voller Größe und Pracht, pünktlich und vollkommen leer. Ich bleibe der einzige Passagier Richtung Coburg.

 

Distanz: 10,7 Kilometer, 15.600 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 12

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Mehr über den Froschgrundsee finden Sie z.B. bei Wikipedia. 

 

 

Tag 11: Nichts mehr zu sehen am Generalsblick

Tag 11 (26. Mai 2026)

Von der „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg bis Rückerswind

Es ist hochsommerlich in diesen späten Mai-Tagen, viel zu früh viel zu warm. Der Wald schützt, und ein leichter Wind streicht auch gelegentlich über die Felder, aber steile Anstiege auf dem Kolonnenweg fordern mich auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Der Berg wird „Isaak“ genannt, ein Muschelkalk-Hügel, in Jahrtausenden abgeschliffen von Wetter, Wind und allen anderen Kräften der Evolution.

Dann, kurze achtundzwanzig Jahre lang, von 1961 bis 1989, trug er an seinen Hängen die Vorzeige-Grenzanlagen der DDR. Der Wald war zum Militärgebiet erklärt worden, niemand durfte hier mehr wandern. Die ganze Breite der DDR-Sperranlagen mit Stacheldraht, Minenstreifen, Selbstschussanlagen durchzog den Hang und war vom Gipfel des Isaak so gut einzusehen, dass eigene und sozialistisch-befreundete Grenzverantwortliche höchster Ränge immer wieder dorthin gefahren wurden, um vorzuführen, was deutsche Gründlichkeit beim Aufbau sicherer Grenzen zu leisten imstande ist. Im Volksmund wurde der zu Vorführzwecken kahlgerodete Gipfel daher „Generalsblick“ genannt.

Nichts mehr zu sehen vom Stolz der Grenzsoldaten: Die Natur hat sich alles zurückerobert, was auf dem Berg Isaak einmal als Schneise zur Grenzsicherung geschlagen wurde, um hohen Militärs aus dem In- und Ausland vorzuführen, wie eine gut gesicherte Grenze aussehen muss.

Nichts davon ist übrig. Der Blick vom Hügel ist jetzt nur noch ein Blick ins Grüne, zugewachsen ist die Lücke, die man der Natur einst zugefügt hatte. Nur der gut ausgebaute Kolonnenweg, die flächig ausgelegte Boden-Lochplattenversammlung rund um den Gipfel erinnert noch daran, dass hier einst schwere Jeeps hochgefahren sind, aus Stolz auf eine Grenze, die es nicht mehr gibt.

Der Wald wächst nach und schweigt.

Distanz: 14,4 Kilometer, 20.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: eine Frau mit Hund

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Utes #Lesezeichen Nr. 4: Luft zum Leben

Luft zum Leben von Helga Schubert, erschienen bei dtv, 288 Seiten

ausgelesen am 31.1.2026

Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass ich Helga Schubert persönlich treffen konnte. Ich bin dankbar, dass ich Texte von ihr kennenlernen konnte. Beides war und ist ein großes Geschenk in meinem Leben.

2020 erhielt Helga Schubert im Alter von 80 Jahren im zweiten Anlauf den renommierten Ingeborg-Bachmann –Preis für ihre Geschichte „Vom Aufstehen“. Ein umfangreiches, fast lebenslanges Schreib- und Literaturleben lag da schon hinter ihr, auch etliche Veröffentlichungen, aber auch Repressalien in der ehemaligen DDR. Sie war vom DDR-Sicherheitsdienst als „feindlich-negativ“ eingestuft worden und unter stetiger Beobachtung. Doch stets stand sie zu ihrem Wort, zu Kritik und Widerstand, und behielt ihre Authentizität, ließ sich nicht beugen.

In meiner Lektüre folgten dann schnell das „Stundenbuch der Liebe“, eine Geschichte, ein tagebuchartiger Bericht über die Betreuung und Pflege ihres hochbetagten und an demenzerkrankten Ehemanns; ein Buch, dessen Inhalt und schonungslose Ehrlichkeit mir schon viel Respekt abverlangte einschließlich ihrer Disziplin, in den wenigen Momenten zu schreiben, wenn ihr Mann schlief und sie Ruhe gehabt hätte, auch nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden.

Als 2025 das neue Buch „Luft zum Leben“ erschien, Texte aus sieben Jahrzehnten, war ich zunächst ein wenig zögerlich mit dem Kauf und hatte gehofft, dass es über den weihnachtlichen Gabentisch den Weg zu mir finden würde. Tat es aber nicht. Und so kam der 14.1.2026, und mit ihm der Termin für eine Lesung mit Helga Schubert im Literaturhaus in Stuttgart, und natürlich gingen wir hin, und natürlich kaufte ich mir das Buch und ließ es signieren.

Schon die ausgewählten Texte flashten mich; das freundliche Lächeln dieser mittlerweile 86jährigen Frau, die Kraft, die sie ausstrahlte, schienen mich persönlich zu meinen. Ja, wenn Altern so gelingen darf, wünsche ich es mir auch. Wach, ungebrochen, nicht aufgebend trotz physischem und psychischem Unbill. Die Lektüre des Buches startete noch zu später Uhrzeit am gleichen Abend. Jeder Text saß. Die Klarheit der Sprache, schnörkellose Erlebnisschilderungen. Egal, ob sie den Text mit 20 oder 86 geschrieben hatte.

Ich bin dankbar für den Mut, den ich aus all den Texten lesen und zu meinem eigenen machen durfte.

Absolute Leseempfehlung: Für Männer und Frauen jeder Altersstufe – Für politisch Interessierte – Für Anhänger guter Sprache – Für Menschen, die leben und lieben.

Mehr über Luft zum Leben von Helga Schubert finden Sie hier, mehr über das Leben von Helga Schubert hier. 

Utes weitere #LeseZeichen finden Sie hier. 

Utes #LeseZeichen Nr. 3: Ein Seelenroman, aber …

Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda, erschienen bei Penguin, 2022, 379 Seiten

leider nicht zu Ende gelesen am 14.1.2026

Da liegt nun seit wenigen Wochen das Buch auf meinem Lesestapel und verspricht mir höchsten Lesegenuss. Ich hatte es mehr zufällig bei einer Literaturbesprechung entdeckt, und war sofort auf den Inhalt abgefahren: die Geschichte der ersten Obergärtnerin Deutschlands, Else Hoffa aus Würzburg, die in Hamburg Blankenese einen bis heute bekannten Garten eines jüdischen Bankiers anlegt, schließlich selbst nach London vor dem Naziregime flüchten muss, und nur noch einmal 1957 nach Deutschland zu ihrem Garten zurückkehrt. Ein Biographieroman, eigentlich schon mein Beuteschema, tolles Thema, Garten, Hamburg, Emanzipation. Zudem hatte ich vor- her noch eine Leseempfehlung von meiner Büchernichte bekommen, da konnte doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Ja, und dann: lese und lese ich, und ich merke, wie ich mir immer wieder Zweitlektüre besorge (ich lese öfter mehrere Bücher parallel, aber eigentlich nur, wenn die Hauptlektüre mich nicht zu 100% packt ….). Ja, und dann keine Lust mehr verspüre, dranzubleiben. Und der Grund ist nicht der Inhalt – weiß Gott nicht! – aber die Sprache, nein, die Sprache, die Dialoge sind leider oft sehr schwach, manchmal langweilig, ohne Spannungsbogen. Seit Jahren fällt mir auf, dass ich so anspruchsvoll geworden bin, mein Literaturgeschmack verwöhnt durch die sprachliche Präzision eines Hesse, Mann oder v.a. Stefan Zweig (der Beste). Natürlich gibt es viel Gegenwartsliteratur, die sich an neuen Sprachmodellen versucht, das finde ich oft interessant, aber so ein schöner Seelenroman, ideal für die abendliche Lektüre, Futter für die Nachtseele, und dann diese einfache Sprache. Es tut mir leid zu sagen, dass ich das Buch nicht zum Ende brachte.

Leseempfehlung: für Gartenliebhaber – Menschen, die von ungewöhnlichen Frauen mehr lesen wollen – Hamburgfans – Biografiejunkies

Mehr über Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda finden Sie hier. 

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