Tag 16: Gesamtdeutscher Straßenbau

Tag 16 (16. September 2026)

Von Ummerstadt bis Lindenau (beides Gemeinde Heldburg)

Es hat geregnet, und auf dem frischen Asphalt zischen die Autos zügig über die Grenze zwischen dem bayerischen Dorf Autenhausen und dem thüringischen Lindenau vorbei.

Ein Beitrag zum Stand der deutschen Einheit – gesehen an der Gedenkstätte zum Grenzübergang zwischen Autenhausen und Lindenau.
Im Herbst 1989 forderten die Bürger in Lindenau ihren eigenen Grenzübergang nach Bayern. Gebaut haben sie ihn sich dann selbst.

Die Geschichte dieses Übergangs ist besonders. Die beiden Dörfer liegen nur wenige Kilometer auseinander, waren aber vierzig Jahre durch die Grenzanlagen getrennt. Im Tumult der zusammenbrechenden DDR hatte der Übergang hier keine Priorität und so bauten sich die Menschen ihn selbst. Eröffnet wurde er im Dezember 1989. Möglich wurde das nur, weil westdeutsche Baufirmen die rechtlich nicht vorgesehene Straße heimlich auch auf der DDR-Seite als Schotterpiste auswalzten. Der Osten hatte dafür keine Kapazitäten, und das westdeutsche Straßenbauamt sah sich nicht in der Lage, „im Ausland zu arbeiten“.

Die Geschichte wird anschaulich erzählt am Übergang, mit vielen historischen Fotos, einem Stück Grenzzaun, einer gemauerten Bank und dem auf meiner Wanderung ersten – und bisher einzigen – gesamtdeutschen, schwarz-rot-gold bemalten Mülleimer.

 

Distanz: es wären etwa 9 Kilometer gewesen; aber wegen einer kleinen Verletzung war ich gehandicapt und bin Teile der Strecke mit dem Auto gefahren, ca. 6.000 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine, siehe oben

Jäger-Hochsitze am Weg: keine, siehe oben

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Tag 15: Drei Lost Places an einem Tag

Tag 15 (15. September 2026)

Von Holzhausen bis Ummerstadt (beides Gemeinde Heldburg)

Drei verlorene Orte, in ihrer Unterschiedlichkeit Zeitzeugen für deutsche Geschichte – alle drei an einem Tag entlang der heutigen Landesgrenze Bayern/Thüringen:

Gedenkstätte Billmuthausen: Ich bin völlig alleine dort, wo das Gras in der Sonne wogt und der Wind in den Bäumen raschelt. Zu sehen sind Reste eines alten Rittergutes, das sich über sechshundert Jahre zu einem Dorf entwickelt hatte. Dann genügten die Sicherheitsinteressen der DDR, den Ort innerhalb von knapp vierzig Jahren dem Erdboden gleich zu machen. Der Vorwurf: Zu nah an der Grenze. Übrig geblieben sind eine Gedächtniskapelle, Reste eines Friedhofs, Gedenktafeln, ein ehemaliger Grenzturm, der jetzt der Naturbeobachtung dient. Bleierne Stille lastet auf diesem Ort, und die Mühe, diese Gedenkstätte zu pflegen, sie dem Verfall zu entreißen, erzählt viel über den Schmerz, der hier einmal verspürt wurde.

Das Unkraut wuchert, Totenstille hinter den Glasfassaden: Therme und Kurklinik in Bad Colberg sind ein Lost Place – und auch eine gewaltige Investitionsruine.

Dann der Kurort Bad Colberg: Mein Wanderführer, erschienen im Jahr 2020, schwärmt von der neuerbauten Therme und dem schönen Terrassen-Cafe. Ich stehe sprachlos vor gewaltigen Glasfassaden – einer Rehaklinik, die einmal 300 Betten hatte, alles Neubauten aus den 90er Jahren – alles geschlossen. Im Inneren sind die Großpflanzen vertrocknet, die Möbel zusammengeschoben. Unkraut sprießt aus den Ritzen der Außenanlagen. Während ich recherchiere, dass Klinik und Therme Anfang 2024 wegen fehlender Wirtschaftlichkeit ihren Betrieb eingestellt haben, dass es vage Pläne für eine Umgestaltung zum Luxushotel gäbe, rollt ein Motorrad heran. „Ich war Grenzsoldat, und später hier als Patient“, erzählt mir der Biker. „Und jetzt? Sehen Sie sich das an!“ Ich sehe – und denke an die Wahlerfolge der Rechtsradikalen in Thüringen.

Das einzige Ladengeschäft im Zentrum von Ummerstadt ist eine Bäckerei – geöffnet an vier Tagen in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Nur Bares ist Wahres!

Schließlich Ummerstadt: Die kleinste Stadt Thüringens, 500 Einwohner. Ein herausgeputztes Fachwerk-Idyll wie aus einem deutschen Bilderbuch. Schon zu DDR-Zeiten führte die Grenznähe zu rapidem Einwohnerverlust. Seither wurde das Fachwerk renoviert, aber die Gaststätte ist zu, und Läden gibt es keine. Die Bäckerei am Marktplatz öffnet vier Tage in der Woche von sechs bis zehn Uhr. Als ich vorbeikomme, sitzen drei Jugendliche auf den Treppenstufen des Rathauses. Sie grüßen mich fröhlich und sind sonst in ihre Handys vertieft. Was soll sie hier halten?

Distanz: es wären etwa 12 Kilometer gewesen; aber wegen einer kleinen Verletzung war ich gehandicapt und bin Teile der Strecke mit dem Auto gefahren, ca. 5.000 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine, siehe oben

Jäger-Hochsitze am Weg: keine, siehe oben

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Tag 14: Fiktion und Realität von Widerstand

Tag 14 (14. September 2026)

Von Adelhausen (Gemeinde Straufhain) bis Holzhausen (Gemeinde Heldburg)

Der Kolonnenweg ist ein Erlebnispfad für ambivalente Geschichten. Diesmal führt er mich nach Streufdorf – und zurück in das Jahr 1952. In den Kinos der DDR läuft genau in diesen Tagen der Film „Das verurteilte Dorf“, heute als „Propagandastreifen“ disqualifiziert, damals aber erfolgreich und mit sozialistischen Filmpreisen geehrt. Das „verurteilte“ fränkische Dorf „Bärenweiler“ ist Fiktion, aber die Geschichte nicht völlig aus der Luft gegriffen: Im heraufziehenden Kalten Krieg beschließt die amerikanische Besatzungsmacht, dort – westlich der Grenze – einen grenznahen Militärflugplatz zu errichten, wo „Bärenweiler“ liegt. Die Menschen wehren sich, am Ende sind sie – daher Propaganda – damit sogar erfolgreich.

Gedenktafel in der Kirche von Streufdorf

Es wirkt wie ein Witz, aber genau zu dieser Zeit, als „Das verurteilte Dorf“ die Kinos der sowjetisch besetzten Zone füllte, startete die DDR-Führung die Aktion „Ungeziefer“ – eine gewaltsame Umsiedlung von politisch als unzuverlässig eingeschätzten Bewohnern der Dörfer in Grenznähe – jetzt östlich des Grenzstreifens. Das Muster solcher Aktionen war überall gleich: Im Morgengrauen rollten LKW heran, Volkspolizisten gewährten den betroffenen Familien zwei Stunden , das nötigste zusammenzuraffen, dann wurden sie mit ihrem ganzen Hab und Gut zwangsumgesiedelt in grenzferne Ersatzwohnungen. An vielen Orten führte das zu Protesten, an manchen – wie beispielsweise in Liebau – zu kollektiver Flucht in den Westen. Aber im thüringischen Streufdorf, das ich heute durchwandere, da gab es zur Überraschung der Staatsmacht organisierten Widerstand. Die Kirchenglocken läuteten Alarm, Lehrer forderten die Schüler auf, die schon halb beladenen LKWs wieder leerzuräumen und die Möbel zurückzustellen, es wurden Barrikaden errichtet. Erst der Einsatz von mehreren Hundert herbeigerufenen Soldaten, von Feuerwehrmännern, die ihre Fahrzeuge als Wasserwerfer einsetzten und brutaler Gewalt berittener Polizei konnte nach einem Tag den Widerstand in Streufdorf am 5. Juni 1952 brechen. Insgesamt achtzehn Familien wurden im Ergebnis zwangsweise ausgesiedelt, zehn mehr als geplant, weil man die Anführer des Protestes auch gleich einpackte. Viele davon verbrachten zum Teil mehrere Jahre im Gefängnis, darunter der Bürgermeister, der damals empört den Polizisten und Soldaten zurief: „Denkt an das verurteilte Dorf!“

…gesehen am Wegesrand

Der Kolonnenweg führt mich weiter Richtung Süden, wieder einmal durch völlige Einsamkeit. Kurz vor meinem Tagesziel kann ich es kaum glauben: Ein privates Auto steht auf dem Kolonnenweg. Es sind zwei junge Burschen beim Pilzesammeln. „Zu mühsam, durch den Wald zu streifen“, erklären sie mir, „wir sehen die Pilze vom Auto aus und holen sie ab. Hier läuft ja eh niemand.“

 

 

 

Distanz: 13,9 Kilometer, 19.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: vier, plus zwei Pilzsammler im Auto

Jäger-Hochsitze am Weg: 24

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des Films „Das verurteilte Dorf“ finden Sie hier 

Tag 13: Der böse Tod im Niemandsland

Tag 13 (28. Mai 2026)

Von Eisfeld bis Adelhausen

Südlich von Eisfeld spuckt mich der Bus an einem sehr deutschen Ort aus: Das buntgestrichene Gebäude nennt sich „Schlagerhotel“ und es glitzern die Discokugeln auf jedem Balkon, unweit davon wird ein restaurierter Grenzwachturm von den Straßenschlingungen der Autobahnausfahrt Eisfeld-Süd umarmt. Drei Stücke der Berliner Mauer stehen herum, mit Zertifikat. Und gleich daneben wartet eine große Tankstelle. Ich lasse diese Vielfalt auf mich wirken, verzichte aber auf den Besuch des Grenzturm-Museums; auch weil ich keine zwei Euro-Münzen parat habe, die für den automatisierten Eintritt benötigt würden.

Also unter der Autobahn hinweg. Das Dröhnen der Mobilität wird mit jedem Schritt leiser, und dann entführt mich der Kolonnenweg in eine Welt von sommerlich gleißender Schönheit. Es ist der  vielleicht landschaftlich beeindruckendste Abschnitt meiner bisherigen Wanderung. Das Tal und seine sanften Hügel (im Wanderführer lese ich, dass es „Haderleite“ heißt) ist vollkommen einsam, keine Straße, kein Auto, kein Haus von Horizont bis Horizont, nur wogendes Getreide, sattgrüne Wiesen, bunte Blumen, Schafe, ein paar Kühe. Stille. Rauschen der Blätter im Wind. Schwalben irgendwo weit über mir.

Vor mehr als fünfzig Jahren ereignete sich hier der Mord an zwei DDR-Grenzsoldaten. Mein westdeutsch geprägtes Gemüt nimmt das Gedenken an ihren Tod durch Organisationen wie „Verband zur Pflege der Tradition der NVA“ etwas DDR-nostalgisch wahr. Aber die Geschichte der Ereignisse belehrt mich, vorsichtig zu sein mit allzu schnellen Urteilen.

Außer dem Kolonnenweg ist von der alten Grenze nichts mehr zu sehen – solange, bis im hohen Gras mehrere Kreuze auftauchen. Die Geschichte, die sie erzählen, nimmt mich mit auf die andere Seite des Unrechts, dem ich hier schon so oft begegnet bin. Sie erinnern an zwei junge Grenzsoldaten, die hier am 19. Dezember 1975 von einem dritten – überraschend und ohne Chance auf Gegenwehr – erschossen worden sind. Der dritte war ein mehrfach vorbestrafter (u.a. wegen 54-fachem Autodiebstahl) DDR-Krimineller,  der hier unter Nutzung seiner Waffen, seiner Ortskenntnisse und des zugefrorenen Bodens in den Westen floh. Auch dort wurde bald nach ihm gefahndet, zwei Tage später wurde er weit entfernt in Recklinghausen festgenommen.

Die weitere Geschichte ist filmreif: Die DDR verlangte eine Auslieferung des Täters, was die Bundesrepublik unter Verweis auf die ihm dort drohende Todesstrafe verweigerte. Der Prozess wurde dem Mann also in Westdeutschland gemacht und endete mit einem Freispruch, da die ostdeutschen Behörden die Bereitstellung belastenden Materials an die westdeutsche Justiz zunächst beleidigt verweigerten. Für die zweite Instanz überlegten sie es sich anders, was zu einer Verurteilung des geflüchteten Kriminellen zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis führte. Im Jahr 1982 wurde er freigelassen. Nach dem Mauerfall fanden sich Dokumente, die zeigten, dass die Staatssicherheit Pläne hatte, den Mann im Westen ermorden zu lassen. Umgesetzt wurden sie nicht. Der Mann beschäftigte weiter die Justiz, musste 2005 erneut in Haft; dennoch urteilte er im Jahr 2018: „Alles in allem kann ich nicht meckern. Die Strafjustiz ist eher milde mit mir umgegangen“ (lt. einem Zeitungsbericht vom Mai 2024, der an einen Baum bei der Gedenkstätte geheftet wurde). Anfang 2024 ist er gestorben.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und in einem Videospiel wurde seine dramatische Flucht zur Vorlage für fragwürdige Vergnügungen.

Weniger prominent blieben die Namen seiner beiden Opfer, die an dieser Stelle, hier im Niemandsland, ihren bösen, kalten Tod fanden. Sie hießen Jürgen Lange und Peter Seidel, waren 20 und und 21 Jahre alt. Ihre Geschichte ist eine gänzlich andere als die vielen, denen ich auf meinem Weg bereits begegnet bin. Es war ein Tod im Dienst ihres Staates, den sie sich nicht ausgesucht hatten, der sie an dieser Stelle ereilte, erschöpft und müde, bei minus zwanzig Grad, kurz vor Weihnachten.

Den Grenzsoldaten Jürgen Lange und Peter Seidel gehören meine Gedanken.

 

Distanz: 9,7 Kilometer, 13.800 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des flüchtenden Werner Weinhold und seiner beiden Opfer Jürgen Lange und Peter Seidel ist sehr gut aufgearbeitet in einem Text des Bundesarchivs. 

 

Tag 12: Mauer bröckelt, Kriegerdenkmal steht

Tag 12 (27. Mai 2026)

Vom Froschgrundsee bis Rottenbach

Blitzblank glitzernd liegt das Staugewässer mit dem originellen Namen „Froschgrundsee“ in der Sonne. Die Staumauer liegt auf der bayerischen Seite der Grenze, und sie dient vor allem dem Hochwasserschutz von Coburg. Als der See 1986 entstand, musste mit der DDR vereinbart werden, dass das Wasser sich auch auf thüringisches Gebiet ausbreiten würde – was dem  devisenklammen Staat einige Millionen einbrachte. Heute ist er ein Naherholungsparadies für Menschen aus Oberfranken wie aus Thüringen, seit 2011 überspannt von einer eleganten Brücke für den ICE aus Berlin Richtung München.

Ein paar Kilometer weiter steht eine Mauer mitten auf der Wiese in einer Straßenbiegung. Ein bröckelnder Rest bietet Insekten ein löchriges Zuhause. Das aus Thüringer Sicht davor liegende Dorf Görsdorf ist nur wenige Meter von der Grenze entfernt, mit dreitausend Einwohnern war es zu groß für eine Evakuierung. Das Schicksal, begafft zu werden aus dem Westen, das wollte man ihnen ersparen – die Mauer diente weniger der Sicherheit des Staates, als dem Blickschutz der Menschen. Heute schützt sie nichts mehr, sie ist selbst Denkmal-geschützt. Als ich mich herumwende, sehe ich einen kleinen Schrottplatz; im hohen Gras verrotten zwei Trabis.

Deutsche Geschichten: Die löchrige Mauer bei Görsdorf hat keine Funktion mehr, und die Trabis auch nicht, die wenige Meter entfernt verrotten.

Ich wandere weiter in das bayerische Rottenbach. Dort habe ich Zeit, die evangelische Kirche zu besichtigen, die zu meiner Überraschung offensteht. Der Friedhof um sie herum ist leergeräumt – nur das Denkmal für die Toten der Weltkriege steht noch. Ich denke über Prioritäten nach, und über die Frage, ob heute wohl ein Bus laut Fahrplan kommen wird. Gestern in Rückerswind hatte ich vergeblich gewartet. Dann biegt er um die Ecke, ein Linienbus in voller Größe und Pracht, pünktlich und vollkommen leer. Ich bleibe der einzige Passagier Richtung Coburg.

 

Distanz: 10,7 Kilometer, 15.600 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 12

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Mehr über den Froschgrundsee finden Sie z.B. bei Wikipedia. 

 

 

Tag 11: Nichts mehr zu sehen am Generalsblick

Tag 11 (26. Mai 2026)

Von der „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg bis Rückerswind

Es ist hochsommerlich in diesen späten Mai-Tagen, viel zu früh viel zu warm. Der Wald schützt, und ein leichter Wind streicht auch gelegentlich über die Felder, aber steile Anstiege auf dem Kolonnenweg fordern mich auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Der Berg wird „Isaak“ genannt, ein Muschelkalk-Hügel, in Jahrtausenden abgeschliffen von Wetter, Wind und allen anderen Kräften der Evolution.

Dann, kurze achtundzwanzig Jahre lang, von 1961 bis 1989, trug er an seinen Hängen die Vorzeige-Grenzanlagen der DDR. Der Wald war zum Militärgebiet erklärt worden, niemand durfte hier mehr wandern. Die ganze Breite der DDR-Sperranlagen mit Stacheldraht, Minenstreifen, Selbstschussanlagen durchzog den Hang und war vom Gipfel des Isaak so gut einzusehen, dass eigene und sozialistisch-befreundete Grenzverantwortliche höchster Ränge immer wieder dorthin gefahren wurden, um vorzuführen, was deutsche Gründlichkeit beim Aufbau sicherer Grenzen zu leisten imstande ist. Im Volksmund wurde der zu Vorführzwecken kahlgerodete Gipfel daher „Generalsblick“ genannt.

Nichts mehr zu sehen vom Stolz der Grenzsoldaten: Die Natur hat sich alles zurückerobert, was auf dem Berg Isaak einmal als Schneise zur Grenzsicherung geschlagen wurde, um hohen Militärs aus dem In- und Ausland vorzuführen, wie eine gut gesicherte Grenze aussehen muss.

Nichts davon ist übrig. Der Blick vom Hügel ist jetzt nur noch ein Blick ins Grüne, zugewachsen ist die Lücke, die man der Natur einst zugefügt hatte. Nur der gut ausgebaute Kolonnenweg, die flächig ausgelegte Boden-Lochplattenversammlung rund um den Gipfel erinnert noch daran, dass hier einst schwere Jeeps hochgefahren sind, aus Stolz auf eine Grenze, die es nicht mehr gibt.

Der Wald wächst nach und schweigt.

Distanz: 14,4 Kilometer, 20.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: eine Frau mit Hund

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Tag 10: Zeitenwenden und Geschäftsmodelle

Tag 10 (6. März 2026)

Von Sichelreuth bis zur „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg

Nach mehr als einem halben Jahr Pause zurück am „Grünen Band“: Kühle Frühlingsluft streicht über die noch kahlen Felder, stahlblauer Himmel, noch keine Blätter an den Sträuchern, aber Haselnussblüten und erste Weidenkätzchen. Ich fühle Frühlingsglück und erinnere mich an die Gluthitze meines letzten Wandertages im Juli 2025. Bald ist jene Stelle auf dem Kolonnenweg erreicht, an der diese Etappe geendet hatte: erschöpft war der überhitzte Wanderer, Flammen zügelten links und rechts des Weges. Nun zeigt der Wald letzte Spuren jenes Brandes, der mich damals aufhielt. Im Sommer wird nichts mehr davon zu sehen sein.

Ausgelöscht: Mehr als 600 Jahre standen Häuser in Liebau – auch noch bis 1975. Dann walzte die DDR-Regierung alles nieder. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an den Ort.

Erstes Innehalten in Liebau. Ein Gedenkstein erinnert an einen Ort, der immerhin seit 1317 bestand, dann aber den Folgen des zweiten Weltkrieges erlegen war. Nichts mehr zu sehen von einem Dorf, das zweimal leergeräumt wurde.  Die erste Entvölkerung war eine Flucht: Komplett alle Bewohner des Dorfes siedelten am 5. Juni 1952 mit Sack und Pack in die amerikanische Besatzungszone wenige hundert Meter westlich um. Eine konzertierte Protestaktion war das gegen die Entscheidung vom Vorabend, dass sie zum sowjetisch besetzten Thüringen, und nicht zum amerikanisch verwalteten Bayern gehören sollten. Eine Flucht ohne Wiederkehr. Die DDR siedelte bald neue,  nun linientreue Bewohner in Liebau an, baute ihnen sogar ein neues Kulturhaus, bis die Staatsführung 1972 beschloss, dass die Nähe zum Todesstreifen doch noch immer zu viel Risiko der Illoyalität bedeuten würde. Alle mussten weg und die Häuser wurden 1975 dem Erdboden gleichgemacht. Vierzehn Jahre später war der ganze Staat platt, der solche Entscheidungen traf.

Leergeräumt: Das Geschäftsmodell des Gasthofes Bergmühle ist seit 35 Jahren zerstört. Es gibt nichts mehr zu sehen von der Terrasse aus, was nach Grenze aussieht.

Ein paar Kilometer weiter ist auf westlicher Seite der früheren Grenze das Ersterben eines Geschäftsmodells zu besichtigen. Das Gasthaus „Bergmühle“ steht leer, einst war es beliebter Ausflugsort vom bayerischen Coburg aus, um bei Kaffee und Kuchen von der erhöht liegenden Terrasse hinüberblicken zu können auf das Grenz-Grauen der ostdeutschen Brüder und Schwestern. Nun steht das stattliche Gebäude am Waldrand leer, ein Bauschuttcontainer wartet auf seinen Einsatz. Die Straße, die früher unterbrochen war, braust achtlos vorbei.  Das leere Gasthaus ist Symbol für eine Zeitenwende und ihre wirtschaftlichen Folgen und lässt mich nachdenken darüber, wie oft uns heute der Mut fehlt, Veränderungen gestaltend anzunehmen, anstatt ihnen nachzutrauern.

Das Gegenstück dazu ist die „Gebrannte Brücke“ zwischen Neustadt b. Coburg und Sonneberg. Nichts erinnert an die angeblich verkohlten Brücken-Holzpfosten, die dem Ort ihren Namen gaben. Aber zwei Erinnerungstafeln erzählen seine Geschichte. Hier war das Ende der Welt für beide Seiten, aber am 1. Juni 1990  unterzeichneten hier die Staatsminister Schäuble und Diestel den Vertrag, der vier Monate vor der Vereinigung generell auf innerdeutsche Grenzkontrollen verzichtete. Heute stehen Supermärkte und Einkaufszentren links wie rechts des früheren Todesstreifens. Diese Zeitenwende ermöglichte neue Geschäftsmodelle. Und der Begriff „Kohle machen“ hat an der „Gebrannten Brücke“ somit eine ganz moderne Bedeutung gefunden.

 

Distanz: 17,5 Kilometer, 24.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: 2 Waldarbeiter; ein größerer Teil der Strecke ist ausgebauter Radweg – dort viele Begegnungen mit Radfahrern

Jäger-Hochsitze am Weg: 15

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Tag 9: Hitzestress und Blaulicht

Tag 9 (1. Juli 2025)

Von Neuhaus-Schierschnitz bis – irgendwo zwischen Rotheul und Mogger

Es war möglicherweise von Anfang an keine gute Idee, an diesem Tag überhaupt zu wandern. Angesagt war „extreme Hitze“, aber die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit dem Kolonnenweg paarte sich mit der Hoffnung, im Wald werde es schon nicht so heiß werden wie in der glühenden Großstadt.

Aber Wandern im Hitzestress ist dann doch eine größere Herausforderung als erwartet. Der Weg entlang der Grenze führt rund um Sonneberg, der alten thüringischen Spielzeugstadt, die wie eine Halbinsel ins bayerische Oberfranken hineinragt. Sonneberg war zu DDR-Zeiten vom Rest der Welt abgeschnitten – nach Süden lag der Todesstreifen, und nach Norden wurde jede und jeder streng kontrolliert, der in diese grenznahe Stadt einreisen wollte.

Der Grenzweg führt auch, aber nicht nur durch Wald. Auf freiem Feld wogen links und rechts die Ähren im heißen Hauch; erleichternd ist jede Luftbewegung, auch wenn sie schnell wieder erstirbt. Traumhaft schön durchziehen die unterschiedlichen Grade der Reifung das weite Gerstenfeld und lassen es im gnadenlosen Glanz der Sonne zwischen blassgrün und goldgelb schimmern. Darüber ein makelloser Himmel. Weit vorne flüchten Rehe aus dem Korn in das schützende Gebüsch. Was trinkt Rotwild an solchen Tagen?

Wie Schatten ziehen sich die Grade der Reifung durch das Gerstenfeld. Vom Himmel brennt die Sonne.

Bei der Mittagspause auf einer schattigen Bank zeigt das Handy 33 Grad Temperatur an. Die Getränkevorräte unterliegen einer strengen inneren Rationierung, sie müssen noch ein paar Stunden und einige Kilometer ausreichen. Dann eine Wegeverirrung, die mich zwingt, einen Kilometer am Rande einer kaum befahrenen Landstraße zu gehen. Glut von oben, Hitze auf dem Asphalt, keine Chance auf Schatten. Herbeigesehnt und schließlich erreicht ist endlich die Stelle, da der Kolonnenweg mit seinen vertrauten Lochplatten die Straße kreuzt und in den erhitzten, aber schattigen Wald hineinführt.

Schatten! Aber was ist das da vorne? Das erste Innehalten war vom Licht veranlasst. Woher kommt hier dieser leichte Grauschleier zwischen den Bäumen – ein Lichteffekt? Dann nehme ich Brandgeruch wahr, dann wenige Meter weiter: züngelnde Flammen links des Kolonnenweges. Das Handy hat 5G-Netz und die Herstellung der Verbindung zur Feuerwehr klappt zügig. Aber wo ist das hier? Der Begriff „alter DDR-Kolonnenweg“ sagt dem jungen Mann am Telefon nichts. Es gelingt mir schließlich, meinen Standort elektronisch zu fixieren und freizugeben. Der junge Mann in der Notrufzentrale ist zufrieden: „Wir kümmern uns.“

Ein Weitergehen an der Brandstelle vorbei kommt nicht in Frage, also wieder zurück bis zur Straße. Es dauert etwa 20 Minuten, bis sich mit Blaulicht ein Polizeiauto von der bayerischen Seite nähert. Kolonnenweg? Was soll das sein?, fragt der junge Polizist. Die beiden Beamten bleiben an der Straße stehen und lotsen die Feuerwehr an die richtige Stelle. Nach und nach nähern sich mit Tatü-tata Feuerwehren aus beiden Richtungen. Das Handy zeigt: 35 Grad. Die Feuerwehrleute können mit ihren schweren Fahrzeugen nicht in den Wald einfahren. Sie schleppen in voller Montur Schläuche und Gerätschaften hinein, mindestens 500 Meter sind es bis zur Brandstelle.

Nach der Brandmeldung dauert es einige Zeit, bis die Feuerwehr kommt. Aber dann wuchten Männer, für die es keine Ausrede gibt, bei glühender Hitze schweres Gerät in den Wald.

Ich breche die Wanderung ab. Ein freundlicher Mann nimmt mich im Auto zur nächsten Bushaltestelle mit. Alle Getränkeflaschen sind leer. Im Schatten des Rathauses von Neuhaus-Schierschnitz warte ich auf den Bus. Eine besorgte Angestellte hat mich von innen beobachtet und kommt heraus. Sie bietet mir ein Glas Wasser an. Ich muss ganz schön fertig aussehen.

Distanz: 16,4 Kilometer, 22.900 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: fünf (zwei Wanderer,  ein Pferd mit Reiterin, ein Spaziergänger-Pärchen mit Hund)

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

 

Tag 8: Lust und Last des Gedenkens

Tag 8 (21. März 2025)

Von Spechtsbrunn nach Heinersdorf

Viele Dörfer liegen nah an der früheren Grenze. Vierzig Jahre lang waren sie die Leidtragenden der Weltpolitik. Die Entscheidung des „Ostblocks“, die Grenze strikt abzuriegeln, bedeutete für sie, wenn sie auf DDR-Gebiet lagen: Im besten Fall Zutritt nur mit Sondergenehmigung, noch mehr Überwachung als sonst – und im schlechtesten: zwangsweise Umsiedlung.

Es waren nicht diese Dörfler, sondern die rebellischen Bürger der großen Städte, die das ganze System ins Wanken und schließlich am 9. November 1989 zum Einsturz brachten. Und plötzlich klopfte die Weltgeschichte an die Mauer auch in diesen Dörfern.

Erinnerungsort für den „Kleintettauer Zipfel“ – informativ und einladend. Im Hintergrund eines der Häuser, die stehen geblieben sind und 1976 im Zuge eines Gebietstauschs nach Bayern zurück-eingemeindet wurden.

Mein Weg am Vortag hatte in Kleintettau geendet, ein Dorf, das ich über einen Radweg, vorbei an friedlich grasenden Hochlandrindern erreichte, der insgesamt viermal die heutige Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen durchschneidet. Zu DDR-Zeiten gab es ihn nicht, hier war Sperrgebiet. Kleintettau liegt eigentlich in Bayern, aber drei Höfe des Ortes waren durch die Weltgeschichte auf DDR-Grund geraten. Wie ein Dorn ragt auch heute ein Stück Thüringen nach Bayern hinein. Die Bewohner dieser Häuser waren daher vermutlich die einzigen DDR-Bürger, die über bundesdeutsche Pässe verfügten. Dem SED-Staat erschien es unangemessen, diesen Menschen beibringen zu wollen, dass das restliche Dorf in Bayern nicht weiterhin ihre Heimat sein sollte. Ein Glücksfall, denn andernorts in ähnlicher Konstellation – etwa in Mödlareuth – konnte ich bereits andere Entscheidungen besichtigen. Man hätte die drei Häuser auch mit Gewalt aussiedeln können. Davor schreckte die DDR-Führung zurück; im Zuge eines Gebietstausches kamen die Menschen schließlich 1976 in den Westen. Eine gut gepflegter Erinnerungsort, informativ und einladend, erzählt nun diese glückliche Geschichte.

Der Mauer-Rest im Hintergrund ist original und steht unter Denkmalschutz. Die Gedenksteine davor sind kaum lesbar, und der Autoverkehr rauscht vorbei, als wäre es nie anders gewesen: Gedenken in Heinersdorf, wo einmal die Welt zu Ende war.

Heute dagegen endet mein Weg in Heinersdorf. Von thüringischer Seite her kommend begrüßt mich am Ende eines Radweges durch traumhaft schöne Natur entlang der Tettau die abgrundtief hässliche Ruine eines früheren Wohnheims für Grenzsoldaten. Heute dient es als Areal für Airsoft-Spiele. Offenbar haben dabei alte Autoreifen eine wichtige Bedeutung, denn solche liegen zu Tausenden auf dem Gelände. Das lang gezogene Straßendorf, das zur thüringischen Stadt Sonneberg gehört, hat dann viel herausgeputzte Privatheit zu bieten, nette Vorgärten und sauber renovierte Einfamilienhäuser. Für den öffentlichen Raum fehlt aber das Engagement: Kaum eine Parkbank, wenig öffentliches Grün, und die frühere Gaststätte ist schon von außen ein ausgesuchter Hort der Trostlosigkeit. Kein Wunder, dass sie niemand mehr betreiben möchte. Einst endete der Ort an der Mauer, kein Weg ging weiter dort, wo jetzt die neue Straße liegt, auf der die Autos vorbeisausen, von Bayern nach Thüringen und umgekehrt, als wäre es nie anders gewesen. Reste der Mauer stehen noch, auch hier angelegt als Erinnerungsort mit verwitterten Gedenksteinen. Hier gab es keinen DDR-Grenzübergang, aber nach den Ereignissen in Berlin wurde einer geschaffen. Die provisorische Bretterbude steht noch, sie staubt und bröckelt als „Gedenkstätte“ vor sich hin. Das Gedenken, so scheint mir, ist hier zur Last geworden.

Distanz: 17,7 Kilometer, 24.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine. Ein paar Radfahrer auf dem letzten Stück.

Jäger-Hochsitze am Weg: 15

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Im Text sind Weiterleitungen zum besonderen Schicksal der Dörfer Kleintettau und Heinersdorf verlinkt, und speziell zu meinem Text über Mödlareuth (Tag 2).

Tag 7: Fast ganz allein im Haus des Volkes

Größer als die Kirche: Das Bauhaus-Ensemble „Haus des Volkes“ dominiert das Stadtbild des Grenzortes Probstzella. Das Gebäude und seine Geschichte sind eine Sensation. Aber den Ort kennen alle nur wegen seines Schicksals als Grenzbahnhof.

Tag 7 (20. März 2025)

Von Probstzella nach Kleintettau

Mein Weg führt weiter Richtung Westen, über die rauschende Loquitz auf der gegenüberliegenden Seite den Hügel hinauf auf dem Kolonnenweg. Bald habe ich eine aussichtsreiche Höhe erreicht, um meinen Blick zurück auf Probstzella zu richten. Millionen Menschen haben schlechte Erinnerungen an den Ort, der für Reisende nur aus dem Grenzbahnhof zu bestehen schien. Zwischen 1949 und 1989 mussten dort alle Züge von und nach Berlin aus dem Süden der Bundesrepublik anhalten, hunderttausende Leibesvisitationen, Gepäckkontrollen, Schikanen und Erniedrigungen wurden hier durchlitten, manche haben auch Gewalt erfahren.

Vor allem aber sind mit Probstzella Erinnerungen an Ängste verbunden. Über den DDR-Grenzbahnhof ist viel geschrieben worden, und heute erinnert ein kleines Museum im Bahnhof an seine Geschichte. Das eigentliche Gebäude, ein hässlicher Betonbau, das damals der wahre Ort von Willkür auf deutschem Boden war, wurde bald nach dem Mauerfall abgerissen; bis zuletzt haben historisch Bewusste (u.a. auch die heutige Bundestags-Vizepräsidentin Göring-Eckardt) erfolglos dagegen gekämpft.

Einen Vorteil hat dieser Eingriff in die historische Substanz immerhin. Die Sicht auf den ganzen Ort ist jetzt frei, wenn der Wanderer vom gegenüberliegenden Hügel hinüberblickt auf das Städtchen. Aus der Entfernung wird das Grauen klein und das Malerische groß. Und so ist zu sehen, dass das größte Gebäude dieser Stadt nicht die Kirche ist – wie sonst so oft – sondern ein mächtiger Bau mit dem Namen „Haus des Volkes“ direkt gegenüber dem alten Bahnhof.

„Oh Gott, sozialistische Propaganda“, mag nun mancher ausrufen, wenn er diesen Namen hört – und liegt damit meilenweit daneben. Dieses gewaltige Haus, das heute wieder mehrere Säle, eine Bowlingbahn, ein Kino, einen Billardraum, Tagungsräume, eine Sauna und ein Hotel beherbergt, zu dem ein Park gehört mit Musikpavillon, Kneippbecken und Seerosenteich – dieser Bau heißt so, weil schon im Jahr 1925 sein Erbauer es so wollte.

Franz Itting war in Probstzella zu Geld gekommen, weil er die neu aufkommende Elektrizität herstellte und verkaufte. Itting war ein schwerreicher Industrieller – und ein überzeugter Sozialdemokrat. Itting wollte ein sozialer Vorbildunternehmer sein. Er ließ für seine Arbeiter Wohnungen bauen, schloss für sie Lebensversicherungen ab, führte die 40-Stunden-Woche ein. Und er ließ für die Stadt, mit deren Elektrifizierung er so reich geworden war, ein gewaltiges Gebäude errichten im damals aktuellen Bauhaus-Stil – zur Förderung der kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinschaft –, und nannte es „Haus des Volkes“. Schon den Nazis war Itting als Person und die offene Idee seines „Haus des Volkes“ suspekt. Er wurde drangsaliert, zeitweise ins Konzentrationslager gesperrt, und sein großes Haus durfte auch nicht mehr dem Volk gewidmet sein. Itting überlebte den Terror, aber dann kamen die kommunistischen Ideologen an die Macht– und auch ihnen konnte er es nicht Recht machen. Sie misstrauten seinem Reichtum, enteigneten den Sozialdemokraten und brachten ihn schließlich dazu, sein Leben und einen kleines Teil seines Besitzes wenige Kilometer entfernt auf die bayerische Seite der Grenze nach Königsstadt zu retten, als das noch möglich war.

Das „Haus des Volkes“ diente dann als Veranstaltungsraum und den Grenzsoldaten als Büro und Unterkunft. Und es hieß nun auch wieder so. Heute steht es unter Denkmalschutz, und mit bemerkenswerten Engagement versucht ein privater Betreiber, es als Hotel- und Veranstaltungsstätte in stabilem Leben zu erhalten. Keine einfache Aufgabe, angesichts des gewaltigen Raumprogramms und der äußeren Umstände: Der ICE fährt schon längst nicht mehr durch Probstzella, die nächste Autobahn ist weit. Wer dort übernachtet – wie ich -, erlebt viel Fläche, und wenig Menschen. Das sei in der Saison und an Wochenenden anders, versichert der Betreiber. Ich habe das „Haus des Volkes“ nicht ohne großen Respekt vor dieser Leistung wieder verlassen, und wurde bereichert um das Wissen über Franz Itting, diesen Visionär des Sozialen und Nachhaltigen, und über die Frauen und Männer, die als Architekten und Künstler dieses große Schloss für das Volk geschaffen haben.

Dann, einige Kilometer weiter, führt mein Weg zu einem Aussichtsturm, der „Thüringer Warte“. 1962 wurde sie errichtet, um in Zeiten des Kalten Krieges von bayerischer Seite einen freien Blick zu haben auf den abgesperrten Teil Deutschlands. Nun wartet die Warte inmitten dahinsterbender Fichtenwälder auf einen neuen Sinn. Auch diesen Turm hat die Baufirma von Franz Itting errichtet. Vielleicht konnte er dann von dort oben beobachten, was mit seinem „Haus des Volkes“ passiert, das so nah vor ihm lag, und für ihn doch unerreichbar war.

 

Distanz: 16,5 Kilometer, 24.000 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: 1

Jäger-Hochsitze am Weg: 6

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Im Text sind Weiterleitungen zum Grenzbahnhof-Museum Probstzella, zum Haus des Volkes und zu Franz Itting und zur Thüringer Warte verlinkt.