Tag 13: Der böse Tod im Niemandsland

Tag 13 (28. Mai 2026)

Von Eisfeld bis Adelhausen

Südlich von Eisfeld spuckt mich der Bus an einem sehr deutschen Ort aus: Das buntgestrichene Gebäude nennt sich „Schlagerhotel“ und es glitzern die Discokugeln auf jedem Balkon, unweit davon wird ein restaurierter Grenzwachturm von den Straßenschlingungen der Autobahnausfahrt Eisfeld-Süd umarmt. Drei Stücke der Berliner Mauer stehen herum, mit Zertifikat. Und gleich daneben wartet eine große Tankstelle. Ich lasse diese Vielfalt auf mich wirken, verzichte aber auf den Besuch des Grenzturm-Museums; auch weil ich keine zwei Euro-Münzen parat habe, die für den automatisierten Eintritt benötigt würden.

Also unter der Autobahn hinweg. Das Dröhnen der Mobilität wird mit jedem Schritt leiser, und dann entführt mich der Kolonnenweg in eine Welt von sommerlich gleißender Schönheit. Es ist der  vielleicht landschaftlich beeindruckendste Abschnitt meiner bisherigen Wanderung. Das Tal und seine sanften Hügel (im Wanderführer lese ich, dass es „Haderleite“ heißt) ist vollkommen einsam, keine Straße, kein Auto, kein Haus von Horizont bis Horizont, nur wogendes Getreide, sattgrüne Wiesen, bunte Blumen, Schafe, ein paar Kühe. Stille. Rauschen der Blätter im Wind. Schwalben irgendwo weit über mir.

Vor mehr als fünfzig Jahren ereignete sich hier der Mord an zwei DDR-Grenzsoldaten. Mein westdeutsch geprägtes Gemüt nimmt das Gedenken an ihren Tod durch Organisationen wie „Verband zur Pflege der Tradition der NVA“ etwas DDR-nostalgisch wahr. Aber die Geschichte der Ereignisse belehrt mich, vorsichtig zu sein mit allzu schnellen Urteilen.

Außer dem Kolonnenweg ist von der alten Grenze nichts mehr zu sehen – solange, bis im hohen Gras mehrere Kreuze auftauchen. Die Geschichte, die sie erzählen, nimmt mich mit auf die andere Seite des Unrechts, dem ich hier schon so oft begegnet bin. Sie erinnern an zwei junge Grenzsoldaten, die hier am 19. Dezember 1975 von einem dritten – überraschend und ohne Chance auf Gegenwehr – erschossen worden sind. Der dritte war ein mehrfach vorbestrafter (u.a. wegen 54-fachem Autodiebstahl) DDR-Krimineller,  der hier unter Nutzung seiner Waffen, seiner Ortskenntnisse und des zugefrorenen Bodens in den Westen floh. Auch dort wurde bald nach ihm gefahndet, zwei Tage später wurde er weit entfernt in Recklinghausen festgenommen.

Die weitere Geschichte ist filmreif: Die DDR verlangte eine Auslieferung des Täters, was die Bundesrepublik unter Verweis auf die ihm dort drohende Todesstrafe verweigerte. Der Prozess wurde dem Mann also in Westdeutschland gemacht und endete mit einem Freispruch, da die ostdeutschen Behörden die Bereitstellung belastenden Materials an die westdeutsche Justiz zunächst beleidigt verweigerten. Für die zweite Instanz überlegten sie es sich anders, was zu einer Verurteilung des geflüchteten Kriminellen zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis führte. Im Jahr 1982 wurde er freigelassen. Nach dem Mauerfall fanden sich Dokumente, die zeigten, dass die Staatssicherheit Pläne hatte, den Mann im Westen ermorden zu lassen. Umgesetzt wurden sie nicht. Der Mann beschäftigte weiter die Justiz, musste 2005 erneut in Haft; dennoch urteilte er im Jahr 2018: „Alles in allem kann ich nicht meckern. Die Strafjustiz ist eher milde mit mir umgegangen“ (lt. einem Zeitungsbericht vom Mai 2024, der an einen Baum bei der Gedenkstätte geheftet wurde). Anfang 2024 ist er gestorben.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, und in einem Videospiel wurde seine dramatische Flucht zur Vorlage für fragwürdige Vergnügungen.

Weniger prominent blieben die Namen seiner beiden Opfer, die an dieser Stelle, hier im Niemandsland, ihren bösen, kalten Tod fanden. Sie hießen Jürgen Lange und Peter Seidel, waren 20 und und 21 Jahre alt. Ihre Geschichte ist eine gänzlich andere als die vielen, denen ich auf meinem Weg bereits begegnet bin. Es war ein Tod im Dienst ihres Staates, den sie sich nicht ausgesucht hatten, der sie an dieser Stelle ereilte, erschöpft und müde, bei minus zwanzig Grad, kurz vor Weihnachten.

Den Grenzsoldaten Jürgen Lange und Peter Seidel gehören meine Gedanken.

 

Distanz: 9,7 Kilometer, 13.800 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des flüchtenden Werner Weinhold und seiner beiden Opfer Jürgen Lange und Peter Seidel ist sehr gut aufgearbeitet in einem Text des Bundesarchivs. 

 

Tag 12: Mauer bröckelt, Kriegerdenkmal steht

Tag 12 (27. Mai 2026)

Vom Froschgrundsee bis Rottenbach

Blitzblank glitzernd liegt das Staugewässer mit dem originellen Namen „Froschgrundsee“ in der Sonne. Die Staumauer liegt auf der bayerischen Seite der Grenze, und sie dient vor allem dem Hochwasserschutz von Coburg. Als der See 1986 entstand, musste mit der DDR vereinbart werden, dass das Wasser sich auch auf thüringisches Gebiet ausbreiten würde – was dem  devisenklammen Staat einige Millionen einbrachte. Heute ist er ein Naherholungsparadies für Menschen aus Oberfranken wie aus Thüringen, seit 2011 überspannt von einer eleganten Brücke für den ICE aus Berlin Richtung München.

Ein paar Kilometer weiter steht eine Mauer mitten auf der Wiese in einer Straßenbiegung. Ein bröckelnder Rest bietet Insekten ein löchriges Zuhause. Das aus Thüringer Sicht davor liegende Dorf Görsdorf ist nur wenige Meter von der Grenze entfernt, mit dreitausend Einwohnern war es zu groß für eine Evakuierung. Das Schicksal, begafft zu werden aus dem Westen, das wollte man ihnen ersparen – die Mauer diente weniger der Sicherheit des Staates, als dem Blickschutz der Menschen. Heute schützt sie nichts mehr, sie ist selbst Denkmal-geschützt. Als ich mich herumwende, sehe ich einen kleinen Schrottplatz; im hohen Gras verrotten zwei Trabis.

Deutsche Geschichten: Die löchrige Mauer bei Görsdorf hat keine Funktion mehr, und die Trabis auch nicht, die wenige Meter entfernt verrotten.

Ich wandere weiter in das bayerische Rottenbach. Dort habe ich Zeit, die evangelische Kirche zu besichtigen, die zu meiner Überraschung offensteht. Der Friedhof um sie herum ist leergeräumt – nur das Denkmal für die Toten der Weltkriege steht noch. Ich denke über Prioritäten nach, und über die Frage, ob heute wohl ein Bus laut Fahrplan kommen wird. Gestern in Rückerswind hatte ich vergeblich gewartet. Dann biegt er um die Ecke, ein Linienbus in voller Größe und Pracht, pünktlich und vollkommen leer. Ich bleibe der einzige Passagier Richtung Coburg.

 

Distanz: 10,7 Kilometer, 15.600 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine

Jäger-Hochsitze am Weg: 12

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Mehr über den Froschgrundsee finden Sie z.B. bei Wikipedia. 

 

 

Tag 11: Nichts mehr zu sehen am Generalsblick

Tag 11 (26. Mai 2026)

Von der „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg bis Rückerswind

Es ist hochsommerlich in diesen späten Mai-Tagen, viel zu früh viel zu warm. Der Wald schützt, und ein leichter Wind streicht auch gelegentlich über die Felder, aber steile Anstiege auf dem Kolonnenweg fordern mich auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Der Berg wird „Isaak“ genannt, ein Muschelkalk-Hügel, in Jahrtausenden abgeschliffen von Wetter, Wind und allen anderen Kräften der Evolution.

Dann, kurze achtundzwanzig Jahre lang, von 1961 bis 1989, trug er an seinen Hängen die Vorzeige-Grenzanlagen der DDR. Der Wald war zum Militärgebiet erklärt worden, niemand durfte hier mehr wandern. Die ganze Breite der DDR-Sperranlagen mit Stacheldraht, Minenstreifen, Selbstschussanlagen durchzog den Hang und war vom Gipfel des Isaak so gut einzusehen, dass eigene und sozialistisch-befreundete Grenzverantwortliche höchster Ränge immer wieder dorthin gefahren wurden, um vorzuführen, was deutsche Gründlichkeit beim Aufbau sicherer Grenzen zu leisten imstande ist. Im Volksmund wurde der zu Vorführzwecken kahlgerodete Gipfel daher „Generalsblick“ genannt.

Nichts mehr zu sehen vom Stolz der Grenzsoldaten: Die Natur hat sich alles zurückerobert, was auf dem Berg Isaak einmal als Schneise zur Grenzsicherung geschlagen wurde, um hohen Militärs aus dem In- und Ausland vorzuführen, wie eine gut gesicherte Grenze aussehen muss.

Nichts davon ist übrig. Der Blick vom Hügel ist jetzt nur noch ein Blick ins Grüne, zugewachsen ist die Lücke, die man der Natur einst zugefügt hatte. Nur der gut ausgebaute Kolonnenweg, die flächig ausgelegte Boden-Lochplattenversammlung rund um den Gipfel erinnert noch daran, dass hier einst schwere Jeeps hochgefahren sind, aus Stolz auf eine Grenze, die es nicht mehr gibt.

Der Wald wächst nach und schweigt.

Distanz: 14,4 Kilometer, 20.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: eine Frau mit Hund

Jäger-Hochsitze am Weg: 14

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

 

Tag 10: Zeitenwenden und Geschäftsmodelle

Tag 10 (6. März 2026)

Von Sichelreuth bis zur „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg

Nach mehr als einem halben Jahr Pause zurück am „Grünen Band“: Kühle Frühlingsluft streicht über die noch kahlen Felder, stahlblauer Himmel, noch keine Blätter an den Sträuchern, aber Haselnussblüten und erste Weidenkätzchen. Ich fühle Frühlingsglück und erinnere mich an die Gluthitze meines letzten Wandertages im Juli 2025. Bald ist jene Stelle auf dem Kolonnenweg erreicht, an der diese Etappe geendet hatte: erschöpft war der überhitzte Wanderer, Flammen zügelten links und rechts des Weges. Nun zeigt der Wald letzte Spuren jenes Brandes, der mich damals aufhielt. Im Sommer wird nichts mehr davon zu sehen sein.

Ausgelöscht: Mehr als 600 Jahre standen Häuser in Liebau – auch noch bis 1975. Dann walzte die DDR-Regierung alles nieder. Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an den Ort.

Erstes Innehalten in Liebau. Ein Gedenkstein erinnert an einen Ort, der immerhin seit 1317 bestand, dann aber den Folgen des zweiten Weltkrieges erlegen war. Nichts mehr zu sehen von einem Dorf, das zweimal leergeräumt wurde.  Die erste Entvölkerung war eine Flucht: Komplett alle Bewohner des Dorfes siedelten am 5. Juni 1952 mit Sack und Pack in die amerikanische Besatzungszone wenige hundert Meter westlich um. Eine konzertierte Protestaktion war das gegen die Entscheidung vom Vorabend, dass sie zum sowjetisch besetzten Thüringen, und nicht zum amerikanisch verwalteten Bayern gehören sollten. Eine Flucht ohne Wiederkehr. Die DDR siedelte bald neue,  nun linientreue Bewohner in Liebau an, baute ihnen sogar ein neues Kulturhaus, bis die Staatsführung 1972 beschloss, dass die Nähe zum Todesstreifen doch noch immer zu viel Risiko der Illoyalität bedeuten würde. Alle mussten weg und die Häuser wurden 1975 dem Erdboden gleichgemacht. Vierzehn Jahre später war der ganze Staat platt, der solche Entscheidungen traf.

Leergeräumt: Das Geschäftsmodell des Gasthofes Bergmühle ist seit 35 Jahren zerstört. Es gibt nichts mehr zu sehen von der Terrasse aus, was nach Grenze aussieht.

Ein paar Kilometer weiter ist auf westlicher Seite der früheren Grenze das Ersterben eines Geschäftsmodells zu besichtigen. Das Gasthaus „Bergmühle“ steht leer, einst war es beliebter Ausflugsort vom bayerischen Coburg aus, um bei Kaffee und Kuchen von der erhöht liegenden Terrasse hinüberblicken zu können auf das Grenz-Grauen der ostdeutschen Brüder und Schwestern. Nun steht das stattliche Gebäude am Waldrand leer, ein Bauschuttcontainer wartet auf seinen Einsatz. Die Straße, die früher unterbrochen war, braust achtlos vorbei.  Das leere Gasthaus ist Symbol für eine Zeitenwende und ihre wirtschaftlichen Folgen und lässt mich nachdenken darüber, wie oft uns heute der Mut fehlt, Veränderungen gestaltend anzunehmen, anstatt ihnen nachzutrauern.

Das Gegenstück dazu ist die „Gebrannte Brücke“ zwischen Neustadt b. Coburg und Sonneberg. Nichts erinnert an die angeblich verkohlten Brücken-Holzpfosten, die dem Ort ihren Namen gaben. Aber zwei Erinnerungstafeln erzählen seine Geschichte. Hier war das Ende der Welt für beide Seiten, aber am 1. Juni 1990  unterzeichneten hier die Staatsminister Schäuble und Diestel den Vertrag, der vier Monate vor der Vereinigung generell auf innerdeutsche Grenzkontrollen verzichtete. Heute stehen Supermärkte und Einkaufszentren links wie rechts des früheren Todesstreifens. Diese Zeitenwende ermöglichte neue Geschäftsmodelle. Und der Begriff „Kohle machen“ hat an der „Gebrannten Brücke“ somit eine ganz moderne Bedeutung gefunden.

 

Distanz: 17,5 Kilometer, 24.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: 2 Waldarbeiter; ein größerer Teil der Strecke ist ausgebauter Radweg – dort viele Begegnungen mit Radfahrern

Jäger-Hochsitze am Weg: 15

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Tag 8: Lust und Last des Gedenkens

Tag 8 (21. März 2025)

Von Spechtsbrunn nach Heinersdorf

Viele Dörfer liegen nah an der früheren Grenze. Vierzig Jahre lang waren sie die Leidtragenden der Weltpolitik. Die Entscheidung des „Ostblocks“, die Grenze strikt abzuriegeln, bedeutete für sie, wenn sie auf DDR-Gebiet lagen: Im besten Fall Zutritt nur mit Sondergenehmigung, noch mehr Überwachung als sonst – und im schlechtesten: zwangsweise Umsiedlung.

Es waren nicht diese Dörfler, sondern die rebellischen Bürger der großen Städte, die das ganze System ins Wanken und schließlich am 9. November 1989 zum Einsturz brachten. Und plötzlich klopfte die Weltgeschichte an die Mauer auch in diesen Dörfern.

Erinnerungsort für den „Kleintettauer Zipfel“ – informativ und einladend. Im Hintergrund eines der Häuser, die stehen geblieben sind und 1976 im Zuge eines Gebietstauschs nach Bayern zurück-eingemeindet wurden.

Mein Weg am Vortag hatte in Kleintettau geendet, ein Dorf, das ich über einen Radweg, vorbei an friedlich grasenden Hochlandrindern erreichte, der insgesamt viermal die heutige Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen durchschneidet. Zu DDR-Zeiten gab es ihn nicht, hier war Sperrgebiet. Kleintettau liegt eigentlich in Bayern, aber drei Höfe des Ortes waren durch die Weltgeschichte auf DDR-Grund geraten. Wie ein Dorn ragt auch heute ein Stück Thüringen nach Bayern hinein. Die Bewohner dieser Häuser waren daher vermutlich die einzigen DDR-Bürger, die über bundesdeutsche Pässe verfügten. Dem SED-Staat erschien es unangemessen, diesen Menschen beibringen zu wollen, dass das restliche Dorf in Bayern nicht weiterhin ihre Heimat sein sollte. Ein Glücksfall, denn andernorts in ähnlicher Konstellation – etwa in Mödlareuth – konnte ich bereits andere Entscheidungen besichtigen. Man hätte die drei Häuser auch mit Gewalt aussiedeln können. Davor schreckte die DDR-Führung zurück; im Zuge eines Gebietstausches kamen die Menschen schließlich 1976 in den Westen. Eine gut gepflegter Erinnerungsort, informativ und einladend, erzählt nun diese glückliche Geschichte.

Der Mauer-Rest im Hintergrund ist original und steht unter Denkmalschutz. Die Gedenksteine davor sind kaum lesbar, und der Autoverkehr rauscht vorbei, als wäre es nie anders gewesen: Gedenken in Heinersdorf, wo einmal die Welt zu Ende war.

Heute dagegen endet mein Weg in Heinersdorf. Von thüringischer Seite her kommend begrüßt mich am Ende eines Radweges durch traumhaft schöne Natur entlang der Tettau die abgrundtief hässliche Ruine eines früheren Wohnheims für Grenzsoldaten. Heute dient es als Areal für Airsoft-Spiele. Offenbar haben dabei alte Autoreifen eine wichtige Bedeutung, denn solche liegen zu Tausenden auf dem Gelände. Das lang gezogene Straßendorf, das zur thüringischen Stadt Sonneberg gehört, hat dann viel herausgeputzte Privatheit zu bieten, nette Vorgärten und sauber renovierte Einfamilienhäuser. Für den öffentlichen Raum fehlt aber das Engagement: Kaum eine Parkbank, wenig öffentliches Grün, und die frühere Gaststätte ist schon von außen ein ausgesuchter Hort der Trostlosigkeit. Kein Wunder, dass sie niemand mehr betreiben möchte. Einst endete der Ort an der Mauer, kein Weg ging weiter dort, wo jetzt die neue Straße liegt, auf der die Autos vorbeisausen, von Bayern nach Thüringen und umgekehrt, als wäre es nie anders gewesen. Reste der Mauer stehen noch, auch hier angelegt als Erinnerungsort mit verwitterten Gedenksteinen. Hier gab es keinen DDR-Grenzübergang, aber nach den Ereignissen in Berlin wurde einer geschaffen. Die provisorische Bretterbude steht noch, sie staubt und bröckelt als „Gedenkstätte“ vor sich hin. Das Gedenken, so scheint mir, ist hier zur Last geworden.

Distanz: 17,7 Kilometer, 24.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine. Ein paar Radfahrer auf dem letzten Stück.

Jäger-Hochsitze am Weg: 15

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Im Text sind Weiterleitungen zum besonderen Schicksal der Dörfer Kleintettau und Heinersdorf verlinkt, und speziell zu meinem Text über Mödlareuth (Tag 2).

Tag 6: Deutsche Überraschungen im Niemandsland

Tag 6 (19. März 2025)

Von Ottendorf nach Probstzella

Der Weg entlang der innerdeutschen Teilung ist über weite Strecken absolutes Niemandsland. Die spektakuläre Einsamkeit, durch die ich mich bewege, ist geprägt durch Stille; meine Schritte machen hier das Ereignis. Damit scheuche ich den Greifvogel auf, der erschreckt davonfliegt, oder die Rehe, die hier seit Tagen keine Störung ihrer Ruhe mehr erfahren haben. Nun fliehen sie den Hang hinauf, hinein in den schützenden Wald, der allerdings krank und schütter ist.

In dieser Abgeschiedenheit wird jedes Geräusch zum Konzert. Der Gesang ferner Motorsägen, das Rauschen einer fernen Straße, oder das Rascheln der noch winterlich kahlen Zweige in einer aufkommenden Windböe, vom Städter zunächst als herannahendes Fahrzeug missdeutet. Aber nein, da kommt nichts, „in dürren Blättern säuselt der Wind, sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,“ beschwichtigt der Vater in Goethes „Erlköng“.

Es ist keine Furcht, die mich begleitet. Längst schon lauern die Räuber nicht mehr im Wald, sondern eher in den Schluchten der Städte oder in der Arglosigkeit, mit der Menschen zum Opfer von Telefonbetrügern werden. Hier ist nichts zu befürchten, außer vielleicht das eigene Versagen, ein Beinbruch, eine Herzattacke. Immerhin: Meistens hat das Handy Netz, mit dem ich Hilfe rufen könnte, wenn es denn nötig wäre. Aber ob sie mich finden würden?

Ein Tor im Nichts: Mitten im Wald, uneinsehbar, gesichert durch den Todesstreifen, der hier eine Lücke hatte, diente die Agentenschleuse der DDR dazu, Spione in den Westen zu entlassen.

Dann plötzlich zwei Ereignisse am Weg, unmittelbar nebeneinander. Mitten im Gestrüpp ein offenes Tor neben dem Kolonnenweg. Ein letzter Rest des Sperrzauns, der hier einmal stand. Ein Loch in der Mauer, gewissermaßen. Eine Tafel erklärt: An dieser Stelle entließ der Arbeiter- und Bauernstaat seine Spione Richtung Westen, mitten in der Wildnis, uneinsehbar. Nur wenige Geheimnisträger wussten: Hier liegen keine Minen im Todesstreifen, hier ist die eine, geheime Lücke in den Selbstschussanlagen. Der Zaun ist längst weg, das Tor in den Westen rostet als historisches Monument vor sich hin.

Und wenige Meter weiter: Ein Plastikschild warnt vor Videoüberwachung. Wie bitte, hier? Tatsächlich, den Weg haben zwei Wildkameras im Visier. Wissenschaftliche Zwecke, Bestandserfassung gefährdeter Tierarten. Das „Kompetenzzentrum Wolf Bieber Luchs“ benennt Verantwortliche und Rechtsgrundlagen akribisch paragrafengenau und versichert, dass mein Bild, würde es denn auftauchen zwischen den Wölfen, Biebern und Luchsen, unverzüglich gelöscht würde. Ich bin keine gefährdete Tierart. Datenschutz im Niemandsland. Immer muss alles seine Richtigkeit haben in Deutschland, damals wie heute.

Alles muss seine Richtigkeit haben in Deutschland: Datenschutz im Niemandsland.

Distanz: 15,2 Kilometer, 21.300 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: keine, aber vier freundliche Menschen, die mit dem Auto zum Grenzturm bei Probstzella herangefahren kamen.

Jäger-Hochsitze am Weg: 13

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.