Tag 14: Fiktion und Realität von Widerstand

Tag 14 (14. September 2026)

Von Adelhausen (Gemeinde Straufhain) bis Holzhausen (Gemeinde Heldburg)

Der Kolonnenweg ist ein Erlebnispfad für ambivalente Geschichten. Diesmal führt er mich nach Streufdorf – und zurück in das Jahr 1952. In den Kinos der DDR läuft genau in diesen Tagen der Film „Das verurteilte Dorf“, heute als „Propagandastreifen“ disqualifiziert, damals aber erfolgreich und mit sozialistischen Filmpreisen geehrt. Das „verurteilte“ fränkische Dorf „Bärenweiler“ ist Fiktion, aber die Geschichte nicht völlig aus der Luft gegriffen: Im heraufziehenden Kalten Krieg beschließt die amerikanische Besatzungsmacht, dort – westlich der Grenze – einen grenznahen Militärflugplatz zu errichten, wo „Bärenweiler“ liegt. Die Menschen wehren sich, am Ende sind sie – daher Propaganda – damit sogar erfolgreich.

Gedenktafel in der Kirche von Streufdorf

Es wirkt wie ein Witz, aber genau zu dieser Zeit, als „Das verurteilte Dorf“ die Kinos der sowjetisch besetzten Zone füllte, startete die DDR-Führung die Aktion „Ungeziefer“ – eine gewaltsame Umsiedlung von politisch als unzuverlässig eingeschätzten Bewohnern der Dörfer in Grenznähe – jetzt östlich des Grenzstreifens. Das Muster solcher Aktionen war überall gleich: Im Morgengrauen rollten LKW heran, Volkspolizisten gewährten den betroffenen Familien zwei Stunden , das nötigste zusammenzuraffen, dann wurden sie mit ihrem ganzen Hab und Gut zwangsumgesiedelt in grenzferne Ersatzwohnungen. An vielen Orten führte das zu Protesten, an manchen – wie beispielsweise in Liebau – zu kollektiver Flucht in den Westen. Aber im thüringischen Streufdorf, das ich heute durchwandere, da gab es zur Überraschung der Staatsmacht organisierten Widerstand. Die Kirchenglocken läuteten Alarm, Lehrer forderten die Schüler auf, die schon halb beladenen LKWs wieder leerzuräumen und die Möbel zurückzustellen, es wurden Barrikaden errichtet. Erst der Einsatz von mehreren Hundert herbeigerufenen Soldaten, von Feuerwehrmännern, die ihre Fahrzeuge als Wasserwerfer einsetzten und brutaler Gewalt berittener Polizei konnte nach einem Tag den Widerstand in Streufdorf am 5. Juni 1952 brechen. Insgesamt achtzehn Familien wurden im Ergebnis zwangsweise ausgesiedelt, zehn mehr als geplant, weil man die Anführer des Protestes auch gleich einpackte. Viele davon verbrachten zum Teil mehrere Jahre im Gefängnis, darunter der Bürgermeister, der damals empört den Polizisten und Soldaten zurief: „Denkt an das verurteilte Dorf!“

…gesehen am Wegesrand

Der Kolonnenweg führt mich weiter Richtung Süden, wieder einmal durch völlige Einsamkeit. Kurz vor meinem Tagesziel kann ich es kaum glauben: Ein privates Auto steht auf dem Kolonnenweg. Es sind zwei junge Burschen beim Pilzesammeln. „Zu mühsam, durch den Wald zu streifen“, erklären sie mir, „wir sehen die Pilze vom Auto aus und holen sie ab. Hier läuft ja eh niemand.“

 

 

 

Distanz: 13,9 Kilometer, 19.500 Schritte

Begegnungen mit Wanderern: vier, plus zwei Pilzsammler im Auto

Jäger-Hochsitze am Weg: 24

Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.

Die komplette Geschichte des Films „Das verurteilte Dorf“ finden Sie hier