Jede Lesestunde eine kleine Reise (ULZ#12)

Utes #Lesezeichen Nr. 12

„Halber Stein“ von Iris Wolff, erschienen bei Klett-Cotta, 2026, 314 Seiten

ausgelesen am 26.08.2026 auf Langeoog

Nein, auch bei aller Ehrlichkeit, ich weiß nicht wirklich etwas über Siebenbürgen. Das Wenige reicht von der Stadt Hermannstadt bis hin zu Transsylvanien, und vielleicht, dass es irgendwo in Rumänien liegt und viele der Einwohner deutschstämmiger Bevölkerung unter der Diktatur von Ceaușescu wieder in ihr Ursprungsland Deutschland zurückkehrten.

Als 2020 Iris Wolff, selbst als Kind mit den Eltern aus Siebenbürgen emigriert, als hochgelobte Nachwuchsautorin in meinem Lesehorizont auftauchte, änderte sich dies schrittweise. Zunächst waren es 2020 „Die Unschärfe der Welt“ und 2024 „Lichtungen“. Bei einer Lesung am 8. Februar 2024 von Iris Wolff im Deutschen Literaturarchiv Marbach änderte sich dies schrittweise. Iris Wolff  erschien mir damals unwahrscheinlich jung, voller Dynamik und bei einem kurzen persönlichen Gespräch war ihr geäußertes Interesse an ihrer Leserschaft sehr authentisch. Grund genug, noch das Büchlein „So tun, als ob es regnet“, das sie selbst als eines ihres besten bis dato bezeichnete, nachzuschieben.

Ute Vogt mit Iris Wolff im Februar 2024 in Marbach – Wolffs neues Buch „Halber Stein“ ist Utes #Lesezeichen Nr. 12

Nun, vor wenigen Monaten, lag in den Buchhandlungen ein „neues“ Buch von ihr. „Halber Stein“, nach Recherchen der Debutroman (?) der Autorin. Um meine eigene Irritation gleich aufzulösen: der Roman erschien schon einmal 2012 bei Klett-Cotta und wurde nun 2026 neu aufgelegt, diesmal erfolgreich vermarktet.

Zieht sich das Thema Siebenbürgen durch fast alle Werke von Iris Wolff, so ist dieser Debutroman wohl die große autobiografische Aufarbeitung der eigenen Fluchtgeschichte, dem schwierigen Start für sie und ihre Familie in Deutschland, und die stets gepflegten Erinnerungen an die ursprüngliche Heimat, die als tiefes Sediment in der Erinnerungsmatrix eingebrannt ist. Im Roman reist sie als erwachsene Frau mit ihrem Vater zur Beerdigung der Großmutter nach Siebenbürgen, genauer Michelsberg bei Hermannstadt, und durchlebt nochmals sehr eindrücklich Gefühle und Erinnerungen aus ihrer Kindheit, trifft Nachbarn und Familie, eine zarte Liebe zu einem Freund aus Kindertagen.

Ich habe den Roman mit viel Interesse gelesen, liebte ihre detaillierten Schilderungen der Orte, Brücken und Flüsse, habe unzählige Fotos und Berichte über die beschriebenen Orte recherchiert (Google sei Dank und – mein Gott, wie pittoresk sind Landschaft und Städte, wäre tatsächlich einmal ein Reiseziel). Besonders mochte ich ihre Beschreibungen der Menschen, die sie traf, ihre differenzierte Wahrnehmung von Gefühlen und Schwingungen zwischen einzelnen Personen, und vielleicht noch mehr ihre Streifzüge durch das bunte Haus der Großmutter und die liebevolle Schilderung einer vergangenen Welt.

Jede Lesestunde war eine kleine Reise in eine andere Welt, die mir persönlich sehr gut getan hat, mir emotional sehr nah kam, und mir eine bislang relativ fremde Welt geöffnet und näher gebracht hat.

Leseempfehlung: für Menschen, die Erinnerungskultur lieben; für Reisende; für Biografieinteressierte; für Entdecker einer anderen, erlöschenden Zeit

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