Ein Anforderungsprofi
Ein halber Buchstabe macht den Unterscheid. Hier ist nicht die Rede von alten weißen Männern, denn über die ist schon viel geschrieben worden. Hier wird nichts verteidigt werden, was diese ungefragten Dauer-Erklärer angeht, ihr penetrantes Grundgefühl des Besserwissens, ihr eingefrorenes Weltbild.
Nein, hier soll es um alte weise Männer gehen. Um Männer aller Hautfarben, mit denen Menschen geboren werden. Der alte weise Mann hat gelebt mit seiner individuellen Biografie, mit allen Erfolgen, auf die er stolz ist und mit allem Versagen, das er sich zuzurechnen hat. Vielleicht müsste er noch nicht einmal zwingend „alt“ sein, denn manchmal überholt das gefühlte Alter das tatsächliche.

Aber ein Mann muss er schon sein in diesem Text, denn als Mann hat er sein Leben gelebt, hat als Mann seine Welt und seine unmittelbare Umgebung geprägt, und als Mann diese Rolle zu verantworten. Er kennt vieles nicht, was Frauen wissen und spüren, und da er weise ist, weiß er auch darum. Gilt dieser Text auch für Frauen? Vielleicht. Aber geschrieben ist er über Männer.
Es geht um Männer, die sich Verdienste erworben haben
Hier geht es um Männer, die sich Verdienste erworben haben, von deren Wissen die Gesellschaft profitieren könnte, die Vorbild sein könnten. „Weisheit verbinden die meisten Menschen mit dem Alter, mit einem Menschen, der viel erlebt hat und es geschafft hat, eine Art Seelenruhe zu finden,“ sagt der Philosoph Kai Marchal, der zum Begriff der Weisheit zusammen mit Michael Hampe und anderen Autoren ein ganzes Buch herausgegeben hat.
Was darf also erwartet werden von einem weisen alten Mann? Hier der Versuch für ein Anforderungsprofil:
Versuch für ein Anforderungsprofil
Die Bereitschaft, sich dem schnellen, ungestümen Urteil zu verschließen, trotz allem Wissen und aller Erfahrung, das er in sich trägt – kurz: Nachdenklichkeit.
Solide, von tiefer Durchdringung geprägte Kenntnisse über das eigene Fachgebiet, vielleicht auch eine gute Allgemeinbildung, vor allem aber das tief verankerte Bewusstsein darum, dass „ich nur weiß, dass ich nichts weiß“ (Socrates) – weil die Wahrheit immer noch viel größer ist als der eigene Ausschnitt, den man kennt, und sei dieser noch so breit – kurz: Eigenes Wissen und das Wissen um Wissenslücken.
Nicht selbst viel reden! Der alte weise Mann hat etwas zu sagen, aber vor allem auf der Basis dessen, was er gehört und verstanden hat. Denn er ist nicht mehr in der Vorhand – in der Vorhand sind die Träger aktuellen Wissens; der alte weise Mann könnte es mit Erfahrung bereichern – kurz: Zuhörenkönnen.
Muss der alte weise Mann selbst den PC programmieren, ein Tiktok-Video drehen oder online die Fahrkarte buchen? Nein, muss er nicht. Darf er diese Veränderungen verachten? Nein, darf er nicht. Sein Zugang zur Moderne könnte sich ausdrücken in der Wachsamkeit gegenüber diesen Veränderungen, in der verstehenden Beobachtung, im Bestärken, das Moderne zu erproben, die Vorteile zu sehen, auch wenn er es selbst nicht mehr nutzen möchte – kurz: Offenheit für das Moderne.
Der alte weise Mann ist meist nicht aufgewachsen in einer verständnisvollen Welt. Aber er konnte seither lernen, sich in das Denken und Fühlen anderer hineinzuversetzen. Und vielen ist es gelungen, auch der Generation der Kriegskinder und Geflüchteten, die bitterste Not und den Kampf der Ellenbogen erlebt haben. Sie haben es sich erarbeitet, was wir – kurz – Empathie nennen.
Schließlich: Der alte weise Mann weiß, dass er ein winziges Glied in einer Kette der Jahrtausende ist, dass nichts untergeht, nur weil er selbst untergehen wird. In Weisheit vertraut er darauf, dass Jüngere und ganz Junge das Erbe der Menschheit weitertragen werden, und er traut es ihnen zu – kurz: Er ist ein Botschafter des Kulturoptimismus.
Wo sind sie, die alten weisen Männer?
Viele Millionen solcher alter weiser Männer müsste es geben. Aber wo sind sie? Das Weltgeschehen lenken zu viele alte Männer ohne Weisheit, manche von ihnen machtbesessene Autokraten, andere selbstgerechte Lügner, zu oft beides. Und auch im Alltag belästigen zu viele alte Männer ihre Umwelt mit allzu viel Selbstgewissheit, mit festgefahrenen Überzeugungen, mit rückwärtsgewandter Sehnsucht nach einer Zeit, die nicht wiederkommen wird. Sie beschädigen sich damit selbst.
Wo also sind sie, die alten weisen Männer? Wer kennt einen davon?
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