Utes #Lesezeichen Nr. 9: Dreimal Island

EDEN, erschienen 2025 im Insel-Verlag, 248 Seiten, Miss Island, erschienen 2022, ebenfalls im Insel-Verlag. 236 Seiten, Weiß ich, wann es Liebe ist? erschienen 2011 bei Suhrkamp, 302 Seiten, alle von Auður Ava Ólafsdóttir

ausgelesen am 15.03.2026, am 01.07.2026 und am 09.07.2026

Am Anfang des Jahres habe ich über die Veröffentlichung des Buches EDEN von Auður Ava Ólafsdóttir gelesen, eine Frau, deren Namen ich noch nie gehört hatte und auch nicht aussprechen kann. Eine Isländerin, geb. 1958, die in Frankreich und Italien Kunstgeschichte studierte und Direktorin eines Kunstmuseums war. Sie hat schon zahlreich veröffentlicht und ist in ihrem Heimatland durchaus bekannt, bei uns allerdings nicht – wer interessiert sich ernsthaft für isländische Literatur? – und ist daher auch nur teilweise ins Deutsche übersetzt worden. Nun also EDEN, erschienen 2022 in Island, übersetzt und erschienen in Deutschland 2025. Angezogen hatte mich zunächst der Titel (natürlich dachte ich umgehend an den Garten Eden), das Cover (grüne, weite Landschaft, mit Seen /Meer, Bergen, menschenlos, die Schrift in Rot, die wie reife Äpfel an einem Baum hängen, Symbol der Verführung Evas durch die Schlange, bis das Drama mit der Vertreibung aus oben erwähntem Garten begann. Der Rest ist Historie).

Auf der Rückseite des Buches ein Zitat : „Eine Autorin, von der man sofort mehr lesen möchte“ (NDR Kultur). Stimmt absolut, das erging mir ebenso, doch dazu später.

Der Inhalt des Buches: eine Sprachwissenschaftlerin aus Reykjavik hängt ihre akademisch Karriere an den Nagel, zieht aufs Land und legt einen Garten an. Ganz nebenbei erlernt sie eine neue Sprache – die des Herzens, so der Aufdruck des Verlags. Nun, der Inhalt dieses Buches entspricht auf den ersten Blick nicht meinem Beuteschema – doch man lernt eine Menge über die Bedeutung von Isländisch als sterbende Sprache, die isländischen Begriffe für Warmwasserversorgung, Mischbatterie und Toilette, wie auch die Deklination von kýr, Kuh. Wer wollte das nicht wissen?

Einschub ganz nebenbei: in Cannes wurde 2025 ein Film namens PANDA ausgezeichnet, spielt in Island, und ja, auf Isländisch heißt Bambusbjörn = Panda. Mein Herz war sofort verloren, aber das ist ein anderes Thema, hier der Link zum Film The love that remains (Link führt zu YouTube).

Doch zurück zum Buch: Da ist also diese Frau mittleren Alters, die sich philologisch mit den KollegInnen der internationalen Elite messen kann, anfängt, dem Boden Islands aus Steinen, Eis und Schnee, eingehüllt in Wind und Stürmen, bedroht von Vulkanen, einen Garten Eden abzutrotzen, und dabei erstaunliche, ungeahnte Kompetenzen erlernt bzw. in sich entdeckt. Wundervoll, tolles Buch, warmherzig, gerne mehr davon.

Nun ja, dann war natürlich der Bann gebrochen, und gemäß des Zitats des NDR, dass es sich bei Auður Ava Ólafsdóttir um eine Autorin handelt, von der man mehr lesen möchte, ging ich auf die Suche weiterer Veröffentlichungen von ihr. Üblicherweise erwerbe ich ja gerne die komplette Bibliographie einer Autorin, die bis dato erschienen ist. Dies war diesmal schwierig, da nur wenige ihrer Bücher bislang ins Deutsche übertragen wurden.

Es folgte Miss Island, eine Geschichte über eine junge Frau auf dem Weg zur Schriftstellerin, die in der konservativen und männerdominierten Gesellschaft der sechziger Jahre in Reykjavik an der mangelnden Emanzipation zu scheitern scheint, abgesehen davon, was Me too in dieser Zeit hieß. Obwohl das Buch eine Zeit beschrieb, in der ich selbst heranwuchs, erschütterte mich der Stand der Emanzipation der Frauen zu diesem Zeitpunkt, und hielt mir einen Spiegel vor, welche Fortschritte in einer Lebensspanne schon geschafft wurden, wohl wissend, dass der Weg noch lange nicht zu Ende sein darf und kann.

Und schließlich habe ich Weiß ich, wann es Liebe ist? gelesen, die Geschichte eines jungen Isländers, der Rosen züchten möchte in einem alten Klostergarten im Süden Europas, und sich währenddessen mit seiner Rolle als Vater eines kleinen Mädchens auseinandersetzt.

Worin liegt nun die Faszination für diese isländische Autorin? Sie hat eine gefällige und unspektakulär klare Sprache ohne Schnörkel. Das fremde Ambiente fasziniert und eröffnet dem Leser, der Leserin in der Abstraktion eine bessere Identifikation mit den ProtagonistInnen, denn Island ist weit, und ich kann mich zu 100% darauf einlassen, ohne dass sich die Problematik in meiner Seele festsetzt. Ich habe viel über Island, vor allem die Gesellschaft in Island und letztlich über diese für uns eher ungefällige Sprache, bei der man schlichtweg an nichts anknüpfen kann, gelernt.

Ich gehe weiter auf die Suche nach Büchern von Auður Ava Ólafsdóttir und google jetzt einmal als Nächstes die Aussprache.

Leseempfehlung: für Island-Fans und solche die es werden wollen; LeserInnen, die sich entführen lassen wollen in die faszinierende Welt von Feuer und Eis; für hartgesottene GärtnerInnen; für emanzipierte Männer und Frauen;

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Utes #Lesezeichen Nr. 8: Hunger nach Leben

Für Polina, von Takis Würger, erschienen 2025 im Diogenes Verlag, 293 Seiten

ausgelesen am 26.07.2026

Ankündigung: In meinem heutigen Text zu Für Polina werde ich wenig zum Inhalt des Buches verraten, da ich hoffe, dass alle meine LeserInnen dieses Buch ebenfalls lesen werden und ich möchte nicht ein einziges Detail verraten. Zu wichtig ist jede Wendung und jedes Detail.

Ich habe Für Polina gelesen, weil Martin Suter dieses Buch in einer seiner letzten Veröffentlichungen als Lieblingsbuch bezeichnet. Ich lese viel; Altes, Neues, mal mit Anspruch und auch viel Anspruch, mal entspannend. Suter gehört sicher eher zur letzten Kategorie, aber ich liebe seinen sanft wiegenden Erzählstil und schätze ihn v.a. als Abendlektüre sehr. Sein Urteil zählt für mich durchaus. Nun bekam ich vor wenigen Tagen Für Polina geschenkt und ich habe sie allen anderen Aspiranten auf meinem Bücherlesestapel vorgezogen, eine Sonderbehandlung, deren sie sich als wert erwies.

Heute Vormittag bin ich am Ende von Für Polina angekommen, natürlich mit großem Bedauern, mit Trauerschmerzen, dass wieder ein gutes Buch, deren Geschichte ich gerne immer weiter gelesen hätte, endet. Ich habe Hannes, den teilweise autistischen jungen Mann und Protagonisten des Buches, von Anfang an geliebt, Polina, seine Seelenverwandte, mit ihrem Hunger nach Leben verstanden und wollte sie doch oft ganz mütterlich in den Arm nehmen und vor den Stromschnellen des Lebens bewahren (habe selbst eine Tochter), bin durch Hamburg gelaufen (kenne jede beschriebene Ecke vom Grindel bis zum Treppenviertel) und saß mit ihm im Prinzregententheater, dem „Prinzi“, in München, meiner Heimatstadt. Diese örtliche Nähe und mein Wissen darum sind sicher auch Teil der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich im Buch bewegen konnte.

Ganz außerordentlich in diesem Buch natürlich die Bedeutung der Musik. Allein die Beschreibung von Glenn Goulds Aufnahmen des Wohltemperierten Klaviers sind mir bestens bekannt, praktisch eins zu eins zu einer Ausführung meines Akkordeonlehrers. Ich habe die Buchseite auch gleich fotografiert und an ihn geschickt. So viel sei verraten: Musik, Klaviere und Flügel wie auch deren Transport spielen eine außerordentliche (wörtlich verstanden) Rolle in diesem Buch.

Takis Würger ist ein wundervoller Webteppich, ein Kelim? (für Insider, sh. Buch), gelungen, der die Leben der einzelnen Protagonisten zusammenführt und doch deren einzelne Fasern als eigenständige Muster belässt. Vieles ist so filigran beschrieben, lässt nur Gefühle anklingen, skizziert Situationen, dass man Angst hat, bei zu heftigen „Leseattacken“ das feine Spinnennetz zu zerreißen.

Am Ende des Buches erwartete mich ein Foto von John Daniel, ein Gorilla, der im Buch eine übertragene Rolle spielt – so viel sei verraten. Nun habe ich auch seinen Wikipediaeintrag  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Daniel_(Gorilla)  gelesen, wohl ahnend, dass dieser Teil der Geschichte historische Wurzeln hat.

Darunter die einfache Frage von Takis Würger, wie das Buch gefallen hat, dazu eine Emailadresse. Sehr ungewöhnlich, aber ich habe mich gefreut, und dies daher als Aufforderung verstanden und meinen Mailaccount geöffnet und geschrieben. Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Korrespondenz?

Leseempfehlung: für Literatur- und MusikliebhaberInnen; für Klaviertransporteure; für SpaziergängerInnen in Hamburg, Hannover und anderswo; für Menschen, die an die Lebensliebe und die Freundschaft glauben;  für FreundInnen von Moorhühnern 

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Utes #Lesezeichen Nr. 7: Schwieriges Landleben

Marschlande von Jarka Kubsova, erschienen 2025 (Erstveröffentlichung 2011) bei S. Fischer, 317 Seiten

ausgelesen am 12.03.2026

Der Sprung könnte nicht größer sein! Aus Martin Suters Schweiz ins Marschland bei Hamburg, Ottenwerder, im Hier und Jetzt, wie auch im 16. Jahrhundert. Aus der Business Class in den akademischen Familienhaushalt aus Hamburg. Eine Familie, die sich den Traum vom Landleben erfüllt, und einer Frau Abelke Bleken, die um 1580 auf dem Scheiterhaufen als Hexe brennen musste, weil sie eine aufmüpfige Frau war und einen Hof besaß, den sich ein anderer einverleiben wollte. So die Kurzfassung.

Der Roman von Jarka Kubsova ist zweigeteilt. Zum einen spielt er in der Gegenwart und erzählt die Geschichte von Britta, ihrem Mann Philipp und den Kindern Mascha und Ben, die am Umzug von Hamburg auf das Land scheitern. Dieser Teil des Buches hat mich sehr an den Roman von Martina Behm „Hier draussen“ erinnert, den ich auch erst kürzlich gelesen habe.

Zum anderen taucht der Roman ein in das bäuerliche Leben des 16.Jahrhunderts, als eine Abelke Bleken als Marschländerin auf einem Hof in Ottenwerder lebte, den Hof nach der großen Allerheiligenflut 1570 aufgeben musste und dann den Interessen der Mächtigen zum Opfer fiel und ihres Hofes enteignet wurde. Nicht ganz freiwillig und mit Widerstand. Man entledigte sich ihrer, indem man sie auf dem Scheiterhaufen als Hexe verbrannte, wie viele Leidensgenossen und Leidensgenossinnen in dieser Zeit. Die Protagonistin Britta geht im Roman dieser Geschichte nach und recherchiert, so wie die Autorin gut den historischen Hintergrund in zahlreichen Quellen ergründet hat.

Gute Geschichte, Roman durch den Wechsel der Kapitel in den verschiedenen Jahrhunderten abwechslungsreich. Habe eine Menge über das Leben im 16.Jahrhundert, Plattdeutsch, über die Ungerechtigkeit der Welt  und den Umstand gelernt, dass Städter einfach nicht zu weit auf Land ziehen sollten.

Und es gibt noch eine persönliche Note. Meine Mutter flüchtete als junge Witwe mit meinen beiden Halbschwester an einen Ort hinterm Deich bei Hamburg, britische Besatzungszone. Leider habe ich keine weiteren Aufzeichnungen dazu gefunden, doch vieles spricht dafür, dass es sich eben um diesen Landstreifen bei Ottenwerder gehandelt hat. So bekommen die Landschaftsschilderungen ein neues Farbspiel.

 

Leseempfehlung: für historisch Interessierte, nicht nur für Menschen hinterm Deich, für Frauen und Männer, die für Gendergerechtigkeit einstehen, für Familien, die noch unentschieden sind, ob sie aus einer Großstadt aufs Land ziehen sollen oder es besser lassen sollten

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Utes #Lesezeichen Nr. 6: Glückliche Zufälle

Können Sie mich sehen? von Martin Suter, erschienen am 25.2.2026 bei Diogenes, 208 Seiten

ausgelesen am 28.02.2026

Der Zufall wollte es, dass ich am 25.2.2026 auf Social Media von der neuen Veröffentlichung von Martin Suter erfuhr. Von ihm selbst, auf einem seiner Kanäle. Vielleicht war es auch ein Algorithmus von Google. Der Zufall wollte es, dass ich am 26.2.2026 in der Nähe einer Filiale einer namhaften bayerischen Buchhandlung einen Termin hatte. Der Zufall wollte es, dass der beste aller Ehemänner mich begleitete, und mich im Buchladen zum Erwerb des neuen Suter ermutigte – nachdem ich doch dachte: nein, diesmal nicht, kein neuer Business-Band, ich warte auf den nächsten Allmen.

Seitdem lese ich, natürlich mir großer Freude, schmunzelnd und in der gewohnt geliebten Leichtigkeit Suter-typischer Prosa das Buch – und versuche dabei sparsam zu sein. Immer nur drei oder vier Geschichtchen, damit das Buch, das leider nur 208 Seiten hat, länger hält.

Die Süddeutsche Zeitung hat es ein wenig verrissen als „Absturz in die Economy Class“, bestenfalls als „pure Nostalgie“ https://www.sueddeutsche.de/kultur/martin-suter-koennen-sie-mich-sehen-buchkritik-business-class-literatur-li.3393171?reduced=true. Nun ja, vermutlich ist es nicht Suters bestes Buch und an der Nostalgie ist etwas dran – aber vielleicht gerade deshalb geht es mir so gut damit 😊 und es geht mir gut damit.  Ein paar Kapitelchen habe ich noch …

Leseempfehlung: Suter Fans – Menschen mit breitem Literaturinteresse – Menschen der Businesswelt, die einmal von der Metaebene auf sich schauen wollen

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Utes #Lesezeichen Nr. 5: Dreimal Tukur

Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 301 Seiten

ausgelesen am 16.2.2026

In großer Begeisterung hatte ich mir vor Weihnachten das Buch von Ulrich Tukur gekauft, einmal als Geschenk für eine liebe Bekannte, die meine Begeisterung für Tukur teilt, einmal für mich. Ja, und dann fand ich das Cover und die Optik des Buches einfach schön, und das ist sie natürlich noch immer.

Mit der Lektüre habe ich mich dann schon schwerer getan. Eine Geschichte, die in der Zukunft und Vergangenheit spielt, in Stuttgart, Paris und Südfrankreich, die ins Mystische abgleitet und doch reale Geschichtsbezüge aufweist.  Welch‘ ein Entwurf der Handlung, die ich hier nicht detailliert wiedergeben möchte, um niemandem Inhalte vorzugreifen. Doch über weite Strecken wechseln ständig die Blick- und Erzählwinkel des Erzählers, so wie Personen (mit leider oft ähnlichem Namen) die Rollen wechseln, und das in steter Folge. Fazit: ich bin innerlich immer wieder ausgestiegen, habe den Faden verloren, war mir unsicher, welche Person erlebt hier was. Vielleicht war diese Melange auch gewünscht, denn sind wir nicht die Guten, in denen auch immer das Böse schlummert? Ich finde das Buch dennoch lesenswert, und das Buch ist anders, als man es aufgrund des Klappentextes sich vorzustellen vermag.

Leseempfehlung: für Tukur – Fans, für Literaturjunkies, für Leser:innen, die gerne auch Ungewöhnliches versuchen wollen

 

Die Seerose im Speisesaal von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 246 Seiten

ausgelesen am 20.02.2026

Noch einmal Ulrich Tukur. Zwischen der Lektüre des letzten und diesem Buch liegen nur wenige Tage, v.a. aber eine Lesung mit Ulrich Tukur im Mozartsaal in Stuttgart. „Eine Nacht in Venedig“ – Texte, Lieder, Akkordeon. Tukur hat 20 Jahre mit seiner Frau in Venedig gelebt, spricht die Sprache und das italienische Leben.

Die an diesem Abend vorgetragenen Geschichten waren unterhaltsam, machten neugierig, stets an der Grenze zwischen „Ist das wirklich so passiert oder ist es Fantasie?“ Die wunderbaren Schwarzweiß-Bilder aus Venedig, die Melodien, die das rote Akkordeon und Tukurs Stimme in den Saal trugen, sie halfen mir zu einer Reise ans Mittelmeer, und ich schmeckte den Rotwein, genoss den Duft des Espresso und hörte das Plätschern des Wassers in der Lagune. Zuhause angekommen, war Lektüre Pflicht.

Und wenn ich vielleicht bei dem Roman „Der Ursprung der Welt“ etwas verhalten war, empfehle ich die venezianischen Geschichten. Die Sprache pointierter und doch fantasievoll, authentisch. Was Tukur beim Roman vielleicht nicht so richtig gelungen ist, in den Geschichten ist es vollendet.

Leseempfehlung: für Tukur Fans – für Venedigliebhaber:innen – für italophile Dolce vita Genießer:innen – für alle, die Literatur spannend finden….und nebenbei ein Glas guten Rotwein trinken

 

Die Spieluhr, eine Novelle von Ulrich Tukur, erschienen 2013 bei Ullstein, 151 Seiten

ausgelesen am 17.03.2026

Und noch ein dritter Tukur, vermutlich das schönste der drei Bücher! In der Novelle Die Spieluhr entfaltet Tukur wieder seine wirrende Technik des Wandels zwischen den Zeiten, wieder die Vermischung zwischen der Geschichte des letzten, vorletzten Jahrhunderts und dem Heute, diesmal offiziell unter der Fahne einer Verfilmung; wieder geht es um Frankreich und Deutschland. Der Film Séraphine von 2008 erzählt einen Ausschnitt des Lebens der französischen Künstlerin Séraphine de Senlis, einer der wichtigsten Vertreterinnen naiver Kunst in Frankreich. Im Film spielt Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle, nämlich die des Kunstsammlers Wilhelm Uhde, der in seiner Zugehfrau das Talent als Künstlerin entdeckt. Das Drehbuch und die Dreharbeiten haben Tukur wohl zu diesem Büchlein inspiriert, doch wie schon davor in seinen Werken, lässt mich die Lektüre tendenziell etwas verwirrt zurück, und so manches Mal hatte ich beim Lesen Probleme mit der Zuordnung der Personen und Zeiten. Aber vielleicht ist es nicht wichtig, es ist eine mystische Erzählung mit wahrem Kern.

Ganz besonders erwähnen möchte ich aber das Cover. Leinen, mit Golddruck.

Alle drei Bücher von Ulrich Tukur zeichnen sich durch besondere Cover aus, weil Tukur laut Recherche großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtkunstwerk legt. Sein Anspruch ist es wohl, dass Einband, Papier, Schrift und Sprache eine harmonische Einheit bilden. So wirken die Cover retrospektiv, wie ihr Inhalt, ja, er greift sogar häufig den literarischen Stil der letzten Jahrhunderte auf. Allein das schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Leseempfehlung: für alle Tukur Fans; für Menschen, die literarisch auch die Nicht-Klassiker lesen und Besonderes entdecken wollen; für VerehrerInnen in Referenz für Séraphine und die naive Kunst Frankreichs; für Liebhaber:innen schöner und sinnlicher Buchgestaltung

 

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Utes #Lesezeichen Nr. 4: Luft zum Leben

Luft zum Leben von Helga Schubert, erschienen bei dtv, 288 Seiten

ausgelesen am 31.1.2026

Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass ich Helga Schubert persönlich treffen konnte. Ich bin dankbar, dass ich Texte von ihr kennenlernen konnte. Beides war und ist ein großes Geschenk in meinem Leben.

2020 erhielt Helga Schubert im Alter von 80 Jahren im zweiten Anlauf den renommierten Ingeborg-Bachmann –Preis für ihre Geschichte „Vom Aufstehen“. Ein umfangreiches, fast lebenslanges Schreib- und Literaturleben lag da schon hinter ihr, auch etliche Veröffentlichungen, aber auch Repressalien in der ehemaligen DDR. Sie war vom DDR-Sicherheitsdienst als „feindlich-negativ“ eingestuft worden und unter stetiger Beobachtung. Doch stets stand sie zu ihrem Wort, zu Kritik und Widerstand, und behielt ihre Authentizität, ließ sich nicht beugen.

In meiner Lektüre folgten dann schnell das „Stundenbuch der Liebe“, eine Geschichte, ein tagebuchartiger Bericht über die Betreuung und Pflege ihres hochbetagten und an demenzerkrankten Ehemanns; ein Buch, dessen Inhalt und schonungslose Ehrlichkeit mir schon viel Respekt abverlangte einschließlich ihrer Disziplin, in den wenigen Momenten zu schreiben, wenn ihr Mann schlief und sie Ruhe gehabt hätte, auch nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden.

Als 2025 das neue Buch „Luft zum Leben“ erschien, Texte aus sieben Jahrzehnten, war ich zunächst ein wenig zögerlich mit dem Kauf und hatte gehofft, dass es über den weihnachtlichen Gabentisch den Weg zu mir finden würde. Tat es aber nicht. Und so kam der 14.1.2026, und mit ihm der Termin für eine Lesung mit Helga Schubert im Literaturhaus in Stuttgart, und natürlich gingen wir hin, und natürlich kaufte ich mir das Buch und ließ es signieren.

Schon die ausgewählten Texte flashten mich; das freundliche Lächeln dieser mittlerweile 86jährigen Frau, die Kraft, die sie ausstrahlte, schienen mich persönlich zu meinen. Ja, wenn Altern so gelingen darf, wünsche ich es mir auch. Wach, ungebrochen, nicht aufgebend trotz physischem und psychischem Unbill. Die Lektüre des Buches startete noch zu später Uhrzeit am gleichen Abend. Jeder Text saß. Die Klarheit der Sprache, schnörkellose Erlebnisschilderungen. Egal, ob sie den Text mit 20 oder 86 geschrieben hatte.

Ich bin dankbar für den Mut, den ich aus all den Texten lesen und zu meinem eigenen machen durfte.

Absolute Leseempfehlung: Für Männer und Frauen jeder Altersstufe – Für politisch Interessierte – Für Anhänger guter Sprache – Für Menschen, die leben und lieben.

Mehr über Luft zum Leben von Helga Schubert finden Sie hier, mehr über das Leben von Helga Schubert hier. 

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Utes #LeseZeichen Nr. 3: Ein Seelenroman, aber …

Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda, erschienen bei Penguin, 2022, 379 Seiten

leider nicht zu Ende gelesen am 14.1.2026

Da liegt nun seit wenigen Wochen das Buch auf meinem Lesestapel und verspricht mir höchsten Lesegenuss. Ich hatte es mehr zufällig bei einer Literaturbesprechung entdeckt, und war sofort auf den Inhalt abgefahren: die Geschichte der ersten Obergärtnerin Deutschlands, Else Hoffa aus Würzburg, die in Hamburg Blankenese einen bis heute bekannten Garten eines jüdischen Bankiers anlegt, schließlich selbst nach London vor dem Naziregime flüchten muss, und nur noch einmal 1957 nach Deutschland zu ihrem Garten zurückkehrt. Ein Biographieroman, eigentlich schon mein Beuteschema, tolles Thema, Garten, Hamburg, Emanzipation. Zudem hatte ich vor- her noch eine Leseempfehlung von meiner Büchernichte bekommen, da konnte doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Ja, und dann: lese und lese ich, und ich merke, wie ich mir immer wieder Zweitlektüre besorge (ich lese öfter mehrere Bücher parallel, aber eigentlich nur, wenn die Hauptlektüre mich nicht zu 100% packt ….). Ja, und dann keine Lust mehr verspüre, dranzubleiben. Und der Grund ist nicht der Inhalt – weiß Gott nicht! – aber die Sprache, nein, die Sprache, die Dialoge sind leider oft sehr schwach, manchmal langweilig, ohne Spannungsbogen. Seit Jahren fällt mir auf, dass ich so anspruchsvoll geworden bin, mein Literaturgeschmack verwöhnt durch die sprachliche Präzision eines Hesse, Mann oder v.a. Stefan Zweig (der Beste). Natürlich gibt es viel Gegenwartsliteratur, die sich an neuen Sprachmodellen versucht, das finde ich oft interessant, aber so ein schöner Seelenroman, ideal für die abendliche Lektüre, Futter für die Nachtseele, und dann diese einfache Sprache. Es tut mir leid zu sagen, dass ich das Buch nicht zum Ende brachte.

Leseempfehlung: für Gartenliebhaber – Menschen, die von ungewöhnlichen Frauen mehr lesen wollen – Hamburgfans – Biografiejunkies

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Utes #LeseZeichen Nr. 2: Der Protagonist stand leibhaftig neben mir

Strandgut von Benjamin Myers, erschienen bei Dumont 2025, 287 Seiten

ausgelesen am 3.1.2026

Strandgut

Der Autor Benjamin Myers erinnerte mich ab der ersten Zeile in seinem Schreibstil an T.C. Boyle, versetzt in die so fremde Welt eines Amerika, deren Facetten uns nur in Ansätzen bekannt ist. Und doch schaffte es der Autor, mich binnen kürzester Zeit in seinen Bann zu ziehen, und der Protagonist Earlon „Bucky“ Bronco stand leibhaftig neben mir. Der alt gewordene Musiker, der nie sein Musikersein leben konnte, der Mann mit Arthrosen in allen denkbaren Gelenken, mit einem anständigen Abhängigkeitssyndrom von allem, was sich einnehmen lässt, und der, ja man kann es nicht anders sagen, einen Traum erlebt, in dem er wahrnimmt, dass seine Musik, zumindest ein winziger Teil davon, in der alten Welt ein Hit ist, und eine dezente Berühmtheit und ggf. auch Wohlstand bedeutet. Ein modernes Märchen.  An manchen Stellen waren es für mich zu viele Drogen (aber vielleicht in manchen Gesellschaften auch nichts Ungewöhnliches?) und vor allem zu viele Aufzählungen von Bands und Musiktiteln, die ich nicht einmal im Ansatz kannte. Macht aber nix 😊, das tat meiner Lesefreude keinen Abbruch und erweiterte meinen Horizont, ganz ohne Drogen.

Leseempfehlung: für alle alten Menschen – für ältere Menschen – für Menschen, die glauben, nicht alt zu werden – für Menschen, die etwas übers Älterwerden lernen wollen – für Menschen, die an Wunder glauben

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Utes #LeseZeichen Nr. 1: Auf dem Berg ist nicht immer alles gut

Bergland von Jarka Kubsova, erschienen bei Diogenes 2023, 284 Seiten

ausgelesen am 29.12.2025

Bergland

Ein Bauernhof hoch in den Bergen Südtirols, vier Generationen, die dem Unbill der Natur, dem Wetter und menschgemachtem Ungemach trotzen und am Ende ihren Weg finden, nicht schnörkelig, kein Kitsch – dieses Buch hätte ich wohl trotzdem nicht gelesen, wenn meine Nichte es mir nicht kürzlich mit einer Leseempfehlung in die Tasche gesteckt hätte. Dann las ich Namen wie Meran und Lana, einer Region, die ich aus Urlauben in meiner Kindheit sehr gut kannte, und ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, die sich für mich so wohlbehütet und heil anfühlte.
Auf dem Berg ist nicht immer alles gut, es zeichnet auch persönliche Abgründe und Schicksale. In erster Linie steht das Buch aber für weibliche Selbstbestimmung, Autonomie und der unbedingten Weigerung sich zu beugen – vielleicht mit Ausnahme gegenüber Naturgewalten, die als Einziges akzeptiert werden. Es wurde ein Buch, auf das ich mich zur abendlichen Lektüre vor dem Schlafen immer sehr gefreut habe. Es ließ mich stets in innerem Frieden einschlafen und manchmal glaubte ich Bilder und Gerüche, z.B. von sonnengetränktem Holz wahrzunehmen. Das Buch hat meiner Seele gut getan und mich geerdet, und es wird nicht das letzte Buch dieser Autorin bleiben, das auf den Bücherwartestapel an meinem Bett darf.

Leseempfehlung: für emanzipierte Frauen – für Geschichtsinteressierte – für LeserInnen mit Interesse für das Grundsätzliche im Leben – für Menschen, die den Boden, die Natur lesen können/wollen

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Vertreibung aus dem Paradies

Eindrücke über Gerhart Hauptmann

Die Totenmaske von Gerhart Hauptmann. Er starb im Juni 1946 in „Haus Wiesenstein“, der „Schützhülle meiner Seele“.

Die schlesischen Weber hatten keine Häuser. Sie waren bitterarm, verlorene Gestalten im Mühlwerk von Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Ein löchriges Dach über dem Kopf, eine Hütte irgendwo, das war das Höchste der Gefühle für diese Menschen, die ihr karges Auskommen mit textiler Heimarbeit zu bestreiten gezwungen waren. Ihnen hat der damals sozialkritisch eingestellte deutsche Schriftsteller Gerhart Hauptmann ein Portrait gewidmet. „Die Weber“ heißt das Theaterstück, für das Hauptmann im Jahr 1912 den Literaturnobelpreis erhielt. Es geht darin um die soziale Wirklichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts. 1844 hatten die Weber in Schlesien (und auch anderswo) Aufstände angezettelt, weil sie es nicht mehr ertrugen, herabgewürdigt und um den kargen Lohn ihrer Arbeit gebracht zu werden. Sie wollten es nicht mehr hinnehmen, in ihrer Ehre beleidigt, entwürdigt  und immer tiefer in den Morast der Armut gestoßen zu werden von denen, die schon alles haben und noch viel mehr, und deren Gier trotzdem niemals gestillt sein würde.

Wer „Die Weber“ heute erlebt als modern interpretiertes Schauspiel, sieht die Bedrückten unserer Zeit: Die Alleinerziehende, die sich rechtfertigen muss für das Bürgergeld, mit dem sie das ärmliche Leben für sich und ihr Kind bestreitet; die Kleinrentnerin, deren Monatszahlung kaum für die Miete reicht; der verschämte Flaschensammler am Rande der Überflussgesellschaft; die Geflüchteten, die in trostlosen Container-Unterkünften jahrelang auf eine Entscheidung über ihr weiteres Schicksal warten.

Hauptmanns Weber hatten keinen Anspruch auf Würde

Immerhin, sie alle haben heute – anders als Hauptmanns Weber – einen in unserem Grundgesetz verbrieften Anspruch auf jenes Existenzminimum, das ihnen ihre Würde garantieren soll. Dafür müssen sie sich auf ein Amt begeben, ihre Rechte geltend machen, von denen sie oft gar nichts wissen, in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Und noch dazu müssen sie sich die Ohren verkleben und die Augen verbinden, um sich vor den ehrabschneidenden Pöbeleien zu schützen, die ihnen Faulheit und berechnende Niedertracht unterstellen.

Hauptmann (1862 – 1946) hatte den sozialkritischen Ton gefunden, um diese schreienden Ungerechtigkeiten zeitlos gültig zu beschreiben. Er selbst aber lebte vom Erfolg auch dieses Werkes bestens etabliert in seinen Villen in Erkner, auf Hiddensee und im Riesengebirge. Damit war er in guter Gesellschaft mit anderen literarischen Berühmtheiten seiner Zeit: Fünfzig Jahre zuvor hatte Viktor Hugo (1802 – 1885) das Schicksal der „Elenden“ („Les Miserables“) beschrieben und mit dem Erfolg des Buches sich ein Prachthaus im Exil auf Guernsey leisten können. Und auch der Kommunist Pablo Neruda (1904 – 1973) hatte kein schlechtes Gewissen, politisch wie literarisch die soziale Gleichheit zu fordern und selbst in Saus und Braus in mehreren Häusern in Chile zu wohnen.

Ein deutsches Leben in den Wirren des 20. Jahrhunderts

Nun kann ein Mensch viele Häuser haben, sich großen Ruhm erwerben und beruhigenden Reichtum anhäufen, er bleibt doch dem mächtigen Zugriff der Geschichte ausgeliefert. Das zeigt eindrücklich die Biografie Hauptmanns, ein deutsches Lebens in den Wirren des 20. Jahrhunderts. Weltweit und gerade auch in der kommunistischen Sowjetunion besonders geachtet, versagte der große Mann des Geistes vor den Herausforderungen seiner Zeit. So konnte er sich nicht durchringen zu einer klaren Haltung im Nationalsozialismus. Er chargierte zwischen vorsichtiger Zustimmung und leisen Vorbehalten gegenüber dem Völkischen, lavierte sich durch, zog sich vorwiegend ins Private zurück, blieb daher anders als der dreizehn Jahre jüngere Thomas Mann (1875 – 1955) in Deutschland und landete schließlich sogar auf Hitlers Liste der „Gottbegnadeten“, was ihm die Freistellung von allen Kriegsverpflichtungen garantierte. Alles das ist ihm nicht vorzuwerfen, schon gar nicht aus der Perspektive der Nachgeborenen, die in friedlichen Zeiten leben dürfen. Im Februar 1945 erlebte Hauptmann bei einem Klinikaufenthalt am Rande von Dresden den apokalyptischen Luftangriff die Stadt. „Ich stehe am Ausgangstor des Lebens und beneide alle meine toten Geisteskameraden, denen dieses Erlebnis erspart geblieben ist,“ schrieb er damals.

Wenige Wochen später lag die Welt der Deutschen in Trümmern, die Häuser von Hauptmann aber nicht. Hoch am Hang, weit abseits von der Welt stand „Haus Wiesenstein“ in Agnetendorf im Riesengebirge noch immer (und steht es bis heute) unverwundet zwischen den verschwiegenen Tannen. Die Zerstörungswalze des Krieges hatte es verschont, wie auch seinen Sommersitz auf der Insel Hiddensee. Der weltbekannte Geistesmann fand sich als Greis wieder in dem Teil seiner Heimat, der nun polnisch geworden war.

Armut, Hunger, Ungerechtigkeit – und Hauptmann mittendrin

Was folgte, ist bekannt: Weggejagt wurde die deutsche Bevölkerung, damit die von den Russen ihrerseits aus der heutigen Ukraine vertriebenen Polen eine neue Heimat finden konnten. Armut, Hunger, Ungerechtigkeit allerorten, ein einziges Elend, und der Schriftsteller in seiner Villa mittendrin, deren Zimmer prallvoll waren mit Büchern und edlem Mobiliar, das prächtige Treppenhaus blau-golden ausgemalt. Hochgeachtet und hochbetagt lebte der berühmte Schriftsteller auch dann noch dort in seinem schlesischen Paradies, als seine Landleute bereits hungernd ihr Hab und Gut mit Leiterwagen gen Westen zerrten.

Das Treppenhaus der Hauptmann-Villa in Agnetendorf: Ein Paradies als Fluchtort vor dem Grauen der Wirklichkeit. „Bin ich noch in meinem Haus?“ sollen die letzten Worte des Schriftsellers gewesen sein.

„Bin ich noch in meinem Haus?“ Angeblich waren dies die letzten Worte des sterbenden Gerhart Hauptmann am 6. Juni 1946.  Noch ein Jahr nach Kriegsende war Hauptmann von den sowjetischen Militärs besonders beschützt worden. Dann aber bestanden die neuen Herrscher darauf, dass nun endlich auch Hauptmann – wie alle anderen Deutschen – Schlesien zu verlassen hätte. Aber dazu kam es nicht mehr. Hauptmann verstarb in seiner Riesengebirgs-Villa, und es bedurfte danach umfassender Interventionen, sechs Wochen andauerndem Hin und Her, bis die in einem Zinnsarg eingelötete Leiche des Schriftstellers zusammen mit seinem gesamten beweglichen Hausrat, unzähligen Büchern, seiner Witwe und einer Gruppe von Intellektuellen und Künstlern, die in seinem Umfeld gelebt hatten, in einem Sonderzug ausquartiert wurden.

Die Vertreibung einer Leiche als Medienereignis

Die Vertreibung einer Leiche war ein Medienereignis. Fernsehkameras warteten am Bahnhof von Forst (bei Cottbus), als der Sonderzug mit dem toten Hauptmann auf dem Weg nach Berlin die neue Ostgrenze Deutschlands erreichte. Am 28. Juli 1946, 52 Tage nach seinem Tod, fand Gerhart Hauptmann endlich auf Hiddensee seine letzte Ruhe, immerhin in deutscher Erde, wenn auch nicht – wie es sein Wunsch gewesen war – im Riesengebirge.

Fünfzig Jahre lang diente danach das Haus Wiesenstein als Kinderheim. Im heute polnischen Schlesien muss man gut orientiert sein, wenn man das verwunschene Literatenschlösschen finden will, das abgelegen am Ende einer kurvigen Bergstraße wartet. Mit Mitteln der Bundesrepublik Deutschland wurde es in ein schmuckes Museum umgestaltet und 2001 als solches eröffnet.

Es gibt keine Flucht in die Idylle

Die „mystische Schutzhülle meiner Seele“ sei dieses Haus gewesen, hat Gerhart Hauptmann formuliert. Wer heute durch diese Räume schlendert, aus den Fenstern hinausblickt in die dunkle Waldlandschaft, in die sich der Schriftsteller hineingeflüchtet hat, Hoffnung und Distanz suchend vor dem Grauen, das sich um ihn herum ereignete, versteht diese Sehnsucht nach einer „Schutzhülle“ – und lernt doch die bittere Wahrheit: Es gibt keine Flucht vor der Geschichte in die Idylle, nicht im Riesengebirge, nicht auf Hiddensee, und auch heute nicht in der naiven Hoffnung auf ein ruhiges Leben auf dem Lande.

Wer Glück hat, mag dort verschont bleiben vor den Bomben des Krieges, mag dort nichts oder weniger hören vom Lärm der Geschichte, mag sich berauschen am lauschigen Rascheln der Blätter und jubelndem Pfeifen der Vögel, mag sich die Ohren verstopfen vor den schlechten Nachrichten aus den Städten, in denen die Armut wohnt und schreit – aber irgendwann wird die Geschichte doch anklopfen und ihr Recht verlangen. Irgendwann kommt sie, die Vertreibung aus dem Paradies.

 

Das Hauptmann-Museum in Haus Wiesenstein in Agnetendorf hat eine informative Website auf deutsch und polnisch. Auch das Hauptmann-Museum in Kloster auf Hiddensee informiert über den Schriftsteller.

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