Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs
„Ich wollte mal Fallschirmspringer werden.“
Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.
Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken
Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat: Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!
Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.
Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.
Und heute, fast 60 Jahre später?
Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.
Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.
Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?
Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?
Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD – zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben: dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren, dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!
Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt
Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren: alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.
Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!
Der Text gibt die persönliche Meinung von Hubert Seiter wieder, der von Andreas Vogt zu diesem Diskursbeitrag eingeladen wurde. Die persönliche Meinung des Kriegsdienstverweigerers Andreas Vogt finden Sie hier: „Warum ich kein Pazifist mehr bin“
Lieber Hubert Seiter, lieber Andreas,
vielen Dank für die Kontroverse zum Thema Pazifismus in der heutigen Zeit. Man kann mit gutem Recht diskutieren, ob der Pazifismus schon in den 30’er Jahren der richtige Ansatz war. Jedenfalls hat die Appeasement Politik der Vorkriegszeit dazu geführt, das sich Hitler erst Osterreich, dann Sudetenland und schließlich auch den Rest der ursprünglichen Tschechoslowakei einverleiben konnte.
Die heutige Zeit ist jedenfalls auch völlig anders als die 70’er Jahre, die von Gegeneinander der westlichen Demokratien gegen den sowjetischen Block mit den mittel-osteuropäischen als unterdrückte Vasallen geprägt waren. Es bestand ein atomares Patt, das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens – mit dem Risiko des beiderseitigen Untergang.
Heute haben wir Niedergang der regelbasierten Ordnung durch die UN-Charta, weil sich kaum noch jemand daran hält. Der Zerstörer und Unterdrücker Putin lebt allein vom Kriegführung, zunächst in Tschetschenien, Georgien, Syrien und anderswo in Afrika und nunmehr seit über 12 Jahren in der Ukraine. Auch das autokratische China droht unverhohlen mit der Einnahme Taiwans – übrigens mit der gleichen Begründung mit Putin die Ukraine unterjochen will (obwohl die taiwanesische Bevölkerung dagegen ist). Auch das autokratische Amerika eines Donald Trump hat schon mehrere Kriege vom Zaun gebrochen und unverhohlen mit der Annexion Grönlands (autonomer Teil des Nato-Partners Dänemark) gedroht und trotz massiver Gegenwehr der gesamten Nato von diesem Ziel nicht glaubhaft Abschied genommen.
Angesichts dieser weltweiten Zerstörung einer friedensorientierten Ordnung ist eine rücksichtslose Machtpolitik und militärische Bedrohungslage gerade für Europa entstanden. Die verzweifelten Rufe nach Verhandlungslösungen im Ukrainekrieg sind trotz vielfacher Versuche gescheitet. Warum – weil es dazu zwei Parteien braucht, die verhandlungsbereit sind – und Putin dies immer wieder als sinnlos abgelehnt hat. Statt dessen verheizt die russische Militärmaschine die jungen Menschen (nicht nur aus dem fernen russischen Osten, sondern auch aus Nordkorea, Kenia und anderen käuflichen Gegenden der Welt. Das mag moralisch klingen, ja aber es ist Realität. Die Soldaten werden in den Fleischwolf geschickt und auch von den eigenen Vorgesetzten mißhandelt und ausgebeutet.
Das entscheidende ist aber, das unser atomarer Natoschutzschirm nicht mehr gilt, Trump hat dieses Vertrauen zerstört. Und andererseits ist der hybride Krieg aus Russland schon längst in Europa und Deutschland angekommen. Von der russischen Schattenflotte in der Ostsee werden Aufklärungsdrohnen überall eingesetzt, der aktuelle Angriff auf den Flughafen in Leipzig mit einer bewaffneten Drohne sollte den Nachschub für die Ukraine massiv treffen und nebenbei auch Verunsicherung in Deutschland säen. Dazu passt dann auch die Beeinflussung der Landtagswahlen im Osten zugunsten der AFD und des unsäglichen BSW-
Joschka Fischer spricht im SZ-Interview vom 6.8.26 davon das „Deutschland zu einem Land struktureller Pazifisten sei“. Und er macht deutlich, das Europa und Deutschland in der Lage sein müssen, den multipolaren Bedrohungen im westlichen Bündnis EU und ggf. europäische Nato plus Kanada angemessen und resilient zu entgegenzutreten, also verteidigungsfähig zu werden. Wir sind leider nicht mehr in einer Welt der Friedenswilligen unterwegs, sondern einer der Welt der militanten Influencer, die mit allen Mittel der offenen Aggression, der ökonomischen Dominanz und gezielten Beeinflussung der politischen Bewegungen sich durchsetzen. Deshalb ist Widerstandsfähigkeit und Verhandlungsbereitschaft das Gebot der Stunde, um unsere liberale Demokratie am Leben zu halten. Mir kommt da ein Zitat aus den 70’er Jahren in den Sinn, das fälschlicherweise Brecht zugeschrieben wird: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“. Dieses Widerstandsrecht ist ja mittlerweile auch in unserem Grundgesetz niedergelegt, es gilt aber auch im Verhältnis zwischen den Völkern. Aber um widerständig- oder heute würde man auch sagen resilient – zu agieren muss ein Volk auch handlungsfähig sein, um überhaupt die Wahl zwischen Aufgabe und Verhandlung zu haben. Diese Freiheit wünsche ich mir und allen Demokraten jetzt.
Übrigens würde die Einführung eines allgemeinen Dienstes für alle jungen Leute, also Frauen und Männer als Wehrdienst oder Zivildienst für die Gesellschaft nicht nur die Residenz und die Solidarität in der Gemeinschaft stärken. Dies würde auch der allgemeinen Bedienmentalität gegenüber der Politik entgegenwirken. Wir können nicht erwarten alles von der Politik zu bekommen, wie in einem Supermarkt – sondern das allgemeine Wohl kann nur in den Köpfen und Herzen der Menschen entstehen.
PS: dies zeigt sich auch in der unseligen Debatte über die Fortgeltung der vorgezogenen, abschlagsfreien Rente mit 63 (bzw. 64 1/3 real) durch die ostdeutschen Ministerpräsidenten. Nicht mehr Stärkung der Ostdeutschen sonder eine weitere Belastung der jüngeren Leute wäre die Folge. Nutzen hätte nur die überwiegend männlichen Gutverdiener, meisten noch sehr gesund. Aber die Rentenversicherung ist kein Steinbruch aus dem man sich beliebig bedienen kann. Aber wem sage ich das?