Andreas Vogt: Warum ich kein Pazifist mehr bin

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Der Falkland-Krieg erschütterte mein pazifistisches Weltbild“

Vor wenigen Tagen bei der Fußball-Weltmeisterschaft rückte jenes Ereignis wieder ins öffentliche Bewusstsein, das meine ersten persönlichen Zweifel an der Tragfähigkeit von Pazifismus in der Weltpolitik markiert. „Las Malvinas son Argentinas“ stand da auf einem Transparent, das argentinische Fußballer im Spiel gegen England in die Kameras hielten. Um was es da geht, wird noch erklärt werden – für alle, die es vergessen oder nicht erlebt haben.

Andreas Vogt war mehr als dreißig Jahre in verschiedenen Funktionen bei der Techniker Krankenkasse (TK) tätig, zuletzt von 1999 bis 2021 als Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg. Er gestaltet – zusammen mit seiner Frau Ute Vogt – die Website vogtpost.de als Forum für Politik und Kultur. Andreas Vogt engagiert sich politisch für die Partei Bündnis 90/Grüne. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay)

Vorher aber ein paar Erinnerungen an meine Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1976. Vollkommen absurd kam mir schon damals die Situation einer „Gewissensprüfung“ vor: Graue alte Männer, vermutlich mit eigener Kriegsvergangenheit, hielten Gericht über meine Gesinnung. Meine Eltern wurden gebeten, zu meiner Verweigerung Stellung zu nehmen. Und schließlich war für mich ein Gespräch entscheidend, das ich zur Vorbereitung meiner „Gewissensprüfung“ mit einem Berater der Deutschen Friedensgesellschaft führte.

Graue alte Männer saßen zu Gericht über mein Gewissen

„Wenn sie Dich fragen“, so sein Rat, „was Du machst, wenn eine Räuberbande Deine Freundin überfällt, dann sag bloß nicht: Ich lasse es geschehen.“ Ein solcher Radikalpazifismus galt als unglaubwürdig. Man habe sich, so die Unterstellung, dann nicht wirklich mit einer eigenen Haltung zur Gewalt auseinandergesetzt. Vielmehr sollte ich den Gewissenskonflikt einräumen, also das Dilemma aus Gewaltverzicht und Nothilfe schildern. Es sei schließlich kein Widerspruch zur gewissensgetriebenen Friedfertigkeit im Kriegsfall, wenn man der bedrohten Freundin rettend beispringe.

Auch dank dieser Beratung konnte ich schließlich die alten grauen Männer von meiner Gewissensentscheidung gegen den Kriegsdienst überzeugen. Würde ich auch heute noch den Kriegsdienst verweigern? Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Ganz sicher aber werde ich das Recht zur Verweigerung verteidigen. Und ich verstehe alle heute 20-Jährigen, die es nutzen. Und gleichzeitig bin ich jeder und jedem 20-jährigen dankbar, die oder der bereit ist, unsere Werteordnung, unsere Demokratie, meine Freiheit, auch mit der Waffe zu verteidigen.

Warum? Weil sich die Notwehr-Situation mit der Freundin und den Räubern eben auch auf die heutige, reale Weltlage übertragen lässt. In meiner damals deutschen Sicht auf den „Kalten Krieg“ gab es nur zwei Weltmächte, die sich durch gegenseitige Hochrüstung bedrohten. Mir erschien es sehr einfach, das zu beenden. Es müssten sich eben nur auf beiden Seiten genügend Menschen finden, die ihr Gewissen dazu befragen, ob sie ein Teil dieser gegenseitigen Bedrohung sein wollen. „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ (ein Zitat des amerikanischen Publizisten Carl Sandburg, das fälschlicherweise oft Bertold Brecht zugeschrieben wird) – das erschien mir damals unfassbar einfach und richtig.

In der Welt von damals leben wir heute nicht mehr

In dieser Welt von damals leben wir heute nicht mehr. Nicht in Deutschland und auch nicht anderswo. Das führt zurück zur Inselgruppe der Malvinas – oder der Falkland-Inseln, wie sie in Großbritannien genannt werden. Mein gerade in der Gewissensprüfung attestiertes, pazifistisches Weltbild bekam im sogenannten „Falkland“-Krieg deutliche Risse. Auch wenn der britische Besitz dieser Inseln vor Argentinien Teil kolonialen Unrechts sein mag – als die argentinische Militärjunta 1982 die gewaltsame Inbesitznahme der Inseln befahl, wurde dort niemand unterdrückt, die Menschen dort wollten (und wollen bis heute) Briten sein, und keine Bedrohung ging von dort aus. Es war brutales, gewaltsames Unrecht, dort einzufallen und die Inseln zu besetzen. Und es war nach meiner Überzeugung auch moralisch zulässig, dass sich Großbritannien mit militärischen Mitteln gegen diesen Raub wehrte.

So sehe ich heute auch den Überfall Russlands auf die Ukraine: Niemand dort hat Russland bedroht, die Menschen in der Ukraine wollen in ihrer großen Mehrheit nicht von Russland beherrscht werden – und nichts, einfach gar nichts, rechtfertigt Bombenangriffe auf Wohnhäuser und Umspannwerke. Es ist also absolut legitim, wenn sich die Menschen in der Ukraine dagegen wehren, auch mit Gewalt. Die Sicherheitslage in ganz Europa hat sich durch diesen Angriff verschoben – mit den bekannten Auswirkungen auch auf uns.

Mehr Rüstung ist allenfalls ein notwendiges Übel

Ich bin also kein Pazifist mehr. Aber ich bleibe skeptisch, wenn sich die deutsche Gesellschaft nach meinem Eindruck viel zu bedenkenlos immer stärker militarisiert. Und deshalb brauchen wir gerade jetzt im gesellschaftlichen Diskurs Menschen, die lautstark daran erinnern: Mehr Rüstung ist auch in diesen Zeiten allenfalls ein notwendiges Übel, aber kein willkommener Wachstumsmotor. Atomwaffen-bestückte Langstreckenraketen sind kein Spielzeug, sondern millionenfach todbringende Werkzeuge der Apokalypse. KI-gesteuerte Drohnen sind kein Videogame. Und Diplomatie war nie wichtiger als jetzt.

Der Text gibt die persönliche Meinung von Andreas Vogt wieder, der den Kriegsdienst-Verweigerer Hubert Seiter zu einem Diskursbeitrag eingeladen hat. Die persönliche Meinung von Hubert Seiter finden Sie hier: „Warum ich Pazifist bleibe“

 

 

Hubert Seiter: Warum ich Pazifist bleibe

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Ich wollte mal Fallschirmspringer werden.“

Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.

Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.

Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken

Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat:  Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!

Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.

Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte  – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.

Und heute, fast 60 Jahre später?

Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.

Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.

Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?

Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?

Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD –  zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben:  dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren,  dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!

Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt

Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren:  alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.

Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!

Der Text gibt die persönliche Meinung von Hubert Seiter wieder, der von Andreas Vogt zu diesem Diskursbeitrag eingeladen wurde. Die persönliche Meinung des Kriegsdienstverweigerers Andreas Vogt finden Sie hier: „Warum ich kein Pazifist mehr bin“

 

Vom Frieden träumen, im Krieg aufwachen

Über die Aktualität des Musicals „Hair“ am Staatstheater in Saarbrücken

Es wäre eine bösartige Verkürzung, würde behauptet, dass Deutschland gespalten sei über die Frage von Krieg oder Frieden. Es mag zwar sein, dass – grob gesagt – unter den Deutschen jeweils etwa die Hälfte meint, es solle mehr Waffen für die Ukraine geben oder eher weniger. Würde man aber fragen (was aus guten Gründen niemand tut), ob man für Krieg oder für Frieden sei, dann würden sich natürlich alle für den Frieden aussprechen. Wer kann da schon dagegen sein?

Es ist vielleicht gerade deshalb jetzt ein guter Zeitpunkt, nach Saarbrücken zu fahren. Im dortigen Staatstheater kann man bis tief in diesen Sommer hinein (letzte Vorstellung am 2. Juli 2023) als einzigem Ort in Deutschland das Musical „Hair“ erleben, in dem es um Krieg und Frieden geht, oder genauer gesagt: Um den Traum vom Frieden.

Langes Haar, bunter Fummel: Die Hippies sind bester Laune. Aber sie werden aufwachen aus ihrem Traum vom unbeschwerten Leben – Szene aus „Hair“ in Saarbrücken; Foto: Oliver Dietze, bereitgestellt von Saarländisches Staatstheater

Es war chic, gegen die USA zu opponieren

Das „American Tribal Love-Rock Musical“ aus dem Jahr 1968, an der Saar vor zwei Jahren neu aufgepeppt für die Opernbühne, gehört zur biografischen Erfahrung vieler Silver-Ager von heute. Auch wenn sie jetzt eher von Haarmangel betroffenen sind, füllen die Vertreter der 68er Generation die meisten der weichen Polstersessel des Staatstheaters. Angetreten zur bequemen Besichtigung einer besonders bunten Phase ihrer eigenen Biografie ist also die Generation, die sich erst gegen die sinnlose Brutalität der Amerikaner in Vietnam, und dann gegen deren Pershing-Atomraketen in Deutschland gewehrt hatte. Es war eine Zeit, in der es chic war, gegen die USA zu opponieren.

Ende der achtziger Jahre glitten diese Babyboomer dann ungläubig staunend in ihren eigenen Traum: Der „Ostblock“ kollabierte, der „Kalte Krieg“ schien zu enden, die gefürchteten Atomraketen wurden allseits eingemottet. Die Geschichte schenkte den Deutschen ihre Wiedervereinigung und es konnte endlich Frieden gemacht werden mit den Nachbarn im Osten. Es war ein Traum vom Frieden für immer.

Das Spektakel funktioniert noch immer

Als das geschah, war „Hair“ längst out. Einst hatte es aber den musikalischen Begleitsound geliefert für eine Zeit, in der junge Menschen sich entscheiden mussten: Zur Bundeswehr oder nicht? Für oder gegen die USA? Mehr als fünfzig Jahre später funktioniert die fetzige Musik (eine achtköpfige Band treibt das Geschehen auf der Bühne) noch immer und ist das farbenfrohe Tanzspektakel eine einzige sinnliche Freude. Knapp zwei Stunden wirbelt das Personal des Saarbrücker Staatstheaters äußerst kurzweilig über die Bühne. Die langhaarigen Blumenkinder führen ein Leben voller Müßiggang, Anpassungsverweigerung, Drogen, Sex und Illusionen. Religiöse Versprechungen aller Art würzen den berauschenden Cocktail. Dann drängen sich düstere Vorahnungen von Gewalt ins Bild, sei es im Krieg oder in der eigenen Welt der Vorurteile und Rücksichtslosigkeiten. Und auch der Raubbau an der Natur ist nicht mehr zu leugnen in dieser heilen Welt.

Ja, schön wär´s gewesen! Aber die Hippies müssen erwachen aus ihrem Traum. Noch rammdösig, benommen, verkatert – mindestens von ihrem letzten Marihuana-Trip, vielleicht auch vom ohnehin anstrengenden Rausch des Jungseins, stolpern sie herum in der Wirklichkeit. Ihr Gastwirt, der Hausherr ihrer durchgeknallten Partylokation, ist tot, rassistisch ermordet. Wie wollen sie es denn nun halten mit dem wahren Leben ihrer Zeit: Krieg oder Frieden?

Schlapp und antriebslos suchen sich die erwachten Blumenkinder aus der Altkleidersammlung zivile Klamotten heraus, werfen den lächerlichen Bunt-Fummel ab, und staunen über ihre alten Geldbeutel, die sie nicht vermisst hatten in ihrer Kapitalismus-kritischen Traumwelt. Als nächstes stünde wohl ein Friseurbesuch an.

Am Rande aber liegt der tote Gastwirt

In Saarbrücken entscheiden sich die ernüchterten Hippies schließlich für den bequemen Weg der Illusion. Das ist auch in der Originalvorlage des Musicals so vorgesehen. Einer von ihnen folgt dem Einberufungsbefehl, geht in die Armee, aber die anderen singen: „Let the sunshine in“, erst leise und verhalten und dann immer machtvoller anschwellend wie eine trotzige Hymne auf das unbeschwerte Leben. Als hätte man ein Recht darauf. „Let the sunshine in“, und die nostalgisch erwachte Schar der Grauhaarigen im Saal klatscht und singt mit. Am Rand aber, da liegt der tote Gastwirt. Vorhang.

Eine Ikone der 68er-Generation, die heute 80 Jahre alte Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, ist zur gleichen Zeit in der Frage nach Krieg oder Frieden medial allgegenwärtig. Vor wenigen Tagen stand auch sie auf einer Bühne. Mit ausdrucksstarker Haarpracht, mit ihrer ganzen kantigen Persönlichkeit und Lebensleistung, rief sie vor dem Brandenburger Tor Ihrer Gefolgschaft zu: Wie es denn sein könne, dass wir uns an die Barbarei eines Krieges gewöhnen? Warum das Wort „Pazifist“ zu einem Schimpfwort geworden sei? Wie „verbrecherisch“ es sei, „der Ukraine einzureden, sie könne gegen Russland siegen.“

Das wäre dann der Moment, gedanklich kurz auf die Bühne in Saarbrücken und den historischen Hintergrund von „Hair“ zurückzukommen. Den auch von der damaligen Sowjetunion unterstützten Vietnamesen ist es im Jahr 1975 eben doch gelungen, die Soldaten der Atommacht USA aus ihrem Land zu vertreiben. Nicht mit selbstgeflochtenen Traumfängern oder Blumenkränzen auf dem Haupt, sondern mit aufreibendem Kampf und tödlichen Waffen. „Putin hört nicht auf das Geträllere von Friedensliedern“, kanzelte die FDP-Frontfrau Agnes Strack-Zimmermann die Überlegungen von Alice Schwarzer und ihren Anhängern ab, und erwischt gleich alle mit, die „Hair“ einfach nur als nostalgische Erfahrung genießen möchten.

So eine schöne Welt hätte es sein können, in die wir uns bei „Hair“ hätten zurückträumen dürfen! Geht leider nicht, geträumt haben wir vom Frieden, jetzt herrscht Krieg. Also zu Ende geklatscht, herausgestemmt aus den tiefen Polstersesseln, zurück in die brutale Realität.

Auf nach Saarbrücken!

Ein „Geschenk des Führers“ an das Saarland: Das heutige Staatstheater in Saarbrücken.

Schon beim Verlassen des prächtigen Baus in Saarbrücken gilt es, nicht zu stolpern. Ein „Geschenk“ war dieses Theater gewesen (auch wenn danach die Stadt Saarbrücken die Hälfte selbst zahlen musste). Als Dankeschön des „Führers“ wurde es errichtet. Die Bewohner des Saargebietes hatten im Jahr 1935 bei einer Volksabstimmung zu mehr als 90 Prozent für den Anschluss ihrer Heimat an Deutschland und gegen ihre Eigenständigkeit unter Aufsicht des Völkerbundes votiert. Nacherleben kann man das alles im nahegelegenen „Historischen Museum“ der Saarmetropole. Ein Sieg der Nazi-Propaganda war das gewesen, und auch ein tragischer Akt plebiszitärer Selbstunterwerfung unter ein Gewalt-Regime. In vollem Wissen über den rassistischen Judenhass der in Deutschland regierenden Nationalsozialisten und deren blutig-brutale Verfolgung jedes Andersdenkenden wählten die Saarländer den Abgrund.

Sie träumten damals von Wohlstand und Frieden – und wachten auf in einem Albtraum von Repression und Krieg. Auf nach Saarbrücken! Es gibt viel mitzunehmen von dort, wenn man über Krieg und Frieden nachdenken möchte.

 

 

 

„Hair“ ist am saarländischen Staatstheater in Saarbrücken das nächste Mal am 12. März und dann an zahlreichen weiteren Terminen bis 2. Juli 2023 zu erleben. Weitere Informationen: https://www.staatstheater.saarland/stuecke/musiktheater/detail/hair-1

Lohnend ist bei dieser Gelegenheit ein Besuch im Historischen Museum des Saarlandes: https://www.historisches-museum.org/startseite

Auch mein Text über „Langes Haar und die Sehnsucht nach Freiheit“  greift Motive aus „Hair“ auf. Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Aufführung am 1. März 2023.