Langes Haar und die Sehnsucht nach Freiheit

Eine haar-sträubende Betrachtung über Hippies, Gerd Müllers Denkmal und den Aufstand im Iran

Die ganze Welt kann ein einziger Wirbel von Haaren sein. Die singende Truppe tanzt, die Köpfe kreisen synchron nach vorne geneigt, auf gemeinsamer Augenhöhe. Aber von Augen ist nichts zu sehen. Denn die Haare wirbeln herum, glatte lange und wilde krause Haare, bilden gemeinsam eine blond-braun-schwarze Wolke. „Wunderbar ist so langes Haar, lass es leben, Gott hat´s mir gegeben, mein Haar!“, singt die sich entfesselt fühlende Jugend.

„Bürstenborstig, löwenmähnig“

„Bürstenborstig, rabenhorstig, ruppig, schuppig, struppig, zopfig, eisenherzig, bubikopfig, kämmungslos verludert, hemmungslos geölt, gepudert, löwenmähnig, strähnig“, geht der deutsche Liedtext weiter. Langes Haar schwingt herum in der Drehung, kann sich vor das Gesicht legen, sich verfangen an den Augenbrauen oder im Gestell der Brille. Es bedarf der Pflege, kostet Zeit und kann hinderlich sein für eine freie Sicht auf die Welt. Und doch ist langes Haar Symbol für Schönheit und auch kraftvoller Ausdruck von Vitalität und Freiheitsliebe. Manchen Menschen hat das Schicksal keine oder zu wenig oder eine sich allzu schnell verflüchtigende Haarpracht zugeteilt. Viele davon leiden darunter.

Die haarige Szene der tanzenden Jugend ist mehr als fünfzig Jahre alt. Sie stammt von der Bühne des amerikanischen Antikriegs-Musicals „Hair“, das im Jahr 1968 Premiere hatte. Das Spektakel im Dreieck zwischen Rebellion, Hippie-Glückseligkeit und Drogenrausch war ein Welterfolg der damals modernen westlichen Welt. Es ging darum, einer aufbegehrenden amerikanischen Jugend künstlerischen Ausdruck zu verleihen.

Lange Haare für Männer waren viel mehr als eine Mode

Gerd Müller – langhaarig während des WM-Endspiels von 1974. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-N0716-0314 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA

Die Rollenteilung zwischen Männern und Frauen kam dabei noch ziemlich traditionell daher, aber neu war: Auch viele Männer hatten eine wilde, ungebändigte Haarpracht. Ihre langen Haare, ihre wilden Locken waren für die Männer aus der Generation „Hair“ viel mehr als nur eine Mode. Die männliche Haarpracht war ganz konkret gefährdet vom brutalen Scheren-Schnitt nach einer drohenden Einberufung zum Militär. Und so wurde das wildwachsende Haar zum Zeichen des Widerstands gegen die latente, kalte Kriegsgefahr, in den USA gegen den Vietnam-Krieg. Es ging um eine ganz grundsätzliche Ablehnung jener Weltordnung, in der die Atommächte – militärisch gestützt – die Länder der sogenannten „Dritten Welt“ in Einflusssphären aufteilten und ausbeuteten. „Hair“ war auch ein Statement gegen den innergesellschaftlichen Stillstand, gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeiten.

Das Musical hatte am Broadway fast 2000 Aufführungen, schon im Oktober 1968 wanderte die übersetzte Aufführung von „Haare“ nach Deutschland. Zuerst wurde sie in die damalige Hippie-Lifestyle-Metropole München gezeigt, und von dort aus wanderte sie durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Erst zehn Jahre später, als die Hippie-Glückseligkeit schon fast vorübergezogen und die bunten Schlaghosen von den wohlkalkulierten Lumpen der Punks verdrängt wurden, verfilmte der Oscar-Preisträger Milos Forman den haarigen Stoff.

Gewiss kein Hippie, aber lange Haare hatte auch der „Bomber“

Das Gerd-Müller-Denkmal in Nördlingen mit schicker Föhnfrisur.

Gerd Müller war ein Kind dieser Zeit, wenn auch gewiss kein Hippie. Kurz nach Kriegsende geboren, erfüllte er sich und der ganzen deutschen Nation den Traum des sportlichen Jungen, der aus einfachsten Verhältnissen zum Weltstar aufstieg. Als „Hair“ noch die Hallen füllte, erzielte der „Bomber der Nation“ als Mittelstürmer der Männer-Fußballnationalmannschaft 1974 das Siegtor zur zweiten deutschen Weltmeisterschaft. Er schoss es, unvergleichlich und ganz typisch für ihn, aus einer wuchtigen Körperdrehung heraus, und er hatte dabei fliegendes, schulterlanges Haar. Wild und frei schwang es ausweislich der unscharfen Fotos und wackeligen Videos, die es dazu gibt, um sein Haupt herum.

Gerd Müller verstarb im Jahr 2021. Als ihm nun seine schwäbische Heimatstadt Nördlingen ein Denkmal setzte, da hatten die auftraggebenden Verantwortlichen und der ausführende Aschaffenburger Künstler Herbert Deiss nicht den Mut, das lange Haar des Bombers abzubilden. Der aktuelle Zeitgeschmack meinte wohl Gerd Müller etwas Gutes tun zu müssen, wenn in seiner erstarrten Denkmal-Drehung zum legendären Siegtor keine Mähne fliegt, sondern eine moderne Föhnfrisur das Haupt des Helden ziert.

Der griechische Athlet von 360 v.Chr. reinigt sich – dabei ist er ganz makellos; kein Härchen klebt, die Lockenfrisur sitzt perfekt.

Nun ist ein Denkmal ein geübter Ort für legalisierte Idealisierung. Schon jener griechische Athlet aus der Zeit um 360 vor Christus, der zu Vergleichszwecken mit der neuzeitlichen Müller-Statue in der Münchner Glyptothek geduldig bereitsteht, könnte von der Freude seiner Zeitgenossen an der Idealisierung profitiert haben.  So, wie er sich in einer geradezu Müller-ähnlichen Körperdrehung „nach dem Sieg reinigt“, wie dem Besucher erklärt wird, wirkt er allzu schön und makellos. Seine Haare liegen in wohlgeordneten Locken auf dem Haupt, hier schwitzt nichts und klebt kein Härchen.

Warum wird Jesus langhaarig dargestellt?

Zugegeben, ein gewagter Vergleich! Noch viel mutiger ist in dieser Hinsicht der bereits zitierte Liedtext aus „Hair“. „Ging vor rund zweitausend Jahren,“ fragt die haarige Hippietruppe, „Jesus nicht mit langen Haaren?“ Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass der historische Jesus so aussah, wie wir ihn uns nach zahllosen Bildern und Filmen inzwischen vorstellen. Das haben Wissenschaftler ermittelt. In der Antike waren lange Haare unüblich, vermutlich glich Jesus äußerlich eher unserem schönen Athleten mit säuberlich gestutztem Lockenkopf. Als Kronzeuge für Langhaarigkeit taugt der Gottessohn also nicht, wohl aber als weiteres Symbol dafür, dass wallendes Männerhaar steter Ausdruck von Veränderungswille und Aufbruch ist. Ganze christliche Künstlergenerationen hatten offenkundig das Bedürfnis, den Erneuerer seiner Zeit, den Mann, der dem Kommerz die Stirn bot und die Händler aus dem Tempel warf (falls die Geschichte stimmt), den Mann, nach dem wir unseren Kalender neu geordnet haben, langhaarig darzustellen und nicht mit kurzen Stoppeln auf dem heiligen Haupt.

Alle Lebenserfahrung zeigt, dass es ohnehin nicht darauf ankommt, ob die Abbildung korrekt ist. Sondern nur darauf, ob das Bild in uns lebendig bleibt, das wir mit dem Werk, der Idee des Abgebildeten verbinden. Ob Gerd Müller lange Haare hatte, spielt keine Rolle für den kleinen Steppke, der vor dem Müller-Denkmal steht und davon träumt, einmal im Leben das entscheidende Tor bei einer Weltmeisterschaft zu erzielen. Ob Jesus lange Haare hatte, ist vollkommen nebensächlich für diejenigen, die daran glauben, dass er für sie qualvoll am Kreuz gestorben ist.

Haare für die Freiheit: Szene aus dem Iran. Ganzes Video bei ttt in der ARD-Mediathek, ab Min. 8:30: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/Iran-Frauen-ttt-video-100.html

Wer das Haar zeigt, dem droht Folter und Tod im Iran

Welches Denkmal wird einst jenen Frauen errichtet werden, die derzeit im Iran um Ihre Freiheit kämpfen? Das Nicht-Verdecken des Haares ist für die Frauen dort zum religiös motivierten Politikum und zur Lebensgefahr geworden. Eine junge Frau war im September 2022 in den Foltergefängnissen der Mullahs umgekommen, weil sie zu viel von ihrem Haar öffentlich gezeigt hatte. Nun rebellieren Millionen Frauen gegen diese Sittenvorschrift. Immer mehr Männer schließen sich dem Frauenprotest an. Sie alle riskieren, im Gefängnis zu landen, gefoltert und getötet zu werden. Die Schergen des Regimes schießen mit scharfer Munition auf die haarige Rebellion. Staunend blicken die langhaarigen Hippies von einst auf den Mut dieser Menschen von heute.

Eine Szene, die zum Denkmal werden sollte

Ein Mittel des Protestes und der Trauer im Iran (und der Solidarität mit den iranischen Frauen weltweit) ist das Abschneiden der Haare. Das Netz ist voller Videos mit Bildern dieses mutigen Kampfes der Menschen im Iran. Eines davon zeigt eine junge Frau, mitten im Großstadtverkehr, Autos fahren vorbei, öffentlich steht sie da und schneidet sich ihre schönen langen Haare ab, hält die abgetrennten Büschel mahnend der Welt entgegen. Eine Szene, die zum Denkmal werden sollte.

 

 

Den Link zur vollständigen Szene mit der mutigen jungen Frau aus dem Iran , die sich die Haare abschneidet, finden Sie unter der Bildunterschrift.

Ausschnitte von „Hair“ kann man sich im Internet ansehen, auch den Film. Das zitierte Lied über die Haare finden Sie als Ausschnitt des Films von Milos Forman z.B. hier: https://www.youtube.com/watch?v=PgrIAIHTho8&t=27s

Das Musical ist bis heute auf deutschen Bühnen präsent; zum Beispiel wird das Staatstheater Saarbrücken den haarigen Antikriegs-Klassiker ab Mitte Februar 2023 wieder ins Programm nehmen.

Weitere (an den Haaren herbeigezogene) Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

Am Ende gewinnt immer das Runde

Ein Essay über Fußball, Mathematik und Moral

Der Künstler Şakir Gökçebağ möchte den „banalen Dingen des Alltags eine ungeahnte, neue Aufmerksamkeit“ verschaffen, so der Begleittext des Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart, so derzeit seine Werke zu besichtigen sind. Hier ist ihm gelungen, was unmöglich erscheint: Das Runde in etwas Eckiges zu hineinzuquetschen.

Üblicherweise ist ein Apfel rund. Freiwillig fügt er sich nicht in ein geometrisch sauberes Quadrat. Im allwissenden Internet sind Filmchen zu finden, wie kleine Äpfel beim Größerwerden in ein quadratisches Plastikästchen gezwängt werden, und dann halbwegs eckig vom Baum fallen. Mit etwas Gewalt gelang es auch dem in Hamburg lebenden Künstler Şakir Gökçebağ, den Äpfeln das Runde abzuzwingen. Er hat Äpfel so lange eckig zugeschnitten, bis sie in seinem Kunstwerk, ganz eng zusammengedrängt, einem Puzzle gleich, ein sauberes Quadrat bilden.

Rund und Eckig – das passt nicht

Für den Betrachter des Apfel-Gevierts bleibt ein Störgefühl zurück. Rund und eckig, das widerspricht sich einfach, das ist wie Feuer und Wasser, wie heiß und kalt. Deshalb halten wir inne vor dem Bild mit den sauber zum Quadrat zusammengeschnipselten Apfelgehäusen. Jeder Versuch, das Runde in das Eckige zu bringen, ist eben eine „Quadratur des Kreises“ – und wir wissen instinktiv: Es kann nicht ganz gelingen. Der Versuch, mit Zirkel und Lineal die Fläche eines Kreises exakt in die Fläche eines Quadrats zu übertragen, bleibt unmöglich für die Menschheit. Ein kluger deutscher Mathematiker namens Carl Louis Ferdinand Lindemann hat dafür im Jahr 1882 sogar den mathematischen Beweis erbracht.

So wurde die „Quadratur des Kreises“ zur sprachlichen Metapher. Sie steht für den zum Scheitern verurteilten Versuch, eine moderne Innenstadt gleichzeitig autogerecht und doch saftig grün und lebenswert durchlüftet zu gestalten; sie beschreibt das unmögliche Begehren an den Staat, Wohlstand für alle zu gewährleisten, und doch möglichst keine Steuern zu erheben. Jeder kennt solche Situationen: Man kann nicht beides gleichzeitig haben, die Dinge sind eben entweder rund oder eckig. Man kann sich oft annähern, man kann Kompromisse schließen, aber der Kreis wird nie quadratisch.

Zu besichtigen ist das gewaltsam zusammengepresste Apfel-Quadrat derzeit (und noch bis Mitte April 2023) im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart. Dort widmet man sich ganz speziell der Geometrie in der Kunst, mit Vorrang also solchen Bildern oder Skulpturen, die das Quadrat zum Thema haben. Das Museum gehört zu einem Schokoladenimperium, dessen Produkte ausgeprägt eckig daherkommen – quadratisch nämlich. Noch dazu tragen sie „Sport“ in ihren Namen trägt, was uns mitten hineinführt in diese Betrachtung über das Runde, das Eckige und die Moral.

„Das Runde muss in das Eckige“

„Das Runde muss in das Eckige“, philosophiert das ewige deutsche Fußballgedächtnis und meint damit den simplen Umstand, dass der Ball ins Tor muss. Der banale Satz zieht seine Spannung aus einem inneren Gefühl der Unmöglichkeit, die er auszudrücken scheint. Nicht nur der Fußballfan kennt die Verzweiflung darüber, wenn der Ball einfach „nicht reingehen will“, wo doch eigentlich und rein physikalisch betrachtet eine Lederkugel mit rund zwanzig Zentimetern Durchmesser mühelos zwischen ein Lattengerüst hineinpassen sollte, das mehr als sieben Meter breit und gut zwei Meter hoch ist. Gewiss, ein Torwart will das verhindern, und eine vielfüßige Verteidigung noch dazu. Trotzdem sollte es doch nicht so schwer sein, meint jeder Laie, der einmal vor der leibhaftigen Größe eines Fußballtores gestanden hat. Und wurde dann schnell eines Besseren belehrt, wenn er den Ball mit voller Wucht neben oder über das leere Tor gedroschen hatte.

Was soll das Gerede vom Runden und dem Eckigen? Es geht doch! Vieltausendfach mühen sich an jedem Tag sportbegeisterte Menschen auf der ganzen Welt damit ab, auf den verwöhnt-geheizten Rasenflächen der Stadien genauso wie auf den schweißgetränkten Buckelpisten der Vereine, in den gepflasterten Hinterhöfen oder auf staubigen Bolzplätzen. Und zappelt es dann endlich im Eckigen, das Runde, dann purzeln Kinder jubelnd auf dem Boden herum, brüllen wildfremde Männer ihre Erleichterung heraus, fallen sich erwachsene Frauen gegenseitig um den Hals.

Fußball-Deutschland und die Quadratur des Kreises

Ganz Fußball-Deutschland steht in den nächsten Wochen eine Quadratur des Kreises bevor. Das Runde muss mal wieder in das Eckige, diesmal zur gefühlten Unzeit vor Weihnachten, und noch dazu drängen sich die suspekten Scheichs von Katar dabei als Gastgeber auf den von Wüstenödnis umgebenen grünen Rasen. Die Umstände rund um die dargebotene Veranstaltung sind unsäglich. Eine böse Blutgrätsche der Fußball-Moral ist zu besichtigen: Über 6.500 migrierte Arbeiter sind (lt. der britischen Tageszeitung The Guardian) aufgrund der Arbeitsbedingung beim Bau klimatisierter Stadien in der Wüste verstorben. Für die neuen Arenen wird es keine Verwendung geben, wenn die Fußball-Millionäre abgereist sind. Ein Unrechtsstaat fläzt sich da auf die sportliche Weltbühne, eine Monarchie, die nach der Scharia urteilt, Frauen unterdrückt, Homosexuelle betraft und die Todesstrafe vollzieht. Eine rücksichtslose Elite beutet in Katar die ihnen zufällig zugefallenen Energieressourcen gnadenlos zum eigenen Vorteil aus.

Noch dazu wird eine wahnwitzige Verschwendung von Geld und Energie zu besichtigen sein für ein Turnier, das man genauso gut zu einer passenderen Jahreszeit anderenorts in ohnehin vorhandenen Arenen hätte durchführen können. Oder auf das man vielleicht auch ganz hätte verzichten können, da uns aktuell die Quadratur des allergrößten Kreises unserer Zeit abverlangt wird: Nämlich Energie zu sparen, das Klima zu retten, unsere demokratischen Werte zu verteidigen, in einem Krieg unserer Nachbarn solidarisch zu bleiben, und dabei trotzdem halbwegs Wohlstand für die meisten zu erhalten und allen eine warme Wohnung zu heizen.

Gucken oder nicht?

Was also tun? Gucken oder nicht? Glühwein zum Elfmeterschießen? Fein raus sind nur die, deren Desinteresse für Fußball tief verwurzeltet ist. Wer sich diesbezüglich frei glaubt von jeder Verlockung, werfe also den ersten Ball! Aber Achtung: Das Bekenntnis ist nur glaubwürdig von denjenigen, die noch niemals dabei waren, auch nicht in wichtigen Spielen bei Europa- oder Weltmeisterschaften, einem Finale gar, daumendrückend, Chipstüten-bewaffnet und jubelbereit, verzweiflungsgeplagt. Alle anderen, auch die nur gelegentlich Interessierten, erst recht die süchtigen Final-Zitterer, die spannungsgeladenen Hoffnungsfrohen, werden gnadenlos vor die Frage gestellt werden, ob sie ihr Rundes (also ihren Kopf) tatsächlich vom eckigen Bildschirm fernhalten wollen.

Moral und Spitzensport, das ist eben auch eine Quadratur des Kreises, das passt nicht zusammen. Sepp Herberger, von dem der Spruch mit dem Runden, das ins Eckige muss, stammt, war der Trainer jener deutschen Nationalmannschaft, die 1954 das „Wunder von Bern“ vollbrachte, der überraschend errungene Weltmeistertitel für das Fußball-Deutschland der geächteten Kriegsverursacher. Herberger war NSDAP-Mitglied und wurde doch zum deutschen Nachkriegshelden. 1978 fand die Weltmeisterschaft in Argentinien statt, das damals von einer blutigen Diktatur regiert wurde. Bei der WM von 2018 in Russland schieden die deutschen Jungs als Gruppenletzte schon in der Vorrunde aus. Die deutsche Öffentlichkeit beschäftigte das deutlich mehr als der Umstand, dass der „Gastgeber“ schon vier Jahre zuvor sich rechtswidrig Teile der Ukraine gewaltsam angeeignet hatte. Und wären uns die in Umerziehungslagern kasernierten Uiguren wichtig gewesen, oder die in ihrer kulturellen Identität unterdrückten Tibeter, dann hätten wir auch ganz sicher nicht die olympischen Spiele in China verfolgend dürfen.

Am Ende gewinnt immer das Runde!

Da bleibt dem zweifelnden Zeitgenossen nur die Gewissheit: Am Ende gewinnt das Runde! Der Kreis wird nicht zum Quadrat und der Apfel selbst im Plastikkorsett kein sauberer Würfel. Das Spiel gewinnt, wer das Runde ins Eckige bringt, und nicht umgekehrt.

Und es ist der runde Kopf, der hinsieht und sich das Seine denken kann zu dem kommerziellen Wahnsinn, der da aus dem elektronischen Viereck quillt. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, formulierte es einmal der französische Schriftsteller Francis Picabia. Was für ein Traumtor!

 

Die Ausstellung mit Werken von Şakir Gökçebağ ist noch bis 16. April 2023 im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart zu besuchen.

Die Erklärung, warum die Quadratur des Kreises eine unlösbare Aufgabe ist, übersteigt deutlich meine eigenen mathematischen Fähigkeiten. Wer tiefer in das Rätsel einsteigen möchte: Bitteschön, vielleicht hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Quadratur_des_Kreises

Francis Picabia war ein vielfältiges Talent, vor allem auch ein Maler. mehr über ihn  können Sie z.B. hier nachlesen: https://kunstmuseum.com/francis-picabia/

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier und als #Kulturflaneur hier. 

Der Barde und die Baby-Boomer

Ein Essay über den Liedermacher Reinhard Mey, die Freiheit und die Verantwortung

Es gab nichts zu verantworten für die Schüler in der Kleinstadt, aber die Institution nannte sich trotzdem „Schülermitverantwortung“. Für den Schulrektor waren sie eine potenzielle Störung des Schulalltags, für die Lehrer aufschneiderische Wichtigtuer, für die meisten Schüler entweder selbstverliebt oder machtlos oder beides. Dennoch: einmal im Monat, nach dem Unterricht, früher Nachmittag, fand die gemeinsame Sitzung der von ihren gymnasialen Klassen gewählten Schülersprecher statt. Ort: Klassenraum 3.32, dritter Stock, Linoleum, zotiges Gekritzel auf den Schulbänken. Der abgegriffene Holzzirkel drohte von der Wand, die Tafel war verschmiert.  Man atmete den Muff des letzten Unterrichts, befühlte die fremden getrockneten Kaugummis unter Bänken und Stühlen. Irgendjemand hatte Jasmin-Tee gekocht, der neueste Schrei unter den Gymnasiasten, und bröckeligen Kandiszucker besorgt. Gesucht waren Ideen, was mit der Mitverantwortung anzustellen sei. Was könnte man den Schülern bieten?

70er Jahre: Mond betreten, Jasmin-Tee mit Kandiszucker

Es war die Zeit, als der Mond gerade eben vom Menschen betreten und, wie erwartet, als staubig und unwirtlich vorgefunden worden war. Die olympischen Spiele in München standen noch bevor. Beginn der siebziger Jahre in Deutschland, das Ende des kriegerischen Jahrhunderts dämmerte schon am fernen Horizont. Die Generation der „Baby-Boomer“ (die man damals noch nicht so nannte) sorgte für überquellende Klassenzimmer, seit im Land der Kriegsverursacher Frieden und Wohlstand eingezogen war.

Dazu immer Musik! Wenn es nicht die Beatles oder Stones waren, wenn es deutsch sein sollte, dann Peter Alexander, Roy Black oder Tony Marshall. „Mein Freund, der Baum“, die frühe Öko-Hymne der 1969 tödlich verunglückten Sängerin Alexandra war textlich schon herausragend anspruchsvoll gewesen, sonst aber waren deutsche Lieder rosarot und seicht.

Die erste verwöhnte Generation

„Was bin ich?“ fragte sich ganz Fernsehdeutschland vor dem Bildschirm, aber eine Antwort gab es dort nicht. Nur viele neue Fragen taten sich auf, wenn die einstigen Trümmerfrauen, die bescheiden wohlstandsstolzen Vertriebenen und die noch immer traumatisierten Kriegsheimkehrer auf ihre Kinder blickten: langhaarige, barttragende, dauergewellte Schlaghosenträger/innen. Auch diese Generation war sich einig in der Abgrenzung zu ihren Eltern, die nur schaufeln und schaffen und wegschauen wollten. Aber die ersten Kinder des Wirtschaftswunders waren auch schon verwöhnt vom Wohlstand, in dem sie satt und sehnsüchtig dem nächsten elternfinanzierten Italienurlaub entgegenträumen konnten.

Der Liedermacher und seine Generation: Reinhard Mey füllt jetzt große Hallen, in Stuttgart waren es mehr als 5000 Zuhörer/innen.

Der Frieden schien gesichert im Schatten der Waffen

Zurück lag der Aufruhr des Sommer 1968, als in den Großstädten Auflehnung gegen die Lähmschicht des Stillstandes und der stillen Verleugnung sich den Weg bahnte. Wütende Studierende hatten die Ruhe in den deutschen Wohnzimmern gestört, Pflastersteine waren geflogen gegen damals noch lächerlich schwach geschützte Polizisten. Schaufenster splitterten. Und die zerfetzten Bild-Zeitungen lagen im Schlamm der Straßen, durchweicht vom Nass der Wasserwerfer, mit deren Hilfe der verzweifelte Staat dem rebellischen Treiben seiner Jugend hatte Einhalt gebieten wollen. Vorbei war die Kuba-Krise und die Niederschlagung des Prager Frühlings, das System der atomaren Abschreckung war im Gleichgewicht, stabiler Frieden schien gesichert im Schatten der tödlichen Waffen.

Die Krawalle in München, Berlin oder Frankfurt hatten die Schüler-Mitverantwortlichen, genauso wie die Mondlandung, nur in verschneiten, wackeligen Schwarz-Weiß-Bildern auf der gewölbten Oberfläche des heimischen Fernsehers erlebt. Für die Provinz-Gymnasiasten in Raum 2.32 war alles das wichtig gewesen, aber auch sehr weit weg.

Dann holte einer ein mobiles Tonband hervor, fummelte das Kabel in die Steckdose, drückte ein paar Tasten. Mitschnitt aus dem Radio, vor ein paar Tagen, sagte er.

„Ich wollte wie Orpheus singen …“

„Ich wollte ….“, sang eine schüchterne Männerstimme, „… wie Orpheus singen“, tastete sich das Lied, begleitet nur vom Zupfen einer Gitarre, zwischen das Rauschen und Knacken im schwächlichen Lautsprecher. „Ich wollte wie Orpheus singen, dem es einst gelang, Felsen selbst zum Weinen zu bringen – durch seinen Gesang…“

„Reinhard Mey!“, riefen gleich mehrere Schülermitverantwortliche. Und dann war die Idee schnell geeint: Macht der nicht eine Tournee? Ganz sicher wird er nicht in unsere Kleinstadt kommen, aber vielleicht in den größeren Ort in der Nähe, könnten wir nicht eine Fahrt dorthin organisieren?

Dieser Mann war damals 29 Jahre alt und sang bisher ungehörte deutsche Lieder. Reinhard Mey tourte mit seiner Gitarre durch die Hinterzimmer und kleineren Säle des Landes. 1967 hatte er seinen ersten Plattenvertrag ergattert, verglich sich mit Orpheus, spottete über deutsche Krimis, in denen „immer der Gärtner“ der Mörder sei und erlebte 1972 seinen ersten Popularitätsdurchbruch mit der Ballade „Gute Nacht, Freunde“.

Politisch, aber nicht rebellisch

Es waren die Texte seiner Lieder, die dem Lebensgefühl junger Menschen in den Siebziger-Jahren Ausdruck verliehen. Reinhard Mey (und andere, wie Hannes Wader oder etwas später Konstantin Wecker) trafen den Nerv einer Jugend, die politisch sein wollte, aber nicht mehr so rebellisch wie ihre älteren Geschwister. Es waren 15-, 17-, 19-Jährige, denen es dank ihrer fleißigen Eltern gut genug ging, dass sie es sich nun leisten konnten, das Zuhören zu lernen.

120 Mark kostete die Miete für den Bus, der die Schüler des Kleinstadt-Gymnasiums zur Halle in der Regionalmetropole brachte. Zwanzig Teilnehmer hatten sich bei der Schülermitverantwortung für die Fahrt angemeldet. Als es so weit war, trat der junge Barde vor den beigefarbenen Vorhang. Der Saal war vollbesetzt mit vielleicht dreihundert jungen Menschen, die hören wollten, was damals neu und ungewohnt war: Deutsche Texte, sanft, nachdenklich machend, diskursiv, auch öfters spöttisch. Es war ein Ton, der die dumpfe Selbstgerechtigkeit der Nachkriegsjahre genauso hinter sich ließ wie den gewaltgeprägten Krawall der 68er-Bewegung.

Still war es damals im kleinen Saal, …

Ganz still war es damals im stickigen Saal, kein rhythmisches Klatschen, keine Feuerzeuge, nur das Zuhören junger Menschen und dann Beifall und Hoffnung auf eine Zugabe, vielleicht noch eine Zugabe. Damals waren die Lieder von Reinhard Mey Teil der Veränderung, die bevorstand. Sie waren in ihrer Einfachheit – nur eine Gitarre und ein Mann, der singt – eine Vision für eine neue deutsche Nachdenklichkeit. Sie kündeten früh von jener Achtsamkeit, die wir uns heute mühsam abringen. Sie nahmen auch den Spott vorweg, der nun Comedy heißt.

… heute warten 5000. Graue Locken bestimmen das Bild

Zeitsprung! Stuttgart, Porsche-Arena, Oktober 2022. Fünfzig Jahre sind vergangen, der Sänger ist an Jahren gealtert wie auch sein Publikum. Graue Locken bestimmen das Bild, wackelig und tastend auf Geländersuche staksen die Klassenkameraden der einstigen Schülervertreter über die steilen Stufen der Riesenarena in ihre Sitzreihen.

Beifallumrauscht, gleichermaßen vorfreudig wie vorsichtig, nimmt der fast achtzigjährige Reinhard Mey die Stufen hinauf zur Bühne, auf der seine Gitarre schon wartet. Still wird es auch jetzt noch im dunklen Saal, wenn der Barde die Gitarre zupft. Jetzt sind es mehr als 5000 Menschen, die einem alten, weißen Mann zuhören, der ihnen noch immer etwas zu sagen hat. Es ist eine demutsvolle, sehr persönliche Rückschau, zu der er einlädt, ein sanfter, dankbarer Blick auf ein Leben voll Liebe und Wein, auf Momente von Glück und tiefer Trauer, auf die eigenen Kinder, die nahen Mitmenschen, auch auf die Annäherung an den Tod.

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück

Ein Mann, seine Stimme, eine Gitarre. Im Dezember wird Reinhard Mey 80 Jahre alt. Er trifft noch immer den Ton seiner Generation. Aber welcher Ton ist das?

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück. Das war nicht immer so. Immer wieder hat sich Reinhard Mey in seinen Liedern dezidiert politisch und pazifistisch positioniert.  „Nein, meine Söhne geb ich nicht …“ textete er 1986 im gleichnamigen Lied, „… sie werden nicht in Reih und Glied marschieren, nicht durchhalten, kämpfen bis zuletzt.“ Lieber werde er „mit ihnen in die Fremde ziehen, in Armut und wie Diebe in der Nacht.“ Im April 2022, im ersten großen Schock über den Krieg in Europa, hatte sich Reinhard Mey als Erstunterzeichner dem umstrittenen „Offenen Brief“ angeschlossen, in dem zahlreiche Künstler und Intellektuelle zur Zurückhaltung bei Waffenlieferungen an die Ukraine aufriefen.

Im Konzert sagt oder singt er kein Wort dazu. Aber dann, fast zum Schluss, schon als Zugabe, stimmt Mey seinen größten Erfolg an. Es ist die stille Hymne auf den Traum einer grenzenlosen Freiheit, die man wohl nur über den Wolken, nicht bei uns auf der Erde finden könne. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Der betörende Mehrklang der Wohlstandsfreiheit

Noch immer trifft der Liedermacher den Ton seiner Generation. Es ist der ungemein verlockende, in seiner Schönheit so betörende Mehrklang aus Sehnsucht und Tatenlosigkeit, der dieses Lied für viele Menschen berührend macht. Es ist ein Statement für eine Wohlstandsfreiheit, die nicht erkämpft oder aktiv verteidigt werden muss.

Leider ist die Welt von heute nicht so. Die Baby-Bommer werden nicht umhinkommen, noch einmal neu zu lernen, Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Reinhard Mey ist noch bis 15. Oktober 2022 auf Tournee. Ich habe das Konzert am 18. Oktober 2022 in Stuttgart erlebt.

Die angesprochenen Lieder habe ich jeweils direkt im Text verlinkt, jeweils zu Youtube. Wenn Sie draufklicken, stimmen Sie der Weiterleitung zu. Es lohnt sich, zuzuhören!

Mich persönlich hat auch eine Neuversion des pazifistischen Liedes „Meine Söhne geb ich nicht“, eine Gemeinschaftsproduktion von Reinhard Mey und mehreren weiteren Künstlern sehr angesprochen. Die Künstler werben damit für https://friedensdorf.de/

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. 

 

Schiffbruch im Ozean der Irrelevanz

Eine politische Erzählung

Die ganze Verzweiflung eines Schiffbrüchigen schildert der französische Maler Emile Renouf (1845-1894) in seinem Gemälde „En dérive“ – der Getriebene (hier ein Ausschnitt). Quelle gallica.bnf.fr / BnF

Unendliche Weite, Wasser, nur Wasser. Verloren wird der Schiffbrüchige herumgeworfen, fremden Gewalten ausgeliefert, ohne Orientierung, ohne Plan. Machtlos ist er im Spiel der Wellen, hin und her schwankt der gekappte Mast, das große rettende Stück Holz, an das er sich in banger Hoffnung klammert. Wann kommt Hilfe?

Die letzte Hoffnung: Ein Sprung, aber …

Einst waren die großen Segler noch aus Holz, mit stolzen Masten darauf, die von der Mannschaft in der höchsten Not des Sturms gekappt worden waren, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Wut des Meeres war zu groß. Schäumend und tobend schlug das kalte salzige Nass über das schon geschundene Schiff, schleuderte es hin und her, schlug Löcher in seine kräftigen Planken. Wasser drang ein, immer mehr, gluckernd und gurgelnd, dann ein Sturz, der alles unter sich begrub und mit sich riss. Schließlich war der große Schiffskörper zerborsten, ächzend, splitternd und krachend unter der nächsten großen, noch größeren, noch wütenderen Welle. Dem Tode entrinnen konnte nur, wer den kühnen Sprung in die nasse Unendlichkeit wagte, und ein hölzernes Stück ergatterte.

… schon droht die nächste Welle

Der Schiffbrüchige klammerte sich daran fest, egal wieviel Wasser über ihn hinwegtobte. Eisig kalt krampften die Finger, triefend der Körper, die Haare, die Fetzen von Kleidung, die ihm geblieben waren. Festhalten und fort, nichts als fort, war sein Denken, nichts als fort vom tödlichen Strudel, der entstehen wird in diesem Inferno, wenn das Schiff für immer hinabtaucht in unermessliche Tiefe.

Aber der Schiffbrüchige hatte gar nicht die Macht, über sein Schicksal zu bestimmen. Er konnte nur mit letzter Kraft der Erschöpfung entgegenwirken. Schon erkannte er im fahlen Mondlicht die nächste Welle, wie sie meterhoch, gewalttätig, unabwendbar, im gleichen Moment über ihn hinwegschlug, alles verschlingend. Und sie spie ihn doch wieder aus! Prustend, verzweifelt schreiend und den Geschmack der salzigen Wucht auf der Zunge – so blickte er um sich, voller Staunen, dass er noch immer lebte.

Bilder, an die man sich nicht gewöhnen darf

Die Schiffbrüchigen von heute klammern sich nicht mehr an Holzmasten. Sie geraten in schrottreifen Kuttern in Seenot und werden, wenn sie seltenes Glück haben, von geflickten Rettungsringen über Wasser gehalten. Das Mittelmeer ist voll von modernen Schiffbrüchigen, die unter Einsatz ihres einzigen Lebens ein besseres anderes suchen. Es sind Bilder, an die wir uns gewöhnt haben, obwohl man sich nicht gewöhnen darf, und Schicksale, die aller Rede wert sind.

Der moderne Schiffbrüchige sitzt vor seinem Notebook

Hier aber soll es um eine ganz neue Form der Seenot gehen. Der moderne Schiffbrüchige sitzt vor seinem Notebook. Oder er hält sein Smartphone in der Hand, und er versucht nicht unterzugehen im weiten Ozean der Irrelevanz. Er sucht Halt in den Stürmen einer tobenden Welt: Städte in Europa brennen, Leichen säumen die Straßen der vom Krieg geschundenen Dörfer. Europa, vielleicht der ganzen Welt, droht ein Atomkrieg. Sintflut-gleiche Überschwemmungen spülen die Existenz der Menschen in Pakistan hinweg. Brutale Gewalt übt ein Regime gegen Frauen und Männer im Iran aus (und nicht nur dort).  Dazu, ganz nah schon, der nächste wütende Sturm: eine globale Klimaveränderung, welche das Leben auf der ganzen Welt verschlingen könnte.

Wo solche Orkane wüten, rollen ohne Unterlass die hohen Wellen der Irrelevanz heran: Ungebetene Ratschläge von ahnungslosen Besserwissern türmen sich, eine Flut von Behauptungen aus unberufenen Mündern, von selbsternannten Philosophen und Querdenkern schwappt dahin. Trolle gießen schäumendes Gift in die Strudel, produzieren drohende Blasengebilde, die die Sicht versperren und das Wasser vergiften, in dem der Schiffbrüchige zu überleben sucht.

Giftige Algen wuchern, selbstverliebte Kraken locken

Ängste wuchern wie giftige Algen durch das brodelnde Meer des Irrelevanten, Ängste vor dem Verlust unseres Wohlstandes, Ängste vor Fremden, Ängste vor einem kalten Winter in ungeheizten Wohnungen, vor galoppierender Inflation. Nach dem schon geschwächten Bürger in Seenot, der sich gerade erst durch den Sturm der Pandemie gekämpft hat, greifen nun auch noch die Tentakel der selbstverliebten Kraken, die ihn mit ihren Verlockungen ablenken wollen: Sollte man nicht um das Gendern streiten? Hatte nicht Dein Zug auch Verspätung? Wurde etwa die Legalisierung von Cannabis vergessen?

Kehren wir noch einmal zurück zu dem armen, nassen Kerl, der sich an das Holz klammert. Irgendwann, nach den endlosen Stunden der Not und des verzweifelten Kampfes, hatte sich doch der Sturm gelegt, die Wellen hatten an Kraft und Wut verloren. Das graugrimmige Wolkengebirge hellte sich auf, ließ im anbrechenden Tag erste zarte Flecken in Blau gewähren, dann mehr und mehr. Und als die Sonne am Horizont über das endlose, langsam zur Ruhe kommende Grau des Wassers stieg, vertrieb sie die Reste der Wut, legte ihren goldenen Schimmer auf das Nass, beruhigte das ermüdete Element ganz sanft und sachte. Überlebt hatte er im Sturm, aber wird er auch leben können? Er wartet nun auf Rettung durch ein herannahendes Schiff, bevor er verdurstet oder ertrunken ist.

Die Besserwisser wühlen im Weltmeer der Irrelevanz

Der Schiffbrüchige im Ozean des Irrelevanten darf auf eine solche Beruhigung der Stürme nicht hoffen. Eine Katastrophe jagt die andere, und die Besserwisser wühlen lustvoll das Weltmeer immer heftiger auf. Im Chaos des vorschnellen Diskurses muss er sich an diese oder jene Meinung klammern, wenn sie ihm vertrauenswürdig erscheint. Meist treibt er führungslos herum in einer schwappenden Unendlichkeit aus Polarisierung und Populismus, aus Lügen und Fake News, aus Wut und Hass und Spott. Die Vielfalt der Propaganda, der Manipulierbarkeit der Meinungen und Gegenmeinungen, die Lust am Unüberlegten kann so ungenießbar sein wie das Salzwasser der Weltmeere für den durstig Ertrinkenden am schwappenden Holzmast.

Aber da, schau hin, am Horizont!

Der Demokratiedampfer nähert sich, er kämpft gegen die Wellen der Stürme an, die um ihn herum toben. Was war das für ein stolzes Schiff, und nun trägt es schon deutlich sichtbare Wunden, der Lack splittert, die Turbine stottert. Aber noch liegt das Flaggschiff für Freiheit und Recht sicher auf dem Ozean, trotzt dem Schlag der Wellen, der giftigen Gischt der Fehlinformation. Und es ist nicht allein, es hat Begleitboote, eine zerzauste Armada nähert sich: Das einst so stolze Segelschiff des Qualitätsjournalismus liegt da im Wind, die Tücher angenagt und rissig, aber noch prüft die Mannschaft zuerst, was sie danach behauptet. Das schnittige Schnellboot der Opposition versucht Anschluss zu halten. Das verlockende Kreuzfahrtschiff einer vom Wohlstand verwöhnten Gesellschaft ist auch dabei. Auf den Balkonen der Luxuskabinen schwankt noch der Champagner im Takt der Wellen, auch die Musik ist zu hören, aber sie kommt nur noch vom Band. Die Passgiere nehmen jetzt, da der Kampf den Stürmen gilt, Abstriche hin. Die Küche bleibt kalt und die Show am Abend fällt aus.

Immer wieder verlangsamt der Dampfer die Fahrt, immer wieder schlingert der Kurs, denn auf der Brücke des Leitschiffs wird gestritten. Bei jeder neuen Wasserwand, die da heranrollt, zanken sich die Kapitäne über den richtigen Kurs und die richtige Geschwindigkeit. Niemand ist ohne Zweifel, ob diese oder jene Entscheidung richtig ist. Wie könnte es auch anders sein in diesem tobenden Meer?

Der Schiffbrüchige aber winkt und winkt.

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Deutschland im Hitze-August 2022

Ein politisch-musikalischer Reisebericht

Im Württembergischen

Der ganze Hang durstet vor sich hin. Eine Rebsorte für samtroten Wein ist nach diesem sonnigen Bergrücken benannt, aber jetzt hilft ihm das wenig. Die Reben, die hier zu überleben versuchen, knorriges, ins Spalier gezwungenes Geäst, lassen trotz Bewässerung ihre hitzegeplagten Blätter hängen. Viele sind es ohnehin nicht mehr, die meisten Flächen am Hang wurden über die Jahre des Traums von ewigem Wachstum und immer weiter wachsendem Wohlstand umgewandelt in teuren Baugrund und blühende Gärten. Nun blüht hier nichts mehr. Fast einen Monat lang fiel kein Tropfen Regen vom Himmel, kaum eine Wolke linderte die Kraft der erbarmungslosen Sonne. die den Hang seit vier Wochen bescheint, Stunde um Stunde der Glut. Das Bewässern der Gärten zur Errettung des grünen Rasens, der bunten Blumenwiesen, ist zwar nicht verboten, aber schlecht beleumundet. Also sind die Flächen rund um die heiligen Orte der deutschen Familienidyllen längst nicht mehr grün. Unter den Trampolinen und am Rand der Grillterrassen ist alles Pflanzliche braun, abgestorben, vom Hitzetod dahingerafft. Die Trockenheit frisst sich in das Erdreich, Risse spalten den Boden, die Hitze zerrt an der verdorrten Krume.

Deutschland schwitzt und sehnt sich nach Schatten, diskutiert über die Kälte im Winter, sorgt vor, damit es warm bleibt im Wohnzimmer der Familien. Ventilatoren quirlen die heiße Luft, aber wo man es sich leisten kann, da säuselt die Klimaanlage.

In der Weltstadt mit Herz

Zu Gast für nur wenige Stunden in der Stadt, die das 50. Jubiläum ihrer Olympiade feiert, die in einem deutschen Sommer noch ohne Diskussion um Klimaschäden begonnen hatte, federleicht und bunt, und die dann zur tonnenschweren tödlichen Last wurde. Heiß ist es nun auch hier, aber offensichtlich ist hier mehr Regen gefallen in den letzten Wochen. Die Kinder springen durch die Parks, die Mütter und Väter lagern unter dem Schatten noch satt beblätterter Kastanien, einzelne Stellen der Wiesen schattieren ins Bräunliche, aber es dominiert das Grün.

Ein lauwarmer Abend des sommerlichen Glücks im Biergarten, ein frisch gezapftes Bier, der Rettich tränt ordnungsgemäß – und dann das erste Grollen, bedrohlich und finster wie zu Beginn des Gewitters in Beethovens Pastorale. Unheilkündend? Nein, erlösend, rauschend und rauschauslösend, prasselt in Sekunden das Wasser hernieder wie aus Kübeln, ergießt sich auf die durstigen Wiesen, saugt sich in das erfrischte Grün, tropft im Überfluss von den Bäumen, stürzt sich in die Kanalisation, bildet Bäche und Strudel. Wütend zucken die Blitze von Himmel, zornig grollen die Donner. Wer zu Fuß unterwegs ist, gerade noch in der Gewissheit des trockenen Sommers, flüchtet in Wartehäuschen, die Radfahrer ducken sich in den schwachen Schutz der Alleebäume. Auch die Autos zögern, stocken im steten Vorwärtsdrang, warten das Inferno ab, weil die schwächlichen Arme der Scheibenwischer die Flut nicht mehr ordnen können. Machtlos bleiben sie gegen die zuckende und donnernde Wucht, die die Sicht zerfließen lässt. Ein Aufatmen geht durch die Stadt: Wasser, Wasser!

Noch ein Gewitter: Ob es nicht Zeit wäre, sich zu entschuldigen für das, was palästinensische Terroristen angerichtet haben, als sie den deutschen Traum der heiteren Spiele vor fünfzig Jahren in dieser Stadt zerstörten? Das wird der Präsident von Palästina gefragt, als er auf dem edlen Teppich neben dem Bundeskanzler in Berlin steht. Mahmut Abbas war auch schon politisch aktiv, als damals die Schüsse fielen. Jetzt verweigert er eine Antwort. Stattdessen behauptet er, Israel habe seither schon „Fünfzig Holocausts“ angerichtet. Die Aussage bleibt zunächst unwidersprochen, der Kanzler schüttelt dem geschichtsvergessenen Gast die Hand. Ein medialer-Entrüstungssturm lässt ihn wissen, dass das ein Fehler war. Es ist zu heiß in Deutschland.

Am kleinen See im Blauen Land

Und wieder scheint die Sonne. „Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen, gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn“, träumt in dem von Franz Schubert vertonten Gedicht von Franz von Stolberg der Urlaubsgast in der Idylle des kleinen Moorsees vor den sanft blauschimmernden Hügeln der bayerischen Voralpenlandschaft. Es ist die Zeit der Sommerfrische im „Blauen Land“, das schon Gabriele Münter, Franz Marc und Wassily Kandinsky inspirierte zu verträumten Bildern dieser stillen Landschaft. Die Kühe glocken gemütlich von den sattgrünen Hängen herüber, an die braun verkrusteten Risse im glutheißen Württemberg erinnert hier nichts. Auf dem gut gefüllten See spiegelt sich eitel der Zwiebelturm der Dorfkirche vor weiß-blauem Himmel.

„Ach, auf der Freude sanft schimmernder Wellen, gleitet die Seele dahin wie der Kahn.“ Im oberbayerischen „Blauen Land“ atmet die Natur im saftigen Grün.

Also eingestiegen in den Kahn, Schubert im Kopfhörer: „Ach, auf der Freude sanft schimmernder Wellen, gleitet die Seele dahin wie der Kahn. Denn von dem Himmel herab auf die Wellen, tanzet das Abendrot rund um den Kahn.“ Es wird still am Abend rund um den See, was will man da rudern? Das Paddel stört nur. Meditative Wanderer blicken von den Parkbänken ins glitzernde Nass, glücklich-müde Urlaubskinder umrunden ein letztes Mal für heute den See. Ihre Eltern wandeln hinterher mit stillem Blick auf die kostbare Zeit sorgloser Gemeinsamkeit, die ihnen noch bleibt, bis Pflicht und Last wieder auf ihren Schultern liegen werden. Das Lied weiß, wie es weitergeht: „Ach, es entschwindet mit tauigem Flügel, mir auf den wiegenden Wellen die Zeit …“.

Der Gast verlässt das Blaue Land bei ruhig herabströmendem Landregen. Die Straße ist nass, die Reifen singen das Geräusch der friedlichen Regenfahrt, triefendes Gewölk ballt sich über dem ganzen verwöhnten Landstrich. Im Autoradio ist zu hören, dass noch immer unklar ist, woran genau die Millionen Fische in der Oder gestorben sind. Aber sicher sei, dass die Trockenheit der letzten Monate ihren Anteil habe am tonnenschweren Massentod.

Dort schon nicht mehr, und hier: Wie lange noch wird Tau auf unseren Flügeln liegen?

Durch Franken

Tausend Kilometer Autofahrt, tausend Kilometer Freiheit, einmal längs durch Deutschland. Zunächst Regen, bald schon wieder Sonne, nur noch Sonne. Der Wald an den Rändern der Autobahn verfärbt sich. In Franken herrscht Indian Summer Mitte August. Dort, wo um diese Jahreszeit noch grüne Bäume erwartet werden dürfen, ist schon Herbst. In Gelb und Graubraun, fahlem, mattem Gold klagt uns das Laub an. In wenigen Tagen wird es verdorrt herabfallen, wird uns den Herbst bringen zu einer Zeit, da Rudi Carell sich im Jahr 1975 noch „endlich richtigen Sommer“ gewünscht hatte.

Wie reiten doch die Jäger in Antonio Vivaldis „Herbst“ aus den „Vier Jahreszeiten“ hinaus in den bunten Wald? Voller Vorfreude auf Jagd und Natur, auf den Rausch der bunten Blätter, galoppieren sie dahin. Dieses Jahr werden, wenn es Herbst ist, die Jäger in Franken nur noch kahles Geäst über sich finden, denn das grau-gelb verdorrte Laub wird schon im August gefallen sein.

Es wird ein garstiger Herbst werden in Deutschland, und die Bundesregierung fürchtet den Volkszorn. Deshalb beschließt sie, die Mehrwertsteuer auf den Gaspreis zu senken. Sie mindert damit das Preissignal, das nötig ist, um den klimarettenden Umstieg von fossilen zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Sie reduziert den Anreiz zur notwendigen Veränderung, und zwar für alle, auch für diejenigen, die genügend Geld haben, um teure Gaspreise zu bezahlen. „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“, tönt, schon immer fragwürdig, die „Wacht am Rhein“.

Im Münsterland

Der Rhein bleibt links liegen. Je weiter die Reise nach Norden führt, desto häufiger wachsen die Windräder in den Himmel. Lange Rotoren, die beim flüchtigen Blick fürchten lassen, dass sie das Gras unter sich zermalmen könnten. Oder kürzere Rotoren auf hohem, schlankem Stamm. Wie auch immer: Viele davon!

Dann Rast in Deutschlands Westen, in seiner ganzen, unberührten Selbstsicherheit: Strohgelbe Stoppelfelder, hochstehender Mais, grüne Bäume. Radelnde Rentner durchmessen stolz die flache Landschaft und belohnen sich mit schäumendem Bier im Schatten. Münsterländer Pferde grasen auf der grünen Koppel, prächtige Backsteinhöfe kauern sich in die flache Natur, kaum einer davon ohne Sonnenkollektoren auf dem tief herabgezogenen Dach.

Ein lockerer Abend mit Freunden auf der lauwarmen Terrasse unterbricht die lange Reise. Glückliche Gäste genießen, was der Gasgrill hergibt. Die Gespräche sind besorgt: Schlagen bald auch bei uns die Bomben ein? Allgemeiner Tenor: Wohl eher nicht, hoffentlich. Es wird gemeldet, dass russisches Militär Raketenwerfer auf das Gelände des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja gekarrt habe, um sie so vor Angriffen durch den Kriegsgegner zu schützen. Die Älteren auf der Terrasse erzählen ihre Erlebnisse in den Wochen nach dem Atomunfall von Tschernobyl.

Vielleicht bedarf es gar keiner Bomben, um uns zu bedrohen? Ein Ministerpräsident, in dessen Bundesland wir kaum Windräder gesehen haben, fordert, Atomkraftwerke länger zu betreiben.

Auf der Insel im Meer

Die Unendlichkeit ist hier zu Hause. Unermesslich breit dehnt sich der Strand, immer weiter, bis der Horizont sich krümmt. Im Nichts verliert sich der Blick über das wogende Wasser. Wollte man sie zählen, die Wellen, so würde man versagen. Oder die Sandkörner? Schon nach einer Handvoll würde man aufgeben. Scharfkantig bohren sich die Scherben Millionen gestorbener Muscheln in den blanken Fuß, der den Gast über den weiten Strand trägt. Er muss ausweichen, will er nicht in eine der angeschwemmten Quallen treten, von der Flut der Sonne zum Fraß vorgeworfen. Sterbende Quallen liegen heuer so häufig am Strand wie noch in keinem Jahr der Besuche zuvor. Diese traurigen Glibberwesen im Sand müssen sterben, aber die Nesseltiere insgesamt sind Gewinner des Klimawandels. Die Erwärmung auch der Nordsee begünstigt die Verbreitung der Quallen im kalten Nass des Nordens.

„Es säuseln die Winde, geschwinde, geschwinde! Es teilt sich die Welle, es naht sich die Ferne!“ Die Insel droht zu versinken im Meer, aber es gibt noch Hoffnung.

Und auch hier liegt die Hitze dieser späten Augusttage bleiern auf den Dünen. Kraftvoll scheint die Sonne vom Himmel, nur wenig Wind kühlt die Stirn, dreißig Grad zeigt das Thermometer. Seit drei Tagen kein Regen auf der Insel, deren Besuch ohne wasserdichten Schutz nicht ratsam ist. Nun war das schüchterne Nieseln bei der Überfahrt der vorerst letzte Niederschlag. Aber die Wiesen sind grün, glückliche Rinder teilen sie sich mit geduldigen Pferden und neugierigen Alpakas.

Die Insel ist sommerlich getunkt in den dickflüssigen Sirup der Idylle. Familien träumen sich durch den Tag, glückliche Kinder toben über den Sand und quengeln um die Aufmerksamkeit ihrer im Strandkorb dösenden Großeltern. Dann bauen sie Sandburgen, werfen sich Frisbees zu und staunen über die schwache Brise, die ausreicht, um ihre Drachen tanzen zu lassen. Und abends dann ein Eis beim Laternen-Denkmal für Lale Andersen, die auf der Insel lebte und starb, und die mit ihrem Durchhalte-Lied „Lili Marleen“ zum Tagtraum einer Soldatengeneration wurde. Manche Straßen der Insel nutzen die Betonpisten des von Zwangsarbeitern errichteten Militärflugplatzes der Nazis noch heute als Straßenbelag.

Diese Insel könnte untergehen, wenn der globale Anstieg des Meeresspiegels nicht gestoppt werden kann. Große Maschinen pumpen jeden Sommer Tausende Tonnen Sand an die verwundbarste Stelle des Eilands. Beim abendlichen Strandspaziergang herrscht windstille Ebbe: Glatte Oberfläche des Wassers in den Prielen, kein Rauschen der Wellen zu sehen, nicht einmal vorne am Brandungssaum. Leise, ganz leise, kaum hörbar hebt im Kopfhörer der Chor an: „Tiefe Stille herrscht im Wasser, ohne Regung ruht das Meer …“ Ludwig van Beethoven hat in seiner Vertonung der Gedichte „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ von Johann Wolfgang von Goethe den ganzen Gegensatz der Gewalten des Wassers in betörend schöne Töne gefasst. Jetzt und hier ist es die Meeresstille, die den Gast umgibt: Quälend leise, träge, abwartend, nimmt er uns mit in das erwartungsvolle Nichts der Windstille. Dann aber, vielleicht nur wenige Momente später, jubeln seine Töne über den aufkommenden Wind, sind voller Freude, fantasievoll und gewaltig, denn er wird die „Glückliche Fahrt“ ermöglichen.

Das Anschwellen dieser Töne ist ein triumphales Erlebnis der Zuversicht, ganz so wie seine „Ode an die Freude“, die Europa als Hymne dient. „Es säuseln die Winde, geschwinde, geschwinde!“, jubelt der Chor, „es teilt sich die Welle, es naht sich die Ferne!“

Am Horizont blinkt in der Dämmerung der dichte Wald der Windräder vom Festland. Noch gibt es Hoffnung.

 

 

Die hier angesprochenen Musikstücke habe ich im Text verlinkt; durch das Anklicken der Links stimmen Sie zu, zu YouTube weitergeleitet zu werden.

Hier sind sie alle noch einmal zusammengefasst:

Ludwig van Beethoven, 6. Sinfonie („Pastorale“), daraus das Gewitter im 3. Satz: https://www.youtube.com/watch?v=_eq14DWRko8

Franz Schubert „Auf dem Wasser zu singen“, Gedicht von Franz von Stolberg: https://www.youtube.com/watch?v=TEvo9PTnIlo

Rudi Carell: „Wann wird´s mal wieder richtig Sommer?“: https://www.youtube.com/watch?v=KzEOvyDcVas

Antonio Vivaldi, Vier Jahreszeiten, Herbst, 1. Satz: https://www.youtube.com/watch?v=qNwZgKw2wiU

Patriotisches Lied „Die Wacht am Rhein“ von 1840: https://www.youtube.com/watch?v=oKkRS4rL6Pw

Lale Andersen, „Lili Marleen“, Lied von 1939, hier gesungen von Marlene Dietrich: https://www.youtube.com/watch?v=7heXZPl2hik

Ludwig van Beethoven, „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe: https://www.youtube.com/watch?v=NQE4u9VnHYM

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. 

 

Tiefes Loch gesucht, 1 Million Jahre haltbar

Ein Plädoyer gegen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke

Erinnern Sie sich noch? Wie wir alle vor gut zehn Jahren vor dem Fernseher saßen und fassungslos das Kollabieren der Blöcke des Atomkraftwerks Fukushima in Japan beobachteten, das Rauschen der Tsunami-Wellen, das Schwappen des verseuchten Wassers?

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim bei Heilbronn. Block 2 (in der Bildmitte) ist noch bis Ende 2022 in Betrieb. Foto: Thomas Springer via Wikipedia

Erinnern Sie sich noch? An die Tage und Wochen nach dem vertuschten Super-GAU von Tschernobyl im Frühling 1986, als in vielen Lebensmittelmärkten Geigerzähler bereitstanden, damit man die Strahlenbelastung der Milch unserer Kühe, der Pilze aus unseren Wäldern, der Erdbeeren von unseren Feldern, des Fleisches aus unseren Ställen messen konnte?

Erinnern Sie sich noch? Als alle halben Jahre, immer dann, wenn ein Transport von Atom-Brennstäben nach oder aus Frankreich anstand, Tausende Polizisten Bahnstrecken sichern mussten, damit ein Zug mit hochgiftigem Atommüll unser Land durchqueren konnte?

„Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien“, sagte Christian Lindner

Es sind Bilder der Unfreiheit, Szenen des Erschreckens und des gesellschaftlichen Streits, die wir mit der Atomenergie verbinden. Wer jetzt davon spricht, dass eine Verlängerung der Laufzeiten der letzten drei deutschen Atomkraftwerke ein Mittel sein könnte, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren, der sollte sich an diese Szenen erinnern.

„Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien“, sagte der FDP-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Christian Lindner am 27. Februar 2022 in seiner Ergänzungs-Rede zur „Zeitenwende“-Ansprache von Bundeskanzler Olaf Scholz. Es lohnt sich, den Ausschnitt aus dieser Rede noch einmal anzusehen, in dem Lindner sich von „Antworten der Vergangenheit“ klar distanziert.

Aktuell sind von Christian Lindner und seiner FDP allerdings gegenteilige Töne zu hören, und auch die Unionsparteien zündeln am Atom herum: Könnten als vorübergehender Ersatz für russisches Gas nicht auch in Deutschland die noch aktiven Atomkraftwerke länger betrieben werden? Eine „ideologiefreie“ Diskussion dazu soll es geben, wird gefordert.

Atomkraft war von Anfang an ein ideologisches Projekt

Ohne Ideologie war die Diskussion um die friedliche Nutzung der Atomenergie in Deutschland noch nie. Es war pure technologieverliebte Ideologie, als die friedliche Nutzung der Kernspaltung vom CSU-Ideologen Franz Josef Strauß und anderen seit den 60er und 70er Jahren als zentrale Zukunftstechnologie in den Himmel gelobt wurde. Damals geschah dies noch unter allgemeiner Ausblendung der bis heute in diesem Zusammenhang ungelösten Fragen.

Über Jahrzehnte war es Ideologie, die realen Gefahren, die von den Atomkraftwerken ausging, auszublenden oder zu verharmlosen, friedlich Demonstrierende und hartnäckige Sitzblockierer über Jahrzehnte mit Wasserwerfern von der Straße zu spritzen. Damit die Kritiker schließlich gesellschaftliches Gehör fanden, bedurfte es der Gründung der Partei „Die Grünen“ – und schwerer Unfälle. Insbesondere die Katastrophe von Fukushima wendete das Blatt, weil sie sich in Japan ereignete, einem High-Tech-Land, von dem wir geglaubt hatten, dass man dort die scheinbar gezähmte, friedlich genutzte Bombe so gut beherrschen kann, wie wir es uns selbst zutrauten.

Und ganz sicher war auch immer dann eine Menge ideologische Verblendung im Spiel, wenn militante Aktivsten alle paar Monate die rechtlich begründeten und sachlich unvermeidlichen Transporte von Atommüll-Castor-Behältern mit Sabotageakten gegen Bahnstrecken aufhalten wollten. Rücksichtslos gefährdeten sie dabei Menschen und bürdeten Tausenden Polizistinnen und Polizisten auf Kosten des Steuerzahlers unzumutbare Aufgaben zur Durchsetzung des Rechts auf.

Die Spaltung der Atome spaltete die Gesellschaft

Die Spaltung der Atome zur Stromgewinnung hat unsere Gesellschaft gespaltet. Diejenigen, die bis heute ihre Nutzung fordern, bleiben noch immer ganz ideologie-getrieben jede Antwort schuldig auf die zentralen ethischen Fragen: Wie rechtfertigen wir den Einsatz einer Technologie, die nachweislich nicht krisenfest ist, nicht beherrschbar ist in Extremsituationen, die bei einer Naturkatastrophe oder einem Angriff im Krieg oder bei einem Terrorakt Tausende Menschenleben vernichten kann? Und – noch wichtiger: Wer von uns kann über Jahrhunderte die Verantwortung für den tödlichen Müll übernehmen?

Gesellschaftlicher Friede entsteht immer dann, wenn unter dem Druck der Realitäten allzu selbstsichere Überzeugungen in Frage gestellt werden – und zwar von den Überzeugten selbst. So, wie es – historisch gesehen – eine CDU-geführte Bundesregierung sein musste, die unter dem Eindruck von Fukushima durch einen geordneten Verzicht auf die Atomenergie endlich eine gesellschaftliche Befriedung in dieser Frage herbeigeführt hat.

Alle diejenigen, die jetzt an dieser Entscheidung zum Atomausstieg rütteln möchten, sie als falsch oder verfrüht bezeichnen, gefährden diesen mühsam erreichten inneren Frieden. Und das einer unruhigen Zeit, in der wir nichts weniger benötigen als die Revitalisierung einer alten, gerade überwundenen gesellschaftlichen Spaltung.

Deutschland darf seine Kräfte nicht in einer alten Diskussion vergeuden

Es geht also nicht „ideologiefrei“ darum, ob man die letzten drei Atomkraftwerke noch ein paar Monate länger laufen lassen kann. Es geht auch nicht darum, ob man auf anstehende Sicherheitschecks ein bisschen verzichten könnte der ob man irgendwo auf der Welt ein paar Brennstäbe auftreibt.

Das ist viel zu technisch gedacht.

Deutschland würde seine in multiplen Krisen hoch beanspruchten Kräfte in einer Diskussion der Vergangenheit vergeuden. Es gab gute Gründe, den Ausstieg zu planen und zu vollziehen, und diese Gründe haben sich durch die von Russland herbeigebombte Veränderung der Energie-Weltlage um keinen Millimeter verändert.

CO2 aus mehr Kohle können wir kompensieren

Und wie ist es dann mit der Kohle und der Klimakatastrophe? Die klimaschädliche Wirkung der zusätzlichen Kohleverbrennung ist unbestritten und kann keinen vernünftig denkenden Menschen gefallen. Aber wir haben Chancen: Wir könnten sie kompensieren oder an anderer Stelle einsparen (z.B. durch ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen).

Und das sollten wir tun, schnell und umfassend, aus eigener Verantwortung, im eigenen Interesse und dem unserer Kinder und Enkel.

Neue Brennstäbe strahlen tödlich für eine Million Jahre

Zusätzliche ausgebrannte, tödlich giftig strahlende Brennstäbe aber können wir nicht kompensieren. Sie fallen zusätzlich an und erhöhen unsere Last für die Zukunft. Es ist schlimm genug, dass wir mit den Rückständen unserer noch bestehenden und schon abgeschalteten Atomkraftwerke der letzten 50 Jahre künftigen Generationen eine tödliche Last für mindestens 1 000 000 (!) Jahre aufbürden. Das deutsche Gesetz zur Standortsuche für ein Atommüll-Endlager nennt diese Zahl als Kriterium für die geologische Eignung des gesuchten Atommüllplatzes. Deutschland sucht noch.

Erinnern Sie sich noch? An die Bilder von den Menschen auf der Berliner Mauer, an die staunenden Gesichter voller Tränen des Glücks, als eine unüberwindbar scheinende Grenze plötzlich gefallen war?

Was wir da spürten, waren Freiheitsenergien. Sie treiben den Wandel an, nicht die „Antworten der Vergangenheit“. Und sie sind bis heute – im übertragenen Sinne – erneuerbar.

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Der Ballotino und die Magie der Machtbalance

Was uns die Geschichte von Venedig heute lehrt

Die Sonne scheint, die Lagune glitzert, der Gondoliere singt. Kein Zweifel, wir sind in Venedig, wenn auch nicht in unserer Zeit. Ein kleiner Junge, so um die zehn Jahr alt, folgt seinen Eltern im adligen Ornat über den Markusplatz. Der Junge und seine Familie hatten sich ihren Weg gesucht durch die verwinkelten Gassen ihrer Stadt, sie waren Kanälen gefolgt und hatten sie auf Brücken überquert. Sie sind unterwegs zu den edlen Geschäften rund um den arkadenbestandenen Platz; sie wollen sehen und gesehen werden. Und sie wissen, dass ein großes Ereignis bevorsteht: Die Wahl eines neuen Dogen von Venedig.

Da kommt ein Herr auf sie zu, stolzer Bart, prächtiges Gewand, ein Mitglied des Rates der venezianischen Republik. Er bahnt sich den Weg zur Familie, hindurch zwischen den anderen Venezianern, die da herumwandeln, noch ungestört von Touristen, keine Selfies, keine Tauben, vielleicht ein paar Straßenhändler, einige flatternde Möwen.

Die ganze Pracht des Reichtums von Venedig zeigt sich im Dogenpalast – und doch ist er mehr als ein Schloss. Der Palast war über Jahrhunderte Ort einer fein austarierten Machtbalance.

„Du bist der Ballotino!“, ruft der edle Fremde, der Hochgestellte, dem Jungen zu. Der Ruf ist laut, und die Umstehenden bilden sofort einen Kreis um das Kind. Sie jubeln und klatschen. Die Eltern erstarren, blicken unsicher herum. Sie sind stolz, aber sie wissen auch, was dieser Moment bedeutet. Ihr Kind ist von diesem Augenblick an versprochen an eine Tradition der großen Handelsnation, der Weltmacht an der Adria. Ihr Kind wird für die Wahl des nächsten Dogen benötigt, es ist ausgesucht worden, zufällig, willkürlich, und gehört künftig zum Gefolge des noch zu wählenden Oberhauptes des reichen Stadtstaates.

Das Ziel war Machtbalance …

600 Jahre lang gab es solche Momente im Leben eines venezianischen Jungen, insgesamt mehr als 120-mal, beginnend im 12. Jahrhundert, zuletzt im Jahr 1789. Der Ballotino wurde nach der Verfassung der venezianischen Republik benötigt, um die Wahl eines neuen Dogen durchzuführen. Den Dogen durften nur Männer aus adligen Familien Venedigs wählen. Diese Männer bildeten den Rat, aus dessen Kreis der neue Doge auf Lebenszeit bestimmt werden musste. Um die Machtbalance der adligen Familien zu erhalten, verfeinerten die Venezianer ihr kompliziertes Wahlsystem über viele Jahrhunderte immer weiter.

Am Anfang der Wahl sollte der blanke Zufall stehen. Ihn garantierte der Ballotino, ein zufällig auf dem Markusplatz ausgesuchtes Kind, natürlich auch wieder kein Mädchen. Dem Bub kam die Rolle zu, aus einem großen Lostopf mit so vielen Kugeln, wie es Mitglieder des Rates gab, jene 30 vergoldeten Kugeln zu ziehen, die für die 30 ersten zufällig ausgelosten Teilnehmer am Wahlverfahren standen.

Venedig war über die Jahrhunderte seiner Blüte eine oligarchische Herrschaft mit demokratischen Zügen. Das nicht-adlige Volk war von der Macht ausgeschlossen. Die adligen Familien der Stadt misstrauten sich so sehr, dass sie keinem der ihren die Chance zur alleinigen Herrschaft einräumen wollten. Sie waren sich aber einig darin, was auf keinen Fall eintreten sollte: Dass eine Familie die ganze Macht als Erb-Herrschaft an sich riss. Also ertüftelten sie ein ausgefeiltes System von Gremien und geteilten Verantwortlichkeiten, das allzu viel Macht an einer Stelle über Jahrhunderte wirksam verhinderte.

… und am Anfang sollte Zufall stehen

Am Anfang auf dem Weg zur wirksamen Machtbalance griff der Ballotino in den Lostopf, Nach zahlreichen weiteren komplizierten Wahlgängen wurde am Ende des Prozesses (in einem Konklave, wie bei der Papstwahl) ein neuer Doge bestimmt. Der musste einen heiligen Eid auf die Verfassung leisten und repräsentierte anschließend alle Macht und Pracht der Löwenrepublik in seinem berühmten Palast, den heute Hunderte Touristen täglich durchwandern.

Selbst war er aber weitgehend handlungsunfähig. Vielköpfige Gremien und einflussreiche Berater, die er sich nicht aussuchen konnte, sondern ihrerseits gewählt wurden, stellten sicher, dass der Doge seine Macht niemals allzu sehr ausdehnen konnte. Der Dogenpalast war zwar auch der prunkvolle Wohnsitz des Staatsoberhauptes, gleichzeitig aber Sitz aller Machtgremien und sogar der Gerichtsbarkeit der Republik. Die dort Verurteilten wanderten seufzend über die berühmte Brücke direkt ins Gefängnis.

Der Saal des großen Rates im Dogenpalastes: Hier tagten die Adligen, aber sie hatten nicht die alleinige Macht. Das Gremium war einem Parlament nicht unähnlich. Mit unseren heutigen Vorstellungen von Demokratie hatte die Republik allerdings nichts gemein.

Heute nennen wir es: Gewaltenteilung. Die Venezianer mögen sie als Verfassungsprinzip nicht erfunden haben (denn schon die Griechen und Römer hatten dorthin weisende Konzepte), aber sie haben sie in einer Zeit vorgelebt und durchgehalten, in der es im restlichen Europa fast nur absolutistische Herrscher gab.

Zeit für einen Cappuccino!

Nehmen wir kurz Platz in einem Café an der Lagune und genießen den Blick auf die einzigartige Kulisse dieser Stadt. Schauen wir sie uns an, diese einmalige Mischung aus morbider Urbanität, strahlendem Glanz der Paläste, dem Plätschern des Wassers, dem ruppigen Brummen der Vaporetti, dem Rauschen und Rufen der Menschenmassen. Venedig ist auch eine schöne Kulisse unserer romantischen Träume, eine Projektionsfläche für unsere Hoffnungen nach einer schöneren Welt.

Venedig ist kompliziert, seine Wege sind mühsam, verwinkelt und kraftzehrend. Warum nicht einfach abreißen?

Dabei weist uns die Geschichte dieser Stadt selbst in diese schönere Welt. Sie erzählt von der stabilisierenden Kraft der Machtbalance. Uns mag sie als selbstverständlich gelten, die Trennung von Staat, Verwaltung und Justiz. Die Befassung mehrerer Gremien mit einem Gesetz, in verschiedenen Parlamenten. Wir rollen die Augen, wenn in Brüssel Parlament und Regierungen und eine Kommission miteinander ringen, wenn im deutschen Föderalismus der Bund mit den Ländern streitet. Das mag alles sehr kompliziert und mühsam sein, aber es teilt die Macht, es sorgt für eine Annäherung an Gerechtigkeit, es ist Grundlage für freiheitliche Entfaltung des Einzelnen.

Es unterscheidet uns von den Tyrannen und Autokraten, die in unserer Zeit wieder ihre Völker mit Gewalt und ihre Nachbarn mit Krieg und Terror überziehen, weil sie vor nichts mehr Angst haben, als vor einer Teilung ihrer Macht mit den Menschen ihrer Völker.

Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr abzureißen?

Machtbalance herzustellen und zu leben ist so kompliziert wie das Wahlverfahren des Dogen, der Weg dorthin ist so verwinkelt wie diese Stadt mit ihren schmalen Kanälen und engen Gassen, so mühsam wie ihre steilen Treppen und schmalen Brücken. Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr, das ewige Hin und Her einfach niederzureißen und eine breite Straße zur Macht zu planieren?

Nicht doch!, ruft der empörte Venedig-Besucher.

Ein Blick auf diese Stadt am Wasser, ein Spaziergang in ihren Gassen, zwischen Palästen und Kirchen, eine schaukelnde Fahrt durch die Kanäle und hinaus auf die Inseln, quer über die Lagune, ein staunender Gang durch die reich verzierten Säle der verschiedenen Räte im Dogenpalast lässt den Besucher die ganze Magie der Machtbalance erleben. Es ist jede Mühe wert, sie zu erreichen und zu erhalten.

 

Zur Verfassung der Republik Venedig und zum Ablauf einer Dogenwahl habe ich Bezug genommen auf die Arbeiten von Hans-Jürgen Hübner, nachzulesen bei http://www.geschichte-venedigs.de/verfassung.html

 

Weitere Essays als #Politikflaneur finden Sie hier.

Ein Justizmord, die Nazis und der Papst

Zur Geschichte des „Tag der Arbeit“ am 1. Mai

Vielleicht war es im Mai. Wir schreiben das Jahr 1872, genau vor 150 Jahren. Vielleicht erlebte damals ein junger Mann noch ein letztes Mal in Deutschland einen Sonnentag auf dem Höhepunkt des Frühlings, einen Tag voll blühenden Flieders, ein Tag der blumenübersäten Wiesen.

Kein Mörder, sondern ein Justizopfer: August Spies aus Deutschland. Foto: Chicago Historical Society, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=755968

Dann verließ der junge Mann Deutschland. Er bestieg ein Schiff, bezog darin ein Massenlager, vermutlich tief unten im stickigen Bauch des Ozeanriesen. Seine Reise war eine Flucht vor der Armut und sie brachte ihn nach New York.

Der junge Mann war der im Hessischen geborene Försterssohn August Spies. Er war erst 17 Jahre alt, als sein Vater starb. Spies´ Familie geriet deshalb in tiefe Not. Sozialsysteme, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. August war das älteste Kind und arbeitsfähig, also musste er gehen. Mutter und Geschwister blieben zunächst in Deutschland zurück; später holte er sie nach.

Ein Streik veränderte die Weltsicht von August Spies

Spies schlug sich durch in der neuen Welt. Er begann in New York eine Lehre als Möbeltischler, zog um nach Chicago und begann sich für die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu interessieren. Dann erlebte er als 22-jähriger etwas, das sein weiteres Denken und Handeln grundlegend prägen sollte. Würde man es in unser deutsches Heute übertragen, dann muss man sich diese Ereignisse aus dem Jahr 1877 in den USA etwa so vorstellen:

Den Mitarbeitenden der Deutschen Bahn, den Schaffnern und Lokführerinnen, den Stellwerkern und Rangierkräften, den Werkstattmitarbeitern und dem Reinigungspersonal – einfach allen – wird zum dritten Mal innerhalb eines Jahres mitgeteilt, dass ihre Gehälter gekürzt werden. Die wirtschaftliche Lage sei schlecht, heißt es zur Begründung, außerdem habe ein Krieg das Land ruiniert. Daraufhin treten die empörten Angestellten der Bahn an verschiedenen Orten in den Streik. Immer mehr Eisenbahnerinnen und Eisenbahner schließen sich landesweit an. Kaum noch ein Zug wird gewartet, die Gleise werden blockiert, keine Fahrkarten mehr verkauft, die Loks bleiben stehen. Der Vorstand der Bahn ruft den Staat zur Hilfe – und der schickt die Bereitschaftspolizei. Mit Knüppel und Schusswaffen kämpft der Staat die Arbeitnehmer nieder, diese reagieren mit Vandalismus: Gebäude werden niedergebrannt und Lokomotiven zerstört. Nach mehr als zwei Monaten Verwüstung und Gewalt gewinnt der Staat die Oberhand. Im ganzen Land hat der Kampf der Streikenden gegen die Polizeigewalt mehr als 100 Tote gefordert.

Der Große Eisenbahnstreik von 1877, die sozialen Ungerechtigkeiten, die ihn ausgelöst haben, und die Gewalt, mit der er beendet wurde, erschütterten die USA. August Spies machten die Ereignisse um die staatliche Niederschlagung des Streiks gegen die zunächst unbewaffneten Streikenden so wütend, dass er sich einer paramilitärischen Arbeiterorganisation anschloss. Später gründete er eine Arbeiterzeitung und wurde ihr Herausgeber und Chefredakteur.

Eine Bombe, ein Justizmord

Neun Jahre später, am 1. Mai 1886, stand August Spies in Chicago auf dem Haymarket und hielt eine flammende Rede. Er brandmarkte die Ungerechtigkeit der Arbeitsordnung. Er verlangte bessere Löhne und einen gesetzlichen Acht-Stunden-Arbeitstag für die Werktätigen. Wieder eskalierte die Situation durch Gewalteinsatz der staatlichen Milizen. Es folgten über mehrere Tage Großdemonstrationen, denen der Staat jeweils mit brutaler Gewalt begegnete. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurden am 3. Mai sechs streikende Arbeiter erschossen, etliche weitere verletzt. Am 4. Mai explodierte auf dem Haymarket eine Bombe, deren Herkunft bis heute ungeklärt ist.

Das dadurch verursache Chaos nahm die Polizei zum Anlass, die Streikanführer zu verhaften. Acht Männer, darunter August Spies, wurden für die Bombe verantwortlich gemacht, als „Mörder“ angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. August Spies starb im Herbst 1887 durch Erhängen. Sechs Jahre später rehabilitierte der Gouverneur von Illinois die Getöteten: Ein Zusammenhang ihrer gewerkschaftlichen Agitation mit der Bombe sei nicht nachweisbar.

Wofür werben eigentlich die Plakate seit Mitte April?

Diese Geschichte könnte im Kopf haben, wer sich an diesem Sonntag – geeignetes Wetter vorausgesetzt – im Biergarten ein kühles Bierchen bestellt. Auf dem Weg dorthin hat sich vielleicht sogar der eine oder andere gefragt, wofür die Plakate eigentlich werben, die der Deutsche Gewerkschaftsbund jedes Jahr ziemlich lieblos ab Mitte April an die Laternenmasten klemmt.

Wofür wird hier geworben? Aktuelles Plakat des DGB zur Maikundgebung vor den Werkstoren von BOSCH in Stuttgart-Feuerbach.

Der radikal-anarchistische Arbeiterführer August Spies, das deutschstämmige Opfer eines amerikanischen Justizmordes, zählt zu den Urvätern des 1. Mai als Feiertag. Die internationale Arbeiterbewegung erhob in Andenken an ihn und an den Kampf der Streikenden auf dem Chicagoer Haymarket erstmals den 1. Mai 1890 zum internationalen Kampftag der Werktätigen. Die damals Mächtigen beeindruckte das kaum. Erst mehr als 40 Jahre später waren es in Deutschland ausgerechnet die Nationalsozialisten, die diesen Schritt vollzogen und den 1. Mai zum arbeitsfreien „Tag der nationalen Arbeit“ erklärten. Ein Paradebeispiel für ideologische Aneignung: Am 1. Mai 1933 erlebten die deutschen Berufstätigen erstmals den Feiertag zu ihren Gunsten, aber am Tag darauf, am 2. Mai 1933, stürmten Nazi-Schergen die Häuser der deutschen Gewerkschaften, betrieben ihre nationalsozialistische „Gleichschaltung“ und verhafteten ihre Anführer.

Der 1. Mai: Eine ideologische Projektionsfläche

Nach dem Krieg erbte die junge Bundesrepublik Deutschland den weltlichen Mai-Feiertag. Oft strahlendes Frühsommerwetter, keine Maloche, und noch dazu kein Kirchenbesuch – der 1. Mai war der Lieblingsfeiertag der aufkommenden deutschen Freizeitgesellschaft. Immerhin, wer sich in den 60er und 70er Jahren gesellschaftlich engagierte, empfand es noch als edle Werktätigen-Pflicht, auf die gewerkschaftliche Maikundgebung zu gehen. Ein Großereignis war das, Zigtausende auf den Marktplätzen, die Radiosender übertrugen die Maikundgebungen aus verschiedenen Städten ihres Sendegebietes live in einer Konferenzschaltung wie am Samstagnachmittag die Bundesliga.

Abends dann, in der „Tagesschau“, da waren die Bilder aus Ostberlin und aus Moskau oder Peking zu sehen. Endlose Paraden defilierten vor den Tribünen, furchteinflößende Waffen rollten vorbei, fröhliche Erzieherinnen schwenkten gemeinsam mit den von ihnen beaufsichtigten Kindern im sozialistisch gradlinigen Gleichschritt die roten Fähnchen. In der kommunistischen Welt wurde der „Tag der Arbeit“ zu Schwerstarbeit für Paraden-Organisatoren und Ordensspangen-Festnäherinnen. Auf den Tribünen saßen alte Männer, die von der Situation der Werktätigen keine Ahnung hatten, sich aber als Vertreter der siegreichen Arbeiterklasse fühlten.

Neue Aufgaben für „Josef den Arbeiter“ aus der Weihnachtskrippe

In diesem ideologischen Getümmel rund um den „Tag der Arbeit“ wollte im Jahre 1955 ein anderer alter Mann nicht beiseite stehen. Der fast 80-jährige Papst Pius XII. erhob einen prominenten Zimmermann in den Status der „Arbeiters“ und machte damit den 1. Mai zu einem katholischen Gedenktag. Die Ehrung der Arbeit sollte nicht den atheistischen Systemen des Ostblocks allein überlassen bleiben. „Josef der Arbeiter“ heißt seither jener gütige, uneheliche Vater von Jesus, uns allen besser bekannt als der Mann neben dem Kindlein in der Weihnachtskrippe.

Prost! – Ein Hoch auf alle, die am 1. Mai arbeiten

August Spies hat sich das alles am 1. Mai 1886 bestimmt nicht so gedacht. Erreicht hat er einiges: Der 8-Stunden-Tag ist heute in den reichen Teilen der Welt die Regel. Und der arbeitsfreie Feiertag 1. Mai gilt in vielen Ländern für alle, die das Glück haben, den dafür passenden Beruf gewählt zu haben. Denn arbeitsfreier Feiertag für viele heißt besonders viel Arbeit für wenige, die auf unsere Sicherheit, unsere Gesundheit, unsere Mobilität achten – oder uns das Bier an den Biergartentisch schleppen.

Also lasst uns das Glas heben: Ein frisch gezapftes Maibock auf August Spies – und auf alle, die am 1. Mai arbeiten!

 

Zur Geschichte des 1. Mai siehe auch auf der Website des DGB: https://www.dgb.de/themen/++co++d199d80c-1291-11df-40df-00093d10fae2

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

Ankunft im Westen – Zwei Fluchtgeschichten

Kateryna

Eine Mutter, zwei Kinder. Die Gesichter so müde. Suchend sieht sich Kateryna um, aber sie sieht nur in andere müde Gesichter. Ein fremder Rollkoffer fährt ihr über die Füße, langsam schält sich aus dem Durcheinander eine Richtung heraus, in die der Strom der Heimatlosen sich bewegt.

Ankunft im Westen. Gesehen am Bahnhof Berlin-Südkreuz.

„Ich muss mal“, quengelt die kleine Daria. „Da hättest Du doch noch im Zug gehen können“, fährt sie Kateryna an, bereut aber sogleich ihren rüden Ton, den Ton ihrer eigenen Verzweiflung und Übermüdung, als sie sieht, wie sich die Gesichtszüge des Kindes verzerren. „Wird gleich möglich sein“, sagt sie jetzt sanfter, und wuchtet sich die Reisetasche über die Schulter. Sie rutscht gleich wieder herunter. Zu schwer die Tasche, zu glatt der Stoff des Anoraks. „Kannst Du den Koffer ziehen?“, fragt Kateryna ihren Sohn. Vlady nickt stumm.

Und so schließen sich die drei der allgemeinen Bewegung an, die auf dem Bahnsteig an ihnen vorbeiströmt. Nach vorne geht es, dorthin gehen sie nun, wohin alle gehen. Da vorne, da wird wohl eine Zukunft sein für sie in diesem fremden Land.

Hertha

Eine Frau mit zwei Kindern, fünf und zwei Jahre alt. Die Kleider beansprucht, schmutzig, angerissen. Einen Leiterwagen mit ihren Habseligkeiten zogen sie hinter sich her, ein Berg von Säcken, ein zerschlissener Koffer, ein kleiner Puppenwagen verkehrtherum, die Räder nach oben, draufgetürmt.

Wenigstens war gutes Wetter, sonniger Frühsommer, ein paar harmlose Wolken. Die zweijährige Sophie saß obenauf auf dem hölzernen Gefährt, ihre Beine baumelten nach vorne. Der Rücken lehnte am umgestülpten Verdeck des Puppenwagens, in dem das Kind über weite Strecken der mühseligen Reise selbst gehockt hatte. Dass die ganze wackelige Ladung nicht nach hinten rutschte, herunterfiel und den kleinen Tross aufhalten konnte, war einem Seil zu verdanken, mit dem Hertha ihren ganzen Besitz am Gestell des Leiterwagens festgezurrt hatte. Gefunden hatte sie das Seil am vorletzten Bahnhof, unten, am Gleis war es gelegen, ein Schatz. Vielleicht kein Hauptgewinn, aber doch mehr als ein Trostpreis.

Ein Zug hatte sie ausgespuckt, eine lange Reihe verbeulter Güterwagen und eine schnaufende Lokomotive. Vielleicht brauchte das schwarze Ungeheuer Wasser oder Kohle oder der Lokführer musste pinkeln. Angehalten hatte der keuchende Lindwurm an einem Bahnsteig, der von Schlaglöchern übersäht war.

„Schnell raus hier!“, hatte Hertha bereits gerufen, als sie bemerkt hatte, dass der Zug langsamer wurde.

Kateryna

Die Fahne klebt verkehrt herum. Kateryna starrt dem großen Stück Stoff entgegen, das auf die kahle Betonwand geheftet ist. Kleine Zettel mit der blau-gelben Flagge ihrer Heimat hatten sie wie Hunderte andere in diese Halle gelotst. Und nun war da ein großes Stoffbanner gespannt, aber es hing falsch. Gelb oben, blau unten.

„Kann ich jetzt?“, stammelt ihre Tochter gerade so laut, dass sie es in dem Stimmengewirr der Halle verstand. Kateryna blickt um sich. Der Raum ist voller Menschen, Koffer, Säcke, Taschen. Fast nur Frauen und Kinder; wie sollte es auch anders sein. Die Männer sollen kämpfen, Yegor muss kämpfen, denkt Kateryna. Unter der falsch herum angeklebten Flagge entdeckt sie Tische, darauf Getränkeflaschen, auch irgendwelche Plastiktüten, vielleicht mit Essen? Kisten und Kartons stapeln sich dort. Junge Menschen sind bei den Tischen geschäftig zugange, manche haben sich die Flagge ihrer Heimat umgehängt, andere tragen grelle Warnwesten. Kateryna liest auf einer davon: „I speek englisch“.

„Mama!“, nörgelte Daria jetzt schon drängender ihre Not an sie hin, „ich muss jetzt!“ Da endlich entdeckt Kateryna das Toilettensymbol. „Warte hier, und pass auf unsere Sachen auf“, ruft sie Vlady zu. Wieder nickt der Junge stumm. Wo sind seine Worte hin?, denkt Kateryna, warum nur ist er so stumm? Vor den Frauentoiletten wartet eine lange Schlange, bei den Männern steht kein Mensch. Kateryna packt ihre Tochter und verschwindet in der Herrentoilette.

Hertha

Nur raus hier! – der drängende Gedanke hatte Besitz von Herthas Kopf ergriffen. Es war ein spontaner Entschluss gewesen. Nur raus hier, ich halte es nicht mehr aus. Egal wo, besser als hier in diesem Waggon wird es überall sein. Die Güterwägen, in den früher vielleicht Vieh, vielleicht auch Menschen transportiert worden waren, starrten vor Dreck, in den Ecken Exkremente, es stank nach Urin und Erbrochenem.

„Schnell raus hier“, rief sie ihren Kindern nochmals zu, die träge auf einem Kleidersack hockten, narkotisiert von den Qualen der letzten Wochen, von den langen Fußmärschen, den ewigen Ermahnungen, still zu sein, still zu sitzen, nicht zu stören, nicht zu streiten. Ungläubig starrte sie der fünfjährige Werner an, aber da war sie schon dabei, ihre Habseligkeiten zusammenzuraffen, den Sack auf den Leiterwagen zu stopfen, den Puppenwagen oben drauf; das Seil, das Seil!

Ein Mann half ihr; am frühen Morgen war er hineingeklettert in den Wagen irgendwo auf der freien Strecke bei langsamer Fahrt. Er trug eine zerschlissene Militäruniform ohne Abzeichen. Jetzt wollte er ihr helfen, aber sein Arm zitterte, das Seil entglitt ihm, fiel auf den Kopf einer schlafenden Alten, die, ihren Wanderrucksack im Arm, am Boden lag. Hertha fing das Seil auf und fummelte es um das Seitengeländer des Leiterwagens, zog es dann straff, gerade als der Zug mit lautem Pfeifen und einem heftigen Ruck zu Stehen kam. Die ganze Besatzung des Güterwagens wurde durcheinandergewirbelt, der Uniformierte verlor das Gleichgewicht, stolperte und fiel seitlich auf die kleine Sophie, ihre Tochter Sophie, die laut aufheulte.

„Nichts passiert“, sagte Hertha, und doch schoss ihr durch den Kopf, was diese Zeit ihren Kindern antat. Sie spürte die Wut auf das alles, die Wut auf den Krieg, der sie vertrieben hatte aus ihrem Zuhause, die Wut auf diese armseligen, verlorenen, heruntergerissenen Gestalten in diesem Zug, die doch ihre Leidensgenossen waren. Hertha war wütend auf alles und jeden, und sie wusste, dass ihr diese Wut schon oft über ihre ganze Erschöpfung und Verzweiflung hinweggeholfen hatte. Sie liebte ihre Wut. Aber sie schwieg sie jetzt in sich hinein, packte den sperrigen Wagen an seiner Deichsel und zerrte ihn in Richtung Ausgang. Ächzend bewegte sich die Schiebetür des Güterwaggons auf die notwendige Breite, und mit einem befreienden Sprung wechselte Hertha auf den Bahnsteig. Der Leiterwagen wurde ihr entgegengehoben, der Uniformierte reichte ihr ihren Sohn, danach ihre Tochter.

„Alles Gute“, rief Hertha in die erschöpfte Runde hinein. „Euch auch“, antwortete der Uniformierte.

Kateryna

Seit vier Tagen war Kateryna mit Vlady und Daria jetzt unterwegs. Yegor hatte sie zum Bahnhof ihrer Stadt gefahren, als noch Züge fuhren. Es waren Stunden der Verzweiflung und Hoffnung zugleich: endlich ein Plan, raus aus dem stickigen Bunker – aber weg von ihrem Mann. Was würde aus ihm werden im Krieg? Kateryna hatte beim Abschied keine Kraft für solche Überlegungen gehabt. Im ganzen Chaos am Bahnhof hatte sie den erstbesten Waggon irgendeines Zuges bestiegen, Hauptsache Richtung Westen. Das war leicht zu erkennen; in die Züge nach Osten wollte keiner einsteigen. Kateryna kennt niemanden im Westen, nicht im eigenen Land und nicht in den Ländern, die dann folgen. Egal, Richtung Westen, raus aus dem ganzen Desaster hier, den Bomben entfliehen, weg vom Luftalarm, die Kinder retten.

Im Geschiebe und Geschubse des Bahnsteigs hatte Yegor noch beide Kinder auf den Arm genommen, die kleine Daria mit ihren zwei Jahren, und auch den großen Vlady. Nächstes Jahr wäre er in die Schule gekommen, hatte sich Kateryna gedacht, während sie das Nötigste zusammengerafft hatte für die Flucht. Im Zug erkämpfte sie sich Sitzplätze in einem Abteil. Dann hatte Yegor ihr den Koffer und die Taschen und den kleinen Kinderkoffer von Daria hochgereicht; durch das Fenster, denn auf den Gängen gab es kaum ein Durchkommen. Den Kindern selbst aber war es mit panischer Energie doch gelungen, sich zwischen erwachsenen Beinen, unter Rucksäcken hindurch einen Weg zu ihrer Mutter zu bahnen, heulend kamen die beiden bei ihr an, Vlady mit einer Schramme im Gesicht.

Für Kateryna hatte es keine Chance mehr gegeben, ihren Mann zum Abschied zu umarmen, kein Kuss, nur ein letzter Blick aus dem Fenster, und den teilte sie sich mit ihren Kindern. Der Zug fuhr noch gar nicht an, immer mehr Menschen drängten hinein. Kateryna hatte weinen müssen in diesem Moment, aber niemand hatte es bemerkt oder auch nur darauf geachtet. Nur ihre Kinder hatten sie angestarrt. Dann Sirenengeheul. Als Kateryna wieder aus dem Fenster sah, war ihr Yegor im Gewühl nicht mehr zu entdecken gewesen.

Hertha

Hertha atmete tief durch, als sie auf dem Bahnsteig die frische Sommerluft in sich aufnahm. „Wo sind wir jetzt?“ fragte Werner. Hertha erschrak fast, so lange hatte sie die Stimme ihres Sohnes nicht mehr bewusst wahrgenommen. Wenn es Nacht gewesen war in den langen letzten Wochen, und sie nicht schlafen konnte in den Heuschobern oder im fraglichen Schutz der Holunderbüsche, wenn sie wach gelegen und Wache gehalten hatte, und auf das gleichmäßige Atmen ihrer beiden schlafenden Kinder gelauscht hatte, dieses leise und doch so feste Zeichen des Lebens, das sie so sehr liebte und sie so sehr beruhigte, dass sie darüber trotz ihrer ganzen Angst schließlich doch einnicken konnte, dann war Hertha oft schon in den Sinn gekommen, wie still dieses Kind geworden war. Wie still war ihr Sohn, obwohl er doch einmal so viel geredet hatte, ihr auf die Nerven gegangen war mit seiner dauernden Fragerei.

Jetzt überflutete Hertha ein Schwall unverhofften Glücks: endlich frische Luft, die Sonne schien, und ihr Werner fragte wieder, sprach endlich wieder! „Ich weiß es nicht. Ich kenne diesen Ort auch nicht“, antwortete Hertha. „Aber wir werden hier glücklich sein, das verspreche ich Dir.“ Werner zerrte mit ihr gemeinsam das rumpelnde Gefährt voran, hinweg über holpriges Pflaster, der unbekannten Stadt entgegen. Hertha wendete sich um und sah, dass Sophie auf ihrem Hochsitz eingenickt war, sich im Schlaf bedrohlich zur Seite neigte. Zeit für eine Rast.

Aus ihrem Rucksack zog Hertha ein Stück trockenes Brot und einen Apfel, den sie am Tag zuvor am Wegesrand gefunden hatte. Schon war Sophie wieder wach. „Habt Ihr Hunger?“, fragte sie ihre Kinder, und ärgerte sich im nächsten Moment über die Frage. Natürlich hatten sie Hunger. Die Kinder antworteten nicht. Also teilte sie das Brot auf. Den Apfel schnitt sie mit ihrem Taschenmesser in drei gleiche Teile.

Kateryna

Nach dem chaotischen Aufbruch waren Tage gefolgt, die Kateryna wie in einer Trance erlebt hatte. Endlose Bahnfahrten, wieder aussteigen, Schlange stehen, Pässe vorzeigen, um jede versiffte Toilette kämpfen, Essen fassen an provisorischen Zelten, dann wieder woanders einsteigen, immer das ganze Hab und Gut mitgeschleppt. Nächte in Eisenbahnabteilen, immer in den gleichen Kleidern, keine Dusche, dann eine Nacht im Schlafsaal eines großen Bahnhofs. Schließlich wieder Grenzkontrollen, dann mit einem Bus weiter, endlich im Westen, im Ausland, sicher vor den Bomben.

Kateryna hört noch immer alle paar Minuten die Sirenen heulen, zuckt noch immer zusammen, aber sie weiß, dass es hier keinen Luftalarm gibt. Ich kann das, sagt sich Kateryna die ganze Zeit, ich kann das. Vlady und Daria waren in der Anspannung verstummt, Kateryna hört ihre Stille und sieht die ganze eigene verzweifelte Ausdruckslosigkeit in ihren Gesichtern. Sie kann gar nicht hinsehen zu ihren Kindern, ohne dass sie weinen muss.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, hört sie jetzt hinter sich eine Stimme in ihrer Heimatsprache. Kateryna fährt herum und blickt einer jungen Frau ins Gesicht, ein freundliches Gesicht, gepflegte Wimpern, etwas Lippenstift. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, wiederholt die Frau ihre Frage.

„Die Fahne hängt falsch herum“, hört sie Vlady sagen. Sie hatte ganz vergessen, wie seine Stimme klingt. Die Freundliche lacht. „Ok, Danke, wir ändern das.“

Hertha

Es war später Nachmittag, als Hertha mit ihren Kindern die Stadt erreichte. Durch ein Stadttor rollten Sie hindurch, vorbei an verblasstem Fachwerk und bröckelndem Stuck. Auf ihrem Weg aus dem Osten hatte sie zerbombte Städte gesehen, Brandruinen, leere Fensterhöhlen. Hier wirkte alles unbeschädigt, wenn auch ärmlich.

Ankunft im Westen – gesehen im neu eröffneten Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin

„War hier kein Krieg?“, fragte Werner und blickte seine Mutter an.  „Doch, aber keine Bomben“, antwortete Hertha, „offenbar keine Bomben“. Sie spürte wieder das Aufsteigen ihrer Wut. Es war eine Wut auf dieses Schicksal, das ihr ihren ganzen Stolz, ihre ganze Selbstachtung genommen hatte und sie alle drei verwandelt hatte in diese ganze traurige, heruntergekommene, elende Gemeinschaft. Müde und verschwitzt nach der endlosen Bahnfahrt, dem langen Fußmarsch vom Bahnhof in das Städtchen sah sie sich selbst wie in einem Spiegel und hasste sich dafür.

Schließlich erreichten sie den Marktplatz der Kleinstadt, eine stolze Kirche, ein graues Rathaus, ein paar Bürgerhäuser, Mittelalter, unbeschädigt. „Keine Sprechzeit mehr“, rief ihr schon von der Freitreppe des Rathauses eine junge Frau zu, die gerade dabei war, das Gebäude zu verlassen. „Morgen wieder ab acht!“, sagte sie und eilte davon durch die Gassen der fremden Stadt.

„Aber …“ setzte Hertha an, ihr hinterherzurufen, ließ es aber dann, da sie sah, dass die Frau nicht reagierte. Wieder spürte sie ihre Wut. „Du bleibst bei Sophie“, sagte sie scharf zu Werner, und stieg die Stufen hinauf. Die Türe war verschlossen. Hertha klingelte, und es erschien ein blau uniformierter Amtmann mit eingefallenen Wangen. Der Mann musste mindestens siebzig Jahre alt sein und schaute sie mit großen, wässrigen Augen an. Dann erfasste sein Blick den Leiterwagen mit den Kindern.

„Verstehe schon“, sagte er, ohne dass Hertha auch nur ein Wort gesagt hätte. „Morgen wieder. Jetzt ist keiner mehr da“, nuschelte er mit einem milden Tonfall, der so gar nicht passen wollte zur abweisenden Botschaft.

Aber Hertha wollte nicht aufgeben. „Ja und wo sollen wir dann heute Nacht schlafen?“, fuhr sie den Alten an, der bereits wieder dabei war, hinter der schweren Türe zu verschwinden.

„Hier nicht,“ antwortete er, „Ihr müsst halt die Leut´ fragen.“

Kateryna

Spürt sich so der Frieden an? Kateryna wundert sich, als sie in die U-Bahn steigt. Die Menschen dort waren vollkommen entspannt und desinteressiert, tippten auf ihren Handys herum oder nestelten an ihren Gesichtsmasken. Kateryna hatte jetzt auch eine, sie war ihr gegeben worden, zusammen mit Wasserflaschen und eingepackten Broten, herausgereicht aus den Kisten, die unter der verdrehten Flagge gestanden hatten. Jetzt, hier in der U-Bahn wird Kateryna bewusst, dass niemand die kleine Gruppe auch nur zur Kenntnis nimmt. Hier ist es ganz normal, dass man mit Koffern, Taschen und zwei Kindern durch die Stadt fährt. Nicht der Rede, keines Aufblickens wert. So war es bei uns auch, denkt sich Kateryna, vor nur wenigen Tagen.

„Ich will mich setzen“, sagt Vlady und zerrt Mutter und Schwester auf eine der blau gepolsterten Sitzbänke. Kateryna hatte einen Zettel mit der Wegbeschreibung mitbekommen von der freundlichen jungen Frau, einer Jurastudentin aus ihrer Heimat, die im Westen studiert. Sie hatte ihr alles aufgeschrieben: sieben Stationen in der U-Bahn, dann auf der rechten Seite in die zweite Straße. Hausnummer 47, bei Hägele klingeln.

Wieder hört Kateryna den Luftalarm in ihrem Kopf, und wieder drängt sie den Gedanken zur Seite. Jetzt nicht, jetzt ist ein Moment des Friedens, der Ruhe hier in dieser Bahn, die fährt, und nicht als Luftschutzkeller herhalten muss. Kataryna schaut auf ihr Handy: keine neue Nachricht von Yegor. Gestern Abend hatte sie von ihm gehört, dass er sich der Bürgerwehr angeschlossen hat. Luftalarm heult durch Katarynas Kopf. Sie schüttelt ihn, sie will diese ständigen Geräusche herausschütteln aus ihrem Gehirn. Am besten hilft ihr dabei ein Blick auf ihre Kinder: Daria hatte in der Bahnhofshalle ein rosa Stoffschwein geschenkt bekommen, das sie fest an sich drückt. Vlady blättert in einem Comicbuch, dessen Text er allerdings nicht lesen kann.

Kateryna zählt die Haltestellen mit, fünfte – sechste – siebte, dann packt sie die Reisetasche und den Rollkoffer. Die Kinder schrecken auf. Als sie die Bahn verlassen, stolpert Daria über ihren eigenen Kinderkoffer; das plüschige Stoffschwein fällt zu Boden. Ein junger Mann, der einsteigen will, rettet die Situation.

Der beschriebene Weg ist kurz. Kateryna vergleicht die Klingelschilder in der ungewohnten Schrift mit dem, was auf ihrem Zettel steht: Hägele, richtig. Sie drückt den stählernen Klingelknopf und hört kurz danach das Surren des Türöffners. Vlady ist schneller als sie und drückt die Tür auf. Daria gähnt.

Hertha

Und so zog Hertha von Haus zu Haus. Die meisten Türen öffneten sich nicht, nicht auf ihr Klopfen und nicht auf das Ziehen einer Klingel. Sie meinte Blicke zu spüren, die sie und ihre Kinder durch angegraute Gardinen musterten. Brave Bürger, das hier alles, dachte sich Hertha und kämpfte ihre Wut nieder. Manchmal öffnete sich eine Tür, ein Schwall Essensgerüche quoll heraus, fettiges, billiges Essen, aber immerhin, heiß – aber dann nur ein Kopfschütteln, ein „Nein, bei uns nicht“. Hertha überlegte, ob sie versuchen sollte, ihre müden, obdachlosen Kinder mit der Legende von der Herbergssuche aus der Weihnachtsgeschichte bei Stimmung zu halten. Aber dann meldete sich wieder ihre Wut. Das hier ist keine Weihnachtsgeschichte, verbat sie sich jede Rührseligkeit, während sie mit ihren verstummten, müden, dreckigen, hungrigen Kindern im Schlepptau und ihrem rumpelnden Leiterwagen das nächste rechtschaffene Fachwerkhaus ansteuerte. Einen Stall würde ich auch nehmen, wütete Hertha in sich hinein, wenn sie hier nichts Besseres für mich haben.

Und nicht einmal einen Josef habe ich dabei, mein Josef ist irgendwo, vielleicht tot, vielleicht noch am Leben.

Es dämmerte schon, als sie die Klingel zog. Ein Scheppern im Hausinneren war zu vernehmen. Die Frau, die ihr öffnete war so alt wie sie selbst, trug eine bespritzte Schürze und hatte ein Kopftuch umgebunden. Sie hörte sich Herthas Geschichte immerhin an: Flüchtling aus dem Osten, keine Bleibe, wenigstens für eine Nacht, bis sie im Rathaus vorsprechen könne?

„Kommen sie rein“, sagte die fremde Frau. „Mögen die Kinder eine Milch?“

Kateryna

Auf dem Tisch steht eine dampfende Schüssel Nudeln. Ein großes Zimmer hatten die Hägeles freigeräumt für Kateryna, Vlady und Daria. Saubere Betten hatten gewartet, Spielzeug bereitgelegen. „Sie können hier erstmal bleiben“, versteht Kateryna das Englisch des Mann, der ihre Wassergläser füllt. Ein ältliches Faltengesicht hat er, mit schütterem grauem Haar und einem kurz gestutzten Bart. Die Namen ihrer Gastgeber hatte sie noch nicht richtig verstanden.

Nun ist seine Frau aus der Küche zu hören. „Unsere Kinder leben alle woanders“, übersetzt sich Kateryna den Sinn ihrer Worte, „wir haben genügend Platz.“ Frau Hägele ist klein und sehr schlank, eine in Würde und Wohlstand gealterte Dame, ihre grauen Haare hat sie zu einem Dutt über dem Kopf zusammengebunden. Kateryna schnappt einzelne Worte aus dem flüssigen Englisch zwischen dem Klappern und Scheppern aus der Küche auf, und enträtselt sie: „Schreckliches – Schicksal – Flucht – ich auch – als Kind“. Dann kommt ihre Gastgeberin mit der Soßenschüssel zum Esstisch. Kateryna spürt die hungrigen Blicke ihrer Kinder neben sich, die ganze Zeit schon hatten sie die dampfenden Nudeln angestarrt.

Als die Teller gefüllt sind, die Kinder mit dem Essen beschäftigt, fühlt Kateryna alle Ermattung, alle Mühsal, alle Hoffnungslosigkeit der letzten Tage. Sie ist müde, so müde, dass sie kaum etwas essen kann, und immer wieder drängen Bilder und Geräusche in ihren Kopf, die hier nicht hingehören. Das Sirenengeheul, der muffige Geruch aus dem Bunker, immer wieder das panische Gedränge am Bahnhof, der letzte Blick auf ihren Yegor. Wann wird sie ihn wiedersehen?

Sie schüttelt die Geräusche weg und schreckt dabei aus ihren Gedanken. „Ihr könnt mich Sophie nennen“, hatte die fremde Frau eben auf Englisch zu ihren verständnislos dreinschauenden Kindern gesagt und dabei mit beiden Händen auf sich selbst gezeigt: „Sophie!, Ich Sophie!“. Jetzt schaut sie Kateryna an: „Mögen die Kinder eine Milch?“

 

Es ist ein guter Zeitpunkt, sich jetzt mit den Hintergründen von Flucht und Vertreibung in Europa zu beschäftigen. Mich hat dabei auch der Besuch des Dokumentationszentrums dazu in Berlin inspiriert: https://www.flucht-vertreibung-versoehnung.de/de/home

 

In zwei weiteren Essays beschäftige ich mich als #Politikflaneur mit Erinnerungen und Erlebnissen rund um den Krieg in der Ukraine:

Waffen und Gewissen – Eine Selbstkritik

Der Krieg ist da – Eine politische Erzählung

 

Schaut auf diese Frau! – Ein Appell

Über den Mut, das Richtige zu tun

Wie würde sich dieser Moment anfühlen, wenn ich mutig wäre? Der Moment, in dem ich spüre, was die Folgen meines Handelns, meiner Entschlossenheit sind? Der Moment, in dem die Männer herbeieilen, die mich packen würden, rüde, mit festem Klammergriff, die mich abführen würden mit ernstem Blick? Die sich dabei sicher im Recht glauben würden, weil sie Teil der Macht sind? Wie würde ich mich fühlen, wenn sie mich anschreien, herumschubsen, hinführen zum Abgrund?

Die mutige Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen. Ihr weiteres Schicksal muss im Blick bleiben!

Dies hier ist die Geschichte von zwei jungen Frauen, die genau dies erlebt haben. Sie stehen für hunderte Männer und Frauen, die für ihren Mut teuer bezahlen mussten, obwohl sie auf der richtigen Seite der Geschichte standen. Sie stehen für jede kluge, mutige Tat, für jeden Moment der Courage, für jeden Augenblick, der uns spüren lässt, wie kleinmütig und ängstlich wir sind.

Sophie wollte nicht weglaufen

Der Moment nach dem Mut: Sophie spürte ihn am Rande der Balustrade in der Aula der Münchner Universität. Vielleicht war es ein Frösteln, ein Erschrecken, ein Entsetzen der Erkenntnis. Gerade hatte sie Flugblätter hinabregnen lassen in das weite Treppenhaus, zu hunderten waren sie geflattert, getänzelt, gesegelt in der akademischen Luft. Was da herabfiel auf die marmornen Treppenstufen, wollten die Mächtigen nicht lesen, und es sollten nach ihrem Willen auch andere nicht lesen. Der Hausmeister hatte Sophie entdeckt bei der verbotenen Tat, war herbeigeeilt und hatte sie festgehalten mit kräftigem, selbstgewissem Zugriff. Sophie fuhr der Schreck der Entdeckung in die Glieder, aber sie wollte gar nicht weglaufen.

Marina wusste, was ihr bevorsteht

Was genau mit Marina geschah, als sie ihren Moment nach dem Mut erlebte, wissen wir nicht. Also stellen wir es uns einfach vor: Marina stand vermutlich noch immer mit ihrem handgemalten Plakat im Fernsehstudio, hinter der ratlos erstarrten Moderatorin. Wahrscheinlich herrschte große Aufregung im Studio, keiner wusste genau, wie damit nun umzugehen ist: eine Kollegin im Bild, die dort nicht hingehörte mit einem Plakat, das man auf keinen Fall zeigen durfte. Hektisch schaltete die Regie das Bild um. Kolleginnen und Kollegen könnten um sie herumgestanden sein, ratlos, entsetzt, bewundernd, geschockt. Dann vielleicht stürmte ein Mann herbei, stellte Marina zur Rede, schrie sie an: „Weißt Du, was das hier bedeuten wird?“

Marina wusste ganz genau, was ihr bevorstand. Soeben war sie für einige Sekunden in die Hauptnachrichtensendung des russischen Fernsehens gestürmt, hatte ein Plakat entrollt und sich damit ins Bild gestellt. Auf dem Plakat standen Worte, die die Mächtigen nicht hören wollten und das Volk nicht lesen sollte.

Ein Auftritt für die Geschichtsbücher

Sophies Flugblätter konnte der Hausmeister einsammeln, und doch war ihre Botschaft in der Welt: „Jeder Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des Einzelnen, als auch das Wohl der Gesamtheit sichert.“

Sophies Mut liegt fast achtzig Jahre zurück. Marinas Mut können wir uns ansehen, einmal, mehrfach, immer wieder. Marina und ihr Plakat – diese Bilder sind unwiederbringlich in der Welt, nicht mehr auszulöschen, sie stürmten durch die sozialen Kanäle, aber-millionenfach geteilt, kommentiert, bewundert. Ein politisches Ereignis, ein Moment des Mutes, der in die Geschichtsbücher eingehen kann.

Eintrag von Sophie Scholl als 10jährige in einem Poesiealbum: „Lass nie den frohen Mut dir rauben …“  Quelle: www.http://www.sophie-scholl-in-ludwigsburg.de/ (Klick auf das Bild verlinkt zur Seite)

 

In einem Poesiealbum aus dem Kreis ihrer damaligen Freundinnen hat Sophie schon früh dem Mut zugesprochen: „Lass nie den frohen Mut Dir rauben, und halte fest an Deinem Glauben“, steht da in schöner Sütterlinschrift; dekoriert hat das zehnjährige Mädchen die Seite mit Blumen. Sophie war in einem liberalen, evangelisch geprägten Elternhaus im Schwäbischen aufgewachsen, ihr Vater war Kommunalpolitiker, ihre Mutter eine Diakonissin, die erst aus Anlass der Eheschließung ihren Orden verließ. Sophie hatte gelernt, eine eigene Meinung zu haben, sie zu vertreten und die Konsequenzen dafür zu tragen.

Marina ist 43 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, so ihre eigene Aussage. Sie war Redakteurin des staatlichen Fernsehens in Russland und ist verheiratet. „Stoppt den Krieg, glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet Ihr belogen!“ stand auf ihrem Plakat. „Russland ist der Aggressor. Ich schäme mich dafür, in der Vergangenheit für Kreml-Propaganda gearbeitet zu haben,“ sagt sie im Videostatement, das ihre mutige Aktion begleitet.

Was sie jetzt erwartet sind bis zu 15 Jahren Haftstrafe, endlose Demütigungen, Ächtung ihrer Familie, Trennung von den Kindern. Vielleicht auch der Tod, wenn der Diktator es will.

Mut kann den Tod bedeuten. Mut behält Recht

Sophie Scholl bezahlte zusammen mit den anderen Studierenden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ für ihren Mut mit dem Tod. Eine Woche lang wurde sie verhört, gequält, gedemütigt – dann nach einem absurden Tribunal von brüllenden Nazi-Richtern am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag in München hingerichtet. Sie hat Recht behalten. Stumm verneigen wir uns vor ihrem Mut, der ein Opfer war für die Wahrheit und dafür, dass wir heute so leben können, wie wir es tun.

Sophie Scholl ist tot. Nach allem, was wir wissen, lebt Marina Owsjannikowa. Ihr hilft es nicht, wenn wir stumm bleiben. Ihr Mut darf nicht vergessen werden. Sie hat uns ein Beispiel gegeben dafür, dass die Welt nicht besser wird, wenn wir alle mutlos bleiben.

Schaut auf das weitere Schicksal dieser Frau!

 

Eine gute Zusammenfassung der Aktion von  Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen finden Sie hier: https://www.dw.com/de/antikriegsprotest-im-russischen-tv/a-61132371

Über die Widerstandsbewegung „weiße Rose“ und das Schicksal von Sophie Scholl informiert die Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/weisse-rose/

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.