Mondlandung schwieriger als erwartet

Über den Versuch, sich eine visionäre Kanzlerrede auszudenken

Irgendwie fehlt die Perspektive, die große Vision, sagen alle. Der Bundeskanzler müsste einfach mal klarmachen, wo er hinwill mit seiner Regierung, sagen alle. Nicht nur immer Klein-klein, da ein Tankrabatt und hier eine verunglückte Rentenkürzung. Sondern einen großen Wurf sollte er formulieren, eine Perspektive, wohin diese Politik führen soll in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren. Eine Rede mit Aufbruchssignal, sowas wie zum Beispiel die angekündigte Mondlandung von Präsident Kennedy am 12. September 1962.

Das Vorbild: John F. Kennedy am 12. September 1962 bei seiner berühmten Rede, mit der er die Mondlandung „noch in diesem Jahrzehnt“ als visionäres Ziel einer nationalen Anstrengung verkündete. (Klick auf das Bild führt zu YouTube mit der Rede, die berühmte Passage beginnt bei Minute 9)

„Wir entscheiden uns,“ hatte der US-Präsident damals vor der Rice University in Houston/Texas in sein begeistertes Publikum gerufen, – das damals keine „Maga“-Schilder hochhielt, sondern Anzug und Krawatte trug, – „Wir entscheiden uns“ (nicht: die Umstände zwingen uns oder so, sondern) : „Wir entscheiden uns, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen …, nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwer ist; weil dieses Ziel dazu dienen wird, unsere besten Energien und Fähigkeiten zu bündeln und zu messen, weil diese Herausforderung eine ist, die wir annehmen wollen, eine, die wir nicht aufschieben wollen, und eine, die wir gewinnen wollen.“

Sapperlott, was für eine Ansage! Der Politikflaneur sucht sich diese Rede heraus auf YouTube: Da steht ein Mann von strahlender Dynamik in der Sonne, selbst sonnengebräunt, gewinnend, kraftvoll – und mit was für einer Rhetorik umarmt er sein Land!

Sowas bräuchte es jetzt in Deutschland, vielleicht eine Fernsehansprache, mit Ehrgeiz und Empathie, einem große Bogen, einer Idee, einer Perspektive, für das Land, hinter der sich alle versammeln können. Mit einem konkreten Ziel, das es gemeinsam zu erreichen gilt – nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist!

Kann doch nicht so schwierig sein, so eine Rede, denkt sich der Politikflaneur, und setzt sich an die Tasten.

Erster Teil: An wen richtet sich die Rede?

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Das war einfach. Aber wie beginnen? Vielleicht mit einer Unterwerfung.

Ich habe in der öffentlichen Auseinandersetzung der letzten Jahre den Fehler gemacht, das in unserer Gesellschaft Trennende zu stark und das notwendige Gemeinsame zu wenig zu betonen. Ab heute wird das anders werden.

Aber kann man so defensiv beginnen? Hätte Kennedy nicht gemacht, und auch nicht nötig gehabt. Wird das heutzutage nicht nur Häme provozieren? Vielleicht lieber strenger anfangen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, heute wende ich mich als Bundeskanzler an Sie, und zwar ganz ausdrücklich an alle, die mir zuhören möchten. Und darum bitte ich Sie: Mir zuzuhören, zehn Minuten, nicht länger.

Das gefällt dem Politikflaneur. Es geht ja auch nicht darum, die zu erreichen, die ohnehin bloß pfeifen und pöbeln wollen. Es geht darum, sich an die Mehrheit zu wenden, die bereit ist, in der demokratischen Mitte zusammenzukommen und dort zu bleiben und gemeinsam das Land voranzubringen.

Umarmen ist also angesagt! Jetzt möglichst viele benennen, die gemeint sind. Die Menschen ansprechen. Die Merkel hat das bei Corona gemacht, sich bedankt bei den Supermarkt-Kassiererinnen und den Pflegekräften und so weiter. Also, wer ist alles dabei?

Ich wende mich an die vielen Menschen in unserem Land, die sich zu Recht und aus verschiedenen Gründen Sorgen um die Zukunft machen. An alle Deutschen und alle Menschen, die in Deutschland leben. Ich wende mich an junge Menschen, die sich fragen, ob Künstliche Intelligenz ihnen ihre Zukunft rauben wird, an ältere Menschen, die um ihre Rente bangen und darüber, wer sie versorgen wird im Falle einer Erkrankung oder wenn sie Pflege benötigen.

Gut, Randgruppen benannt. Aber die gesellschaftliche Mitte?

Ich wende mich an alle Menschen, die mit ihrer Arbeit ihr Leben bestreiten und gleichzeitig damit jeden Tag aufs Neue das Land voranbringen. Ich wende mich an alle, die sich sorgen, ob sie dieses Auskommen auch noch in naher Zukunft haben werden.

Ohne die geht gar nichts. Aber nicht alle können was dafür, dass sie nicht arbeiten. Also:

Und ich wende mich an alle, die, aus welchen Gründen auch immer nicht arbeiten können, und auf die Unterstützung unserer Gemeinschaft angewiesen sind.

Wer fehlt jetzt noch? Die Leute mit Glauben. Und die ohne.

Ich wende mich an alle Menschen in Deutschland, die sich nicht für Religion interessieren. Aber auch an alle, die glauben, egal an welchen Gott.

Oje, schwierig, schon wegen der Reihenfolge. Vielleicht besser auf das Grundgesetz Bezug nahmen:

Ich wende mich an jede und jeden von Ihnen, so wie es das deutsche Grundgesetz bestimmt: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden.“

Das ist besser. Aber man könnte es auch noch einfacher machen.

Heute wende ich mich an alle, die den ersten Satz unseres Grundgesetzes vorbehaltlos teilen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz lässt keine Vorbehalte zu. Er ist die Grundlage unseres Zusammenlebens und unseres Handelns als demokratisch legitimierte Regierung.

Oder ist das nicht schon wieder zu belehrend? Sozialkunde, erste Stunde? Ach Gott, denkt sich der Politikflaneur, schon der Anfang ist so schwierig.

Zweiter Teil: Um was geht es?

Aber jetzt mal zu den Inhalten. Was sollte der Kanzler denn nun eigentlich sagen? Vielleicht das da:

Und ich rufe Ihnen zu: Wir leben in einem starken Land, und Sie sind Teil einer großen, vielfältigen, inspirierenden Gemeinschaft! Wir haben es selbst in der Hand, gemeinsam die Spaltung zu überwinden, in die uns die Algorithmen der Techkonzerne und einige wenige unter uns hineintreiben möchten. Wir haben es selbst in der Hand, unseren Kindern und Kindeskindern ein Land zu übergeben, das so lebenswert ist wie heute.

Ist das schon die große Vision, die Mondlandung gewissermaßen? Irgendwie nicht. Dabei ist schon das anspruchsvoll genug, wenn man die aktuellen Probleme bedenkt. Die muss er unbedingt auch benennen!

Ganz gewiss, nicht alles ist perfekt in Deutschland. Nicht immer empfinden wir den Alltag unseres Zusammenlebens als gerecht. Nicht jeder Arbeitsplatz ist sicher. Wenn wir uns etwas vornehmen, dauert es oft zu lange, bis wir es erreichen. Wir haben zu viel Bürokratie. Die Bahn ist unzuverlässig, und die Brücken bröckeln. Wir stellen Regeln auf und haben oft nicht die Kraft, ihre Einhaltung einzufordern. Vieles davon müssen wir besser machen.

Hmm, stimmt alles, aber trotzdem: Bahn-Bashing in einer Kanzlerrede, die als Mondlandung enden soll? Und das mit dem Bessermachen richtet sich ja an den Kanzler selbst. Andererseits ist er ja nicht allein zuständig für alles.

Und überhaupt, ist denn das alles das Wesentliche? Eigentlich nicht. Also zum Wesentlichen:

Aber das Wesentliche machen wir gut! Wir alle gemeinsam sichern täglich unsere Freiheit und unseren Wohlstand. Und das auf einem Niveau wie es nur wenige Länder auf der Welt vorweisen können. Darauf können wir stolz sein.

Immer noch keine Mondlandung. Aber erstmal zur Freiheit.

Freiheit in Frieden haben wir nur, weil wir in achtzig Jahren überall auf der Welt Vertrauen gewonnen und bei unseren Nachbarn in Europa Freunde gefunden haben. Und das, nachdem wir Deutsche schreckliche Kriege begonnen und unvergleichliche Mordtaten zu verantworten haben. Nun verteidigen wir gemeinsam mit unseren Freunden – niemals alleine – unsere Freiheit in Frieden gegen Angriffe von außen.

So, Außenpolitik erledigt. Nun nach innen:

Unsere Freiheit ist kein abstrakter Begriff, sondern sie findet täglich dort statt, wo Sie leben, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. In Ihrer Stadt, in Ihrem Dorf, auf der Straße, die Sie täglich benutzen. Freiheit ist, sich ohne Furcht in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Wir leben in einem Land, in dem – soweit das ein Staat sicherstellen kann – Kriminalität rechtsstaatlich geahndet wird. Und wir wollen wieder ein Land werden, in dem niemand wegen Kippa oder Kopftuch bedroht wird.

Mutig! Leider ist das nicht mehr überall so. Muss gesagt werden. Aber von Freiheit allein lebt das Volk nicht. Jetzt muss endlich mal der Wohlstand kommen.

Das gleiche gilt für den Wohlstand. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Viele von uns sind zufrieden mit ihrem Leben im Wohlstand. Aber wir spüren, dass vieles teurer wird, dass vielleicht die Zuwächse beim Einkommen bald nicht mehr Schritt halten mit dem Anstieg der Preise, der Mieten, der Gebühren und Steuern. Ist also unser Wohlstand bedroht?

Ja was nun? Irgendwie schon, aber darf man das sagen? Man darf.

Ja, aber wir können uns wehren. Wir durchleben eine Energiekrise, die wir nicht verursacht haben, aber wir können uns davon unabhängig machen. Wir haben im Sommer den Klimawandel am eigenen Leibe gespürt. Wir haben das Thema zu lange zu wenig ernst genommen. Das wird sich ändern. Auch bei manchen technischen Entwicklungen müssen wir wohl einräumen, dass wir ihre umwälzende Bedeutung zu spät erkannt haben. Hält uns das ab, nun entschlossen aufzubrechen, um unseren Wohlstand neu zu erwerben – so wie es Generationen vor uns immer wieder erfolgreich getan haben? Nein!

Dritter Teil: Wo wollen wir hin?

Ist es klug, solche Fehler einzuräumen? Immerhin ist es mutig. Was also steht jetzt politisch an? Erstmal keine Mondlandung, sondern sowas:

Um das zu erreichen, müssen wir manches verändern. Alle verstehen, dass nicht immer weniger Junge die Alterssicherung für immer mehr ältere Menschen bezahlen können. In einer älter werdenden Gesellschaft darf die Frage, wie schnell man einen Arzttermin bekommt, nicht von der Versicherung abhängen. Und wenn es immer mehr Reichtum bei immer weniger Einzelnen gibt, muss das Steuersystem für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Die SPD wird jubeln bei diesen Sätzen, denkt sich der Politikflaneur. Aber die eigene Partei des Kanzlers? Schwierig, schwierig bei 26 Stimmen Mehrheit im Bundestag. Andererseits ist das ja die Rede eines Kanzlers. Der muss sich eben mal was trauen. Und bloß nicht von „Reformen“ reden. Begriff ist verbrannt.

Aber das ist alles immer noch sehr allgemein. Vielleicht ein Appell?

Wir schaffen das. Gemeinsam schaffen wir das!

O nein, das geht sicher gar nicht. Verbrauchte Formulierung. Und eigentlich auch keine wirkliche Vision. Streichen! Neuer Versuch:

Für vieles davon gibt keine einfachen Lösungen. Aber unser Land hat alle Voraussetzungen, um zum Ende dieses Jahrzehntes eine führende Wirtschaftsnation zu sein, in dem die Würde jedes Einzelnen durch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, selbst erarbeiteten Wohlstand und einen leistungsstarken Sozialstaat garantiert wird. Und dabei so wehrhaft ist, dass niemand wagen wird, unsere Freiheit und unseren Wohlstand anzugreifen.

Wo ist die Mondlandung?

Wir wollen das Land werden, in dem es so gerecht zugeht wie nirgends sonst auf der Welt! Lassen Sie uns zu diesem Ziel aufbrechen!“

Es ist doch schwieriger als erwartet mit der Mondlandung, denkt sich der Politikflaneur. Also vielleicht doch noch dieser letzte Satz:

Nicht weil es einfach ist. Sondern weil es schwer ist.

 

Weitere Texte als #Politikflaner finden Sie hier. 

Einen guten Text über die Kennedy-Rede und ihre Wirkung gibt es auch auf Wikipedia. 

Ihr seid das Problem. Nicht der freundliche Ulrich.

Ein zorniger Brief nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

Wenig verehrtes halbes Wahlvolk von Sachsen-Anhalt,

Ihr habt gestern Parteien gewählt, die Euch das Blaue vom Himmel versprechen, die Euch mit Lügen und billigen Vereinfachungen in eine Zukunft locken wollen, die es nicht gibt. An Euch, an diese Hälfte richten sich meine Zeilen. Sie werden Euch nicht interessieren, aber das stört mich nicht, denn sie interessieren mich. Ich habe mit Euch zu tun, weil Ihr seid ein Teil auch meines Landes – ein Teil von Deutschland.

„Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal.“ Bild von Javier Robles auf Pixabay

Das Problem seid Ihr. Das Problem sind nicht der freundliche Ulrich oder die Eisfrauen Alice und Sahra, denen Ihr hinterherlauft. Ihr seid zu bequem, um nachzudenken. Ihr könntet Euch die Mühe machen, die Komplexität der Welt wenigstens gelegentlich verstehen zu wollen. Das macht Ihr aber nicht. Zu engstirnig seid Ihr, um den Wert des Kompromisses zu erkennen. Zu geizig seid Ihr, um Euch Nachrichtenquellen zu leisten, die an der Suche nach Fakten interessiert sind. Stattdessen rennt Ihr den Rattenfängern hinterher, die ihre dumme Soße in das Billignetz der Halb- und Unwahrheiten quetschen.

Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt

Das Problem ist Eure Blindheit für die Welt. Euer Horizont hinter den Vorgärten der schmuck sanierten Häuschen reicht nicht weiter als bis zu Eurem geschmacklosen Jägerlattenzaun. Nichts dahinter interessiert Euch wirklich. Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal. Die seelischen und körperlichen Qualen von Menschen, die nicht dem Weltbild Eurer Gartenzwerge entsprechen, kennt Ihr nicht und glaubt deshalb, dass Ihr sie ignorieren könnt. Oder wegsperren. Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt.

Ihr wollt gute Straßen haben für Eure zu großen Autos, aber Steuern zahlen wollt ihr so wenig wie möglich. Ihr wollt Strom haben aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, aber der Waldbrand und die Überschwemmung nebenan sind Euch egal. Ihr wollt das haben, was Ihr „Meinungsfreiheit“ nennt, aber der Kultur, den Theatern, den Schulen und Universitäten wollt Ihr vorschreiben, was sie zu verbreiten haben. Ihr wollt Pflege für Eure Großeltern jetzt, und später auch für Euch selbst, aber Pflegekräfte aus dem Ausland nennt Ihr „kulturfremd“.

Stolz auf mein Land wollt Ihr sein

Stolz auf mein Deutschland wollt Ihr sein, aber von der deutschen Geschichte wollt Ihr Euch nur das herauspicken, was Euch passt. Eure Idole faseln von einer „erinnerungspolitischen Wende“, und wenn Ihr an den Stammtischen, in den Telegram-Foren, im ganzen digitalen Sumpf dazu nickt und liked, dann macht schon mir das Angst – und erst Recht den jüdischen Menschen, den Fremden, den Anderen.

Dem breiten Grinsen vom freundlichen Ulrich habt Ihr vertraut, mit Freibier und Bratwürsten habt Ihr Euch bestechen lassen, und jetzt seid Ihr stolz auf Eure Selfies mit dem künftigen Ministerpräsidenten. Allen anderen Kandidaten habt Ihr gar nicht mehr zuhören wollen, wenn sie Euch mit Sachthemen zur Landespolitik überzeugen wollten. Alles lästig. Viel einfacher ist es, Eurem dumpfen Zorn gegen Friedrich Merz Luft zu machen. Ganz sicher, der Bundeskanzler hat viele Fehler zu verantworten – aber der stand gar nicht zur Wahl. Diese Unterscheidung ist zu kompliziert für Euch.

Jetzt bekommt Ihr die Regierung, die Ihr Euch gewählt habt

So werdet Ihr jetzt die Regierung bekommen, die Ihr Euch gewählt habt. Sie wird ein paar Symbole umsetzen. Sie wird das Gendern an Schulen und in Ämtern verbieten. Sie wird Euch einreden, dass Ihr bald keine Gebühren mehr zahlen müsst für TV und Radio, und Euch glauben machen, dass Ihr irgendetwas gewinnt, wenn Ausländer malträtiert werden.

Und es wird nicht lange dauern, bis die rechten Zauberlehrlinge Euch erzählen werden, dass sie alle ihre schönen Versprechen von einer besseren Welt gar nicht erfüllen können. Sie werden sagen, dass sie da nichts dafür können, sondern die Regierungen zuvor schuld sind oder die Bundespolitiker in Berlin oder Europa oder sonst wer. Und Ihr werdet auch das wieder glauben.

Euch ist wirklich nicht zu helfen.

Euer Andreas Vogt

 

Es lohnt sich, im Zusammenhang mit der politischen Zukunft von Sachsen-Anhalt noch einmal das Theaterstück „Ein Volksbürger – eine politische Farce mit Fabian Hinrichs“ anzusehen. Darüber gab es schon einmal einen Text auf vogtpost.de: „Artikel siebenunddreißig und vierundachtzig“

Der Film ist noch immer (bis 2.20.2027) online auf ARTE. 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. 

Viel Barzahlung in der biodeutschen Idylle

Eine Reportage von der Nordseeküste

Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Idylle der Zug pünktlich fährt. Immer. Gut, es gibt auch nur eine einzige, eingleisige Strecke, vom Hafen zum Örtchen, und die ist nur knapp drei Kilometer lang. Die Herausforderung zur Pünktlichkeit ist also überschaubar. Trotzdem: Er fährt, wenn er soll, und er kommt an, wann er soll.

Wer in die deutsche Idylle möchte, muss mit einem Schiff fahren, eine gute halbe Stunde hinüber, raus aus der Welt der Unwägbarkeiten und Ärgernisse. Sie oder er muss eine Schiffspassage bezahlen und eine tägliche Tourismusabgabe, die praktischerweise gemeinsam einkassiert werden- Eine Art Eintrittsgebühr in die heile Welt ist das. Dann steigt man in den beschriebenen Zug – und alles ist schlagartig gut.

„Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten.“ Morgenszene aus der deutschen Idylle

Die Backsteinhäuschen sind adrett und nicht zu hoch, manche sind alt, andere neu, allesamt sind sie komfortabel. Die Natur ist satt und grün und gesund, die Blätter rauschen, die Pferde weiden, die Möwen kreischen hoch in der Luft, und das vertraute Taubenpaar wiegt sich im Weidengeäst vor dem Fenster. „Keine Haie, keine Autos“, war einmal das Motto der Idylle, nicht ganz korrekt, weil im Meer vor dem breiten Strand doch ein paar eher harmlose Hai-Arten leben. Aber Autos gibt es tatsächlich nicht, alles bewegt sich mit dem Fahrrad, und wenn das nicht ausreicht, dann schaffen katzengleich schnurrende Elektrokarren schweres Gut durch die Idylle. Wie von Zauberhand bringen sie frühmorgens Waren in die Geschäfte, sorgen so für einen steten Fluss des Konsums. Um acht Uhr abends schließen die Läden, um zehn Uhr die Lokale, um elf herrscht Ruhe. Das Meer rauscht, der Wind in den Bäumen auch. Sonst ist es still.

Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein

Die deutsche Idylle ist eine Welt, wie der konservative Mensch sie sich wünschen könnte. Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein, migrantische Haut ist nur selten zu erspähen zwischen den Rucksack-bewehrten Rentnern, den jungen Familien, den Omas und Opas mit Enkeln. Es herrscht Ordnung, und zwar ohne dass sie mit großem Aufwand durchgesetzt werden muss. Kein Müll liegt auf den Straßen, alles ist akkurat gekämmt und gebürstet, gestriegelt und geordnet. Es gibt zwar eine Polizeistation, aber die ist nur „werktags zu den üblichen Bürozeiten“ in Einsatz. Mehr Bedarf gibt es nicht für das Sicherheitsgefühl.

Die deutsche Idylle ist auch eine Welt von gestern. In vielen Geschäften und Lokalen gibt es nur Barzahlung, im einzigen Kino kommen die Karten von der Abreißrolle und nicht digital. Gesprochen wird Deutsch oder Platt, und wenn Fremdsprachen zu hören sind, dann sind es der rheinische Singsang oder das selbstgewisse Bayrisch oder das breitgelatsche Schwäbisch. Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten am Strand.

Die heile Welt hat ihren Preis

Die heile Welt hat ihren Preis. Die deutsche Idylle ist teuer, nicht nur wegen der Tourismusabgabe. Quartier für eine Woche auf der autofreien Insel kostet deutlich mehr als eine All-inclusive-Zelle in der Türkei, und da ist der Flug schon mitgerechnet. Das Preisniveau der Gastronomie und des Handels liegt locker zwanzig Prozent über dem Festland. Man muss es sich leisten können, den Kümmernissen der restlichen Welt zu entfliehen.

Gewiss würde nichts funktionieren in dieser heilen Welt, die sich oft anfühlt wie ein rückwärtsgewandter biodeutscher Lebenstraum – gäbe es nicht die zahllosen Menschen aus anderen Ländern, die das sauber geölte Räderwerk der deutschen Idylle am Laufen hielten. Die ukrainischen Besenflitzer-Frauen, die die Ferienwohnungen reinigen, die geduldigen Polinnen, die Cappuccino und Aperol für den Strand mixen, der unermüdliche Rumäne, der morgens die Brötchen in rasender Geschwindigkeit in Tüten sortiert, die asiatischen Kellner, die kroatischen Köche, die hier etwas von der Zubereitung von Fisch verstehen müssen.

Im Straßenbild sieht man diese Menschen kaum, und gerade deshalb entsteht der Eindruck der Monokultur. Aber sie sind da, sie hausen in billigen Unterkünften, versteckt auf den Innenseiten der schönen Backsteinhäuschen, in den Zimmern ohne Balkon und Terrasse. Oder sie wohnen auf dem Festland, kommen zur Arbeit jeden Tag herüber auf die teure Insel.

Es gab einen Militärflugplatz und Zwangsarbeiter

Die Idylle war nicht immer so. Sie war einmal ein Militärflugplatz für deutsche Expansionsfantasien, sie war auch einmal ein Zwangsarbeiterlager. Bis heute sind die Spuren dieser Zeit im Stadtbild sichtbar, und man kann den gut 1300 Einheimischen nicht den Vorwurf machen, sie würden diesen Teil ihrer Geschichte verstecken. Sie wissen auch gut um die Macht der Natur. Ihr sind sie ausgeliefert an manchen Wintertagen, wenn Stürme das Meer hochpeitschen, wenn sich die im Sommer gehüteten Sanddünen dieser Urgewalt entgegenstellen und alle hoffen, dass dem Wasser der Durchbruch auch dieses Jahr wieder nicht gelingt.

Aber was kümmert das den Idylle-Tourist? Er steigt auf sein gemietetes Fahrrad, freut sich über die schöne Seite des unberechenbaren Wetters, spürt den Wind, genießt die Sonne, erwartet den Regenschauer – alles gleichzeitig – und fährt zum wohl geordneten Fahrradparkplatz hinter der Düne. Gerade hat er sich zwei Drinks geholt, die Füße im Strandkorb hochgelegt, lässt den Abend herannahen. Die Familien mit Kindern rüsten zum Aufbruch, es ebbt, die Weite des Strandes nimmt zu, die untergehende Sonne glitzert auf dem ruhiger werdenden Meer.

Allerdings: Nachts war das  Knattern eines landenden Hubschraubers zu hören gewesen. Ein Notfall? Und an diesem Morgen war eine der beiden Tauben tot und zerfetzt im Gras vor dem Fenster gelegen. Welches Tier war hier tödlich seinem Trieb gefolgt? Einen Schatten hatte beides geworfen, Momente des Zweifels aufkommen lassen. Und nun: Ein doppelter lauter Aufschrei, ein ohrenbetäubendes Aufjaulen durchschneidet die vorabendliche Stille in der deutschen Idylle. Zwei Bundeswehrjets jagen hoch am Himmel über dem Strand entlang, dem Horizont entgegen.

Wie schade, die Weltenflucht misslingt auch hier.

 

Der Autor verbringt seit Jahren seinen Sommerurlaub auf der autofreien Insel Langeoog. In der Sammlung #1000Kirchen finden sich auch die beiden Kirchen auf der Insel: Die evangelische Inselkirche, und die katholische Kirche St. Nikolaus. 

Mehr Texte vom #Politikflaneur finden Sie hier. 

 

Rote Bäume, weiße Punkte – mehr Farbe für Berlin

Zum Tod der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama

Es war im Frühsommer 2021 in Berlin: Noch herrschte Corona, und als #BerlinerFlaneur war ich einige Wochen unterwegs in der Hauptstadt. Zu den Besuchseindrücken zählte auch die Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die ich damals in einen Zusammenhang mit der Frage stellte, wie grau das geschichtsbeladene Berlin und die deutschen Geschichte gewesen ist – und wie gegensätzlich dazu das knallbunte Werk von Kusama wirkte. Am 14. Auguxst 2026 ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben. 

Hier eine leicht aktualisierte Fassung der Reportage von 2021: 

Farbfilm vergessen

„Du hast den Farbfilm vergessen!“ schimpfte 1974 die 19jährige Sängerin der Gruppe „Automobil“, Nina Hagen, ihren Reisebegleiter Micha. „Automobil“ landete damit in der Schlagerparade der DDR.

„Alles grau“, urteilte das Westkind

Brauchte man in der DDR einen Farbfilm? „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön ’s hier war“, ging der Text des Liedes weiter, „alles Blau und Weiß und Grün – und später nicht mehr wahr!“ Es gab eine Zeit, in der westdeutsches Vorurteil dem Osten unseres Landes attestierte, dort sei „alles grau“. Und tatsächlich kann sich der Flaneur gut an seine erste Reise in die gerade ganz neu und frei zugänglich gewordene Noch-DDR erinnern. Die damals sechsjährige Tochter schaute nach dem Überwinden der nicht mehr gesicherten innerdeutschen Grenze lange und fasziniert aus dem Fenster, die ersten Dörfer kamen ins vorbeiziehende Bild, und was sagte das unvoreingenommene Westkind? „Alles grau!“

Alles grau: Die Topografie des Terrors und das Bundesfinanzministerium hinter dem Mauer-Reststück

Wer heute durch Berlin wandert oder fährt, kann West und Ost nicht mehr an der Farbigkeit unterscheiden. Aber farbig bunt ist deshalb noch längst nicht alles. Von einem Ort, der „Topografie des Terrors“ heißt, erwarten wir vielleicht auch aus gutem Grund nicht gerade Farbigkeit. Hier wird kein Farbfilm benötigt. Der Ort fordert den Besucher als graue Steinwüste, ein eingezäuntes Areal, ein modernes graues Gebäude in seiner Mitte, ein abgesenkter Graben, ein langes Stück DDR-Mauer an seiner Seite – alles grau. Es bedarf einiger Mühe, sich bewusst zu machen, was das hier eigentlich für ein leeres Straßenkarree ist. Häuser standen her bis zum Kriegsende, Paläste, prächtige Bauten, ein nobles Hotel, aber es gab auch Hinterhöfe, Garagen, Gärten, Lauben. Wenig davon ist übrig, alles ist platt und grau. Die „Topografie des Terrors“ wurde 1987 nach langer Diskussion zu einer begehbare Gedenkstätte, die erinnern soll an das Grauen, das in nationalsozialistischer Zeit dort geschah. Denn hier standen die Zentralen des Terrorregimes, das Hauptquartier von SS und SA, von Gestapo und Polizei, alle auf diesem Fleck, vereint zwischen vier Straßen.

Bomben der Alliierten zerstörten das Zentrum des Grauens, Ruinen blieben übrig von der brutal-rechtlosen Machtausübung. In den 60er Jahren wurde entschieden, das unwirtliche Gelände unmittelbar an der Mauer abzuräumen – und nichts von den Palästen zu erhalten, in denen die Mörder residierten, folterten, quälten – Betriebsfeste feierten, zu Geburtstagen anstießen, Siege bejubelten und Niederlagen schönredeten. Was man heute noch dort findet ist ein modernes Dokumentationszentrum über die Nazidiktatur und eine informative Freiluftausstellung über Deutschlands Irrweg von der Weimarer Republik hin zur totalen Niederlage im selbst angezettelten „totalen Krieg“. Alles wichtig und sehenswert, vieles davon schon hundertmal gesehen.

Moderne Archäologie

Was diesen Ort besonders macht ist so etwas wie moderne Archäologie. Unter dem Schutt der abgeräumten Nazi-Paläste wurden bei der Neugestaltung als Gedenkort die immer noch vorhandenen Pflastersteine der Einfahrten gefunden, über welche die Opfer der Gestapo in die Folterkammern gekarrt wurden. Die eingestürzten Eingangstore der Gestapo-Zentrale, kantige Ruinen, mahnen, einst unbeachtet liegengelassen, jetzt an die Todesangst der Menschen, die das Osttor einst passierten. Unterirdische Gefängniszellen der Gestapo wurden ausgegraben und pietätvoll wieder zugeschüttet, aber markiert. Die graue Topografie deutet die angelegten bombensichern Kellergänge an, zeigt die unterirdisch angelegten Räume einer Cafeteria der Folterknechte.

Die Westdeutschen der Nachkriegsjahre vergaßen sicher keinen Farbfilm, wenn sie in den Urlaub fuhren. Aber die Orte ihrer eigenen grauen Vergangenheit wollten sie gerne aus den Augen und damit aus dem Sinn haben. Alle möglichen Verwendungszwecke für die leere Brache direkt an der Mauer wurden diskutiert. In den 70er Jahren richtete Westberlin schließlich auf dem Gelände ein „Autodrom“ ein, einen Freizeitpark, auf dem man das Autofahren üben konnte – ohne Führerschein hinweg über die Folterkammern des Führers.

Heute denken wir anders. Der Gang über das weite Gelände wird zur Zeitreise vom Grauen ins Grüne. Der Besucher kann das ganze Gelände abschreiten, einige der alten Trassen des Autodroms nutzend, und findet sich bald in einem idyllischen Robinienwäldchen wieder, in dem die Blumen blühen und die Bienen summen. Zurück führt der Weg zur Betonrohr-bewehrten grauen Mauer, das von Mauerspechten durchlöcherte, angenagte, jetzt unter Denkmalschutz stehende Monument der deutschen Teilung. Die Geschichte erlaubt uns, heute ohne Schmerz über sie hinweg zu sehen, hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesfinanzministeriums, das so grau und abweisend dasteht, als wollte es allen Klischees von der grauen DDR und dem öden Grau jedes Bürokratenapparates gerecht werden.

Das „Detlef-Rohwedder-Haus“ wurde als Monumentalbau von den Nazis errichtet, beherbergte das Reichswehrministerium, später in der DDR das „Haus der Ministerien“ und gab so vielen grauen Bürokraten der DDR einen Arbeitsplatz. Nach dem Fall der Mauer war der graue Kasten dann Sitz der Treuhandanstalt (nach dessen ermordeten Präsidenten er später benannt wurde) und seit 1999 ist dort der Sitz des Bundesfinanzministers. Vermutlich würde es schon am Denkmalschutz scheitern, wenn ein Versuch unternommen würde, das Haus bunt anmalen zu lassen.

Das Bunte muss von woanders her kommen

Alles Bunt: Die roten Bäume von Yayoi Kusama beim Gropius-Bau

Das Graue gehört zu diesem Gebäude, wie das Grauen zur Topografie des Terrors gehört. Also muss das Bunte von anderswo kommen. Und siehe da, Blick zurück, keine hundert Meter, außerhalb der Einzäunung, da wartet es schon, das überraschende Bunt. Stehen da tatsächlich knallrote Baumstämme mit leuchtend weißen Punkten? Wie bitte – rote Baumstämme mit weißen Punkten? Kann das sein und wenn ja – wie und warum? Der Anblick ist unglaublich und macht so hoffnungstrunken wie das Licht am Ende eines zu langen Tunnels, so glücklich wie das Durchbrechen eines neuen, strahlenden Motivs in der Musik, wie die erste Blüte im Schnee.

Rote Bäume mit weißen Punkten? Gewachsen können sie so nicht sein, also nochmal hingeguckt: Die bunten Bäume sind eingewickelt und sie sind ein Kunstwerk, Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im benachbarten (von außen übrigens auch ziemlich grauen) Gropius-Museumsbau. Gelockt von den roten Bäumen, schnell online einen Timeslot gebucht, den Corona-Test gezückt, und raus aus der grauen „Topografie“ rein in den Ausstellungpalast. Durstig nach Buntheit, nach Farbenpracht und Vielfalt. Im Foyer räkeln sich die roten Punkte im dichten Gewirr dicker Tentakel über-mannshoch bis ins Obergeschoss der Halle, bilden einen Dschungel der Farbenpracht, laden ein zu weiteren farbigen Abenteuern der Kunst. Man muss nicht alles verstehen, was sich die Künstlerin aus dem fernen Osten dabei gedacht hat, aber dem bunten Zauber der manchmal durch Spiegel ins Unendliche gesteigerten Farbigkeit ihrer Werke wird sich niemand entziehen, der sensiblen Sinnes ist.

Noch mehr Farbe in der Ausstellung der japanischen Künstlerin

Übersatt erfüllt von Farben tritt der Besucher wieder heraus in das reale Berlin, das jeden Tag so bunt gepunktet sein kann, wie der Stamm dieser Bäume, zwischen denen er jetzt steht. Bunt wie das frische Grün an den Zweigen der rotgepunkteten Bäume, oder so gelb wie die vorbeirauschenden DHL-Autos, oder so leuchtend blau wie der sommerliche Himmel. Oder so grau wie das Finanzministerium.

 

Mehr über Yayoi Kusama hier (führt zu Wikipedia).  

„Du hast den Farbfilm vergessen“ mit Nina Hagen auf youtube (hier in einer Live-Aufnahme von 2018):

Die Website der Topografie des Terrors finden Sie hier. 

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Andreas Vogt: Warum ich kein Pazifist mehr bin

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Der Falkland-Krieg erschütterte mein pazifistisches Weltbild“

Vor wenigen Tagen bei der Fußball-Weltmeisterschaft rückte jenes Ereignis wieder ins öffentliche Bewusstsein, das meine ersten persönlichen Zweifel an der Tragfähigkeit von Pazifismus in der Weltpolitik markiert. „Las Malvinas son Argentinas“ stand da auf einem Transparent, das argentinische Fußballer im Spiel gegen England in die Kameras hielten. Um was es da geht, wird noch erklärt werden – für alle, die es vergessen oder nicht erlebt haben.

Andreas Vogt war mehr als dreißig Jahre in verschiedenen Funktionen bei der Techniker Krankenkasse (TK) tätig, zuletzt von 1999 bis 2021 als Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg. Er gestaltet – zusammen mit seiner Frau Ute Vogt – die Website vogtpost.de als Forum für Politik und Kultur. Andreas Vogt engagiert sich kommunalpolitisch für die Partei Bündnis 90/Grüne. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay)

Vorher aber ein paar Erinnerungen an meine Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1976. Vollkommen absurd kam mir schon damals die Situation einer „Gewissensprüfung“ vor: Graue alte Männer, vermutlich mit eigener Kriegsvergangenheit, hielten Gericht über meine Gesinnung. Meine Eltern wurden gebeten, zu meiner Verweigerung Stellung zu nehmen. Und schließlich war für mich ein Gespräch entscheidend, das ich zur Vorbereitung meiner „Gewissensprüfung“ mit einem Berater der Deutschen Friedensgesellschaft führte.

Graue alte Männer saßen zu Gericht über mein Gewissen

„Wenn sie Dich fragen“, so sein Rat, „was Du machst, wenn eine Räuberbande Deine Freundin überfällt, dann sag bloß nicht: Ich lasse es geschehen.“ Ein solcher Radikalpazifismus galt als unglaubwürdig. Man habe sich, so die Unterstellung, dann nicht wirklich mit einer eigenen Haltung zur Gewalt auseinandergesetzt. Vielmehr sollte ich den Gewissenskonflikt einräumen, also das Dilemma aus Gewaltverzicht und Nothilfe schildern. Es sei schließlich kein Widerspruch zur gewissensgetriebenen Friedfertigkeit im Kriegsfall, wenn man der bedrohten Freundin rettend beispringe.

Auch dank dieser Beratung konnte ich schließlich die alten grauen Männer von meiner Gewissensentscheidung gegen den Kriegsdienst überzeugen. Würde ich auch heute noch den Kriegsdienst verweigern? Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Ganz sicher aber werde ich das Recht zur Verweigerung verteidigen. Und ich verstehe alle heute 20-Jährigen, die es nutzen. Und gleichzeitig bin ich jeder und jedem 20-jährigen dankbar, die oder der bereit ist, unsere Werteordnung, unsere Demokratie, meine Freiheit, auch mit der Waffe zu verteidigen.

Warum? Weil sich die Notwehr-Situation mit der Freundin und den Räubern eben auch auf die heutige, reale Weltlage übertragen lässt. In meiner damals deutschen Sicht auf den „Kalten Krieg“ gab es nur zwei Weltmächte, die sich durch gegenseitige Hochrüstung bedrohten. Mir erschien es sehr einfach, das zu beenden. Es müssten sich eben nur auf beiden Seiten genügend Menschen finden, die ihr Gewissen dazu befragen, ob sie ein Teil dieser gegenseitigen Bedrohung sein wollen. „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ (ein Zitat des amerikanischen Publizisten Carl Sandburg, das fälschlicherweise oft Bertold Brecht zugeschrieben wird) – das erschien mir damals unfassbar einfach und richtig.

In der Welt von damals leben wir heute nicht mehr

In dieser Welt von damals leben wir heute nicht mehr. Nicht in Deutschland und auch nicht anderswo. Das führt zurück zur Inselgruppe der Malvinas – oder der Falkland-Inseln, wie sie in Großbritannien genannt werden. Mein gerade in der Gewissensprüfung attestiertes, pazifistisches Weltbild bekam im sogenannten „Falkland“-Krieg deutliche Risse. Auch wenn der britische Besitz dieser Inseln vor Argentinien Teil kolonialen Unrechts sein mag – als die argentinische Militärjunta 1982 die gewaltsame Inbesitznahme der Inseln befahl, wurde dort niemand unterdrückt, die Menschen dort wollten (und wollen bis heute) Briten sein, und keine Bedrohung ging von dort aus. Es war brutales, gewaltsames Unrecht, dort einzufallen und die Inseln zu besetzen. Und es war nach meiner Überzeugung auch moralisch zulässig, dass sich Großbritannien mit militärischen Mitteln gegen diesen Raub wehrte.

So sehe ich heute auch den Überfall Russlands auf die Ukraine: Niemand dort hat Russland bedroht, die Menschen in der Ukraine wollen in ihrer großen Mehrheit nicht von Russland beherrscht werden – und nichts, einfach gar nichts, rechtfertigt Bombenangriffe auf Wohnhäuser und Umspannwerke. Es ist also absolut legitim, wenn sich die Menschen in der Ukraine dagegen wehren, auch mit Gewalt. Die Sicherheitslage in ganz Europa hat sich durch diesen Angriff verschoben – mit den bekannten Auswirkungen auch auf uns.

Mehr Rüstung ist allenfalls ein notwendiges Übel

Ich bin also kein Pazifist mehr. Aber ich bleibe skeptisch, wenn sich die deutsche Gesellschaft nach meinem Eindruck viel zu bedenkenlos immer stärker militarisiert. Und deshalb brauchen wir gerade jetzt im gesellschaftlichen Diskurs Menschen, die lautstark daran erinnern: Mehr Rüstung ist auch in diesen Zeiten allenfalls ein notwendiges Übel, aber kein willkommener Wachstumsmotor. Atomwaffen-bestückte Langstreckenraketen sind kein Spielzeug, sondern millionenfach todbringende Werkzeuge der Apokalypse. KI-gesteuerte Drohnen sind kein Videogame. Und Diplomatie war nie wichtiger als jetzt.

Der Text gibt die persönliche Meinung von Andreas Vogt wieder, der den Kriegsdienst-Verweigerer Hubert Seiter zu einem Diskursbeitrag eingeladen hat. Die persönliche Meinung von Hubert Seiter finden Sie hier: „Warum ich Pazifist bleibe“

 

 

Hubert Seiter: Warum ich Pazifist bleibe

Zwei Kriegsdienstverweigerer im Diskurs

„Ich wollte mal Fallschirmspringer werden.“

Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.

Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.

Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken

Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat:  Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!

Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.

Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte  – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.

Und heute, fast 60 Jahre später?

Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.

Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.

Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?

Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?

Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD –  zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben:  dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren,  dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!

Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt

Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren:  alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.

Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!

Der Text gibt die persönliche Meinung von Hubert Seiter wieder, der von Andreas Vogt zu diesem Diskursbeitrag eingeladen wurde. Die persönliche Meinung des Kriegsdienstverweigerers Andreas Vogt finden Sie hier: „Warum ich kein Pazifist mehr bin“

 

Das Bädle und die große Politik

Beim Schwimmen drängen sich die originellsten Gedanken ins Bewusstsein. Einer davon: Die einen baden hier zum Vergnügen, andere ertrinken im Mittelmeer. Foto: lizenzfrei von Ben_Kerckx via pixabay

Abseitige Gedanken eines Schwimmers

So ein Bädle ist eine entspannte Sache, wenn es heiß ist. Sie fragen sich, was ein Bädle ist? Ein kleines Schwimmbad. Ein Sommerfreibad mit nur zwei Becken; eines für Schwimmer und eines für solche, die es werden wollen. Ein Kinderplanschbecken. Eine Liegewiese. Pommes oder Gyros gibt´s beim Griechen, der das Bistro betreibt. Fertig. Kein Schnickschnack, kein Strömungskanal, keine Wasserrutsche.

Sie fragen sich vermutlich schon nicht mehr, wo es so ein Bädle gibt. Die Verniedlichung verrät das südwestdeutsche Idiom. Wir schwimmen in Stuttgart, im Norden der Metropole, ein von der Industrie geprägter Vorort der Großstadt. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Viele davon trifft man auch im Bädle.

Lust auf eine Abkühlung?

Dann kommen Sie doch bitte herein ins Schwimmerbecken, ein paar Bahnen ziehen. Vorher duschen! Den schaurig schönen Kälteschock genießen, losschwimmen. Heute ist es hier ganz entspannt, aber am Wochenende wird es voll im Bädle. Und wenn man mit den Schwimmmeistern spricht, erzählen sie davon, dass es manchmal Ärger gibt. Zu heiß, zu viele Leute, zu wenig Platz. Auch Leute, die sich daneben benehmen. Dann muss man halt eingreifen.

Aber noch nie hat man was von ernsthaften Problemen gehört im Bädle. Keine tödlichen Badeunfälle. Niemand ertrunken. Niemand ertrunken – war da nicht was?

Nicht schlappmachen! Weiterschwimmen!

Wenn es Ihnen zu langweilig ist, schauen Sie sich mal die Plakate links und rechts an. Das Bädle ist ein öffentliches Freibad, aber nicht von der Kommune getragen. Ein Sportverein ist Hausherr im Bädle. Ehrenamtliche leiten den Vorstand, kümmern sich um Anträge und die Einhaltung der Gesetze, stellen das Personal ein, das für Ordnung sorgt. Freiwillige Helfer decken abends die Becken ab, damit das Wasser nachts nicht so auskühlt und man Energie sparen kann.

Eine Bahn mehr, kurzer Stopp am Beckenrand, und dann zurückschwimmen!

Also, was hängen denn da für Plakate? Werbung ist das; der Sportverein ist auf alle Einnahmen angewiesen. Ein örtlicher Heizungsbauer und ein Autohaus preisen sich da, auch die letzte Bank, die noch eine mit Menschen besetzte Filiale hat im Stadtteil. Und ein Immobilienmakler. Wer im Bädle schwimmt, kann über Hauskauf oder –verkauf nachdenken, renoviert auch mal sein eigenes Bad, kauft sich ein neues Auto. Hat Geld auf der Bank. Vielleicht nicht viel, aber genug, dass sich die Bank die Werbung leistet.

Noch eine Bahn?

Klar! Aber aufpassen auf die langsam rückwärts schwimmende Rentnerin! Rücksicht ist angesagt im Bädle. Hier sind die „normalen“ Leute versammelt, von denen manche Politiker so gerne reden. Ist das ein Luxus-Millionär, der da auf der Bahn hurtig entgegengeschwommen kommt? Nein, Unsinn, nur ein sportlich ambitionierter Freizeit-Kampfschwimmer. Braucht immer eine Bahn für sich, müssen die anderen halt ausweichen. Das sind Menschen mit normalem schwäbischem Wohlstand, egal wo sie geboren wurden. Fleißige Leute in ihrer Freizeit schwimmen hier, oder Rentner, die mal fleißig gewesen sind. Wer wollte irgendwem auf der Welt verübeln, wenn sie oder er auch so leben will, auch mit so einem Bädle?

Wunderbar erfrischend, das Wasser!

So friedlich plätschert es herum im rechteckigen Becken! Selbst bei ruhiger See sind die Wellen im Mittelmeer bestimmt fünfmal so hoch wie das Kräuseln hier im Bädle. Und das Meer ist tausendmal so tief wie hier, wo wir noch stehen können.

Komischer Gedanke. Wie kommt man denn auf sowas? Gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dem Bädle und den Bedauernswerten, die sich durch die öden Wüsten Afrikas bis zum Mittelmeer durchkämpfen, um dann Gefahr zu laufen, in seinen Fluten zu ertrinken.

Noch eine Bahn? Oder lieber raus und die Sonne genießen? Im Schatten lagern bei der Hitze? Ja klar, im Bädle gibt’s auf der Liegewiese alles, was man haben möchte: Pralle Sonne für die Bräunungsfanatiker, oder guter Schatten unter dichten Bäumen. Die Leute in den Wüsten und auf so einem Schrottkahn im Mittelmeer, die haben übrigens keine solche Wahl. Entschuldigung, schon wieder so ein abseitiger Gedanke.

Also in den Schatten. Sie haben eine Decke dabei? Gut so.

Ein Windhauch. Wunderbar kühl auf der noch nassen Haut, nicht wahr? So ein friedlicher Ort, dieses Bädle.

Wir haben doch eigentlich Platz hier, oder? Überall brauchen wir Leute, in der Gastronomie, bei den Lieferdiensten, auch bei den ganzen modernen KI-Zentren, damit wir die Arbeit erledigt bekommen.

Das stimmt einerseits, sagen Sie. Aber andererseits sind die Zeiten sind nicht mehr so rosig. Gleich um die Ecke ist die Porsche-Fabrik, und die baut Stellen ab. Und der Daimler auch. Wo sollen die Leute alle arbeiten, wenn sie nicht beim Schwimmen sind? Der reichen Stadt Stuttgart brechen die Steuereinnahmen weg, und deshalb muss sogar das Bädle um seine Finanzierung kämpfen.

Alles richtig. Aber haben diese Probleme irgendwas mit den armen Leuten zu tun, die im Mittelmeer ertrinken? Fast zweitausend waren es im Jahr 2025. Also mal ganz ehrlich, die hätten doch hier im Bädle auch noch Platz gefunden?

Jetzt reicht´s Ihnen, sagen Sie? Schluss mit Politik auf der Liegewiese?

Ist ja gut. Ich meine ja nur, weil – weil doch hier im Bädle noch niemand ertrunken ist. Wäre uns ja auch nicht egal, oder?

 

 

Zahlen zu den Fluchttoten auf der Mittelmeerroute finden Sie bei der UNO-Flüchtlingshilfe. 

Das hier angesprochene „Bädle“ gibt es wirklich und heißt auch so: https://www.ssv-zuffenhausen.de/freibad-baedle/

Die Existenz des „Bädle“ ist derzeit bedroht wegen Haushaltseinsparungen der Stadt Stuttgart. Wer helfen will, kann das hier tun: https://www.gofundme.com/f/rette-das-badle

Der Text ist eine aktualisierte Fassung der ersten Version aus dem Jahr 2023.

 

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Was Bürger in Bewegung bewirken können

Über Löcher und Denkmäler am „Eisernen Vorhang“

„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.

„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.

Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?

Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).

Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.

Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem  burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum;  Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.

Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren

Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.

Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.

„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron

Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten

Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.

Mehr zum „Paneuropa-Picknick“ am 19. August 1989 und zu den Ereignissen rund um die Brücke von Anbau im Herbst 1956 finden sie z.B. bei Wikipedia.

Über die Schwierigkeiten und den den Stand rund um das geplante Denkmal zur Deutschen Einheit „Bürger in Bewegung“ in Berlin informiert u.a. ein guter Dokumentarfilm des RBB, der in der ARD-Mediathek noch bis 10.10.26 verfügbar ist. 

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Der Mob will pfeifen, nicht zuhören

Warum falsche Erwartungen in Politik nur Populisten helfen

Nur noch fünfzehn Prozent der bundesdeutschen Wahlbevölkerung sei zufrieden mit der aktuellen Regierung, hat der ARD-Deutschlandtrend in diesen Tagen gemessen. „So unzufrieden mit Schwarz-Rot wie noch nie“, titelt dazu die Pressemitteilung. Nun kann  man aus vielen guten Gründen Kritik an der Regierung haben. Auch ganz ohne Parteipräferenz könnte man darüber grübeln, was diese Regierung eigentlich real anders machen müsste, um ihren Zufriedenheitswert zu steigern. Ja, was genau also?

Bild AI-generiert von vocablitz via Pixabay

Dazu eine Fußballgeschichte aus dem Jahr 2018: Zwei deutsche Fußball-Nationalspieler mit türkischer Lebensbiografie hatten es für angebracht gehalten, auf dem Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfs in der Türkei und kurz vor der Weltmeisterschaft sich grinsend gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Erdogan abbilden zu lassen. Beide Superstars verdienten Millionen, hätten sich Berater leisten können, welche sie vor der Wirkung eines solchen Fotos hätten warnen können und müssen. Aber es kam zu diesem Foto, und die Empörung in Deutschland war riesengroß: Wie können diese Vaterlandsverräter es wagen, ihre biografischen Wurzeln in den Dienst eines autokratischen Herrschers zu stellen, aber gleichzeitig mit ihrer deutschen Staatsangehörigkeit für Deutschland zu spielen?

Eine Entschuldigung wurde verlangt, beruhigte den rassistisch eingestellten Mob aber nicht

Die beiden Fußballhelden hießen Mesut Özil und İlkay Gündoğan. Verlangt wurde von der wütenden, von BILD, rechten Social-Media-Kanälen und der AfD aufgeheizten Öffentlichkeit zumindest eine Entschuldigung. Özil verweigerte den im Geschrei der Populisten herbeigebrüllten Kotau. Gündoğan beugte sich und formulierte die gewünschte Unterwerfung. Aber da war es schon zu spät: Als er unmittelbar danach von Bundestrainer Jogi Löw in ein WM-Vorbereitungsspiel eingewechselt wurde, gellten ohrenbetäubende Pfiffe durch das Stadion, immer wieder, bei jeder Ballberührung. Die Entschuldigung hatte nichts mehr bewirkt, der rassistische Mob war nicht mehr zu beruhigen.

Hier soll die Fußballgeschichte um Özil und Gündoğan für diesen Text enden. Sie ist als Beispiel für die komplizierte Lebenswirklichkeit der türkischstämmigen Deutschen ganz herausragend in einer ZDF-Dokumentation derzeit zu besichtigen. Die schmerzhaften Pfiffe gegen den reuigen Gündoğan sind dort zu erleben, und auch die gnadenlose Wucht dumpfer Gefühle. Wenn dieser Zustand erst erreicht ist, dann lässt sich Vox populi auch durch Beseitigung angeblicher Ursachen und Auslöser nicht mehr beruhigen.

„Die Politik muss endlich beginnen, die Probleme zu lösen.“ Echt jetzt?

Damit zur Unzufriedenheit mit der Regierung. Eine der beliebtesten Politik-Floskeln unserer Tage lautet so: Man müsse nun endlich mal die Probleme lösen, welche die Menschen umtreiben. „Die Politik“ müsse jetzt mal wirklich anpacken, damit die Menschen „draußen im Lande“ endlich spüren, dass sich etwas „zu ihren Gunsten“ tut.

Und auch viele der so Angesprochenen stimmen ein in den bequemen Chor: „Die da“ in Berlin oder in der jeweiligen Landeshauptstadt, die hätten ja keine Ahnung von den „Problemen vor Ort“, täten „nichts“ für die Menschen, die dann mit allem Unbill unserer Zeit zu leben hätten: Mit den steigenden Benzinpreisen, mit der unpünktlichen Bahn, mit zu wenig Wohnungen (in den Städten), verödenden Dörfern und geschlossenen Läden (auf dem Land), mit kriminellen Ausländern (auch wenn niemand konkret einen davon kennt) und kleinen Renten im Alter. Und auch die Apotheke vor Ort schließt, wie schon vorher die Post und die Bankfiliale. Die Gastwirtschaft im Dorf ist schon lange zu.

Das soll die Politik jetzt endlich mal anpacken. Und ändern.

Dann – so wird häufig hinzugefügt -, dann, wenn man diese Probleme mal endlich wirklich lösen würde, dann würde auch der Zulauf zu den radikalen, populistischen Parteien zurückgehen. Dann gäbe es keinen Grund mehr für den ganzen Ärger, der die Menschen zur AfD treibe.

Es ist bequemer, sich zu beklagen als zuzuhören

Diese ganze Erwartung ist ein einziger großer Denkfehler. Nicht nur deshalb, weil es keine Gleichartigkeit von Beschwernissen „bei den ganz normalen Leuten, die täglich früh aufstehen und hart arbeiten“ (Lars Klingbeil) gibt. Die Lebenswelten der Menschen sind so unterschiedlich wie ihre Biografien: Wer kein oder selten Auto fährt, stört sich nicht an den Benzinpreisen, ärgert sich aber täglich über die Bahn – und umgekehrt. Die Millionen Menschen auf dem Land bekommen das Problem der Wohnungsnot in den Städten allenfalls dann mit, wenn die eigenen Kinder eine Studienbude suchen. Wer selbst jeden Tag auf den Päckchenboten wartet, um das eben Bestellte in Empfang zu nehmen, sollte sich schon deshalb nicht über geschlossene Traditionsgeschäfte beklagen. Und die Dorfkneipe ist zu, weil immer weniger Menschen dort hingegangen sind.

Sondern auch: Weil es viel bequemer ist, sich zu beklagen, als zur Kenntnis zu nehmen, dass es kompliziert ist, die Dinge schnell zu ändern.

Gewiss ist nicht alles in bester Ordnung in Deutschland. Steigende Lebensmittelpreise infolge der Kriege (die allerdings allesamt nicht „die Politik“ in Deutschland vom Zaun gebrochen hat) belasten vor allem Geringverdiener. Von kaputten und versifften Schulklos berichten fast alle Kinder. Lange Wartezeiten auf einen Arzttermin oder weite Wege zu einer Apotheke machen auch Gesunden Sorgen, denn schon morgen könnte man zu den Betroffenen zählen.

Allerdings ist es auch nicht so, dass niemand damit beschäftigt wäre, Verbesserungen zu erreichen. Es ist böswillig, dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Wer fordert, „die Politik“ solle jetzt „endlich mal“ „die Probleme der Menschen lösen“, beleidigt Hunderttausende Verantwortung Tragende, Staatsbedienstete, Politiker/innen. Und formuliert gleichzeitig einen unrealistischen und simplifizierenden Anspruch.  Auch im Deutschlandtrend rufen jetzt alle nach „Reformen“, aber wenn sie kommen, wird die Empörung Betroffener über Veränderungen und Belastungen groß sein.

Die Dinge sind kompliziert, und Änderungen gehen nicht von heute auf morgen

Und häufig ist es gar nicht „die Politik“, die ein Problem kurzfristig lösen könnte. Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, haben vor allem die Vorstandsbosse versagt, und nicht die Politik. Die Sanierung der Infrastruktur wurde Jahrzehnte lang politisch versäumt – aber dies jetzt aufzuholen, dauert Jahre. Der Staat kann hier bessere Voraussetzungen schaffen, Anreize setzen, Bürokratie abbauen – aber es wird in jedem dieser Schritte Betroffene geben, die sich beklagen. Und es geht nicht von heute auf morgen. Derzeit gibt es kaum genügend Baufirmen, welche die Aufträge ausführen könnten, um beispielsweise die maroden Gleise der Bahn zu sanieren.

Populisten gewinnen Wählerstimmen nicht deshalb, weil es Probleme gäbe, die man kurzfristig lösen könnte. Sondern weil sie wider besseren Wissens Erwartungen an Politik schüren, die nicht realistisch sind. Der Mob will pfeifen, nicht zuhören. Und im Stimmenkampf tappen die Mitte-Parteien in die Falle: sie versprechen „spürbare Veränderungen“, und wecken damit Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Aus der Enttäuschung darüber komponieren die Rattenfänger ihre Flötentöne. Friedrich Merz und seine Regierung erleben genau das zurzeit.

Die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft sind zu komplex, um „gelöst“ zu werden. Viel mehr geht es um Kommunikation, Erklärung und professionelles Management der praktischen Prozesse. Wenn sich ein Fünftel der Deutschen im Westen (und noch viel mehr im Osten) dieser Komplexität verweigern, dann handeln sie wie der pfeifende Mob im Stadion – hier zählen keine Fakten.

Viel wichtiger wäre, der großen Mehrheit, die nicht schreit, die bereit ist zum Zuhören, die offen ist für die Komplexität der Herausforderungen, eine Gewissheit darüber zu vermitteln, dass im Rahmen der Möglichkeiten professionell gearbeitet wird. Daran allerdings mangelt es tatsächlich oft in Deutschland.

 

 

Im Text finden Sie Links zum Deutschlandtrend der ARD und zur herausragenden ZDF-Dokumentation (3 Teile) über den Fußballer Mesut Özil, die mehr über Deutschland erzählt als über Fußball. 

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´s Hemd schwitzt ned vo alloi, sagt Cem

Die schwäbische Hausfrau spricht migrantisch

Was ist das Wesen des Schwäbischen im Wandel der Zeit? Gewiss nicht mehr die Kehrwoche, die auf eine solche Frage allen Nichtschwaben einfällt. In den allermeisten schwäbischen Hausgemeinschaften wird sie längst von Dienstleistern ausgeführt, an deren migrantisch geprägter Lebensbiografie keine Zweifel bestehen. Auch die den Schwaben zugeschriebene Sparsamkeit kann nicht herangezogen werden, da sie bei genauer Betrachtung nichts anderes ist als eine sympathische Kombination aus Rechtschaffenheit und Demut, und die – so verstanden – erfreulicherweise überall auf der Welt aufzufinden ist. Und auch nicht das Auto ist geeignet zur Wesensbeschreibung des Schwäbischen, das dort zwar auf höchstem Niveau entwickelt und zusammengeschraubt wird – aber weniger für den heimischen Markt als für Scheichs und Protzmillionäre überall auf dieser Welt. Der Schwabe fährt genauso gern einen Volkswagen oder einen Toyota oder Kia, oder verzichtet ganz auf das Auto. Jedenfalls ist die PKW-Dichte im oft beschriebenen „Autoland“ Baden-Württemberg niedriger als in anderen Flächenstaaten.

Was also ist das Wesen des Schwäbischen?

Was also ist das Wesen des Schwäbischen? Es ist eine pragmatische Sicht auf die Dinge. Genauso könnte es auch Angela Merkel gemeint haben, als sie im Jahr 2008 auf dem damaligen Stuttgarter Bundesparteitag der CDU die Null-Neuverschuldung als Traditionslinie zur „schwäbischen Hausfrau“ beschrieb: „Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben“. Missverstanden wurde sie schon damals, denn gewiss ist die schwäbische Hausfrau schon immer intelligent genug gewesen, um zu begreifen, dass man für realistische Ziele durchaus Schulden machen kann und muss (z.B. für´s „Häusle“).  Schwäbisch heißt: unideologisch, pragmatisch und tolerant darauf zu blicken, was man sich leisten kann, was ein anständiges Fortkommen in die nächsten Jahre verspricht. Dabei hat der Schwabe durchaus ein wenig selbstverliebt die eigene Existenzsicherung im Blick, aber doch mit der Maßgabe, nicht anderen zu schaden. Mit Fleiß und Beharrlichkeit will er vorankommen, nicht mit Glück und Gewalt: „´s Hemd schwitzt ned vo alloi“ – sagt der anatolisch-stämmige, eingeborene Super-Schwabe Cem Özdemir gerne und drückt damit alles aus, wie sich die heimische Arbeitsmoral gerne selbst sieht.

Sashi oder Cem? Seit dem Beginn der Arbeitsmigration vor 70 Jahren durchzieht der tolerante Umgang mit dem Fremden die schwäbische Seele – unaufgeregt und alltäglich. Eine Straßenszene aus dem Wahlkampf zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg (gesehen in Stuttgart).

Seit fünfzehn Jahren regiert Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann als exotischer grüner Sonderfall dieses in seiner Grundstruktur eher konservative Bundesland. Der Machterwerb im Jahr 2011 mag ein aus grüner Sicht „glücklicher“ Zufall gewesen sein (Fukushima, Stuttgart 21, ein unpopulärer Gegenkandidat). Aber dass Kretschmann danach zweimal mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt wurde, das lag daran, dass die schwäbischen Hausfrauen und -männer ihm genau das abnahmen, was er versprach: für ein anständiges Fortkommen zu sorgen, fleißig, beharrlich, rechtschaffen, uneitel.

Özdemir verkörpert die schwäbische Seele der Neuzeit

Nun macht sich Cem Özdemir auf den Weg, sein Erbe anzutreten. Ob es ihm gelingt, wird sich am 8. März bei der Landtagswahl zeigen. Aber selbst seine politischen Gegner werden ihm nicht absprechen, dass Cem Özdemir genau das verkörpert, was in der schwäbischen Seele der Neuzeit steckt. Nicht nur in Berlin, auch in den Städten von Baden und Württemberg wird das vieldiskutierte Stadtbild geprägt vom migrantisches Milieu. Seit mehreren Generationen leben Menschen mit anderen Hautfarben als weiß mittendrin im Topos der schwäbischen Hausfrau, haben andere Gewohnheiten und Prägungen, folgen anderen Religionen als der christlichen. Die Schwaben sind dadurch etwas weniger schwäbisch geworden (siehe Kehrwoche). Die Zugewanderten und ihre Kinder und Kindeskinder haben sich in den allermeisten Fällen im Gegenzug schwäbischen Pragmatismus und Fleiß angeeignet, bauen sich auch ein Haus, besiedeln grillbewaffnet die Parks und Kleingartenanlagen und reihen sich ein in die Sportvereine, in deren Mannschaften sie inzwischen oft die Mehrheit bilden.

Kein Bullerbü zwischen Neckar und Bodensee

Die schwäbische Hausfrau spricht längst migrantisch, vielleicht weniger Dialekt, dafür meist besser Deutsch als die meisten Deutschen, wenn sie sich mit den Sprachen ihrer Urlaubsländer am Mittelmeer abmühen. Die längst erwachsenen Kinder der Migration „schaffen“ am Band, halten die Wirtschaft am Laufen, ertüfteln die neueste KI „beim Bosch“, retten das Gesundheitssystem und die Pflege. Schwäbische Hausfrauen neuen Typs bereichern zusammen mit ihren Männern die einheimische Speisekarte seit Jahrzehnten mit Pizza, Gyros und Döner und zahllosen weiteren Leckereien. Ganz nebenbei versorgt die Schwäbin mit fremdartigem Namen auch noch den alten einsamen Mann mit breitem württembergischen Idiom im Stockwerk drunter mit warmem Essen. Und der lässt es sich gerne bringen. Die Migration durchwirkt den schwäbischen Alltag genauso wie das Politische. Die Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg hat eine Herkunft im kurdischen Teil der Türkei; ein junger Mann, dessen Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland kamen, kandidiert aussichtsreich für den Landtag. Und „der Cem“ will Ministerpräsident werden. Wo ist der Aufreger? Es gibt ihn nicht, und das ist die Nachricht.

Dabei ist es kein Bullerbü zwischen Neckar und Bodensee. Auch die schwäbische Seele brodelt und rumort im Kochtopf der internationalen Krisen, und ihr migrantischer Anteil brodelt kräftig mit. Wie schon immer wabern Ängste und Verunsicherungen durch das Land, und auch im Schwäbischen und Badischen gibt es nicht zu wenige Rattenfänger, die daraus ein nationalistisches Giftsüppchen zusammenbrauen wollen.

Das „Gastarbeiter“-Kind Cem Özdemir wäre nach seiner eigenen Biografie als integrierter und integrierender Musterschwabe mit türkischen Wurzeln eine gute Wahl für dieses Land. Sie wäre nach siebzig Jahren Arbeitsmigration so fällig, wie die logisch. Und viele Schwaben spüren das. Kann schon sein, dass die Wählenden das am Ende mehrheitlich anders sehen. An der Wandlung der schwäbischen Seele wird das nichts verändern. „´s Hemd schwitzt ned vo alloi“, wird der dann  Gewählte sagen und sich an die Arbeit machen.

 

Wer mehr wissen möchte über die Biografie von Cem Özdemir, dem empfehle ich das ausführliche Interview im ZEIT-Podcast „Alles gesagt“. 

Der Autor dieser Zeilen ist Mitglied von B90/Grüne.

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Das Essay „Der Winterdemokrat“ schildert Erfahrungen aus dem Wahlkampf – damals zur Bundestagswahl im Februar 2025.