Vor wenigen Tagen bei der Fußball-Weltmeisterschaft rückte jenes Ereignis wieder ins öffentliche Bewusstsein, das meine ersten persönlichen Zweifel an der Tragfähigkeit von Pazifismus in der Weltpolitik markiert. „Las Malvinas son Argentinas“ stand da auf einem Transparent, das argentinische Fußballer im Spiel gegen England in die Kameras hielten. Um was es da geht, wird noch erklärt werden – für alle, die es vergessen oder nicht erlebt haben.
Andreas Vogt war mehr als dreißig Jahre in verschiedenen Funktionen bei der Techniker Krankenkasse (TK) tätig, zuletzt von 1999 bis 2021 als Leiter der Landesvertretung Baden-Württemberg. Er gestaltet – zusammen mit seiner Frau Ute Vogt – die Website vogtpost.de als Forum für Politik und Kultur. Andreas Vogt engagiert sich politisch für die Partei Bündnis 90/Grüne. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay)
Vorher aber ein paar Erinnerungen an meine Kriegsdienstverweigerung im Jahr 1976. Vollkommen absurd kam mir schon damals die Situation einer „Gewissensprüfung“ vor: Graue alte Männer, vermutlich mit eigener Kriegsvergangenheit, hielten Gericht über meine Gesinnung. Meine Eltern wurden gebeten, zu meiner Verweigerung Stellung zu nehmen. Und schließlich war für mich ein Gespräch entscheidend, das ich zur Vorbereitung meiner „Gewissensprüfung“ mit einem Berater der Deutschen Friedensgesellschaft führte.
Graue alte Männer saßen zu Gericht über mein Gewissen
„Wenn sie Dich fragen“, so sein Rat, „was Du machst, wenn eine Räuberbande Deine Freundin überfällt, dann sag bloß nicht: Ich lasse es geschehen.“ Ein solcher Radikalpazifismus galt als unglaubwürdig. Man habe sich, so die Unterstellung, dann nicht wirklich mit einer eigenen Haltung zur Gewalt auseinandergesetzt. Vielmehr sollte ich den Gewissenskonflikt einräumen, also das Dilemma aus Gewaltverzicht und Nothilfe schildern. Es sei schließlich kein Widerspruch zur gewissensgetriebenen Friedfertigkeit im Kriegsfall, wenn man der bedrohten Freundin rettend beispringe.
Auch dank dieser Beratung konnte ich schließlich die alten grauen Männer von meiner Gewissensentscheidung gegen den Kriegsdienst überzeugen. Würde ich auch heute noch den Kriegsdienst verweigern? Ich habe darauf keine schnelle Antwort. Ganz sicher aber werde ich das Recht zur Verweigerung verteidigen. Und ich verstehe alle heute 20-Jährigen, die es nutzen. Und gleichzeitig bin ich jeder und jedem 20-jährigen dankbar, die oder der bereit ist, unsere Werteordnung, unsere Demokratie, meine Freiheit, auch mit der Waffe zu verteidigen.
Warum? Weil sich die Notwehr-Situation mit der Freundin und den Räubern eben auch auf die heutige, reale Weltlage übertragen lässt. In meiner damals deutschen Sicht auf den „Kalten Krieg“ gab es nur zwei Weltmächte, die sich durch gegenseitige Hochrüstung bedrohten. Mir erschien es sehr einfach, das zu beenden. Es müssten sich eben nur auf beiden Seiten genügend Menschen finden, die ihr Gewissen dazu befragen, ob sie ein Teil dieser gegenseitigen Bedrohung sein wollen. „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ (ein Zitat des amerikanischen Publizisten Carl Sandburg, das fälschlicherweise oft Bertold Brecht zugeschrieben wird) – das erschien mir damals unfassbar einfach und richtig.
In der Welt von damals leben wir heute nicht mehr
In dieser Welt von damals leben wir heute nicht mehr. Nicht in Deutschland und auch nicht anderswo. Das führt zurück zur Inselgruppe der Malvinas – oder der Falkland-Inseln, wie sie in Großbritannien genannt werden. Mein gerade in der Gewissensprüfung attestiertes, pazifistisches Weltbild bekam im sogenannten „Falkland“-Krieg deutliche Risse. Auch wenn der britische Besitz dieser Inseln vor Argentinien Teil kolonialen Unrechts sein mag – als die argentinische Militärjunta 1982 die gewaltsame Inbesitznahme der Inseln befahl, wurde dort niemand unterdrückt, die Menschen dort wollten (und wollen bis heute) Briten sein, und keine Bedrohung ging von dort aus. Es war brutales, gewaltsames Unrecht, dort einzufallen und die Inseln zu besetzen. Und es war nach meiner Überzeugung auch moralisch zulässig, dass sich Großbritannien mit militärischen Mitteln gegen diesen Raub wehrte.
So sehe ich heute auch den Überfall Russlands auf die Ukraine: Niemand dort hat Russland bedroht, die Menschen in der Ukraine wollen in ihrer großen Mehrheit nicht von Russland beherrscht werden – und nichts, einfach gar nichts, rechtfertigt Bombenangriffe auf Wohnhäuser und Umspannwerke. Es ist also absolut legitim, wenn sich die Menschen in der Ukraine dagegen wehren, auch mit Gewalt. Die Sicherheitslage in ganz Europa hat sich durch diesen Angriff verschoben – mit den bekannten Auswirkungen auch auf uns.
Mehr Rüstung ist allenfalls ein notwendiges Übel
Ich bin also kein Pazifist mehr. Aber ich bleibe skeptisch, wenn sich die deutsche Gesellschaft nach meinem Eindruck viel zu bedenkenlos immer stärker militarisiert. Und deshalb brauchen wir gerade jetzt im gesellschaftlichen Diskurs Menschen, die lautstark daran erinnern: Mehr Rüstung ist auch in diesen Zeiten allenfalls ein notwendiges Übel, aber kein willkommener Wachstumsmotor. Atomwaffen-bestückte Langstreckenraketen sind kein Spielzeug, sondern millionenfach todbringende Werkzeuge der Apokalypse. KI-gesteuerte Drohnen sind kein Videogame. Und Diplomatie war nie wichtiger als jetzt.
Vor fast 60 Jahren bei der Musterung gab ich als Verwendungswunsch „Fallschirmspringer“ an. Als mäßig begabter, aber eisenharter Verteidiger beim TSV Oberbrüden erhoffte ich eine sportliche Weiterentwicklung. Meinem Vereinsvorstand gefiel dies: „Dem Gammler mit seinen langen Haaren werden dort die Flausen ausgetrieben“. Es kam anders. Während meiner Ausbildung für den „gehobenen, nichttechnischen, württembergischen Verwaltungsdienst“ überredete mich ein Kollege zu einer mehrwöchigen Reise nach Israel. Wir arbeiteten im Kibbuz Bror Chail, nahe des Gazastreifens. Dort erlebte ich zweierlei: tolle jüdische Menschen, die nach fürchterlichen Erlebnissen in der Nazizeit gemeinsam einen friedlichen Neuanfang versuchten. Bei geführten Ausflügen in ein riesiges Lager für palästinensische Menschen, in das West-Jordanland, nach Jerusalem und auf die Golanhöhen wurden wir aber auch konfrontiert mit rassistischen Äußerungen gegen Palästinenserinnen und Palästinensern.
Hubert Seiter war von 1996 bis 2016 Geschäftsführer der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagierte er sich in zahlreichen Institutionen, unter anderem im Krebsverband Baden-Württemberg, in zahlreichen Patienten- und Behindertenorganisationen und als alternierender Vorsitzender im Verwaltungsrat des Medizinischen Dienstes (MD) Baden-Württemberg. Seiter ist passionierter Radfahrer und lebt in Bietigheim-Bissingen. (Foto: Marina Shatskih via Pixabay, Foto Seiter: Staatsministerium Baden-Württemberg)
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kritisierte unseren Reiseführer: „Warum sprechen Sie so abwertend, ja verachtend über diese Menschen? Wie passt das zu jüdischen Menschen, denen wenige Jahre zuvor durch meine Vorfahren so unglaublich viel Leid zugefügt wurde?“ Er verbat sich meine Einschätzung.
Nach einem Besuch in Israel geriet mein Weltblild ins Wanken
Wieder zu Hause spürte ich, wie dieses Erlebnis mein Weltbild ins Wanken gebracht hat: Ich legte mich mit meinem Vereinsvorstand an, der in Stalingrad leider sein Bein, nicht jedoch seine braune Gesinnung verloren hat. Meine Einschätzung der Großdemonstrationen gegen den Vietnamkrieg wurde eine andere. Mir wurden die fürchterlichen Verletzungen der Napalm-Opfer und die grausige, oft verlogene Kriegspropaganda bewusst. Der Krieg war kein „Spiel“, das war bewusstes Töten unschuldiger, wehrloser Menschen!
Auch wenn es dem Landrat nicht recht war, zusammen mit zwei anderen Beamtenanwärtern verweigerten wir den Wehrdienst. Nach einer 5-stündigen „Gewissenserforschung“ wurde ich anerkannt. Meine zwei Mitstreiter nicht, bzw. erst im 2. Anlauf. Einer verweigerte „beim Bund“ bis zu seiner Anerkennung den „angeordneten Dienst mit der Waffe“. Der Staat reagierte ebenso „konsequent“: mit Arrest.
Meine Zeit als Zivildienstleistender war ein Gewinn für die Bundesrepublik und für mich: als gut ausgebildeter Verwaltungsbeamter war ich vielseitig und kostengünstig einsatzbar. Vor dem richtigen Einstieg in eine durchreglementierte Beamtenlaufbahn lernte ich die unbürokratischen Freiräume zu schätzen, die mir mein „Zivildienst“ ermöglichte – auch ein Grund dafür, wenig später das sichere Beamtenverhältnis zu verlassen und einen Neustart zu wagen.
Und heute, fast 60 Jahre später?
Und heute, fast 60 Jahre später? Der Krieg in Vietnam war damals so grausam, menschenverachtend und völkerrechtswidrig wie heute der Krieg von Russland gegen die Ukraine. Ebenso die vielen Kriege, die seither weltweit mit immer „moderneren“ Tötungsgeräten geführt wurden und werden.
Die derzeit ausschließlich (!) waffen- und rüstungsorientierte Entscheidung/Handlungen in Ost und West machen mir Angst. Sie sind auch nicht alternativlos! Ein Beispiel: Dänemark hat unmittelbar nach Hitlers Angriff kapituliert, sich aber nicht aufgegeben. Die Folge: Dänemark hat vergleichsweise wenige Kriegstote zu beklagen, viele davon waren Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. Dänemark wurde durch diese Kapitulation keineswegs politisch bedeutungslos. Dänemark ist heute eine starke Demokratie! Es trotzt nicht nur Präsident Trump, und die extremistischen Kräfte sind in Dänemark relativ bedeutungslos.
Gibt es eine Chance, das tausendfache Sterben zu beenden?
Russland und die Sowjetunion haben durch die Angriffskriege von Napoleon und Deutschland Millionen Tote auf den Schlachtfeldern zu beklagen. Das historische Wissen um diese Tatsache macht es Putin immer noch leicht, trotz großer Verluste derzeit den Krieg in der Ukraine zu führen, um angebliche Feinde auf Distanz zu halten. Gibt es eine Chance, in dieser historisch belasteten Situation das tausendfache Sterben auf beiden Seiten zu beenden?
Mehr denn je gefordert ist deshalb eine verantwortungsbewusste Diplomatie! Aktivitäten von seriösen Politikern – zuletzt einige (unbedeutenden) Repräsentanten der CDU und der SPD – zur „Auslotung“ von kriegsbeendenden Maßnahmen sollten deshalb nicht reflexartig verdammt werden. Vielmehr sollten wir uns richtig darüber aufregen, dass weltweit die unbegrenzte, Billionen schwere Aufrüstung auf Pump als alternativlos „vermarktet“ wird. Die damit einhergehende Verschuldung nachfolgender Generationen wird Konsequenzen haben: dauerhafte Verarmung vieler und unermesslicher Reichtum derer, die vom Rüstungsboom profitieren. Unsere Kinder und Enkel spüren, dass die „Argumentation“ – leider auch in der sogenannten Qualitätspresse – nicht durchgehend stimmig, oft widersprüchlich ist. In ihrer Ohnmacht oder aus Trotz wählen die Jungen zunehmend rechts, ein Debakel für die Zukunft unsere Demokratie!
Ein konkreter Vorschlag, falls es zu neuer Wehrpflicht kommt
Ich mache einen konkreten Vorschlag: Käme es im Rahmen einer Reaktivierung der Wehrpflicht zu einer erneuten „Gewissensprüfung“, dann würde ich auch heute der schon damals dümmlichen Notwehrsituation widersprechen. Ich würde – sicher erneut gegen den Ratschlag von „Verweigerungsexperten“ – nicht nur moralisch, sondern auch (rechts)politisch argumentieren: alle Kriegsverbrechen sind unverjährbar, alle Kriegsverbrecher sind anzuklagen/zu verurteilen. Wahrscheinlich wäre diese „politische“ Argumentation für die Bewertung der individuellen Gewissensentscheidung – wie damals – völlig unbeachtlich.
Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Schulfachs „Friedensarbeit“ als „Laienrichterinnen“ an solchen Verhandlungen über das Gewissen teilnehmen müssten, stimmberechtigt!? Ein Versuch wäre es wert. So könnten unsere Kinder und Enkel Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen!
Beim Schwimmen drängen sich die originellsten Gedanken ins Bewusstsein. Einer davon: Die einen baden hier zum Vergnügen, andere ertrinken im Mittelmeer. Foto: lizenzfrei von Ben_Kerckx via pixabay
Abseitige Gedanken eines Schwimmers
So ein Bädle ist eine entspannte Sache, wenn es heiß ist. Sie fragen sich, was ein Bädle ist? Ein kleines Schwimmbad. Ein Sommerfreibad mit nur zwei Becken; eines für Schwimmer und eines für solche, die es werden wollen. Ein Kinderplanschbecken. Eine Liegewiese. Pommes oder Gyros gibt´s beim Griechen, der das Bistro betreibt. Fertig. Kein Schnickschnack, kein Strömungskanal, keine Wasserrutsche.
Sie fragen sich vermutlich schon nicht mehr, wo es so ein Bädle gibt. Die Verniedlichung verrät das südwestdeutsche Idiom. Wir schwimmen in Stuttgart, im Norden der Metropole, ein von der Industrie geprägter Vorort der Großstadt. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Viele davon trifft man auch im Bädle.
Lust auf eine Abkühlung?
Dann kommen Sie doch bitte herein ins Schwimmerbecken, ein paar Bahnen ziehen. Vorher duschen! Den schaurig schönen Kälteschock genießen, losschwimmen. Heute ist es hier ganz entspannt, aber am Wochenende wird es voll im Bädle. Und wenn man mit den Schwimmmeistern spricht, erzählen sie davon, dass es manchmal Ärger gibt. Zu heiß, zu viele Leute, zu wenig Platz. Auch Leute, die sich daneben benehmen. Dann muss man halt eingreifen.
Aber noch nie hat man was von ernsthaften Problemen gehört im Bädle. Keine tödlichen Badeunfälle. Niemand ertrunken. Niemand ertrunken – war da nicht was?
Nicht schlappmachen! Weiterschwimmen!
Wenn es Ihnen zu langweilig ist, schauen Sie sich mal die Plakate links und rechts an. Das Bädle ist ein öffentliches Freibad, aber nicht von der Kommune getragen. Ein Sportverein ist Hausherr im Bädle. Ehrenamtliche leiten den Vorstand, kümmern sich um Anträge und die Einhaltung der Gesetze, stellen das Personal ein, das für Ordnung sorgt. Freiwillige Helfer decken abends die Becken ab, damit das Wasser nachts nicht so auskühlt und man Energie sparen kann.
Eine Bahn mehr, kurzer Stopp am Beckenrand, und dann zurückschwimmen!
Also, was hängen denn da für Plakate? Werbung ist das; der Sportverein ist auf alle Einnahmen angewiesen. Ein örtlicher Heizungsbauer und ein Autohaus preisen sich da, auch die letzte Bank, die noch eine mit Menschen besetzte Filiale hat im Stadtteil. Und ein Immobilienmakler. Wer im Bädle schwimmt, kann über Hauskauf oder –verkauf nachdenken, renoviert auch mal sein eigenes Bad, kauft sich ein neues Auto. Hat Geld auf der Bank. Vielleicht nicht viel, aber genug, dass sich die Bank die Werbung leistet.
Noch eine Bahn?
Klar! Aber aufpassen auf die langsam rückwärts schwimmende Rentnerin! Rücksicht ist angesagt im Bädle. Hier sind die „normalen“ Leute versammelt, von denen manche Politiker so gerne reden. Ist das ein Luxus-Millionär, der da auf der Bahn hurtig entgegengeschwommen kommt? Nein, Unsinn, nur ein sportlich ambitionierter Freizeit-Kampfschwimmer. Braucht immer eine Bahn für sich, müssen die anderen halt ausweichen. Das sind Menschen mit normalem schwäbischem Wohlstand, egal wo sie geboren wurden. Fleißige Leute in ihrer Freizeit schwimmen hier, oder Rentner, die mal fleißig gewesen sind. Wer wollte irgendwem auf der Welt verübeln, wenn sie oder er auch so leben will, auch mit so einem Bädle?
Wunderbar erfrischend, das Wasser!
So friedlich plätschert es herum im rechteckigen Becken! Selbst bei ruhiger See sind die Wellen im Mittelmeer bestimmt fünfmal so hoch wie das Kräuseln hier im Bädle. Und das Meer ist tausendmal so tief wie hier, wo wir noch stehen können.
Komischer Gedanke. Wie kommt man denn auf sowas? Gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dem Bädle und den Bedauernswerten, die sich durch die öden Wüsten Afrikas bis zum Mittelmeer durchkämpfen, um dann Gefahr zu laufen, in seinen Fluten zu ertrinken.
Noch eine Bahn? Oder lieber raus und die Sonne genießen? Im Schatten lagern bei der Hitze? Ja klar, im Bädle gibt’s auf der Liegewiese alles, was man haben möchte: Pralle Sonne für die Bräunungsfanatiker, oder guter Schatten unter dichten Bäumen. Die Leute in den Wüsten und auf so einem Schrottkahn im Mittelmeer, die haben übrigens keine solche Wahl. Entschuldigung, schon wieder so ein abseitiger Gedanke.
Also in den Schatten. Sie haben eine Decke dabei? Gut so.
Ein Windhauch. Wunderbar kühl auf der noch nassen Haut, nicht wahr? So ein friedlicher Ort, dieses Bädle.
Wir haben doch eigentlich Platz hier, oder? Überall brauchen wir Leute, in der Gastronomie, bei den Lieferdiensten, auch bei den ganzen modernen KI-Zentren, damit wir die Arbeit erledigt bekommen.
Das stimmt einerseits, sagen Sie. Aber andererseits sind die Zeiten sind nicht mehr so rosig. Gleich um die Ecke ist die Porsche-Fabrik, und die baut Stellen ab. Und der Daimler auch. Wo sollen die Leute alle arbeiten, wenn sie nicht beim Schwimmen sind? Der reichen Stadt Stuttgart brechen die Steuereinnahmen weg, und deshalb muss sogar das Bädle um seine Finanzierung kämpfen.
Alles richtig. Aber haben diese Probleme irgendwas mit den armen Leuten zu tun, die im Mittelmeer ertrinken? Fast zweitausend waren es im Jahr 2025. Also mal ganz ehrlich, die hätten doch hier im Bädle auch noch Platz gefunden?
Jetzt reicht´s Ihnen, sagen Sie? Schluss mit Politik auf der Liegewiese?
Ist ja gut. Ich meine ja nur, weil – weil doch hier im Bädle noch niemand ertrunken ist. Wäre uns ja auch nicht egal, oder?
Die Existenz des „Bädle“ ist derzeit bedroht wegen Haushaltseinsparungen der Stadt Stuttgart. Wer helfen will, kann das hier tun: https://www.gofundme.com/f/rette-das-badle
Der Text ist eine aktualisierte Fassung der ersten Version aus dem Jahr 2023.
„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.
„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.
Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?
Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).
Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.
Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum; Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.
Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren
Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.
Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.
„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron
Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten
Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.
Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.
Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.
Warum falsche Erwartungen in Politik nur Populisten helfen
Nur noch fünfzehn Prozent der bundesdeutschen Wahlbevölkerung sei zufrieden mit der aktuellen Regierung, hat der ARD-Deutschlandtrend in diesen Tagen gemessen. „So unzufrieden mit Schwarz-Rot wie noch nie“, titelt dazu die Pressemitteilung. Nun kann man aus vielen guten Gründen Kritik an der Regierung haben. Auch ganz ohne Parteipräferenz könnte man darüber grübeln, was diese Regierung eigentlich real anders machen müsste, um ihren Zufriedenheitswert zu steigern. Ja, was genau also?
Dazu eine Fußballgeschichte aus dem Jahr 2018: Zwei deutsche Fußball-Nationalspieler mit türkischer Lebensbiografie hatten es für angebracht gehalten, auf dem Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfs in der Türkei und kurz vor der Weltmeisterschaft sich grinsend gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Erdogan abbilden zu lassen. Beide Superstars verdienten Millionen, hätten sich Berater leisten können, welche sie vor der Wirkung eines solchen Fotos hätten warnen können und müssen. Aber es kam zu diesem Foto, und die Empörung in Deutschland war riesengroß: Wie können diese Vaterlandsverräter es wagen, ihre biografischen Wurzeln in den Dienst eines autokratischen Herrschers zu stellen, aber gleichzeitig mit ihrer deutschen Staatsangehörigkeit für Deutschland zu spielen?
Eine Entschuldigung wurde verlangt, beruhigte den rassistisch eingestellten Mob aber nicht
Die beiden Fußballhelden hießen Mesut Özil und İlkay Gündoğan. Verlangt wurde von der wütenden, von BILD, rechten Social-Media-Kanälen und der AfD aufgeheizten Öffentlichkeit zumindest eine Entschuldigung. Özil verweigerte den im Geschrei der Populisten herbeigebrüllten Kotau. Gündoğan beugte sich und formulierte die gewünschte Unterwerfung. Aber da war es schon zu spät: Als er unmittelbar danach von Bundestrainer Jogi Löw in ein WM-Vorbereitungsspiel eingewechselt wurde, gellten ohrenbetäubende Pfiffe durch das Stadion, immer wieder, bei jeder Ballberührung. Die Entschuldigung hatte nichts mehr bewirkt, der rassistische Mob war nicht mehr zu beruhigen.
Hier soll die Fußballgeschichte um Özil und Gündoğan für diesen Text enden. Sie ist als Beispiel für die komplizierte Lebenswirklichkeit der türkischstämmigen Deutschen ganz herausragend in einer ZDF-Dokumentation derzeit zu besichtigen. Die schmerzhaften Pfiffe gegen den reuigen Gündoğan sind dort zu erleben, und auch die gnadenlose Wucht dumpfer Gefühle. Wenn dieser Zustand erst erreicht ist, dann lässt sich Vox populi auch durch Beseitigung angeblicher Ursachen und Auslöser nicht mehr beruhigen.
„Die Politik muss endlich beginnen, die Probleme zu lösen.“ Echt jetzt?
Damit zur Unzufriedenheit mit der Regierung. Eine der beliebtesten Politik-Floskeln unserer Tage lautet so: Man müsse nun endlich mal die Probleme lösen, welche die Menschen umtreiben. „Die Politik“ müsse jetzt mal wirklich anpacken, damit die Menschen „draußen im Lande“ endlich spüren, dass sich etwas „zu ihren Gunsten“ tut.
Und auch viele der so Angesprochenen stimmen ein in den bequemen Chor: „Die da“ in Berlin oder in der jeweiligen Landeshauptstadt, die hätten ja keine Ahnung von den „Problemen vor Ort“, täten „nichts“ für die Menschen, die dann mit allem Unbill unserer Zeit zu leben hätten: Mit den steigenden Benzinpreisen, mit der unpünktlichen Bahn, mit zu wenig Wohnungen (in den Städten), verödenden Dörfern und geschlossenen Läden (auf dem Land), mit kriminellen Ausländern (auch wenn niemand konkret einen davon kennt) und kleinen Renten im Alter. Und auch die Apotheke vor Ort schließt, wie schon vorher die Post und die Bankfiliale. Die Gastwirtschaft im Dorf ist schon lange zu.
Das soll die Politik jetzt endlich mal anpacken. Und ändern.
Dann – so wird häufig hinzugefügt -, dann, wenn man diese Probleme mal endlich wirklich lösen würde, dann würde auch der Zulauf zu den radikalen, populistischen Parteien zurückgehen. Dann gäbe es keinen Grund mehr für den ganzen Ärger, der die Menschen zur AfD treibe.
Es ist bequemer, sich zu beklagen als zuzuhören
Diese ganze Erwartung ist ein einziger großer Denkfehler. Nicht nur deshalb, weil es keine Gleichartigkeit von Beschwernissen „bei den ganz normalen Leuten, die täglich früh aufstehen und hart arbeiten“ (Lars Klingbeil) gibt. Die Lebenswelten der Menschen sind so unterschiedlich wie ihre Biografien: Wer kein oder selten Auto fährt, stört sich nicht an den Benzinpreisen, ärgert sich aber täglich über die Bahn – und umgekehrt. Die Millionen Menschen auf dem Land bekommen das Problem der Wohnungsnot in den Städten allenfalls dann mit, wenn die eigenen Kinder eine Studienbude suchen. Wer selbst jeden Tag auf den Päckchenboten wartet, um das eben Bestellte in Empfang zu nehmen, sollte sich schon deshalb nicht über geschlossene Traditionsgeschäfte beklagen. Und die Dorfkneipe ist zu, weil immer weniger Menschen dort hingegangen sind.
Sondern auch: Weil es viel bequemer ist, sich zu beklagen, als zur Kenntnis zu nehmen, dass es kompliziert ist, die Dinge schnell zu ändern.
Gewiss ist nicht alles in bester Ordnung in Deutschland. Steigende Lebensmittelpreise infolge der Kriege (die allerdings allesamt nicht „die Politik“ in Deutschland vom Zaun gebrochen hat) belasten vor allem Geringverdiener. Von kaputten und versifften Schulklos berichten fast alle Kinder. Lange Wartezeiten auf einen Arzttermin oder weite Wege zu einer Apotheke machen auch Gesunden Sorgen, denn schon morgen könnte man zu den Betroffenen zählen.
Allerdings ist es auch nicht so, dass niemand damit beschäftigt wäre, Verbesserungen zu erreichen. Es ist böswillig, dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Wer fordert, „die Politik“ solle jetzt „endlich mal“ „die Probleme der Menschen lösen“, beleidigt Hunderttausende Verantwortung Tragende, Staatsbedienstete, Politiker/innen. Und formuliert gleichzeitig einen unrealistischen und simplifizierenden Anspruch. Auch im Deutschlandtrend rufen jetzt alle nach „Reformen“, aber wenn sie kommen, wird die Empörung Betroffener über Veränderungen und Belastungen groß sein.
Die Dinge sind kompliziert, und Änderungen gehen nicht von heute auf morgen
Und häufig ist es gar nicht „die Politik“, die ein Problem kurzfristig lösen könnte. Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, haben vor allem die Vorstandsbosse versagt, und nicht die Politik. Die Sanierung der Infrastruktur wurde Jahrzehnte lang politisch versäumt – aber dies jetzt aufzuholen, dauert Jahre. Der Staat kann hier bessere Voraussetzungen schaffen, Anreize setzen, Bürokratie abbauen – aber es wird in jedem dieser Schritte Betroffene geben, die sich beklagen. Und es geht nicht von heute auf morgen. Derzeit gibt es kaum genügend Baufirmen, welche die Aufträge ausführen könnten, um beispielsweise die maroden Gleise der Bahn zu sanieren.
Populisten gewinnen Wählerstimmen nicht deshalb, weil es Probleme gäbe, die man kurzfristig lösen könnte. Sondern weil sie wider besseren Wissens Erwartungen an Politik schüren, die nicht realistisch sind. Der Mob will pfeifen, nicht zuhören. Und im Stimmenkampf tappen die Mitte-Parteien in die Falle: sie versprechen „spürbare Veränderungen“, und wecken damit Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Aus der Enttäuschung darüber komponieren die Rattenfänger ihre Flötentöne. Friedrich Merz und seine Regierung erleben genau das zurzeit.
Die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft sind zu komplex, um „gelöst“ zu werden. Viel mehr geht es um Kommunikation, Erklärung und professionelles Management der praktischen Prozesse. Wenn sich ein Fünftel der Deutschen im Westen (und noch viel mehr im Osten) dieser Komplexität verweigern, dann handeln sie wie der pfeifende Mob im Stadion – hier zählen keine Fakten.
Viel wichtiger wäre, der großen Mehrheit, die nicht schreit, die bereit ist zum Zuhören, die offen ist für die Komplexität der Herausforderungen, eine Gewissheit darüber zu vermitteln, dass im Rahmen der Möglichkeiten professionell gearbeitet wird. Daran allerdings mangelt es tatsächlich oft in Deutschland.
Was ist das Wesen des Schwäbischen im Wandel der Zeit? Gewiss nicht mehr die Kehrwoche, die auf eine solche Frage allen Nichtschwaben einfällt. In den allermeisten schwäbischen Hausgemeinschaften wird sie längst von Dienstleistern ausgeführt, an deren migrantisch geprägter Lebensbiografie keine Zweifel bestehen. Auch die den Schwaben zugeschriebene Sparsamkeit kann nicht herangezogen werden, da sie bei genauer Betrachtung nichts anderes ist als eine sympathische Kombination aus Rechtschaffenheit und Demut, und die – so verstanden – erfreulicherweise überall auf der Welt aufzufinden ist. Und auch nicht das Auto ist geeignet zur Wesensbeschreibung des Schwäbischen, das dort zwar auf höchstem Niveau entwickelt und zusammengeschraubt wird – aber weniger für den heimischen Markt als für Scheichs und Protzmillionäre überall auf dieser Welt. Der Schwabe fährt genauso gern einen Volkswagen oder einen Toyota oder Kia, oder verzichtet ganz auf das Auto. Jedenfalls ist die PKW-Dichte im oft beschriebenen „Autoland“ Baden-Württemberg niedriger als in anderen Flächenstaaten.
Was also ist das Wesen des Schwäbischen?
Was also ist das Wesen des Schwäbischen? Es ist eine pragmatische Sicht auf die Dinge. Genauso könnte es auch Angela Merkel gemeint haben, als sie im Jahr 2008 auf dem damaligen Stuttgarter Bundesparteitag der CDU die Null-Neuverschuldung als Traditionslinie zur „schwäbischen Hausfrau“ beschrieb: „Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben“. Missverstanden wurde sie schon damals, denn gewiss ist die schwäbische Hausfrau schon immer intelligent genug gewesen, um zu begreifen, dass man für realistische Ziele durchaus Schulden machen kann und muss (z.B. für´s „Häusle“). Schwäbisch heißt: unideologisch, pragmatisch und tolerant darauf zu blicken, was man sich leisten kann, was ein anständiges Fortkommen in die nächsten Jahre verspricht. Dabei hat der Schwabe durchaus ein wenig selbstverliebt die eigene Existenzsicherung im Blick, aber doch mit der Maßgabe, nicht anderen zu schaden. Mit Fleiß und Beharrlichkeit will er vorankommen, nicht mit Glück und Gewalt: „´s Hemd schwitzt ned vo alloi“ – sagt der anatolisch-stämmige, eingeborene Super-Schwabe Cem Özdemir gerne und drückt damit alles aus, wie sich die heimische Arbeitsmoral gerne selbst sieht.
Sashi oder Cem? Seit dem Beginn der Arbeitsmigration vor 70 Jahren durchzieht der tolerante Umgang mit dem Fremden die schwäbische Seele – unaufgeregt und alltäglich. Eine Straßenszene aus dem Wahlkampf zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg (gesehen in Stuttgart).
Seit fünfzehn Jahren regiert Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann als exotischer grüner Sonderfall dieses in seiner Grundstruktur eher konservative Bundesland. Der Machterwerb im Jahr 2011 mag ein aus grüner Sicht „glücklicher“ Zufall gewesen sein (Fukushima, Stuttgart 21, ein unpopulärer Gegenkandidat). Aber dass Kretschmann danach zweimal mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt wurde, das lag daran, dass die schwäbischen Hausfrauen und -männer ihm genau das abnahmen, was er versprach: für ein anständiges Fortkommen zu sorgen, fleißig, beharrlich, rechtschaffen, uneitel.
Özdemir verkörpert die schwäbische Seele der Neuzeit
Nun macht sich Cem Özdemir auf den Weg, sein Erbe anzutreten. Ob es ihm gelingt, wird sich am 8. März bei der Landtagswahl zeigen. Aber selbst seine politischen Gegner werden ihm nicht absprechen, dass Cem Özdemir genau das verkörpert, was in der schwäbischen Seele der Neuzeit steckt. Nicht nur in Berlin, auch in den Städten von Baden und Württemberg wird das vieldiskutierte Stadtbild geprägt vom migrantisches Milieu. Seit mehreren Generationen leben Menschen mit anderen Hautfarben als weiß mittendrin im Topos der schwäbischen Hausfrau, haben andere Gewohnheiten und Prägungen, folgen anderen Religionen als der christlichen. Die Schwaben sind dadurch etwas weniger schwäbisch geworden (siehe Kehrwoche). Die Zugewanderten und ihre Kinder und Kindeskinder haben sich in den allermeisten Fällen im Gegenzug schwäbischen Pragmatismus und Fleiß angeeignet, bauen sich auch ein Haus, besiedeln grillbewaffnet die Parks und Kleingartenanlagen und reihen sich ein in die Sportvereine, in deren Mannschaften sie inzwischen oft die Mehrheit bilden.
Kein Bullerbü zwischen Neckar und Bodensee
Die schwäbische Hausfrau spricht längst migrantisch, vielleicht weniger Dialekt, dafür meist besser Deutsch als die meisten Deutschen, wenn sie sich mit den Sprachen ihrer Urlaubsländer am Mittelmeer abmühen. Die längst erwachsenen Kinder der Migration „schaffen“ am Band, halten die Wirtschaft am Laufen, ertüfteln die neueste KI „beim Bosch“, retten das Gesundheitssystem und die Pflege. Schwäbische Hausfrauen neuen Typs bereichern zusammen mit ihren Männern die einheimische Speisekarte seit Jahrzehnten mit Pizza, Gyros und Döner und zahllosen weiteren Leckereien. Ganz nebenbei versorgt die Schwäbin mit fremdartigem Namen auch noch den alten einsamen Mann mit breitem württembergischen Idiom im Stockwerk drunter mit warmem Essen. Und der lässt es sich gerne bringen. Die Migration durchwirkt den schwäbischen Alltag genauso wie das Politische. Die Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg hat eine Herkunft im kurdischen Teil der Türkei; ein junger Mann, dessen Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland kamen, kandidiert aussichtsreich für den Landtag. Und „der Cem“ will Ministerpräsident werden. Wo ist der Aufreger? Es gibt ihn nicht, und das ist die Nachricht.
Dabei ist es kein Bullerbü zwischen Neckar und Bodensee. Auch die schwäbische Seele brodelt und rumort im Kochtopf der internationalen Krisen, und ihr migrantischer Anteil brodelt kräftig mit. Wie schon immer wabern Ängste und Verunsicherungen durch das Land, und auch im Schwäbischen und Badischen gibt es nicht zu wenige Rattenfänger, die daraus ein nationalistisches Giftsüppchen zusammenbrauen wollen.
Das „Gastarbeiter“-Kind Cem Özdemir wäre nach seiner eigenen Biografie als integrierter und integrierender Musterschwabe mit türkischen Wurzeln eine gute Wahl für dieses Land. Sie wäre nach siebzig Jahren Arbeitsmigration so fällig, wie die logisch. Und viele Schwaben spüren das. Kann schon sein, dass die Wählenden das am Ende mehrheitlich anders sehen. An der Wandlung der schwäbischen Seele wird das nichts verändern. „´s Hemd schwitzt ned vo alloi“, wird der dann Gewählte sagen und sich an die Arbeit machen.
Geschichts-KI Dr. Historfreak erzählt, wie es zum dritten Weltkrieg kam
Guten Morgen, Ihr da draußen! Hier ist eure Morgenwelle, wie immer KI-gestützt, und wir schreiben Montag, den 4. Februar 2036. Da war doch was? Richtig, heute vor zehn Jahren begann der dritte Weltkrieg, Dazu später!
Erstmal ein paar lockere Meldungen: Draußen hat es sechzehn Grad plus, kein wirkliches Winterwetter, aber daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Luftqualität ist super, auf den Straßen der übliche Berufsverkehr. Gestern kam die Meldung, dass inzwischen sechzig Prozent aller Autos elektrisch angetrieben werden. Und der FC Bayern hat auch wieder gewonnen, keine Überraschung. Sechzehn Punkten Vorsprung in der Liga, das sollte reichen bis zum Sommer. Sind ja auch nur noch drei Monate bis Saisonschluss, die Fußballer müssen dieses Jahr schneller fertig werden wegen Olympia. In Moskau ab Juli. Dafür hatten sich damals auch deutsche Städte beworben, wurde nichts draus. Hatte sich mit dem Weltkrieg dann auch erledigt. Also Leute, kommt gut in die neue Arbeitswoche. Musik!
Wie er die Welt sieht: Das Bild ist echt und stammt aus dem Jahr 2025 – Europäisches Führungspersonal versammelt vor dem Schreibtisch von Donald Trump. Die Landkarte im Hintergrund dagegen ist KI-generiert in das Bild montiert. Genau dieses Fake-Foto hat Donald Trump selbst am 20. Januar 2026 auf seinem Netzwerk Truth Social gepostet. Kanada, Grönland und Venezuela gehören zu den USA.
Nun also zum Jahrestag. Heute vor zehn Jahren …
Nun also zum Jahrestag, denn wir sind ja hier auch ein Bildungsradio: Heute vor zehn Jahren brach der dritte Weltkrieg aus. Die älteren unter euch werden sich erinnern, da hatten wir schon eine Menge Angst, dass auch bei uns die Bomben fallen. Kam dann alles nicht so schlimm, jedenfalls nicht für uns. Die Wirtschaft hatte schwere Jahre, aber hat sich inzwischen halbwegs erholt, die neuen Märkte in Russland, Indien und Südamerika gleichen vieles aus, was wir wirtschaftlich in den USA verloren haben.
Hier bei mir im Studio ist unser Dr. Historfreak, die Geschichts-KI der Morgenwelle, wie immer an wichtigen Jahrestagen. Legen wir los!
Wie geht´s Dir heute, Dr. Historfreak?
Gut. Aber halte mich nicht mit solchen Befindlichkeitsfragen auf. An einem Jahrestag werde ich viel gefragt, da kann ich keine Rechnerkapazitäten für Gefühle aufbringen. Also, was willst Du wissen?
Erklär mir, wie es zum dritten Weltkrieg kam heute vor zehn Jahren.
Angefangen hat es schon vier Jahre früher, aber das war erst in der Rückschau erkennbar. Vor vierzehn Jahren hatte der russische Präsident Wladimir Putin damit begonnen, sich sein Nachbarland Ukraine einzuverleiben. Begründet hat er das mit „Sicherheitsinteressen“. Etwa ein Fünftel des Landes konnte er militärisch erobern. Die Ukrainer bekamen damals noch viel Hilfe aus Europa und Amerika, und sie zögerten so durch Widerstand den Krieg in die Länge. Und vor elf Jahren kam dann in Amerika ein kranker, alter Mann an die Macht. Donald Trump hieß der, ist schon 2027 gestorben. Heute gilt als gesichert, dass er an einer massiven narzisstischen Störung litt und niemals hätte amerikanischer Diktator werden dürfen. Dieser Trump brauchte nur ein Jahr, um den Anstoß für den dritten Weltkrieg zu geben. Das war heute vor zehn Jahren.
Ok. Es ging damals irgendwie um Grönland, oder?
Richtig. Trump wollte Grönland haben, damit Russland es nicht bekommt. Trump redete auch von „Sicherheitsinteressen“, aber die Europäer, denen Grönland gehörte, waren nicht bereit waren, es ihm zu verkaufen. Heute vor zehn Jahren hat Trump dann damit begonnen, es gewaltsam zu erobern. Genau das hatte er zwar wenige Tage vorher in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel noch ausgeschlossen, aber daran hielt er sich nicht. Militärisch war das keine große Herausforderung, zumal die amerikanischen Truppen ohnehin schon auf der Insel stationiert waren.
Und dann?
Die Europäer und die Kanadier sagten, das würden sie jetzt nicht hinnehmen. Sie eroberten militärisch tatsächlich die Hauptstadt und einen Teil von Grönland wieder zurück. Das war möglich, weil in den USA kein Mensch verstanden hatte, warum der kranke Präsident unbedingt diese eisige Insel haben wollte. Es kam nach zwei Wochen dank indischer Vermittlung zu einem Waffenstillstand zwischen USA und Europäern und Kanadiern. Der gilt bis heute und hat die Insel geteilt. Trump entzog daraufhin den Europäern die US-Unterstützung für die Ukraine.
Oje.
Ja, schlecht für die Ukraine. Die Staatsordnung in der Ukraine kollabierte nach wenigen Wochen, und im Sommer 2026 standen die russischen Soldaten in der Hauptstadt Kiew. Dort sind sie bis heute.
Und dann?
Präsident Putin stellte die Europäer vor die Wahl: Entweder sie akzeptieren, dass er den größten Teil der Ukraine behalten darf, oder er greift weitere Länder in Europa an. Es gab ja keinen atomaren Schutz mehr durch die USA. Engländer und Franzosen redeten zwar von ihren Atomwaffen, aber es war, klar, dass sie diese erstmal nicht einsetzen würden gegen Russland, um ihre eigenen schönen Hauptstädte nicht zu gefährden.
Klar. Was passierte noch?
Parallel eroberten die Chinesen Taiwan. Sie nutzten den günstigen Moment, da die ganze Welt auf den Ukraine-Grönland-Konflikt blickte. Ohne die Unterstützung der Amerikaner hatten die Taiwanesen gegen die militärische Übermacht der Chinesen keine Chance. Und Trump konnte nach seinem Grönland-Abenteuer aus innenpolitischen Gründen keinen weiteren Konflikt riskieren. China machte es noch dazu ziemlich geräuschlos. Gewaltsam wechselten sie die Führung in Taiwan aus, aber es gab kaum Zerstörungen. Das hatten sie sich bei Trump abgeschaut, der zuvor auf gleiche Weise Venezuela auf Kurs gebracht hatte.
Ein unblutiger Krieg also?
Nun, etwa eintausend Tote gab es schon in Taiwan. Ich würde also nicht von unblutig sprechen. Aber im Vergleich zur Ukraine war es vergleichsweise unblutig. Viel schlimmer war, was dann im Iran passierte. Israel griff mit amerikanischer Unterstützung den Iran an, der durch Sanktionen und innere Konflikte geschwächt war. Zuvor hatte sich Trump der Neutralität von China und Russland versichert, indem er zusagte, sich nicht weiter für die Ukraine oder für Taiwan zu engagieren. Nach dem Sturz der islamischen Republik brach dort ein Bürgerkrieg aus, der bis heute andauert. Dem Bürgerkrieg fiel bisher fast ein Drittel der iranischen Bevölkerung zum Opfer. Das Land ist zerfallen und wird von mehreren Clans kontrolliert.
Dr. Historfreak, im Unterschied zum ersten Weltkrieg, der vier Jahre, und zum zweiten, der sechs Jahre dauerte, war der dritte schon nach sechs Monaten vorbei. Und große Zerstörungen in Europa gab es auch nicht. Das ist doch gut, oder?
Die Ukraine war schon total kaputt. Und ob er vorbei ist, wird erst die Zukunft zeigen. Die Russen haben sich zwar erst einmal mit der halben Ukraine einschließlich der Hauptstadt zufriedengegeben, rüsten jetzt aber wieder auf. Und einen historisch belegten Anspruch auf die ganze Ukraine erheben sie auch noch immer. Nachdem die Nato zerfallen ist, steht Europa ziemlich wehrlos da, und uneinig sind sich die Europäer auch wie eh und je.
Mach uns keine Angst, Dr. Historfreak! Droht schon wieder bald Krieg?
Vielleicht braucht Präsident Putin, der ja jetzt auch schon über achtzig ist, gar nichts mehr machen. In den meisten Ländern Europas, in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien und in vielen kleinen Staaten sowieso, sind inzwischen russland-freundliche Regierungen am Ruder. Die Sanktionen gegen Russland sind aufgehoben, und nach dem Wegbrechen des amerikanischen Marktes brauchten die Europäer dringend die Geschäfte mit Russland und China. Auch der Wiederaufbau der Ukraine ist für die Europäer ein großes Konjunkturprogramm.
Und wie ist heute die Lage in Grönland?
Kalter Krieg. Die Insel ist geteilt. Fast alle Küsten sind von den USA besetzt, die Hauptstadt Nuuk kontrollieren die Europäer. Der Rest ist Packeis, das allerdings schmilzt. Inzwischen ist ja J.D. Vance an der Macht in den USA, der hat immer noch den Plan, Grönland komplett zu übernehmen. Aber erstmal muss er sich um die eigene Wirtschaft kümmern, die infolge des Zusammenbruchs des Handels mit Europa abgestürzt ist.
Sag mir noch, wie es in Israel weitergegangen ist.
Israel hat sein Staatsgebiet um den Gazastreifen und das frühere Palästinensergebiet erweitert. Auch das ging im Windschatten der globalen Großkonflikte mit amerikanischer Unterstützung ziemlich geräuschlos vonstatten. Aber viele Palästinenser sind dabei gestorben.
Und wie geht es den Menschen dort jetzt?
Wie meinst Du?
Die Menschen, Dr. Historfreak! Die Menschen, die in den Palästinensergebieten gewohnt haben?
Ich weiß nichts über Gefühle. Soweit mir bekannt ist, sind die Menschen immer noch dort. Was bleibt ihnen sonst auch übrig? Sie arbeiten jetzt in den amerikanischen Hotels und Firmen, die sich in den Gebieten angesiedelt haben. Nach amerikanischen Quellen geht es ihnen jetzt besser als damals, als sie in den Ruinen ihrer zerbombten Häuser und den Zelten der Flüchtlingslager hausen mussten.
Danke, Dr. Historfreak! Wie immer sachlich und kompetent!
Alles hat mehrere Seiten …
Soweit unsere Geschichts-KI, liebe Zuhörer. Ich plane übrigens gerade meinen Sommerurlaub auf der Krim. Die Möglichkeit hätte es nicht gegeben ohne den dritten Weltkrieg! Also, alles hat mehrere Seiten. Und jetzt Werbung!
Was passiert, wenn Moral und Verstand das einzige ist, was uns stoppen könnte
Wir würden gerade einen Umbruch erleben, erzählen uns die klugen Leute (und natürlich haben sie Recht), einen Umbruch von der regelbasierten auf die machtbasierte Weltordnung. Nicht mehr das Völkerrecht und die Regeln, Vereinbarungen, Absprachen in internationalen Organisationen bestimmen derzeit das Handeln der Weltmächte, sondern ihre individuellen Interessen – und die Möglichkeiten der Macht, sie massiv verfolgen, vielleicht auch gewaltsam durchsetzen zu können.
Wer wollte dieser Analyse widersprechen? Am meisten zu diskutieren daran wäre vielleicht, ob es diese unterstellte Dominanz von Regeln in der Weltordnung wirklich jemals gegeben hat, und wenn ja: Wo und wie lange? Vielleicht die letzten achtzig Jahre in Europa, beeindruckt von der Schockwelle des zweiten Weltkrieges. Aber schon für den Rest der Welt gilt das wohl nur ziemlich ein geschränkt, und außerdem: Was sind schon achtzig Jahre? Ein kurzer Glücksfall, wenn man gerade da gelebt hat.
Bild von Gabriel Douglas auf Pixabay
Nun pfeift auch noch der mächtigste Mann der Welt auf das internationale Regelwerk. Donald Trump, über dessen machohaftes, erratisches und egoistisches Gebaren das deutsche Wohlstandsbürgertum angewidert den Kopf schüttelt – dieser Donald Trump sagt nun öffentlich in einem Interview mit der New York Times, er brauche kein Völkerreicht. Was ihn dann also in seinem Handeln begrenze, fragen die Journalisten. Und er antwortet: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“
Das löst nur wenig Vertrauen aus. Warum wohl? Drei Szenen aus dem deutschen Alltag:
Erste Szene: Kein Parkplatz in Sicht
Kein Parkplatz in Sicht. Natürlich weiß der Autofahrer, der sein Fahrzeug auf den schmalen Gehweg steuert, dass er dort andere behindern könnte. Und er kennt das Verbot, dort zu parken, wo er im nächsten Moment der Mutter mit dem Kinderwagen oder dem alten Mann mit dem Rollator den Weg abschneidet. Ist ihm aber im Moment egal. Er denkt nur an sein eigenes Risiko: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass gerade jetzt ein Ordnungshüter vorbeikommen wird? Sehr gering. Und in ein paar Minuten wird er ja auch schon wieder fort sein. Der Mann oder die Frau mit dem Strafzettel kann ihn also nicht stoppen. Nur die eigene Moral und der eigene Verstand.
Zweite Szene: Die Reinigungskraft kommt
Man sagt heute nicht mehr „Putzfrau“, man nennt die Dame mit Kopftuch wenigstens „Reinigungskraft“. Die Reinigungskraft also kommt. Alle zwei Wochen, jeweils drei Stunden. Am Ende ihrer Tätigkeit nimmt sie in bar das Geld entgegen. Sie will es so, ohne Quittung, ohne Versicherung, ohne Steuer. Die Menschen, die sie beschäftigen, wollen es auch so. Billiger. Einfacher. Kein Papierkram. Alle wissen es: Schwarzarbeit ist verboten, sie schadet der Gemeinschaft, verlagert berufliches Risiko einseitig auf die Reinigungskraft: Bei Krankheit kein Geld, kein Anspruch auf Urlaub , keine Versicherung, wenn sie von der Leiter fällt. Alle Beteiligten wissen darum. Und sie handeln trotzdem so. Weil ihre eigene Moral ihnen keine Grenze zeigt.
Dritte Szene: Friedlicher Feierabend auf der Parkbank
Eine Parkbank. Die beiden jungen Männer sitzen auf ihr, spielen sich gegenseitig Klingeltöne und lustige Videos vor. Dämmerung, es ist eine friedliche Feierabend-Szene. Einer der beiden hat eine Chipstüte dabei, der andere raucht. Die Zigarettenstummel wirft er auf den Boden, tritt die Glut aus, steckt sich die nächste Zigarette an. Irgendwann ist die Chipstüte leer. Und die Parkbank auch. Auf dem Boden liegen fünf Kippen, auf der Bank die leere Tüte. Direkt neben der Parkbank ist ein Mülleimer mit Aschenbecher. Würden die beiden auch so handeln, wenn es der Garten ihrer Mutter wäre, in dem sie sitzen? Gewiss nicht. Sie kennen die Regeln des Miteinanders. Aber sie halten sie nicht ein. Wegen der Moral oder wegen des Verstandes?
Regeln helfen wenig, wenn die eigene Moral nicht stark und der eigene Verstand nicht streng genug ist. Und weil wir uns selbst kennen, trauen wir Moral und Verstand von Donald Trump nicht. Der Bösewicht im Weißen Haus ist uns alltäglich ähnlicher, als wir es wahrhaben wollen.
Bevor er den beiden Polizeibeamten, die vor seinem Grundstück in ihrem Auto in der Dunkelheit saßen, etwas vom Punsch bringen konnte, hatten seine Personenschützer das Umfeld gesichert. Auf ihr Signal hin trat der Bundeskanzler über den Gartenweg hinaus auf die Straße und reichte den Polizisten zwei Tassen in ihr Fahrzeug; das dampfende Frucht-Zimt-Gebräu, ein Familienrezept seiner Großmutter, sorgte sofort für Beschlag auf der Windschutzscheibe. Einen Teller mit Weihnachtsgebäck hatte er auch noch dabei, balancierte ihn hinterher in das Fahrzeuginnere hinein. Der Kanzler wusste, dass seine Frau, und auch sein Personal, sich normalerweise um diese Menschen kümmerten. Für die zwei Personenschützer vom Bundeskriminalamt, die rund um die Uhr im Haus warteten, und sich regelmäßig mit ihren zwei Kollegen abwechselten, die draußen im Garten postiert waren, war längst ein eigener Raum eingerichtet worden, in dem Essen und Trinken bereitstand. Heute auch der Familien-Punsch.
Die beiden Beamten im Auto, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und ihr Kollege, bärtig – Migrationshintergrund, erfasste der Kanzler -, dankten ihm artig.
Was machen Ihre Familien heute?“, mühte sich der Kanzler um Interesse. Er wollte es wirklich wissen, das waren Menschen, die ihre Zeit für ihn aufbrachten. Aber er war müde. Und gleich würde auch noch ein Fotograf kommen. Er zwang sich zur Aufmerksamkeit.
Sie hätte sich freiwillig angeboten, heute an Heiligabend Dienst zu schieben, sagte die junge Frau, sie sei noch ohne eigene Kinder, die Kollegen mit Familie hätten Vorrang.
„Ohnehin nicht mein Fest“, murmelte ihr Kollege und wich dem Blick des Kanzlers aus, wendete sich ihm dann aber zu, und ergänzte: „… aber Danke für Ihr Interesse, Herr Bundeskanzler.“
„Nein, ich danke Ihnen sehr“, sagte der Kanzler, bot einen Handschlag an, wobei er beim Griff nach der ausgestreckten Hand der jungen Frau, die von ihm entfernt am Steuer saß, sehr darauf achtete, nicht versehentlich ihrem Kollegen die heiße Punschtasse über die Uniform zu kippen.
„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler, und die beiden wiederholen: „Frohe Weihnachten, Herr Bundeskanzler.“
Der Kanzler kehrte in sein Haus zurück. Er wartete, bis die Personenschützer die Tür hinter ihm geschlossen hatten und gab dann auch ihnen die Hand. „Sie sind versorgt?“, fragte er, wobei er wusste, dass er darauf keine Antwort brauchte. Sie sind versorgt, und so bestätigten sie es ihm auch.
„Da kommt gleich noch ein Fotograf vom Bundespresseamt,“ sagte der ältere der beiden Schwarzgekleideten, „so stehts im Plan.“
Der Kanzler unterdrückte ein Gähnen. „Ja, stimmt, ich weiß.“
Der Kanzler betrat er sein Wohnzimmer, ein Raum mit vielen Büchern und einer breiten Fensterfront in den Garten, vor der nun der raumhohe Weihnachtsbaum stand, geschmückt ganz nach seinem Geschmack – schlicht, aber vornehm, nur Glas und Holz. Die Holzschnitzereien am Baum und auch die Krippenfiguren darunter stammten aus dem Erzgebirge; er hatte sie bei einem seiner ersten Besuche dort nach der Wende vor Jahren selbst gekauft. Eine Polstergruppe bot Platz für die große Familie, die sich nachher hier versammeln würde. Fünfzehn Leute. Der Kanzler liebte Familien, und seine eigene Familie – drei Kinder mit Ehepartnern, sieben Enkelkinder – liebte er ganz besonders.
Die Scheiben aller Fenster im Haus waren im letzten Frühjahr gegen Sicherheitsglas getauscht worden. Während der Kanzler den Blick durch das jetzt noch menschenleere Wohnzimmer streifen ließ, fiel ihm ein, wieviel Dreck und Staub der Tausch der Fenster damals verursacht hatte. Seine Frau hatte sich darum gekümmert. Aber es hatte sich gelohnt. Vor einem Jahr an Weihnachten, da war er noch nicht Kanzler, aber schon Kandidat, waren noch die alten Gläser drin, und deshalb musste immer Sicherheitspersonal vor dem Fenster stehen. Tag und Nacht. Jetzt war hier keiner mehr. Wir können Veränderung, wenn wir es nur wollen, stammelte er vor sich hin, verbot sich aber schon im nächsten Moment selbst solche Gedanken. Keine Politik jetzt, nicht heute, nicht an Heiligabend. Im Haus war es still. Die drei Kinder mit ihren Familien waren bereits eingetroffen, er hatte sie zusammen mit seiner Frau selbst in Empfang genommen. Jetzt richteten sie sich in ihren Zimmern ein, irgendwo über ihm. Noch war er im Dienst, seine Familie würde später zu ihrem Recht kommen.
Der Kanzler trat an den Baum, betrachtete lange die Krippe, die auf einem niedrigen Hocker direkt vor dem grünen Geäst stand. Dann ordnete er einige Figuren anders an, schob hier einen Hirten, den er besonders schön fand, in den Vordergrund und dort ein hölzernes Schäfchen weiter nach hinten. Kopfschüttelnd nahm er die drei Figuren der Könige „aus dem Morgenland“ (unzulässiger Begriff, dachte er sich) einschließlich ihrer Kamele heraus. Wer hat die denn hier hingestellt, das ist zu früh, die kommen erst Anfang Januar. War schon immer so. Die Könige erst an Dreikönig. Er steckte die Figuren in die oberste Schublade der Eichenholz-Schrankwand. Auch die Kamele mussten sich dort schlafen legen.
Es klopfte und der Personenschützer blickte durch den Türspalt. „Der Fotograf ist da“, sagte er. „Ja klar, soll reinkommen“, antwortete der Kanzler. Sein letzter Termin heute. Morgen keine Termine. Am zweiten Feiertag wieder nach Berlin.
(2)
Drei Stunden später war der Kanzler umtobt von seiner Familie. Es hatte das traditionelle Essen gegeben, dann waren die Enkelkinder in das Wohnzimmer gestürmt, hatten sich artig vor dem Baum versammelt und auf das Signal gewartet, sich den Geschenken widmen zu dürfen. Aber erst las der Großvater das berühmte Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte vor, die Älteren kannten es natürlich längst. Seine älteste Tochter beobachtete er dabei, wie sie den Text lautlos mit den Lippen mitsprach – „Es begab sich aber zu der Zeit …“- und er bestand auch darauf, dass zunächst gesungen wird. Wenigstens ein Lied. „Macht hoch die Tür …“ sang der willige Teil des Familienchors, und der Kanzler sang textsicher mit.
Heute Wein, sonst verbot er sich Alkohol, Der Kanzler nippte am Glas, und mühte sich redlich, Interesse aufzubringen für den familiären Tumult um ihn herum. Hier die Eisenbahn, dort der neue Pokémon-Pullover, da die blonde Barbie. Der Kanzler, der jetzt hier nur ein Großvater war, er nickte und staunte, er fragte und hörte zu.
Deshalb hier, ging ihm durch den Kopf, wegen dieser Kinder, wegen Millionen anderer Kinder, die jetzt gerade Geschenke auspacken, deshalb mache ich das alles. Wieder wollte er sich das Abschweifen in die Politik verbieten, aber diesmal, da alle anderen abgelenkt waren, gelang es ihm nicht. Die letzten Stunden, Tage, Wochen krochen in ihm hoch. Die Sorge um den Frieden, um den Wohlstand, die kleinkarierten Kämpfe, die zahllosen Termine, die Verantwortung. Das Unfassbare, das Scheue der Macht. Die ständige Gefahr zu scheitern. Die Welt, die sich um ihn drehte. Und dann doch wieder nicht. Die allumfassende Böswilligkeit, die ihn umgab, und von der er wusste, dass ihn nur ein Bruchteil des ganzen Hasses, der ganzen Abwertung und Niedertracht erreichte. Aus gutem Grund. Immerhin, es gab auch andere Stimmen.
Der Kanzler rutschte sich im Sessel in eine aufrechtere Position. Er rief sich zurück in die Gegenwart. Die Enkel waren von ihren Geschenken gefangen genommen, seine Kinder und ihre Mutter unterhielten sich, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, Ordnung in den Kindertumult zu bringen. Niemand kümmerte sich um ihn. Der Kanzler hatte frei.
Frei, jetzt mal frei. Er schloss die Augen; nur ganz kurz.
„Du solltest Dich hinlegen“, flüsterte seine Frau dem Kanzler ins Ohr. Er schreckte auf. Wie lange hatte er hier geschlafen? „Wo sind die Kinder?“, fragte er, richtete sich auf und wusste doch die Antwort selbst. „Die sind auch schon ins Bett“, hörte er.
Der Kanzler schlurfte betäubt ins Schlafzimmer, nahm noch wahr, wie seine Frau neben ihm das Nachttischlicht löschte – auch seines. Den üblichen letzten Blick auf das Display verweigerte er. Heute nicht. Jetzt nicht mehr. Es ist Weihnachten.
(3)
Es war noch dunkel, als sein Telefon brummte. Der Kanzler schreckte hoch. Seit er im Amt war, hatte es nur wenige Nächte gegeben, in denen es nicht gebrummt hatte, aber für diese Nacht hatte er nicht damit gerechnet. Er blickte sich um, seine Frau schief. Er griff zum Telefon, stahl sich aus dem Bett und ging in das Nebenzimmer, das ihm in diesem Haus als Arbeitsraum diente. Sie hatten extra eine Tür eingebaut, damit er auf kürzestem Wege vom Bett dorthin gehen konnte, wenn es nötig war.
Es war der Kanzleramtschef.
„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler. „Ebenfalls“, hörte er, und dann die Frage: „Schönen Abend gehabt?“
„Ich weiß nicht so viel davon, ich bin eingeschlafen.“
„Oh, ja, um so mehr, sorry für die Störung …“ Der Kanzler nickte und brummte ein wenig, und alle, die ihm kannten, wussten, dass dies bedeutete, man solle sich nicht mit seiner Befindlichkeit aufhalten. Er hatte ein Amt, das keine Befindlichkeiten erlaubte.
„Der saudische Kronprinz will Dich sprechen.“
„Heute? Jetzt?“
„Ja jetzt. Er will helfen.“
„Bei was?“
„Es geht um die Affäre, die Du ausgelöst hast. Also, eigentlich ist das Presseamt verantwortlich, denen hätte es auffallen müssen. Ist es aber nicht, schon wieder eine Panne. Jedenfalls bittet der Außenminister dringend darum, dass Du dem Wunsch nach einem Telefonat mit dem Saudi nachkommst. Um größeren Schaden abzuwenden.“
„Was für eine Affäre? Ich verstehe überhaupt nichts.“
„Hast Du nicht auf Dein Handy geschaut? Es geht um den Krippen-Post, den wir gestern online gestellt hatten. Ist inzwischen schon gelöscht, aber das hilft natürlich nichts, macht es vielleicht sogar eher schlimmer. Längst stehen Screenshots im Netz. Das kocht gerade hoch, vor allem in den muslimischen Ländern, aber auch bei uns.“
„Krippen-Post?“
„Ja, auf Deinen Kanälen haben wir gestern Nachmittag das Bild mit Dir und Deiner Krippe zuhause veröffentlicht. Mit Weihnachtswünschen und so. Wir wollten das christliche Profil stärken, darüber hatten wir doch gesprochen.“
Der Kanzler nickte. „Ja und?“
„Das Presseamt hat nicht aufgepasst. Es gab schon ein Foto von Eurer Krippe, das war schon vor drei Tagen gemacht worden. Damals mit dem Fokus auf die Schnitzarbeiten aus dem Erzgebirge. Also so nach dem Motto: Der Kanzler hat Krippenfiguren aus dem Osten. Kann ja nicht schaden, da etwas für Dein Image zu tun, wegen der Landtagswahlen, weißt schon. Das lief damals alles, ohne Dich zu belästigen. Du warst da noch in Brüssel. Die Krippe bei Euch war aufgebaut worden, es wurden Fotos gemacht, und dann ging es eben rum mit dem Motto: Der Kanzler hat eine Krippe aus dem Erzgebirge.“
„Ja, ok, von mir aus. Aber was ist jetzt das Problem?“
„Auf diesem ersten Foto sind die drei Könige, auf dem von gestern nicht mehr.“
„Und das ist ein Problem?“
„Für die islamische Welt schon. Sie sprechen von einer gezielten Entfernung der arabischen Welt aus unserem christlichen Weltbild. In der Türkei, im Iran, in den Emiraten, in Jemen, und auch bei uns in der muslimischen Community tobt schon ein solcher Diskurs. Hierzulande machen die Linken auch schon mit, sie sagen, dass Du gezielt den ganzen globalen Süden aus Deiner Krippe gecancelt hast.“
„So ein Quatsch!“ Der Kanzler ordnete seine Gedanken. „Völliger Blödsinn. Es ist doch aus heutiger Sicht eher problematisch, dass drei Erdteile dem christlichen Jesuskind huldigen, damit müssen die doch eher ein Problem haben. Und nicht damit, dass ich die weggestellt habe, weil es zu früh ist.“
Er stellte sich vor, wie sein Minister jetzt gerade mitleidig grinste.
„Von den Grünen und der SPD haben wir noch nichts gehört. Ich fürchte, morgen springt die AfD drauf. Natürlich zustimmend, weg mit den fremden Königen und so weiter. Beifall von der falschen Seite.“
Nach einer kurzen Pause sprach der Minister weiter: „Und Du weißt ja nie, was dann folgt, auch aus unseren eigenen Reihen. Söder, Kretschmer und so weiter, nicht dass sich da auch noch einer findet, der Dir mangelnde Bibelfestigkeit vorwirft. Die lassen doch keine Chance aus.“
„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte der Kanzler noch einmal. „Das war doch immer so, dass die Könige erst im neuen Jahr dazugestellt wurden, … also, da muss man doch nur die Bibel lesen.“
„Zu spät. Keine Zeit für irgendwelche Differenzierungen. Die beiden Bilder nebeneinander wirken so, als hätte man da absichtlich Afrika und den Orient – also Asien – weggenommen, und Europa gleich mit. Die islamische Welt hat heute keinen Feiertag, und in Riad ist es schon fast neun Uhr. In ein paar Stunden wachen auch bei uns die Muslime auf. Die haben einfach nur frei, und deshalb jede Menge Zeit, sich aufzuregen.“
Der Kanzler sagte nichts.
„Wir müssen handeln,“ drängte der Minister, „bevor die Amerikaner, Musk und Vance, schlimmstenfalls Trump, draufspringen. Die schlafen noch. Oder willst Du das lesen: Schluss mit Migration, endlich hat´s auch der deutsche Kanzler kapiert. Deshalb wäre es wichtig, dass sich vorher der saudische Kronprinz unterstützend positioniert.“
„Oh Gott.“
„Aber Du weißt: Der Kronprinz will, dass wir ihm Taurus-Raketen verkaufen.“
„Ich weiß!“ – der Kanzler dämpfte seinen Ton, um seine Frau im Nebenzimmer nicht aufzuwecken – „aber das machen wir doch nicht. das haben wir doch schon tausendmal geklärt.“
„Ja, aber er gibt eben nicht auf. Er bietet an, mildernd einzuwirken auf seine Nachbarn und Dich für die Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen.“
Der Kanzler schnaufte vernehmlich. „Brauche ich das? Von diesem zwielichtigen Mörder?“
„Deine Entscheidung. Auswärtiges Amt und der Pressesprecher raten dazu.“ Der Minister machte eine Denkpause. „Und ich auch.“
Das Gespräch mit dem Kronprinz konnte der Kanzler auf Englisch führen. Es war kein Dolmetscher erforderlich. Auf beiden Seiten hörten jeweils zwei Protokollierende mit. Der Kanzler dankte dem Kronprinz für seine Bereitschaft, der von ihm nicht beabsichtigten Empörung in der muslimischen Welt entgegenzutreten. Er werde diese wichtige und ausgleichende Rolle, die der Kronprinz und sein Land einnähmen, berücksichtigen bei den nächsten Verhandlungen über Waffenexporte, ohne dass er irgendetwas versprechen könne. Aber wenn es um Energieimporte, den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Annäherung an eine Lösung in der Palästinenserfrage gehe, stehe Deutschland ohne Vorbehalte zu einer engen Kooperation bereit. Der Kronprinz dankte und lud den Kanzler zu einem Besuch im neuen Jahr nach Saudi-Arabien ein.
(4)
Nach dem Telefonat war an Schlaf nicht mehr zu denken. Der Kanzler betrat sein Wohnzimmer. Gerade ging die Sonne irgendwo hinter den Bäumen auf, noch war es mehr ein rotes Dämmern als helles Licht. Morgenland, dachte der Kanzler. Auf dem Rasen lag schimmernder Nebel. Was für ein Wetter, und das am ersten Weihnachtsfeiertag. Kein Schnee, keine Kälte.
Es war kühl im Raum. Die Geschenkpapiere stapelten sich in den Ecken, die Geschenke lagen halbwegs sortiert unter dem Baum. Plätzchenteller und Gläser vom Abend standen noch auf dem Tisch. Niemand zu sehen. Kein Mucks im Haus. Ob die Security wohl schläft? Der Kanzler nahm sich vor, später vorbeizuschauen.
Ganz langsam wuchs vor den schusssicheren Fensterscheiben das Sonnenlicht auf. Noch einmal blickte der Kanzler hinaus. Da stand ein Reh im Gras, überragte die Nebelschicht. Das schöne Tier schien ihn anzublicken, zu fixieren, fremd, unverwandt, starr. Das kann mich doch gar nicht sehen, überlegte der Kanzler, aber als er sich bewegte, stob das Reh mit einem Satz davon.
Er ging zum Schrank, öffnete die Schublade und holte die drei Könige und ihre Kamele heraus. Er stellte sie an ihren Platz zurück. Später würde jemand vom Bundespresseamt kommen und ein neues Foto machen.
Was für eine Welt, schüttelte der Kanzler den Kopf.
Dies ist eine kleine Geschichte über Engagement, über die Sorge vor böswilliger Vereinfachung, und über die Kraft des Rechts. Es ist die Geschichte darüber, warum es besser ist, mit einer gutgemeinten Idee zu scheitern – als gar keine zu haben. Kurz: Es ist eine Geschichte über die Demokratie.
Wird Geiz beklatscht werden – wo Mitgefühl und Nachhaltigkeit gemeint sind? Foto: Tomasz auf Pixabay
Niemand zwingt dazu, sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Es ist eine freiwillige Entscheidung, und meistens kann kein Vorteil versprochen werden. Demokratie ist nicht das Machtspiel weit weg in Berlin, ist nicht der Wahlkampf mit seinen Plakaten und Zuspitzungen, ist nicht die dümmliche Vereinfachung des Komplizierten im Kurzvideo. „Demos“, das Volk, das in der Demokratie regiert, ist höchst konkret. Es wohnt neben Dir und über Dir, unter Dir, fährt mit Dir U-Bahn oder steht neben Dir im Stau. „Demos“ bist Du selbst.
Wer mitmacht, wendet sich gegen die Kälte
Freiwillig lässt sich die eine in den Elternbeirat wählen, und der andere nicht. Es zu tun, bringt nur zusätzliche Aufgaben, oft Ärger. Freiwillig hütet irgendwer die Kasse des Sportvereins oder trainiert die wilden Kerle. Freiwillig sorgt sich irgendwer um die Belange der Eigentümergemeinschaft gegenüber dem Verwalter. Und freiwillig ist – jedenfalls in einer Demokratie – auch die Entscheidung, nicht nur Teil des „Demos“ sein zu wollen, sondern auch der „Kratos“, der Herrschaft. Dieser Schritt führt in die Politik. Er findet hunderttausendfach statt, dort, wo das Demos ist – vor Ort, in der eigenen Straße, in der Schule der Kinder, am Arbeitsplatz. Niemand wird dazu gezwungen, sich in die „Kratos“ einzubringen. Aber wenn es niemand tut, ist es wie am Elternabend, im Sportverein oder bei der Eigentümerversammlung: Betretenes Schweigen macht sich breit, ein Auf-den-Boden-Gucken wie in der Schule, wenn es um das Aufrufen geht. Dann ist es die Eiseskälte der Verantwortungslosigkeit, die ihren Raureif über alles und jedes legt.
Wenn also jemand mitmacht in der Politik, dann wendet er sich gegen diese Kälte. Es geht darum, ob es an der nächsten Straßenecke einen Zebrastreifen braucht oder nicht. Ob die Straßenbeleuchtung ausreicht. Ob der Sportverein neue Fußballtore benötigt, und ob die Gemeinschaft helfen sollte, sie zu finanzieren. Oft ist die Lösung nicht leicht, meist gibt es Gründe dafür und dagegen, es kostet vielleicht Kraft und Geld, manchen ist es wichtig, anderen eher nicht. Es wird also diskutiert und beraten, am Ende entscheidet eine Mehrheit. Selbst das liefert oft nicht die letzte Antwort, denn dort, wo Menschen zusammenleben, braucht es Regeln. In der freiheitlichen Demokratie steht das Recht noch über dem, was eine Mehrheit für richtig hält.
Wird Geiz beklatscht, wo Nachhaltigkeit gemeint ist?
Die gutgemeinten Idee sah so aus: Es gibt im Überfluss der Wohlstandsgesellschaft viele, viele Möbel, die aussortiert werden. Die schlechtesten davon landen irgendwo am Straßenrand der Großstädte oder im Sperrmüllcontainer; die besseren verstopfen die Lager der Trödler, der Flohmarktfreunde und der Sozialkaufhäuser.
Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, um die sich die Gemeinschaft kümmern muss, weil sie nicht genug Geld haben, um sich selbst Möbel zu kaufen. Zum Beispiel Menschen, die geflüchtet sind, die vielleicht sogar auf der Straße leben. Was spricht nun dagegen, denkt sich jemand aus der untersten „Kratos“, ganz nah dort, wo das „Demos“ lebt – was spricht dagegen, die staatlichen Unterkünfte für diese Menschen statt mit neuen Tischen, Schränken und Betten nun mit gebrauchten, aber noch gut brauchbaren Altmöbeln auszustatten?
So wird aus der Idee ein Antrag für ein demokratisches Beratungsgremium. Was spricht gegen den Vorschlag? Eigentlich nichts, denkt der Wohlmeinende. Aber im „Demos“ sind auch Böswillige unterwegs. Menschen, die fremdes Leid nicht anerkennen wollen, in der Not eher Schmarotzertum zulasten der Gemeinschaft vermuten. Werden diese Menschen über den Vorschlag jubeln? Geiz beklatschen, wo Mitgefühl nicht fehlt und Nachhaltigkeit gemeint ist?
Am Ende stirbt die gutgemeinte Idee
Es ist die Furcht vor dem Gift der bösen Instinkte, des Neids, der Selbstsucht, der Vorurteile, das die gutgemeinte Idee ungenießbar macht. Dann kommt das Recht zu Wort: Brandschutz, Unfallverhütung, langfristige Nutzbarkeit, alles das kommt als Argument gegen die Altmöbel-Zweitverwertung in Sozialunterkünften noch hinzu.
Die gutgemeinte Idee stirbt. Sie war nicht gut genug. Es werden auch weiterhin neue Möbel gekauft. Aber immerhin hat sich ein Mensch Gedanken für die Gemeinschaft gemacht. Es gab einen Diskurs, und alles zusammen war ein winziges Stück mehr Demokratie als zuvor.
Die Begriffe „Demos“ (das Volk) und „Kratos“ (die Herrschaft) stammen aus dem Altgriechischen.
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.