Himmelstürmend, engagiert (#32)

Mariendom, Domplatz 1, 4020 Linz, Österreich

Mein Besuch am 9. Mai 2022

54 Säulen, 145 Fenster – der neugotische Linzer Mariendom beeindruckt durch seine Weite, die den Besucher zunächst verstummen lässt. Die Dom-Verantwortlichen haben sich aber für einen Rundgang voller Überraschungen viel einfallen lassen.

Mit neugotischen Kirchen ist es ja so eine Sache. Man kennt die „echten“ gotischen, die traumhaften Kathedralen in Frankreich, Belgien, den Niederlande, und auch die großen Bischofskirchen in Deutschland, ist fasziniert von ihrer unvergesslich strahlenden, himmelstürmenden Schönheit, ist voller Ehrfurcht vor ihrem Alter  – und infolge dessen auch voller Skepsis gegenüber den modernen Nachahmer-Bauten.

Mit entsprechend prüfender Haltung habe ich auch den Linzer Mariendom betreten, noch dazu auf direktem Wege aus dem „alten Dom“ kommend, der barockisierten Kirche Anton Bruckners, die, eingeklemmt im Altstadtgewirr von Linz, zu klein geworden war für die Schar der Gläubigen. Der Mariendom wurde daher seit 1862 am Rand der Altstadt auf freiem Gelände neu gebaut und als neue Hauptkirche im Jahr 1924 geweiht, bis 1935 fertiggestellt. Eine ziemlich neue Kirche also, wenn auch keine moderne.

Selten hat mich aber dann ein Kirchenbau so beeindruckt wie dieser. Seine Ausmaße sind riesig, die größte Kirche Österreichs, mehr als 5000 Quadratmeter Grundfläche. Sie durfte aber nicht die höchste ihres Landes werden, da es keiner Kirche in Österreich anstand, höher zu wachsen als der Wiener Stephansdom. Also ist der Turm zwei Meter niedriger. Sonst aber ist das Raumprogramm von einer Weite bestimmt, die den Besucher verstummen lässt. 54 Säulen tragen diesen Riesenbau, 17 Altäre füllen ihn, und trotzdem ist so viel Platz, dass man sich fast verlaufen könnte.

Wann wir jemals wieder der katholische, überhaupt irgendein christlicher Glaube, in Westeuropa wieder so attraktiv sein, um außerhalb Roms ein solches Gebäude zu füllen? Falls das überhaupt ein sinnvolles Ziel ist, falls es also irgendwo gelingen sollte, dann vielleicht in Linz. Der Mariendom, durchflutet vom Licht farbig strotzender Gemäldefenster in nackenstarrend himmlischer Höhe lässt den Besucher nicht in kontemplativer Ruhe. Die Glasbilder dokumentieren zum Teil die Geschichte ihrer Stadt bis zum Zeitpunkt des Kirchenbaus.

Keine Angst vor heiklen Themen: Das Bildprogramm der Gemäldefenster wird zu einer Ausstellung über „Frauenbilder“.

Das Bildprogramm der Fenster holen die offenbar besonders engagierten Dom-Verantwortlichen in Linz mittels Fernrohren in den Lupenblick des interessierten Betrachters, spekulieren dabei über historische Bezüge mit heute diskutierten gesellschaftlichen Fragen. So erfährt man zum Beispiel, warum die im Glasfenster verewigte Valeria, Weggefährtin des hingerichteten Heiligen Florian Männerkleider trägt, vermutlich aber eine Frau war. Und was uns das heute über Identitätsfragen sagt. Welche katholische Kirche traut sich, solche Themen offensiv anzusprechen? Viel zu wenige; im Mariendom geschieht es, klug und einladend.

Eine politische Kirche ist das, auch schon am Eingang, wo eine Gedenkinschrift für den umstrittenen österreichischen Kanzler Dollfuß aus heutiger Sicht historisch neu eingeordnet wird. Und auch das Angebot, auf dem Turm in 68 Metern Höhe eine Woche lang als Schweige-Eremit zu leben, mitten in der Stadt, „nicht sichtbar, und doch präsent“, hebt diese Kirche von anderen ab, was gesellschaftliches Bewusstsein betrifft.

 

Über den Mariendom in Linz finden sich zahlreiche Quellen im Netz.

Wer nicht hinfahren will, kann sich hier alles auch in digitaler 360°-Optik ansehen: https://www.dioezese-linz.at/mariendom/360grad

Über die Ausstellung „Frauenbilder“ informiert dieser Link: https://www.dioezese-linz.at/site/mariendom/home/news/article/202145.html

 

 

 

 

 

 

 

Tiefes Loch gesucht, 1 Million Jahre haltbar

Ein Plädoyer gegen längere Laufzeiten der Atomkraftwerke

Erinnern Sie sich noch? Wie wir alle vor gut zehn Jahren vor dem Fernseher saßen und fassungslos das Kollabieren der Blöcke des Atomkraftwerks Fukushima in Japan beobachteten, das Rauschen der Tsunami-Wellen, das Schwappen des verseuchten Wassers?

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim bei Heilbronn. Block 2 (in der Bildmitte) ist noch bis Ende 2022 in Betrieb. Foto: Thomas Springer via Wikipedia

Erinnern Sie sich noch? An die Tage und Wochen nach dem vertuschten Super-GAU von Tschernobyl im Frühling 1986, als in vielen Lebensmittelmärkten Geigerzähler bereitstanden, damit man die Strahlenbelastung der Milch unserer Kühe, der Pilze aus unseren Wäldern, der Erdbeeren von unseren Feldern, des Fleisches aus unseren Ställen messen konnte?

Erinnern Sie sich noch? Als alle halben Jahre, immer dann, wenn ein Transport von Atom-Brennstäben nach oder aus Frankreich anstand, Tausende Polizisten Bahnstrecken sichern mussten, damit ein Zug mit hochgiftigem Atommüll unser Land durchqueren konnte?

„Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien“, sagte Christian Lindner

Es sind Bilder der Unfreiheit, Szenen des Erschreckens und des gesellschaftlichen Streits, die wir mit der Atomenergie verbinden. Wer jetzt davon spricht, dass eine Verlängerung der Laufzeiten der letzten drei deutschen Atomkraftwerke ein Mittel sein könnte, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren, der sollte sich an diese Szenen erinnern.

„Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien“, sagte der FDP-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Christian Lindner am 27. Februar 2022 in seiner Ergänzungs-Rede zur „Zeitenwende“-Ansprache von Bundeskanzler Olaf Scholz. Es lohnt sich, den Ausschnitt aus dieser Rede noch einmal anzusehen, in dem Lindner sich von „Antworten der Vergangenheit“ klar distanziert.

Aktuell sind von Christian Lindner und seiner FDP allerdings gegenteilige Töne zu hören, und auch die Unionsparteien zündeln am Atom herum: Könnten als vorübergehender Ersatz für russisches Gas nicht auch in Deutschland die noch aktiven Atomkraftwerke länger betrieben werden? Eine „ideologiefreie“ Diskussion dazu soll es geben, wird gefordert.

Atomkraft war von Anfang an ein ideologisches Projekt

Ohne Ideologie war die Diskussion um die friedliche Nutzung der Atomenergie in Deutschland noch nie. Es war pure technologieverliebte Ideologie, als die friedliche Nutzung der Kernspaltung vom CSU-Ideologen Franz Josef Strauß und anderen seit den 60er und 70er Jahren als zentrale Zukunftstechnologie in den Himmel gelobt wurde. Damals geschah dies noch unter allgemeiner Ausblendung der bis heute in diesem Zusammenhang ungelösten Fragen.

Über Jahrzehnte war es Ideologie, die realen Gefahren, die von den Atomkraftwerken ausging, auszublenden oder zu verharmlosen, friedlich Demonstrierende und hartnäckige Sitzblockierer über Jahrzehnte mit Wasserwerfern von der Straße zu spritzen. Damit die Kritiker schließlich gesellschaftliches Gehör fanden, bedurfte es der Gründung der Partei „Die Grünen“ – und schwerer Unfälle. Insbesondere die Katastrophe von Fukushima wendete das Blatt, weil sie sich in Japan ereignete, einem High-Tech-Land, von dem wir geglaubt hatten, dass man dort die scheinbar gezähmte, friedlich genutzte Bombe so gut beherrschen kann, wie wir es uns selbst zutrauten.

Und ganz sicher war auch immer dann eine Menge ideologische Verblendung im Spiel, wenn militante Aktivsten alle paar Monate die rechtlich begründeten und sachlich unvermeidlichen Transporte von Atommüll-Castor-Behältern mit Sabotageakten gegen Bahnstrecken aufhalten wollten. Rücksichtslos gefährdeten sie dabei Menschen und bürdeten Tausenden Polizistinnen und Polizisten auf Kosten des Steuerzahlers unzumutbare Aufgaben zur Durchsetzung des Rechts auf.

Die Spaltung der Atome spaltete die Gesellschaft

Die Spaltung der Atome zur Stromgewinnung hat unsere Gesellschaft gespaltet. Diejenigen, die bis heute ihre Nutzung fordern, bleiben noch immer ganz ideologie-getrieben jede Antwort schuldig auf die zentralen ethischen Fragen: Wie rechtfertigen wir den Einsatz einer Technologie, die nachweislich nicht krisenfest ist, nicht beherrschbar ist in Extremsituationen, die bei einer Naturkatastrophe oder einem Angriff im Krieg oder bei einem Terrorakt Tausende Menschenleben vernichten kann? Und – noch wichtiger: Wer von uns kann über Jahrhunderte die Verantwortung für den tödlichen Müll übernehmen?

Gesellschaftlicher Friede entsteht immer dann, wenn unter dem Druck der Realitäten allzu selbstsichere Überzeugungen in Frage gestellt werden – und zwar von den Überzeugten selbst. So, wie es – historisch gesehen – eine CDU-geführte Bundesregierung sein musste, die unter dem Eindruck von Fukushima durch einen geordneten Verzicht auf die Atomenergie endlich eine gesellschaftliche Befriedung in dieser Frage herbeigeführt hat.

Alle diejenigen, die jetzt an dieser Entscheidung zum Atomausstieg rütteln möchten, sie als falsch oder verfrüht bezeichnen, gefährden diesen mühsam erreichten inneren Frieden. Und das einer unruhigen Zeit, in der wir nichts weniger benötigen als die Revitalisierung einer alten, gerade überwundenen gesellschaftlichen Spaltung.

Deutschland darf seine Kräfte nicht in einer alten Diskussion vergeuden

Es geht also nicht „ideologiefrei“ darum, ob man die letzten drei Atomkraftwerke noch ein paar Monate länger laufen lassen kann. Es geht auch nicht darum, ob man auf anstehende Sicherheitschecks ein bisschen verzichten könnte der ob man irgendwo auf der Welt ein paar Brennstäbe auftreibt.

Das ist viel zu technisch gedacht.

Deutschland würde seine in multiplen Krisen hoch beanspruchten Kräfte in einer Diskussion der Vergangenheit vergeuden. Es gab gute Gründe, den Ausstieg zu planen und zu vollziehen, und diese Gründe haben sich durch die von Russland herbeigebombte Veränderung der Energie-Weltlage um keinen Millimeter verändert.

CO2 aus mehr Kohle können wir kompensieren

Und wie ist es dann mit der Kohle und der Klimakatastrophe? Die klimaschädliche Wirkung der zusätzlichen Kohleverbrennung ist unbestritten und kann keinen vernünftig denkenden Menschen gefallen. Aber wir haben Chancen: Wir könnten sie kompensieren oder an anderer Stelle einsparen (z.B. durch ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen).

Und das sollten wir tun, schnell und umfassend, aus eigener Verantwortung, im eigenen Interesse und dem unserer Kinder und Enkel.

Neue Brennstäbe strahlen tödlich für eine Million Jahre

Zusätzliche ausgebrannte, tödlich giftig strahlende Brennstäbe aber können wir nicht kompensieren. Sie fallen zusätzlich an und erhöhen unsere Last für die Zukunft. Es ist schlimm genug, dass wir mit den Rückständen unserer noch bestehenden und schon abgeschalteten Atomkraftwerke der letzten 50 Jahre künftigen Generationen eine tödliche Last für mindestens 1 000 000 (!) Jahre aufbürden. Das deutsche Gesetz zur Standortsuche für ein Atommüll-Endlager nennt diese Zahl als Kriterium für die geologische Eignung des gesuchten Atommüllplatzes. Deutschland sucht noch.

Erinnern Sie sich noch? An die Bilder von den Menschen auf der Berliner Mauer, an die staunenden Gesichter voller Tränen des Glücks, als eine unüberwindbar scheinende Grenze plötzlich gefallen war?

Was wir da spürten, waren Freiheitsenergien. Sie treiben den Wandel an, nicht die „Antworten der Vergangenheit“. Und sie sind bis heute – im übertragenen Sinne – erneuerbar.

 

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Der Ballotino und die Magie der Machtbalance

Was uns die Geschichte von Venedig heute lehrt

Die Sonne scheint, die Lagune glitzert, der Gondoliere singt. Kein Zweifel, wir sind in Venedig, wenn auch nicht in unserer Zeit. Ein kleiner Junge, so um die zehn Jahr alt, folgt seinen Eltern im adligen Ornat über den Markusplatz. Der Junge und seine Familie hatten sich ihren Weg gesucht durch die verwinkelten Gassen ihrer Stadt, sie waren Kanälen gefolgt und hatten sie auf Brücken überquert. Sie sind unterwegs zu den edlen Geschäften rund um den arkadenbestandenen Platz; sie wollen sehen und gesehen werden. Und sie wissen, dass ein großes Ereignis bevorsteht: Die Wahl eines neuen Dogen von Venedig.

Da kommt ein Herr auf sie zu, stolzer Bart, prächtiges Gewand, ein Mitglied des Rates der venezianischen Republik. Er bahnt sich den Weg zur Familie, hindurch zwischen den anderen Venezianern, die da herumwandeln, noch ungestört von Touristen, keine Selfies, keine Tauben, vielleicht ein paar Straßenhändler, einige flatternde Möwen.

Die ganze Pracht des Reichtums von Venedig zeigt sich im Dogenpalast – und doch ist er mehr als ein Schloss. Der Palast war über Jahrhunderte Ort einer fein austarierten Machtbalance.

„Du bist der Ballotino!“, ruft der edle Fremde, der Hochgestellte, dem Jungen zu. Der Ruf ist laut, und die Umstehenden bilden sofort einen Kreis um das Kind. Sie jubeln und klatschen. Die Eltern erstarren, blicken unsicher herum. Sie sind stolz, aber sie wissen auch, was dieser Moment bedeutet. Ihr Kind ist von diesem Augenblick an versprochen an eine Tradition der großen Handelsnation, der Weltmacht an der Adria. Ihr Kind wird für die Wahl des nächsten Dogen benötigt, es ist ausgesucht worden, zufällig, willkürlich, und gehört künftig zum Gefolge des noch zu wählenden Oberhauptes des reichen Stadtstaates.

Das Ziel war Machtbalance …

600 Jahre lang gab es solche Momente im Leben eines venezianischen Jungen, insgesamt mehr als 120-mal, beginnend im 12. Jahrhundert, zuletzt im Jahr 1789. Der Ballotino wurde nach der Verfassung der venezianischen Republik benötigt, um die Wahl eines neuen Dogen durchzuführen. Den Dogen durften nur Männer aus adligen Familien Venedigs wählen. Diese Männer bildeten den Rat, aus dessen Kreis der neue Doge auf Lebenszeit bestimmt werden musste. Um die Machtbalance der adligen Familien zu erhalten, verfeinerten die Venezianer ihr kompliziertes Wahlsystem über viele Jahrhunderte immer weiter.

Am Anfang der Wahl sollte der blanke Zufall stehen. Ihn garantierte der Ballotino, ein zufällig auf dem Markusplatz ausgesuchtes Kind, natürlich auch wieder kein Mädchen. Dem Bub kam die Rolle zu, aus einem großen Lostopf mit so vielen Kugeln, wie es Mitglieder des Rates gab, jene 30 vergoldeten Kugeln zu ziehen, die für die 30 ersten zufällig ausgelosten Teilnehmer am Wahlverfahren standen.

Venedig war über die Jahrhunderte seiner Blüte eine oligarchische Herrschaft mit demokratischen Zügen. Das nicht-adlige Volk war von der Macht ausgeschlossen. Die adligen Familien der Stadt misstrauten sich so sehr, dass sie keinem der ihren die Chance zur alleinigen Herrschaft einräumen wollten. Sie waren sich aber einig darin, was auf keinen Fall eintreten sollte: Dass eine Familie die ganze Macht als Erb-Herrschaft an sich riss. Also ertüftelten sie ein ausgefeiltes System von Gremien und geteilten Verantwortlichkeiten, das allzu viel Macht an einer Stelle über Jahrhunderte wirksam verhinderte.

… und am Anfang sollte Zufall stehen

Am Anfang auf dem Weg zur wirksamen Machtbalance griff der Ballotino in den Lostopf, Nach zahlreichen weiteren komplizierten Wahlgängen wurde am Ende des Prozesses (in einem Konklave, wie bei der Papstwahl) ein neuer Doge bestimmt. Der musste einen heiligen Eid auf die Verfassung leisten und repräsentierte anschließend alle Macht und Pracht der Löwenrepublik in seinem berühmten Palast, den heute Hunderte Touristen täglich durchwandern.

Selbst war er aber weitgehend handlungsunfähig. Vielköpfige Gremien und einflussreiche Berater, die er sich nicht aussuchen konnte, sondern ihrerseits gewählt wurden, stellten sicher, dass der Doge seine Macht niemals allzu sehr ausdehnen konnte. Der Dogenpalast war zwar auch der prunkvolle Wohnsitz des Staatsoberhauptes, gleichzeitig aber Sitz aller Machtgremien und sogar der Gerichtsbarkeit der Republik. Die dort Verurteilten wanderten seufzend über die berühmte Brücke direkt ins Gefängnis.

Der Saal des großen Rates im Dogenpalastes: Hier tagten die Adligen, aber sie hatten nicht die alleinige Macht. Das Gremium war einem Parlament nicht unähnlich. Mit unseren heutigen Vorstellungen von Demokratie hatte die Republik allerdings nichts gemein.

Heute nennen wir es: Gewaltenteilung. Die Venezianer mögen sie als Verfassungsprinzip nicht erfunden haben (denn schon die Griechen und Römer hatten dorthin weisende Konzepte), aber sie haben sie in einer Zeit vorgelebt und durchgehalten, in der es im restlichen Europa fast nur absolutistische Herrscher gab.

Zeit für einen Cappuccino!

Nehmen wir kurz Platz in einem Café an der Lagune und genießen den Blick auf die einzigartige Kulisse dieser Stadt. Schauen wir sie uns an, diese einmalige Mischung aus morbider Urbanität, strahlendem Glanz der Paläste, dem Plätschern des Wassers, dem ruppigen Brummen der Vaporetti, dem Rauschen und Rufen der Menschenmassen. Venedig ist auch eine schöne Kulisse unserer romantischen Träume, eine Projektionsfläche für unsere Hoffnungen nach einer schöneren Welt.

Venedig ist kompliziert, seine Wege sind mühsam, verwinkelt und kraftzehrend. Warum nicht einfach abreißen?

Dabei weist uns die Geschichte dieser Stadt selbst in diese schönere Welt. Sie erzählt von der stabilisierenden Kraft der Machtbalance. Uns mag sie als selbstverständlich gelten, die Trennung von Staat, Verwaltung und Justiz. Die Befassung mehrerer Gremien mit einem Gesetz, in verschiedenen Parlamenten. Wir rollen die Augen, wenn in Brüssel Parlament und Regierungen und eine Kommission miteinander ringen, wenn im deutschen Föderalismus der Bund mit den Ländern streitet. Das mag alles sehr kompliziert und mühsam sein, aber es teilt die Macht, es sorgt für eine Annäherung an Gerechtigkeit, es ist Grundlage für freiheitliche Entfaltung des Einzelnen.

Es unterscheidet uns von den Tyrannen und Autokraten, die in unserer Zeit wieder ihre Völker mit Gewalt und ihre Nachbarn mit Krieg und Terror überziehen, weil sie vor nichts mehr Angst haben, als vor einer Teilung ihrer Macht mit den Menschen ihrer Völker.

Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr abzureißen?

Machtbalance herzustellen und zu leben ist so kompliziert wie das Wahlverfahren des Dogen, der Weg dorthin ist so verwinkelt wie diese Stadt mit ihren schmalen Kanälen und engen Gassen, so mühsam wie ihre steilen Treppen und schmalen Brücken. Wie einfach wäre es, das ganze Gewirr, das ewige Hin und Her einfach niederzureißen und eine breite Straße zur Macht zu planieren?

Nicht doch!, ruft der empörte Venedig-Besucher.

Ein Blick auf diese Stadt am Wasser, ein Spaziergang in ihren Gassen, zwischen Palästen und Kirchen, eine schaukelnde Fahrt durch die Kanäle und hinaus auf die Inseln, quer über die Lagune, ein staunender Gang durch die reich verzierten Säle der verschiedenen Räte im Dogenpalast lässt den Besucher die ganze Magie der Machtbalance erleben. Es ist jede Mühe wert, sie zu erreichen und zu erhalten.

 

Zur Verfassung der Republik Venedig und zum Ablauf einer Dogenwahl habe ich Bezug genommen auf die Arbeiten von Hans-Jürgen Hübner, nachzulesen bei http://www.geschichte-venedigs.de/verfassung.html

 

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Ein Justizmord, die Nazis und der Papst

Zur Geschichte des „Tag der Arbeit“ am 1. Mai

Vielleicht war es im Mai. Wir schreiben das Jahr 1872, genau vor 150 Jahren. Vielleicht erlebte damals ein junger Mann noch ein letztes Mal in Deutschland einen Sonnentag auf dem Höhepunkt des Frühlings, einen Tag voll blühenden Flieders, ein Tag der blumenübersäten Wiesen.

Kein Mörder, sondern ein Justizopfer: August Spies aus Deutschland. Foto: Chicago Historical Society, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=755968

Dann verließ der junge Mann Deutschland. Er bestieg ein Schiff, bezog darin ein Massenlager, vermutlich tief unten im stickigen Bauch des Ozeanriesen. Seine Reise war eine Flucht vor der Armut und sie brachte ihn nach New York.

Der junge Mann war der im Hessischen geborene Försterssohn August Spies. Er war erst 17 Jahre alt, als sein Vater starb. Spies´ Familie geriet deshalb in tiefe Not. Sozialsysteme, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. August war das älteste Kind und arbeitsfähig, also musste er gehen. Mutter und Geschwister blieben zunächst in Deutschland zurück; später holte er sie nach.

Ein Streik veränderte die Weltsicht von August Spies

Spies schlug sich durch in der neuen Welt. Er begann in New York eine Lehre als Möbeltischler, zog um nach Chicago und begann sich für die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu interessieren. Dann erlebte er als 22-jähriger etwas, das sein weiteres Denken und Handeln grundlegend prägen sollte. Würde man es in unser deutsches Heute übertragen, dann muss man sich diese Ereignisse aus dem Jahr 1877 in den USA etwa so vorstellen:

Den Mitarbeitenden der Deutschen Bahn, den Schaffnern und Lokführerinnen, den Stellwerkern und Rangierkräften, den Werkstattmitarbeitern und dem Reinigungspersonal – einfach allen – wird zum dritten Mal innerhalb eines Jahres mitgeteilt, dass ihre Gehälter gekürzt werden. Die wirtschaftliche Lage sei schlecht, heißt es zur Begründung, außerdem habe ein Krieg das Land ruiniert. Daraufhin treten die empörten Angestellten der Bahn an verschiedenen Orten in den Streik. Immer mehr Eisenbahnerinnen und Eisenbahner schließen sich landesweit an. Kaum noch ein Zug wird gewartet, die Gleise werden blockiert, keine Fahrkarten mehr verkauft, die Loks bleiben stehen. Der Vorstand der Bahn ruft den Staat zur Hilfe – und der schickt die Bereitschaftspolizei. Mit Knüppel und Schusswaffen kämpft der Staat die Arbeitnehmer nieder, diese reagieren mit Vandalismus: Gebäude werden niedergebrannt und Lokomotiven zerstört. Nach mehr als zwei Monaten Verwüstung und Gewalt gewinnt der Staat die Oberhand. Im ganzen Land hat der Kampf der Streikenden gegen die Polizeigewalt mehr als 100 Tote gefordert.

Der Große Eisenbahnstreik von 1877, die sozialen Ungerechtigkeiten, die ihn ausgelöst haben, und die Gewalt, mit der er beendet wurde, erschütterten die USA. August Spies machten die Ereignisse um die staatliche Niederschlagung des Streiks gegen die zunächst unbewaffneten Streikenden so wütend, dass er sich einer paramilitärischen Arbeiterorganisation anschloss. Später gründete er eine Arbeiterzeitung und wurde ihr Herausgeber und Chefredakteur.

Eine Bombe, ein Justizmord

Neun Jahre später, am 1. Mai 1886, stand August Spies in Chicago auf dem Haymarket und hielt eine flammende Rede. Er brandmarkte die Ungerechtigkeit der Arbeitsordnung. Er verlangte bessere Löhne und einen gesetzlichen Acht-Stunden-Arbeitstag für die Werktätigen. Wieder eskalierte die Situation durch Gewalteinsatz der staatlichen Milizen. Es folgten über mehrere Tage Großdemonstrationen, denen der Staat jeweils mit brutaler Gewalt begegnete. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurden am 3. Mai sechs streikende Arbeiter erschossen, etliche weitere verletzt. Am 4. Mai explodierte auf dem Haymarket eine Bombe, deren Herkunft bis heute ungeklärt ist.

Das dadurch verursache Chaos nahm die Polizei zum Anlass, die Streikanführer zu verhaften. Acht Männer, darunter August Spies, wurden für die Bombe verantwortlich gemacht, als „Mörder“ angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. August Spies starb im Herbst 1887 durch Erhängen. Sechs Jahre später rehabilitierte der Gouverneur von Illinois die Getöteten: Ein Zusammenhang ihrer gewerkschaftlichen Agitation mit der Bombe sei nicht nachweisbar.

Wofür werben eigentlich die Plakate seit Mitte April?

Diese Geschichte könnte im Kopf haben, wer sich an diesem Sonntag – geeignetes Wetter vorausgesetzt – im Biergarten ein kühles Bierchen bestellt. Auf dem Weg dorthin hat sich vielleicht sogar der eine oder andere gefragt, wofür die Plakate eigentlich werben, die der Deutsche Gewerkschaftsbund jedes Jahr ziemlich lieblos ab Mitte April an die Laternenmasten klemmt.

Wofür wird hier geworben? Aktuelles Plakat des DGB zur Maikundgebung vor den Werkstoren von BOSCH in Stuttgart-Feuerbach.

Der radikal-anarchistische Arbeiterführer August Spies, das deutschstämmige Opfer eines amerikanischen Justizmordes, zählt zu den Urvätern des 1. Mai als Feiertag. Die internationale Arbeiterbewegung erhob in Andenken an ihn und an den Kampf der Streikenden auf dem Chicagoer Haymarket erstmals den 1. Mai 1890 zum internationalen Kampftag der Werktätigen. Die damals Mächtigen beeindruckte das kaum. Erst mehr als 40 Jahre später waren es in Deutschland ausgerechnet die Nationalsozialisten, die diesen Schritt vollzogen und den 1. Mai zum arbeitsfreien „Tag der nationalen Arbeit“ erklärten. Ein Paradebeispiel für ideologische Aneignung: Am 1. Mai 1933 erlebten die deutschen Berufstätigen erstmals den Feiertag zu ihren Gunsten, aber am Tag darauf, am 2. Mai 1933, stürmten Nazi-Schergen die Häuser der deutschen Gewerkschaften, betrieben ihre nationalsozialistische „Gleichschaltung“ und verhafteten ihre Anführer.

Der 1. Mai: Eine ideologische Projektionsfläche

Nach dem Krieg erbte die junge Bundesrepublik Deutschland den weltlichen Mai-Feiertag. Oft strahlendes Frühsommerwetter, keine Maloche, und noch dazu kein Kirchenbesuch – der 1. Mai war der Lieblingsfeiertag der aufkommenden deutschen Freizeitgesellschaft. Immerhin, wer sich in den 60er und 70er Jahren gesellschaftlich engagierte, empfand es noch als edle Werktätigen-Pflicht, auf die gewerkschaftliche Maikundgebung zu gehen. Ein Großereignis war das, Zigtausende auf den Marktplätzen, die Radiosender übertrugen die Maikundgebungen aus verschiedenen Städten ihres Sendegebietes live in einer Konferenzschaltung wie am Samstagnachmittag die Bundesliga.

Abends dann, in der „Tagesschau“, da waren die Bilder aus Ostberlin und aus Moskau oder Peking zu sehen. Endlose Paraden defilierten vor den Tribünen, furchteinflößende Waffen rollten vorbei, fröhliche Erzieherinnen schwenkten gemeinsam mit den von ihnen beaufsichtigten Kindern im sozialistisch gradlinigen Gleichschritt die roten Fähnchen. In der kommunistischen Welt wurde der „Tag der Arbeit“ zu Schwerstarbeit für Paraden-Organisatoren und Ordensspangen-Festnäherinnen. Auf den Tribünen saßen alte Männer, die von der Situation der Werktätigen keine Ahnung hatten, sich aber als Vertreter der siegreichen Arbeiterklasse fühlten.

Neue Aufgaben für „Josef den Arbeiter“ aus der Weihnachtskrippe

In diesem ideologischen Getümmel rund um den „Tag der Arbeit“ wollte im Jahre 1955 ein anderer alter Mann nicht beiseite stehen. Der fast 80-jährige Papst Pius XII. erhob einen prominenten Zimmermann in den Status der „Arbeiters“ und machte damit den 1. Mai zu einem katholischen Gedenktag. Die Ehrung der Arbeit sollte nicht den atheistischen Systemen des Ostblocks allein überlassen bleiben. „Josef der Arbeiter“ heißt seither jener gütige, uneheliche Vater von Jesus, uns allen besser bekannt als der Mann neben dem Kindlein in der Weihnachtskrippe.

Prost! – Ein Hoch auf alle, die am 1. Mai arbeiten

August Spies hat sich das alles am 1. Mai 1886 bestimmt nicht so gedacht. Erreicht hat er einiges: Der 8-Stunden-Tag ist heute in den reichen Teilen der Welt die Regel. Und der arbeitsfreie Feiertag 1. Mai gilt in vielen Ländern für alle, die das Glück haben, den dafür passenden Beruf gewählt zu haben. Denn arbeitsfreier Feiertag für viele heißt besonders viel Arbeit für wenige, die auf unsere Sicherheit, unsere Gesundheit, unsere Mobilität achten – oder uns das Bier an den Biergartentisch schleppen.

Also lasst uns das Glas heben: Ein frisch gezapftes Maibock auf August Spies – und auf alle, die am 1. Mai arbeiten!

 

Zur Geschichte des 1. Mai siehe auch auf der Website des DGB: https://www.dgb.de/themen/++co++d199d80c-1291-11df-40df-00093d10fae2

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„Sie dürfen!“ – Ein Wort hat Konjunktur

Eine sprach-politische Betrachtung über das Wort „Dürfen“ in einer freien Gesellschaft

„Das wird man doch noch sagen dürfen“, schnauzt der Querdenker in die bereitstehenden Mikrofone der angeblichen „Lügenpresse“ – und unterstellt mit seiner Formulierung, dass es ihm irgendjemand verboten hätte, seine schräge Sicht der Dinge zu formulieren.

„Ich darf doch wohl anderer Meinung sein als Du“, ist der ultimative Schlusspunkt mancher innerfamiliären Auseinandersetzung, als ob die Freiheit der Meinung in Frage gestellt worden wäre – und nicht die Stichhaltigkeit des Arguments.

„Sie dürfen schon mal Ihre Karte reinstecken“, sagt die Supermarkt-Kassiererin zum solventen Kunden, der seinen Einkauf bezahlen will.

„Sie dürfen sich erstmal ins Wartezimmer setzen, es dauert noch einen Moment“, erteilt die Assistenz in der Hausarztpraxis dem schmerzgeplagten Patienten die hoheitliche Erlaubnis zum Hinsetzen.

Das Dürfen hat Konjunktur

Die „Dürfen“-Kurve in der deutschen Sprache seit 1946: Ein Wort hat Konjunktur. Seit 2016 geht die Wortverwendung besonders steil nach oben. Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.
Der historische Höhepunkt für das „Dürfen“ in der deutschen Sprache lag in der Zeit des Nationalsozialismus. (Datenbasis unterschiedlich zur Statistik ab 1946) Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „dürfen“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.

Das Dürfen hat Konjunktur. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern sogar messbar. Die Wortverlaufskurve des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) zeigt steil nach oben, wenn es um das Dürfen geht. Die vermeintliche Erlaubniserteilung wird im Deutschen heute so viel verwendet wie seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Der statistische Wert von heute übertrifft sogar den damalige Dürfen-Terror. Das steht als sprach-politische Botschaft donnernd im Raum, auch wenn die unterschiedliche Datenbasis der Zeiträume einen solchen Vergleich aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich nicht erlaubt.

Die Wörter-Statistik kommt erwartbar komplex zustande – kurz zusammengefasst sieht sie so aus: Ausgewertet werden zigtausende schriftliche Dokumente aus Belletristik, Zeitgeschehen, Zeitungen und Zeitschriften, und – seit es sie gibt – auch elektronische Medien. Das Dürfen hatte seinen Beliebtheitshöhepunkt in der deutschen Sprache zwischen 1930 und 1939 – und jetzt wieder. Vor allem seit 2016 steigt die Verwendungskurve für das Wort „Dürfen“ wieder steil nach oben.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen?“

„Er darf hereinkommen“, sagte in vergangenen Zeiten der Despot zum Bittsteller, den er noch nicht mal für würdig erachtete, ihn direkt anzusprechen. Der Fürst saß und der Bittsteller durfte in der Regel stehen, was immerhin eine Parallelität zur Situation an der Supermarktkasse sein dürfte.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen,“, lässt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinen Faust das Fräulein fragen, „meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“, in einer geradezu herzzerreißend verliebten Mischung aus direkter und indirekter Ansprache. Hier ist klar: Der höfliche Herr ist ein gut erzogener Bittsteller, das junge Fräulein erlaubt ihm, ihr den stützenden Arm zum Spaziergang zu reichen. Die Erlaubnis zum Dürfen wird nicht ungefragt erteilt.

Nach dieser Ordnung wäre es richtig, wenn der Kunde im Supermarkt fragt: „Darf ich schon loslegen mit der Karte?“ und die freundliche Kassenkraft antwortet: „Ja, Sie dürfen!“ Ach, da hört man doch schon das geschundene Discounter-Personal im Chor dem Autor zurufen: „Sie dürfen sich mit Ihren Spitzfindigkeiten gerne mal einen Tag an diese Kasse setzen!“ – was auch wieder im Wortsinn korrekt wäre, denn die Erlaubnis dazu wäre zweifellos vorab entsprechend von denjenigen zu erteilen, die da immer sitzen.

„Dürfen“ steht für Erlaubnis, Bitte, Aufforderung, Befürchtung

Ein Blick in das bereits zitierte Wörterbuch lehrt, dass die Bedeutungsvielfalt des Dürfens deutlich über die klassische Erlaubnis hinausgeht. Es darf auch als ethisch intendierter Imperativ gemeint sein: „Du darfst keine Tiere quälen!“ Auch der Ausdruck einer Bitte ist erlaubt – allerdings eher in verneinender Form: „Das darfst du bitte dem Vater nicht sagen …“, eine Befürchtung darf formuliert werden „Der VfB darf auf keinen Fall absteigen!“, oder in Verbindung mit dem Konjunktiv eine Wahrscheinlichkeit: „Morgen dürfte es regnen“. Die Varianten des Dürfens sind vielfältig, und so verneigen wir uns vor all jenen Menschen, die nicht von der Kindeswiege an in unserer wunderbaren Sprache aufwachsen konnten und die vielfältig unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten des Dürfens als Erwachsene bei vollem Bewusstsein erlernen müssen.

In den 70er-Jahren war „Dürfen“ nicht in Mode

Der statistische Tiefpunkt bei der Wortverwendung des Dürfens lag übrigens im Jahr 1977. Das war eine Zeit, in der die Studenten-Revolutionäre von 1968 den Marsch durch die Institutionen erfolgreich begonnen hatten. Eine sozialliberale Regierung bestimmte über Deutschlands Schicksal und musste sich mit dem Schrecken des RAF-Terrorismus herumschlagen. Die Überwindung des „Muffs unter den Talaren“ war im Gange. Es ging um Emanzipation und gegen die Atomkraft, drei Jahre später wurde in Westdeutschland die grüne Partei gegründet. Es war eine Zeit, in der mehr über das Wollen und das Können diskutiert wurde. Etwas zu „dürfen“, das war nicht up to date.

Seither klettert die Nutzungskurve des Dürfens wieder dauerhaft nach oben. „Wir haben sogar an einer Bundestagssitzung teilnehmen dürfen“, sagt der Oberstufenschüler nach der Berlinreise seiner Schulklasse, wobei sich die Frage stellt, ob er das in einer öffentlichen Sitzung nicht immer hätten tun können, wenn er es denn gewollt hätte. Oder er hätte die TV-Übertragung anschalten dürfen.

Sensibilität für unsere Werte ist gefragt

Alles nur sprachliche Petitessen? Nein, Ausdruck einer Geisteshaltung. Das „Dürfen“ setzt in allen geschilderten, alltäglichen Zusammenhängen voraus, dass es einer Erlaubnis dafür bedürfen würde. Das ist nur in den wenigsten Fällen so gegeben. In einem freiheitlichen Staat darf jeder alles sagen oder tun, auch jeden noch so großen Unsinn, wenn er nicht nach den Gesetzen unseres Landes anderen schadet, sie beleidigt oder offensichtlich lügt. Die empörte Betonung „Das darf man doch wohl noch sagen!“ ist deshalb eine Herabsetzung hoher Werte unserer individuellen Freiheit, weil sie unterstellt, da sei etwas nicht erlaubt.

Sensibilität für diese unsere Werte, die übrigens gerade in der Ukraine mit Menschenleben gegen einen Angriff verteidigt werden, ist auch im Alltag nicht fehl am Platz. Der Kunde „darf“ nicht an der Kasse zahlen, sondern er muss. Der Patient „darf“ sich nicht ins Wartezimmer setzen, sondern er soll es, weil Frau Doktor noch zu tun hat, was ja völlig in Ordnung ist. Und das Herumstehen im Gang verträgt sich nicht mit dem Datenschutz. Es ist also keine höfliche Erlaubnis, sondern eine sinnvolle Aufforderung, gedeckt durch das Hausrecht.

Und diesen Text, den dürfen die geschätzten Leserinnen und Leser nicht lesen oder hören, weil der Autor es erlaubt, sondern weil sie es wollen.

„… aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut!“

Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Wollen, Müssen, Können und Dürfen immer weiter verschwimmen, sich verrühren zu einem schlierigen Einheitsbrei? „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut“, formulierte der Münchner Künstler Karl Valentin (1882-1948) sehr treffend.

Also bitte, hier ein Appell an alle selbstbewussten Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft: Flatten the „Dürfen“-Curve! Wer etwas mag, kann es wollen und muss es nicht dürfen.

 

Die zitierte Wortstatistik zu „Dürfen“ finden Sie hier: https://www.dwds.de/wb/d%C3%BCrfen#:~:text=Mehr-,d%C3%BCrfen%20Vb.,haben‚.

Um Karl Valentin geht es auch in meinem Text zum Valentinstag. 

Weitere Essays als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Starke Frauen und ein machtgeplagter Gott

Zur Neuinszenierung der „Walküre“ in Stuttgart

Stille im dunklen Saal. Die Oper beginnt. Rauschhaft schwillt die Musik an. Ein Freund von Wagner-Musik, dem es an eigener, anderweitiger Drogenerfahrung mangelt, könnte sich genauso jenes erlösende Gefühl vorstellen, das den Körper eines Suchtkranken durchströmt, wenn der ersehnte Schuss wirkt, wenn der erste tiefe Zug aus der Zigarette nach stundenlanger Abstinenz die starre Anspannung löst.

Bunte Walküren am Start: Die Privatarmee des Göttervaters im 3. Akt von „Die Walküre“. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Wagners Noten sind ein Sog, seine Töne können für Menschen, die dafür empfindlich sind, jenen zauberhaften Sirenenklängen gleichen, gegen deren magische Macht, aber auch tödliche Wirkung, sich der antike Sagenheld Odysseus zu schützen wusste. Seiner Seefahrer-Mannschaft befahl er, sich mit Wachs die Ohren zu verstopfen. Odysseus aber wollte die tödlichen Wundertöne der rätselhaften Sirenen hören, und so ließ er sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Als er dann die verlockenden Gesänge vernahm, bettelte er seine taube Mannschaft flehentlich an, ihn loszubinden, damit er den Zauberklängen folgen könne. Aber seine Mannschaft konnte ihn dank seiner eigenen Vorsicht nicht hören.

Achtung, Trigger-Warnung!

Daher an dieser Stelle eine Trigger-Warnung: Wagners Opern können antisemitische Elemente, unkritische Deutschtümelei und ein Weltbild enthalten, das weit von heutigen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann entfernt ist. Zigarettenschachteln warnen mit drastischen Bildern vor dem Genuss ihres eigenen Inhaltes. Vielleicht sollten wir diskutieren, einen Link zu den neuesten Erkenntnissen der Wagner-Forschung auf jede Opernkarte, auf jede CD-Hülle zu drucken – oder wenigstens den Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Musikhistoriker Ihres Vertrauens“?

Vorsicht vor der politisch unkorrekter Suchtwirkung dieses Sujets ist also angeraten. Entsprechend gewappnet aber darf jede und jeder Musikfreund/in sich fast willenlos hineingleiten lassen in Wagners Musik, darf einfach hören und sich tragen lassen in eine Welt, die so machtvoll schön, und doch auch so gewalttätig toxisch ist. Das dem Rausch verfallene Opernvolk kann stundenlang stillsitzen, um ängstlich dem längst bekannten Ende entgegenzufiebern, voller Schmerz und Wehmut und Glück.

Sie wollen das erleben? Bitte schön, auf in „Die Walküre“! Für das Wagnersche Rauscherlebnis ist vor allem die Musik verantwortlich. Was Handlung und Text angeht, haben Wagner-Opern immer das ganz Große im Leben im Blick – Macht, Liebe, Gier, Geld -, also jede Menge Futter für Regieeinfälle.

Drei Regieteams, dreimal neue Konzeption

Vorsicht, Sogwirkung möglich: Die Musik von Richard Wagner kann manche Opernfreunde abhängig machen, trotz oft diskussionswürdiger Inhalte. Sieglinde und Siegmund (hier Simone Schneider, Michael König) gehen eine inzestöse Liebesbeziehung ein. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

In Stuttgart hat man mit der szenischen Umsetzung gleich drei Teams damit beauftragt – für jeden Akt eines -, und das ist mehr als ungewöhnlich. Es gibt also keine durchgängige Regieidee, sondern jeder Akt kommt mit eigener Konzeption und Anmutung daher. Es beginnt mit Ratten in einer zerstörten Welt, führt uns tief hinein in den dunklen Wald menschlicher Abgründe und endet in farbenfroher Romantik. Ein sehr sinnlicher Abend, auch wenn von den Hauptfiguren eher wenig „gespielt“ wird, dafür viel los ist im Bühnenbild, im Licht, bei den Kostümen.

Wagners Sicht auf das „Weibliche“ ist komplex. Einerseits sollen sie mit Ihrem Fordern und Handeln den Männern dazu verhelfen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Andererseits legt Wagner aber auch in der „Walküre“ die Frauen so an, dass sie im entscheidenden Moment dominieren, das weitere Geschehen bestimmen. Also hereinspaziert in die Galerie der starken Frauen:

Die Galerie der starken Frauen

Sieglinde verlässt liebestrunken den ihr ungefragt zur Zwangsverheiratung im Kindesalter zugeordneten Ehemann, und gibt sich einer inzestösen Verbindung mit ihrem Zwillingsbruder Siegmund hin. Beide sind Kinder des Ober-Gottes aus einer außerehelichen Beziehung. Das erbost die im Götterstaat für Moralfragen zuständige Fricka. Sie hält ihrem Mann Wotan eine Standpauke, an deren Ende sie ihn so weit hat, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Er erteilt seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die zusammen mit ihren acht Schwestern so etwas wie eine Frauen-Privatarmee (die Walküren) des Göttervaters bildet, den Auftrag zur Ermordung seines Sohnes Siegmund. Die aber weigert sich, beeindruckt vom authentischen Liebesbekenntnis des Siegmund zur Sieglinde, solchen väterlichen Wahnsinn auszuführen. Brünnhilde wechselt die Fronten, aber Siegmund muss trotzdem sterben (in der Stuttgarter Regie des zweiten Aktes psychologisch sehr klug gelöst).

Wotan ist ob des unbotmäßigen Verhaltens seiner Tochter fuchsteufelswild, tobt schreckerregend herum, schnauzt deren Walküren-Schwestern an, sich auf keinen Fall zu solidarisieren mit der Ungehorsamen. Brünnhilde konfrontiert ihn mutig mit der bitteren Wahrheit: Sie habe doch seinen eigentlich authentischen Willen ausgeführt! Wieder muss er, um seine Autorität zu sichern, gegen seine Überzeugung handeln, denn die Ungehorsamkeit darf nicht ungestraft bleiben. Schließlich bietet ihm seine Tochter einen Ausweg an: Sie wird nicht einfach als wehrlose Straßenhure verstoßen, wie Wotans Idee war, sondern sie erhält so viel Schutz, dass nur ein wahrer Held sie wird für sich gewinnen können. (Dazu dann mehr in „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ring“, der als Wiederaufnahme in Stuttgart am 9. Oktober 2022 Premiere haben wird).

Aus feministischer Sicht kann man sich aus guten Gründen daran stören, dass die starke Brünnhilde in einer unangemessen passiven Rolle am Ende der Oper zurückgelassen wird. Ja, so ist es. Aus Wagners Welt wird nicht posthum ein moderner Hort der Gleichberechtigung; diesen Umschwung wird keine Regie leisten.

Gefangen im Alcatraz der Verantwortung

Sollte man sich „Die Walküre“ trotzdem ansehen? Unbedingt! Nicht nur die erschreckend gegenwärtigen Bilder der Verwüstung, die den ersten Akt prägen, machen den Opernbesuch zum brandaktuellen Erlebnis, sondern auch die sehr kluge psychologische Deutung des Vater-Tochter-Konfliktes. Allen Schlaumeiern, die in (a)sozialen Netzen und anderswo – am besten anonym – über Spitzenpolitiker lästern, weil diese unter der Last der realen Verantwortung auf ihren Schultern Kompromisse machen und alte Gewissheiten aufgeben, wird der Besuch ganz besonders empfohlen. Sie könnten, wenn sie es denn zulassen, am Leibe des leidenden Göttervaters erleben, welche Qualen mit der Last der Macht, mit dem Alcatraz der Verantwortung, verbunden sind.

Es ist unsere Welt, die da verhandelt wird

Nachdenklich tritt man nach fünf Stunden heraus ins Freie; im Kopf klingen noch die letzten Takte des Rausches nach. Es ist eben doch unsere eigene Welt, die da verhandelt wurde. Man tritt heraus in eine Welt, in der verbrecherische Kriege in der Nachbarschaft geführt werden, jeden Tag wieder Ungerechtigkeiten stattfinden, geduldet und erduldet werden, in der das Klima kollabiert. Das vom Sturm zerknüllte Dach des stolzen, aber renovierungsbedürftig dahinbröselnden Opernhauses wurde soeben als Mahnmal direkt davor platziert. Man tritt hinaus und droht über Ghettoblaster und herumstehenden Bierflaschen direkt auf den Stufen des Opernhauses zu stolpern.

Man tritt hinaus und blickt hinüber zum alten Schloss, nur wenige Meter entfernt. Dort hatten Claus und Berthold Stauffenberg etliche Jahre ihrer Kindheit verbracht. Gemeinsam mit vielen anderen planten sie die Tötung Hitlers. Ihr Plan scheiterte am 20. Juli 1944, und sie wurden hingerichtet. Der Codename ihres Geheimplanes diente ursprünglich für Vorbereitungen zur Niederschlagung innerdeutscher Widerstände gegen das NS-Regime. Die Attentäter nutzten ihn als Schutz für ihre eigenen Vorbereitungen. Er lautete: „Walküre“.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 29. April 2022. 

 

„Die Walküre“ ist am Stuttgarter Opernhaus zu sehen ab 10. April 2022 an insgesamt fünf Terminen bis 2. Mai. Im Jahr 2023 werden mehrere Aufführungen des kompletten „Ring“ folgen. Zur Website der Stuttgarter Oper: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/die-walkuere/

Die antike Geschichte von Odysseus und den Sirenen ist bei „Wissen mach Ah!“ gut zusammengefasst: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/geschichteundgeschichten/bibliothek-odysseus-und-die-sirenen-100.html

Über das Frauenbild von Richard Wagner wurde viel geforscht und veröffentlicht. Sehr frisch ist die Forschung von Paul Simon Kranz, der darüber in diesem Interview berichtet: https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/aktuelles-interview-mit-paul-simon-kranz-zu-seinem-buch-richard-wagner-und-das-weibliche/184647

Zu Graf Stauffenberg in Stuttgart und zur Operation „Walküre“: https://www.hdgbw.de/ausstellungen/stauffenberg/

„Die Walküre“ ist der zweite Teil des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Mein Text zum ersten Teil, dem „Rheingold“ in der Stuttgarter Inszenierung finden Sie hier, wie auch weitere Texte als #Kulturflaneur.

Schaut auf diese Frau! – Ein Appell

Über den Mut, das Richtige zu tun

Wie würde sich dieser Moment anfühlen, wenn ich mutig wäre? Der Moment, in dem ich spüre, was die Folgen meines Handelns, meiner Entschlossenheit sind? Der Moment, in dem die Männer herbeieilen, die mich packen würden, rüde, mit festem Klammergriff, die mich abführen würden mit ernstem Blick? Die sich dabei sicher im Recht glauben würden, weil sie Teil der Macht sind? Wie würde ich mich fühlen, wenn sie mich anschreien, herumschubsen, hinführen zum Abgrund?

Die mutige Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen. Ihr weiteres Schicksal muss im Blick bleiben!

Dies hier ist die Geschichte von zwei jungen Frauen, die genau dies erlebt haben. Sie stehen für hunderte Männer und Frauen, die für ihren Mut teuer bezahlen mussten, obwohl sie auf der richtigen Seite der Geschichte standen. Sie stehen für jede kluge, mutige Tat, für jeden Moment der Courage, für jeden Augenblick, der uns spüren lässt, wie kleinmütig und ängstlich wir sind.

Sophie wollte nicht weglaufen

Der Moment nach dem Mut: Sophie spürte ihn am Rande der Balustrade in der Aula der Münchner Universität. Vielleicht war es ein Frösteln, ein Erschrecken, ein Entsetzen der Erkenntnis. Gerade hatte sie Flugblätter hinabregnen lassen in das weite Treppenhaus, zu hunderten waren sie geflattert, getänzelt, gesegelt in der akademischen Luft. Was da herabfiel auf die marmornen Treppenstufen, wollten die Mächtigen nicht lesen, und es sollten nach ihrem Willen auch andere nicht lesen. Der Hausmeister hatte Sophie entdeckt bei der verbotenen Tat, war herbeigeeilt und hatte sie festgehalten mit kräftigem, selbstgewissem Zugriff. Sophie fuhr der Schreck der Entdeckung in die Glieder, aber sie wollte gar nicht weglaufen.

Marina wusste, was ihr bevorsteht

Was genau mit Marina geschah, als sie ihren Moment nach dem Mut erlebte, wissen wir nicht. Also stellen wir es uns einfach vor: Marina stand vermutlich noch immer mit ihrem handgemalten Plakat im Fernsehstudio, hinter der ratlos erstarrten Moderatorin. Wahrscheinlich herrschte große Aufregung im Studio, keiner wusste genau, wie damit nun umzugehen ist: eine Kollegin im Bild, die dort nicht hingehörte mit einem Plakat, das man auf keinen Fall zeigen durfte. Hektisch schaltete die Regie das Bild um. Kolleginnen und Kollegen könnten um sie herumgestanden sein, ratlos, entsetzt, bewundernd, geschockt. Dann vielleicht stürmte ein Mann herbei, stellte Marina zur Rede, schrie sie an: „Weißt Du, was das hier bedeuten wird?“

Marina wusste ganz genau, was ihr bevorstand. Soeben war sie für einige Sekunden in die Hauptnachrichtensendung des russischen Fernsehens gestürmt, hatte ein Plakat entrollt und sich damit ins Bild gestellt. Auf dem Plakat standen Worte, die die Mächtigen nicht hören wollten und das Volk nicht lesen sollte.

Ein Auftritt für die Geschichtsbücher

Sophies Flugblätter konnte der Hausmeister einsammeln, und doch war ihre Botschaft in der Welt: „Jeder Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des Einzelnen, als auch das Wohl der Gesamtheit sichert.“

Sophies Mut liegt fast achtzig Jahre zurück. Marinas Mut können wir uns ansehen, einmal, mehrfach, immer wieder. Marina und ihr Plakat – diese Bilder sind unwiederbringlich in der Welt, nicht mehr auszulöschen, sie stürmten durch die sozialen Kanäle, aber-millionenfach geteilt, kommentiert, bewundert. Ein politisches Ereignis, ein Moment des Mutes, der in die Geschichtsbücher eingehen kann.

Eintrag von Sophie Scholl als 10jährige in einem Poesiealbum: „Lass nie den frohen Mut dir rauben …“  Quelle: www.http://www.sophie-scholl-in-ludwigsburg.de/ (Klick auf das Bild verlinkt zur Seite)

 

In einem Poesiealbum aus dem Kreis ihrer damaligen Freundinnen hat Sophie schon früh dem Mut zugesprochen: „Lass nie den frohen Mut Dir rauben, und halte fest an Deinem Glauben“, steht da in schöner Sütterlinschrift; dekoriert hat das zehnjährige Mädchen die Seite mit Blumen. Sophie war in einem liberalen, evangelisch geprägten Elternhaus im Schwäbischen aufgewachsen, ihr Vater war Kommunalpolitiker, ihre Mutter eine Diakonissin, die erst aus Anlass der Eheschließung ihren Orden verließ. Sophie hatte gelernt, eine eigene Meinung zu haben, sie zu vertreten und die Konsequenzen dafür zu tragen.

Marina ist 43 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, so ihre eigene Aussage. Sie war Redakteurin des staatlichen Fernsehens in Russland und ist verheiratet. „Stoppt den Krieg, glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet Ihr belogen!“ stand auf ihrem Plakat. „Russland ist der Aggressor. Ich schäme mich dafür, in der Vergangenheit für Kreml-Propaganda gearbeitet zu haben,“ sagt sie im Videostatement, das ihre mutige Aktion begleitet.

Was sie jetzt erwartet sind bis zu 15 Jahren Haftstrafe, endlose Demütigungen, Ächtung ihrer Familie, Trennung von den Kindern. Vielleicht auch der Tod, wenn der Diktator es will.

Mut kann den Tod bedeuten. Mut behält Recht

Sophie Scholl bezahlte zusammen mit den anderen Studierenden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ für ihren Mut mit dem Tod. Eine Woche lang wurde sie verhört, gequält, gedemütigt – dann nach einem absurden Tribunal von brüllenden Nazi-Richtern am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag in München hingerichtet. Sie hat Recht behalten. Stumm verneigen wir uns vor ihrem Mut, der ein Opfer war für die Wahrheit und dafür, dass wir heute so leben können, wie wir es tun.

Sophie Scholl ist tot. Nach allem, was wir wissen, lebt Marina Owsjannikowa. Ihr hilft es nicht, wenn wir stumm bleiben. Ihr Mut darf nicht vergessen werden. Sie hat uns ein Beispiel gegeben dafür, dass die Welt nicht besser wird, wenn wir alle mutlos bleiben.

Schaut auf das weitere Schicksal dieser Frau!

 

Eine gute Zusammenfassung der Aktion von  Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen finden Sie hier: https://www.dw.com/de/antikriegsprotest-im-russischen-tv/a-61132371

Über die Widerstandsbewegung „weiße Rose“ und das Schicksal von Sophie Scholl informiert die Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/weisse-rose/

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

Die feine Klinge der Ironie

Über Spott und Ironie – und das Buch „Spottlichter“ von Wolfram Hirche

Beim Spott sind die Rollen unfair verteilt. Hat der Spottende seine Freude daran, so leckt der Verspottete sich voller Selbstmitleid die Wunden. „Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine gute Pointe verzichten“, hat der irische Schriftsteller Oscar Wilde einmal die manchmal fatale Wirkung des Spotts zusammengefasst. Wilde lebte extensiv, schonte sich und die, die um ihn waren, nicht, möglicherweise auch nicht mit seinem Spott, und starb ziemlich verbittert und einsam.

Spott ist also für den Sprachfreudigen das, was zu Beginn der Pandemie für den früheren Finanzminister eine Bazooka war – das ganze schwere Geschütz. Das feine Florett in dieser Sport(Spott-?)art der Sprachkunst ist dagegen die Ironie. Sie will nicht verletzen, sondern bloßlegen. Der Unterschied ist fließend, und mancher kann mit ironischem Sprachhumor ganz generell wenig anfangen. Diese Zeitgenossen verziehen dann bei den Scherzen von „heute-Show“, „Anstalt“ oder Böhmermann stirnrunzelnd keine Miene, anstatt schallend zu lachen. Nun ja, was sagt uns das? Nach Meinung des amerikanischen Literaten William Flint Thrall ist „die Fähigkeit, Ironie zu erkennen, einer der sichersten Intelligenztests“.

Spott und Ironie – der Unterschied ist fließend

Ein Satzzeichen für Ironie – so stellte es sich Marcel Bernhardt vor. Durchgesetzt hat sich diese Ergänzung unserer Schrift nicht.

Da schaut´s schlecht aus für den Autor dieser Rezension, der sich folgerichtig keineswegs sicher war, ob die von ihm bierernst im allwissenden Netz recherchierte, nachfolgende Information für bare Münze genommen werden darf: Ein gewisser Franzose namens Alcanter de Brahm (kann ein solcher Name echt sein? Nein.) habe 1899 im wahrsten Sinne des Wortes ernsthaft ein „Ironie-Satzzeichen“ einführen wollen. Schon fürchtete der staunende Ironie-Skeptiker, im Intelligenztest ein weites Mal zu versagen, auch hier wieder einem Spaß aufzusitzen, weil er den Witz nicht durchschaut. Verunsichert schaut er sich um: Ob wohl die intelligenten Freunde der Ironie bereits beobachtend hinter dem sprachlichen Gebüsch sitzen und sich den Bauch halten vor Lachen? „Schau her, der naive Tölpel,“ hört er sie schon glucksen, „da hat er diesen Scherz mit dem Ironiezeichen tatsächlich für möglich gehalten hat.“ Ach, da ist´s nicht mehr weit zum Spott!

Alcanter de Brahm gab´s nicht wirklich. Der musikalisch anmutende Name war ein Pseudonym für den Schriftsteller Marcel Bernhardt (1868-1945). Und der hat tatsächlich ein Plädoyer gehalten für die knochentrockene Kennzeichnung der Ironie via Satzzeichen. Eine etwas wackelige Mischung aus Frage- und Ausrufezeichen sollte für alle klar machen, wo der Spaß aufhört. Übrigens war Bernhardt in bester Gesellschaft. Schon Heinrich Heine hatte dergleichen gefordert. Und auch nach Bernhardt haben weitere Pioniere sich um die orthografische Kennzeichnung der Ironie bemüht, sind bisher aber allesamt an der besonders intelligenten Dudenredaktion gescheitert.

Die Glosse: eine journalistische Herausforderung

Was bleibt uns also? Wir müssen die Ironie weiterhin selbst erkennen. Was ironisch Minderbemittelte dafür brauchen, sind große Ironiker (Achtung: Ironie!). Einer davon ist der Münchner Autor Wolfram Hirche, der seit zehn Jahren für die „Literaturseiten“ seiner Heimatstadt eine regelmäßige Glosse – auch schon wieder so ein unklarer Begriff – schreibt.

Die Glosse sei „die kürzeste, und daher schwierigste journalistische Form“, hob schon der Münchner Publizistikwissenschaftler Emil Dovifat mahnend den akademischen Zeigefinger. Abgesehen von der hochkulturell geprägten Leserschaft großer Bildungsmedien darf man die Glosse getrost als eine vom Aussterben bedrohte Spezies bezeichnen. Dem „meist kurzen und pointierten, oft satirischen oder polemischen, journalistischen Meinungsbeitrag“ (Wikipedia) hat längst der 240-Zeilen-Rotz auf Twitter oder der gerne in spöttischem Grundton daherkommende Podcast den Rang abgelaufen.

Was Markus Söder und Thomas Mann gemeinsam haben

Wolfram Hirche zeigt sich in seinem Buch „Spottlichter“ als ambitionierter Bewahrer dieser Gattung. Seine fast neunzig Glossen beleuchten „mit leichtem Spott und Ironie, scharf, aber nie verletzend“ die seltsamen Seiten des deutschen Kulturlebens (so der Verlag). Als Buch zusammengestellt ist daraus ein ironisches Kompendium des deutschen Literaturbetriebs geworden. Hier wird mit feiner Klinge gefochten, nicht mit der Spott-Bazooka, obwohl der Titel des Buches diesbezüglich etwas in die Irre führt.

Wolfram Hirche zeigt in seinen kurzen Texten größte sprachliche Brillanz und hintersinnig klugen Witz. Er greift auf großes historisches und literarisches Wissen zurück und springt elegant und oft kühn hin und her zwischen früher und heute. „Politdarsteller mit narzisstischem Rufzeichen bevölkern die Szene“, „zumal in Bayern!“, schrieb er beispielsweise im September 2021 in der Glosse „Quanten-Sprüche“, „wir brauchen den tiefen Blick ins Literarische, um Quelle und Folgen dieses ergötzlichen Charaktermodells scharf zu erkennen.“ Elegant schlägt er damit den Bogen von Söder, Johnson und Trump hin zu Thomas Mann und dessen Figur „Felix Krull“. Alles Hochstapler!

Die Sammlung ist ein heiteres und anregendes Buch, wenn auch nicht ohne Wiederholungen (was daran liegt, dass eine Glosse in einer Monatszeitschrift über zehn Jahre Inhalte und Aussagen haben darf, die sich wiederholen – die aber dann, hintereinander in einem Buch gelesen, mitunter redundant wirken). Trotzdem: Die „Spottlichter“ bilden, unterhalten und lassen den literaturbegeisterten Bildungsbürger schmunzeln. Sehen Sie hier ein Ironiezeichen? Nein, nicht nötig.

 

Die „Spottlichter“ von Wolfram Hirche mit (sehr einfallsreichen) Illustrationen von Christopher Oberhuemer sind im Januar 2022 erschienen im Verlag p.machinery und dort, sowie auf den anderen üblichen Plattformen als e-Book zum Spottpreis von 4,99 € erhältlich. Wer ein gedrucktes Exemplar möchte, muss dafür 16,99 € berappen. Link zur Verlagsseite: https://www.pmachinery.de/unsere-bucher/auser-der-reihe/ausser-der-reihe-band-61-70/hirche-wolfram-spottlichter

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Waffen und Gewissen – Eine Selbstkritik

E-Mails gab es noch nicht. Also war die Einladung mit der Post gekommen. Billiges Papier, ein grauer, grobfaseriger Briefbogen. Ein Vordruck, die Leerstellen ausgefüllt mit Schreibmaschine.

Der Raum: Eine Amtsstube, Resopaltische, an der Wand ein Foto von Walter Scheel, ein Gummibaum. Graustichige Gardinen an den Fenstern.

Der Prüfling saß alleine an einem Tisch; ihm gegenüber die Kommission: drei ältere Herren, freundlich, graue Haare, graue Anzüge, schlechtsitzende Krawatten. An einem eigenen Tisch rechts daneben: eine Dame mit Hochsteckfrisur, erwartungsvoller Blick über die Schreibmaschine.

Der Gegenstand der Verhandlung: Eine Gewissenprüfung.

Zwei Zeitenwenden sind seither vergangen

Zwei „Zeitenwenden“ sind seither vergangen. Die eine, Herbst 1989, die wir erlebten, als wir mit Tränen in den Augen vor dem gewölbten Bildschirm unseres Röhrenfernsehers hockten. Angespannt und ungläubig starrten wir die verschwommenen Bilder von Menschen an, die auf der Berliner Mauer tanzten, die mit jubelnd-suchendem Blick hindurchtraten durch die wilde, unerwartete Lücke der Geschichte, die hinaustraten in die verheißungsvolle Welt westlich des Brandenburger Tores.

Und dann die andere, Februar 2022: Jetzt sind die Bilder gestochen scharf und sie rühren uns nicht nur an, sie machen Angst. Es sind Bilder eines brutalen Überfalls mitten in Europa, von brennenden Wohnhäusern, von Menschen im fragilen Schutz der Metrostationen, weinend, verzweifelt, ihrer Existenz beraubt und um ihr blankes Leben fürchtend, auf der Flucht. Wir spüren: Das könnten auch unsere Wohnhäuser sein, unsere U-Bahn, unsere Existenz, unser Leben.

Naiv-pazifistische Überzeugung, Angst und Feigheit

Zurück in die Amtsstube von 1977. Der Prüfling wollte nicht zum „Bund“. Es war eine diffuse Mischung, die da zusammenkam. Naiv-pazifistische Überzeugung, aber auch schlotternde Angst vor dem legendär gefürchteten Gebrüll der Grundausbilder, die im Ruf sadistischer Wesenszüge standen.  Und bange Feigheit vor der alkoholgeschwängerten Stubenkultur jener Rekruten, die gegen jedes Monatsende an den Bahnhöfen ohrenbetäubend lärmten und randalierten; an deren aggressivem Glück der wiedergewonnenen Freiheit nach ihrer Entlassung aus dem Wehrdienst er sich besser unauffällig vorbeidrückte.

Als es noch eine Wehrpflicht gab, erhielt jeder junge Mann in der Bundesrepublik einen Wehrpass. Wer nicht zur Bundeswehr wollte, musste zur Gewissensprüfung.

Dem unsportlich-schmächtigen Jugendlichen voller pubertärer Verklemmung und intellektuellem Hochmut schwante nichts Gutes, wenn er sich mit dieser Sorte Gleichaltriger einen Raum mit Stockbetten und Spinden teilen sollte. Die da am Bahnhof, die waren gleichen Schlages wie jene, die dem Grundschüler schon auf dem Schulweg aufgelauert hatten. Das waren die gleichen grobschlächtigen Rabauken, die plötzlich herausgekrochen kamen aus dem schützenden Gebüsch, sich ihrem schwächlichen Opfer in den Weg stellten, voller Vorfreude auf das angebliche Recht des Stärkeren. Sie nahmen den Mitschüler in den „Schwitzkasten“, rissen an seinem Ranzen, zerstreuten den Inhalt auf das staubige Trottoir, verhöhnten seine Tränen. Dorthin wollte er nicht zurück.

Keine Stechmücke töten?

Dann also lieber die Gewissensprüfung. Immerhin, das war sein Terrain. Ganz sicher war sich der Prüfling gewesen in seiner Argumentation: „Ich kann wirklich keiner Fliege etwas tun“, soll er gesagt haben, „auch eine Stechmücke kann ich nicht erschlagen, wenn sie noch so heftig sticht.“ So steht es geschrieben im Schreibmaschinen-getippten Protokoll auf hauchdünn durchscheinendem Durchschlagpapier. „Wenn wir uns in einem gedachten Ernstfall nicht verteidigen“, habe er danach weiterhin ausgeführt, „dann fügt uns der Angreifer weniger Leid zu. Er zwingt uns zwar ein anderes System auf, aber ich kann damit leben. Es gibt weniger Tote, wenn man sich ergibt.“

Aber die drei Herren waren nicht überzeugt. Der Antragsteller habe, so die Begründung der Gewissensprüfer, „für das Empfinden des Ausschusses mitunter zu deutlich übertrieben.“ Der Prüfling habe „taktiert, anstelle ehrlich preiszugeben, was er wirklich empfindet.“

Was für ein Glück der Rechtsstaat bereithält! Auch im Verfahren der Gewissenprüfung für Kriegsdienstverweigerer, das 1983 ganz abgeschafft wurde, gab es ein Widerspruchsrecht. Auch dort: Resopaltische und Gummibaum. Jetzt hing Karl Carstens im Rahmen. Drei andere Herren prüften nun das Gewissen in zweiter Instanz. Erneut galt es, die Gewissennöte darzulegen, und jetzt überzeugten sie dank größerer Demut und besserer Vorbereitung.

Der Prüfling entkam somit erfolgreich gefürchteten fünfzehn Monaten Kommissgebrüll und Stubenterror. Er bezahlte seine Erleichterung mit dem um einen Monat verlängerten Zivildienst, den er in einem neonbeleuchteten Kellerraum damit verbrachte, ungezählte Luftmatratzen auf ihre Dichtigkeit zu prüfen und die mangelhaften zu reparieren. Kiloweise kratzte er Wiesendreck von der Unterseite großer Gruppenzelte, damit die nächsten Jugendgruppen saubere Zeltböden auf erdige Wiesen stellen und ungestört luftgepolstert auf diesen nächtigen konnten.

Das Gleichgewicht war bedrohlich, aber stabil

Es war die Zeit des „Kalten Krieges“. Die atomar bewehrten Weltmächte standen sich in starren Blöcken entlang des „Eisernen Vorhangs“ gegenüber, das Gleichgewicht der Abschreckung war bedrohlich, aber stabil. Es war die Welt, in die Putin zurückwill. Der Prüfling liest seine damalige Argumentation, und sie treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht. Wie kann man nur so naiv sein? Nicht mal einer Stechmücke könne er etwas zuleide tun? Das praktische Leben hat das Gegenteil bewiesen. Lieber jede denkbare Gewalt-Knechtschaft erdulden, als sich zu wehren?

Der Prüfling von damals ist heute differenzierter unterwegs: Der Überfall eines Übermächtigen auf einen Schuldlosen, einen Schwachen, empört die Gerechtigkeit. Die blanke militärische Gewalt, nicht oder nur fadenscheinig begründet, schreit nach legitimer Gegenwehr. Der Schwache muss sich doch wehren dürfen, wenn die Raketen oder Panzer seine Wohnhäuser zertrümmern. Dann braucht er eben auch Raketen und Panzer, die das verhindern können. Und dafür braucht es allseits geachtete Menschen, die im Militär ihr Leben aufs Spiel setzen, damit die Möglichkeit erhalten bleibt, Zeilen wie diese hier zu verfassen. Dies alles mit pazifistisch-überheblicher Moral abzutun, ist egoistisch und selbstgerecht.

Ein Plädoyer für Selbstkritik

Selbstkritik ist also angebracht für alle, die es sich – überzeugt davon, dass wir nur noch von Freunden umgeben wären – im Wohlfühl-Pazifismus bequem gemacht haben. Und doch: Auch wer militärische Gegenwehr, Unterstützung mit militärischer Ausrüstung und harte Sanktionen in einem solchen Fall als gerechtfertigte Nothilfe akzeptiert und unterstützt, darf doch immer gleichzeitig auch zweifeln. Wir sollten „wachsam bleiben, jede noch so berechtigte Genugtuung über Waffenlieferungen als Zumutung zu empfinden“, schreibt der Historiker Prof. Roman Birke (Universität Jena) in einem überaus klugen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.

Man darf auch jetzt der sich hochschraubenden Gewaltspirale des Militärischen jederzeit mit Skepsis und Zweifeln begegnen. Eine demokratisch organisierte Gesellschaft kann ihre Regierung unter Schmerzen legitimieren, trotzdem wehrhaft zu handeln. Für den Einzelnen aber bleibt es eine Gewissensentscheidung, ob er oder sie sich mit einer Waffe in die Hand schuldig machen will an Leib und Leben anderer. Und prüfen kann das nur jeder selbst.

 

Der Aufsatz von Roman Birke ist überaus lesenswert: https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2022-03-03/page_2.518607/article_1.5540030/article.html

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. Um den Überfall auf die Ukraine geht es auch in dem Essay „Der Krieg ist da“.

Der Krieg ist da – Eine politische Erzählung

Ein warmer Augusttag, mitten in den Schulferien. Eigentlich Hochsommer, aber es war nicht so warm, dass das gemeinsame Abendessen im Garten einladend gewesen wäre. Die Mutter klapperte in der Küche herum, bald sollte es ein klassisches Abendbrot geben: Schwarzbrot, Käse, Wurst, ein paar saure Gurken. Der Zwölfjährige lümmelte im heimischen Wohnzimmer auf dem Sofa herum. Ein Strahl der Abendsonne brach durch die Wolken und ließ die hölzerne Bücherwand kurz aufglänzen: Tolstoi, Mann, Kafka – der Blick des Kindes huschte über die vertrauten Rückenbeschriftungen. Dann blätterte es weiter in der neuen „Micky Maus“, gerade heute noch vom Kiosk geholt, mit Taschengeld bezahlt.

Der Vater stürmte zum Radio

Der Junge blickte auf, als sich die Türe öffnete und sein Vater hereintrat, nein, hereinstürmte. Ernst schaute er drein, der Vater, kein Lächeln wie sonst, kurz nur und ohne Blickkontakt, war sein Gruß. Er musste eben aus der Arbeit zurückgekommen sein, die Haustüre war gar nicht zu hören gewesen. Vielleicht war sie auch offen gestanden, wegen dem Sommer, oder wegen dem Hund. Jetzt stürmte der Vater zum Radio, diesem großen Holzkasten mit der Stoffbespannung und der goldwarm leuchtenden Tabelle mit den faszinierenden Ortsnamen, dahinter der rote Strich, der sich bewegen ließ. Nervös drehte der Vater an den beiden Knöpfen, lauter soll es werden, und besser verständlich. Im Zischen und Rauschen des Äthers soll das Gerät einfangen, was los ist in dieser Stunde.

„Was ist denn los?“, fragte das Kind, aber der Vater antwortete nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Rauschen und Knacken, das da aus dem Trichter quoll, der sich hinter der beigen Stoffbespannung schemenhaft abzeichnete.  Endlich hatte er einen Sender gefunden, der nicht Musik dudelte, nicht Schlager spielte oder Volksmusik.

„Die Regierung der Tschechoslowakei hat entschieden,“ sagte eine ernste Männerstimme, „der Intervention der Truppen aus der Sowjetunion, aus Ungarn, Polen und Bulgarien keinen militärischen Widerstand entgegenzusetzen“. Der Vater atmete tief durch.

„Was ist denn los?“, wiederholte der Sohn seine Frage.

„Es könnte wieder Krieg geben“, sagte der Vater

„Es könnte wieder Krieg geben“, antwortete der Vater leise. Seine Aufmerksamkeit galt noch immer nicht dem fragenden Kind, sondern den Nachrichten aus dem Radio.

Sowjetische Panzer auf dem Wenzelsplatz in Prag am 21. August 1968 (Foto: FaceMePLS, flickr, CC BY 2.0)

Dort fasste der Sprecher die Ereignisse des Tages zusammen: Nachdem eine demokratisch und freiheitlich geprägte Reformbewegung in der Tschechoslowakei umfassende Reformen zur Liberalisierung der sozialistischen Staatsordnung eingeleitet hatte, waren am frühen Morgen dieses Augusttages Panzer der „sozialistischen Bruderstaaten“ unter Führung der Sowjetunion in das Land eingerollt und bis in das Zentrum von Prag vorgestoßen. Verzweifelte Bürger hatten sich ihnen entgegengestellt, aber sie hatten keine Chance gegen die Drohung der Stahlketten und Geschütze.

„Wenn sie sich nicht wehren“, murmelte jetzt der Vater, „muss es vielleicht keinen Krieg geben.“

„Warum Krieg?“ Das Kind war zu ratlos, um besorgt zu sein. „Ich dachte, das ist vorbei, das kommt nie wieder. Hast du immer gesagt!“

„Ja, dachte ich auch.“ Der Blick des Vaters ging jetzt hinaus zum Fenster, vorbei an den Büchern, hinaus in den Vorgarten, auf die akkurat gestutzte Hecke, den grünen Rasen. Der Dackel sprang darauf herum.

„Dachte ich auch“, wiederholte der Vater.

Krieg – Ein Wort mit dem Klang von unwiederbringlich Vergangenem

Wieder Krieg – hier? Entsetzt starrte das Kind den Vater an. Hier, in unserem Städtchen? Hier in unserem Wohnzimmer? Unvorstellbar. Krieg – Das Wort war so groß, sein Klang hatte etwas unwiederbringlich Vergangenes. Krieg, das war etwas aus der Welt seiner Eltern, etwas aus ihrer Geschichte, mit der er nichts, aber auch gar nichts, zu tun hatte. Krieg? Obwohl der Familienurlaub noch bevorstand? Krieg? Geht man im Krieg eigentlich auch zur Schule?

Natürlich wusste der Sohn um den Krieg, der zehn Jahre vor seiner Geburt zu Ende gegangen war. Er kannte die Schwarz-Weiß-Bilder der Zerstörung. Es waren Bilder von rauchenden Ruinen und zerlumpten Menschen, denen man ansah, dass sie nichts mehr hatten, nur sich selbst. Der Sohn hatte die Geschichten gehört von der Flucht seiner Mutter, von der Kriegsgefangenschaft des Vaters. Aber gerne darüber reden – das wollten die beiden ohnehin nicht.

Nun lebten sie seit zwanzig Jahren als Familie in Süddeutschland, hatten sich eine neue Existenz aufgebaut. Sie waren angekommen in einem Leben mit wiedererlangtem bürgerlichem Wohlstand, mit Haus und Garten, Dackel und vier Kindern. Nur Hohn und Spott hatten die Eltern übrig für die Ewiggestrigen, für Vertriebenenverbände und Heimatvereine, die davon träumten, dass man die Folgen der kriegerischen Katastrophe wieder rückgängig machen könnte.

„Wenn die Amerikaner eingreifen, dann gibt es wieder Krieg,“ hörte das Kind jetzt den Vater. „Wenn sich die Tschechen aber nicht wehren, dann werden die Amerikaner auch nicht eingreifen.“

Der Verzicht darauf, sich zu wehren, sicherte den Frieden

So kam es. Die Freiheitsbestrebungen der Menschen in der Tschechoslowakei waren im „kalten Krieg“ dem westlichen Bündnis unter Führung der USA schlicht nicht wichtig genug gewesen, um einen Krieg zu riskieren. Sie wollten nicht die Stabilität einer Weltordnung gefährden, in der nun einmal die Tschechen und die Slowaken zur Einflusssphäre der Sowjetunion gehörten. Das wusste auch die reformerische Führung der Tschechoslowakei, sie verzichtete auf Gewalt, musste das Diktat Moskaus akzeptieren und nahm alle Reformen zurück. Die Verantwortlichen des „Prager Frühlings“, wie der Westen die kurze Phase reformerischer Liberalisierung im Frühjahr und Sommer 1968 nannte, wurden in Moskau inhaftiert und mussten um ihr Leben fürchten. Ihre Entscheidung, sich nicht zu wehren, sicherte damals für Europa den Frieden.

Es ist bekannt, wie es weiterging. Das sowjetische Machtsystem, der „Ostblock“, kontrollierte die Hälfte Europas noch zwanzig Jahre lang, bis es völlig überaltert und reformunfähig kollabierte. Unter dem Reformer Gorbatschow zerfielen die Blöcke. Die meisten europäischen Staaten nutzten die Chance auf Selbstbestimmung, und den Deutschen bescherte sie noch dazu das Glück eines wiedervereinigten Heimatlandes.

„Dies ist Putins Krieg“, sagt der Kanzler

Nun ist es ein frühlingshafter Februartag, und das Kind von 1968 ist längst älter als sein Vater es damals war. Fassungslos sitzt der erwachsene Mann vor dem Fernseher und verfolgt die Bilder aus der Ukraine: Heulende Sirenen und von Flüchtenden verstopfte Straßen in einer europäischen Hauptstadt, deren Regierung demokratisch gewählt wurde. Bilder von rollenden Militärkolonnen und  Bombenkratern und einem russischen Präsidenten, der mit absurden Falschdarstellungen einen Angriffskrieg rechtfertigen will.

„Dies ist Putins Krieg“, sagt der Bundeskanzler. Krieg? Hier in Europa? Krieg? Es sind die vermeintlichen Wahrheiten der letzten fünfzig Jahre, die hier zusammenstürzen: Dass wir die Feindschaften auf diesem Kontinent für immer überwunden hätten. Dass wir gelernt hätten, Streit friedlich lösen zu können und nicht mit Waffen. Dass es universale Menschenrechte gibt, auf Freiheit und Selbstbestimmung, auf Frieden und Unverletzlichkeit von Grenzen. Dass wir uns pazifistisches Denken und den Luxus einer kleinen Armee gönnen könnten zugunsten von niedrigen Steuern. Dass wir uns Wohlstand durch Handel sichern könnten, anstatt aufeinander zu schießen.

53 Jahre sind vergangen. Röhrenradios gibt es nur noch in Vintage-Läden, der Dackel ist tot und die Bibliothek der Eltern in alle Winde zerstreut. Der bange Blick richtet sich auf den Bildschirm, auf das Display des Smartphones. Wird sich die Ukraine wehren? Der Krieg ist da.

 

Mehr Informationen über den „Prager Frühling“ z.B. auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: https://osteuropa.lpb-bw.de/prager-fruehling

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