Für Polina, von Takis Würger, erschienen 2025 im Diogenes Verlag, 293 Seiten
ausgelesen am 26.07.2026
Ankündigung: In meinem heutigen Text zu Für Polina werde ich wenig zum Inhalt des Buches verraten, da ich hoffe, dass alle meine LeserInnen dieses Buch ebenfalls lesen werden und ich möchte nicht ein einziges Detail verraten. Zu wichtig ist jede Wendung und jedes Detail.
Ich habe Für Polina gelesen, weil Martin Suter dieses Buch in einer seiner letzten Veröffentlichungen als Lieblingsbuch bezeichnet. Ich lese viel; Altes, Neues, mal mit Anspruch und auch viel Anspruch, mal entspannend. Suter gehört sicher eher zur letzten Kategorie, aber ich liebe seinen sanft wiegenden Erzählstil und schätze ihn v.a. als Abendlektüre sehr. Sein Urteil zählt für mich durchaus. Nun bekam ich vor wenigen Tagen Für Polina geschenkt und ich habe sie allen anderen Aspiranten auf meinem Bücherlesestapel vorgezogen, eine Sonderbehandlung, deren sie sich als wert erwies.
Heute Vormittag bin ich am Ende von Für Polina angekommen, natürlich mit großem Bedauern, mit Trauerschmerzen, dass wieder ein gutes Buch, deren Geschichte ich gerne immer weiter gelesen hätte, endet. Ich habe Hannes, den teilweise autistischen jungen Mann und Protagonisten des Buches, von Anfang an geliebt, Polina, seine Seelenverwandte, mit ihrem Hunger nach Leben verstanden und wollte sie doch oft ganz mütterlich in den Arm nehmen und vor den Stromschnellen des Lebens bewahren (habe selbst eine Tochter), bin durch Hamburg gelaufen (kenne jede beschriebene Ecke vom Grindel bis zum Treppenviertel) und saß mit ihm im Prinzregententheater, dem „Prinzi“, in München, meiner Heimatstadt. Diese örtliche Nähe und mein Wissen darum sind sicher auch Teil der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich im Buch bewegen konnte.
Ganz außerordentlich in diesem Buch natürlich die Bedeutung der Musik. Allein die Beschreibung von Glenn Goulds Aufnahmen des Wohltemperierten Klaviers sind mir bestens bekannt, praktisch eins zu eins zu einer Ausführung meines Akkordeonlehrers. Ich habe die Buchseite auch gleich fotografiert und an ihn geschickt. So viel sei verraten: Musik, Klaviere und Flügel wie auch deren Transport spielen eine außerordentliche (wörtlich verstanden) Rolle in diesem Buch.
Takis Würger ist ein wundervoller Webteppich, ein Kelim? (für Insider, sh. Buch), gelungen, der die Leben der einzelnen Protagonisten zusammenführt und doch deren einzelne Fasern als eigenständige Muster belässt. Vieles ist so filigran beschrieben, lässt nur Gefühle anklingen, skizziert Situationen, dass man Angst hat, bei zu heftigen „Leseattacken“ das feine Spinnennetz zu zerreißen.
Am Ende des Buches erwartete mich ein Foto von John Daniel, ein Gorilla, der im Buch eine übertragene Rolle spielt – so viel sei verraten. Nun habe ich auch seinen Wikipediaeintrag https://de.wikipedia.org/wiki/John_Daniel_(Gorilla) gelesen, wohl ahnend, dass dieser Teil der Geschichte historische Wurzeln hat.
Darunter die einfache Frage von Takis Würger, wie das Buch gefallen hat, dazu eine Emailadresse. Sehr ungewöhnlich, aber ich habe mich gefreut, und dies daher als Aufforderung verstanden und meinen Mailaccount geöffnet und geschrieben. Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Korrespondenz?
Leseempfehlung: für Literatur- und MusikliebhaberInnen; für Klaviertransporteure; für SpaziergängerInnen in Hamburg, Hannover und anderswo; für Menschen, die an die Lebensliebe und die Freundschaft glauben; für FreundInnen von Moorhühnern
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