Ein zorniger Brief nach der Wahl in Sachsen-Anhalt
Wenig verehrtes halbes Wahlvolk von Sachsen-Anhalt,
Ihr habt gestern Parteien gewählt, die Euch das Blaue vom Himmel versprechen, die Euch mit Lügen und billigen Vereinfachungen in eine Zukunft locken wollen, die es nicht gibt. An Euch, an diese Hälfte richten sich meine Zeilen. Sie werden Euch nicht interessieren, aber das stört mich nicht, denn sie interessieren mich. Ich habe mit Euch zu tun, weil Ihr seid ein Teil auch meines Landes – ein Teil von Deutschland.

Das Problem seid Ihr. Das Problem sind nicht der freundliche Ulrich oder die Eisfrauen Alice und Sahra, denen Ihr hinterherlauft. Ihr seid zu bequem, um nachzudenken. Ihr könntet Euch die Mühe machen, die Komplexität der Welt wenigstens gelegentlich verstehen zu wollen. Das macht Ihr aber nicht. Zu engstirnig seid Ihr, um den Wert des Kompromisses zu erkennen. Zu geizig seid Ihr, um Euch Nachrichtenquellen zu leisten, die an der Suche nach Fakten interessiert sind. Stattdessen rennt Ihr den Rattenfängern hinterher, die ihre dumme Soße in das Billignetz der Halb- und Unwahrheiten quetschen.
Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt
Das Problem ist Eure Blindheit für die Welt. Euer Horizont hinter den Vorgärten der schmuck sanierten Häuschen reicht nicht weiter als bis zu Eurem geschmacklosen Jägerlattenzaun. Nichts dahinter interessiert Euch wirklich. Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal. Die seelischen und körperlichen Qualen von Menschen, die nicht dem Weltbild Eurer Gartenzwerge entsprechen, kennt Ihr nicht und glaubt deshalb, dass Ihr sie ignorieren könnt. Oder wegsperren. Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt.
Ihr wollt gute Straßen haben für Eure zu großen Autos, aber Steuern zahlen wollt ihr so wenig wie möglich. Ihr wollt Strom haben aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, aber der Waldbrand und die Überschwemmung nebenan sind Euch egal. Ihr wollt das haben, was Ihr „Meinungsfreiheit“ nennt, aber der Kultur, den Theatern, den Schulen und Universitäten wollt Ihr vorschreiben, was sie zu verbreiten haben. Ihr wollt Pflege für Eure Großeltern jetzt, und später auch für Euch selbst, aber Pflegekräfte aus dem Ausland nennt Ihr „kulturfremd“.
Stolz auf mein Land wollt Ihr sein
Stolz auf mein Deutschland wollt Ihr sein, aber von der deutschen Geschichte wollt Ihr Euch nur das herauspicken, was Euch passt. Eure Idole faseln von einer „erinnerungspolitischen Wende“, und wenn Ihr an den Stammtischen, in den Telegram-Foren, im ganzen digitalen Sumpf dazu nickt und liked, dann macht schon mir das Angst – und erst Recht den jüdischen Menschen, den Fremden, den Anderen.
Dem breiten Grinsen vom freundlichen Ulrich habt Ihr vertraut, mit Freibier und Bratwürsten habt Ihr Euch bestechen lassen, und jetzt seid Ihr stolz auf Eure Selfies mit dem künftigen Ministerpräsidenten. Allen anderen Kandidaten habt Ihr gar nicht mehr zuhören wollen, wenn sie Euch mit Sachthemen zur Landespolitik überzeugen wollten. Alles lästig. Viel einfacher ist es, Eurem dumpfen Zorn gegen Friedrich Merz Luft zu machen. Ganz sicher, der Bundeskanzler hat viele Fehler zu verantworten – aber der stand gar nicht zur Wahl. Diese Unterscheidung ist zu kompliziert für Euch.
Jetzt bekommt Ihr die Regierung, die Ihr Euch gewählt habt
So werdet Ihr jetzt die Regierung bekommen, die Ihr Euch gewählt habt. Sie wird ein paar Symbole umsetzen. Sie wird das Gendern an Schulen und in Ämtern verbieten. Sie wird Euch einreden, dass Ihr bald keine Gebühren mehr zahlen müsst für TV und Radio, und Euch glauben machen, dass Ihr irgendetwas gewinnt, wenn Ausländer malträtiert werden.
Und es wird nicht lange dauern, bis die rechten Zauberlehrlinge Euch erzählen werden, dass sie alle ihre schönen Versprechen von einer besseren Welt gar nicht erfüllen können. Sie werden sagen, dass sie da nichts dafür können, sondern die Regierungen zuvor schuld sind oder die Bundespolitiker in Berlin oder Europa oder sonst wer. Und Ihr werdet auch das wieder glauben.
Euch ist wirklich nicht zu helfen.
Euer Andreas Vogt
Es lohnt sich, im Zusammenhang mit der politischen Zukunft von Sachsen-Anhalt noch einmal das Theaterstück „Ein Volksbürger – eine politische Farce mit Fabian Hinrichs“ anzusehen. Darüber gab es schon einmal einen Text auf vogtpost.de: „Artikel siebenunddreißig und vierundachtzig“
Der Film ist noch immer (bis 2.20.2027) online auf ARTE.
Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.