Ihr seid das Problem. Nicht der freundliche Ulrich.

Ein zorniger Brief nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

Wenig verehrtes halbes Wahlvolk von Sachsen-Anhalt,

Ihr habt gestern Parteien gewählt, die Euch das Blaue vom Himmel versprechen, die Euch mit Lügen und billigen Vereinfachungen in eine Zukunft locken wollen, die es nicht gibt. An Euch, an diese Hälfte richten sich meine Zeilen. Sie werden Euch nicht interessieren, aber das stört mich nicht, denn sie interessieren mich. Ich habe mit Euch zu tun, weil Ihr seid ein Teil auch meines Landes – ein Teil von Deutschland.

„Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal.“ Bild von Javier Robles auf Pixabay

Das Problem seid Ihr. Das Problem sind nicht der freundliche Ulrich oder die Eisfrauen Alice und Sahra, denen Ihr hinterherlauft. Ihr seid zu bequem, um nachzudenken. Ihr könntet Euch die Mühe machen, die Komplexität der Welt wenigstens gelegentlich verstehen zu wollen. Das macht Ihr aber nicht. Zu engstirnig seid Ihr, um den Wert des Kompromisses zu erkennen. Zu geizig seid Ihr, um Euch Nachrichtenquellen zu leisten, die an der Suche nach Fakten interessiert sind. Stattdessen rennt Ihr den Rattenfängern hinterher, die ihre dumme Soße in das Billignetz der Halb- und Unwahrheiten quetschen.

Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt

Das Problem ist Eure Blindheit für die Welt. Euer Horizont hinter den Vorgärten der schmuck sanierten Häuschen reicht nicht weiter als bis zu Eurem geschmacklosen Jägerlattenzaun. Nichts dahinter interessiert Euch wirklich. Der millionenfache Tod von Menschen überall auf der Welt, aus Armut, aus Angst vor Not und Gewalt ist Euch egal. Die seelischen und körperlichen Qualen von Menschen, die nicht dem Weltbild Eurer Gartenzwerge entsprechen, kennt Ihr nicht und glaubt deshalb, dass Ihr sie ignorieren könnt. Oder wegsperren. Wer anders ist als Ihr, ist Euch suspekt.

Ihr wollt gute Straßen haben für Eure zu großen Autos, aber Steuern zahlen wollt ihr so wenig wie möglich. Ihr wollt Strom haben aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung, aber der Waldbrand und die Überschwemmung nebenan sind Euch egal. Ihr wollt das haben, was Ihr „Meinungsfreiheit“ nennt, aber der Kultur, den Theatern, den Schulen und Universitäten wollt Ihr vorschreiben, was sie zu verbreiten haben. Ihr wollt Pflege für Eure Großeltern jetzt, und später auch für Euch selbst, aber Pflegekräfte aus dem Ausland nennt Ihr „kulturfremd“.

Stolz auf mein Land wollt Ihr sein

Stolz auf mein Deutschland wollt Ihr sein, aber von der deutschen Geschichte wollt Ihr Euch nur das herauspicken, was Euch passt. Eure Idole faseln von einer „erinnerungspolitischen Wende“, und wenn Ihr an den Stammtischen, in den Telegram-Foren, im ganzen digitalen Sumpf dazu nickt und liked, dann macht schon mir das Angst – und erst Recht den jüdischen Menschen, den Fremden, den Anderen.

Dem breiten Grinsen vom freundlichen Ulrich habt Ihr vertraut, mit Freibier und Bratwürsten habt Ihr Euch bestechen lassen, und jetzt seid Ihr stolz auf Eure Selfies mit dem künftigen Ministerpräsidenten. Allen anderen Kandidaten habt Ihr gar nicht mehr zuhören wollen, wenn sie Euch mit Sachthemen zur Landespolitik überzeugen wollten. Alles lästig. Viel einfacher ist es, Eurem dumpfen Zorn gegen Friedrich Merz Luft zu machen. Ganz sicher, der Bundeskanzler hat viele Fehler zu verantworten – aber der stand gar nicht zur Wahl. Diese Unterscheidung ist zu kompliziert für Euch.

Jetzt bekommt Ihr die Regierung, die Ihr Euch gewählt habt

So werdet Ihr jetzt die Regierung bekommen, die Ihr Euch gewählt habt. Sie wird ein paar Symbole umsetzen. Sie wird das Gendern an Schulen und in Ämtern verbieten. Sie wird Euch einreden, dass Ihr bald keine Gebühren mehr zahlen müsst für TV und Radio, und Euch glauben machen, dass Ihr irgendetwas gewinnt, wenn Ausländer malträtiert werden.

Und es wird nicht lange dauern, bis die rechten Zauberlehrlinge Euch erzählen werden, dass sie alle ihre schönen Versprechen von einer besseren Welt gar nicht erfüllen können. Sie werden sagen, dass sie da nichts dafür können, sondern die Regierungen zuvor schuld sind oder die Bundespolitiker in Berlin oder Europa oder sonst wer. Und Ihr werdet auch das wieder glauben.

Euch ist wirklich nicht zu helfen.

Euer Andreas Vogt

 

Es lohnt sich, im Zusammenhang mit der politischen Zukunft von Sachsen-Anhalt noch einmal das Theaterstück „Ein Volksbürger – eine politische Farce mit Fabian Hinrichs“ anzusehen. Darüber gab es schon einmal einen Text auf vogtpost.de: „Artikel siebenunddreißig und vierundachtzig“

Der Film ist noch immer (bis 2.20.2027) online auf ARTE. 

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Ein echter – und drei falsche Könige

„Heilige Drei Könige (regionaler Feiertag)“ meldet der elektronische Kalender auf der Terminliste. Auch der gedruckte ordnet den 6. Januar den drei Königen zu. In jeder besseren Krippendarstellung tauchen die drei Könige auf, derer an diesem Tag gedacht werden soll. Dabei hat es sie niemals gegeben.

Es ist Zeit für einen echten König

Es ist also Zeit für einen echten König. Als 18-jähriger junger Mann hatte Rudolf eine beschwerliche Reise über das Meer auf sich genommen. Sechs Jahre lang war er  „Gast“ einer Lehrerfamilie in der württembergischen Kleinstadt Aalen gewesen, hatte Deutsch gelernt, deutsche Schulen besucht. Rudolf war ein wacher, intelligenter junger Mann. Als er im Auswärtigen Amt in Berlin hospitierte, lernte er zu verstehen, wie deutsches Regierungshandeln funktioniert. Schließlich kehrte er in seine Heimat zurück, und wurde tatsächlich König seines Volkes.

Rudolf Duala Manga Bell (rechts) und die Aalener Lehrerfamilie Oesterle. Foto: Roeger/Platino, bereitgestellt von MARKK Hamburg

Ein Märchen? Nein, die Wahrheit. Rudolf Duala Manga Bell war König des Volkes der Duala in Kamerun. Wir blicken zurück auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, und Kamerun war eine deutsche Kolonie. Deutsche Soldaten hatten mit Waffengewalt Rudolfs Großvater einen „Schutzvertrag“ aufgezwungen, der den Duala angeblichen „Schutz“ vor nicht näher bezeichneten Feinden versprach. Vor allem aber sicherte der Vertrag deutsche Macht und die Durchsetzung deutscher Interessen. Was deutsche Kolonialisten in Afrika und anderen „Schutzgebieten“ errichteten, war für die Betroffenen eine einzige menschenverachtende Katastrophe aus brutaler Willkür, hemmungsloser Ausbeutung und drakonischer Entrechtung der einheimischen Bevölkerung.

Kein naiver Eingeborener

König Rudolf Duala Manga Bell war kein naiver Eingeborener. Er war auch kein Revolutionär, sondern ein treuer Anhänger des deutschen Kaisers. Und er kannte die deutsche Sprache und das deutsche Rechtssystem und vertraute darauf. Als die Duala entschädigungslos aus fruchtbaren Ländereien umgesiedelt werden sollten, forderte er ab 1910 in schriftlichen Eingaben gegenüber dem Reichstag ein Ende des rücksichtslosen Umgangs mit seinem Volk.  In Berlin nahmen ihn nur die oppositionellen Sozialdemokraten ernst; die Kolonialverwaltung dagegen erfand einen Hochverratsvorwurf. Manga Bell wurde der Prozess gemacht. Alle Regeln des Rechtsstaates wurden dabei missachtet, die Mitwirkung seiner deutschen Anwälte gezielt verhindert. Am Tag nach dem „Urteil“ wurde er am 8. August 1914 hingerichtet. Ein Justizmord.

Was gibt es an „Dreikönig“ zu feiern?

Wer an diesem Donnerstag, dem „Dreikönigstag“, sich noch einmal zufrieden im Bett herumdreht (weil in seinem Bundesland Feiertag ist), könnte sich an diese Geschichte erinnern. Immerhin geht es in ihr um einen König aus Afrika, der wirklich gelebt hat. „Gefeiert“ wird aber am 6. Januar die Legende von drei „Königen“, einer davon dunkelhäutig, die stellvertretend für ihre Kontinente (Afrika, Asien, Europa) das Jesuskind anbeten und beschenken – als Symbol der Unterwerfung der Welt unter das Christentum.

Die „heiligen Drei Könige“, die ein Christuskind anbeten, hat es nie gegeben. Ihre Unterwerfung ist eine christlich-koloniale Geste, die wir tilgen sollten.

Diese Geschichte ist nun wirklich ein Märchen, ein christlich-kolonialer Fake. Die Bibel kennt diese drei Könige nicht, sondern spricht von „Weisen“, die sich bei Jesus im Stall eingefunden haben sollen. Theologisch heißt der Feiertag schon lange „Epiphanias“, der Tag der „Erscheinung des Herrn“. Es gibt in den unterschiedlichen christlichen Religionsströmungen mehrere andere Herleitungen jenseits der „Könige“, was da am 6. Januar gefeiert wird.

Trotzdem hält sich die Legende der „drei Könige“ auch im 21. Jahrhundert hartnäckig in deutschen Kalendern und im allgemeinen Sprachgebrauch. Die FDP nennt seit Jahrzehnten ihr Stuttgarter Politikspektakel zum Jahresauftakt „Dreikönigstreffen“, Wintersportler springen oder rodeln unter dem Namen der drei Könige durch die weiße Pracht.

Immerhin: „Sternsinger“ verzichten auf Blackfacing

Und was ist mit den netten und engagierten Kindern, die in diesen Tagen von Haus zu Haus ziehen und Spenden für Projekte in Entwicklungsländern sammeln? Ganz sicher verfolgen die „Sternsinger“ mit ihrer Symbolik längst beste Zwecke, die hier nicht angezweifelt werden. Aber auch sie treten dabei eine Legende breit, von der es gilt, sich zu verabschieden. „In ihren prächtigen Gewändern greifen die Sternsinger einen alten Brauch auf“, schrieb dazu das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ in einer Pressemitteilung zum letztjährigen „Dreikönigssingen“. Das katholische „Kindermissionswerk“ ist bundesweit der offizielle Veranstalter der Spendensammlung. Wenigstens rät es inzwischen ausdrücklich davon ab, eines der Kinder schwarz zu schminken, auch weil das Blackfacing der geschichtlich ohnehin falschen Darstellung auch noch einen primitiv rassistischen Hut aufsetzt.

Warum nicht auch einen Feiertag umbenennen?

Wir benennen Straßen um, die rassistische Begriffe beinhalten. Wir denken über Standbilder und Gedenktafeln nach, die an kolonial engagierte Feldherren erinnern. Gleiches sollte für die „drei Könige“ gelten. Ihre Legende wurde als Sinnbild für die angebliche Überlegenheit des Christentums über den Rest der Welt erdacht. Dieser Feiertag sollte umbenannt werden. Er hat einen besseren Namen verdient, und es gibt genügend religiöse Quellen, die dazu herangezogen werden könnten. „Heilige Drei Könige“ ist in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft auch „nur“ als kalendarischer Alltagsbegriff inakzeptabel.  Wir sollten ihn tilgen, auch weil wir es dem echten König Rudolf Duala Manga Bell schuldig sind.

 

 

 

Duala Manga Bell lebte zwischen 1891 und 1896 in Aalen in Baden-Württemberg. Er besuchte dort die Schule und wurde in der Stadtkirche getauft. Auf der Website der Stadt Aalen wird nun berichtet: „Im Juli 2022 beschloss der Gemeinderat Aalen, den Platz an der ehemaligen Ritterschule inmitten der Aalener Altstadt nach dem Duala-König Rudolf Duala Manga Bell zu benennen. Die feierliche Einweihung des Platzes erfolgt nach der städtebaulichen Neugestaltung des Platzes – voraussichtlich im Jahr 2023.“

Der aktuelle König der Duala in Kamerun, Jean-Yves Eboumbou Douala Bell, war bei der Einweihung des Duala-Manga-Bell-Platzes am 7. Oktober 2022 in Ulm anwesend. Foto: Stadtarchiv Ulm

Etwas weiter ist da schon die Stadt Ulm, wo Manga Bell 1897 das Abitur ablegte. Sie hat im Oktober 2022 bereits einen Platz nach Duala Manga Bell benannt und dazu prominenten Besuch bekommen (siehe SWR-Beitrag): https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ulm/rudolf-duala-manga-bell-platz-wird-eingeweiht-100.html

Der Lebensgeschichte von Rudolf Duala Manga Bell, dem König der Duala, ist eine Ausstellung im Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK) in Hamburg gewidmet: https://markk-hamburg.de/ausstellungen/hey-hamburg/ (noch bis 2. Juli 2023)

Über das Schicksal von Rudolf Manga Bell ist in der ZEIT ein ausgezeichneter Artikel am 25. August 2021 erschienen. Er ist auch online verfügbar, allerdings hinter einer Bezahlschranke, die sich gegen einen Euro durch ein Probeabo überlinden lässt: https://www.zeit.de/2021/35/rudolf-manga-bell-duala-volk-kamerun-kolonialismus-justizmord?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Zur Herleitung und Deutung der Legende und des Feiertags „Heilige Drei Könige“ siehe auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

 

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