Schaut auf diese Frau! – Ein Appell

Über den Mut, das Richtige zu tun

Wie würde sich dieser Moment anfühlen, wenn ich mutig wäre? Der Moment, in dem ich spüre, was die Folgen meines Handelns, meiner Entschlossenheit sind? Der Moment, in dem die Männer herbeieilen, die mich packen würden, rüde, mit festem Klammergriff, die mich abführen würden mit ernstem Blick? Die sich dabei sicher im Recht glauben würden, weil sie Teil der Macht sind? Wie würde ich mich fühlen, wenn sie mich anschreien, herumschubsen, hinführen zum Abgrund?

Die mutige Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen. Ihr weiteres Schicksal muss im Blick bleiben!

Dies hier ist die Geschichte von zwei jungen Frauen, die genau dies erlebt haben. Sie stehen für hunderte Männer und Frauen, die für ihren Mut teuer bezahlen mussten, obwohl sie auf der richtigen Seite der Geschichte standen. Sie stehen für jede kluge, mutige Tat, für jeden Moment der Courage, für jeden Augenblick, der uns spüren lässt, wie kleinmütig und ängstlich wir sind.

Sophie wollte nicht weglaufen

Der Moment nach dem Mut: Sophie spürte ihn am Rande der Balustrade in der Aula der Münchner Universität. Vielleicht war es ein Frösteln, ein Erschrecken, ein Entsetzen der Erkenntnis. Gerade hatte sie Flugblätter hinabregnen lassen in das weite Treppenhaus, zu hunderten waren sie geflattert, getänzelt, gesegelt in der akademischen Luft. Was da herabfiel auf die marmornen Treppenstufen, wollten die Mächtigen nicht lesen, und es sollten nach ihrem Willen auch andere nicht lesen. Der Hausmeister hatte Sophie entdeckt bei der verbotenen Tat, war herbeigeeilt und hatte sie festgehalten mit kräftigem, selbstgewissem Zugriff. Sophie fuhr der Schreck der Entdeckung in die Glieder, aber sie wollte gar nicht weglaufen.

Marina wusste, was ihr bevorsteht

Was genau mit Marina geschah, als sie ihren Moment nach dem Mut erlebte, wissen wir nicht. Also stellen wir es uns einfach vor: Marina stand vermutlich noch immer mit ihrem handgemalten Plakat im Fernsehstudio, hinter der ratlos erstarrten Moderatorin. Wahrscheinlich herrschte große Aufregung im Studio, keiner wusste genau, wie damit nun umzugehen ist: eine Kollegin im Bild, die dort nicht hingehörte mit einem Plakat, das man auf keinen Fall zeigen durfte. Hektisch schaltete die Regie das Bild um. Kolleginnen und Kollegen könnten um sie herumgestanden sein, ratlos, entsetzt, bewundernd, geschockt. Dann vielleicht stürmte ein Mann herbei, stellte Marina zur Rede, schrie sie an: „Weißt Du, was das hier bedeuten wird?“

Marina wusste ganz genau, was ihr bevorstand. Soeben war sie für einige Sekunden in die Hauptnachrichtensendung des russischen Fernsehens gestürmt, hatte ein Plakat entrollt und sich damit ins Bild gestellt. Auf dem Plakat standen Worte, die die Mächtigen nicht hören wollten und das Volk nicht lesen sollte.

Ein Auftritt für die Geschichtsbücher

Sophies Flugblätter konnte der Hausmeister einsammeln, und doch war ihre Botschaft in der Welt: „Jeder Mensch hat einen Anspruch auf einen brauchbaren und gerechten Staat, der die Freiheit des Einzelnen, als auch das Wohl der Gesamtheit sichert.“

Sophies Mut liegt fast achtzig Jahre zurück. Marinas Mut können wir uns ansehen, einmal, mehrfach, immer wieder. Marina und ihr Plakat – diese Bilder sind unwiederbringlich in der Welt, nicht mehr auszulöschen, sie stürmten durch die sozialen Kanäle, aber-millionenfach geteilt, kommentiert, bewundert. Ein politisches Ereignis, ein Moment des Mutes, der in die Geschichtsbücher eingehen kann.

Eintrag von Sophie Scholl als 10jährige in einem Poesiealbum: „Lass nie den frohen Mut dir rauben …“  Quelle: www.http://www.sophie-scholl-in-ludwigsburg.de/ (Klick auf das Bild verlinkt zur Seite)

 

In einem Poesiealbum aus dem Kreis ihrer damaligen Freundinnen hat Sophie schon früh dem Mut zugesprochen: „Lass nie den frohen Mut Dir rauben, und halte fest an Deinem Glauben“, steht da in schöner Sütterlinschrift; dekoriert hat das zehnjährige Mädchen die Seite mit Blumen. Sophie war in einem liberalen, evangelisch geprägten Elternhaus im Schwäbischen aufgewachsen, ihr Vater war Kommunalpolitiker, ihre Mutter eine Diakonissin, die erst aus Anlass der Eheschließung ihren Orden verließ. Sophie hatte gelernt, eine eigene Meinung zu haben, sie zu vertreten und die Konsequenzen dafür zu tragen.

Marina ist 43 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, so ihre eigene Aussage. Sie war Redakteurin des staatlichen Fernsehens in Russland und ist verheiratet. „Stoppt den Krieg, glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet Ihr belogen!“ stand auf ihrem Plakat. „Russland ist der Aggressor. Ich schäme mich dafür, in der Vergangenheit für Kreml-Propaganda gearbeitet zu haben,“ sagt sie im Videostatement, das ihre mutige Aktion begleitet.

Was sie jetzt erwartet sind bis zu 15 Jahren Haftstrafe, endlose Demütigungen, Ächtung ihrer Familie, Trennung von den Kindern. Vielleicht auch der Tod, wenn der Diktator es will.

Mut kann den Tod bedeuten. Mut behält Recht

Sophie Scholl bezahlte zusammen mit den anderen Studierenden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ für ihren Mut mit dem Tod. Eine Woche lang wurde sie verhört, gequält, gedemütigt – dann nach einem absurden Tribunal von brüllenden Nazi-Richtern am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag in München hingerichtet. Sie hat Recht behalten. Stumm verneigen wir uns vor ihrem Mut, der ein Opfer war für die Wahrheit und dafür, dass wir heute so leben können, wie wir es tun.

Sophie Scholl ist tot. Nach allem, was wir wissen, lebt Marina Owsjannikowa. Ihr hilft es nicht, wenn wir stumm bleiben. Ihr Mut darf nicht vergessen werden. Sie hat uns ein Beispiel gegeben dafür, dass die Welt nicht besser wird, wenn wir alle mutlos bleiben.

Schaut auf das weitere Schicksal dieser Frau!

 

Eine gute Zusammenfassung der Aktion von  Marina Owsjannikowa im russischen Staatsfernsehen finden Sie hier: https://www.dw.com/de/antikriegsprotest-im-russischen-tv/a-61132371

Über die Widerstandsbewegung „weiße Rose“ und das Schicksal von Sophie Scholl informiert die Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/weisse-rose/

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