Berlin blüht (22. April 2021)

Noch sind die Balkone der Genossenschaftshäuser unbelebt, noch fehlen bunte Sonnenschirme, noch färben sich die Blumenkästen nicht. Aber ganz langsam, unaufhaltsam weicht das Grau. Grün sprießt es schon aus jeder Ritze, an jedem Ast. Die ersten Tulpen kämpfen sich bunt durch das noch matte Grün der Wiesen, das gelbleuchtende Gebüsch zieht magisch jedes Auge an, die Kirschen recken ihr Rosaweiß in den stahlblauen Himmel. Schon fallen die Magnolienkelche ab in ergrauter Schönheit.

Leben in den Hochbeeten zwischen den Hochhäusern

Berlin blüht. Deutschlands Hauptstadt liegt mit 59 Prozent Grünflächenanteil diesbezüglich im Mittelfeld deutscher Großstädte (Hamburg über 70, München unter 50 Prozent). Und doch erscheint es so, als dürste dieser Stadt ganz besonders danach, endlich das urbane Grau zur Seite zu drängen. Als müsse sich hier jeder Baum ganz besonders anstrengen, zwischen den vielen Pflastersteinen, zwischen all den Giften und Zumutungen endlich wieder vitalen Schimmer tragen zu dürfen. Grün zu sprießen – das ist keine Kunst im feuchten Hamburg, aber hier, wo die Winter kalt und trocken sind? Im Frühling die prächtigen Blumenrabatten erblühen zu lassen – das ist keine Kunst im königlichen München, wo der Reichtum jedem Gärtner Brot gibt – aber hier, zwischen Plattenbauten und Dönerläden, belagert von zu vielen Menschen, geschunden von zu viel Verkehr? Hier ist es etwas Besonderes, wenn sich die Beete bunt färben, jedes hart erkämpfte Stück offene Erde grün wird und nicht grau bleibt. Auch das Urban Gardening erwacht, da kommt Leben auf in den Hochbeeten zwischen den Hochhäusern!

Wie viele große Gärten und Parks hat diese Stadt zu bieten, in denen es nun blüht und grünt aller Orten? Den Tiergarten mit seinen verschlungenen Wegen, die nach jeder Biegung den Blick auf eine glitzernde Überraschung, ein Kunstwerk, eine Idee von Gartenkunst freigeben! Oder die modernen Gärten der Welt, in denen man von einer Seilbahn aus die ganze blühende Pracht auch von oben bewundern kann. Wie ungerecht, nur zwei hier zu erwähnen, gibt es doch Hunderte kleiner und großer Parks mit angelegten Beeten und Flächen, mit abgenutzten Spielflächen, mit plätschernden Wasserspielen, mit stillen Teichen und spiegelnden Seen. Sie alle erwachen im Frühjahr zu neuem Leben, zu neuer Hoffnung, bevor sie doch wieder Opfer werden. Getreten und geknickt von der Lust der Menschen, zu ihnen nach draußen zu drängen, ihre Pracht zu benutzen und zu missachten. Und das, wo doch bald schon die Hitze des Sommers dafür sorgen wird, dass ihnen der Lebenssaft knapp wird. Der Herbst wird ihnen nochmal die kurze bunte Pracht der fallenden Blätter gönnen – und dann, dann ist es wieder vorbei und alles wird zurückgedrängt in das urbane Grau.

Verschachtelte Paradiese

Jetzt aber steht dieser Kreislauf auch in Berlin an seinem bunten, hoffnungsfrohen Beginn. Den Flaneur hat es frühlingstrunken hinausgetrieben bei kühlem Wind und strahlender Sonne, hinaus an die alte Grenze zwischen Ost und West, zwischen Treptow und Neukölln. Hier stand die Mauer, und westlich wie östlich von ihr gab und gibt es nur eines: Kleingartenkolonien. Eine einzige Ansammlung von verschachtelten Paradiesen, Natur-Fluchtpunkte, wohl geordnete, kleine Königreiche für Gartenzwerge und ihre Besitzer. Jedes Gärtchen „ein klein Häuschen“, jede Parzelle schöner, frühlingsbunter als die nächste. Und sie haben Namen, die das kleine Glück versprechen: „Alt-Köllner Pracht“ oder „Wiesengrund“ oder „Märkische Schweiz“.

Eine dieser Kolonien an dieser Stelle, an der früheren deutschen Grenze mitten durch unser deutsches Hauptstadt-Herz, heißt noch immer „Sorgenfrei“. Frei von den Sorgen um Arbeit, Gesundheit und Leben, frei von den Sorgen deutscher Teilung, alles das suchten auch im März 1966 die Kleingärtner in ihrem eigenen Stück Grün im Schatten der Grenzmauer. Sorgenfrei! Sie suchten es in jedem zwitschernden Vogel, in jeder zum Leben erwachten, sich der Sonne entgegendrehenden Blüte, die den Blick ablenkte vom Todesstreifen, direkt nebenan. War am 14. März 1966 auch dort schon ein Hauch von Frühling zu spüren? Sprießte in den Gärten der Kolonien auch schon das Gras, das erste zarte Grün an den Bäumen, die ersten Krokusse?

Geboren auf der falschen Seite der Mauer

Zwei Jungs, 10 und 13 Jahre alt, versteckten sich einen ganzen Tag in dieser gärtnerischen Idylle, um in dieser Nacht über die Mauer von Treptow nach Neukölln zu gelangen. Wenn es dunkel war, wenn die Nacht die Blüten geschlossen hatte und das frische Grün zu Grau geworden war, das Schutz zu bieten vorgaukelte, – dann wollten sie die Grenze überwinden. Der Jüngere der beiden – im gleichen Jahr geboren wie der Flaneur, aber am falschen Ort, auf der falschen Seite der Mauer – wollte zu seinem im Westen lebenden Vater, sein bester Freund machte mit bei diesem traurigen Abenteuer. Beide wurden erschossen, auf der Höhe der Kolonie „Sorgenfrei“, und starben noch am gleichen Tag. Der Staat, über dessen Charakter als „Unrechtsstaat“ heute noch einige Anlass zur Diskussion sehen, vertuschte den Vorgang, den entsetzten Eltern wurde vorgelogen, ihre Kinder seien verunglückt. Zwei DDR-Grenzbeamte waren an dieser mörderischen „Grenzsicherung“ beteiligt; einer davon lebte noch, als die Mauer fiel. Im Prozess, der ihm dann gemacht wurde, sagte er aus, er habe nicht erkannt, dass die dunklen Gestalten im Grenzstreifen Kinder gewesen seien. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt

So war das im Frühjahr 1966, als eine tödliche Mauer die blühende Pracht der Gartenkolonien durchschnitt. Heute tut dies eine neu angelegte Straße. Aber dort, wo der alte Mauerstreifen von der Straße abbiegt, füllt nun ein breiter Parkstreifen den Mauer-freien Platz, ein Bächlein wurde angelegt, eine Birkenreihe angepflanzt. Bedächtige Spaziergänger und sportliche Radfahrer streifen sorgenfrei unter dem frischen Grün der Birken in beide Richtungen dahin. Ein kluges Denkmal erinnert an die beiden getöteten Kinder. Berlin blüht. Blüht auch deshalb, weil wir es überwunden haben, dass hier Menschen sterben.

Das Denkmal für die bei der Flucht erschossenen Kinder an der Kiefholzstraße bei der Gartenkolonie „Sorgenfrei“

 

Die beiden getöteten Kinder waren Jörg Hartmann und Lothar Schleusener.

 

Material World (18. April 2021)

Was für ein geschundenes Gemeinwesen ist dieses Berlin! Aber so sind Metropolen: überlastet, abgenutzt, überfüllt. Vermüllt.

Berlin hat wie London, Paris oder New York prächtige Ecken, in denen Reichtum aus jeder Pflasterfuge quillt. Und andere, in denen das Gras am Straßenrand nicht mehr wachsen kann, weil niemand es schützt und gießt, aber alle drauftreten, auch die überzeugten Klimaschützer. Berlin hat Ecken, in denen der Müll am Straßenrand liegt, obwohl die Straßenreinigung regelmäßig unterwegs ist. Häuser, die verfallen, zugenagelt sind, und alle haben sich daran gewöhnt. Roststrotzende Brücken und gequälte Gleise, über die eine Stadtbahn seit über hundert Jahren rumpelt. Und es sieht zumindest so aus, als fehlten Geld und Kraft, sie zu erneuern.

Sollen sie ruhig spotten, die ordnungsliebenden Schwaben oder die besserwisserischen Bayern! Nur einen Tag lang sollten sie Verantwortung tragen für diesen Moloch, und sie würden scheitern. Hier würde ihren selbstgewissen Verantwortlichen der Alltag Demut lehren vor der Komplexität des Zusammenlebens von Menschen in einer Unterschiedlichkeit, die sie nicht kennen in Tübingen oder Garmisch-Partenkirchen. Wieviel Geld müsste Berlin für sein Gemeinwesen ausgeben, um so sauber auszusehen wie München? Wir würden es nicht mit unseren Steuern bezahlen wollen.

Bunt, geschäftig, jung wie alt

„Berlin! Berlin!“, schrieb der Berliner Schriftsteller Julius Hart (1885 – 1930) in seinem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin“: „Die Menge drängt und wallt, und wälzt sich tosend durch die staub´gen Gassen.“ Und weiter: „Vorüber brandet sie stumpf, tot und kalt, Und jedes Ich ertrinkt in dunklen Massen.“ So wirken die Menschen heute nicht, die dem Flaneur begegnen. Eher unfassbar bunt, geschäftig, jung wie alt: So viele Sprachen, so viele Generationen, so viel nicht reguläres Leben: Straßenkünstler im farb-verklecksten Outfit, Migranten jeder Herkunft, echte und falsche Bettler, englischsprechende Geschäftsleute, Obdachlose in allen Zuständen ihrer Not, hippe Studierende, Drogenkranke, Skater, Punks, und natürlich viele etablierte, junge wie alte Menschen. Sie alle stimmten der wichtigsten Regel zu, die für alle gilt, für die Berlin Heimat ist: Du musst den Nächsten vielleicht nicht lieben, aber Du musst ihn ertragen. Diese Stadt erzählt mehr von Toleranz als tausend politische Erklärungen. Dieses geschundene, überforderte, an vielen Stellen aus allen Nähten platzende Gemeinwesen braucht gesellschaftliche Vielfalt nicht zu diskutieren, sondern muss sie leben, ob es will oder nicht.

Berlin trieft vor Geschäft(stüch)igkeit

East Side Gallery – ein Blick durch die Mauer

Warum funktioniert das? Was eint diese Stadt? Der Konsens des Materiellen. Denn in dieser Stadt ist jeder Atemzug materiell. Berlin hatte einen Bürgermeister, der beschrieb seine Stadt mit den Worten: „arm, aber sexy“. Arm sind hier ganz sicher diejenigen, die um ihre Existenz kämpfen. Die sich mit zwei Nebenjobs über Wasser halten müssen, als Putzhilfe oder Tankwart oder Späti-Verkäufer. Auch das ist in Berlin nicht anders wie in anderen Metropolen. Das goldene Kalb mag hier nicht ganz so schön glänzen, aber es jagt noch hitziger als anderswo durch alle Gassen. Diese Stadt trieft vor kleinteiliger Geschäft(stücht)igkeit. Jeder noch so kleine Laden braucht eine exotische Besonderheit, um eine noch kleinere Marktnische anzuzapfen: Hier ein neues noch exotischeres Restaurant, da eine noch hippere Bar, dort eine neuer Pop-Up-Shop mit Pflanzen zum Mieten. Buchbare e-Roller liegen kreuz und quer massenhaft herum, und führen vor, wie gering ihr materieller Wert ist, und wie hoch die Gewinnspanne sein muss, wenn man sie mietet. Car-Sharing-Autos verknappen den Parkraum, Leihfahrräder verstopfen die Abstellplätze. Hier ist alles nicht nur wegen der Pandemie „to go“, die Fahrer der Essenslieferdienste jagen sich gegenseitig auf den Radwegen die Vorfahrt ab. Die Supermärkte überbieten sich mit noch längeren Öffnungszeiten und graben damit den Kiosken das Geschäft ab. Diese „Spätis“ öffnen immer, auch am Sonntag.

So verdunstet in Berlin jede Spiritualität im materialistischen Fegefeuer. Wenn kein Gottesdienst ist, sind alle Kirchen geschlossen, sogar die katholischen. Vor den Kircheneingängen kampieren die Obdachlosen.

Ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel

Aber Investorengeld scheint es ausreichend zu geben. Die Gentrifizierung des Wohnungsangebotes ist zum Greifen. Der Mauerstreifen (und nicht nur er) ist gesäumt mit balkonbewaffneten Neubau-Käfigen, sogar die weltberühmte East Side Gallery musste ihnen ein gutes Stück weichen. Da half auch kein Denkmalschutz! Jedes zweite Haus, jede zweite Straßenecke ist eine Baustelle. Die Zahl der Baustellen, Baugerüste, Renovierungen, Provisorien, Umleitungen ist nicht zu zählen – genau so wenig wie die Häuser, Straßen, Bahnhöfe, Bahnlinien, die noch verrottet oder zumindest überholungsbedürftig auf bessere Zeiten warten.

Berlin – das ist ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel: Gewerkelt und gehämmert und gebohrt und gegipst wird allerorten und ohne Unterlass. Der Gott, dem man hier mit aller Geschäftigkeit näherkommen will, ist der schnöde Mammon. Nur das mit den Sprachen, das haben sie jetzt besser im Griff in Berlin.

 

 

Wer mehr wissen möchte zu den hier verwendeten Bibel-Metaphern, hier meine Empfehlungen:

Goldenes Kalb bei wikipedia  

Turmbau zu Babel bei evangelisch.de

 

Gefälle im Münster (#0001)

Heilig Kreuz Münster, Rathausgasse, 78628 Rottweil

Mein Besuch am 14. Februar 2021

Valentinstag, Fasnets-Sonntag, aber im Corona-Lockdown. Klare Kälte in der Luft, blauer Himmel, ein paar Schleierwolken, Schnee und Eis auf der Straße. Das Heilig Kreuz Münster überrascht mich einem Gefälle in der Kirche. Wie ein moderner Konzertsaal fällt die überbaute Fläche ab. Der winterliche Sonnenschein fällt durch die bunten Fenster in einen Kirchenraum, der nicht zum Himmel strebt, sondern solide am Boden bleibt. Getaucht in warmes Gold, spiegelt sich das Sonnenlicht in den Altären und auch im Gold der alten Zunftlaternen, die hinter Gitter gleich am Eingang stehen. Sauber beschriftet, hier die Laternen der Schreiner, dort die der Metzger. Und auch welche der Friseure, die sie derzeit vielleicht besonders bräuchten, hat man ihnen doch eine Zwangspause verordnet. Und gleich links davor: Zwei Nischen füllen die Totentafelns des zweiten Weltkriegs, auch berühmte Namen der Stadt darunter, die hier um Mitglieder ihrer Familien trauern mussten. Und doch frage ich mich, was das diese besondere Ehrung der Kriegsopfer an dieser prominenten Stelle in einer Kirche von heute zu suchen hat. Werden wir Tafeln der katholischen Corona-Toten in unsere Kirchen hängen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Heilig-Kreuz-M%C3%BCnster_(Rottweil)

http://www.hl-kreuz-rottweil.de/kirchen/heilig-kreuz/patrozinium/patrozinum-titularfest.html