Material World (18. April 2021)

Was für ein geschundenes Gemeinwesen ist dieses Berlin! Aber so sind Metropolen: überlastet, abgenutzt, überfüllt. Vermüllt.

Berlin hat wie London, Paris oder New York prächtige Ecken, in denen Reichtum aus jeder Pflasterfuge quillt. Und andere, in denen das Gras am Straßenrand nicht mehr wachsen kann, weil niemand es schützt und gießt, aber alle drauftreten, auch die überzeugten Klimaschützer. Berlin hat Ecken, in denen der Müll am Straßenrand liegt, obwohl die Straßenreinigung regelmäßig unterwegs ist. Häuser, die verfallen, zugenagelt sind, und alle haben sich daran gewöhnt. Roststrotzende Brücken und gequälte Gleise, über die eine Stadtbahn seit über hundert Jahren rumpelt. Und es sieht zumindest so aus, als fehlten Geld und Kraft, sie zu erneuern.

Sollen sie ruhig spotten, die ordnungsliebenden Schwaben oder die besserwisserischen Bayern! Nur einen Tag lang sollten sie Verantwortung tragen für diesen Moloch, und sie würden scheitern. Hier würde ihren selbstgewissen Verantwortlichen der Alltag Demut lehren vor der Komplexität des Zusammenlebens von Menschen in einer Unterschiedlichkeit, die sie nicht kennen in Tübingen oder Garmisch-Partenkirchen. Wieviel Geld müsste Berlin für sein Gemeinwesen ausgeben, um so sauber auszusehen wie München? Wir würden es nicht mit unseren Steuern bezahlen wollen.

Bunt, geschäftig, jung wie alt

„Berlin! Berlin!“, schrieb der Berliner Schriftsteller Julius Hart (1885 – 1930) in seinem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin“: „Die Menge drängt und wallt, und wälzt sich tosend durch die staub´gen Gassen.“ Und weiter: „Vorüber brandet sie stumpf, tot und kalt, Und jedes Ich ertrinkt in dunklen Massen.“ So wirken die Menschen heute nicht, die dem Flaneur begegnen. Eher unfassbar bunt, geschäftig, jung wie alt: So viele Sprachen, so viele Generationen, so viel nicht reguläres Leben: Straßenkünstler im farb-verklecksten Outfit, Migranten jeder Herkunft, echte und falsche Bettler, englischsprechende Geschäftsleute, Obdachlose in allen Zuständen ihrer Not, hippe Studierende, Drogenkranke, Skater, Punks, und natürlich viele etablierte, junge wie alte Menschen. Sie alle stimmten der wichtigsten Regel zu, die für alle gilt, für die Berlin Heimat ist: Du musst den Nächsten vielleicht nicht lieben, aber Du musst ihn ertragen. Diese Stadt erzählt mehr von Toleranz als tausend politische Erklärungen. Dieses geschundene, überforderte, an vielen Stellen aus allen Nähten platzende Gemeinwesen braucht gesellschaftliche Vielfalt nicht zu diskutieren, sondern muss sie leben, ob es will oder nicht.

Berlin trieft vor Geschäft(stüch)igkeit

East Side Gallery – ein Blick durch die Mauer

Warum funktioniert das? Was eint diese Stadt? Der Konsens des Materiellen. Denn in dieser Stadt ist jeder Atemzug materiell. Berlin hatte einen Bürgermeister, der beschrieb seine Stadt mit den Worten: „arm, aber sexy“. Arm sind hier ganz sicher diejenigen, die um ihre Existenz kämpfen. Die sich mit zwei Nebenjobs über Wasser halten müssen, als Putzhilfe oder Tankwart oder Späti-Verkäufer. Auch das ist in Berlin nicht anders wie in anderen Metropolen. Das goldene Kalb mag hier nicht ganz so schön glänzen, aber es jagt noch hitziger als anderswo durch alle Gassen. Diese Stadt trieft vor kleinteiliger Geschäft(stücht)igkeit. Jeder noch so kleine Laden braucht eine exotische Besonderheit, um eine noch kleinere Marktnische anzuzapfen: Hier ein neues noch exotischeres Restaurant, da eine noch hippere Bar, dort eine neuer Pop-Up-Shop mit Pflanzen zum Mieten. Buchbare e-Roller liegen kreuz und quer massenhaft herum, und führen vor, wie gering ihr materieller Wert ist, und wie hoch die Gewinnspanne sein muss, wenn man sie mietet. Car-Sharing-Autos verknappen den Parkraum, Leihfahrräder verstopfen die Abstellplätze. Hier ist alles nicht nur wegen der Pandemie „to go“, die Fahrer der Essenslieferdienste jagen sich gegenseitig auf den Radwegen die Vorfahrt ab. Die Supermärkte überbieten sich mit noch längeren Öffnungszeiten und graben damit den Kiosken das Geschäft ab. Diese „Spätis“ öffnen immer, auch am Sonntag.

So verdunstet in Berlin jede Spiritualität im materialistischen Fegefeuer. Wenn kein Gottesdienst ist, sind alle Kirchen geschlossen, sogar die katholischen. Vor den Kircheneingängen kampieren die Obdachlosen.

Ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel

Aber Investorengeld scheint es ausreichend zu geben. Die Gentrifizierung des Wohnungsangebotes ist zum Greifen. Der Mauerstreifen (und nicht nur er) ist gesäumt mit balkonbewaffneten Neubau-Käfigen, sogar die weltberühmte East Side Gallery musste ihnen ein gutes Stück weichen. Da half auch kein Denkmalschutz! Jedes zweite Haus, jede zweite Straßenecke ist eine Baustelle. Die Zahl der Baustellen, Baugerüste, Renovierungen, Provisorien, Umleitungen ist nicht zu zählen – genau so wenig wie die Häuser, Straßen, Bahnhöfe, Bahnlinien, die noch verrottet oder zumindest überholungsbedürftig auf bessere Zeiten warten.

Berlin – das ist ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel: Gewerkelt und gehämmert und gebohrt und gegipst wird allerorten und ohne Unterlass. Der Gott, dem man hier mit aller Geschäftigkeit näherkommen will, ist der schnöde Mammon. Nur das mit den Sprachen, das haben sie jetzt besser im Griff in Berlin.

 

 

Wer mehr wissen möchte zu den hier verwendeten Bibel-Metaphern, hier meine Empfehlungen:

Goldenes Kalb bei wikipedia  

Turmbau zu Babel bei evangelisch.de

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.