12 Berliner Lektionen (30. Juni 2021)

Drei Monate in der Hauptstadt, und kein Ende der Chancen in Sicht. Der Flaneur ist nicht fertig mit dieser Stadt, aber seine Berliner Zeit ist erst einmal vorbei. Was lernt ein Stuttgarter nach drei Monaten in Berlin?

Rechne mit allem

Ein halbnackter Indianer mit Federschmuck auf dem Gehweg neben Dir? Nur kein Aufsehen deshalb. Ein Häufchen Demonstrierender quert mit dröhnendem Sound Deinen Weg und Du verstehst nicht einmal, worum es geht? Einfach abwarten und vorbeiziehen lassen. Berlin ist ein brodelnder Kessel, steckt voller Überraschungen, die aus ihm aufsteigen. Jederzeit können Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Gerüche, Ideen, Chancen, Absurdes und Geniales, auftauchen, mit denen ein naiver Besucher zuallerletzt rechnet. Lass Dich überraschen!

Scheitere lustvoll an der Unendlichkeit der Möglichkeiten

Berlin überrascht …

Berlin zu erkunden, gleicht dem Versuch, die Unendlichkeit zu vermessen. Was diese Stadt hoch- und subkulturell vorhält, anbietet an Orten des Lernens und Gedenkens, des Spürens und Lesens und Hörens, des Grau und Grün und Bunt, des Laut und Leise – das wird man niemals alles erfassen können. Denn es entsteht täglich Neues, mehr und schneller, als der Besucher erleben kann.

Spüre Deine Wunden

Berlin mahnt …

Berlin lehrt jeder und jedem Deutschen, dass wir mehr sind als eine Nation der Auto-Erfinder und manchmal erfolgreichen Fußballer. Man muss nur hinsehen, nicht achtlos vorbei oder darüber hinweg latschen: Berlin erinnert auf fast jedem Schritt an die Brüche deutscher Geschichte. Es sind die Wunden der Nation und ihrer Entstehung, die wir in Berlin spüren, wenn wir es zulassen. Es ist Berlin, das oft stellvertretend für uns alle am Kreuz unserer Geschichte leidet.

Sei Dir Deiner Privilegien bewusst

Armut begleitet den Alltag auf vielen Straßen in dieser Stadt, sicherlich nicht nur, aber stärker wahrnehmbar in Berlin als in anderen deutschen Großstädten. Menschen, die sich mit dem Sammeln von Flaschen ihre Rente aufbessern, oder Migranten, die auf der Straße während der roten Ampelphasen das Fenster putzen oder Jonglierkunststücke vorführen, tun das auch hier nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie Geld brauchen für ein Leben in der großen, manchmal teuren, immer gnadenlosen Stadt.

Überprüfe Deine Vorurteile

Berlin funktioniert …

Es ist leicht, über Berlin zu lästern. Aber gemessen an den Klischeebildern, die der Rest der Republik auf die Hauptstadt klebt, funktioniert Berlin prächtig. Ja, so manches ist unzulänglich. Manchmal quellen die Mülleimer über, und nicht immer und überall fühlt man sich wohl in dieser Stadt. Die endlose Bauphase des Flughafens war geeignet für Hohn und Spott. Manchmal trifft man auf Menschen, deren „Berliner Schnauze“ sich mit sprödem Charme zu einer äußerst gewöhnungsbedürftigen Form von Kundenorientierung mischt. Aber auch das Gegenteil ist zu erleben: Humor und Engagement helfen über viele Hürden.

Bleibe gelassen

Nach dreihundert Metern rechts abbiegen, rät das Navi? Noch kein Grund, auf die rechte Spur zu wechseln. Vermutlich steht dort auch auf den verbleibenden Metern noch jemand in zweiter Reihe, diskutiert jemand sein Familienleben an der offenen Autotür, parkt ein Lastenfahrrad. Abends um acht und nichts mehr zu essen daheim? Kein Grund zur Panik, viele Läden haben noch offen, die Spätis sowieso. Notfalls liefert ein Fahrradkurier den Einkauf innerhalb garantierter zehn Minuten nach Hause. Es ist nie zu spät, es gibt immer noch eine andere Option.

Lerne Sprachen

Die Wahrscheinlichkeit, im Berliner Straßencafé das Gespräch am Nebentisch verfolgen zu können, steigt mit der Sprachkompetenz. Dass es in Deutsch stattfindet, ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Rechne damit, dass auch der Ober, der Kioskbetreiber, der Fahrradkurier Dich gar nicht versteht, wenn Du es nicht auf Englisch versuchst. Oder, je nach Kiez: Auf arabisch, türkisch, russisch, polnisch …

Steig um aufs Fahrrad

Das Fahrzeug der Wahl in dieser Stadt ist das Fahrrad, und die Berliner wissen es. Unfassbar viele Fahrräder sind unterwegs – und ihnen wird von der Stadtpolitik Vorfahrt eingeräumt. Das Ergebnis einer konsequent Radfahrer-orientierten Verkehrspolitik ist eindrucksvoll: weniger Autoverkehr auf den Straßen der Innenstadt, als man erwarten würde. Und ein Konsens der Stadtgesellschaft: Fahre nicht mir dem Auto, wenn Du es vermeiden kannst. Manchen Radfahrern genügt das noch immer nicht; als Autofahrer lebt man in der ständigen Sorge, regelwidrig abbiegende, gegen die Fahrtrichtung dahinsausende, oder nächtens gänzlich unbeleuchtete Radfahrer zu übersehen. Dabei sei gerne eingeräumt: Rücksichtslose Autofahrer bedrohen regelkonform fahrende Radler mehr als umgekehrt.

Schau hin, wer alles für Dich arbeitet

Natürlich ist das auch in Stuttgart, München, Rio oder New York so: Ein großes komplexes Gemeinwesen hält zusammen, weil viele dafür arbeiten. Es ist vielleicht der externe Blick, der dem Flaneur die Augen dafür in dieser Stadt geschärft hat. Wie viele Menschen frühmorgens aufstehen oder spätnachts heimkehren, sich müde in einen Bus oder eine U-Bahn setzen, damit der Dreck wegkommt, der im Müllraum des Hochhauses stinkend vor sich hin gärt. Damit der Verkehr geregelt wird, wenn die nächste der zahllosen Demonstrationen oder Staatskarossen sich ihren Weg bahnen kann. Damit der Drogenkranke versorgt wird, der auf dem U-Bahnsteig leblos herumliegt. Damit das ungeduldig und hungrig bestellte Lieferessen pünktlich ankommt. Damit die alte Dame von nebenan gepflegt wird. Heerscharen von Knechten und Mägden der Wohlstandgesellschaft halten diese am Laufen, rund um die Uhr, jeden Tag, bei Hitze und Kälte und Regen und Schnee.

Achte Dein Handy

Das Berliner Leben im Hier und Jetzt ist ohne ein leistungsfähiges Smartphone eine schaurige Herausforderung. Also achte das Handy, denn es ermöglicht Dir alles: Orientierung in den Straßenschluchten, Fahrkartenkauf im Nahverkehr ohne Kleingeldstress, das Auffinden der nächsten öffentlichen Toilette, das Freischalten von Fahrrädern und Fahrzeugen jeder anderen Art. Und das Nachschlagen aller Namen, Orte und Ereignisse im online verfügbaren Weltwissen. Es unterhält Dich mit Musik Deiner Wahl oder gelehrigen Podcasts, falls Dich die Reize und Herausforderungen des urbanen Flanierens noch nicht auslasten. Es stellt die Verbindung zur Welt her, jederzeit und überall. Kinderwagen-schiebend Sprachnachrichten aufnehmen ist Jungfamilien-Alltag. In die U-Bahn einsteigen und mit Knopf im Ohr telefonieren – allgemein üblich. Es wurden auch schon Radfahrer gesichtet, die freihändig dahinsausend und kopfhörer-bewaffnet das Handy vor sich haltend an Videokonferenzen teilgenommen haben.

Kümmere Dich um das Grün

Berlin im Hochsommer ist ein glühender Moloch. Himmelstürmende Betonwände, endlose Steinpflaster, graue Asphaltwüsten speichern tagsüber die Hitze der glühenden Sonne und heizen nach Sonnenuntergang die Stadt in den besonders urbanen Ecken zu einem kollektiven Saunaerlebnis auf. Die Berliner reagieren mit einer Sinfonie luftiger Kleidung, mit attraktiven Eisdielen und viel Grün. In Berlin wird gepflanzt und gegärtnert ohne Unterlass, Straßenbäume werden von Gieß-Paten mit Wasser versorgt, eifrige Anwohner legen kleine Ziergärtchen rund um die Bäume herum an und verteidigen diese hartnäckig gegen den alltäglichen Straub und Dreck der Großstadt. Urban-Gardening-Areale boomen. Und die Berliner achten und stürmen ihre Seen, ihre Wasserflächen, ihre Parks. Jedes Pflänzchen, jeder Blumenkasten, jeder Baum, jeder Park hilft gegen die Hitze der Stadt.

Lass einen Koffer zurück

„Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin, deswegen muss ich nächstens wieder hin“, sang in den sechziger Jahren Marlene Dietrich (und einige nach ihr). Der Text war für ein nüchternes Gemüt schon immer rätselhaft mystisch: Wo sollte denn bitte dieser Koffer sein? Zurückgelassen im Hotel? Bei Verwandten auf dem Dachboden? Durfte man sich einfach so einen Koffer vorstellen, unklaren Inhalts, verstaubt, ungeöffnet, verlockend? Und wie konnte man sich sicher sein, den Koffer auch wieder vorzufinden, wenn man nach Berlin zurückkehren würde?

„Die Seligkeiten vergangener Zeiten, sind alle noch in meinem Koffer drin“, beantwortet der melancholische Schlager diese Fragen. Ja, genauso darf man sich das wohl vorstellen.

 

 

„Ich hab´noch einen Koffer in Berlin in der Fassung von Marlene Dietrich auf Youtube:

 

 

Fanny, Käthe und ihre Väter (24. Juni 2021)

Fanny liebte die Musik. Ihre Mutter, selbst aus einer Pianistenfamilie stammend, hatte ihr das Klavierspiel nahegebracht, sie hatte gute Lehrer gehabt, sie hatte bereits erste Kompositionen gefertigt und mit Erfolg vorgetragen. Jetzt war Fanny 15 Jahre alt, und voller banger Gefühle betrachtete sie den noch geschlossenen Umschlag. Es war ein Brief ihres Vaters. Der Vater war wie immer in Geschäften unterwegs, eine Autoritätsperson, weit weg vom Leben seiner Kinder. Ein schwerreicher Geschäftsmann, heute würde man vielleicht sagen: der CEO eines Familienunternehmens, Patriarch einer Bank, die auch ein Beteiligungsunternehmen mit Geschäften bis ins ferne Ausland war. Der geschäftstüchtige Vater hatte zusammen mit seiner Familie, auch der sechsjährigen Fanny, 1811 Hamburg verlassen müssen, weil die französischen Besatzer der Hansestadt Handel mit England verboten – was aber für seine Geschäfts von existentieller Bedeutung war. In Berlin hatte die jüdische Familie eine neue sichere Heimat gefunden, der Vater bestimmte sogar, dass sie alle zum evangelischen Glauben übergetreten waren. Hier konnte er ein angesehenes Leben inmitten der höheren Gesellschaft führen.  Der Reichtum des Vaters hatte Fanny und ihren drei Geschwistern ein gehobenes Leben in Berlin möglich gemacht, und Fanny wusste, welche Privilegien sie genießen durfte.  

„Stets nur Zierde“?

Fanny Hensel, Büste vor der Mendelssohn-Remise in Berlin, Jägerstraße

Was also konnte dieser Brief des Vaters bedeuten? Musste sie heiraten? Hatte der Vater über ihr Schicksal bestimmt? Fanny saß am Fenster des dunkelgetäfelten Wohnzimmers, ein Flügel inmitten des großen Raums, in edlem Leder gebundene Bücher in den Regalen und auf dem Tisch, dunkelmatt glänzende Gemälde an der Wand. Vielleicht war es so, dass gerade Fannys jüngerer Bruder auf dem Klavier klimperte, während Fanny den Umschlag öffnete. „Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf”, schrieb der Vater da, “während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass Deines Seins und Tuns werden kann und soll.“ Nur Zierde? Fanny spürte Empörung, Trauer, Wut in sich aufsteigen. Darum also ging es, so war über ihr Schicksal entschieden worden. Ja, der Vater hatte es durchaus gehört, wie sie schon als 13-jährige ihm in diesem schönen Wohnraum im Zentrum Berlins Teile des  Bach´schen “Wohltemperierten Klavier” vorgespielt hatte. Ja, der Vater wusste um ihr Talent und ihre Begeisterung für das Komponieren. Aber es hatte nichts genutzt, in ihrem Fall war beides “nur Zierde”. Der für sie bestimmte Weg war Heirat, Ehe, Kinder bekommen, ein großes Haus führen. Ihr Talent sollte dem Ruhm des ebenfalls talentierten Bruders Felix nicht im Wege stehen.  

Die Geschichte der talentierten Fanny, die nicht berühmt werden durfte, damit ihr Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy es sein konnte, wurde schon tausendfach erzählt. Fanny fügte sich in ihr Schicksal. Wir wissen es nicht, aber nichts deutet darauf hin, dass Vater Mendelssohn diese seine harte Entscheidung je bedauert hätte. Fanny Mendelssohn-Bartholdy heiratete den klugen Kunstmaler Wilhelm Hensel, der ihre musikalische Leidenschaft würdigte und ihr ermöglichte, Hauskonzerte (übrigens an der Stelle, an der heute das Bundesrats-Gebäude in der Leipziger Straße steht) zu veranstalten, die in ganz Berlin einen legendären Ruf hatten und Fanny Hensel zu einer wichtigen Figur der Musikszene ihrer Zeit in der großen Stadt machte. Komponiert hat sie weiterhin, weniges davon erschien sogar unter dem Namen ihres Bruders, vieles blieb im Schatten, überstrahlt vom öffentlichen Glanz des Bruders. Kurz vor ihrem Tod ignorierte sie das Verbot des inzwischen verstorbenen Vaters und veröffentlichte einige ihrer Kompositionen. Fanny Hensel starb wenige Monate vor ihrem Bruder Felix, erst 42-jährig, im Jahr 1847.  

Bitte einsteigen in die Zeitmaschine

Berlin ist eine Zeitmaschine, also bitte einsteigen! Und schnell mal gut fünfzig Jahre vorspulen: Stellen wir uns für das Jahr 1875 ein Gespräch im preußischen Königsberg vor. Käthe Schmidt hieß das Mädchen, acht Jahre war sie alt, und der Vater hatte sie zu sich gerufen. Käthes Vater schrieb keine Briefe. Ihr Vater arbeitete als Maurermeister, nachdem er wegen zu liberaler Ansichten mit seinem Jurastudium auf politische Schwierigkeiten in Preußen gestoßen war. Wir stellen uns es daher einmal so vor: Der Vater war müde und gezeichnet von einem harten Arbeitstag, und das Gespräch könnte am Küchentisch der Familie stattgefunden haben. Käthes Geschwister tobten herum, der Bruder versuchte am gleichen Tisch seine Aufgaben aus der Schule zu lösen, während die Mutter noch das Abendessen zubereitete. „Schöne Zeichnungen machst du da“, sagte der Vater, dem sie am Tag zuvor eines ihrer Bilder gezeigt hatte. „Mach weiter! Das könnte etwas Großes werden, wenn Du Dich anstrengst.“  

Käthe Kollwitz, Selbstportrait

Ein solches Gespräch ist Fantasie. Aber nach allem, was wir wissen, hat Vater Schmidt genauso wie  Vater Mendelssohn-Bartholdy das Talent seiner Tochter früh erkannt. Er förderte Käthe, gab ihr Rückhalt, machte sie nicht klein, sondern groß, stellte Kontakte her. Er ließ Käthe, als sie eine junge Frau geworden war, nach Berlin auf die „Damenakademie des Vereins Berliner Künstlerinnen“ ziehen. Käthe arbeitete hart an ihrer Kunst, suchte ihren spezifischen Weg nach künstlerischem Ausdruck und setzte sich früh mit den harten sozialen Realitäten ihrer Zeit auseinander. Käthe Schmidt lernte ihren späteren Mann, den Arzt Karl Kollwitz, kennen und heiratete ihn 1891. Gemeinsam zogen sie nach Berlin an den Prenzlauer Berg. Das Paar hatte zwei Söhne; der ältere davon fiel im 1. Weltkrieg, was Käthe Kollwitz´ künstlerisches Werk über Jahre prägte, ihr peinigende  Schuldgefühle auflud, und sie zu einer überzeugten Pazifistin werden ließ. Käthe Kollwitz musste für niemanden zurückstecken, nicht für ihre Geschwister, nicht für die gesellschaftliche Erwartung, nicht für ihren Mann. Käthe Kollwitz konnte während der Nazi-Herrschaft zwar nur eingeschränkt arbeiten, wurde aber toleriert. Sie starb 78-jährig kurz vor Kriegsende.  

Zwei Väter, zwei Lebenswege?

Zwei Väter, zwei Lebenswege? Das ist eine gewagte, nicht angemessene Verkürzung. Aber es ist eine Tatsache, dass für die Würdigung des Werkes von Fanny Hensel noch immer engagierte Künstlerinnen (ja, es sind in der Regel die Frauen) kämpfen müssen. Denn die Musik von Fanny Hensel ist von größtem Zauber, ihre Klavierlieder perlen mit betörender Sinnlichkeit dahin, ihre wenigen Orchesterwerke strahlen und jubeln mit den denen ihres Bruders um die Wette. Aber hören wollen viele immer nur den berühmten Felix.  

Wie anders bei Käthe Kollwitz: Ihre Grafiken sind von getragener Schwere, alles andere als gefällig, thematisieren komplexe gesellschaftliche Nöte – Armut, Widerstand, Krieg. „Nie wieder Krieg“ ist die Plakat-Ikone aus der Feder von Käthe Kollwitz, die wir alle im Kopf präsent haben. Um Käthe Kollwitz´ Berühmtheit aber muss niemand kämpfen. Für sie gibt es in Berlin (und anderswo) ein eigenes Museum, Schulen und Bibliotheken sind nach ihr benannt, Plätze und Straßen sowieso. Als überlebensgroßes Denkmal sitzt Käthe Kollwitz am Prenzlauer Berg auf dem nach ihr benannten Platz. Streng, mit Kohlestift in der Hand, schaut sie dort in die Ferne, während die Prenzlberg-Kinder auf ihr herumklettern. Ganz im Zentrum des geeinten Deutschland ist sie angekommen. Der Konservative Helmut Kohl persönlich entschied, dass eine von der bekennenden Sozialistin Käthe Kollwitz inspirierte Skulptur in der Neuen Wache unter den Linden uns alle an die Opfer von Krieg oder Gewaltherrschaft mahnen soll. Es ist eine Pieta, die dort in diesem ernsten Raum, im Innersten unserer Republik, unseren Blick auf die Trauer einer Mutter um ihren gestorbenen Sohn lenkt.  

Es ist auch der Blick auf die Trauer von Käthe Kollwitz um ihren eigenen Sohn, vielleicht sogar ihre Reue, ihn nicht zurückgehalten zu haben, als er euphorisch in den Krieg zog.  

Kollwitz-Pieta in der Neuen Wache in Berlin

Mehr über das Leben von Fanny Hensel und Käthe Kollwitz jeweils bei Wikipedia;  

 

Musik von Fanny Hensel findet man auch auf Youtube, z.B. dieses:  Fanny Mendelssohn: Overture in C Major (ROCO) 

Die nationale Gedenkstätte “Neue Wache” auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Wache 

 

 

Kirchen-Politik (20. Juni 2021)

Rund 400 christliche Kirchengebäude gibt es in Berlin, fast drei Viertel davon evangelisch, der Rest meist katholisch, einige orthodoxe Gotteshäuser sind auch dabei. Und natürlich gibt es Synagogen, Moscheen, Tempel. Ist Berlin eine Stadt der Kirchen? Jedenfalls nicht eine Stadt voller Christen. Von den 3,5 Millionen Einwohnern Berlins bekennen sich nur etwa 15 Prozent als evangelisch und etwa acht Prozent sind katholisch, genauso viele wie es Muslime in Berlin gibt. Zwei Drittel aller Berliner gelten als konfessionslos.

Es ist also kein Wunder, dass man viele Gotteshäuser in Berlin geschlossen antrifft, manche wirken abweisend oder wie aufgegeben. Jede Auswahl bleibt Willkür. Dies ist ein willkürlicher, aber politischer Rundgang durch einige Kirchen in (und eine bei) Berlin:

Die Auferstandene: Nikolaikirche

Der rekonstruierte Altar im Museum Nikolaikirche

Die älteste Kirche Berlins hat Fundamente aus dem 13. Jahrhundert, und ist keine Kirche mehr. Wir schreiben das Jahr 1980: Die DDR-Führung hatte alle Energie in die Linderung der Wohnungsnot und in die Schaffung modernen Wohnraums gesteckt. Aber sie erkannte auch: Heimat entsteht nicht, wenn man Plattenbauen aneinanderreiht. Also entschied sie sich für eine etwas eigenwillige Rekonstruktion des Nikolaiviertes, der alten Mitte Berlins – ganz nah an der Plattenwüste Alexanderplatz. Entstanden ist eine Mischung aus Neuem und rekonstruiertem Altem, über deren geschmackliche Treffsicherheit man streiten kann. Ein bisschen gemütlich ist es schon rund um die Nikolaikirche, auch sehr touristisch. Aber man kann sich schon auch wohlfühlen in dieser kleinteiligen Oase aus Cafés, Souvenirläden und Bierkneipen. In ihrer Mitte steht die Nikolaikirche mit ihren zwei himmelstürmenden, spitzen Turmdächern, die sie markant macht und von vielen Orten der Stadt aus sofort erkennbar. Die Kirche wurde zum Stadtjubiläum 1987 fast völlig neu erbaut – nach den Bomben des 2. Weltkriegs und Jahrzehnten weitgehend ungehemmter Verwahrlosung waren nur Ruinen übriggeblieben. Als Kirche war sie schon 1939 aufgegeben worden, heute ist sie ein kluges Museum über ihre eigene wechselhafte Geschichte. Der Alter wurde als eindrucksvolle Installation zusammengesetzt aus Bruchstücken, die man gerettet hatte oder in den Trümmern fand. Eine Tafel fordert die Besucher auf, fehlende Bruchstücke, die möglicherweise in den Jahrzehnten der unbeachteten Verlotterung aufgefunden oder entwendet wurden, zurückzugeben, damit man sie in dieses 3-D-Kirchenpuzzle einfügen kann. (Link zum Museum Nikolaikirche: https://www.stadtmuseum.de/nikolaikirche)

Die Verschwundene: Versöhnungskirche Bernauer Straße

Das herabgestürzte Turmkreuz der Versöhnungskirche

Die Bilder aus der Zeit nach dem Mauerbau machen still: Ein prächtiges, ausladendes, neugotisches Gotteshaus ist da zu sehen, unbenutzt, mitten im Grenzstreifen der Inner-Berliner Grenze an der Bernauer Straße. Gestiftet hatte die Kirche 1892 einst eine Kaiserin, nach dem Krieg wurde sie schnell in Stand gesetzt und war bis 1961 Heimat einer Kirchengemeinde, die sich sowohl über Ost- wie Westberliner Gebiet erstreckte. Beim Mauerbau wurde der Westzugang zugemauert, später alle anderen Gebäude auf der Ostseite abgeräumt und plattgewalzt für die Sicherheit des jungen Staates. Aber die Kirche stand wie ein mahnender Solitär alleine im Schussfeld der Grenzsoldaten. 1982 entschloss sich die DDR-Führung – letztlich mit Zustimmung der Kirchenleitung – das Gotteshaus zu sprengen, um freie Sicht zu schaffen für die Kontrolle der Grenze. Gottesdienste gab es dort ohnehin schon lange nicht mehr. Den Sprengungsbeschluss unterzeichnete damals der Vater von Gregor Gysi. Heute erinnert eine kleine moderne Kapelle an die große Kirche, die dem Weltgeschehen im Weg stand. Verbogen mahnt das bei der Sprengung herabgestürzte und später wieder aufgefundene Turmkreuz an eine Zeit, die vorbei ist und nicht wiederkommen wird, wenn wir uns bemühen. (Wikipedia zur Geschichte der Versöhnungskirche: https://de.wikipedia.org/wiki/Vers%C3%B6hnungskirche_(Berlin-Mitte))

Die Schöne: Heilandskirche Sacrow

… aus einer anderen Welt: Heilandskirche Sacrow

„Auch ich war in Arkadien“ – Irgendwoher kennt man diesen Spruch. Aber woher und was soll er eigentlich bedeuten? Na der Heilandskirche von Sacrow drängte sich die Assoziation an den traumhaft schönen Landstrich auf dem Peloponnes auf, und so musste der Flaneur erst einmal googeln: Die Phrase steht dafür, sich im Moment größten ästhetischen (oder wohl auch sonstigen) Glücks daran zu erinnern, dass trotz dieses perfekten Momentes doch alles im Tod endet. Der Mensch stirbt, selbst wenn er am schönsten Ort der Welt – in Arkadien – gewesen ist. Die Berliner kennen dieses Arkadien auf Potsdamer Gebiet vor allem vom gegenüberliegenden Ufer, der Berliner Seite der Havel, aus. Das Kirchlein wurde 1844 vor allem aus ästhetischen Gründen gebaut. König Friedrich Wilhelm IV. ging es darum, eine Traumlandschaft noch schöner, geradezu perfekt zu machen. Den Schlössern von Babelsberg und Glienicke, den Parks und Bäumen, den glitzernden Wasserflächen, den dahingestreuten, grün überquellenden Inselchen fügte er noch etwas mehr von unwirklicher Schönheit hinzu: Eine Kirche im italienischen Renaissance-Stil. Wer sich auf den weiten Weg zur Kirche aufmacht (und sich nicht mit dem Blick auf sie über das Wasser zufriedengibt), wird belohnt mit einem Ort, in dem blauglänzendes Wasser, grünbunt-prächtige Natur und der die Kirche umgebende Arkadengang aus schlanken Säulen eine sinnliche Symbiose eingehen – willkommen in Arkadien! Einen solchen ästhetischen Blick hatten die Grenzverantwortlichen der DDR nicht, als sie die Kirche zwischen 1961 und 1989 als Teil ihrer Mauer integrierten und das Kircheninnere für sehr weltliche Zwecke missbrauchten. Alte Fotos zeigen, wie das kleine Kirchenschiff gleich einer Wucherung in das dem Havelwasser zugewandte Niemandsland jenseits der Mauer Richtung Westen herausragte. Immerhin überstand die Kirche diese Jahre und strahlt heute im alten Glanz als Teil des landschaftlichen Weltkulturerbes an der Havel rund um Potsdam und Berlin. (Geschichte der Heilandskirche u.a. bei den Preußischen Schlössern und Gärten: https://www.spsg.de/schloesser-gaerten/objekt/park-sacrow/)

Die Engagierte: Gethsemanekirche am Prenzlauer Berg

Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg

„Homophobie ist Sünde“ prangt als Transparent über dem Eingang der 1893 errichteten Gethsemanekirche. Davor steht eine segnende Christusfigur, die aus der gesprengten Versöhnungskirche hierher verbracht wurde. Selten bekommt man eine so klar politisch orientierte Kirche zu sehen! Hier ist das Engagement für Menschenrechte nicht Nebensache, sondern steht mindestens gleichberechtigt neben der Verkündung der christlichen Botschaft. Am Zaum hängen Biografien politische Verfolgter, in der Kirche liegen Unterschriftenblätter für Solidaritätsbekundungen aus – gegen politische Verfolgung in China, der Türkei oder Belarus, für das Volksbegehren zur Enteignung der Deutschen Wohnen, für eine Schließung der menschenunwürdigen Lager an den EU-Außengrenzen. Jeden Tag um sechs finden sich in der Kirche Gläubige zu einer „Politischen Andacht“ zusammen. Diese Kirche ist ein unbequemer Ort, ein lauter Schrei für mehr Engagement gegen das Unrecht auf dieser Welt. Und das war sie auch in der Zeit des Nationalsozialismus, als die Pfarrersfrau hier Juden versteckte, und in den letzten Monaten der DDR, als sich im Schutz dieser Kirche die friedliche Umwälzung formierte. In einer kleinen Ausstellung sind die Bilder von 1989 zu sehen, dichtgedrängt saßen die Menschen im schönen, weiten, damals prall gefüllten Kirchenraum, hören dem Pfarrer zu, der Staat und Demonstranten auffordert: „Keine Gewalt!“. Von vollgefüllten Bänken kann jetzt keine Rede mehr sein bei der politischen Andacht. Wird Kirche von heute noch einmal so relevant werden für die Gesellschaft wie in diesen Zeiten? Die Gethsemanekirche ist der richtige Ort, genau darüber nachzudenken. (Website der Kirchengemeinde: https://ekpn.de/vier-kirchen/gethsemane/)

Die Mahnende: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Draußen tobt das Leben. Junge Menschen sitzen, lachen, lärmen, versammeln sich um Pizzakartons und Getränkedosen. Autos umkurven lautstark die Verkehrsinsel, die sich „Breitscheitplatz“‘ nennt. Busse schnurren heran, Polizeisirenen jaulen. Mit dicken Taschen bepackt schleppen sich Konsumfreudige in die Außengastronomie. Wenige von all diesen Menschen haben Blick für das Ensemble aus Alt und Neu, an dem sie vorbeiziehen. Der Kirchenbau aus den Jahren 1891 bis 1895, errichtet im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. im Gedächtnis an seinen Vater – was für eine absurde Gründungsgeschichte aus heutiger Sicht für eine Kirche! – hatte einmal den höchsten Kirchturm Berlins, und ist jetzt nur noch eine Ruine. Daneben steht die 1961 fertiggestellte, achteckige neue Kirche. Wer dort hineingeht in diesen blau überfluteten Raum, beamt sich schlagartig eine andere Welt. Still ist es hier, nachdenklich und andächtig. Ein paar Kerzen züngeln goldgelb im schimmernden Blau, das durch 20.000 Glasbausteine glüht und dieser Kirche ihr ganz besonderes Licht gibt. Die alte Gedächtniskirche war ein Opfer der Bomben geworden und mahnt nun als Ruine an die Zerstörbarkeit unserer Existenz. Die neue mit ihrer blauen Stille mahnt vor allem daran, dass es in allem Trubel immer auch einen Ort geben darf, in dem die Zeit stillsteht. An wen oder was gedenken wir hier? Eher daran, als an einen Kaiser. (siehe auch #1000Kirchen) 

Die Mutige: Verklärungskirche in Marzahn

Darf ein Christus so offenkundig leiden? – Kath. Kirche Verklärung d. H. in Marzahn

In diesen Zeilen klang immer wieder Kritik am Umgang der sozialistischen DDR mit ihren Kirchen an. Aber wie so oft ist das Bild nicht so eindeutig. Es waren Kommunisten, die die Wiedererrichtung der Nikolaikirche – wenn auch aus Museum – beschlossen. Und wollen wir es verurteilen, dass dieser chronisch devisenknappe, atheistische Arbeiter- und Bauernstaat seit 1972 es den Kirchengemeinden ermöglichte, für Renovierungen und Neubauten Geld aus dem Westen anzunehmen? Der Grundstein für die katholische Kirche „Verklärung des Herrn“ in Berlin-Marzahn wurde 1984 gelegt, das Geld für den Bau kam größtenteils aus dem Westen. Eröffnet wurde sie 1987. Der Berliner Stadtteil Marzahn steht bis heute wegen der unfassbaren Ansammlung von Plattenbauwohnungen vor allem bei Westberlinern und Westdeutschen in äußerst zweifelhaftem Ruf. Mehr als 100.000 Menschen leben da heute – die allermeisten davon in renovierten Hochhäusern – für eine katholische Kirche echte Diaspora. Die Kirche „Von der Verklärung des Herrn“ thront unmittelbar über der vierspurigen Landsberger Allee. Ein nüchterner, moderner Kirchenraum ohne architektonischen Schnickschnack steht da, daneben ein alleinstehender moderner, ebenso schlichter Kirchturm. Mutig war die Gemeinde von der „Verklärung des Herren“ in der Ausstattung. Eine vier Meter hohe Figur von Christus am Kreuz (aber ohne Kreuz) dominiert den Raum, und sagt ohne ein Wort alles über das Leid am Kreuz, idealisiert nichts und redet nichts schön am Tod. Die Figur stammt aus dem Jahr 1930 und wurde vom Tiroler Künstler Hans Perathoner geschaffen, der sie aus einem einzigen Eichenstamm herausschlug. Seither wandert sie wie ein Untoter durch verschiedene Depots und Kirchen Berlins, da sie „nicht den üblichen Kirchenvorstellungen“ entsprach (wie ein diplomatisch formulierender Autor auf Wikipedia schreibt) und ist jetzt als Leihgabe in dieser modernen Kirche gelandet. Kirchenasyl für einen leidenden Christus in Marzahn. (Wikipedia zur Kirche Verklärung des Herrn: https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_von_der_Verkl%C3%A4rung_des_Herrn)

 

Streitgespräch der Prachtstraßen (15. Juni 2021)

Dies ist die Aufzeichnung eines unwahrscheinlichen Streitgesprächs. Es findet statt – so stellt sich das der Flaneur vor – am Brandenburger Tor in Berlin, und es treffen sich die beiden Prachtstraßen dieser Stadt: Der Kurfürstendamm, hier kurz der „Damm“ genannt, und die Karl-Marx-Allee, also die „Allee“. Natürlich kommt die Allee von Osten und der Damm von Westen.

Allee: Freundschaft, Kurfürstendamm! Finde ich gut, dass wir uns auf meinem früheren Staatsgebiet treffen.

Damm: Hallo, alte Sozialistin, ich bin Dir gerne entgegengekommen. Eigentlich hatte ich die Straße des 17. Juni als Treffpunkt vorgeschlagen …

Allee: … eine Provokation!

Damm: … aber es hätte dafür gute historische Bezüge gegeben. Und geografisch wäre der Tiergarten die Mitte zwischen uns gewesen, habe ich extra auf Google Maps nachgeguckt. Aber von mir aus lassen wir das, alles alter Tobak, Du aus der Zeit gekommene Kollegin.

Der Strausberger Platz eröffnet das Ensemble der Karl-Marx-Allee

Allee: Da höre ich sie schon wieder, die westliche Arroganz. Spare Dir unbegründeten Hochmut. Als erstes sollten wir festhalten, dass ich unbestreitbar die Schönere von uns beiden bin. „Karl-Marx-Allee“ – schon der Name! Und diese wunderbare Monumentalarchitektur, eine geschlossene, prächtige, verkachelte Häuserfront auf beiden Seiten fast zwei Kilometer lang, Säulen und Kapitele, dazwischen Grünflächen und Bäume. Da kannst Du nur neidisch sein, bei Deinem Wirrwarr von Konsumtempeln.

Damm: Ich gebe überhaupt nichts zu. Etwas zugeben, das war noch nie meine Stärke. Und ich habe die Geschichte auf meiner Seite. Du musstest erst mühsam errichtet werden, viele alte Häuser …

Allee: … also das waren genauso wie bei Dir alles Ruinen …

Damm: …ja, ok, aber sie mussten dafür weichen, damit man für Deine Breite Platz schaffen konnte: Für die Paraden, für die Panzer und Raketen, für die Tribünen Deiner kommunistischen Autokraten. Und soll ich Dich daran erinnern, wie Du eigentlich ursprünglich geheißen hast? Soll ich …?

Allee: Lass doch den alten Kram …

Damm: Jedenfalls war Dein Karl Marx als Namensgeber erst zweite Wahl. Ursprünglich war das ein gewisser…

Allee: Still jetzt!

Damm: … ein gewisser Stalin, den ihr mit Deinen Arbeiterpalästen ehren wolltet. Ein Massenmörder! Ich dagegen war schon immer da, früher als Weg zur Jagd unseres Kurfürsten, später hat sich Otto von Bismarck für mich eingesetzt. Auf mir fuhr die erste dampfgetriebene Straßenbahn, und ich war die wichtigste Amüsiermeile Berlins in einer Zeit, die heute alle an Babylon erinnert.

Allee: Ha! Erst der Kurfürst und dann Bismarck! Und da spottest Du über Ulbricht und Honecker als Autokraten! Das waren wenigstens Repräsentanten der Werktätigen, der einfachen Leute, der Arbeiter und Bauern, die dort die Paraden unserer Armee abgenommen haben, …

Damm: Repräsentanten? Von Demokratie kann da aber keine Rede sein!

Allee: Beim Kurfürst und  bei Bismarck noch weniger.

Damm: Von mir aus, lassen wir die Herrscher von damals aus dem Spiel. Aber nachdem Ihr Eure Mauer gebaut hattet, war die Welt doch wohl klar geordnet: Auf meiner Seite gab es nur noch lupenreine Demokraten, die über mein Pflaster flanierten.

Allee: So, so – „lupenreine“ Demokraten seid Ihr gewesen? An Deinem Pflaster klebt das Blut von Rudi Dutschke, vergiss das nicht. Und mit Polizeiknüppeln habt Ihr auf die Demonstranten gegen den Vietnam-Krieg eingeprügelt.

Damm: Das war schon eine schwierige Zeit. Muss ich zugeben. Aber geschunden wurde ich dabei, die schönen Schaukästen haben sie damals eingeschlagen, meine Schaufenster demoliert. Mir tut es heute noch, wenn ich daran denke.

Allee: Mein Beileid. Solche Streitereien auf meinem Rücken hatten wir nicht, dafür haben Walter und Erich gesorgt. Aber weißt Du eigentlich, wie schwer die Panzer und die Raketen-Laster eigentlich sind, die ich aushalten musste?

Damm: Nee, mit Militärparaden habe ich bis heute nichts zu schaffen. Da bin ich zu eng für. Das hast Du jetzt von Deiner Breite und Pracht.

Allee: Ich bin eben schöner als Du.

Damm: Warum kommen dann alle Menschen zu mir, und nicht zu Dir? Täglich muss ich mich mit Millionen Menschen herumschlagen, die auf mir rumtrampeln, tütenschleppend sich von einem Markenladen zum nächsten durchschlagen. Dabei gibt es diese Läden in jeder größeren Stadt immer gleich. Ich sag Dir, das ist eine Plage, dauernd das Getrappel, und manchmal stehen sie ewig lang auf mir herum, nur um in den Apple-Shop reinzukommen.

Allee: Deine Probleme hätte ich gerne! Ich erinnere mich gut, als das auch bei mir noch so war. Jeder, der in unserem sozialistischen Land etwas Besonderes gesucht hat, kam in die Karl-Marx-Allee – die erste Einkaufsadresse im ganzen Land! Edle Tuche, die wenigen aus dem Westen importierten Jeans, gute Leckereien, manchmal sogar Orangen und Bananen – alles das gab´s in der Karl-Marx-Allee. Und dazu das schöne Restaurant Moskau, das schicke Hotel Berolina, die großen Kinos und die Mokka-Eisbar – ach war das schön! Bei mir war richtig was, los, sag ich Dir. Weißt Du was, Du Wessi-Jammer-Damm: Ich habe mich inzwischen von den Militärparaden erholt. Gib mir was ab von Deinen Markenshops, ein paar Leute mehr auf meinem panzergeprüften Pflaster machen mir nichts aus.

Damm: Da musst Du erstmal Deinen Denkmalschutz loswerden. Da darf ja kein Gucci oder Prada sein Logo fett vorne hin montieren!

Denkmalschutz Ost: Wein drin, Briefmarken obendrauf

Allee: Kann ich das ändern? Stimmt schon, hier wird eben auf Geschichte und Schönheit geachtet, bei Euch geht es immer nur um Kommerz. Sogar meine alten sozialistischen Leuchtreklamen stehen unter Denkmalschutz. Deshalb muss einer meiner Geschäftsleute sein Weinlokal unter der Leuchtschrift „Briefmarken“ betreiben.

Denkmalschutz West: Eine Verkehrskanzel am Kurfürstendamm

Damm: Ich fasse es nicht, wer kommt denn auf so eine Schnapsidee? Sowas fiele mir nicht ein. Wir haben nur eine Verkehrskanzel aus den 50ern, die unter Denkmalschutz steht.

Allee: Ihr wollt mich eben als nostalgisches DDR-Museum erhalten. Sogar die schöne Karl-Marx-Buchhandlung steht leer. In dieser Lage, bei diesem Namen! Schon traurig, aber dafür bin ich eben auch die Schönere von uns beiden.

Damm: Fang nicht schon wieder damit an! In Deinen Prachthäusern macht schon deshalb kein toller Laden auf, weil es in Deinen Seitenstraßen keine so reichen Leute gibt wie bei mir, die da einkaufen könnten.

Allee: So ein Blödsinn! Ja, wir sanieren eben aus unseren sozialistischen Plattenbauten, die hinter meinen schönen Kachelfassaden stehen, nicht die Leute heraus. An Deiner Seite, mein lieber geldgieriger Kurfürstenkollege, kann man sich das Leben eben gar nicht mehr leisten, so ist das. Bei mir schon.

Damm: Und warum sieht man dann auch bei Dir so viel Armut auf der Straße, Menschen ohne Wohnung, Alkoholkranke, flaschensammelnde Rentner?

Allee: Das ist gemein! Die gibt es alle bei Dir auch, und zwar ganz üppig. Man muss nur genauer hinschauen, weil Dein ganzer Glitterglanz und Deine Leuchtreklamen so blenden. „Und man sieht die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht“, hat schon Bertolt Brecht geschrieben. Recht hat er.

Damm: Anderes Thema, schöne Allee! Kannst Du mir nicht etwas von Deinen Grünflächen abgeben, zum Beispiel die Weberwiese?

Allee: Das könnte Dir so passen. Ihr Wessis glaubt immer, Ihr könnt alles kaufen. Du bekommst gar nichts von mir: keine Kachel, keine Säulenarchitektur, keinen meiner Fontänenbrunnen, kein Grün. Ich will alles behalten, was mich so schön macht.

Damm: Dann wirst Du in Schönheit sterben.

Allee: … und Du an Deinem Geld ersticken.

 

 

Wer sich die Geschichte der beiden Prachtstraßen Berlins näher zu Gemüte führen will, kann dies z.B. auf Wikipedia tun:

Kurfürstendamm: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurf%C3%BCrstendamm

Karl-Marx-Allee: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Marx-Allee

 

 

 

Querschläger (11. Juni 2021)

Strandbad Wannsee

Das Berliner Mädchen Karla war vielleicht mit einem Fahrrad gekommen. Sieben Jahre war es alt, geboren 1945, mittendrin in den Wirren des Kriegsendes, in der Armut und Not, im Chaos der Wochen und Monate, nachdem die Waffen endlich schwiegen. Im Sommer 1952 war das Gröbste vorbei, die Verhältnisse hatten sich einigermaßen geordnet. Karla war gestrampelt durch den Grunewald, vielleicht zusammen mit ihren Eltern. „Nischt wie raus zum Wannsee!“ hatte ein Jahr zuvor Cornelia Froboess als Kinderstar berlinerisch geträllert, ein Schlagerhit der Nachkriegsjahre, dessen Refrain sich sofort als Ohrwurm in unseren Kopf einnistet. Bestimmt hatte es die Siebenjährige auch schon gehört, vielleicht lag es ihr auf den Lippen – „Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Schwesterlein, und dann …“. Es war ein heißer Augusttag.

Manchmal waren die Schüsse zu hören

Wenn der Wind entsprechend stand, konnten die Nachkriegs-Badegäste am Wannsee die Schüsse hören. Sie hatten sich daran gewöhnt. Wer 1952 hier badete, hatte den Krieg erlebt, kannte das Zusammenzucken, wenn ein Schuss fiel, hatte sich tausendmal geduckt bei Detonationen, und hatte zahllose Todesängste ausgestanden. Aber hier am Wannsee musste man die Schüsse nicht mehr fürchten. Die Berliner wussten, dass amerikanische Soldaten in den aufgeschütteten Böschungen unweit des Strandbades ihre Schießfertigkeit übten. „Keerens Range“ nannte die Besatzungs- und Schutzmacht dieses Areal. Das Knallen der Schüsse am Wannsee war nicht beliebt, aber so gewohnt wie das ohrenbetäubende Jaulen der Jagdbomber, gewohnt wie der staubige Knall, wenn in Berlin die Ruinen gesprengt wurden und in sich zusammenfielen in einer Staubwolke.

Doch an diesem 5. August war es plötzlich anders; Klara greift sich an den Hals, Blut rinnt durch ihre Finger, das Kind schreit und schluckt und sinkt auf die mitgebrachten Decken.

So kann man sich das Geschehen vorstellen, das sich vor fast siebzig Jahren abgespielt hat – so oder so ähnlich. Ein Querschläger aus amerikanischer Waffe hatte sich aus dem Übungsareal verirrt, hinüber zum Wannseebad, und dort das unglückliche Kind am Hals getroffen. Das Leben des Mädchens konnte gerettet werden. Es war nicht das erste Ereignis dieser Art seit Kriegsende, und auch nicht das letzte. Die Verletzung des Kindes wurde propagandistisch ausgeschlachtet; sogar eine Ost-Version des „Pack die Badehose ein“-Schlagers wurde produziert, in der vom Einpacken der Badehose dezidiert abgeraten wurde, „weil der Ami schießt am Wannsee“.

Ein weiter Ort voller Friedfertigkeit

Wer heute in das Strandbad am Wannsee kommt, braucht keine Schüsse zu fürchten. So sitzt der Flaneur denn also dort im Strandkorb, überwältigt von der Friedfertigkeit dieses weiten Ortes, geblendet von der glitzernden Wasserfläche vor ihn, und gedenkt kurz der kleinen Karla. Dann wird er zum Teil des bunten Treibens an diesem Vormittag: Fröhliche Rentner bemühen sich um sommerliche Bräune, kommunikative Damen gehen ihrem Sozialleben nach, junge Familien genießen ruhige Momente, weil sie hier ihre Kinder sorglos durch den Sand toben lassen können.

Wannsee: Strandkörbe in der Großstadt

Das Strandbad Wannsee ist ein Sehnsuchtsort für Nicht-Berliner, die fasziniert und verlockt sind von den Bildern dieser größten Badeanstalt an einem Binnensee in Europa:  weit mehr als ein Kilometer öffentlicher Sandstrand, um die 50 Meter breit, massenhaft Sand, herangekarrt in Güterwaggons von der Ostsee, darauf 250 Strandkörbe – welche Stadt kann damit aufwarten, wenn sie nicht am Meer liegt? Davor glitzert die Wasserfläche des Sees, der weniger ein See als eine Verbreiterung der Havel ist. Aber gerade deshalb trägt jedes vorbeiziehende Boot auch das Versprechen in sich, dass dieses Wasser fast so wie das Meer unendlich ist, dass es weitergeht, dass man hinausschwimmen könnte in die weite Welt, wenn man nur möchte. Man käme vorbei an der verträumten Pfaueninsel, wo das Geschrei der exotischen Vögel wie akustische Querschläger zu hören ist. Und an den fantastischen Gärten und Schlössern des Landschaftsparks rund um Potsdam, deren Bild uns einfängt wie eine Theaterkulisse, in der wir zu Gästen einer anderen Welt werden. Ein geübter Schwimmer müsste man dafür schon sein, zugegeben – aber möglich wäre es.

Kein Spaßbad, ein nostalgisches Freizeitparadies

Der Flaneur ist kein geübter Schwimmer und bleibt im Strandkorb sitzen. Vielleicht ein Kaffee, ein kühles Getränk? Kein Problem, zwar stehen die Gebäude des Strandbades unter Denkmalschutz, aber sie halten alles vor, was der Badegast verlangt. Vieles wirkt freundlich aus der Zeit gefallen und erfreulich unkommerziell. Das hier ist kein modernes „Spaßbad“ – Wannsee ist ein in die Jahre gekommenes, nostalgisches Freizeitparadies, in dem die Zeit ganz wohltuend anstrengungsfrei verrinnt.

Welcher Prachtbau steht da am anderen Ufer?

Aber wie immer, wenn es droht, allzu schön zu werden, bewährt sich der genaue Blick. Also nochmal die sommerlich sonnengeblendeten Augen im Strandkorb scharfgestellt: Was ist denn das da für ein schöner Prachtbau, fast ein Schloss, am Ufer direkt gegenüber? Ausgebreitet in einem Park steht er dort still und stumm und mahnend. Es ist die Villa am Wannsee, in der am 20. Januar 1942 sich unvorstellbare Kälte ausbreitete, als Funktionäre des NS-Regimes die weiteren Schritte zur systematischen Ermordung der Juden in Europa geschäftsmäßig diskutierten und festlegten.

 

Ein sehr schöner geschichtlicher Überblick zum Strandbad Wannsee auf der Website der Berliner Bäder: https://www.berlinerbaeder.de/fileadmin/user_upload/Baeder/35_strandbad_wannsee/Geschichte_Strandbad_Wannsee/Geschichtliches_zum_Strandbad_Wannsee_Stand-20-2-17.pdf

 

Die ganze Geschichte von den Schüssen am Wannsee hat der Tagesspiegel aufbereitet; der Artikel ist im Archiv dort online abrufbar: https://web.archive.org/web/20070702211345/http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag;art2566,2259339

 

Das „Haus der Wannseekonferenz“ hat eine eigene Website: https://www.ghwk.de/de

 

Farbfilm (7. Juni 2021)

„Du hast den Farbfilm vergessen!“ schimpfte 1974 die 19jährige Sängerin der Gruppe „Automobil“, Nina Hagen, ihren Reisebegleiter Micha. „Automobil“ landete damit in der Schlagerparade der DDR.

„Alles grau“, urteilte das Westkind

Brauchte man in der DDR einen Farbfilm? „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön ’s hier war“, ging der Text des Liedes weiter, „alles Blau und Weiß und Grün – und später nicht mehr wahr!“ Es gab eine Zeit, in der westdeutsches Vorurteil dem Osten unseres Landes attestierte, dort sei „alles grau“. Und tatsächlich kann sich der Flaneur gut an seine erste Reise in die gerade ganz neu und frei zugänglich gewordene Noch-DDR erinnern. Die damals sechsjährige Tochter schaute nach dem Überwinden der nicht mehr gesicherten innerdeutschen Grenze lange und fasziniert aus dem Fenster, die ersten Dörfer kamen ins vorbeiziehende Bild, und was sagte das unvoreingenommene Westkind? „Alles grau!“

Alles grau: Die Topografie des Terrors und das Bundesfinanzministerium hinter dem Mauer-Reststück

Wer heute durch Berlin wandert oder fährt, kann West und Ost nicht mehr an der Farbigkeit unterscheiden. Aber farbig bunt ist deshalb noch längst nicht alles. Von einem Ort, der „Topografie des Terrors“ heißt, erwarten wir vielleicht auch aus gutem Grund nicht gerade Farbigkeit. Hier wird kein Farbfilm benötigt. Der Ort fordert den Besucher als graue Steinwüste, ein eingezäuntes Areal, ein modernes graues Gebäude in seiner Mitte, ein abgesenkter Graben, ein langes Stück DDR-Mauer an seiner Seite – alles grau. Es bedarf einiger Mühe, sich bewusst zu machen, was das hier eigentlich für ein leeres Straßenkarree ist. Häuser standen her bis zum Kriegsende, Paläste, prächtige Bauten, ein nobles Hotel, aber es gab auch Hinterhöfe, Garagen, Gärten, Lauben. Wenig davon ist übrig, alles ist platt und grau. Die „Topografie des Terrors“ wurde 1987 nach langer Diskussion zu einer begehbare Gedenkstätte, die erinnern soll an das Grauen, das in nationalsozialistischer Zeit dort geschah. Denn hier standen die Zentralen des Terrorregimes, das Hauptquartier von SS und SA, von Gestapo und Polizei, alle auf diesem Fleck, vereint zwischen vier Straßen.

Bomben der Alliierten zerstörten das Zentrum des Grauens, Ruinen blieben übrig von der brutal-rechtlosen Machtausübung. In den 60er Jahren wurde entschieden, das unwirtliche Gelände unmittelbar an der Mauer abzuräumen – und nichts von den Palästen zu erhalten, in denen die Mörder residierten, folterten, quälten – Betriebsfeste feierten, zu Geburtstagen anstießen, Siege bejubelten und Niederlagen schönredeten. Was man heute noch dort findet ist ein modernes Dokumentationszentrum über die Nazidiktatur und eine informative Freiluftausstellung über Deutschlands Irrweg von der Weimarer Republik hin zur totalen Niederlage im selbst angezettelten „totalen Krieg“. Alles wichtig und sehenswert, vieles davon schon hundertmal gesehen.

Moderne Archäologie

Was diesen Ort besonders macht ist so etwas wie moderne Archäologie. Unter dem Schutt der abgeräumten Nazi-Paläste wurden bei der Neugestaltung als Gedenkort die immer noch vorhandenen Pflastersteine der Einfahrten gefunden, über welche die Opfer der Gestapo in die Folterkammern gekarrt wurden. Die eingestürzten Eingangstore der Gestapo-Zentrale, kantige Ruinen, mahnen, einst unbeachtet liegengelassen, jetzt an die Todesangst der Menschen, die das Osttor einst passierten. Unterirdische Gefängniszellen der Gestapo wurden ausgegraben und pietätvoll wieder zugeschüttet, aber markiert. Die graue Topografie deutet die angelegten bombensichern Kellergänge an, zeigt die unterirdisch angelegten Räume einer Cafeteria der Folterknechte.

Die Westdeutschen der Nachkriegsjahre vergaßen sicher keinen Farbfilm, wenn sie in den Urlaub fuhren. Aber die Orte ihrer eigenen grauen Vergangenheit wollten sie gerne aus den Augen und damit aus dem Sinn haben. Alle möglichen Verwendungszwecke für die leere Brache direkt an der Mauer wurden diskutiert. In den 70er Jahren richtete Westberlin schließlich auf dem Gelände ein „Autodrom“ ein, einen Freizeitpark, auf dem man das Autofahren üben konnte – ohne Führerschein hinweg über die Folterkammern des Führers.

Heute denken wir anders. Der Gang über das weite Gelände wird zur Zeitreise vom Grauen ins Grüne. Der Besucher kann das ganze Gelände abschreiten, einige der alten Trassen des Autodroms nutzend, und findet sich bald in einem idyllischen Robinienwäldchen wieder, in dem die Blumen blühen und die Bienen summen. Zurück führt der Weg zur Betonrohr-bewehrten grauen Mauer, das von Mauerspechten durchlöcherte, angenagte, jetzt unter Denkmalschutz stehende Monument der deutschen Teilung. Die Geschichte erlaubt uns, heute ohne Schmerz über sie hinweg zu sehen, hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesfinanzministeriums, das so grau und abweisend dasteht, als wollte es allen Klischees von der grauen DDR und dem öden Grau jedes Bürokratenapparates gerecht werden.

Olaf Scholz ist am Aussehen seines Dienstsitzes unschuldig. Das „Detlef-Rohwedder-Haus“ wurde als Monumentalbau von den Nazis errichtet, beherbergte das Reichswehrministerium, später in der DDR das „Haus der Ministerien“ und gab so vielen grauen Bürokraten der DDR einen Arbeitsplatz. Nach dem Fall der Mauer war der graue Kasten dann Sitz der Treuhandanstalt (nach dessen ermordeten Präsidenten er später benannt wurde) und seit 1999 ist dort der Sitz des Bundesfinanzministers. Vermutlich würde der Minister schon am Denkmalschutz scheitern, wenn er den Versuch unternähme, sein Haus bunt anmalen zu lassen.

Das Bunte muss von woanders her kommen

Alles Bunt: Die roten Bäume von Yayoi Kusama beim Gropius-Bau

Das Graue gehört zu diesem Gebäude, wie das Grauen zur Topografie des Terrors gehört. Also muss das Bunte von anderswo kommen. Und siehe da, Blick zurück, keine hundert Meter, außerhalb der Einzäunung, da wartet es schon, das überraschende Bunt. Stehen da tatsächlich knallrote Baumstämme mit leuchtend weißen Punkten? Wie bitte – rote Baumstämme mit weißen Punkten? Kann das sein und wenn ja – wie und warum? Der Anblick ist unglaublich und macht so hoffnungstrunken wie das Licht am Ende eines zu langen Tunnels, so glücklich wie das Durchbrechen eines neuen, strahlenden Motivs in der Musik, wie die erste Blüte im Schnee.

Rote Bäume mit weißen Punkten? Gewachsen können sie so nicht sein, also nochmal hingeguckt: Die bunten Bäume sind eingewickelt und sie sind ein Kunstwerk, Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im benachbarten (von außen übrigens auch ziemlich grauen) Gropius-Museumsbau. Gelockt von den roten Bäumen, schnell online einen Timeslot gebucht, den Corona-Test gezückt, und raus aus der grauen „Topografie“ rein in den Ausstellungpalast. Durstig nach Buntheit, nach Farbenpracht und Vielfalt. Im Foyer räkeln sich die roten Punkte im dichten Gewirr dicker Tentakel über-mannshoch bis ins Obergeschoss der Halle, bilden einen Dschungel der Farbenpracht, laden ein zu weiteren farbigen Abenteuern der Kunst. Man muss nicht alles verstehen, was sich die Künstlerin aus dem fernen Osten dabei gedacht hat, aber dem bunten Zauber der manchmal durch Spiegel ins Unendliche gesteigerten Farbigkeit ihrer Werke wird sich niemand entziehen, der sensiblen Sinnes ist.

Noch mehr Farbe in der Ausstellung der japanischen Künstlerin

Übersatt erfüllt von Farben tritt der Besucher wieder heraus in das reale Berlin, das jeden Tag so bunt gepunktet sein kann, wie der Stamm dieser Bäume, zwischen denen er jetzt steht. Bunt wie das frische Grün an den Zweigen der rotgepunkteten Bäume, oder so gelb wie die vorbeirauschenden DHL-Autos, oder so leuchtend blau wie der sommerliche Himmel. Oder so grau wie das Finanzministerium.

 

 

„Du hast den Farbfilm vergessen“ mit Nina Hagen auf youtube (hier in einer Live-Aufnahme von 2018):

Die Website der Topografie des Terrors: https://www.topographie.de/topographie-des-terrors/

Die Website der Ausstellung von Yayoi Kusama (noch bis 15.8.2021): https://www.berlinerfestspiele.de/de/berliner-festspiele/programm/bfs-gesamtprogramm/programmdetail_299677.html

Brecht lebt (3. Juni 2021)

Das Brecht-Denkmal beim Berliner Ensemble

Man kann es hören, jeden Schritt. Knirsch, knirsch, knirsch – die Schritte des Dramatikers und Theaterdirektors auf dem Kies. Oder auch trapp, trapp, auf dem Straßenpflaster. Bertolt Brecht muss weitergehen, obwohl er so oft lieber stehen bleiben würde. Zerstreut ist der Dichter, unpraktisch und mürrisch, die Frauen seines Lebens müssen ihn treiben, damit er rechtzeitig zum Schlussapplaus in sein Stammhaus, in das „Berliner Ensemble“ kommt. Aber Brecht ist widerspenstig, will sich sogar erst noch vorsorglich eine Grabstelle aussuchen, interessiert sich mal für dieses und jenes am Weg und hat zu allem eine Meinung. Er hat Angst, im Theater anzukommen, er würde vielleicht lieber hinausgehen aus der großen Stadt, hinaus dorthin, wo das Wasser plätschert und das Schilf im Wind rauscht.

Aber Bertold Brecht darf nicht. Er muss durch Berlin gehen und trifft dabei vier Frauen, die wichtig waren in seinem Leben. Jede von ihnen war ihm ergeben, obwohl er „als Mann“ vermutlich alles andere als „attraktiv“ war, klein, gern störrisch und oft ungepflegt, aber eben auch ein faszinierendes Genie, geistreich, überraschend, witzig, humorvoll.  Deshalb haben Frauen es hingenommen, dass er unklar blieb in Beziehungsfragen, haben ertragen, dass er mehrere gleichzeitig liebte, haben akzeptiert, dass er ihre Ideen, ihre Beharrlichkeit, ihre Texte zu seinem Erfolg machte, und den Ruhm und das Geld dafür alleine einstrich.

Das Wohnhaus von Bertolt Brecht und Helene Weigel in der Berliner Chausseestraße

Knirsch, knirsch, wir gehen mit Bertolt Brecht durch den Dorotheenstädter Friedhof. Dort ist er in einem gemeinsamen Grab mit Helene Weigel beerdigt, aber auch die drei anderen Frauen liegen hier: Isot Killian, Elisabeth Hauptmann und Ruth Berlau. Knirsch, knirsch, noch auf dem Friedhof geht Brecht an seinem Berliner Wohnhaus in der Chausseestraße vorbei. Und schon hören wir im Kopfhörer „Helli“ Helene Weigel schimpfen: „Geh in das Theater, troll Dich!“.

Eine Zeitreise to go

Der Brecht-Spaziergang durch Berlin ist kein Audioguide, sondern ein echtes Theatererlebnis, eine Zeitreise to go, ein individuell durchführbarer Schauspiel-Spaziergang. Umsonst und draußen! Den gesprochenen Text – wie auch die – knirsch, trapp – Schritte kann man sich auf das eigene Handy herunterladen, und dann idealerweise im Gleichschritt mit Brecht seinen Weg gehen. Er hat ihn selbst einmal auf einem Notizzettel aufgezeichnet. Der Theaterweg ist ein wunderbares Erlebnis, ein Spaziergang durch die Straßen der Mitte Berlins, aber auch durch die Seele dieses Literaten, durch seine Publikumsscheu und Wortgewalt bis hin zu seiner Angst vor dem Tod. Deshalb heißt er auch „Brecht stirbt“, obwohl dieser Gang durch Berlin auf dem Friedhof beginnt und im Theater endet.

Trapp, trapp, Brecht läuft durch seine Stadt, die er – 1956 gestorben – nicht als Stadt mit Mauer kennengelernt hat. Er ist irritiert, aber auch angetan über das heutige Berlin, über den erreichten Wohlstand in Berlin. Aber auch entsetzt über die Bausünden („Architekt verklagen!“), irritiert über die vielen Schranken und Sperren, das große Krankenhaus, an dem er vorbeikommt.

Lassen wir – trapp, trapp – Brecht ein Stückchen allein gehen! Weichen wir ab von seinem Weg und suchen wir die Begegnung mit ihm an anderen Stellen dieser Stadt. Brecht war Kommunist und glaubte an die idealtypische Ausgestaltung des realen Sozialismus. Er war überzeugt, dass es gelingen könnte, eine klassenfreie Gesellschaft mit Wohlstand für alle zu formen. Er begegnet uns also auch am 17. Juni 1953 auf der Karl-Marx-Allee, die damals Stalinallee hieß. Dort, an einer heute markierten Stelle, hatte das Volk der sowjetischen Zone gegen die Lebensmittelpreise protestiert, und Brecht war entsetzt über das Handeln der Mächtigen: Wenn das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, „wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Mit Brecht durch Neukölln und über den Kurfürstendamm

Trapp, trapp – gehen wir mit Brecht durch Neukölln und Kreuzberg. Hier und anderswo begegnen wir seinen Helden der Dreigroschenoper, den einfachen Leuten, die sich mit kleiner Kriminalität über Wasser halten, und den Gangsterbossen, ihren willfährigen Helfern und hilflosen Opfern. Aber auch in den feinen Vierteln der Stadt, am Brandenburger Tor, wo sich die Touristen tummeln, auf dem Kurfürstendamm, wo die Reichen shoppen, läuft Brecht mittendurch zwischen den Bettlern, organisiert von osteuropäischen Bettlerbanden, die so tun müssen, als wären sie arm und beladen. Dabei wären sie es vielleicht nicht, wenn ihre Bettler-Bosse sie nicht wie Mr. Peachum aus der Bettleroper als Arme verkleiden und unter Kontrolle halten würden. „Wovon lebt der Mensch?“, fragt Macheath, und alle Bettler antworten: „Der Mensch lebt nur von Missetat allein!“

Trapp, trapp, weiter geht’s. Vielleicht pfeifen wir jetzt die Ballade vom Haifisch und den Zähnen?  Wer mit Brecht durch Berlin läuft, sieht auch die vielen Mütter, mit und ohne Kopftuch, aus Hartz oder Aleppo, die alltäglich mit Courage ihre Familien durchbringen müssen. Sie betreiben keinen fliegenden Warenhandel mehr, aber sie müssen genau hinsehen, was sie kaufen können, um ihre Kinder satt zu bekommen, sie anzuziehen und zu bilden, damit sie nicht verloren gehen wie die Söhne der „Mutter Courage“.

Trapp, trapp! Jedes Wochenende werden hier tausende Kinder hin und hergefahren zwischen ihren getrennten Eltern. Wir haben Brechts Lektion des „Kaukasischen Kreidekreises“ gelernt. Wir wollen nicht mehr an an den Armen unserer Kinder zerren, um zu ihren Lasten Recht zu behalten.  Und doch kommt es wohl noch oft genug vor.

Da, der Karlsplatz! Hier treffen wir Bertolt Brecht wieder auf seinem Weg zum Theater, nur noch wenige Schritte sind es bis dorthin. Hier, auf der Rückseite des Denkmals für Virchow, lehnt eine Tafel. Darauf steht ein Gedicht. Es berichtet über das kleine Wunder dieser Pappeln, die den Winter 1946 überstanden haben, obwohl er kalt war und die Menschen Holz zum Heizen brauchten. „Doch die Pappel dort am Karlsplatz zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt: Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz, dass man sie noch immer hat.“ Die Zeilen sind von ihm.

Da sitzt der Dichter

Das Berliner Ensemble – Theater von Bertolt Brecht und Helene Weigel

Trapp, trapp – zum Theater! Im Kopfhörer rauscht Applaus. Der Dichter sitzt da schon, eisern und freundlich blickt er uns gerade in die Augen und die Kinder klettern ihm auf die Schulter. Da sitzt ein freundlicher Mensch voller Empathie für die „kleinen Leute“, angekommen in seiner Wahlheimat Berlin, nach einem langen Weg durch zwei Weltkriege, Flucht, Exil, enttäuschten Hoffnungen. Jetzt sitzt er hier auf Dauer. Rechts von ihm „sein“ Theater. Junge Menschen warten auf Einlass, aufgeregt, erwartungsfroh suchen sie noch immer und immer wieder neu die Inspiration des gesprochenen Wortes.

Trapp, trapp – weiter, weiter! Das kluge Wort stirbt nicht, es lebt immer weiter.

 

Den wunderbaren Spaziergang durch Berlin mit Bert Brecht kann man hier erleben (wobei es natürlich am Schönsten ist, vor Ort mitgehen zu können): https://www.berliner-ensemble.de/audiospaziergang-brecht-stirbt

Mehr über Bert Brecht bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bertolt_Brecht

 

 

 

Im Brieselang (31. Mai 2021)

„Heute schon bewegt?“ mahnt das Hashtag in einer Chatgruppe täglich mehrfach den Flaneur. Was für eine Frage! Das Erkunden der großen Stadt Berlin und ihrer noch größeren Umgebung ist Bewegung an sich. Aber in Zeiten von Couch-Potatoes, von Serien-Sucht, Sitzberufen im Büro wie im Homeoffice, gilt das Sitzen bekanntlich als „das neue Rauchen“. Zwei Autoren haben so ihr Buch genannt, in dem es – wenig überraschend – um ein Bewegungsprogramm für Vielsitzer geht. Aber Bewegen allein ist nicht genug. Wir wollen auch darüber reden: Wir feiern jeden Schritt, jeden er-radelten Kilometer, jedes gestemmte Kilo, wir „teilen“ es und machen es so zum Gegenstand eigener Motivation und fremder Bewunderung.

2430 Seiten, 99 Cent

Nach und nach, im Laufe von insgesamt 27 Jahren ab 1862, hat der Berliner Schriftsteller Theodor Fontane seine Heimat rund um Berlin durchwandert. Auch er „teilte“ seine Erlebnisse, zunächst in Aufsätzen für die Zeitung, später zusammengefasst in dicken Büchern. Der sportliche Aspekt fand dabei allenfalls im Hinterkopf statt. Fontane ging es um die alten Geschichten, Gerüchte und Sagen rund um die vielen Orte, die er aufsuchte. Ihm war die Wahrnehmung von Natur und Kultur wichtig. Für 99 Cent kann man sich heute die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auf den e-Reader laden, fünf Bände mit 2430 Seiten, und damit handlich geeignet als Wanderbegleiter.

St. Nikolai in Berlin-Spandau

Aber auch nützlich? Der Flaneur macht sich auf, dem berühmten Dichter auf eine der beschriebenen Wanderungen hinterher zu folgen. Start in Berlin-Spandau. Fontane suchte die damals noch eigenständige Stadt auf, um den Kirchturm der St.-Nikolai-Kirche zu besteigen, und er durfte tatsächlich hinauf auf den Turm. In seinem Text sinnierte er beim Hochsteigen über die Vorteile von spiralförmiger Ausgestaltung eines Turmaufstiegs gegenüber zu langen geraden Holztreppen und spottete über die vertrackte Vielfalt der Schlösser. An all das ist für den Besucher von heute nicht zu denken. Fest verschlossen ist die Turmtür und kein Hinweis lässt hoffen, dass ein Besteigen möglich wäre. Also müssen wir uns auf das verlassen, was Fontane beschrieb, nachdem er endlich die offene, nicht verglaste Aussichtskanzel auf der Kirchturmspitze erreicht hatte: „Ostwärts im grauen Dämmer die Türme von Berlin, nördlich, südlich die bucht- und seereiche Havel, inselbetupfelt, nach Westen hin aber ein breites, kaum hier und da von einer Hügelwelle durchbrochenes Flachland – das Havelland.“

Dort im Havelland hat Fontane einen Wald mit einem eigenen Kapitel bedacht: den „Brieselang“. Das Datum, an dem Fontane seine Wanderung durch diesen Wald absolvierte, ist genau benannt, es war der 22. Mai 1870, ein warmer, schwül-gewittriger Tag, wie dem Text zu entnehmen ist. Ausgehend von einem Gasthaus „Finkenkrug“ ging die Wanderroute, mit einer Rast in der Försterei inmitten des mächtigen Waldes, bis hin zu einer Eiche, die damals als „Königseiche“ bis Berlin hin bekannt war.  Denn „nur erst, wer bei der Königseiche steht, der den Brieselang hinter sich hat, kann mitsprechen!“, ruft uns Fontane wildromantisch zu. Mitsprechen ist angesagt in unseren kommunikativen Zeiten. Also auf in den Brieselang!

Im Finkenkrug gibt es kein Bier mehr, …

Das Unternehmen gestaltet sich schon bald problematischer als gedacht. Der Weg ist nach einer neuzeitlich aktualisierten Planung auf Maps zwar anspruchsvoll, aber doch auch der durch jahrelange Schreibtischarbeit geschwächten Muskulatur des Nach-Wanderers noch zuzutrauen. Leider ist aber nichts mehr zu finden von allem, was Fontane beschreibt. Der „Finkenkrug“ ist keine umtriebige Gastwirtschaft mehr, in der zwischen „links Kaffee und Kegelbahn, recht ist Bier und Büchsenstand“ zu wählen wäre. Fontane entschied sich für die einladende Außengastronomie des Cafés, und ließ sich dorthin das Bier bringen, was offenbar auch funktioniert hat. Heute trägt ein Ortsteil von Falkensee diesen Namen, gänzlich ohne gastronomisches Angebot. Die Försterei, in der Fontane und seine Wandergesellschaft so humorige Gespräche mit dem Förster und seiner Familie führen konnte, so viel zu hören bekam über die wilden Gewitter im Brieselang, ist ersetzt durch einen schmucken Neubau. Auch hier keine Einkehrmöglichkeit mehr. Der weitere Weg durch den Wald führt vorbei am lauschigen Waldfriedhof der Gemeinde Brieselang, den es vor 150 Jahren noch nicht gab und der jeden vorbeiziehenden Gast nur neidisch machen kann auf alle, die für sich einen solchen lauschigen, Laub-umrauschten und Vogel-umzwitscherten letzten Ruheplatz gefunden haben, wenn es denn unbedingt sein muss.

… also Rast auf dem Friedhof.

Der Waldfriedhof im Brieselang

Ein paar wenige gräberpflegende Brieselanger sind da zu beobachten, und vorbeiziehende Jogger, kilometerfressende Radfahrer oder um ein gemeinsames Fahrttempo ringende Familien. Fontane hatte auf seinem Weg durch den Brieselang originelle Begegnungen mit Naturfreunden: Da waren Sammler aller Art unterwegs – auf der Jagd nach Kräutern, nach Käfern, nach Schmetterlingen, nach Schlangen und Fröschen und Vogeleiern. Ein solcher Käferfreund kam für den Dichter sogar leibhaftig aus dem Unterholz und begleitete ihn ein Stück des Weges, plaudernd über die Vielfalt von Flora und Fauna.

Die Beweglichen von heute sammeln keine Kräuter oder Käfer, und Zeit für einen Plausch haben sie auch nicht. Sie sammeln Schritte, Kilometer und Kardiopunkte. Sie treiben sich durch das Gehölz, nur selten zuckt der konzentrierte Sportlerkopf zur Seite: Was war das da für ein geschäftiges Geraschel der Vögel im Gebüsch? Den gehetzten Blick auf die Daten am Armgelenk gerichtet, bleibt das lautlos-emsige Treiben der Ameisen unerkannt. Und das Surren des eBikes übertönt jedes Rauschen des Eichenlaubs, wie es anschwillt und verebbt im Wind dieses kühlen Maitages.

Die „Königseiche“

Eichenlaub! Jetzt aber endlich auf zur Königseiche! Schon die Lektüre der „Wanderungen“ macht skeptisch: „Sie steht da wie ein Riesenskelett mit gen Himmel gehobenen Händen.“ Fontane sah nur einen toten Baum, dessen Ausmaß ihn immerhin schwer beeindruckt hat: um die 30 Meter hoch, „man braucht zwanzig Schritt, um ihn zu umschreiten“. Als die wandernden Herren von 1870 den berühmten Baum endlich erreicht hatten, erhoben sie voller Respekt und Hochachtung die mitgeführte Wein-Proviantflasche auf den Baum und gaben seinem toten Stamm sogar einen eigenen Schoppen ab. Der mächtige Baum, dessen Alter die Waldkundigen schon damals auf etwa 1000 Jahre geschätzt hatten, war bei Fontanes Wanderung bereits seit drei Jahren abgestorben. Den Förster zitiert Fontane mit der Prognose: „Er steht noch hundert Jahr.“

Vor 150 Jahren war die Eiche auch ein Symbol für Deutschtümelei, eine Annäherung an die Unvergänglichkeit Preußens. Sie war auch eine besonders prominente „Jahneiche“, eine Kultstätte für nationalistisch motivierte Bewegungsfreude. Für einen Besuch der Königseiche nahmen die Turner und andere Sportbegeisterte aus Berlin die lange Anreise in Kauf, um sich deutschtümelnd körperlich zu ertüchtigen. Fontane schildert all dies und zitiert distanzlos jene Ehrentafel, die an dem großen Baum angebracht war: „Eiche, hehre, stolze, freie – sieh: Dein Volk wird auferstehen!“

Da lacht das grüne Herz

Heute schon bewegt? Hoffentlich im Kopf. Dort und im Wohnzimmer sollte die Eichenholz-Schrankwand verbannt sein. Wenn wir heute Fontane lesen, können wir uns auf die Ökologie stürzen: „Eine Welt von Getier bewohnt die alte Eiche. Der Bockkäfer in wahren Riesenexemplaren hat sich zu Hunderten eingenistet, am ersten großen Ast schwärmen Waldbienen um ihren Stock, und im kahlen Geäst, höher hinaus, haben zahllose Spechte ihre Nestlöcher.“ Da lacht das grüne Herz, das heute so umkämpft ist, wie damals das nation ale Selbstbewusstsein.

Aber wo ist denn nun dieser prominente Baum? Die unpräzise Wegbeschreibung von 1870 hilft nicht weiter, aber wohl ein Blick ins Internet: Die Hundert-Jahre-Prognose der Förster stellte sich schon bald als falsch heraus. Der Baum wurde 1896 von einem Blitz getroffen, brannte, und sein Torso stürzte schließlich um. Angeblich sind heute noch Reste davon zu sehen (aber dem Flaneur gelang es nicht, diese Stelle zu finden). Ein „neuer“ Baum soll jetzt erinnern an die Stelle der alten Königseiche. Vor mehr als hundert Jahren gepflanzt, ist sie auch schon ein sehr stattlicher Baum, und kann doch noch immer kaum ein Enkel des mächtigen Ahnen sein.

Wenn wir Menschen es zulassen, leben Bäume eben in anderen zeitlichen Dimensionen. Und das, obwohl sie sich überhaupt nicht bewegen. Heute schon nachgedacht? Na klar, im Brieselang!

 

Fontanes Text über den Brieselang findet man auch online hier:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fontane,+Theodor/Reisebilder/Wanderungen+durch+die+Mark+Brandenburg/Havelland/Spandau+und+Umgebung/Der+Brieselang

Ein schönes Bild der originalen „Königseiche“ im Brieselang findet sich auf der Website der Gemeinde Schoenwalde-Glien:

https://www.schoenwalde-glien.de/city_info/webaccessibility/index.cfm?item_id=853017&waid=114&modul_id=5&record_id=147837

Über die St. Nikolai-Kirche in Spandau habe ich auch in meiner Sammlung #1000Kirchen geschrieben: https://vogtpost.de/st-nikolai-berlin-spandau-0008/01/06/2021/

 

 

Sonderzug nach Schönhausen (25. Mai 2021)

Schloss Schönhausen in Berlin-Pankow

Wie muss man sich das vorstellen, wenn darüber entschieden wird, den eigenen Staat einzumauern? Als Walter Ulbricht im Juni 1961 seine weltberühmte Lüge sächselte, wonach „niemand“ die Absicht habe, „eine Mauer zu bauen“, war er Hausherr im Schloss Schönhausen. Das Schloss im Berliner Norden war nach vielen Umwegen und Verwerfungen der deutschen Geschichte zu seiner Zeit Amtssitz des Staatsoberhauptes der DDR geworden. Und da dem jungen Arbeiter- und Bauernstaat die Menschen davonliefen, plante Ulbricht bekanntlich trotz allem, was er sagte, eine Mauer.

Wer möchte, kann sich im Schönhauser Schloss das Büro ansehen, in dem dies geschah: Schwere Eichenmöbel, ein riesiger Schreibtisch, tiefe Sessel, alles im Original erhalten. Trank man importierten Cognac? Oder einheimisches Bier? Oder standen nur Wasserkaraffen auf dem Tisch, als der Plan für die Abtrennung Ost- von Westdeutschland und die Mauer durch Berlin geplant wurde? Gab es Häppchen? Oder Kekse? Lagen Pläne auf den Tischen? Wurde geraucht? Waren auch Frauen dabei oder blieb es eine Männerrunde? Das kann auch die freundliche Aufsichtsdame der Stiftung preußischer Schlösser und Gärten nicht beantworten.

Historiker und Archivare könnten es vermutlich wissen; aber der Flaneur bedient sich ohnehin lieber seiner Fantasie. Denn draußen, im Schönhauser Schlosspark, hat dieser Ortes die Fantasie bereits beflügelt: Als über die Mauer durch Deutschland entschieden wurde, war ihr Vorbild bereits da, wenige Meter entfernt vom Ort des Geschehens: trennend, ausgrenzend, wuchtig.

Die kleine Mauer von Schönhausen

Die Schlossmauer von Schönhausen

Wie kann das sein? In den 50er Jahren hatten die Verantwortlichen der DDR entschieden, den größeren Teil des alten königlichen Schönhauser Schlossparks abzutrennen und für die allgemeine Öffentlichkeit freizugeben. Der kleinere Teil des Parks aber, unmittelbar um das Schloss gelegen, wurde mit einer hohen Mauer abgetrennt, damit das Staatsoberhaupt in Sicherheit seinen Geschäften nachgehen konnte. Diese Mauer teilt den Park bis heute. Wer das Schloss umrundet, schlendert unter den Jahrhunderte alten Bäumen auf fein gezogenen Wegen dahin, vorbei an der Brunnenfontäne, vorbei am alten Teehaus – und schon stößt er auf die Mauer. Eine respektable Steinwand, mehr als zwei Meter hoch, dahinter das einfache Volk, davor ein sorgsam freigehaltener Streifen, Patrouillen-tauglich für gut bewaffnete Beschützer des Amtssitzes. Sogar die Leuchten sind noch da, mit deren Hilfe einst diese innere Grenze ausgeleuchtet wurde. Wenn auch zerstört, verbeult, verrostet, zeugen sie doch von Zeiten, da hier in Pankow hinter Mauern über Mauern entschieden wurde.

Hierhin sollte Lindenbergs Sonderzug fahren

Als Udo Lindenberg 1983 in seiner frechen innerdeutschen Musikprovokation singend einen „Sonderzug nach Pankow“ verlangte, hinderte ihn die große Mauer an der Reise. Sein gedankliches Ziel war dieses Schloss Schönhausen im Berliner Bezirk Pankow, wo er Erich Honecker vermutete. Der Hamburger Panikrocker war allerdings nicht up to date. Ulbrichts Nachfolger, laut Udo Lindenberg „eigentlich auch ein Rocker“, war längst in das neue Staatsratsgebäude in die Berliner Innenstadt umgezogen und eben doch ein „sturer Schrat“, wie Lindenberg im Lied schon befürchtet hatte. Über den Spott des West-Musikers soll er nachhaltig verstimmt gewesen sein. Lindenberg durfte trotzdem ein paar Monate später tatsächlich kurz in Ostberlin singen, wenn auch nicht dieses Lied. Eine Tournee scheiterte an politischen Auflagen.

Udo Lindenberg hatte mit seinem Ruf nach einem Sonderzug nach Pankow im Westen großen wirtschaftlichen Erfolg. Im Osten schuf er ganz nebenbei eine heimliche Hymne für Öffnung und Erneuerung. Vielleicht hat auch ein wenig sein freches Lied dazu beigetragen, die Entfremdung zwischen Volk und Führung in der DDR wahrnehmbarer, aussprechbarer zu machen. Dennoch blieb die Intervention des in Hamburg lebenden Künstlers Lindenberg ein risikoloser Angriff von außen, war gewissermaßen so mutig wie das Bemalen der Westseite der Mauer mit Freiheitsparolen.

Kein Sonderzug für Wolf Biermann

Für den in Hamburg geborenen Liedermacher und DDR-Dissidenten Wolf Biermann ging es da schon um viel mehr, als er sich 1976 in einen Zug (wenn auch keinen Sonderzug, sondern eine schlichte Berliner S-Bahn) setzte, um mit Genehmigung seines Staates zu einer Konzertreise in den Westen aufzubrechen. Wenige Tage später bliebt für ihn nach einem als zu regime-kritisch verstandenen Konzert in Köln die Mauer geschlossen. Biermann wartete 13 Jahre, bis er am 1. Dezember 1989, drei Wochen nach dem Mauerfall, in Leipzig wieder ein Konzert in der DDR geben konnte. Vor 5000 Menschen, übertragen vom west- wie vom ostdeutschen Fernsehen. Was für ein Triumpf der Lieder über die Mauern!

Man kann sich das Konzert und die wütend-bissige Abrechnung Biermanns gegen die greisen Männer der DDR-Staatsführung auf Youtube ansehen; mehr als drei Stunden, die jeden Zuhörer auf eine Zeitreise in die deutsche Geschichte hineinreißen, gewissermaßen ein virtueller Sonderzug nach Leipzig. Inzwischen ist Biermann Berliner Ehrenbürger, lebt aber wieder in Hamburg.

„Berlin tut weh“

Hier schlief Michail Gorbatschow und viele andere Staatsgäste der DDR

Politisch fern gehalten hat sich der dritte im Bund der Liedermacher, die durch diesen Text ziehen. Reinhard Mey hat den beiden anderen voraus, dass er ein echter Berliner ist, dort geboren und bis heute zu Hause. „Berlin tut weh“, klagt eines seiner Lieder, das noch in der Zeit des Kalten Krieges entstand. Mey hadert darin mit seiner Heimatstadt: „Du hast mich um ein Stück Freiheit betrogen, mich, der nichts Teureres als Freiheit weiß…“ „Staatsmann und Hinterbänkler“, singt Mey, „alle kamen mit großen Sprüchen und mit Prunk und Pracht“. Politischer wird´s bei Reinhard Mey nicht, und gemeint hat er wohl die Besuche westlicher Größen im eingeschlossenen Westberlin: Kennedy, Elisabeth II., de Gaulle. Und eher nicht die Staatsgäste der DDR, die inzwischen im zum Gästehaus umgebauten Schönhauser Schloss hinter verschlossenen Toren und einer hohen Mauer nächtigten, wie Jassir Arafat, Fidel Castro oder Michael Gorbatschow.

Der Fahnenmast hat ausgedient

Was für ein verändertes Bild bietet das schöne schlichte Sommerschloss der Königin Elisabeth Christine von Preußen heute: Offen steht das Tor, ein Gartencafé begrüßt den Besucher, Bänke laden zum Verweilen unter den Kastanienbäumen ein, welche die Allee zum Schloss hin säumen. Kinder spielen, Radler kreuzen, Hunde tollen herum. Der Fahnenmast hat ausgedient, sein Seilzug klappert nutzlos im Wind. Zugewachsen und verfallen sind die Garagen, in denen die eskortierten Karossen der Staatsgäste zuletzt parkten. Nur die Mauer hinter dem Schloss, mit ihren verrosteten Scheinwerfern, mit dem gepflasterten Pfad für die Wachsoldaten, die ist immer noch da.

Mehr Informationen zur sehr wechselvollen Geschichte von Schloss Schönhausen bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Sch%C3%B6nhausen

Udo-Lindenbergs Sonderzug nach Pankow auf Youtube:

 

Das legendäre Konzert von Wolf Biermann am 1. Dezember 1989 in Leipzig:

Und das Lied „Berlin tut weh“ mit Reinhard Mey:

 

 

Von Regeln und Rasenflächen (19. Mai 2021)

Nennen wir ihn Joe. Joe ist 25 Jahre alt, studiert in Berlin und arbeitet nebenbei als Wolt-Fahrer. Für ihn gilt nur eine Regel: Vorankommen und ankommen. Wolt ist ein finnisches Startup, das im Berliner Straßenbild omnipräsent ist. Auf jedem Radweg, durch jede Straße jagt eine oder ein Wolt-Radler/in dahin, den würfelförmigen blauen Thermo-Kubus auf dem Rücken. Es gilt, den Boom-Markt der Essenslieferungen zu erobern. Überarbeitete Businessleute, übermüdete Familien mit Kleinkindern, kochuntaugliche Singles – das sind die Zielgruppen, allesamt hungrig und ungeduldig.  Joe will möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit verdienen, mit Fahrradfahren, was auch ohne Kasten auf dem Rücken seine Leidenschaft ist. Joe muss schnell sein, damit er sich einen guten Stundenlohn erarbeitet, wozu auch gehört, dass das Essen nicht kalt wird. Sein Trinkgeld steigt mit der Zufriedenheit der Kunden, und die mögen kein kaltes Essen. Also hält Joe auch wenig von Verkehrsregeln. Vorankommen, das Essen wird kalt!

Berlin wirbt für Abstand

In Berlin gelten unzählige Regeln. Joes Jagdrevier der Neuzeit ist der Straßenverkehr, nehmen wir also diesen als Beispiel. Verkehrsschilder, Ampeln, Straßenmarkierungen versuchen, das Regelwerk unseres mobilen Zusammenlebens zur Geltung zu bringen. Aber oft siegt die Anarchie: Markierungen sind für viele Autofahrer nur eine Empfehlung, vor der Kreuzung herrscht ein spurenübergreifendes Geschiebe wie in Palermo. Jeder will vorankommen! Das Mantra der gehetzten Dynamik steht über jeder Regel. Regelwidriges Anhalten in zweiter Parkreihe zum Liefern ist Alltag. Wie sollte es auch anders sein? Im Halteverbot am Straßenrand stehen Autos kreuz und quer, und irgendwie muss die Fracht ja zum Ziel kommen. Der nächste Kunde wartet auf seine Pakete! Rotlicht für Fußgänger? Eher eine Empfehlung. Tempo 30? Gilt nicht für Taxifahrer und andere, die es eilig haben. Vorankommen! In diesem Getriebe ist Wolt-Fahrer Joe nur ein kleines Rädchen. Rote Ampel beachten, wenn gerade keiner kommt? Handyverbot im Straßenverkehr? Das kostet Joe alles Zeit und damit Geld. Also rüber auf die andere Straßenseite, dem hungrigen Kunden ein paar Meter, ein paar Sekunden näher. Und dabei noch schnell ein Blick aufs Handy, den nächsten Auftrag annehmen – alles normal. Vorankommen!

„Is´ mir egal“ heißt die Hymne der Regelübertretung

Die Erfahrung der alltäglichen Regelübertretung prägt das Leben in Berlin. Wer sich immer an alle Regeln halten würde, käme schlicht nicht durch, wäre der sprichwörtlich „Dumme“. Die Verantwortlichen dieser Stadt sind demütig geworden gegenüber dieser Logik. Sie versuchen sich daher in einer unterhaltsamen Balance aus Repression und Kreativität. Im Stadtbild ist Polizei gut präsent, aber gleichzeitig wirbt Berlin kreativ für die freiwillige Einhaltung ihrer Regeln, bettelt geradezu um die Vernunft ihrer Bürger: „1,5 Meter = 1 Pony“ oder „1,5 Meter = 3 Corgies“ blödelt in der Pandemie das Plakat an den Haltestellen von Bus und Bahn, daneben steht dichtgedrängt der Fahrgastpulk mit tief unter der Nase sitzenden Masken. „Krassere Öffnungszeiten als Dein Späti!“ kündet der flotte Spruch auf dem überfüllten öffentlichen Müllbehälter, darunter ein Berg von Abfall.

Kreativität entsteht dort, wo es erlaubt ist, Regeln nicht allzu ernst zu nehmen. „Is mir egal“, singt der schon früh verstorbene Kazim Akboga auf Youtube im Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe. Egal ist ihm angeblich, wenn Leute mit einem Pferd in der U-Bahn stehen oder in der Straßenbahn Zwiebeln schneiden, Hauptsache, man hat ein gültiges Ticket. Die überaus witzige und geistreiche Berliner Hymne auf die bunte Dynamik der Regelübertretung wurde schon über zehn Millionen Mal geklickt.

Eine falsche Uniform macht Eindruck …

Den falschen Hauptmann von Köpenick ehrt ein Denkmal …

Eine der originellsten Regelübertretungen in Berlin verdanken wir dem Schuhmacher und kreativen Kleinkriminellen Wilhelm Voigt. Seine Dreistigkeit machte ihn und den heutigen Berliner Stadtteil Köpenick weltbekannt. Der Begriff „Köpenickiade“ hat es in den Duden und zu einem Wikipedia-Eintrag geschafft, und hat als Stoff für ein Theaterstück von Carl Zuckmayer literarischen Weltruhm erlangt. Und die Geschichte gab es wirklich: Voigt, der „Hauptmann von Köpenick“ schneiderte sich im Jahre 1906 selbst eine Phantasieuniform, stellte mit ihrer autoritätsverleihenden Ausstrahlung zwei von ihm zufällig aufgesuchte Soldatenbrigaden unter sein Kommando (die das auch anstandslos mit sich machen ließen), fuhr mit ihnen mit der Straßenbahn nach Köpenick (ob er Fahrkarten kaufte, ist nicht überliefert), spendierte „seinen“ Soldaten ein Bier und ließ sich dann mit ihrer Unterstützung von der ebenfalls überrumpelten Ratsspitze die gesamte Köpenicker Stadtkasse aushändigen.

… und echte Uniformen stürzen ins Unglück

… an Schloss Köpenick erinnert wenigstens eine Gedenktafel an ein historisches Unrecht.

Wir hegen Sympathien für diesen rebellischen, falschen Hauptmann, dessen Geschichte uns heiter lehrt, wohin zu viel uniform-ergebene Regeltreue führt – und auch, wie weit es ein kreativer Regelübertreter bringen kann. Das tragische Gegenstück dazu ereignete sich keine 500 Meter entfernt vom heutigen Köpenicker Rathaus, aber 170 Jahre früher. Im Schloss Köpenick wurde 1730 mit katastrophalem Ausgang vor dem preußischen Kriegsgericht verhandelt. Angeklagt war Hans Hermann von Katte, der Jugendfreund des späteren preußischen Königs Friedrich II. („der Große“). Von Katte war wie sein prominenter Freund ein – erste Regelübertretung! – künstlerischer Frei- statt soldatischer Kleingeist. Und er war mit dem damals noch achtzehnjährigen, vom Vater tyrannisierten und auch deshalb kreuzunglücklichen Thronfolger– zweite Regelübertretung! – vermutlich als Liebespaar verbunden. Auch der Thronfolger selbst hatte einen Regelverstoß geplant: Er wollte seinem Vater und dessen Brutalität nach Frankreich entfliehen. Sein kluger Freund hatte davon gewusst, hatte gewarnt, wurde denunziert und vor dem Kriegsgericht der Mithilfe zur Fahnenflucht beschuldigt. Die Köpenicker Richter versuchten, in ihrem Urteil das Leben des sonst untadeligen Premierleutnants der preußischen Armee zu retten. Aber der „Soldatenkönig“ Friedrich I. kannte kein Pardon. Von Katte wurde hingerichtet, und angeblich zwang der Vater seinen verzweifelten Sohn sogar dazu, Zeuge dieses Mordgeschehens zu sein.

Rasen betreten erlaubt!

„In Deutschland kann es keine Revolution geben, da man dafür den Rasen betreten müsste“, soll der Diktator Josef Stalin mit Blick auf das im nationalsozialistischen Wahn vernebelte Volk der Deutschen einmal gesagt haben. In Berlin kann man vielerorts besichtigen, wie berechtigt diese Einschätzung über unser historisches Versagen gewesen ist (wobei Stalin wahrlich kein guter Zeuge für einen solchen Vorwurf ist). Ein Besuch in der Villa am Wannsee macht stumm ob der Bedenkenlosigkeit, mit der Nazi-Bürokraten 1942 frei von Zweifeln oder Skrupeln die Regeln zur Ermordung von Millionen Juden aufstellten, um sich anschließend zu einem Arbeitsfrühstück zusammen zu gesellen.

Noch immer beginnen nur selten Revolutionen, wenn die Berliner heute den Rasen betreten. Immerhin, sie tun es! Schaut hin, da radelt Joe! Er nimmt die Abkürzung über eine Rasenfläche, um schneller voranzukommen im wilden Zickzack-Kurs zwischen den Sonnenanbetern, der Slacklinern, den Grill-Familien. Was kümmert ihn schon, dass Radfahren im Park eigentlich verboten ist? Das Essen wird kalt, der nächste Auftrag wartet.

 

Sehr informativ finde ich diesen Film von Pocketmoney über das Arbeiten als Essenlieferant in Berlin: https://www.youtube.com/watch?v=UoaTpQ3WZIY

Viel Spaß mit „Is mir egal“ mit Kazim Akboga: https://www.youtube.com/results?search_query=Video+mir+doch+egal

Die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick findet sich auch bei Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptmann_von_K%C3%B6penick

wie auch das tragische Schicksal von Hans Hermann von Katte

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hermann_von_Katte

Das Haus der Wannsee-Konferenz hat eine eigene Website: https://www.ghwk.de/de