Die Standhafte im Konsumsturm (#52)

Hauptkirche St. Petri, Mönckebergstraße, 20095 Hamburg

Mein Besuch am 5. Januar 2024

Kirchen, die am unmittelbaren Rand von großstädtischen Haupteinkaufsstraßen liegen, haben eine ganz besonderen Auftrag. Wie Botschafter einer anderen Welt blicken sie auf den kommerziellen Trubel um sie herum, auf leuchtende Markenreklame, auf baumelnde Einkaufstüten, auf das ganze hektische Treiben des ungehemmten Konsums. Die Verantwortlichen solcher Kirchen sind sich ihres besonderen Auftrags als Insel im Sturm der materialistischen Moderne bewusst. Sie öffnen ihre Kirchen meist ganztägig und laden das um sie herum gaukelnde Shopping-Volk ein zu einem Moment der Besinnung, zu einem Augenblick der Stille.

Ein liegender Weihnachtsbaum: Auf dem Wachs der abgebrannten Kerzen leuchtet das Licht von heute.

 

Die Hauptkirche St. Petri an Hamburgs Haupteinkaufsstraße empfängt ihre Besucher mit urbaner Weite. Nach fast vollständiger Zerstörung beim großen Hamburger Brand von 1842 fast vollständig neu errichtet, wirkt das seither neugotisch gestaltete Kirchenschiff streng, wach und standhaft. Die bunten Fenster und das gut gedimmte Licht macht im Winter die Kirche zu einem sehr einladenden Raum.

Eine Kirche, die sich den gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit stellt: Heute gegen Antisemitismus und Terror, früher rund um die Atomkraft.

Das Standhafte scheint mir hier ohnehin ganz wesentlich zu sein. In der Auseinandersetzung um die Atomkraft spielte dieser Kirchenbau eine Rolle, als die Petri-Kirche 1979 von Atomkraftgegnern auf der Suche nach „Kirchenasyl“ mehr als zwei Wochen lang besetzt worden war. Die Verzweiflung, die damals mit der Atomkraft verbunden war (und heute bei manchen völlig in Vergessenheit geraten zu sein scheint), trieb schon fast zwei Jahre früher, im November 1977, vor der Petrikirche den unglücklich-fanatischen Atomkraftgegner Hartmut Gründler in die Selbstverbrennung. Es war ein Protest gegen die SPD und ihren damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, die zeitgleich ihren Parteitag in Hamburg abhielt.  Heute erinnert eine Gedenktafel an der Kirche an diese Verzweiflungstat, und sie mahnt vielleicht auch daran, welchen  gesellschaftlichen Frieden wir der Entscheidung verdanken, Deutschland aus der Atomkraftnutzung herauszuführen. Heute fordern andere Konflikte die Standhaftigkeit der Gesellschaft heraus, und damit auch dieser Kirche. Ein großes Plakat an der Fassade der Petrikirche mahnt zum „Nein zu Antisemitismus und Terror“. Und ein Denkmal für den von Nazis im KZ ermordeten evangelischen Geistlichen Dietrich Bonhoeffer steht auch im prominenten Schatten dieser Kirche, ein Mahnmal für Standhaftigkeit bis zum eigenen Tod.

In der Kirche wärmte in den Nach-Weihnachtstagen ein besonderer Christbaum mein Gemüt: Er stand nicht, sondern lag. Auf einem querliegenden Stamm türmte sich erstarrtes Wachs, herabgeronnen von Tausenden Kerzen, die man dort erwerben und auf das stetig anwachsende Wachsgebirge kleben konnte, ihrer leuchtenden, mahnenden Vergänglichkeit entgegen.

Das neugotische Kirchenschiff wurde nach dem Hamburger Brand von 1842 errichtet. Gute Lichtführung erzeugt eine Atmosphäre von einladender Wärme.

 

Die Hauptkirche St. Petri hat eine sehr informative Website mit einem virtuellen Rundgang: https://www.sankt-petri.de/turm-kirche-kunst/virtueller-rundgang

Von den Hamburger Hauptkirchen habe ich auch schon die nah am Hafen stehende Hauptkirche St. Katharinen besucht. Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

Dem Krieg gebaut, dem Frieden gewidmet (#51)

Ev. Friedenskirche Ludwigsburg, Stuttgarter Str. 42, 71638 Ludwigsburg

Mein Besuch am 29.Oktober 2023

Ihr Turm ist ein markanter Orientierungspunkt für Autofahrer/innen in und nach Ludwigsburg, der barocken Residenzstadt der württembergischen Könige im Norden von Stuttgart. Die Friedenskirche wendet sich der Straße zu; wer den Turm passiert hat, muss sich links halten, um in das Stadtzentrum von Ludwigsburg zu gelangen, oder nach rechts, um zum Residenzschloss und seinem Park zu gelangen.

Ein weiter Raum, luftig, nicht überladen: Die Friedenskirche in Ludwigsburg war einst Garnisionskirche, heute finden hier auch Konzerte statt.

So habe auch ich schon hundertmal oder öfter die Friedenskirche passiert, jetzt erstmals habe ich sie im Rahmen eines Konzertes auch besucht. Das neobarock gestaltete Gotteshaus ist zu Beginn  des 20. Jahrhunderts als Garnisionskirche errichtet worden, also anfangs ausschließlich für Militärgottesdienste. Die neuere Geschichte Ludwigsburg ist mitgeprägt von der Rolle als Standort für militärische Einrichtungen, auch die amerikanische Besatzungsmacht und später die Bundeswehr nutzten entsprechende Infrastruktur.

Die Friedenskirche beeindruckt mit einem gewaltigen Raumprogramm. Ihre umfassenden Ausmaße ermöglichen, dass die Kirchengemeinde ohne Gemeindehaus auskommt – alles kann in der Kirche untergebracht werden. Foto: Ecelan – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3614904

Nach dem 2. Weltkrieg besann man sich neu, was die ehemalige Garnisionskirche anging. Sie wurde in „Friedenskirche“ umbenannt und ist nun ein ganz „normales“ Gotteshaus für die evangelische Kirchengemeinde. Sie empfängt den Besucher mit einem eindrucksvollen Raumprogramm; zusammen mit den Galerien, Logen und diversen weiteren Nebenräumen finden in der Kirche nicht nur problemlos mehr als eintausend Menschen Platz, sondern auch noch alle Begegnungsräume der Gemeinde. Ein zusätzliches Gemeindehaus ist überflüssig. In der Kirche finden regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen aller Art statt, sie ist damit auch ein Mittelpunkt im kulturellen Leben der Stadt. Die Friedenskirche hat eine brocke Ausstattung, wirkte auf mich trotzdem luftig und großzügig, an keiner Stelle überladen. Weitgehend in weiß gehalten, dominiert eine vergoldete Christusfigur den Altarraum und ein träumerisch-buntes Deckenfresko das breite Hauptschiff.

Friedenskirche? Nun ja, ein großer Anspruch. Die Kirchengemeinde will ihm gerecht werden, und lädt z.B. einmal monatlich zu einem Friedengebet auf den Ludwigsburger Marktplatz ein.

 

Eine sehr gute Zusammenfassung zu Geschichte und Ausstattung der Friedenskirche findet sich auf der Website der Kirchengemeinde.

In der Friedenskirche habe ich Ende Oktober 2023 das Oratorium „Messiah“ von Georg Friedrich Händel erlebt und dazu als #Kulturflaneur meine aktuellen, politisch gefärbten Gedanken aufgeschrieben: „Aktuell kein Messias in Sicht“. 

Weitere Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen

 

Einladendes Kleinod zwischen Ruinen (#50)

Marienkapelle Kloster Hirsau, Liebenzeller Str. 25, 75365 Calw

Mein Besuch am 3.November 2023

Ein in jeder Hinsicht harmonischer Ort, der Mut macht zum Innehalten: Die Marienkapelle in Kloster Hirsau.

Selten hat mich eine Kirche so warm und einladend empfangen wie diese. Die vergleichsweise kleine Marienkapelle (die aber dennoch eine vollwertige Kirche ist) am Rande des Geländes der Ruine von Kloster Hirsau nimmt es ernst mit der Idee einer offenen Kirche. Ganz im wörtlichen Sinne ist das evangelische Gotteshaus zumindest im Sommer (April bis Oktober) tagsüber geöffnet. Und im Inneren lädt die Aktion „Amen Atmen“ dazu ein, meditative Momente zu verbringen, zum Beispiel sinnbildlich der Auflösung der eigenen Sorgen zuzusehen.

Ein Beispiel der Stationen, die zum Nachdenken einladen: Wer möchte, kann eine Sprudeltablette in das Wasserglas werfen und zusehen, wie sich nach und nach die Sorgen symbolisch auflösen.

Die Marienkapelle von Hirsau ist ein außergewöhnlicher Ort von Harmonie und Stille, an dem zur Ruhe kommen und einen Moment innehalten kann, wer auch auch immer dazu den Bedarf hat am Rande des Schwarzwaldes. Ihre Baugeschichte reicht zum Beginn des 16. Jahrhunderts zurück, ihre heutige Gestalt erhielt die Kirche nach einem Umbau nach 1888. Umgeben ist die Kirche von der Ruine eines ehemaligen Benediktinerklosters aus dem 11. Jahrhundert, so dass schon der Weg vom Parkplatz zur Kapelle ein ganz besonderer Eindruck ist.

Was bezahlen Menschen für einen Moment der Ruhe? Sie besuchen Achtsamkeitstrainings,  buchen Yoga-Kurse, laden sich Meditations-Apps herunter oder reisen zu Klosteraufenthalten ohne Handy. Alles das mag sinnvoll sein. Ein weiteres, ganz günstiges Angebot ist ein besuch in dieser Kirche. Ein kostenloser Ort zum Innehalten, zum Hineinhören in sich selbst – und deshalb eine würdige #50 meiner Sammlung.

Zur Website von Kloster Hirsau mit historischen Daten zur Marienkapelle:  https://www.klosterhirsau.de/erlebnis-kloster/kloster/gebaeude/peter-und-paulskloster/marienkapelle

Die meditative Einladung der ev. Landeskirche zum Innehalten findet man auch auf dieser Website: https://amen-atmen.de/

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Zerrissenes Geburtstagskind (#49)

Evangelische Stiftskirche, Stiftstraße 12, 70173 Stuttgart

Mein Besuch am 13. September 2023

Ein Sammelsurium der Baustile und Ausstattungselemente erwartet den Besuch der Stiftskirche in Stuttgart, der Hauptkirche im Zentrum der Stadt.

Es ist schwer, über diese Kirche zu schreiben, und vielleicht deshalb habe ich es lange nicht getan. Die Evangelische Stiftskirche im Zentrum Stuttgarts ist in der tief-protestantischen Stadt so etwas wie die Hauptkirche, aber man muss sie suchen; kein prächtiger Platz gruppiert sich um sie, kein dominanter Turm prägt das Stadtbild. Immerhin ist sie im Regelfall täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet und lädt zu einem Besuch ein, eine meditative Insel im materialistischen Umfeld schicker Markenshops.

Es ist auch schwer, über diese Kirche zu schreiben, weil sie so geschunden ist. Seit 1000 Jahren wird am Platz dieser Kirche gebetet, schreibt die lesenswerte und einladend gestaltete Webseite der Kirchengemeinde. Anfang Oktober feiert die Kirche ihr 700-jähriges Jubiläum, und bezieht sich dabei auf die Errichtung des frühgotischen Chorbaus, der im Wesentlichen bis heute an dieser Stelle steht.

Seither ist die Kirche mehrfach erweitert, zerstört, umgebaut, ausgebombt, niedergebrannt, eingestürzt – und anders als in anderen Städten hat man nicht den alten Bau immer und und immer wieder neu errichtet, oder sich zu einer vollständigen Neuerrichtung entschlossen.  Jedes Mal haben sich die Herrscher und Bürger den dann gerade aktuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen angepasst, das Vorgefundene  ergänzt und erweitert. Jede Generation, die an dieser Kirche herumbastelte, hatte für sich gesehen, dafür sicherlich gute Gründe.

Als Besucher heute ging es mir aber so, dass dabei ein Sammelsurium herausgekommen ist, ein zerrissenes Gebäude, dessen Türme nicht zueinanderpassen und dessen Raumwirkung unter den vielen Kompromissen leidet. Beispielswiese ist schon seit Jahrhunderten der Chorraum seitlich gegenüber dem Hauptschiff verschoben, vermutlich deshalb, weil die engstehende Umgebungsbebauung nichts anderes zuließ. Zugangstore wurden verändert und verschoben, die im Krieg zerstörten Fenster in verschiedensten Stilen ersetzt. Die Harmonie der Raumwirkung leidet unter diesen Spannungen, und auch die vor 20 Jahren eingebauten Akustiksegel stellen ein weiteres, fremdartiges Element in diesem komplexen Bau dar, auch wenn sie für die Kirchenmusik ganz sicher unverzichtbar sind.

Für mich ist diese Kirche ein Sinnbild für gesellschaftliche Pragmatik: Die württembergische Seele hat hier klug, engagiert und immer auf den bewussten Einsatz der Mittel achtend eine Kirche über Jahrhunderte erhalten und immer wieder neu gestaltet. Das ist ehrenwert und auf gewisse Weise auch sympathisch, vielleicht sogar vorbildlich. Ein großer Wurf, ein kühner Plan, eine gestalterische Vision freilich, die ist dabei nicht herausgekommen.

 

Mehr über die Baugeschichte der Stiftskirche bei Wikipedia.

Die Website der Kirchengemeinde ist neu und sehr informativ und ansprechend gestaltet. Dort findet sich auch das Jubiläumsprogramm zum 700. „Geburtstag“ der Kirche vom 6. bis 8. Oktober 2023.

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Die Barocke am Birnbaum (#48)

Wallfahrtskirche Maria Birnbaum,  Maria-Birnbaum-Straße 51, 86577 Sielenbach

Mein Besuch am 7. Juli 2023

Auch heute steht ein Birnbaum vor der Kirche „Maria Birnbaum“. Warum sie nach einem solchen Baum heißt, ist eine fromme Geschichte. Foto: GFreihalter – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19268701

 

Seit Jahrzehnten fahre ich an diesem Schild vorbei. Es ist braun und steht an der Autobahn zwischen Augsburg und München, eine sogenannte „Touristische Unterrichtungstafel“. „Wallfahrtskirche Maria Birnbaum“ steht darauf, und seit ich vorbeifahre, habe ich mich gefragt, was das für ein merkwürdiger Name für eine Kirche ist. Zumal ich selbst im Schatten großer Birnbäume aufgewachsen bin.

Nun endlich bin ich einmal abgebogen. Ich hatte Zeit und Lust, die Maria und den Birnbaum kennenzulernen. Über Landstraßen, hindurch zwischen saftigen Wiesen und hinweg über sanfte Hügel dauerte es nochmal zehn Kilometer, aber dann trat tatsächlich und überraschend nach einer Biegung am rechten Straßenrand eine prächtigen Barockkirche am Ortsrand des bayrische-schwäbischen Dorfes Sielenbach ins Bild. 350 Jahre ist der Bau in seinen Grundzügen alt, seine Geschichte noch älter. Ein „Verperbild“, also eine fromme Mariendarstellung, sei an dieser Stelle um 1600 geschnitzt und dann im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden – oder eben auch nicht. Ein Dorfbewohner habe die schon reichlich angegriffene Holzskulptur im Moor gefunden, restauriert, und in einen hohlen Birnbaum hinein aufgestellt. Dort, so erzählt die Legende, sei es dann zu überraschenden „Wunder“-Heilungen gekommen, und der Baum und die Maria habe sich immer mehr zu einem Wallfahrtsort entwickelt.

Die Kirche hat eine lichte, helle Raumwirkung und ist trotz der Barockausstattung nicht überladen. Sie wird überspannt von einer prächtigen Kuppel.

An der Stelle des alten Baumes wurde dann die Kirche errichtet, um dem Ansturm der Gläubigen ein stolzes Ziel zu geben. Ein Stück vom Birnbaum ist auch heute noch hinter dem Hauptaltar zu bestaunen. Mich hat das Stück Holz wenig beeindruckt. Die Kirche selbst aber ist groß und weiträumig, nicht überladen, still und voller Frömmigkeit, die zu respektieren mir mehr ist als eine Pflicht, auch wenn ich selbst nicht so glauben kann.

 

Mehr über Maria Birnbaum auf der Website des Deutschen Ordens, der die Kirche betreut:  https://www.maria-birnbaum.de/ oder auch auf Wikipedia 

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Das romanische Chamäleon (#47)

Kaiser- und Mariendom zu Speyer, Domplatz, 67346 Speyer

Mein Besuch am 26. Juni 2023

Die Last der Jahrhunderte – Detailausschnitt aus der Krypta des Doms von Speyer (Grabplatte von Rudolf v. Habsburg, gest. 1291)

Ein weiter, freier, schattenloser Platz liegt vor dem Dom von Speyer, und an diesem hochsommerlichen Junitag glüht schon am Vormittag das Pflaster. Der Dom verspricht Abkühlung, und das in seinen Ursprüngen fast 1000 Jahre alte Bauwerk hält, was der erhitzte Besucher erhofft. Schon die Vorhalle mit gewaltigen, goldbesetzten Mosaiken bereitet vor auf ein Bauwerk, das mehr stummer Zeitzeuge ist als lebendige Kirche, was dieser gewaltige Raum schon aufgrund seiner schieren Größe gar nicht sein kann. (Womit kein Urteil gesprochen sein will über die Kirchengemeinde selbst, die diesen Dom nutzt; es ist eine Besucherperspektive, die ich hier einnehme).

Zur Stadt hin liegt vor dem Dom einer weiter, schattenloser Platz – auf den anderen drei Seiten umgibt das Bauwerk ein grüner Stadtpark.

Der Dom zu Speyer ist die größte erhaltene romanische Kirche der Welt. Der Bau begann um 1025, erstmals als vollständige Kirche geweiht wurde die Kirche 1061. Seither hat sie alle Schicksale durchlebt, welche die europäische Geschichte bereithält: Machtkämpfe und Besitzerwechsel, Brände und Kriege, Plünderungen, bauliche Veränderungen und Wiederherstellungen. Der Dom wurde als Viehstall benutzt und in seiner Gruft wurden Kaiser bestattet.

Wer die Kirche heute betritt, findet sich in einer romanischer Illusion vor – himmelstrebend wuchtig, demutspendend hoch, glattgeputzt und scheinbar unverfälscht, so findet sich romanischer Baustil selten. Die allermeisten Elemente aus anderen Epochen wurden entfernt, die Kirche wurde „re-romanisiert“, was Kunsthistoriker durchaus auch kritisieren. Mir ist diese Kritik egal, der Besuch dieses weitgehend schmucklosen Mammutbaus ist mir wie eine Meditation: Nur Stein und Zeit ist hier zu spüren, kaum Schmuck und Tand.

Wo Schmucklosigkeit zum Konzept gehört, wird das Licht zum zentralen Gestaltungsmoment.

Eine Stunde war ich in dieser Kirche, habe das Licht auf mich wirken lassen, die Weite und Höhe gespürt, die Schattenwürfe bewundert und bin herabgestiegen in die Krypta, die hier ein Ausmaß hat, um das manche Dorfkirche beneidet würde. Die Kaiser-Särge liegen dort grau und stumm, längst vergangen, zu Staub geworden ist ihr Inneres.

Dort unten, tief unter der Kirche, ist so so kühl, dass den andächtig Staunenden beim Heraufsteigen in den großen alten Kirchenraum das relative Gefühl von angenehmer Wärme empfängt, wo es doch das Versprechen der Kühle war, das dort hinein gelockt hatte. Genau in dieser chamäleonhaften Vielschichtigkeit  habe ich den Dom erlebt: Ein aufgeräumter Ort des zeitlosen Willkommens, eine Einladung zur Annäherung an die Illusion von Dauerhaftigkeit. Ein Ort, der spüren lässt, dass vieles, das mich umgibt, so viel größer ist als mein eigenes, so begrenztes Dasein.

 

Der Dom zu Speyer ist Weltkulturerbe und es gibt über ihn Literatur ohne Ende. Ich empfehle für einen Überblick die Website der Kirchengemeinde, die auch einen virtuellen Rundgang anbietet: https://www.dom-zu-speyer.de/

Die drei deutschen Kaiserdome sind Mainz. Worms und Speyer. Dem Dom in Main habe ich vor einem Jahr besucht: https://vogtpost.de/dom-mainz/31/07/2022/

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Draußen dröhnt die Dult (#46)

Kath. Pfarrkirche Maria Hilf in der Au (Mariahilfkirche), Mariahilfplatz, 81541 München

Mein Besuch am 3. Mai 2023

Tief unter den Fenstern des Turms von Mariahilf warten die Stände der Auer Dult. Foto: Amrei-Marie – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16993994

Draußen dröhnt die Dult, wobei man Nichtmünchnern erklären muss, was das ist: Dreimal im Jahr, im Mai, im August und im Oktober, findet auf dem Mariahilfplatz, einem weiten Gelände rund um jene Kirche, um die es hier geht, ein Stadtteilfest statt, jeweils etwa zehn Tage lang. Die „Auer Dult“ ist eine Mischung aus Kirmes mit Fahrgeschäften und Bratwurstbuden, Antiquitäten- und Raritätenmarkt und Verbrauchermesse im Freien. Beste Stimmung herrscht bei gutem Wetter dort, der Scooter jault und die Marktschreier rufen – und wem das zu viel ist, der darf sich in das Riesenkirchenbauwerk retten, das (zur Zeit eingerüstet) inmitten des ganzen Trubels steht.

Angeblich das größte textile Wandkunstwerk (der Welt? Wikipedia lässt das offen.) hängt im Chorraum der Mariahilfkirche in München: Ein 22,5 Meter hoher Gobelin mit dem Titel „Maria im Rosenkranz“.

Die Mariahilfkirche ist ein Backsteinbau, im neugotischen Stil aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und damit der älteste neugotische Kirchenbau Deutschlands. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude grundlegend zerstört, wenigstens der Turm bleib weitgehend erhalten. Bei der Wiedererrichtung in den frühen 50er Jahren blieb außen der Eindruck der Neugotik erhalten, aber innen erwartet jetzt ein moderner Kirchenraum im Stil der Nachkriegszeit die Besuchenden. Hochstrebendes, freiliegendes Beton strebt dem fast flachen Kirchendach entgegen, das ein modernes Farbmuster in gedeckten Farben trägt. Farblich passt dazu der Wandteppich, der den Chorraum und damit die ganze Kirche prägt: „Maria im Rosenkranz“ heißt er und ist mit 22,5 m Höhe (lt. Wikipedia) der größter Gobelin christlicher Textilkunst.

„Der größte, der schnellste, der billigste!“, rief ein billiger Jakob, als ich aus der Kirche trat, wieder hinaus aus der Stille, hinein in das pralle Leben. Ob die Kirche mir gefallen hat mit ihrem etwas spröden Charme, nach meinem Geschmack auch sehr vollgestellt mit Kleinkram – das bleibt offen. Ich muss wiederkommen, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden. Ihre Ruhekraft als Fluchtraum inmitten des Dult-Trubels aber wird mir in bester Erinnerung bleiben.

 

Mehr über die Mariahilfkirche bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mariahilfkirche_(M%C3%BCnchen) 

Die Auer Dult hat eine eigene Website, der man auch die Termine entnehmen kann: https://www.auerdult.de/

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Die Dunkelbunte im Regen (#45)

Raumhohe Glasfenster geben St. Nikolaus im Hasenbergl ihre besondere farbliche Raumwirkung.

Kath. Pfarrkirche St. Nikolaus, Stanigplatz 13, 80933 München (Hasenbergl)

Mein Besuch am 1. Mai 2023

Es war Regenwetter in München. Tief hingen die Wolken über der Stadt, immer wieder ergossen sich Schauer auf die flüchtenden Menschen, die sich hineinduckten unter die Vordächer und in die Durchgänge, auf der Suche nach einem trockenen Platz. Der Wind peitschte ihnen das Nass hinterher. Unwirtliches Frühlingswetter.

Silberne Vögel stürzen durch den Raum der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus und bilden einen plastischen Kontrast zu dem grandiosen Buntglasfenstern.

Totenstill und menschenleer war die Kirche an diesem unwirtlichen Nachmittag. Vermutlich hätte man Lichter einschalten können, aber mich umfing das Gotteshaus am nördlichen Münchner Stadtrand so buntdunkel meditativ, dass elektrisches Licht nur gestört hätte. Die Anordnung des Raumes ist fast rund, vier Säuen aus rohem Beton halten das mit Holz ausgekleidete, zeltartige Dach. Parlamentarisch um den Hauptaltar herum sind die Kirchenbänke angeordnet, es ist so ein Raum von einladender Weite entstanden. Beleuchtet wird er von fünf raumhohen Buntglasfenstern, die inhaltlich den großen Kirchenfesten gewidmet sind. Mir war die inhaltliche Botschaft dieser Fenster vergleichsweise gleichgültig, aber nicht, welche verträumte Farbwelt sie hineinzaubern in diesen dunklen Kirchenraum. Wenn es wieder regnet im Hasenbergl, dann werde ich dort wieder Schutz suchen. Oder vielleicht vor der Hitze des Sommers? Wie müssen diese Fenster erst leuchten, wenn die Sonne scheint?

St. Nikolaus wurde 1962/63 errichtet, zusammen mit dem Stadtteil aus Mehrfamilienhäusern, der sie umgibt. Sie ist damit auch ein Zeitdokument der alten, aufstrebenden Bundesrepublik: Das Wirtschaftswunder hatte für bescheidenen Wohlstand gesorgt, Wohnraum wurde benötigt und die Menschen wollten damals noch eine Kirche in ihrer Mitte wissen. Diese Zeiten haben sich geändert. Die nebenan zur gleichen Zeit errichtete protestantische Evangeliumskirche wird gerade umgebaut. Sie ist zu groß geworden für die schrumpfende Gemeinde, der Kirchenraum wird reduziert zugunsten moderner, barrierefreier, flexibel nutzbarer Begegnungsorte „gelebter Nächstenliebe in Münchner Norden“ (so deren Pfarrerin Sophie Schuster im Gemeindebrief von St. Nikolaus),

 

Eine gute Übersicht und Beschreibung der Kirche findet sich hier: https://strasse-der-moderne.de/kirchen/muenchen-hasenbergl-st-nikolaus/

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Im Schatten einer Bibliothek ohne Bücher (#44)

Pfarrkirche St. Magnus, Klosterhof, 88427 Bad Schussenried

Mein Besuch am 7. April 2023

Die ehemalige Klosterkirche von Schussenried ist jetzt eine katholische Pfarrkirche.

Wer auf der „schwäbischen Barockstraße“ unterwegs ist, sucht den Kurort Bad Schussenried eher nicht wegen einer Kirche, sondern wegen einer Bibliothek auf, in der sich nicht ein einziges Buch befindet. Der klösterliche Buchbestand wurde komplett verramscht oder vereinnahmt von den damals neuen württembergischen Besitzern der ganzen Klosteranlage, als diese im Jahr 1806 der Kirche entrissen und den weltlichen Herrschern übereignet wurde. Aber auch ohne ein einziges Buch zieht der taghell durchflutete, leuchtend rosa getönte Rokoko-Bibliothekssaal mit geschlossenen Bücherschränken die Besucher nach Bad Schussenried.

Wenn sie durch das Torhaus des alten Klostergeländes in Richtung Bibliothek wandeln, gehen sie vorbei an St. Magnus, der früheren Klosterkirche. Wer das Gotteshaus, das nun eine katholische Pfarrkirche ist, betritt, durchschreitet zunächst einen ungewöhnlichen Durchgang, denn die Schauseite der Kirche ist zunächst mit harmonisch-symmetrisch gestalteter Wohnbebauung verstellt. Erreicht man die Kirche, empfängt den Besucher ein harmonischer, barocker, vor allem hoher Raum. Prächtige, sehr farblebendige Fresken schmücken die Decke, während die Säulen in strengem Weiß gehalten sind. E

Farbenfrohe Fresken aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schmücken die Barockkirche, zusammen mit den Skulpturen entsteht ein harmonischer Raumeindruck.

Ein Hoch- und sechs Nebenaltäre füllen das Innere, das dadurch stark möbliert wirkt. Zur Osterzeit, als ich die Kirche besucht habe (am Karfreitag), wird seit 2023 zusätzlich auch noch ein „Heiliges Grab“ aufgestellt, ein restauriertes, hölzernes Passions-Theater aus dem Jahr 1729, das jahrzehntelang eingemottet worden war, und nun wieder kunstinteressierten und/oder gläubigen Besucher/innen zugänglich ist.

 

Nähere Informationen über St. Magnus auf der Website der staatlichen Verwaltung von Schlössern und Gärten in Baden-Württemberg: https://www.kloster-schussenried.de/erlebnis-kloster/kloster/gebaeude/klosterkirche-st-magnus

Die Sonderausstellung über das „heilige Grab“ aus 1729 läuft noch bis 28. Mai 2023: https://www.kloster-schussenried.de/erlebnis-kloster/kloster/gebaeude/klosterkirche-st-magnus

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Wer die Kirche besucht, sollte die Bibliothek im Klostergebäude (vollendet im Jahr 1766) nicht versäumen, auch wenn sie keine Bücher zu zeigen hat (was hier so aussieht wie Bücher, sind die einheitlich bemalten Türen der Bibliotheksschränke).

Kann Barock modern sein? (#43)

Ev. Stadtkirche Ludwigsburg, Marktplatz, 71634 Ludwigsburg

Mein Besuch am 9. Februar 2023

Kann eine barocke Kirche modern sein? Ich bin zunächst nicht auf die Idee gekommen, mir darüber Gedanken zu machen. Dann aber näherte ich mich, ein weiteres Mal über den traumhaft weiten, städtebaulich harmonischen (wenn man die über die Giebel des Platzes hinausragenden Bausünden aus den Jahren des Wirtschaftswunders übersieht), ganz und gar italienisch anmutenden Marktplatz von Ludwigsburg der in prächtigem Rosa herausgeputzten Stadtkirche. Und schon dieser Platz ist so offen, und doch geschützt und demokratisch, so stimmig, prächtig und doch einladend, wie es moderner nicht sein könnte.

Eine Dominante auf einem der schönsten Plätze, die ich kenne: Die Ev. Stadtkirche von Ludwigsburg.

Zwei Kirchen stehen sich am Rand seiner harmonischen Weite gegenüber, die kleinere katholische Kirche „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“, und ihr genau gegenüber, deutlich größer, als Dominante, die Evangelische Stadtkirche. Was für ein ökumenischer Ort! Zwei Türme bewachen Kirche und Platz, grüßen hinüber zum katholischen Gegenstück und geben dem Gesamtbild eine Harmonie, die sich wunderbar einfügt in das Ensemble. Dazwischen je nach Jahres-, Tages- und Witterungszeit spielende Kinder, ein lebendiger Marktplatz, ausufernde Cafes, keine Autos. Es ist einer der schönsten Innenstadtplätze, die ich persönlich erlebt habe.

Also hinein in die 1726 geweihte evangelische Stadtkirche, eine der wenigen Kirchen, die im Barockstil errichtet wurden, obwohl schon bei Baubeginn feststand, dass sie evangelisch geweiht werden würde. Eigentlich war der in Süddeutschland verbreitete Barockstil ein Ausdruck der Gegenreform, der stolzen Platzbehauptung für die katholische Kirche. Der württembergische Herzog Eberhard Ludwig, der den Kirchenbau in Auftrag gab, legte aber seine ganze neue  Residenzstadt Ludwigsburg im barocken Stil an, wie auch das prächtige Schloss, in dem er zu residieren gedachte, und war klug genug, dafür andere Prinzipen aufzugeben. Also wurde die evangelische Kirche auch in Barock gestaltet.

Das Innere der Kirche ist schmucklos weiß, es empfängt den Besucher ein offener, weiter heller Kirchenraum. Eine barocke Kanzel dominiert den Altarraum, der sonst mit einem modernen Altar und dazu gestaltetem Lesepult schwarz-golden glänzend ausgestattet ist. In Weiß und Gold schweigt auch die Orgel über dem Haupteingang auf der Empore, und ich nahm mir bei meinem Besuch sogleich vor, diese barocke, in ihrer Atmosphäre aber von stiller Modernität geprägte Kirche wieder zu besuchen, wenn – wie an jedem Samstags-Wochenmarkt um 11 Uhr – dort zur Orgelmusik geladen wird.

Weit und weiß – der Innenraum der Stadtkirche beruhigt in strahlender Stille.

Man kann es sich gut vorstellen: Zuerst zwischen den Marktständen schlendern, dann die Beine ausruhen lassen und den Kopf erfrischen in diesem hellen Raum, dahingleitender Orgelmusik zuhören, sich einen meditativen Moment gönnen, schließlich wieder hinaustreten auf diesen Platz, den Einkauf fortsetzen, einen Kaffee trinken. Es ist so ein unglaubliches Glück, in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben zu dürfen, und wenn ich es körperlich erfahren will, dann bin ich vor (und in) dieser Kirche an der besten Stelle auf der ganzen Welt.

 

Die Kirchengemeinde der Ev. Stadtkirche Ludwigsburg unterhält auch eine ausgesprochen informativ und ansprechend gestaltete Website: https://www.stadtkirche-ludwigsburg.de/

Das städtebauliche Gegenüber der Stadtkirche, die katholische Kirche „Zur heiligsten Dreieinigkeit“ ist ebenfalls Teil meiner Sammlung #1000Kirchen. Auch sie ist übrigens innen sehr modern gestaltet und einen Besuch Wert.