Himmelstürmend, engagiert (#32)

Mariendom, Domplatz 1, 4020 Linz, Österreich

Mein Besuch am 9. Mai 2022

54 Säulen, 145 Fenster – der neugotische Linzer Mariendom beeindruckt durch seine Weite, die den Besucher zunächst verstummen lässt. Die Dom-Verantwortlichen haben sich aber für einen Rundgang voller Überraschungen viel einfallen lassen.

Mit neugotischen Kirchen ist es ja so eine Sache. Man kennt die „echten“ gotischen, die traumhaften Kathedralen in Frankreich, Belgien, den Niederlande, und auch die großen Bischofskirchen in Deutschland, ist fasziniert von ihrer unvergesslich strahlenden, himmelstürmenden Schönheit, ist voller Ehrfurcht vor ihrem Alter  – und infolge dessen auch voller Skepsis gegenüber den modernen Nachahmer-Bauten.

Mit entsprechend prüfender Haltung habe ich auch den Linzer Mariendom betreten, noch dazu auf direktem Wege aus dem „alten Dom“ kommend, der barockisierten Kirche Anton Bruckners, die, eingeklemmt im Altstadtgewirr von Linz, zu klein geworden war für die Schar der Gläubigen. Der Mariendom wurde daher seit 1862 am Rand der Altstadt auf freiem Gelände neu gebaut und als neue Hauptkirche im Jahr 1924 geweiht, bis 1935 fertiggestellt. Eine ziemlich neue Kirche also, wenn auch keine moderne.

Selten hat mich aber dann ein Kirchenbau so beeindruckt wie dieser. Seine Ausmaße sind riesig, die größte Kirche Österreichs, mehr als 5000 Quadratmeter Grundfläche. Sie durfte aber nicht die höchste ihres Landes werden, da es keiner Kirche in Österreich anstand, höher zu wachsen als der Wiener Stephansdom. Also ist der Turm zwei Meter niedriger. Sonst aber ist das Raumprogramm von einer Weite bestimmt, die den Besucher verstummen lässt. 54 Säulen tragen diesen Riesenbau, 17 Altäre füllen ihn, und trotzdem ist so viel Platz, dass man sich fast verlaufen könnte.

Wann wir jemals wieder der katholische, überhaupt irgendein christlicher Glaube, in Westeuropa wieder so attraktiv sein, um außerhalb Roms ein solches Gebäude zu füllen? Falls das überhaupt ein sinnvolles Ziel ist, falls es also irgendwo gelingen sollte, dann vielleicht in Linz. Der Mariendom, durchflutet vom Licht farbig strotzender Gemäldefenster in nackenstarrend himmlischer Höhe lässt den Besucher nicht in kontemplativer Ruhe. Die Glasbilder dokumentieren zum Teil die Geschichte ihrer Stadt bis zum Zeitpunkt des Kirchenbaus.

Keine Angst vor heiklen Themen: Das Bildprogramm der Gemäldefenster wird zu einer Ausstellung über „Frauenbilder“.

Das Bildprogramm der Fenster holen die offenbar besonders engagierten Dom-Verantwortlichen in Linz mittels Fernrohren in den Lupenblick des interessierten Betrachters, spekulieren dabei über historische Bezüge mit heute diskutierten gesellschaftlichen Fragen. So erfährt man zum Beispiel, warum die im Glasfenster verewigte Valeria, Weggefährtin des hingerichteten Heiligen Florian Männerkleider trägt, vermutlich aber eine Frau war. Und was uns das heute über Identitätsfragen sagt. Welche katholische Kirche traut sich, solche Themen offensiv anzusprechen? Viel zu wenige; im Mariendom geschieht es, klug und einladend.

Eine politische Kirche ist das, auch schon am Eingang, wo eine Gedenkinschrift für den umstrittenen österreichischen Kanzler Dollfuß aus heutiger Sicht historisch neu eingeordnet wird. Und auch das Angebot, auf dem Turm in 68 Metern Höhe eine Woche lang als Schweige-Eremit zu leben, mitten in der Stadt, „nicht sichtbar, und doch präsent“, hebt diese Kirche von anderen ab, was gesellschaftliches Bewusstsein betrifft.

 

Über den Mariendom in Linz finden sich zahlreiche Quellen im Netz.

Wer nicht hinfahren will, kann sich hier alles auch in digitaler 360°-Optik ansehen: https://www.dioezese-linz.at/mariendom/360grad

Über die Ausstellung „Frauenbilder“ informiert dieser Link: https://www.dioezese-linz.at/site/mariendom/home/news/article/202145.html

 

 

 

 

 

 

 

Die Orgel im Schwalbennest (#31)

Die Glasfenster im Dom von Regensburg entstanden über viele Jahrhunderte und tauchen den strengen Bau in buntes Licht.

Dom St. Peter, Domplatz 1, 93047 Regensburg

Mein Besuch am 5. Mai 2022

Die Orgel steht nicht auf der Empore, wo sie doch eigentlich hingehört. Sie steht auch nicht (nur) im Altarraum, wo sie praktisch ist. Sie hängt an der Wand!

Der Regensburger Dom ist ein mächtiges gotisches Bauwerk, fast so groß wie der Dom von Köln, seine beiden Türme überragen und prägen das Stadtbild des mittelalterlichen Weltkulturerbes an der Donau. Wunderbar stimmig scheinen die hohen Wände des Baus durch die engen Gassen, die ihn umgeben; der Besucher fühlt sich wie in Frankreich. Die Baugeschichte von St. Peter zieht sich über die Jahrhunderte hin, beginnt im 13. Jahrhundert und endet nicht mit der Vollendung der markanten Türme Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Dom dieser Größenordnung ist nie „fertig“, sondern muss ständig renoviert und in Stand gehalten werden.

Das Innere des gewaltigen Baues ist streng und farbig; aber das ist kein Widerspruch! Die gotische Strenge ist Ergebnis eines radikalen Rückbaus aller barock-goldenen Elemente, die das Innere des Raumes einmal geprägt haben muss. Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man heute zwischen den gewaltigen Säulen herumwandert. Der Mode folgend, wurde im 19. Jahrhundert im Dom fast alles entfernt, was an Stuck und Schnörkeln vorhanden war. Mittelalterliche Glaskunst ist erhalten, der bayerische König Ludwig I. stiftete dazu bunte Glasfenster. Und kluge Ergänzungen kamen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinzu. Entstanden ist so ein gläsernes Gesamtbild, dessen Schein jetzt auf die streng-grauen Pfeiler und Wände fällt. Ein wunderbares Licht! Ich konnte es auf mich wirken lassen während einer schönen, klugen, kurzen Orgel-/Text-Meditation, die im Dom fast täglich zur Mittagszeit angeboten wird.

In schwindelerregender Höhe schwebt die moderne Hauptorgel von 2009 im Querschiff – wie ein Schwalbennest.

Sehr beeindruckt hat mich die moderne Hauptorgel, die erst 2009 eingebaut wurde und jetzt wie ein Schwalbennest in der Höhe des Querschiffs hängt, scheinbar unerreichbar für Menschenhand. Dieses Instrument ist die größte freihängende Orgel der Welt. Mehr als 36 Tonnen wiegt sie, allein die Stahlkonstruktion, die sie trägt, hat angeblich ein Gewicht von sieben Tonnen. Einem Konzert mit diesem Instrument gilt meine nächste Reise nach Regensburg!

Informationen zum Dom St. Peter in Regensburg finden Sie hier: https://domplatz-5.de/dom/

Weitere persönliche Eindrücke aus von mir besuchten Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen.

 

Nah am Wasser (#30)

Backstein und barocke Turmhaube: St. Katharinen in Hamburg hat Brände, Überschwemmungen und Kriege überstanden, und alle haben sie verändert.

Hauptkirche St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 20457 Hamburg

Mein Besuch am 28. März 2022

Im Eingangsbereich der Kirche erinnert eine Gedenktafel an die 80 Seeleute der „Pamir“. Das Segelschulschiff sank 1957 bei einem Sturm in der öden, salzigen, sich aufbäumenden Meereseinsamkeit des Atlantik, weit weg von jedem rettenden Land. Der Orkan, das tobende Meer und wohl auch zahlreiche menschliche Fehler rissen sie aus ihrem Leben, 45 davon waren „Kadetten“, die noch nicht einmal das 18. Lebensjahr vollendet hatten. Für Landratten wie mich ist die Vorstellung von solchem Geschehen unfassbar schaurig und herausfordernd. Für Menschen, die seit Generationen Matrosen, Seefahrer, Kapitäne in ihren Familien haben, ist es sicherlich nicht weniger erschreckend, aber doch näher an ihrer Gefühlswelt.

Die evangelische Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg liegt in Hafennähe. Seit 1657 trägt ihr geduckter Turm eine markante Barockhaube. Sie leuchtet hinüber in die Speicherstadt, gestaltet die seeseitige Silhouette der Hansestadt mit. Die Ursprünge dieser Kirche gehen auf das 13. Jahrhundert zurück, seither hat das alte Gemäuer Brände, Überschwemmungen, Kriege aushalten müssen, und alles das hat vieles verändert. Heute präsentiert sich die Kirche äußerlich in Backstein, innen überrascht sie mit einem streng weiß gehaltenen, hohen (29 Meter) Innenraum. Dicke Rundsäulen prägen den Raum, die zum Dach hin in gotische Bögen auslaufen und einen weiß getünchten Kirchenhimmel mit goldenen Sternen tragen.

Strenges Weiß, moderne Fenster, goldene Sterne am Kirchenhimmel: Der behutsam modernisierte Innenraum überrascht.

Der ungemein stimmige Innenraum lädt zum Verweilen und Innehalten ein, und daher ist es erfreulich, dass die Kirche auch tagsüber genau dafür geöffnet ist. Dann fällt das bläuliche Licht durch die modernen Kirchenfenster hinein, genau das passende Licht, um an Menschen zu denken, die ihr Leben dem Wasser verschrieben haben.

Weitere Informationen zu St. Katherinen in Hamburg  bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptkirche_Sankt_Katharinen_(Hamburg)

wie auch über den Untergang der „Pamir“: https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_(Schiff)

weitere Kirchen in meiner Sammlung #1000Kirchen

Schwäbisches Rokoko im Abendlicht (#29)

Münster Unserer Lieben Frau, Beda-Sommerberger-Straße 3, 88529 Zwiefalten

Mein Besuch am 13. März 2022

Die Kirchenfront im Abendlicht verrät wenig von der Pracht, die sich dahinter verbirgt …

Obwohl es fast schon dämmert, strömt viel Licht in den strahlend gold-rot-weißen Kirchenraum, der zu den größten in Deutschland zählt. Breite Glasflächen der Fenster lassen das Abendlicht herein, und tausendfach reflektiert es im goldenen Stuck, an den weißen Figuren, die im Kirchenschiff überall thronen.

Schwäbisches Rokoko, v0n Meistern aus der un mittelbaren Umgebung gestaltet, gemalt, geformt, empfängt den Besucher im ungeheizt kalten Kirchensaal . Ein Monument der Kirchenkunst dieses Landstrichs, nicht umsonst an der „Oberschwäbischen Barockstraße“ gelegen. Der Bau stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde 1785 vollendet und ist seither unverändert.

Aber der Innenraum strahlt in der weiß-goldenen Pracht des späten Barock, ungestört von späteren Eingriffen.

Und dieser unveränderte Zustand macht ihn besonders. Rote Stuckmarmorsäulen bestimmen das Bild, dazu viel Gold und prächtige Gemälde an der Decke. Die Kirche wirkt auf mich wohltuend „aufgeräumt“, keine Einbauten stören das Gesamtbild, es stehen keine Möbel herum, die da nicht hingehören, keine Kunstwerke aus anderen Epochen lenken von der spätbarocken Pracht ab. Die frühere Klosterkirche ist ein christlicher Luxusbau aus seiner Zeit, in der man Pracht und Reichtum zeigen wollte. Der Raum ist in Ausmaß und Ausstattung einschüchternd groß, aber auch sehr stimmig – und deshalb nicht so demonstrativ stolz, nicht so herrschsüchtig wie z.B. die nur etwa dreißig Kilometer südlich gelegene Basilika in Weingarten.

 

Mehr über Baugeschichte und Ausstattung bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnster_Unserer_Lieben_Frau_(Zwiefalten)

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier.

Die Größte ihrer Art nördlich der Alpen (#28)

Basilika St. Martin, Kirchpl. 2, 88250 Weingarten

Mein Besuch am 23. Februar 2022

Ein gewaltiges Bauwerk, halb so groß wie der Petersdom, thront über dem kleinen Städtchen Weingarten: Basilika St. Martin.

Stolz thront diese Kirche am Hang, prächtig und riesig. Wenn man sie betritt, überwölbt das (derzeit zum Teil eingerüstete) Innere den Besucher in himmelstrebender Höhe, überschüttet  ihn mit geschwungenem Barock, macht ihn klein und winzig in diesem übergroßen Kirchenbau.

Woher kommt meine Freude am Kirchenbesuch? Vielleicht auch daher: Im Herbst 1951 besuchten meine Eltern auf einer ihrer ersten Reisen nach dem Neuanfang als Flüchtlinge auch diese Kirche. Das war vier Jahre nach der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft. Ich weiß das, weil meine Mutter darüber ein Tagebuch geführt hat. Ich zitiere daher einfach einmal ihre Ausführungen von damals:

„Ziel war die größte Barockkirche Deutschlands, riesenhaft auf einem Berg gebaut. Baumeister ein gewisser Herr Moosbrugger, Gemälde von Asam. Die Kirche ist dreischiffig, hat eine Kuppel und erinnert ein bisschen an den Petersdom. Sie soll vom italienischen Barock beeinflusst sein, was man auch merkt. … Reizend ist das holzgeschnitzte Chorgestühl, wunderschön die Orgelgliederung, bemerkenswert die Fensteranordnung.“

Die mit der Anordnung der Orgel abgestimmte Fenstergliederung bewunderte schon meine Mutter vor 70 Jahren.

Was würde ich heute, 70 Jahre später, nach meinem Besuch ergänzen wollen? Vielleicht die schlichte Information, dass der Baumeister tatsächlich anstrebte, die Kirche orientiert an den hälftigen Ausmaßen des Petersdoms zu errichten. Herausgekommen ist ein fast übermütiges Bauwerk, dem aus heutiger Sicht die Demut einer Kirche fehlt, die nicht durch Pracht einschüchtern, sondern durch Großmut für sich werben muss.

Für meine kirchenliebenden Eltern habe ich in dieser Basilika zwei Kerzen entzündet, und bin dann durch die nette Innenstadt von Weingarten geschlendert.

 

Wikipedia zur Basilika St. Martin in Weingarten: https://de.wikipedia.org/wiki/Basilika_St._Martin_(Weingarten)

Weitere Kirchen in meiner Sammlung #1000Kirchen.

 

 

 

Die schwäbische Valentins-Kirche (#27)

Pfarrkirche St. Michael, Burgberg, 86381 Krumbach (Schwaben)

Mein Besuch am 12. Februar 2022

St. Michael dominiert das Stadtbild von Krumbach.

Gelockt hat mich in diese Kirche die Geschichte des heiligen Valentin, des Namensgebers unseres „Valentinstages“. Unter den zahlreichen Gotteshäusern, die für sich in Anspruch nehmen, eine Valentins-Reliquie ihr Eigen zu nennen, zählt auch St. Michael.

Das stolze Gebäude steht am Rande der Krumbacher Altstadt oberhalb eines kleinen Flüsschens und beherrscht das Gewirr der einladenden Gassen des Städtchens, eine unbestrittene Dominante. Rokoko begrüßt den Besucher, der die Kirche betritt. Der Innenraum ist weitgehend in Weiß gehalten, Heiligenfiguren stehen im Kreis herum, prächtige Altäre ziehen den Blick an, keine Säule stört den Blick. Überall glänzt das Gold und strahlt der Marmor, und eine prächtige Deckenmalerei erzählt uns vom Teufel und dem göttlichen Plan zur Errettung der Welt.

Weiß, Gold und Rot – ein bunter, sinnlicher Innenraum, ….

Die Kirche wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts neu errichtet, wobei Mauerreste von Vorgängerbauten, insbesondere der Turm, einbezogen wurden, aber auf ein einheitliches barockes Bild von außen wie im Inneren geachtet wurde. Ich neige eher der Ästhetik der strengen Gotik zu, die Fülle von bunten Bibeldarstellungen, plastischen Engelen und frommen Figuren treibt mich stets in eine Abwehrhaltung gegen allzu viel missionarischem Eifer beim Kirchenbesuch. Das ist natürlich ungerecht. Und die ganz große Kunst in diesem Stil, wie sie zum Beispiel in der weiter südlich am Alpenrand gelegenen Wieskirche zu besichtigen ist, hat das Krumbacher Gotteshaus leider nicht zu bieten.

… und dazu ein eigener Altar für Valentin, den Märtyrer, zum Valentinstag passend geschmückt.

Dafür einen Valentin (wenn auch nicht den vom Valentinstag). Das Skelett lagert hinter Glas im linken Seitenaltar, beschriftet als „Valentin, Märtyrer“. Geschmückt war er zwei Tage vor dem „Valentinstag“ mit vielen bunten Blumen und roten Herzen. Nun ja. Ruhe er in Frieden.

 

Eine gute Zusammenfassung der Baugeschichte von St. Michael findet sich auf der Website der Pfarrgemeinde: http://www.st-michael-krumbach.de/

Zu den verschiedenen Valentin-Persönlichkeiten gibt es hier mehr: https://vogtpost.de/valentin/17/02/2022/

 

 

Kleine Kreuze des Gedenkens (#26)

St. Lambertus, St. Lambertus-Kirchplatz 20, 48317 Drensteinfurt-Walstedde

Mein Besuch am 5. Februar 2022

Ein Kirchplatz, der zum Verweilen einlädt, eine Glocke, die den Schlaf unterbricht: St. Lambertus in Walstedde

Diese Kirche hat mich aufgeweckt, im wörtlichen Sinne. Als Gast im unmittelbar daneben gelegenen Hotel schreckte ich um 6.15 Uhr beim Schlag der Glocke aus dem morgendlichen Schlaf und hatte auch sofort verstanden, warum das Hotel freundlicherweise Ohrstöpsel auf den Nachttisch der sonst so wunderbar ruhig gelegenen Herberge platziert hatte. Aber die Schallschutzfenster ermöglichten dann ebenfalls die Fortsetzung des Schlummers bis in den hellen Morgen.

Alles in Weiß: Der Innenraum von St. Lambertus

St. Lambertus ist ein kleines Kirchlein, im Zentrum eines harmonischen Kirchplatzes, der anmutig und einladend gestaltet ist. Viel Grün und lockere Bebauung umgibt diesen Ort. Die Harmonie findet seine Entsprechung auch im Inneren der Kirche, die außen wie innen weitgehend in Weiß gehalten ist. Der Kirchenbau zeigt sich im Stil der Renaissance, ein mächtiger Bogen am Eingang lässt nach meinem Eindruck jedoch auf ältere Vorgängerbauten schließen. Schmale weiße Säulen stützen die Empore, die eine zierliche Orgel von 1876 trägt. Ein wuchtiges Kreuz dominiert den Altarraum, uralt soll es sein, angeblich von 1150. Ich kann das weder beurteilen, noch hat es mich sehr beeindruckt. Mehr berührt hat mich die Tafel mit kleinen Kreuzen für die in der Gemeinde Verstorbenen, an die dort für ein Jahr nur mit dem Vornamen erinnert wird. Danach wird das kleine Kreuzchen den Angehörigen übergeben. Eine schöne Idee des Gedenkens!

Gedenken an die Verstorbenen der Gemeinde – ein Jahr lang.

Ach ja, und die Glocken. Die älteste, die „Marienglocke“, soll bereits von 1500 stammen. War sie es, die mich geweckt hat?

 

Eine gute Zusammenfassung der Kirchengeschichte gibt es auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.katholische-kirche-drensteinfurt.de/kirche-kapellen

und etwas ausführlicher bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Lambertus_(Walstedde)

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier.

Hier wurde eine Universität gegründet (#0025)

Stiftskirche St. Georg, Holzmarkt 1, 72070 Tübingen

Mein Besuch am 14. Januar 2021

Das Lichtspiel der modernen Fenster von Emil Kiess im Langschiff der Tübinger Stiftskirche

Wenn die Sonne seitlich herein scheint, dann werfen die modernen Fenster buntes Licht auf das alte Gemäuer. Was für ein schönes, intimes Licht! Diese Fenster stammen aus dem Jahr 1964 und wurden vom württembergischen Maler Emil Kiess gestaltet. Sie zählen damit zu den modernsten Elementen dieser Kirche, die sonst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in der heutigen Gestalt und Höhe das Tübinger Stadtbild bestimmt.

Die dreischiffige Kirche ist weit und groß und lädt mit sanftem Licht zum Verweilen ein, auch zum Stöbern nach Überraschungen, etwa den Schnitzereien im Chorgestühl. Dieses Gestühl stammt aus den Gründungsjahren der Kirche, hat alle Unbill der Zeiten überlebt, stehen jetzt allerdings reichlich randständig links und rechts vom Altarbereich. Da Gestühl hätte ein en besseren Platz verdient, zumal in diesen Holzbänken die weltberühmte Tübinger Universität gegründet wurde. Beeindruckt hat mich auch die Schnitzkunst an der Kanzel aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, wo sich vermutlich der Holzbildhauer selbst als höchst sympathisches „Tübinger Kanzelmännchen“ verewigt hat.

Der Künstler höchstselbst? Das Tübinger Kanzelmännchen stammt vom Anfang des 16. Jahrhunderts.

Bei meinem Besuch war der Chorraum verschlossen. Er enthält zahlreiche württembergische Fürstengräber und wird geschmückt von den berühmtesten Glasfenstern dieser schönen Kirche, die angeblich bereits Goethe begeisterten. Geschaffen wurden sie von Peter Hemmel von Andlau noch vor 1500. Und das Licht leuchtet bis heute hindurch auf die Stille der Gräber. Der Besucher kann es sich bewusst machen, dann fasst er nach einem kleinen Zipfel der Ewigkeit.

 

 

 

 

Sehr gute Zusammenfassung der Informationen über die Stiftskirche in Tübingen auf deren Website: https://www.stiftskirche-tuebingen.de/stiftskirche-st-georg/virtueller-rundgang

In Tübingen war ich aus aktuellem Anlass auch im Museum Hölderlinturm. Meinen Text als #Politikflaeur dazu finden Sie hier.

 

 

Die Himmelstürmende (#0024)

Himmelwärts, so nah wie möglich – das gotische Münster in Ulm

Münster, Ev. Münstergemeinde, Münsterplatz 1, 89073 Ulm

Mein Besuch am 28. Dezember 2021

Das Ulmer Münster, eine Kirche der Superlative, betritt der Besuchende durch den schmalen Seiteneingang. Es ist ein unscheinbarer Vorraum, den man betritt, immerhin eröffnet er den Blick in eines der insgesamt vier Seitenschiffe, dessen Raumprogramm alleine für manche Kirche längst ausreichen würde. Streng genommen handelt es sich um jeweils ein Seitenschiff auf Nord- und Südseite, die aber schon im 15. Jahrhundert aus Stabilitätsgründen unterteilt wurden. Der staunende Gast muss sich also nach rechts wenden, um die Kirche in ihrer ganzen Dimension erfassen zu können. Steht er endlich am westlichen Ende des Kirchenraums, unter dem über ihm in den Himmel stürmenden Turm (und lässt er sich an dieser Stelle nicht von den leider auch hier nicht kommentierten Gedenktafeln an Kriegsgefallene ablenken) – dann kann dieser gewaltige gotische Kirchenraum endlich in Gänze wahrgenommen werden.

Das Ulmer Münster ist die größte evangelische Kirche Deutschlands, und sie nennt den höchsten Kirchturm der Welt ihr eigen, zumindest so lange noch, bis die Sagrada Familia in Barcelona einmal vollendet sein wird. Wer nach Ulm fährt, muss nicht suchen, um das Münster zu finden, es ragt weit über die kriegszerstörte und wieder errichtete Bebauung der Stadt hinaus, es dominiert das Stadtbild schon vom weitem.

Fast 125 Meter lang, mehr als 40 Meter hoch: Das strenge Münster schüchtert mit seinen Dimensionen ein.

Die gotische Raumwirkung – fast 125 Meter lang, das Hauptschiff mehr als 40 Meter hoch – hat mich denn auch erwartungsgemäß überwältigt. Wie verloren irrt der ehrfürchtige Kirchengast durch den strengen Säulenwald, sucht Halt an den Kunstwerken, den Skulpturen, den stummen zeigen, die im gedämpften Winterlicht ausharren, das durch die teils noch in ihrer Notverglasung nach der Kriegszerstörung verharrenden hohen Fenster hereinströmt.

Beeindruckt hat mich neben den Dimensionen, neben der gotischen Strenge am Münster vor allem auch die Baugeschichte: Den etwa 10.000 Ulmer Bürgern war es – noch vor der Reformation – zu dumm geworden, für den Kirchgang vor die Stadt zu pilgern und noch dazu in ihrer Glaubensausübung abhängig zu sein von den Mönchen des Klosters Reichenau im Bodensee, dem die Ulmer Pfarrei unterstellt war. Also begannen sie 1377, mit eigenen Mitteln eine Kirche innerhalb ihrer Stadtmauern zu errichten, finanziert durch Spenden der gläubigen Bürgerschaft. Knapp 150 Jahre später war die Reformation im Gange, und die Ulmer Bürger (genauer: die Männer) stimmten in namentlicher (!) Abstimmung mehrheitlich dafür, dass Ulm mitsamt der halbfertigen Kirche nun evangelisch sein sollte. Damals hatte der Turm erst eine Höhe von 100 Metern, seine heutige Höhe erreichte er in der Neugotik im Jahr 1890.

Über die Jahrhunderte in einer niemals endenden Aufgabe vereint: Gedenktafeln für die Ulmer Dombaumeister.

Der Erhalt des gewaltigen Bauwerkes ist bis heute eine anhaltende Aufgabe der Bürgerschaft. Stolz weisen örtliche Firmen, aber auch eine bundesweit agierende Drogeriekette, deren Geschäft unweit des Münsters steht, auf ihre unterstützende Rolle für die Dombauhütte hin, die sich um das stetig bröckelnde Gestein und den Erhalt der Statik aus früheren Jahrhunderten bemüht. So ist die Himmelstürmende in Ulm auch ein Symbol für eine mutige Vision und dafür, was der gemeinsame Wille engagierter Menschen erreichen kann. Koste es, was es wolle.

Der Ulmer Spatz – hier das Original, das auf Augenhöhe innerhalb des Münsters zu besichtigen ist. Um den Spatz auf dem Dach zu entdecken, muss man schon genau hinsehen und an einer geeigneten Stelle stehen.

Und dann könnte man noch die Geschichte vom Ulmer Spatz erzählen, der als Kupferfigur auf dem Dachfirst der großen Kirche thront. Er trägt einen Strohhalm im Schnabel. Warum? Das kann man hier nachlesen: https://www.ulm.de/tourismus/stadtgeschichte/markenzeichen/ulmer-spatz

 

 

 

 

Sehr viele weitere Details zu den Kunstwerken am und im Münster sowie zur Baugeschichte bei Wikepedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulmer_M%C3%BCnster

und auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.ulmer-muenster.de/index.php/bauwerk

Zum Besuch des Ulmer Münsters hat mich ein Beitrag von Gottfried Knapp in der Süddeutschen Zeitung inspiriert, der viel Kluges zur Dimension der Höhe in der gotischen Architektur formuliert hat: https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-hoehe-gotik-notre-dame-strassburger-muenster-kirchen-1.5495727

Weitere persönliche Eindrücke von meinen Besuchen in Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen

Die Konzil-iante (#0023)

Münster Unserer lieben Frau, Münsterplatz 1, 78462 Konstanz

Mein Besuch am 26. Oktober 2021

Die gotische Kirchendecke passt nicht recht zu den wuchtigen romanischen Säulen, genauso wenig wie die Kanzel aus dem Barock. Mehr als 1000 Jahre Baugeschichte mischen sich im Münster von Konstanz.

Wer „konziliant“ ist, der sucht das Verbindende, das Versöhnliche. Das Münster von Konstanz hätte  genau ein solcher Ort sein können. Über vier Jahre suchte man in diesem mächtigen Bau zwischen wuchtigen romanischen Säulen nach Kompromissen. Leider nicht nur, denn engstirnige Kleriker sprachen dort auch todbringende Urteile gegen vermeintliche „Ketzer“. Von 1414 bis 1418 tagte hier das Konzil von Konstanz, das seinen Höhepunkt mit der einzigen Papstwahl auf deutschem Boden fand (siehe dazu auch meinen Text als #PolitikflaneurVon Konstanz nach Glasgow„).

Heute präsentiert sich dieser stark gegliederte Kirchenbau mit historischer Wucht über viele Epochen. Sein romanischer Kern ist eines der größten Kirchenbauten dieser Epoche in Süddeutschland. Der Eindruck ist aber stark geprägt durch zahlreiche Ein- und Anbauten in anderen Baustilen. Es gibt einen gotischen Kreuzweg, Seitenkapellen, eine mit viel Licht sehr stimmungsvoll inszenierte Krypta. Sie erinnert zusammen mit den schon erwähnten Säulen des Hauptschiffs an den romanischen Kern dieser Kirche.

Von 1260, aber Instagram-tauglich: Die heitere Überraschung aus der Frühgotik in den Darstellungen der Mauritiusrotunde.

Das Münster lädt ein zum Entdecken, hier ist man nicht in wenigen Augenblicken „fertig“. Jede Ecke, jeder Seitenaltar, jedes Relief birgt neue Geschichten. Mich hat am meisten beeindruckt die „Mauritiusrotunde“ mit einer geradezu unglaublich heiteren Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Diese Figuren entstanden schon um 1260; sie grinsten also schon den Teilnehmern des Konzils entgegen und hätten das Potential gehabt, dem machtbesessenen Männerkampf eine Note heiterer, im wahrsten Sinne konzilianter, Selbstironie entgegenzusetzen.

Allein diese Figuren, aber auch die Kirche insgesamt, sind jedes Umwegs würdig!

 

Die Kirche ist sehr umfänglich beschrieben bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstanzer_M%C3%BCnster