Luft zum Leben von Helga Schubert, erschienen bei dtv, 288 Seiten
ausgelesen am 31.1.2026
Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass ich Helga Schubert persönlich treffen konnte. Ich bin dankbar, dass ich Texte von ihr kennenlernen konnte. Beides war und ist ein großes Geschenk in meinem Leben.
2020 erhielt Helga Schubert im Alter von 80 Jahren im zweiten Anlauf den renommierten Ingeborg-Bachmann –Preis für ihre Geschichte „Vom Aufstehen“. Ein umfangreiches, fast lebenslanges Schreib- und Literaturleben lag da schon hinter ihr, auch etliche Veröffentlichungen, aber auch Repressalien in der ehemaligen DDR. Sie war vom DDR-Sicherheitsdienst als „feindlich-negativ“ eingestuft worden und unter stetiger Beobachtung. Doch stets stand sie zu ihrem Wort, zu Kritik und Widerstand, und behielt ihre Authentizität, ließ sich nicht beugen.
In meiner Lektüre folgten dann schnell das „Stundenbuch der Liebe“, eine Geschichte, ein tagebuchartiger Bericht über die Betreuung und Pflege ihres hochbetagten und an demenzerkrankten Ehemanns; ein Buch, dessen Inhalt und schonungslose Ehrlichkeit mir schon viel Respekt abverlangte einschließlich ihrer Disziplin, in den wenigen Momenten zu schreiben, wenn ihr Mann schlief und sie Ruhe gehabt hätte, auch nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden.
Als 2025 das neue Buch „Luft zum Leben“ erschien, Texte aus sieben Jahrzehnten, war ich zunächst ein wenig zögerlich mit dem Kauf und hatte gehofft, dass es über den weihnachtlichen Gabentisch den Weg zu mir finden würde. Tat es aber nicht. Und so kam der 14.1.2026, und mit ihm der Termin für eine Lesung mit Helga Schubert im Literaturhaus in Stuttgart, und natürlich gingen wir hin, und natürlich kaufte ich mir das Buch und ließ es signieren.
Schon die ausgewählten Texte flashten mich; das freundliche Lächeln dieser mittlerweile 86jährigen Frau, die Kraft, die sie ausstrahlte, schienen mich persönlich zu meinen. Ja, wenn Altern so gelingen darf, wünsche ich es mir auch. Wach, ungebrochen, nicht aufgebend trotz physischem und psychischem Unbill. Die Lektüre des Buches startete noch zu später Uhrzeit am gleichen Abend. Jeder Text saß. Die Klarheit der Sprache, schnörkellose Erlebnisschilderungen. Egal, ob sie den Text mit 20 oder 86 geschrieben hatte.
Ich bin dankbar für den Mut, den ich aus all den Texten lesen und zu meinem eigenen machen durfte.
Absolute Leseempfehlung: Für Männer und Frauen jeder Altersstufe – Für politisch Interessierte – Für Anhänger guter Sprache – Für Menschen, die leben und lieben.
Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda, erschienen bei Penguin, 2022, 379 Seiten
leider nicht zu Ende gelesen am 14.1.2026
Da liegt nun seit wenigen Wochen das Buch auf meinem Lesestapel und verspricht mir höchsten Lesegenuss. Ich hatte es mehr zufällig bei einer Literaturbesprechung entdeckt, und war sofort auf den Inhalt abgefahren: die Geschichte der ersten Obergärtnerin Deutschlands, Else Hoffa aus Würzburg, die in Hamburg Blankenese einen bis heute bekannten Garten eines jüdischen Bankiers anlegt, schließlich selbst nach London vor dem Naziregime flüchten muss, und nur noch einmal 1957 nach Deutschland zu ihrem Garten zurückkehrt. Ein Biographieroman, eigentlich schon mein Beuteschema, tolles Thema, Garten, Hamburg, Emanzipation. Zudem hatte ich vor- her noch eine Leseempfehlung von meiner Büchernichte bekommen, da konnte doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?
Ja, und dann: lese und lese ich, und ich merke, wie ich mir immer wieder Zweitlektüre besorge (ich lese öfter mehrere Bücher parallel, aber eigentlich nur, wenn die Hauptlektüre mich nicht zu 100% packt ….). Ja, und dann keine Lust mehr verspüre, dranzubleiben. Und der Grund ist nicht der Inhalt – weiß Gott nicht! – aber die Sprache, nein, die Sprache, die Dialoge sind leider oft sehr schwach, manchmal langweilig, ohne Spannungsbogen. Seit Jahren fällt mir auf, dass ich so anspruchsvoll geworden bin, mein Literaturgeschmack verwöhnt durch die sprachliche Präzision eines Hesse, Mann oder v.a. Stefan Zweig (der Beste). Natürlich gibt es viel Gegenwartsliteratur, die sich an neuen Sprachmodellen versucht, das finde ich oft interessant, aber so ein schöner Seelenroman, ideal für die abendliche Lektüre, Futter für die Nachtseele, und dann diese einfache Sprache. Es tut mir leid zu sagen, dass ich das Buch nicht zum Ende brachte.
Leseempfehlung: für Gartenliebhaber – Menschen, die von ungewöhnlichen Frauen mehr lesen wollen – Hamburgfans – Biografiejunkies
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„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.
„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.
Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?
Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).
Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.
Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum; Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.
Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren
Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.
Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.
„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron
Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten
Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.
Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.
Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.
Strandgut von Benjamin Myers, erschienen bei Dumont 2025, 287 Seiten
ausgelesen am 3.1.2026
Der Autor Benjamin Myers erinnerte mich ab der ersten Zeile in seinem Schreibstil an T.C. Boyle, versetzt in die so fremde Welt eines Amerika, deren Facetten uns nur in Ansätzen bekannt ist. Und doch schaffte es der Autor, mich binnen kürzester Zeit in seinen Bann zu ziehen, und der Protagonist Earlon „Bucky“ Bronco stand leibhaftig neben mir. Der alt gewordene Musiker, der nie sein Musikersein leben konnte, der Mann mit Arthrosen in allen denkbaren Gelenken, mit einem anständigen Abhängigkeitssyndrom von allem, was sich einnehmen lässt, und der, ja man kann es nicht anders sagen, einen Traum erlebt, in dem er wahrnimmt, dass seine Musik, zumindest ein winziger Teil davon, in der alten Welt ein Hit ist, und eine dezente Berühmtheit und ggf. auch Wohlstand bedeutet. Ein modernes Märchen. An manchen Stellen waren es für mich zu viele Drogen (aber vielleicht in manchen Gesellschaften auch nichts Ungewöhnliches?) und vor allem zu viele Aufzählungen von Bands und Musiktiteln, die ich nicht einmal im Ansatz kannte. Macht aber nix , das tat meiner Lesefreude keinen Abbruch und erweiterte meinen Horizont, ganz ohne Drogen.
Leseempfehlung: für alle alten Menschen – für ältere Menschen – für Menschen, die glauben, nicht alt zu werden – für Menschen, die etwas übers Älterwerden lernen wollen – für Menschen, die an Wunder glauben
Bergland von Jarka Kubsova, erschienen bei Diogenes 2023, 284 Seiten
ausgelesen am 29.12.2025
Ein Bauernhof hoch in den Bergen Südtirols, vier Generationen, die dem Unbill der Natur, dem Wetter und menschgemachtem Ungemach trotzen und am Ende ihren Weg finden, nicht schnörkelig, kein Kitsch – dieses Buch hätte ich wohl trotzdem nicht gelesen, wenn meine Nichte es mir nicht kürzlich mit einer Leseempfehlung in die Tasche gesteckt hätte. Dann las ich Namen wie Meran und Lana, einer Region, die ich aus Urlauben in meiner Kindheit sehr gut kannte, und ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, die sich für mich so wohlbehütet und heil anfühlte.
Auf dem Berg ist nicht immer alles gut, es zeichnet auch persönliche Abgründe und Schicksale. In erster Linie steht das Buch aber für weibliche Selbstbestimmung, Autonomie und der unbedingten Weigerung sich zu beugen – vielleicht mit Ausnahme gegenüber Naturgewalten, die als Einziges akzeptiert werden. Es wurde ein Buch, auf das ich mich zur abendlichen Lektüre vor dem Schlafen immer sehr gefreut habe. Es ließ mich stets in innerem Frieden einschlafen und manchmal glaubte ich Bilder und Gerüche, z.B. von sonnengetränktem Holz wahrzunehmen. Das Buch hat meiner Seele gut getan und mich geerdet, und es wird nicht das letzte Buch dieser Autorin bleiben, das auf den Bücherwartestapel an meinem Bett darf.
Leseempfehlung: für emanzipierte Frauen – für Geschichtsinteressierte – für LeserInnen mit Interesse für das Grundsätzliche im Leben – für Menschen, die den Boden, die Natur lesen können/wollen
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Friedrich Silcher und die Musiker-Museen in Deutschland
Friedrich Silcher, dem Großmeister des deutschen Liedgutes der Romantik, war mehr als 100 Jahre ein Museum gewidmet – vor einem Jahr wurde es geschlossen. (Foto: Christoph Friedrich Dörr – Ausschnitt aus dem sog. „Hochzeitsbild“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1423045
Wie klingt Deutschland? Ganz gewiss vielstimmig: laut und trotzig, wie auch leise und schüchtern. Deutsche Musik klingt gleichermaßen nach glasklarem Barock wie nach ruppigem Deutschrap, lärmt mit Rammstein, träumt von 99 Luftballons, fährt, fährt, fährt mit Kraftwerk auf der Autobahn, und singt sich atemlos.
Deutschland klingt auch nach Friedrich Silcher: „Alle Jahre wieder“ singen die Kinder zu Weihnachten, und der eine oder andere Erwachsene wird mitbrummen. „Ännchen von Tharau“, oder das Lied der Loreley, und schließlich „Muss i denn, muss i denn …“ – alles deutsche Lieder, an deren Erhalt und Vertonung der schwäbische Komponist Friedrich Silcher (1789 bis 1860) entscheidend beteiligt war. Silcher war einmal ein ganz Großer seiner Zeit. Auf einer Ansichtskarte von 1900 wird er in einer Reihe genannt mit Schiller, Zeppelin, Kepler, Uhland und Mörike. Hunderte Straßen und Plätze, Schulen, Konzertsäle und andere Gebäude sind nach ihm benannt. Mehr als hundert Jahre lang wurde ihm in seinem Geburtsort, in Schnait unweit von Stuttgart, ein eigenes Museum gewidmet. Seit einem Jahr ist es geschlossen, und es wird auch nicht wieder eröffnet, sondern aufgelöst. Es ist das Ende eines „Musikermuseums“. Gesucht werden neue Ansätze, um die Erinnerung an den Komponisten aufrecht zu erhalten, am 25. April 2026 wird ein Versuch dazu unternommen. Es gründet sich in Tübingen eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft. (Link führt zur Seite der Silchergesellschaft auf Instagram)
Wer sind Musiker? – Nicht die, denen Museen gewidmet sind
Also eine Gesellschaft, aber kein Musikermuseum mehr für Friedrich Silcher. Schon der Begriff „Musikermuseum“ ist bestürzend irreführend. Letztlich gibt es fast so viele Musiker in Deutschland, wie es Menschen gibt, Abermillionen, mitten im Leben, nicht in einem Museum. Es gibt die Trompeterinnen in der Blaskapelle, die Posaunistinnen auf dem Kirchturm, die ungezählten Chorsängerinnen, die Kammermusikerinnen, die sich abends in ihren Wohnzimmern treffen. Es gibt die Akkordeonspielerinnen und die Flötistinnen – und es gibt diese alle auch noch in männlicher Form. Händeringend suchen laute Bands aller Altersgruppen nach gut isolierten Übungsräumen, zirpen leise Gitarren aus Kinderzimmern, grübeln Menschen über die nächste Note ihrer Komposition, üben sich Hobby-Rapper in den richtigen Rhythmus ihrer Worte hinein. Es klingt und spielt in Deutschland allerorten, und alle diese Musizierenden gemeinsam sind auf der Suche nach dem richtigen Ton, der richtigen Taste, dem gesuchten Ventil, der perfekten Lippenspannung.
„Es kann doch wohl nicht sein“, spottete eine Tochter über ihren musikinteressierten Vater, „dass es immer noch Komponisten-Museen gibt, die Du noch nicht besucht hast!“. Doch, das kann sein. Es gibt so viele Musikermuseen in Deutschland, dass sie sogar eine gemeinsame Internetplattform betreiben und eine Landkarte herausgeben. In Deutschlands Mitte wirkten Johann Sebastian Bach und seine Söhne, Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Robert und Clara Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel, Richard Wagner, Franz Liszt, Carl Maria von Weber und viele weitere. Sie alle werden mit Musikermuseen gewürdigt. Weit nördlich lockt in Hamburg das Komponistenquartier mit Museen für weitere prominente Namen (Georg Philipp Telemann, Johannes Brahms, Gustav Mahler), weit südlich wurde in Augsburg Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und noch weiter südlich lebten Carl Orff am Ammersee und Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen.
Silcher stand einmal in einer Reihe mit Schiller und Mörike
Im deutschen Südwesten sticht nur ein Name hervor, und der ist von dieser Landkarte verschwunden. Der Komponist und Musikpädagoge Friedrich Silcher machte sich unsterblich, weil er im Geist der Romantik mehr als 300 Werke des deutschen Liedgutes vertonte. Silcher schrieb nicht nur die überbrachten Texte und Melodien auf, er setzte sie auch in mehrstimmige Kompositionen um und fügte ihnen eigene musikalische Ideen hinzu. Ein Lied zu singen, das war in Silchers Zeit Teil von freiheitsstrebender Identität, Ausdruck des Traums einer klassenlosen Gesellschaft. Und doch konnte das vom Württembergischen Chorverband getragene, private Silcher-Museum nicht erhalten werden. Seine Bestände wurden verteilt – an das Literaturarchiv in Marbach, an das Stadtmuseum in Tübingen (wo Silcher hauptsächlich wirkte) und an andere Stellen.
Der Arbeitsraum des Gewandhaus-Direktors Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig.
Kann man Musik ausstellen? Wer nur einige der vielen deutschen Musikermuseen besucht, lernt unterschiedlichste Ansätze kennen, sich der Musik physisch zu nähern: Das Robert-Schumann-Geburtshaus in Zwickau gewährt Zutritt zu den Originalräumen von Schumanns Kindheit und füllt sie mit vielen Dokumenten und Lesestoff aus. Im Mendelssohn-Museum von Leipzig gewinnt der Besuchende Eindrücke über die Lebensumstände des Gewandhausdirektors, kann einzelne Gegenstände aus seinem Besitz bestaunen und in einem Raum dank Hightech selbst erleben, wie es sich anfühlt, ein Orchester zu dirigieren.
Für das Werk mancher Musiker reicht ein Museum nicht aus
Manche Komponisten haben solche Wucht in ihren Werken, dass ein einziges Museum gar nicht ausreicht. Johann Sebastian Bach kann man sich am Geburtsort Eisenach nähern, aber auch in Gedenkstätten in Wechmar (Heimat der Bach-Familie), Arnstadt (erste Organistenstelle) und in einem mächtigen Museumsneubau an seiner wichtigsten Wirkungsstätte in Leipzig. Dort drückt man auf Knöpfe, toucht auf Bildschirme und bleibt doch ratlos zurück darüber, wie der Thomaskantor neben seiner ganzen schier unerschöpflichen, bis heute gültigen Schaffenskraft auch noch eine schwindelerregende Verpflichtungsdichte (z.B. bei der Beaufsichtigung seiner Chorschüler) bewältigen konnte. Richard Wagner machte Urlaub in Graupa, unweit von Dresden. Der dortigen Entstehung seiner Oper „Lohengrin“ ist heute ein schickes modernes Museum gewidmet, neben dem berühmten Haus Wahnfried in Bayreuth und einer privaten Wagner-Sammlung in Eisenach.
Nicht das Museum macht den Musiker unsterblich
Kein Museum mehr, aber die Musik bleibt – wenn die Musiker es möchten: Das frühere Silcher-Museum in seinem Geburtshaus in Schnait bei Stuttgart. (Foto. Thomoesch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28057926
Und so hat manches angestaubte Musikermuseum auch etwas Tröstliches: Das Museum mag eines Tages sterben, aber die Musik lebt fort, und klingt millionenfach durch Deutschland – weniger wegen des Komponisten, mehr wegen der vielen Musiker und ihrer Zuhörer. Alle Jahre wieder …
Was die große Kunst des Kriegsfotografen James Nachtwey ausmacht
Der Kriegsfotograf muss vorab ausgestiegen sein. Er war im Fahrerhaus gesessen. Nun wartet er, die Kamera schon in Habacht-Position, während diejenigen, die hier einmal gewohnt haben, und mit denen er hierhergekommen ist, von der Ladefläche des Militär-LKW herunterklettern. Die alte Frau mit Kopftuch schafft es nicht allein, ihr wird geholfen. Sie weint. Sie greift sich an die Hüften, versucht Stabilität zu finden in dieser Situation der Verzweiflung. Der Kriegsfotograf klickt, er hält auf ihr Gesicht, das alles ausdrückt an Fassungslosigkeit und Verlust, dann folgt er ihren Schritten in das Haus. Es ist eine Ruine, Brandflecken, herumliegende Bettsachen und Kleidung, Einschusslöcher überall. Der Kriegsfotograf haftet sich ihr an die Fersen, folgt ihr von Raum zu Raum, spricht aber kein Wort. Er drückt auf den Auslöser, viele zigmal, immer wieder. Die Frau weint, während sie zwischen den Resten ihrer Existenz sitzt, das Unbegreifliche betrachtet, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Immerhin, sie lebt.
Charkiw, Ukraine 2022 – Originalbild von James Nachtwey (abfotografiert in der Ausstellung „Memoria“, Fotografiska Berlin)
Mit dieser Szene aus dem Kosovokrieg, aufgenommen um das Jahr 1999, beginnt der Dokumentarfilm „War Photographer“, der dem amerikanischen Kriegsfotografen James Nachtwey gewidmet ist.
Das Schreckliche wird zur skalierbaren Ware
Unmittelbar nach dieser Szene folgt ein Ausschnitt aus den Redaktionsräumen des Magazins „Stern“ in Hamburg. Mit eiskalter Professionalität diskutieren die Bildredakteure darüber, welche von Nachtweys Bildern aus dem Krieg mehr Emotionalität vermitteln, womit der stärkere Effekt beim Betrachter erzielt werden kann. Leichenberge sind zu sehen, Tote auf Lastwagen. „Das sieht toll aus“, sagt der Redakteur, und hat offenbar kein Störgefühl dabei, vielleicht gar kein Gefühl. Es ist seine Profession, die wirksamsten Bilder auszuwählen, so wie es die Profession des Fotografen ist, sie zu machen. Nah dran zu sein, noch näher möglichst, und auf den Auslöser zu drücken. Hunderte Male, und daraus das noch perfektere, noch eindrücklichere Bild herauszusuchen. Die Schrecknisse des Abgebildeten werden zur skalierbaren Ware.
James Nachtwey ist einer der renommiertesten Kriegsfotografen der Welt. Seine Bilder wurden in allen großen Magazinen gedruckt, sind zum Teil ikonisch geworden, Teil unseres Bildes der Zeitgeschichte. Sie gehören zu den Sammlungen vieler großer Museen. Der Dokumentarfilm über seine Arbeit entstand vor fünfundzwanzig Jahren. Heute ist Nachtwey 78 Jahre alt. In einer großen Retrospektive wird sein Lebenswerk derzeit in Berlin gezeigt. In dem neuen, privaten Museum „Fotografiska“ kann man sich die Bilder von James Nachtwey noch bis 3. Mai 2026 ansehen.
Bardera, Somalia 1992: „Eine Mutter nahm ein Kind auf den Arm, das an Hunger gestorben ist, um es zum Grab zu tragen“ (Originalfoto von James Nachtwey, abfotografiert und Text übernommen in der Ausstellung „Memoria“, Museum Fotografiska Berlin)
Die Ausstellung heißt „Memoria“ und lädt laut Pressetext „das Publikum ein, innezuhalten und die Welt aus Nachtweys Blickwinkel zu begreifen: nicht als eine Aneinanderreihung von Katastrophen, sondern als eine fragile Abfolge menschlicher Erfahrungen.“
Ein Rundgang durch menschliches Grauen
Es ist kein leichter Rundgang. Denn diese „Abfolge menschlicher Erfahrungen“ ist vor allem eine Abfolge menschlichen Grauens. Die Ausstellung führt vor, was Menschen ihresgleichen antun können, und dabei nimmt Nachtwey in der Regel die Perspektive der Opfer ein. Von Nachtwey stammen die Bilder des unvorstellbar grausamen Völkermordes in Ruanda und aus den Armutsvierteln von Jakarta. Er zeigte der Welt die Menschen, die mit ganzen Familien auf einem Pappkarton an Eisenbahnschienen leben. Es ist also nicht immer Krieg, es ist oft schreiende Ungerechtigkeit, unvorstellbare Not und Armut, die den Betrachter seiner Bilder fassungslos zurücklassen. „Er hat seine eigene Bibliothek des Leidens im Kopf“, sagt im Dokumentarfilm seine frühere Lebensgefährtin Christiane Breustedt, selbst damals Bildredakteurin beim Magazin „Geo“.
Nachtwey will den Tätern und den Verantwortlichen für Not und Armut keine Bühne bieten, oder allenfalls in Form einer Anklagebank. Die herausragende Kunst von Nachtwey liegt darin, dass sein Blick auf die Opfer vom Bemühen begleitet ist, nicht voyeuristisch zu sein. Und das trotz der Nähe, die er sucht. Er müht sich um die Achtung der Würde von Menschen in Not, während er ihre Not so nah wie möglich und damit schonungslos abbildet.
Es bleibt ein Gefühl von Mitverantwortung für das Angebildete
Die Menschen auf Nachtweys Fotos wissen, dass sie fotografiert werden. Er trägt ihr Leid hinaus in die Welt, und sie wollen, dass die Welt davon erfährt. Und doch irritiert es, den Mann mit Kamera in einer Szene des Films in unmittelbarer Nähe der Männer zu sehen, die ein Massengrab ausheben. Sie bergen die vom Kriegsgegner zuvor eilig verscharrten Leichen ihrer Angehörigen. Wenn er draufhält mit der Kamera auf das Entsetzen der Väter, das Wehklagen der trauernden Mütter oder Ehefrauen. Es ist die aufdringliche Nähe dieser Bilder, welche die Redakteure in Hamburg, New York und überall sonst auf der Welt erwarten. Sie rückt den Fotografen in die Nähe eines unvermeidbaren Gefühls von Mitverantwortung für das Abgebildete.
Die Herrschaft über die Bilder des Krieges und der Not will James Nachtwey nicht den Propagandisten der Konfliktparteien überlassen. „Die Informationen aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen“, sagen heute die Nachrichtensprecher, wenn sie Material verwenden, das ihnen von Militärs bereitgestellt wurde. Was für ein lahmes Einknicken! James Nachtwey hat sich damit nicht zufriedengegeben. Er wollte stets ein eigenes Bild machen, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Bild der Wahrheit, und was diese Wahrheit für die Menschen bedeutete, die in sie hineingeraten waren.
Im Klickwettbewerb ist nicht das beste, sondern das erste Bild gefragt
Die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Medium hat noch das Geld oder die Geduld, einen Fotografen tage- und wochenlang durch Krisengebiete zu entsenden, um dann die zehn eindrücklichsten Fotos in einer breiten Fotostrecke zu präsentieren. Die schnelle Nachricht ist gefragt heute, und den Klickwettbewerb gewinnt nicht mehr das fotokünstlerisch beste Bild, sondern das erste. Und auch James Nachtwey kam nicht ohne Kooperation mit dem jeweiligen Militär aus. Seine Bilder erzielten weltweit Wirkung, und das wussten auch diejenigen, die mit ihren umgehängten Maschinengewehren zuließen, dass er fotografierte.
Ein Besuch seiner Ausstellung oder ein Sich-Einlassen auf den Film über seine Arbeit sind eine doppelte Lehrstunde für das Jetzt, in dem keine Nachrichtensendung ohne neue Kriegsbilder auskommt: Es sind nicht die aus der Ferne mitgefilmten Explosionswolken oder die glitzernden Lichtbögen der anfliegenden Raketen und Drohnen, die den Krieg zeigen.
Die wahren Bilder des Krieges zeigen immer die Menschen, die inmitten der Not versuchen, zu überleben.
Die Ausstellung „Memoria“ mit den Bildern von James Nachtwey ist noch bis 3. Mai 2026 zu sehen im privaten Museum „Fotografiska“ in Berlin, das auch unabhängig von dieser Ausstellung jederzeit einen Besuch wert ist.
Klassische Musik im Untergrund: Verlockung oder Vertreibung?
Als sich Orpheus in den bereits gut gefüllten Waggon der U-Bahn drückt, eine raumgreifende Erscheinung, Lockenpracht, Rucksack, ganz in schwarz gekleidet, Tattoos bis über die Halskrause, da blickt niemand auf. Wie festgetackert haften die Augen auf den Displays oder sie starren einfach ins Leere oder sind geschlossen. Dann reckt Orpheus als moderne Lyra sein Handy in die Höhe, und noch bevor sich der Zug in Bewegung setzt, plärrt ein Begleitorchester durch die unfreiwillig zusammengewürfelte Fahrgemeinschaft. Orpheus hebt zu seinem Gesang an. „Nessun dorma“, intoniert er, den Gassenhauer aus Puccinis Oper „Turandot“, und das ist Musik, die nun wirklich jedes Herz erreichen und erweichen könnte. Hier aber schaut kein Blick auf. Der Wagen rumpelt und rattert durch den Untergrund, das Handy scheppert, der Sänger schwankt, und die Arie schwingt sich ihrem Gänsehaut-Moment entgegen. „Vincero!“, versichert dieser Orpheus, und mit noch einem „vincero!!“ besiegt er in schwer erreichbaren Höhen den Widerstand seiner Stimmbänder. Das alles darf nicht zu lange dauern, denn schon droht der nächste Halt des ratternden Lindwurms. Schnell noch den Becher gezückt, herumgezeigt, ein paar Münzen eingesammelt, und dann heraus, hinüber in den nächsten Wagen.
Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück
Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück. Das ist von Bedeutung, denn die Geschichte des griechischen Jünglings Orpheus geht so: Schön war er und vor allem stärker musikalisch begabt als alle, die ihm seither folgten. Sein Gesang sei im wörtlichen Sinne steinerweichend gewesen, so wird überliefert, dass nicht nur Götter und Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen sich friedlich gestimmt um ihn scharten, um zu hören, was er zu singen hatte. Sogar das wilde Meer habe sich beruhigt, wenn er seine Lieder anstimmte.
Fast schon war das Ziel erreicht, und Orpheus führt mit Lyraspiel und Gesang seine Geliebte aus dem Totenreich hin auf ans Licht. Dann aber konnte er sich nicht beherrschen … (Darstellung aus dem Jahr 1752, Wellcome Library, London via Wikimedia)
Orpheus brachte also gute Voraussetzungen mit, bald eine schöne Frau für sich zu gewinnen. Das geschah, und sie hieß: Eurydike. Infolge göttlich-männlicher Gewalteinwirkung (eine versuchte Vergewaltigung munkelt die Sagenwelt) starb Eurydike an einem Schlangenbiss(!); auf die nähere Darstellung dieser Verwirrung kann hier verzichtet werden. Jedenfalls war Orpheus untröstlich, erinnerte sich an seine musikalische Begabung und betörte mit Lyra und Stimme den Unterweltgott Hades und dessen furchterregenden Hund Kerberos nachdrücklich. Sie erlaubten ihm, seine Eurydike wieder aus dem Untergrund herauszuführen. Die Herrscher der Unterwelt stellten dafür allerdings eine einzige Bedingung, von der noch die Rede sein wird.
Die Abgründe der modernen Welt liegen oft im Untergrund
Wo liegen die Abgründe der modernen Welt? Nicht nur, aber doch oft im Untergrund: schlecht beleuchtete Unterführungen, U-Bahn-Zwischengeschosse mit versifften Winkeln und Ecken, ersterbend blinkenden Neonröhren. Tagsüber wie nachts bietet der Untergrund Rückzugsräume für Menschen in Not und Menschen, die mit der Not der anderen ihr windiges Geschäft treiben. Schutzsuchende vor Regen und Kälte und Hitze, die sich nicht in eine eigene Wohnung flüchten können. Kranke, auf der Suche nach dem illegalen Stoff, der ihrer süchtigen Unerbittlichkeit kurzzeitige Linderung verspricht. Fragwürdige Gestalten auf der verzweifelten Suche nach dem kleinen Geld. Solche Orte im Untergrund sind der Hades unserer Zeit, nur dass dort kein Gott herrscht und der Höllenhund Kerberos allenfalls stundenweise in Begleitung meist schlecht gelaunter Security-Leute erscheint.
Vielleicht sollte unser U-Bahn-Orpheus dort singen, bezahlt mit kleinem Geld aus öffentlichen Kassen? Stattdessen kamen Menschen auf die Idee, solche Orte der menschengemachten Trostlosigkeit mit klassischer Musik zu fluten. Immer mehr Städte zwangsbeschallen die Lost Places eines gescheiterten urbanen Zusammenlebens mit der schönsten Musik, die Menschen geschaffen haben, mit den Klängen von Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin, vielleicht auch Puccini. Die Annahme dabei ist: Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, Drogendealer, Obdachlose, Kleinkriminelle, Taschendiebe würden alles Mögliche mögen, aber gewiss nicht die Kleine Nachtmusik oder „Für Elise“.
Zwölftonmusik statt Mozart?
Für jeden Musikfreund ist es eine schmerzhafte Diskriminierung dieser schönen Töne, wenn sie zur Vertreibung unliebsamer Personen aus dem Untergrund missbraucht werden. Noch dazu ist umstritten, ob dieser Effekt tatsächlich eintritt. Wie wäre es, das Experiment gleich auf die Spitze zu treiben, und statt Mozart oder Beethoven die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg oder Alban Berg abzuspielen? Dann allerdings wäre zu befürchten, dass die Vertreibung nicht nur vermeintlich unliebsame Personen beträfe, sondern auch viele andere.
Die Bedingung, die der Untergrundgott dem verliebten Orpheus gestellt hatte, lautete so: Er hätte Eurydike mit Gesang und Lyraspiel hinaufholen dürfen in die strahlende Wirklichkeit des Tageslichts – aber nur, wenn er ihr und den Göttern vertraut, wenn er also den Impuls unterdrückt, sich umzuwenden und zu vergewissern, dass die Geliebte tatsächlich hinter ihm her schreitet. Er wusste das, und so spielte und sang er, was das Zeug hielt, und kurz vor dem Ziel, das rettende Licht schon vor dem hoffend-glückseligen Auge, fehlte ihm dann doch ein Moment der Selbstbeherrschung. Er blickte hinter sich – und verstieß seine Geliebte damit zurück in eine ewige Existenz im Untergrund.
Und da darbt sie nun bis heute, und wir alle mit ihr, in vielfältiger Gestalt, als genervte Nutzer des unterirdischen Nahverkehrs oder als herumstreunende Desperados der Wohlstandsgesellschaft. Eurydikes Erben wird schöne Musik nicht vertreiben.
Über einen Kampfjet auf dem Dach und Sportkarossen, die zum Himmel streben
In Stuttgart-Zuffenhausen gibt es teure Autos, und auch einen Starfighter. Vor zwölf Jahren wurde er hier auf ein Dach gesetzt und seither ist er dort: Ein echtes Kampfflugzeug, Typ Lockheed F104. Auf dem Dach einer schmucklosen Industriehalle in einem Mischgebiet verharrt es im erstarrten Flug; direkt daneben arbeiten Menschen und wohnen auch dort. Wenn man den unmittelbaren Wohn-Nachbarn glaubt, dann blicken sie seither jeden Morgen beim Aufwachen auf einen Starfighter.
Gehört das da hin oder kann das weg? Ein wohlhabender Flugzeugliebhaber hat sich in Zuffenhausen einen Starfighter aufs Dach gesetzt – mit Gedenktafel.
Keine hundert Meter vom Flugzeug entfernt streben drei Edelkarossen zum Himmel – auch schon seit zehn Jahren. Hochgestemmt sind sie in der Mitte eines Kreisverkehrs vor dem Stammsitz der Sportwagenschmiede Porsche. Die Stadt hat die drei Boliden vom Typ 911 auf ihrem Streben in den Himmel als Kunst anerkannt. „Inspiration 911“ heißt die Auto-Skulptur, die auf öffentlichem Grund steht, aber von Porsche finanziert wurde. Sie erinnert an den ersten Porsche 911, der an dieser Stelle zusammengeschraubt wurde – im Jahr 1963. Da stürzten gerade die ersten Starfighter ab.
Ein Kampfflugzeug als Lebenstraum
Also zurück zum Flugzeug auf dem Dach. Der Eigentümer der Halle mit dem Starfighter, ein selbstbewusster schwäbischer Unternehmer, hat eine Leidenschaft für solche Fluggeräte. So, wie andere als Lebenstraum haben, einmal in die Karibik zu segeln, oder einmal einen Porsche zu besitzen – so hatte er als Lebenstraum, einen ausrangierten Starfighter sein Eigen zu nennen. Es hat viel Geld gekostet, das alte Flugzeug zu kaufen und nach Zuffenhausen zu schaffen, und viele Stunden Arbeit, um es zu restaurieren und mit einem Kran auf das eigene Dach zu heben. Dort ist der Starfighter seit 2013 weithin zu sehen.
Eine Gedenktafel erinnert an die 116 Bundeswehr-Piloten, die bei Abstürzen dieses Flugzeugtyps in den sechziger Jahren ums Leben gekommen sind. Der Starfighter war alles andere als ein Erfolgsflugzeug, er war eine ausgesprochen problematische Luftnummer. Mehr als 900 der Flugzeuge beschaffte die alte Bundesrepublik, und fast ein Drittel davon stürzte ab. Und das alles ohne Feindeinwirkung, in den Friedenszeiten des „kalten“ Krieg.
Es gibt kein Recht, ohne Blick auf einen Starfighter zu leben
Als der Kampfjet auf das Dach in Zuffenhausen geschraubt wurde, war die Aufregung groß. Deutschland war längst wiedervereinigt, und niemand dachte daran, dass schon bald in Europa ein heißer Krieg geführt werden könnte. Es gab heftige Proteste gegen das Militärflugzeug auf dem Nachbardach. Eine Anwohnerinitiative ging erfolglos gegen das Flugzeug vor. Die Stadt „tolerierte“ nach Prüfung die ungewöhnliche Dachgestaltung. Es liege zwar eine Überschreitung der Grenzen im Bebauungsplan vor – aber nun sei das Flugzeug schon mal da, und eigentlich beeinträchtige es niemanden: Es stinkt nicht, macht keinen Lärm, wirft keinen Schatten. Abgesehen von der Frage, ob man es schön findet, neben einem alten Kampfbomber zu leben, sei durch die tolerierte Grenzüberschreitung niemand in seinen Rechten beeinträchtigt. Und es sei nirgends niedergeschrieben, dass man Anspruch darauf hätte, ohne Blick auf ein Flugzeug aufwachen zu dürfen, schon gar nicht, wenn es im Mischgebiet auf einer Industriehalle schwebt. So blitzt der aufs Dach gestemmte Männertraum bis heute im Sonnenlicht.
Ist das Kunst oder kann das weg? Am Stammsitz der Firma Porsche in Zuffenhausen streben drei Sportkarossen in den Himmel.
Wie die Zeit den Blick verändert
Als das Porsche-Denkmal entstand, strotzte der schwäbische Sportwagenbauer noch vor Kraft, verkaufte seine teuren Autos weltweit mit jahrelangen Lieferfristen und versuchte sogar, die Herrschaft über den eigentlichen Mutterkonzern Volkswagen zu übernehmen. Porsche – das war Synonym für ein global voranrollendes schwäbisches Wirtschaftswunder. Viel Wohlstand hat der Bau dieser Superkarossen eingebracht, zahllose Häuschen finanziert, schöne Urlaubsreisen ermöglicht – kurz: Sorglosigkeit gesichert. Das ist vorbei. Wer heute am „Porschekreisel“ um die drei hochgestemmten Karossen herumfährt, denkt eher an Stellenabbau, Managementfehler und die wegbrechende Nachfrage in China. Und wie viele Menschen sind schon in oder wegen einem Porsche zu Verkehrsopfern geworden? Wieviel Co2 haben die Sportwagen in die Luft gepustet und damit geholfen, das Klima aufzuheizen? Keine Gedenktafel stört hier den hochstrebenden Männertraum.
Wie die Zeit den Blick verändern kann: Vor zwölf Jahren kritisierten viele friedensbewegt den Starfighter als deplatzierten Dachaufbau. Heute steht der Starfighter auch dafür, dass die deutsche Demokratie seit dem Weltkriegsende mit wechselnder Intensität auf der Suche nach Wehrhaftigkeit war – und es nun wieder ist. Und dafür, dass auch die bedauernswerten Soldaten, die in Friedenszeiten mit dem fehleranfälligen Todesvogel ihr Leben verloren, zur deutschen Geschichte gehören. Ihrem Schicksal darf auch ein Pazifist gedenken.
Der Starfighter von Zuffenhausen hat eine eigene Website, die allerdings schon länger nicht mehr aktualisiert wurde. Über die unrühmliche Geschichte des amerikanischen Kampfflugzeugs informiert u.a. Wikipedia.
Alte Fotos – und ein Ausstellungsbesuch bei Miguel Chevalier in München
Als er das alte Fotoalbum aufschlug, wurde dem Kunstfreund einmal mehr bewusst, wie dieser digitale Tsunami, der draufgeschwappt ist auf seine Welt und sie nun irgendwohin treibt, völlig unklar, wohin; wie also diese unablässige Wucht der Bilder und Videos und Worte die Sicht auf diese Welt, auf den Menschen, auf jeden einzelnen davon, verändert hat.
Wer oder was steht im Mittelpunkt? Die Vernetzungspunkte in Chevaliers Werk „Complex Meshes“ folgen dem Menschen, der sich an ihnen entlangbewegt.
Die Fotos stammten aus dem Nachlass seines älteren Bruders, der vor einigen Monaten gestorben war, und mit ihm fast siebzig Jahre gemeinsamer Erinnerungen. Nach Bildern zu diesen Erinnerungen suchte er. Aber es gab dort nicht nur Gemeinsames zu finden, sondern auch viel Fremdes, Unbekanntes: Fotos von Klassenausflügen, von Exkursionen in die Natur, von ersten Reisen in die Welt. Zu sehen: unbekannte Landschaften, schlecht belichtete Käfer, verwackelte Pflanzenbilder. Natur, die den Bruder fasziniert hatte. Dazwischen fremde Menschen: Jungs in Knickerbockerhosen, militärisch kurz geschorene Bubenköpfe, scheu lächelnde Mädchen. Menschen, die dem Bruder einmal wichtig gewesen waren, die er deshalb mit damals kostbaren und teuren Mitteln festgehalten und in dieses erste eigene Album hinein verewigt hatte – vergessene Gesichter. Nur selten dazwischen: Bilder vom Bruder selbst. Denn das Selfie war noch nicht geboren.
Das Selfie war noch nicht geboren
Mit einem solchen Eindruck also auf in die Kunsthalle München zur Ausstellung „Digital by nature“. Der 1959 in Mexiko-Stadt geborene Digitalkünstler Miguel Chevalier darf den Anspruch erheben, ein Pionier zu sein für die Digitalisierung in der Kunst. Und doch landet er – soviel sei vorweggenommen – auf seiner künstlerischen Lebensreise tief drinnen in der Natur.
Gewaltige Werke sind es größtenteils, in die der Besucher eintritt, raumfüllend fluten Farben und Formen dahin, unablässig bewegt sich die Pracht. Dabei interagiert die Projektion mit den Besuchenden, sie verändert sich entlang der Annäherung, explodiert und verläuft, wirbelt ihre labile Ordnung durcheinander und fällt in eine neue zurück, lässt die Farben flüchten und sich anders versammeln. Im Werk „Complex Meshes“ summieren sich die Punkte der Vernetzung genau dort, wo der Mensch steht oder geht, folgen seiner Bewegung entlang der Wand. Ist die Vernetzung also eine abstrakte Struktur – oder steht der Einzelne in ihrem Mittelpunkt, wird sie möglicherweise erst sinnvoll dadurch, dass sie betrachtet, bewegt, also genutzt wird?
Was steht im Mittelpunkt: Das Selbst – oder das, was um uns ist?
Das interaktive Kunstwerk von Chevalier stellt die gleiche Frage wie das alte Fotoalbum: Wer oder was steht im Mittelpunkt: Das Selbst, oder das, was um uns ist? Die moderne Konsumgesellschaft betäubt die Menschen beim Vergessen darüber, ob das Leben einen höheren Sinn haben könnte als Geld und Geltung. Ob da irgendetwas sein könnte, vielleicht etwas Mystisches, etwas unermesslich Schönes, auf das der Mensch keinen Einfluss hat.
Die Pflanzen, die hier „wachsen“, können Besuchende in der Ausstellung vor Ort am Bildschirm selbst gestalten. Sie wachsen dann weiter und „füllen“ das Gewächshaus.
Der sanfte Blick auf die Natur könnte solches Schöne lehren: die Perfektion in der Form eines Vogelflügels. Das sanfte Weich eines dicht gewachsenen Fells. Oder die stille Ästhetik eines Seerosenteichs. In Jahrmillionen haben sich solche Kunstwerke der Natur herausgebildet. Vor etwa hundert Jahren hat Claude Monet seine Seerosen gemalt – und seit fünfzig Jahren droht die Welt der Digitalisierung sie zur puren Kulisse zu entwerten. Es geht nicht mehr um Seerosen, nicht mehr um die magischen Farben, auch nicht mehr um die Malkunst Monets – es geht jetzt um einen Datensatz, der das eigene Bild, das eigene Lächeln, die eigene Inszenierung festhält. Das Selfie ist wichtiger als die prominente Schönheit im Hintergrund.
Am Ende steht ein Tropenwald aus KI
Bei Miguel Chevalier zentrieren sich die Vernetzungspunkte um den einzelnen Menschen, der sich im Mittelpunkt sieht. Der Künstler findet darauf in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Digitalen in der Kunst eine radikale Antwort: Digital schafft er schließlich selbst Natur, der echten, wie sie aus Licht, Wasser und Erde erwächst, fast ebenbürtig. Am Bildschirm kann der Besuchende der Ausstellung in München in Minutenschnelle die eigene Fantasie in das Design neuer Pflanz-Kreationen hineingestalten, kann Bilder von Natur erschaffen, fast so schön wie die schönsten ihrer Art. Anschließend erscheinen sie im Kunst-Gewächshaus als Projektionen. In Chevaliers jüngstem Werk taucht der Mensch ganz ein in einen raumumgreifenden Dschungel aus Blättern, Blüten und Lianen, die sich allesamt selbst erschaffen haben – ein Tropenwald aus künstlicher Intelligenz.
Ist Digitalisierung also ein Ende oder ein Anfang? Ein mächtiger, doppelgesichtiger Januskopf dominiert den ersten Raum der Ausstellung. Vor dem Hintergrund sich raumhoch auf allen Seiten ständig erneuernder, knallbunter Farbexplosionen blickt er starr nach vorne wie auch zurück. Es ist ein beobachtendes, kein verstehendes Gesicht. Nach vorne zeigt der Janus die Möglichkeiten neuer Schönheiten für vieles, was verloren gehen könnte in einer sich Klimakatastrophen und Kriegen hingebenden Welt. Und andererseits blickt er zurück und erinnert daran, was wir zu verlieren im Begriff sind, oft schon verloren haben.
Es ist so wie mit den alten Fotos: Das fremde Gesicht aus der Jugend des Bruders schaut heraus aus einer versunkenen Zeit, es erkennt nichts, und es wird auch nicht mehr erkannt.
Mehr über die Ausstellung „Digital by Nature“ in der Kunsthallte München (noch bis 1.3.2026) finden Sie hier.
Das Sprachbild des „Digitalen Tsunami“ habe ich einer hochinteressanten, sehenswerten Dokumentation entliehen, die noch bis 18.1.2026 auf arte abrufbar ist.
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