Rote Bäume, weiße Punkte – mehr Farbe für Berlin

Zum Tod der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama

Es war im Frühsommer 2021 in Berlin: Noch herrschte Corona, und als #BerlinerFlaneur war ich einige Wochen unterwegs in der Hauptstadt. Zu den Besuchseindrücken zählte auch die Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die ich damals in einen Zusammenhang mit der Frage stellte, wie grau das geschichtsbeladene Berlin und die deutschen Geschichte gewesen ist – und wie gegensätzlich dazu das knallbunte Werk von Kusama wirkte. Am 14. Auguxst 2026 ist Yayoi Kusama im Alter von 97 Jahren gestorben. 

Hier eine leicht aktualisierte Fassung der Reportage von 2021: 

Farbfilm vergessen

„Du hast den Farbfilm vergessen!“ schimpfte 1974 die 19jährige Sängerin der Gruppe „Automobil“, Nina Hagen, ihren Reisebegleiter Micha. „Automobil“ landete damit in der Schlagerparade der DDR.

„Alles grau“, urteilte das Westkind

Brauchte man in der DDR einen Farbfilm? „Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön ’s hier war“, ging der Text des Liedes weiter, „alles Blau und Weiß und Grün – und später nicht mehr wahr!“ Es gab eine Zeit, in der westdeutsches Vorurteil dem Osten unseres Landes attestierte, dort sei „alles grau“. Und tatsächlich kann sich der Flaneur gut an seine erste Reise in die gerade ganz neu und frei zugänglich gewordene Noch-DDR erinnern. Die damals sechsjährige Tochter schaute nach dem Überwinden der nicht mehr gesicherten innerdeutschen Grenze lange und fasziniert aus dem Fenster, die ersten Dörfer kamen ins vorbeiziehende Bild, und was sagte das unvoreingenommene Westkind? „Alles grau!“

Alles grau: Die Topografie des Terrors und das Bundesfinanzministerium hinter dem Mauer-Reststück

Wer heute durch Berlin wandert oder fährt, kann West und Ost nicht mehr an der Farbigkeit unterscheiden. Aber farbig bunt ist deshalb noch längst nicht alles. Von einem Ort, der „Topografie des Terrors“ heißt, erwarten wir vielleicht auch aus gutem Grund nicht gerade Farbigkeit. Hier wird kein Farbfilm benötigt. Der Ort fordert den Besucher als graue Steinwüste, ein eingezäuntes Areal, ein modernes graues Gebäude in seiner Mitte, ein abgesenkter Graben, ein langes Stück DDR-Mauer an seiner Seite – alles grau. Es bedarf einiger Mühe, sich bewusst zu machen, was das hier eigentlich für ein leeres Straßenkarree ist. Häuser standen her bis zum Kriegsende, Paläste, prächtige Bauten, ein nobles Hotel, aber es gab auch Hinterhöfe, Garagen, Gärten, Lauben. Wenig davon ist übrig, alles ist platt und grau. Die „Topografie des Terrors“ wurde 1987 nach langer Diskussion zu einer begehbare Gedenkstätte, die erinnern soll an das Grauen, das in nationalsozialistischer Zeit dort geschah. Denn hier standen die Zentralen des Terrorregimes, das Hauptquartier von SS und SA, von Gestapo und Polizei, alle auf diesem Fleck, vereint zwischen vier Straßen.

Bomben der Alliierten zerstörten das Zentrum des Grauens, Ruinen blieben übrig von der brutal-rechtlosen Machtausübung. In den 60er Jahren wurde entschieden, das unwirtliche Gelände unmittelbar an der Mauer abzuräumen – und nichts von den Palästen zu erhalten, in denen die Mörder residierten, folterten, quälten – Betriebsfeste feierten, zu Geburtstagen anstießen, Siege bejubelten und Niederlagen schönredeten. Was man heute noch dort findet ist ein modernes Dokumentationszentrum über die Nazidiktatur und eine informative Freiluftausstellung über Deutschlands Irrweg von der Weimarer Republik hin zur totalen Niederlage im selbst angezettelten „totalen Krieg“. Alles wichtig und sehenswert, vieles davon schon hundertmal gesehen.

Moderne Archäologie

Was diesen Ort besonders macht ist so etwas wie moderne Archäologie. Unter dem Schutt der abgeräumten Nazi-Paläste wurden bei der Neugestaltung als Gedenkort die immer noch vorhandenen Pflastersteine der Einfahrten gefunden, über welche die Opfer der Gestapo in die Folterkammern gekarrt wurden. Die eingestürzten Eingangstore der Gestapo-Zentrale, kantige Ruinen, mahnen, einst unbeachtet liegengelassen, jetzt an die Todesangst der Menschen, die das Osttor einst passierten. Unterirdische Gefängniszellen der Gestapo wurden ausgegraben und pietätvoll wieder zugeschüttet, aber markiert. Die graue Topografie deutet die angelegten bombensichern Kellergänge an, zeigt die unterirdisch angelegten Räume einer Cafeteria der Folterknechte.

Die Westdeutschen der Nachkriegsjahre vergaßen sicher keinen Farbfilm, wenn sie in den Urlaub fuhren. Aber die Orte ihrer eigenen grauen Vergangenheit wollten sie gerne aus den Augen und damit aus dem Sinn haben. Alle möglichen Verwendungszwecke für die leere Brache direkt an der Mauer wurden diskutiert. In den 70er Jahren richtete Westberlin schließlich auf dem Gelände ein „Autodrom“ ein, einen Freizeitpark, auf dem man das Autofahren üben konnte – ohne Führerschein hinweg über die Folterkammern des Führers.

Heute denken wir anders. Der Gang über das weite Gelände wird zur Zeitreise vom Grauen ins Grüne. Der Besucher kann das ganze Gelände abschreiten, einige der alten Trassen des Autodroms nutzend, und findet sich bald in einem idyllischen Robinienwäldchen wieder, in dem die Blumen blühen und die Bienen summen. Zurück führt der Weg zur Betonrohr-bewehrten grauen Mauer, das von Mauerspechten durchlöcherte, angenagte, jetzt unter Denkmalschutz stehende Monument der deutschen Teilung. Die Geschichte erlaubt uns, heute ohne Schmerz über sie hinweg zu sehen, hinauf zum Gebäude des heutigen Bundesfinanzministeriums, das so grau und abweisend dasteht, als wollte es allen Klischees von der grauen DDR und dem öden Grau jedes Bürokratenapparates gerecht werden.

Das „Detlef-Rohwedder-Haus“ wurde als Monumentalbau von den Nazis errichtet, beherbergte das Reichswehrministerium, später in der DDR das „Haus der Ministerien“ und gab so vielen grauen Bürokraten der DDR einen Arbeitsplatz. Nach dem Fall der Mauer war der graue Kasten dann Sitz der Treuhandanstalt (nach dessen ermordeten Präsidenten er später benannt wurde) und seit 1999 ist dort der Sitz des Bundesfinanzministers. Vermutlich würde es schon am Denkmalschutz scheitern, wenn ein Versuch unternommen würde, das Haus bunt anmalen zu lassen.

Das Bunte muss von woanders her kommen

Alles Bunt: Die roten Bäume von Yayoi Kusama beim Gropius-Bau

Das Graue gehört zu diesem Gebäude, wie das Grauen zur Topografie des Terrors gehört. Also muss das Bunte von anderswo kommen. Und siehe da, Blick zurück, keine hundert Meter, außerhalb der Einzäunung, da wartet es schon, das überraschende Bunt. Stehen da tatsächlich knallrote Baumstämme mit leuchtend weißen Punkten? Wie bitte – rote Baumstämme mit weißen Punkten? Kann das sein und wenn ja – wie und warum? Der Anblick ist unglaublich und macht so hoffnungstrunken wie das Licht am Ende eines zu langen Tunnels, so glücklich wie das Durchbrechen eines neuen, strahlenden Motivs in der Musik, wie die erste Blüte im Schnee.

Rote Bäume mit weißen Punkten? Gewachsen können sie so nicht sein, also nochmal hingeguckt: Die bunten Bäume sind eingewickelt und sie sind ein Kunstwerk, Teil einer Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im benachbarten (von außen übrigens auch ziemlich grauen) Gropius-Museumsbau. Gelockt von den roten Bäumen, schnell online einen Timeslot gebucht, den Corona-Test gezückt, und raus aus der grauen „Topografie“ rein in den Ausstellungpalast. Durstig nach Buntheit, nach Farbenpracht und Vielfalt. Im Foyer räkeln sich die roten Punkte im dichten Gewirr dicker Tentakel über-mannshoch bis ins Obergeschoss der Halle, bilden einen Dschungel der Farbenpracht, laden ein zu weiteren farbigen Abenteuern der Kunst. Man muss nicht alles verstehen, was sich die Künstlerin aus dem fernen Osten dabei gedacht hat, aber dem bunten Zauber der manchmal durch Spiegel ins Unendliche gesteigerten Farbigkeit ihrer Werke wird sich niemand entziehen, der sensiblen Sinnes ist.

Noch mehr Farbe in der Ausstellung der japanischen Künstlerin

Übersatt erfüllt von Farben tritt der Besucher wieder heraus in das reale Berlin, das jeden Tag so bunt gepunktet sein kann, wie der Stamm dieser Bäume, zwischen denen er jetzt steht. Bunt wie das frische Grün an den Zweigen der rotgepunkteten Bäume, oder so gelb wie die vorbeirauschenden DHL-Autos, oder so leuchtend blau wie der sommerliche Himmel. Oder so grau wie das Finanzministerium.

 

Mehr über Yayoi Kusama hier (führt zu Wikipedia).  

„Du hast den Farbfilm vergessen“ mit Nina Hagen auf youtube (hier in einer Live-Aufnahme von 2018):

Die Website der Topografie des Terrors finden Sie hier. 

 

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Die schöne Violetta könnte leben

Zur Bregenzer Inszenierung von Verdis „La Traviata“

Wie wäre das Leben der jungen Frau verlaufen, wenn sie nicht schon als junges Mädchen hätte arbeiten müssen in einer Spelunke auf dem Land? Wenn sie sich nicht als 15-jährige als Dienstmädchen in Paris verdingt hätte, damit sie ihren Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Es war die blanke Tristesse ihres jungen Lebens, aus der sie sich befreien wollte, als sie begann, ihre Schönheit zu verkaufen. Fortan war sie abhängig von den Männern, die sich mit ihr schmücken wollten, sie verehrten und benutzten: gierig, lüstern, besitzergreifend.

Ein weiteres Mal wird diese Geschichte derzeit vor großem Publikum erzählt – in Bregenz auf der spektakulären Seebühne (noch bis 23. August, wobei alle Vorstellungen ausverkauft sind). Man kann sie bis zum 27. Oktober 2026 auch in der ZDF-Mediathek erleben.

Mehr als 6.500 Besucher müssen während der Bregenzer Festspiele an jedem Aufführungstag für Oper begeistert werden, damit sich das Spektakel finanzieren kann. Es muss also etwas geboten werden für den Massengeschmack. Die übergroße Bühne, ein zerborstener Spiegel, ist faszinierend, aber passt außerhalb der Ballszenen nicht so recht zur eher intimen Stimmung von „La Traviata“. Foto: © anja koehler, bereitgestellt von Bregenzer Festspiele

Die schöne Frau ist sterbenskrank. Marie Duplessis hat bis 1847 in Paris gelebt und war das historische Vorbild für die Oper „La Traviata“ mit der suchtauslösenden Musik von Guiseppe Verdi zu einem Libretto von Francesco Maria Piava. Sie starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Nach ihr hat Alexandre Dumas den Roman „Die Kameliendame“ verfasst, dessen Schauspielfassung Verdi in Paris gesehen hatte und sich von diesem Stoff anregen ließ zur „Traviata“ – „der vom Weg abgekommenen“.

Violetta stirbt auch an gesellschaftlichen Verhältnissen

Also ist auch Verdis Violetta am Ende des Opernabends tot. Sie stirbt an ihrer damals unheilbaren Erkrankung, aber auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der Gefallenen keinen sozialen Aufstieg erlauben. Die es den Männern leicht machen, die Frau in ihrer Mitte herumzuschubsen zwischen Eifersucht, Eitelkeit, Zorn und Demütigung. Schließlich aber stehen sie alle ratlos herum um das Totenbett. Das Finale der Oper „La Traviata“ hat nur wenige Takte, aber es zählt szenisch wie musikalisch in seiner vorwurfsvollen Endgültigkeit zu den wuchtigsten, stärksten musikalischen Momenten, die Musiktheater erzählen kann. Denn in diesem Moment des Todes, der eigentlich nach Stille verlangt, schlägt die Musik mit voller Wucht zu. In fünf kräftigen Orchestertutti haut Verdi wie mit der Faust auf einen apokalyptischen Tisch:  Wumm – wamm – wumm – wamm – dann ein Trommelwirbel – ein längerer Verzweiflungsschrei in Musik und schließlich ein letzter, alles mitreißender Donnerschlag, der diese ratlosen Männer hinwegfegt, sie alle hineinreißt in den Abgrund des Schicksals, und uns alle gleich mit.

Diese Opernszene gibt es auch in „Pretty Woman“

Was für eine Magie der Töne! Vielleicht aus diesem Grund hat es genau diese Schlussszene in den Film „Pretty Women“ geschafft. Die erste Opernerfahrung der schönen (von Julia Roberts gespielten) Prostituierten Vivian rührt diese zu Tränen. Denn es sind trotz aller Verzweiflung Momente der Erlösung, die sich nach jeder Vorstellung von „La Traviata“ Bahn brechen und Stürme der Begeisterung auslösen, oft schon in die letzten Klänge des wuchtigen Finales hinein. Es ist eine Erlösung darüber, dass dieser emotional-romantische Albtraum ein Ende hat. Violetta ist tot, und der Tod ist immer ungerecht. Aber wir dürfen leben!

„La Traviata“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt, eine „sichere Bank“ für jeden Opernintendanten. Opernanfängern wird häufig geraden, mit der „Traviata“ zu beginnen, sich mit Violettas und Alfredos Hilfe einzulassen auf dieses seltsame Genre, in dem kaum gesprochen, dafür aber lange gesungen wird. Es ist vor allem die Musik von Giuseppe Verdi, die eingängig dahinschmelzend den Zuschauer hineinsaugt in diese romantisch-tragische Welt, für manche vielleicht sogar zu süßlich, für andere suchtauslösend.

Dazu kommt eine Handlung, die jedes Herz erreicht, wenn es denn nicht ganz aus Stein ist: Eine junge Prostituierte Violetta muss weitermachen in ihrem Teufelskreis aus Verkäuflichkeit und Demütigung, weil sonst ihr Leben schon rein finanziell kollabiert. Da trifft sie auf Alfredo, der anders ist als alle anderen, der sie im Wissen um ihre Vorgeschichte umwirbt. Sie schwankt zwischen den luxuriösen Vergnügungen ihrer Käuflichkeit und den Verlockungen der Bindung, und entscheidet sich schließlich für die Liebe. Die Symptome der Krankheit schwächen sich ab; das Paar hat zwar kein Geld mehr, aber sie planen eine gemeinsame Zukunft.

Da greift Alfredos Vater ein: Der gesellschaftliche Sittenkodex könnte den Ruf der Familie gefährden, er fordert daher die junge Frau und später auch seinen Sohn auf, voneinander zu lassen. Violetta nimmt im Wissen um ihren baldigen Tuberkulose-Tod und aus Liebe zu ihrem Alfredo alles auf sich, lässt ihren Geliebten im Unwissen darüber, dass sie einem Eingriff seines Vaters folgt und erregt so seinen eifersüchtigen Zorn. Viel zu spät erkennen alle Männer, was sie da angerichtet haben.

Viel Spektakel und eine große Idee

Sollten wir uns das heute ansehen? Unbedingt! Der gesellschaftliche Stand bestimmt noch immer den sozialen Standort. „La Traviata“ erzählt uns die Geschichte derer, die „vom Wege abkommen“ (wie die Übersetzung des Operntitels wörtlich lautet) und sich heute im Elend der Bordelle am Stadtrand, in der Gewaltwelt der Clans oder im digitalen Shitstorm wiederfinden. Verdis Oper war schon bei ihrer Uraufführung 1853 (nur sechs Jahre nach dem Tod der Marie Duplessis) nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern harte Sozialkritik, und sie ist es bis heute.

So schön dahinschmelzend wurde der Gesellschaft allerdings noch selten der Finger in die Wunde gelegt. Die Bregenzer Neuinszenierung erzählt nun die traurige Geschichte auf der Riesenbühne und unter dem Anspruch, während der Festspiele täglich rund 6.500 Zuhörende zu fesseln. Es muss also etwas geboten werden, vor allem für das Auge, und das bei einem Stoff, der vor allem ins Gemüt geht. Die Ballszenen, die zur Traviata gehören, werden unter diesen Umständen eher zu einem wasserbasierten Spektakel, viel Kitsch und Tand plätschert da um die gewaltige Bühne, die einen zerborstenen Spiegel darstellt.

Zum Ende hin gelingt der Regie eine großartige Symbolik: Violetta muss sterben, und die Krankheit wird zur übermächtigen Kraft, die alle wichtigtuerischen Männer zu Randfiguren macht. Foto: © anja koehler, bereitgestellt von Bregenzer Festspiele

Falls sich Besuchende an diesen Konzessionen an den Massengeschmack gestört haben sollten, so werden sie schließlich durch eine faszinierende Inszenierungsidee von Regisseur Damiano Michieletto entschädigt, die im dritten Akt den Atem stocken lässt: Die Krankheit selbst, die in Kürze die Schöne hinraffen wird, tritt auf – symbolisch, und mit übermächtiger Gewalt. Und all die wichtigtuerischen Männer, die sich um die Violetta scharen, werden zu machtlosen Randfiguren. Als Violetta schließlich tot dahingesunken ist unter Verdis mächtigen Schicksalsschlägen, als sie reglos liegt auf der ins Wasser drapierten Scherbe der Bregenzer Bühne, da wissen wir, dass es Hoffnung gibt. Heute ist die Tuberkulose heilbar. Violetta könnte leben.

 

 

Dieser Text ist eine aktualisierte Fassung. Die erste Version ist im Januar 2022 erschienen und bezog sich auf eine Aufführung in der Oper am Rhein in Düsseldorf. „La Traviata“ wird immer wieder an zahlreichen Opernhäusern in Deutschland gezeigt. Die Aufführung auf der Seebühne in Bregenz ist bis 27. Oktober 2026 in der ZDF-Mediathek abrufbar. 

Das Leben von Marie Duplessis, der historischen Vorlage für die Violetta in der Oper, ist gut dargestellt bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Duplessis

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

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Utes #Lesezeichen Nr. 4: Luft zum Leben

Luft zum Leben von Helga Schubert, erschienen bei dtv, 288 Seiten

ausgelesen am 31.1.2026

Dankbarkeit: Ich bin dankbar, dass ich Helga Schubert persönlich treffen konnte. Ich bin dankbar, dass ich Texte von ihr kennenlernen konnte. Beides war und ist ein großes Geschenk in meinem Leben.

2020 erhielt Helga Schubert im Alter von 80 Jahren im zweiten Anlauf den renommierten Ingeborg-Bachmann –Preis für ihre Geschichte „Vom Aufstehen“. Ein umfangreiches, fast lebenslanges Schreib- und Literaturleben lag da schon hinter ihr, auch etliche Veröffentlichungen, aber auch Repressalien in der ehemaligen DDR. Sie war vom DDR-Sicherheitsdienst als „feindlich-negativ“ eingestuft worden und unter stetiger Beobachtung. Doch stets stand sie zu ihrem Wort, zu Kritik und Widerstand, und behielt ihre Authentizität, ließ sich nicht beugen.

In meiner Lektüre folgten dann schnell das „Stundenbuch der Liebe“, eine Geschichte, ein tagebuchartiger Bericht über die Betreuung und Pflege ihres hochbetagten und an demenzerkrankten Ehemanns; ein Buch, dessen Inhalt und schonungslose Ehrlichkeit mir schon viel Respekt abverlangte einschließlich ihrer Disziplin, in den wenigen Momenten zu schreiben, wenn ihr Mann schlief und sie Ruhe gehabt hätte, auch nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden.

Als 2025 das neue Buch „Luft zum Leben“ erschien, Texte aus sieben Jahrzehnten, war ich zunächst ein wenig zögerlich mit dem Kauf und hatte gehofft, dass es über den weihnachtlichen Gabentisch den Weg zu mir finden würde. Tat es aber nicht. Und so kam der 14.1.2026, und mit ihm der Termin für eine Lesung mit Helga Schubert im Literaturhaus in Stuttgart, und natürlich gingen wir hin, und natürlich kaufte ich mir das Buch und ließ es signieren.

Schon die ausgewählten Texte flashten mich; das freundliche Lächeln dieser mittlerweile 86jährigen Frau, die Kraft, die sie ausstrahlte, schienen mich persönlich zu meinen. Ja, wenn Altern so gelingen darf, wünsche ich es mir auch. Wach, ungebrochen, nicht aufgebend trotz physischem und psychischem Unbill. Die Lektüre des Buches startete noch zu später Uhrzeit am gleichen Abend. Jeder Text saß. Die Klarheit der Sprache, schnörkellose Erlebnisschilderungen. Egal, ob sie den Text mit 20 oder 86 geschrieben hatte.

Ich bin dankbar für den Mut, den ich aus all den Texten lesen und zu meinem eigenen machen durfte.

Absolute Leseempfehlung: Für Männer und Frauen jeder Altersstufe – Für politisch Interessierte – Für Anhänger guter Sprache – Für Menschen, die leben und lieben.

Mehr über Luft zum Leben von Helga Schubert finden Sie hier, mehr über das Leben von Helga Schubert hier. 

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Utes #LeseZeichen Nr. 3: Ein Seelenroman, aber …

Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda, erschienen bei Penguin, 2022, 379 Seiten

leider nicht zu Ende gelesen am 14.1.2026

Da liegt nun seit wenigen Wochen das Buch auf meinem Lesestapel und verspricht mir höchsten Lesegenuss. Ich hatte es mehr zufällig bei einer Literaturbesprechung entdeckt, und war sofort auf den Inhalt abgefahren: die Geschichte der ersten Obergärtnerin Deutschlands, Else Hoffa aus Würzburg, die in Hamburg Blankenese einen bis heute bekannten Garten eines jüdischen Bankiers anlegt, schließlich selbst nach London vor dem Naziregime flüchten muss, und nur noch einmal 1957 nach Deutschland zu ihrem Garten zurückkehrt. Ein Biographieroman, eigentlich schon mein Beuteschema, tolles Thema, Garten, Hamburg, Emanzipation. Zudem hatte ich vor- her noch eine Leseempfehlung von meiner Büchernichte bekommen, da konnte doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Ja, und dann: lese und lese ich, und ich merke, wie ich mir immer wieder Zweitlektüre besorge (ich lese öfter mehrere Bücher parallel, aber eigentlich nur, wenn die Hauptlektüre mich nicht zu 100% packt ….). Ja, und dann keine Lust mehr verspüre, dranzubleiben. Und der Grund ist nicht der Inhalt – weiß Gott nicht! – aber die Sprache, nein, die Sprache, die Dialoge sind leider oft sehr schwach, manchmal langweilig, ohne Spannungsbogen. Seit Jahren fällt mir auf, dass ich so anspruchsvoll geworden bin, mein Literaturgeschmack verwöhnt durch die sprachliche Präzision eines Hesse, Mann oder v.a. Stefan Zweig (der Beste). Natürlich gibt es viel Gegenwartsliteratur, die sich an neuen Sprachmodellen versucht, das finde ich oft interessant, aber so ein schöner Seelenroman, ideal für die abendliche Lektüre, Futter für die Nachtseele, und dann diese einfache Sprache. Es tut mir leid zu sagen, dass ich das Buch nicht zum Ende brachte.

Leseempfehlung: für Gartenliebhaber – Menschen, die von ungewöhnlichen Frauen mehr lesen wollen – Hamburgfans – Biografiejunkies

Mehr über Ein Garten über der Elbe von Marion Lagoda finden Sie hier. 

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Was Bürger in Bewegung bewirken können

Über Löcher und Denkmäler am „Eisernen Vorhang“

„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.

„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.

Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?

Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).

Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.

Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem  burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum;  Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.

Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren

Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.

Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.

„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron

Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten

Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.

Mehr zum „Paneuropa-Picknick“ am 19. August 1989 und zu den Ereignissen rund um die Brücke von Anbau im Herbst 1956 finden sie z.B. bei Wikipedia.

Über die Schwierigkeiten und den den Stand rund um das geplante Denkmal zur Deutschen Einheit „Bürger in Bewegung“ in Berlin informiert u.a. ein guter Dokumentarfilm des RBB, der in der ARD-Mediathek noch bis 10.10.26 verfügbar ist. 

Mehr Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, als #Politikflaneur hier.

 

 

 

Utes #LeseZeichen Nr. 2: Der Protagonist stand leibhaftig neben mir

Strandgut von Benjamin Myers, erschienen bei Dumont 2025, 287 Seiten

ausgelesen am 3.1.2026

Strandgut

Der Autor Benjamin Myers erinnerte mich ab der ersten Zeile in seinem Schreibstil an T.C. Boyle, versetzt in die so fremde Welt eines Amerika, deren Facetten uns nur in Ansätzen bekannt ist. Und doch schaffte es der Autor, mich binnen kürzester Zeit in seinen Bann zu ziehen, und der Protagonist Earlon „Bucky“ Bronco stand leibhaftig neben mir. Der alt gewordene Musiker, der nie sein Musikersein leben konnte, der Mann mit Arthrosen in allen denkbaren Gelenken, mit einem anständigen Abhängigkeitssyndrom von allem, was sich einnehmen lässt, und der, ja man kann es nicht anders sagen, einen Traum erlebt, in dem er wahrnimmt, dass seine Musik, zumindest ein winziger Teil davon, in der alten Welt ein Hit ist, und eine dezente Berühmtheit und ggf. auch Wohlstand bedeutet. Ein modernes Märchen.  An manchen Stellen waren es für mich zu viele Drogen (aber vielleicht in manchen Gesellschaften auch nichts Ungewöhnliches?) und vor allem zu viele Aufzählungen von Bands und Musiktiteln, die ich nicht einmal im Ansatz kannte. Macht aber nix 😊, das tat meiner Lesefreude keinen Abbruch und erweiterte meinen Horizont, ganz ohne Drogen.

Leseempfehlung: für alle alten Menschen – für ältere Menschen – für Menschen, die glauben, nicht alt zu werden – für Menschen, die etwas übers Älterwerden lernen wollen – für Menschen, die an Wunder glauben

Mehr über Strandgut von Benjamin Myers finden Sie hier. 

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Utes #LeseZeichen Nr. 1: Auf dem Berg ist nicht immer alles gut

Bergland von Jarka Kubsova, erschienen bei Diogenes 2023, 284 Seiten

ausgelesen am 29.12.2025

Bergland

Ein Bauernhof hoch in den Bergen Südtirols, vier Generationen, die dem Unbill der Natur, dem Wetter und menschgemachtem Ungemach trotzen und am Ende ihren Weg finden, nicht schnörkelig, kein Kitsch – dieses Buch hätte ich wohl trotzdem nicht gelesen, wenn meine Nichte es mir nicht kürzlich mit einer Leseempfehlung in die Tasche gesteckt hätte. Dann las ich Namen wie Meran und Lana, einer Region, die ich aus Urlauben in meiner Kindheit sehr gut kannte, und ich fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, die sich für mich so wohlbehütet und heil anfühlte.
Auf dem Berg ist nicht immer alles gut, es zeichnet auch persönliche Abgründe und Schicksale. In erster Linie steht das Buch aber für weibliche Selbstbestimmung, Autonomie und der unbedingten Weigerung sich zu beugen – vielleicht mit Ausnahme gegenüber Naturgewalten, die als Einziges akzeptiert werden. Es wurde ein Buch, auf das ich mich zur abendlichen Lektüre vor dem Schlafen immer sehr gefreut habe. Es ließ mich stets in innerem Frieden einschlafen und manchmal glaubte ich Bilder und Gerüche, z.B. von sonnengetränktem Holz wahrzunehmen. Das Buch hat meiner Seele gut getan und mich geerdet, und es wird nicht das letzte Buch dieser Autorin bleiben, das auf den Bücherwartestapel an meinem Bett darf.

Leseempfehlung: für emanzipierte Frauen – für Geschichtsinteressierte – für LeserInnen mit Interesse für das Grundsätzliche im Leben – für Menschen, die den Boden, die Natur lesen können/wollen

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Eine Aura kann man nicht ausstellen

Friedrich Silcher und die Musiker-Museen in Deutschland

Friedrich Silcher, dem Großmeister des deutschen Liedgutes der Romantik, war mehr als 100 Jahre ein Museum gewidmet – vor einem Jahr wurde es geschlossen. (Foto: Christoph Friedrich Dörr – Ausschnitt aus dem sog. „Hochzeitsbild“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1423045

Wie klingt Deutschland? Ganz gewiss vielstimmig: laut und trotzig, wie auch leise und schüchtern. Deutsche Musik klingt gleichermaßen nach glasklarem Barock wie nach ruppigem Deutschrap, lärmt mit Rammstein, träumt von 99 Luftballons, fährt, fährt, fährt mit Kraftwerk auf der Autobahn, und singt sich atemlos.

Deutschland klingt auch nach Friedrich Silcher: „Alle Jahre wieder“ singen die Kinder zu Weihnachten, und der eine oder andere Erwachsene wird mitbrummen. „Ännchen von Tharau“, oder das Lied der Loreley, und schließlich „Muss i denn, muss i denn …“ – alles deutsche Lieder, an deren Erhalt und Vertonung der schwäbische Komponist Friedrich Silcher (1789 bis 1860) entscheidend beteiligt war. Silcher war einmal ein ganz Großer seiner Zeit. Auf einer Ansichtskarte von 1900 wird er in einer Reihe genannt mit Schiller, Zeppelin, Kepler, Uhland und Mörike. Hunderte Straßen und Plätze, Schulen, Konzertsäle und andere Gebäude sind nach ihm benannt. Mehr als hundert Jahre lang wurde ihm in seinem Geburtsort, in Schnait unweit von Stuttgart, ein eigenes Museum gewidmet. Seit einem Jahr ist es geschlossen, und es wird auch nicht wieder eröffnet, sondern aufgelöst. Es ist das Ende eines „Musikermuseums“. Gesucht werden neue Ansätze, um die Erinnerung an den Komponisten aufrecht zu erhalten, am 25. April 2026 wird ein Versuch dazu unternommen. Es gründet sich in Tübingen eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft.  (Link führt zur Seite der Silchergesellschaft auf Instagram)

Wer sind Musiker? – Nicht die, denen Museen gewidmet sind

Also eine Gesellschaft, aber kein Musikermuseum mehr für Friedrich Silcher. Schon der Begriff „Musikermuseum“ ist bestürzend irreführend. Letztlich gibt es fast so viele Musiker in Deutschland, wie es Menschen gibt, Abermillionen, mitten im Leben, nicht in einem Museum. Es gibt die Trompeterinnen in der Blaskapelle, die Posaunistinnen auf dem Kirchturm, die ungezählten Chorsängerinnen, die Kammermusikerinnen, die sich abends in ihren Wohnzimmern treffen. Es gibt die Akkordeonspielerinnen und die Flötistinnen – und es gibt diese alle auch noch in männlicher Form. Händeringend suchen laute Bands aller Altersgruppen nach gut isolierten Übungsräumen, zirpen leise Gitarren aus Kinderzimmern, grübeln Menschen über die nächste Note ihrer Komposition, üben sich Hobby-Rapper in den richtigen Rhythmus ihrer Worte hinein. Es klingt und spielt in Deutschland allerorten, und alle diese Musizierenden gemeinsam sind auf der Suche nach dem richtigen Ton, der richtigen Taste, dem gesuchten Ventil, der perfekten Lippenspannung.

„Es kann doch wohl nicht sein“, spottete eine Tochter über ihren musikinteressierten Vater, „dass es immer noch Komponisten-Museen gibt, die Du noch nicht besucht hast!“. Doch, das kann sein. Es gibt so viele Musikermuseen in Deutschland, dass sie sogar eine gemeinsame Internetplattform betreiben und eine Landkarte herausgeben. In Deutschlands Mitte wirkten Johann Sebastian Bach und seine Söhne, Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Robert und Clara Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel, Richard Wagner, Franz Liszt, Carl Maria von Weber und viele weitere. Sie alle werden mit Musikermuseen gewürdigt. Weit nördlich lockt in Hamburg das Komponistenquartier mit Museen für weitere prominente Namen (Georg Philipp Telemann, Johannes Brahms, Gustav Mahler), weit südlich wurde in Augsburg Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und noch weiter südlich lebten Carl Orff am Ammersee und Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen.

Silcher stand einmal in einer Reihe mit Schiller und Mörike

Im deutschen Südwesten sticht nur ein Name hervor, und der ist von dieser Landkarte verschwunden. Der Komponist und Musikpädagoge Friedrich Silcher machte sich unsterblich, weil er im Geist der Romantik mehr als 300 Werke des deutschen Liedgutes vertonte. Silcher schrieb nicht nur die überbrachten Texte und Melodien auf, er setzte sie auch in mehrstimmige Kompositionen um und fügte ihnen eigene musikalische Ideen hinzu. Ein Lied zu singen, das war in Silchers Zeit Teil von freiheitsstrebender Identität, Ausdruck des Traums einer klassenlosen Gesellschaft. Und doch konnte das vom Württembergischen Chorverband getragene, private Silcher-Museum nicht erhalten werden. Seine Bestände wurden verteilt – an das Literaturarchiv in Marbach, an das Stadtmuseum in Tübingen (wo Silcher hauptsächlich wirkte) und an andere Stellen.

Der Arbeitsraum des Gewandhaus-Direktors Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig.

Kann man Musik ausstellen? Wer nur einige der vielen deutschen Musikermuseen besucht, lernt unterschiedlichste Ansätze kennen, sich der Musik physisch zu nähern: Das Robert-Schumann-Geburtshaus in Zwickau gewährt Zutritt zu den Originalräumen von Schumanns Kindheit und füllt sie mit vielen Dokumenten und Lesestoff aus. Im Mendelssohn-Museum von Leipzig gewinnt der Besuchende Eindrücke über die Lebensumstände des Gewandhausdirektors, kann einzelne Gegenstände aus seinem Besitz bestaunen und in einem Raum dank Hightech selbst erleben, wie es sich anfühlt, ein Orchester zu dirigieren.

Für das Werk mancher Musiker reicht ein Museum nicht aus

Manche Komponisten haben solche Wucht in ihren Werken, dass ein einziges Museum gar nicht ausreicht. Johann Sebastian Bach kann man sich am Geburtsort Eisenach nähern, aber auch in Gedenkstätten in Wechmar (Heimat der Bach-Familie), Arnstadt (erste Organistenstelle) und in einem mächtigen Museumsneubau an seiner wichtigsten Wirkungsstätte in Leipzig. Dort drückt man auf Knöpfe, toucht auf Bildschirme und bleibt doch ratlos zurück darüber, wie der Thomaskantor neben seiner ganzen schier unerschöpflichen, bis heute gültigen Schaffenskraft auch noch eine schwindelerregende Verpflichtungsdichte (z.B. bei der Beaufsichtigung seiner Chorschüler) bewältigen konnte. Richard Wagner machte Urlaub in Graupa, unweit von Dresden. Der dortigen Entstehung seiner Oper „Lohengrin“ ist heute ein schickes modernes Museum gewidmet, neben dem berühmten Haus Wahnfried in Bayreuth und einer privaten Wagner-Sammlung in Eisenach.

Nicht das Museum macht den Musiker unsterblich

Kein Museum mehr, aber die Musik bleibt – wenn die Musiker es möchten: Das frühere Silcher-Museum in seinem Geburtshaus in Schnait bei Stuttgart. (Foto. Thomoesch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28057926

Macht also ein Museum den Musiker unsterblich? Gewiss nicht. „Die Aura ist nichts, das ohne Kenntnis leuchtet,“ berichtet Elisabeth Hardtke, die Kustodin des aufgelösten Silcher-Museums in einem eindrücklichen Film, der über Silcher informiert und das Ende des Museums erklärt und dokumentiert (Link führt zu YouTube).

Und so hat manches angestaubte Musikermuseum auch etwas Tröstliches: Das Museum mag eines Tages sterben, aber die Musik lebt fort, und klingt millionenfach durch Deutschland – weniger wegen des Komponisten, mehr wegen der vielen Musiker und ihrer Zuhörer. Alle Jahre wieder …

 

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Im Text finden Sie die Links zum Instagram-Auftritt der Silchergesellschaft, zur Internetdomain musikermuseen.de und zum sehr sehenswerten Film  über das Leben von Friedrich Silcher – und das Ende des Silcher-Museums in Schnait. 

Dies ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Textes vom Oktober 2024. Die Audiofassung gibt den Originaltext wieder. 

„Das sieht toll aus“, sagt der Bildredakteur

Was die große Kunst des Kriegsfotografen James Nachtwey ausmacht

Der Kriegsfotograf muss vorab ausgestiegen sein. Er war im Fahrerhaus gesessen. Nun wartet er, die Kamera schon in Habacht-Position, während diejenigen, die hier einmal gewohnt haben, und mit denen er hierhergekommen ist, von der Ladefläche des Militär-LKW herunterklettern. Die alte Frau mit Kopftuch schafft es nicht allein, ihr wird geholfen. Sie weint. Sie greift sich an die Hüften, versucht Stabilität zu finden in dieser Situation der Verzweiflung. Der Kriegsfotograf klickt, er hält auf ihr Gesicht, das alles ausdrückt an Fassungslosigkeit und Verlust, dann folgt er ihren Schritten in das Haus. Es ist eine Ruine, Brandflecken, herumliegende Bettsachen und Kleidung, Einschusslöcher überall. Der Kriegsfotograf haftet sich ihr an die Fersen, folgt ihr von Raum zu Raum, spricht aber kein Wort. Er drückt auf den Auslöser, viele zigmal, immer wieder. Die Frau weint, während sie zwischen den Resten ihrer Existenz sitzt, das Unbegreifliche betrachtet, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Immerhin, sie lebt.

Charkiw, Ukraine 2022 – Originalbild von James Nachtwey (abfotografiert in der Ausstellung „Memoria“, Fotografiska Berlin)

Mit dieser Szene aus dem Kosovokrieg, aufgenommen um das Jahr 1999, beginnt der Dokumentarfilm „War Photographer“, der dem amerikanischen Kriegsfotografen James Nachtwey gewidmet ist.

Das Schreckliche wird zur skalierbaren Ware

Unmittelbar nach dieser Szene folgt ein Ausschnitt aus den Redaktionsräumen des Magazins „Stern“ in Hamburg. Mit eiskalter Professionalität diskutieren die Bildredakteure darüber, welche von Nachtweys Bildern aus dem Krieg mehr Emotionalität vermitteln, womit der stärkere Effekt beim Betrachter erzielt werden kann. Leichenberge sind zu sehen, Tote auf Lastwagen. „Das sieht toll aus“, sagt der Redakteur, und hat offenbar kein Störgefühl dabei, vielleicht gar kein Gefühl. Es ist seine Profession, die wirksamsten Bilder auszuwählen, so wie es die Profession des Fotografen ist, sie zu machen. Nah dran zu sein, noch näher möglichst, und auf den Auslöser zu drücken. Hunderte Male, und daraus das noch perfektere, noch eindrücklichere Bild herauszusuchen. Die Schrecknisse des Abgebildeten werden zur skalierbaren Ware.

James Nachtwey ist einer der renommiertesten Kriegsfotografen der Welt. Seine Bilder wurden in allen großen Magazinen gedruckt, sind zum Teil ikonisch geworden, Teil unseres Bildes der Zeitgeschichte. Sie gehören zu den Sammlungen vieler großer Museen. Der Dokumentarfilm über seine Arbeit entstand vor fünfundzwanzig Jahren. Heute ist Nachtwey 78 Jahre alt. In einer großen Retrospektive wird sein Lebenswerk derzeit in Berlin gezeigt. In dem neuen, privaten Museum „Fotografiska“ kann man sich die Bilder von James Nachtwey noch bis 3. Mai 2026 ansehen.

Bardera, Somalia 1992: „Eine Mutter nahm ein Kind auf den Arm, das an Hunger gestorben ist, um es zum Grab zu tragen“ (Originalfoto von James Nachtwey, abfotografiert und Text übernommen in der Ausstellung „Memoria“, Museum Fotografiska Berlin)

Die Ausstellung heißt „Memoria“ und lädt laut Pressetext „das Publikum ein, innezuhalten und die Welt aus Nachtweys Blickwinkel zu begreifen: nicht als eine Aneinanderreihung von Katastrophen, sondern als eine fragile Abfolge menschlicher Erfahrungen.“

Ein Rundgang durch menschliches Grauen

Es ist kein leichter Rundgang. Denn diese „Abfolge menschlicher Erfahrungen“ ist vor allem eine Abfolge menschlichen Grauens. Die Ausstellung führt vor, was Menschen ihresgleichen antun können, und dabei nimmt Nachtwey in der Regel die Perspektive der Opfer ein. Von Nachtwey stammen die Bilder des unvorstellbar grausamen Völkermordes in Ruanda und aus den Armutsvierteln von Jakarta. Er zeigte der Welt die Menschen, die mit ganzen Familien auf einem Pappkarton an Eisenbahnschienen leben. Es ist also nicht immer Krieg, es ist oft schreiende Ungerechtigkeit, unvorstellbare Not und Armut, die den Betrachter seiner Bilder fassungslos zurücklassen. „Er hat seine eigene Bibliothek des Leidens im Kopf“, sagt im Dokumentarfilm seine frühere Lebensgefährtin Christiane Breustedt, selbst damals Bildredakteurin beim Magazin „Geo“.

Nachtwey will den Tätern und den Verantwortlichen für Not und Armut keine Bühne bieten, oder allenfalls in Form einer Anklagebank. Die herausragende Kunst von Nachtwey liegt darin, dass sein Blick auf die Opfer vom Bemühen begleitet ist, nicht voyeuristisch zu sein. Und das trotz der Nähe, die er sucht. Er müht sich um die Achtung der Würde von Menschen in Not, während er ihre Not so nah wie möglich und damit schonungslos abbildet.

Es bleibt ein Gefühl von Mitverantwortung für das Angebildete

Die Menschen auf Nachtweys Fotos wissen, dass sie fotografiert werden. Er trägt ihr Leid hinaus in die Welt, und sie wollen, dass die Welt davon erfährt. Und doch irritiert es, den Mann mit Kamera in einer Szene des Films in unmittelbarer Nähe der Männer zu sehen, die ein Massengrab ausheben. Sie bergen die vom Kriegsgegner zuvor eilig verscharrten Leichen ihrer Angehörigen. Wenn er draufhält mit der Kamera auf das Entsetzen der Väter, das Wehklagen der trauernden Mütter oder Ehefrauen. Es ist die aufdringliche Nähe dieser Bilder, welche die Redakteure in Hamburg, New York und überall sonst auf der Welt erwarten. Sie rückt den Fotografen in die Nähe eines unvermeidbaren Gefühls von Mitverantwortung für das Abgebildete.

Die Herrschaft über die Bilder des Krieges und der Not will James Nachtwey nicht den Propagandisten der Konfliktparteien überlassen. „Die Informationen aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen“, sagen heute die Nachrichtensprecher, wenn sie Material verwenden, das ihnen von Militärs bereitgestellt wurde. Was für ein lahmes Einknicken! James Nachtwey hat sich damit nicht zufriedengegeben. Er wollte stets ein eigenes Bild machen, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Bild der Wahrheit, und was diese Wahrheit für die Menschen bedeutete, die in sie hineingeraten waren.

Im Klickwettbewerb ist nicht das beste, sondern das erste Bild gefragt

Die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Medium hat noch das Geld oder die Geduld, einen Fotografen tage- und wochenlang durch Krisengebiete zu entsenden, um dann die zehn eindrücklichsten Fotos in einer breiten Fotostrecke zu präsentieren. Die schnelle Nachricht ist gefragt heute, und den Klickwettbewerb gewinnt nicht mehr das fotokünstlerisch beste Bild, sondern das erste. Und auch James Nachtwey kam nicht ohne Kooperation mit dem jeweiligen Militär aus. Seine Bilder erzielten weltweit Wirkung, und das wussten auch diejenigen, die mit ihren umgehängten Maschinengewehren zuließen, dass er fotografierte.

Ein Besuch seiner Ausstellung oder ein Sich-Einlassen auf den Film über seine Arbeit sind eine doppelte Lehrstunde für das Jetzt, in dem keine Nachrichtensendung ohne neue Kriegsbilder auskommt: Es sind nicht die aus der Ferne mitgefilmten Explosionswolken oder die glitzernden Lichtbögen der anfliegenden Raketen und Drohnen, die den Krieg zeigen.

Die wahren Bilder des Krieges zeigen immer die Menschen, die inmitten der Not versuchen, zu überleben.

 

Die Ausstellung „Memoria“ mit den Bildern von James Nachtwey ist noch bis 3. Mai 2026 zu sehen im privaten Museum „Fotografiska“ in Berlin, das auch unabhängig von dieser Ausstellung jederzeit einen Besuch wert ist.

Der Dokumentarfilm „War Photographer“ ist auf YouTube abrufbar.

 

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Eurydikes Erben fahren U-Bahn

Klassische Musik im Untergrund: Verlockung oder Vertreibung?

Als sich Orpheus in den bereits gut gefüllten Waggon der U-Bahn drückt, eine raumgreifende Erscheinung, Lockenpracht, Rucksack, ganz in schwarz gekleidet, Tattoos bis über die Halskrause, da blickt niemand auf. Wie festgetackert haften die Augen auf den Displays oder sie starren einfach ins Leere oder sind geschlossen. Dann reckt Orpheus als moderne Lyra sein Handy in die Höhe, und noch bevor sich der Zug in Bewegung setzt, plärrt ein Begleitorchester durch die unfreiwillig zusammengewürfelte Fahrgemeinschaft. Orpheus hebt zu seinem Gesang an. „Nessun dorma“, intoniert er, den Gassenhauer aus Puccinis Oper „Turandot“, und das ist Musik, die nun wirklich jedes Herz erreichen und erweichen könnte. Hier aber schaut kein Blick auf. Der Wagen rumpelt und rattert durch den Untergrund, das Handy scheppert, der Sänger schwankt, und die Arie schwingt sich ihrem Gänsehaut-Moment entgegen. „Vincero!“, versichert dieser Orpheus, und mit noch einem „vincero!!“ besiegt er in schwer erreichbaren Höhen den Widerstand seiner Stimmbänder. Das alles darf nicht zu lange dauern, denn schon droht der nächste Halt des ratternden Lindwurms. Schnell noch den Becher gezückt, herumgezeigt, ein paar Münzen eingesammelt, und dann heraus, hinüber in den nächsten Wagen.

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück. Das ist von Bedeutung, denn die Geschichte des griechischen Jünglings Orpheus geht so: Schön war er und vor allem stärker musikalisch begabt als alle, die ihm seither folgten. Sein Gesang sei im wörtlichen Sinne  steinerweichend gewesen, so wird überliefert, dass nicht nur Götter und Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen sich friedlich gestimmt um ihn scharten, um zu hören, was er zu singen hatte. Sogar das wilde Meer habe sich beruhigt, wenn er seine Lieder anstimmte.

Fast schon war das Ziel erreicht, und Orpheus führt mit Lyraspiel und Gesang seine Geliebte aus dem Totenreich hin auf ans Licht. Dann aber konnte er sich nicht beherrschen … (Darstellung aus dem Jahr 1752, Wellcome Library, London via Wikimedia)

Orpheus brachte also gute Voraussetzungen mit, bald eine schöne Frau für sich zu gewinnen. Das geschah, und sie hieß: Eurydike. Infolge göttlich-männlicher Gewalteinwirkung (eine versuchte Vergewaltigung munkelt die Sagenwelt) starb Eurydike an einem Schlangenbiss(!); auf die nähere Darstellung dieser Verwirrung kann hier verzichtet werden. Jedenfalls war Orpheus untröstlich, erinnerte sich an seine musikalische Begabung und betörte mit Lyra und Stimme den Unterweltgott Hades und dessen furchterregenden Hund Kerberos nachdrücklich. Sie erlaubten ihm, seine Eurydike wieder aus dem Untergrund herauszuführen. Die Herrscher der Unterwelt stellten dafür allerdings eine einzige Bedingung, von der noch die Rede sein wird.

Die Abgründe der modernen Welt liegen oft im Untergrund

Wo liegen die Abgründe der modernen Welt? Nicht nur, aber doch oft im Untergrund: schlecht beleuchtete Unterführungen, U-Bahn-Zwischengeschosse mit versifften Winkeln und Ecken, ersterbend blinkenden Neonröhren. Tagsüber wie nachts bietet der Untergrund Rückzugsräume für Menschen in Not und Menschen, die mit der Not der anderen ihr windiges Geschäft treiben. Schutzsuchende vor Regen und Kälte und Hitze, die sich nicht in eine eigene Wohnung flüchten können. Kranke, auf der Suche nach dem illegalen Stoff, der ihrer süchtigen Unerbittlichkeit kurzzeitige Linderung verspricht. Fragwürdige Gestalten auf der verzweifelten Suche nach dem kleinen Geld. Solche Orte im Untergrund sind der Hades unserer Zeit, nur dass dort kein Gott herrscht und der Höllenhund Kerberos allenfalls stundenweise in Begleitung meist schlecht gelaunter Security-Leute erscheint.

Vielleicht sollte unser U-Bahn-Orpheus dort singen, bezahlt mit kleinem Geld aus öffentlichen Kassen? Stattdessen kamen Menschen auf die Idee, solche Orte der menschengemachten Trostlosigkeit mit klassischer Musik zu fluten. Immer mehr Städte zwangsbeschallen die Lost Places eines gescheiterten urbanen Zusammenlebens mit der schönsten Musik, die Menschen geschaffen haben, mit den Klängen von Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin, vielleicht auch Puccini. Die Annahme dabei ist: Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, Drogendealer, Obdachlose, Kleinkriminelle, Taschendiebe würden alles Mögliche mögen, aber gewiss nicht die Kleine Nachtmusik oder „Für Elise“.

Zwölftonmusik statt Mozart?

Für jeden Musikfreund ist es eine schmerzhafte Diskriminierung dieser schönen Töne, wenn sie zur Vertreibung unliebsamer Personen aus dem Untergrund missbraucht werden. Noch dazu ist umstritten, ob dieser Effekt tatsächlich eintritt. Wie wäre es, das Experiment gleich auf die Spitze zu treiben, und statt Mozart oder Beethoven die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg oder Alban Berg abzuspielen? Dann allerdings wäre zu befürchten, dass die Vertreibung nicht nur vermeintlich unliebsame Personen beträfe, sondern auch viele andere.

Die Bedingung, die der Untergrundgott dem verliebten Orpheus gestellt hatte, lautete so: Er hätte Eurydike mit Gesang und Lyraspiel hinaufholen dürfen in die strahlende Wirklichkeit des Tageslichts – aber nur, wenn er ihr und den Göttern vertraut, wenn er also den Impuls unterdrückt, sich umzuwenden und zu vergewissern, dass die Geliebte tatsächlich hinter ihm her schreitet. Er wusste das, und so spielte und sang er, was das Zeug hielt, und kurz vor dem Ziel, das rettende Licht schon vor dem hoffend-glückseligen Auge, fehlte ihm dann doch ein Moment der Selbstbeherrschung. Er blickte hinter sich – und verstieß seine Geliebte damit zurück in eine ewige Existenz im Untergrund.

Und da darbt sie nun bis heute, und wir alle mit ihr, in vielfältiger Gestalt, als genervte Nutzer des unterirdischen Nahverkehrs  oder als herumstreunende Desperados der Wohlstandsgesellschaft. Eurydikes Erben wird schöne Musik nicht vertreiben.

 

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist vielfach aufbereitet worden, in Filmen, Theaterstücken und Opern. Weitere Informationen zur Sage finden Sie z.B. hier. 

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