Die beängstigende Strenge von Maulbronn (#39)

Klosterkirche Maulbronn, Klosterhof 10, 75433 Maulbronn

Mein Besuch am 23. Oktober 2022

Der ganze Zauber von Maulbronn zeigt sich im Kreuzgang mit dem luftig leichten Brunnenhaus, dessen Plätschern dem Zwitschern der Vögel Konkurrenz macht. Hier ist nichts streng, alles lädt zum meditativen Verweilen ein.

Ein Weltkulturerbe! Über das Zisterzienser-Kloster von Maulbronn ist alles gesagt und geschrieben. Die Anlage duckt sich in die Hügel, der Weinbau leuchtet im herbst in goldenen Farben über den Friedhof hinweg zum uralten Gemäuer, das den weiten Klosterhof umgibt. Es ist ein harmonisch-weiter Ort, auch ein sehr weltlicher Ort mit kleinen Restaurants, Andenkenläden, einem Museum, einem Buchgeschäft.

Der engere Klosterbereich mit der Kirche und dem Kreuzgang begrenzt und dominiert den Klosterhof mit verheißungsvoller Gotik. Die Kosterkirche von Maulbronn ist im Sommer heute noch das Gotteshaus für die evangelische Kirchengemeinde, aber auch immer wieder von Kerzenlicht magisch durchschimmerter Ort für Konzerte. Im Winter ist die Kirche zur Nutzung zu kalt; beim Besichtigungsbesuch im Oktober (nur gegen Eintritt) konnte ich schon einen Vorgeschmack davon erleben. Die Grundmauern der Kirche sind uralt, reichen zurück auf den ersten romanischen Bau nach der Klostergründung von 1113; ihre äußere Anmutung von heute einschließlich einer wunderschönen Gewölbedecke bekam sie im 14. Jahrhundert. das Kirchenschiff ist unterteilt durch einen wuchtigen romanischen Lettner, der eine unüberwindbare Raum- und Sichtbarriere bildet zwischen dem Kirchenschiff für die Laien und dem hölzernen Gestühl, das aus dem 15. Jahrhundert stammt und einst mehr als 90 Mönchen Platz bot Vor dem Lettner mahnt auf der Laienseite ein gewaltiges Kruzifix, das 1473 aus einem einzigen Sandsteinblock hergestellt wurde.

Die Strenge der Klosterkirche schüchtert ein. Der romanische Lettner trennte einst die Laien von den Mönchen. Er ist eine wuchtige Mauer zwischen Geistlichkeit und Gläubigen, war genau so gedacht und wirkt auch heute noch so.

Ganz im Gegensatz zur einladenden Weite der Anlage hinterließ bei mir der Besuch in der Kirche einmal mehr (denn ich war schon mehrfach dort) einen Gesamteindruck von großer, beängstigender Strenge. Entsprechend eingeschüchtert bin ich aus dieser kalten, hohen Kirche herausgetreten, hinein in den so einladenden Kreuzgang mit grünem Innenhof, vorbei am luftigen Brunnenhaus, durchzwitschert von fröhlichen Vögeln.

Das Kloster war seit 1556 (und bis heute) auch ein evangelisches Internat. Johannes Kepler, Eduard Mörike, Friedrich Hölderlin, Hermann Hesse haben dort gelernt. Hesse hat darüber ein ganzes Buch geschrieben („Unterm Rad“) und dabei vor allem seine Last mit der strengen Klosterschule geschildert. Ganz gewiss war er auch oft in dieser Kirche; und dieser Raum wird seine Leiden nicht verringert haben, fürchte ich.

Kloster Maulbronn ist eine überaus eindrucks- und stimmungsvolle Anlage und daher jeden Anreiseweg wert. Eine sehr gute Zusammenfassung finden Sie hier: https://www.kloster-maulbronn.de/wissenswert-amuesant/dossiers/weltkulturerbe-maulbronn

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

 

Am Ende gewinnt immer das Runde

Ein Essay über Fußball, Mathematik und Moral

Der Künstler Şakir Gökçebağ möchte den „banalen Dingen des Alltags eine ungeahnte, neue Aufmerksamkeit“ verschaffen, so der Begleittext des Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart, so derzeit seine Werke zu besichtigen sind. Hier ist ihm gelungen, was unmöglich erscheint: Das Runde in etwas Eckiges zu hineinzuquetschen.

Üblicherweise ist ein Apfel rund. Freiwillig fügt er sich nicht in ein geometrisch sauberes Quadrat. Im allwissenden Internet sind Filmchen zu finden, wie kleine Äpfel beim Größerwerden in ein quadratisches Plastikästchen gezwängt werden, und dann halbwegs eckig vom Baum fallen. Mit etwas Gewalt gelang es auch dem in Hamburg lebenden Künstler Şakir Gökçebağ, den Äpfeln das Runde abzuzwingen. Er hat Äpfel so lange eckig zugeschnitten, bis sie in seinem Kunstwerk, ganz eng zusammengedrängt, einem Puzzle gleich, ein sauberes Quadrat bilden.

Rund und Eckig – das passt nicht

Für den Betrachter des Apfel-Gevierts bleibt ein Störgefühl zurück. Rund und eckig, das widerspricht sich einfach, das ist wie Feuer und Wasser, wie heiß und kalt. Deshalb halten wir inne vor dem Bild mit den sauber zum Quadrat zusammengeschnipselten Apfelgehäusen. Jeder Versuch, das Runde in das Eckige zu bringen, ist eben eine „Quadratur des Kreises“ – und wir wissen instinktiv: Es kann nicht ganz gelingen. Der Versuch, mit Zirkel und Lineal die Fläche eines Kreises exakt in die Fläche eines Quadrats zu übertragen, bleibt unmöglich für die Menschheit. Ein kluger deutscher Mathematiker namens Carl Louis Ferdinand Lindemann hat dafür im Jahr 1882 sogar den mathematischen Beweis erbracht.

So wurde die „Quadratur des Kreises“ zur sprachlichen Metapher. Sie steht für den zum Scheitern verurteilten Versuch, eine moderne Innenstadt gleichzeitig autogerecht und doch saftig grün und lebenswert durchlüftet zu gestalten; sie beschreibt das unmögliche Begehren an den Staat, Wohlstand für alle zu gewährleisten, und doch möglichst keine Steuern zu erheben. Jeder kennt solche Situationen: Man kann nicht beides gleichzeitig haben, die Dinge sind eben entweder rund oder eckig. Man kann sich oft annähern, man kann Kompromisse schließen, aber der Kreis wird nie quadratisch.

Zu besichtigen ist das gewaltsam zusammengepresste Apfel-Quadrat derzeit (und noch bis Mitte April 2023) im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart. Dort widmet man sich ganz speziell der Geometrie in der Kunst, mit Vorrang also solchen Bildern oder Skulpturen, die das Quadrat zum Thema haben. Das Museum gehört zu einem Schokoladenimperium, dessen Produkte ausgeprägt eckig daherkommen – quadratisch nämlich. Noch dazu tragen sie „Sport“ in ihren Namen trägt, was uns mitten hineinführt in diese Betrachtung über das Runde, das Eckige und die Moral.

„Das Runde muss in das Eckige“

„Das Runde muss in das Eckige“, philosophiert das ewige deutsche Fußballgedächtnis und meint damit den simplen Umstand, dass der Ball ins Tor muss. Der banale Satz zieht seine Spannung aus einem inneren Gefühl der Unmöglichkeit, die er auszudrücken scheint. Nicht nur der Fußballfan kennt die Verzweiflung darüber, wenn der Ball einfach „nicht reingehen will“, wo doch eigentlich und rein physikalisch betrachtet eine Lederkugel mit rund zwanzig Zentimetern Durchmesser mühelos zwischen ein Lattengerüst hineinpassen sollte, das mehr als sieben Meter breit und gut zwei Meter hoch ist. Gewiss, ein Torwart will das verhindern, und eine vielfüßige Verteidigung noch dazu. Trotzdem sollte es doch nicht so schwer sein, meint jeder Laie, der einmal vor der leibhaftigen Größe eines Fußballtores gestanden hat. Und wurde dann schnell eines Besseren belehrt, wenn er den Ball mit voller Wucht neben oder über das leere Tor gedroschen hatte.

Was soll das Gerede vom Runden und dem Eckigen? Es geht doch! Vieltausendfach mühen sich an jedem Tag sportbegeisterte Menschen auf der ganzen Welt damit ab, auf den verwöhnt-geheizten Rasenflächen der Stadien genauso wie auf den schweißgetränkten Buckelpisten der Vereine, in den gepflasterten Hinterhöfen oder auf staubigen Bolzplätzen. Und zappelt es dann endlich im Eckigen, das Runde, dann purzeln Kinder jubelnd auf dem Boden herum, brüllen wildfremde Männer ihre Erleichterung heraus, fallen sich erwachsene Frauen gegenseitig um den Hals.

Fußball-Deutschland und die Quadratur des Kreises

Ganz Fußball-Deutschland steht in den nächsten Wochen eine Quadratur des Kreises bevor. Das Runde muss mal wieder in das Eckige, diesmal zur gefühlten Unzeit vor Weihnachten, und noch dazu drängen sich die suspekten Scheichs von Katar dabei als Gastgeber auf den von Wüstenödnis umgebenen grünen Rasen. Die Umstände rund um die dargebotene Veranstaltung sind unsäglich. Eine böse Blutgrätsche der Fußball-Moral ist zu besichtigen: Über 6.500 migrierte Arbeiter sind (lt. der britischen Tageszeitung The Guardian) aufgrund der Arbeitsbedingung beim Bau klimatisierter Stadien in der Wüste verstorben. Für die neuen Arenen wird es keine Verwendung geben, wenn die Fußball-Millionäre abgereist sind. Ein Unrechtsstaat fläzt sich da auf die sportliche Weltbühne, eine Monarchie, die nach der Scharia urteilt, Frauen unterdrückt, Homosexuelle betraft und die Todesstrafe vollzieht. Eine rücksichtslose Elite beutet in Katar die ihnen zufällig zugefallenen Energieressourcen gnadenlos zum eigenen Vorteil aus.

Noch dazu wird eine wahnwitzige Verschwendung von Geld und Energie zu besichtigen sein für ein Turnier, das man genauso gut zu einer passenderen Jahreszeit anderenorts in ohnehin vorhandenen Arenen hätte durchführen können. Oder auf das man vielleicht auch ganz hätte verzichten können, da uns aktuell die Quadratur des allergrößten Kreises unserer Zeit abverlangt wird: Nämlich Energie zu sparen, das Klima zu retten, unsere demokratischen Werte zu verteidigen, in einem Krieg unserer Nachbarn solidarisch zu bleiben, und dabei trotzdem halbwegs Wohlstand für die meisten zu erhalten und allen eine warme Wohnung zu heizen.

Gucken oder nicht?

Was also tun? Gucken oder nicht? Glühwein zum Elfmeterschießen? Fein raus sind nur die, deren Desinteresse für Fußball tief verwurzeltet ist. Wer sich diesbezüglich frei glaubt von jeder Verlockung, werfe also den ersten Ball! Aber Achtung: Das Bekenntnis ist nur glaubwürdig von denjenigen, die noch niemals dabei waren, auch nicht in wichtigen Spielen bei Europa- oder Weltmeisterschaften, einem Finale gar, daumendrückend, Chipstüten-bewaffnet und jubelbereit, verzweiflungsgeplagt. Alle anderen, auch die nur gelegentlich Interessierten, erst recht die süchtigen Final-Zitterer, die spannungsgeladenen Hoffnungsfrohen, werden gnadenlos vor die Frage gestellt werden, ob sie ihr Rundes (also ihren Kopf) tatsächlich vom eckigen Bildschirm fernhalten wollen.

Moral und Spitzensport, das ist eben auch eine Quadratur des Kreises, das passt nicht zusammen. Sepp Herberger, von dem der Spruch mit dem Runden, das ins Eckige muss, stammt, war der Trainer jener deutschen Nationalmannschaft, die 1954 das „Wunder von Bern“ vollbrachte, der überraschend errungene Weltmeistertitel für das Fußball-Deutschland der geächteten Kriegsverursacher. Herberger war NSDAP-Mitglied und wurde doch zum deutschen Nachkriegshelden. 1978 fand die Weltmeisterschaft in Argentinien statt, das damals von einer blutigen Diktatur regiert wurde. Bei der WM von 2018 in Russland schieden die deutschen Jungs als Gruppenletzte schon in der Vorrunde aus. Die deutsche Öffentlichkeit beschäftigte das deutlich mehr als der Umstand, dass der „Gastgeber“ schon vier Jahre zuvor sich rechtswidrig Teile der Ukraine gewaltsam angeeignet hatte. Und wären uns die in Umerziehungslagern kasernierten Uiguren wichtig gewesen, oder die in ihrer kulturellen Identität unterdrückten Tibeter, dann hätten wir auch ganz sicher nicht die olympischen Spiele in China verfolgend dürfen.

Am Ende gewinnt immer das Runde!

Da bleibt dem zweifelnden Zeitgenossen nur die Gewissheit: Am Ende gewinnt das Runde! Der Kreis wird nicht zum Quadrat und der Apfel selbst im Plastikkorsett kein sauberer Würfel. Das Spiel gewinnt, wer das Runde ins Eckige bringt, und nicht umgekehrt.

Und es ist der runde Kopf, der hinsieht und sich das Seine denken kann zu dem kommerziellen Wahnsinn, der da aus dem elektronischen Viereck quillt. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, formulierte es einmal der französische Schriftsteller Francis Picabia. Was für ein Traumtor!

 

Die Ausstellung mit Werken von Şakir Gökçebağ ist noch bis 16. April 2023 im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart zu besuchen.

Die Erklärung, warum die Quadratur des Kreises eine unlösbare Aufgabe ist, übersteigt deutlich meine eigenen mathematischen Fähigkeiten. Wer tiefer in das Rätsel einsteigen möchte: Bitteschön, vielleicht hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Quadratur_des_Kreises

Francis Picabia war ein vielfältiges Talent, vor allem auch ein Maler. mehr über ihn  können Sie z.B. hier nachlesen: https://kunstmuseum.com/francis-picabia/

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier und als #Kulturflaneur hier. 

Der Barde und die Baby-Boomer

Ein Essay über den Liedermacher Reinhard Mey, die Freiheit und die Verantwortung

Es gab nichts zu verantworten für die Schüler in der Kleinstadt, aber die Institution nannte sich trotzdem „Schülermitverantwortung“. Für den Schulrektor waren sie eine potenzielle Störung des Schulalltags, für die Lehrer aufschneiderische Wichtigtuer, für die meisten Schüler entweder selbstverliebt oder machtlos oder beides. Dennoch: einmal im Monat, nach dem Unterricht, früher Nachmittag, fand die gemeinsame Sitzung der von ihren gymnasialen Klassen gewählten Schülersprecher statt. Ort: Klassenraum 3.32, dritter Stock, Linoleum, zotiges Gekritzel auf den Schulbänken. Der abgegriffene Holzzirkel drohte von der Wand, die Tafel war verschmiert.  Man atmete den Muff des letzten Unterrichts, befühlte die fremden getrockneten Kaugummis unter Bänken und Stühlen. Irgendjemand hatte Jasmin-Tee gekocht, der neueste Schrei unter den Gymnasiasten, und bröckeligen Kandiszucker besorgt. Gesucht waren Ideen, was mit der Mitverantwortung anzustellen sei. Was könnte man den Schülern bieten?

70er Jahre: Mond betreten, Jasmin-Tee mit Kandiszucker

Es war die Zeit, als der Mond gerade eben vom Menschen betreten und, wie erwartet, als staubig und unwirtlich vorgefunden worden war. Die olympischen Spiele in München standen noch bevor. Beginn der siebziger Jahre in Deutschland, das Ende des kriegerischen Jahrhunderts dämmerte schon am fernen Horizont. Die Generation der „Baby-Boomer“ (die man damals noch nicht so nannte) sorgte für überquellende Klassenzimmer, seit im Land der Kriegsverursacher Frieden und Wohlstand eingezogen war.

Dazu immer Musik! Wenn es nicht die Beatles oder Stones waren, wenn es deutsch sein sollte, dann Peter Alexander, Roy Black oder Tony Marshall. „Mein Freund, der Baum“, die frühe Öko-Hymne der 1969 tödlich verunglückten Sängerin Alexandra war textlich schon herausragend anspruchsvoll gewesen, sonst aber waren deutsche Lieder rosarot und seicht.

Die erste verwöhnte Generation

„Was bin ich?“ fragte sich ganz Fernsehdeutschland vor dem Bildschirm, aber eine Antwort gab es dort nicht. Nur viele neue Fragen taten sich auf, wenn die einstigen Trümmerfrauen, die bescheiden wohlstandsstolzen Vertriebenen und die noch immer traumatisierten Kriegsheimkehrer auf ihre Kinder blickten: langhaarige, barttragende, dauergewellte Schlaghosenträger/innen. Auch diese Generation war sich einig in der Abgrenzung zu ihren Eltern, die nur schaufeln und schaffen und wegschauen wollten. Aber die ersten Kinder des Wirtschaftswunders waren auch schon verwöhnt vom Wohlstand, in dem sie satt und sehnsüchtig dem nächsten elternfinanzierten Italienurlaub entgegenträumen konnten.

Der Liedermacher und seine Generation: Reinhard Mey füllt jetzt große Hallen, in Stuttgart waren es mehr als 5000 Zuhörer/innen.

Der Frieden schien gesichert im Schatten der Waffen

Zurück lag der Aufruhr des Sommer 1968, als in den Großstädten Auflehnung gegen die Lähmschicht des Stillstandes und der stillen Verleugnung sich den Weg bahnte. Wütende Studierende hatten die Ruhe in den deutschen Wohnzimmern gestört, Pflastersteine waren geflogen gegen damals noch lächerlich schwach geschützte Polizisten. Schaufenster splitterten. Und die zerfetzten Bild-Zeitungen lagen im Schlamm der Straßen, durchweicht vom Nass der Wasserwerfer, mit deren Hilfe der verzweifelte Staat dem rebellischen Treiben seiner Jugend hatte Einhalt gebieten wollen. Vorbei war die Kuba-Krise und die Niederschlagung des Prager Frühlings, das System der atomaren Abschreckung war im Gleichgewicht, stabiler Frieden schien gesichert im Schatten der tödlichen Waffen.

Die Krawalle in München, Berlin oder Frankfurt hatten die Schüler-Mitverantwortlichen, genauso wie die Mondlandung, nur in verschneiten, wackeligen Schwarz-Weiß-Bildern auf der gewölbten Oberfläche des heimischen Fernsehers erlebt. Für die Provinz-Gymnasiasten in Raum 2.32 war alles das wichtig gewesen, aber auch sehr weit weg.

Dann holte einer ein mobiles Tonband hervor, fummelte das Kabel in die Steckdose, drückte ein paar Tasten. Mitschnitt aus dem Radio, vor ein paar Tagen, sagte er.

„Ich wollte wie Orpheus singen …“

„Ich wollte ….“, sang eine schüchterne Männerstimme, „… wie Orpheus singen“, tastete sich das Lied, begleitet nur vom Zupfen einer Gitarre, zwischen das Rauschen und Knacken im schwächlichen Lautsprecher. „Ich wollte wie Orpheus singen, dem es einst gelang, Felsen selbst zum Weinen zu bringen – durch seinen Gesang…“

„Reinhard Mey!“, riefen gleich mehrere Schülermitverantwortliche. Und dann war die Idee schnell geeint: Macht der nicht eine Tournee? Ganz sicher wird er nicht in unsere Kleinstadt kommen, aber vielleicht in den größeren Ort in der Nähe, könnten wir nicht eine Fahrt dorthin organisieren?

Dieser Mann war damals 29 Jahre alt und sang bisher ungehörte deutsche Lieder. Reinhard Mey tourte mit seiner Gitarre durch die Hinterzimmer und kleineren Säle des Landes. 1967 hatte er seinen ersten Plattenvertrag ergattert, verglich sich mit Orpheus, spottete über deutsche Krimis, in denen „immer der Gärtner“ der Mörder sei und erlebte 1972 seinen ersten Popularitätsdurchbruch mit der Ballade „Gute Nacht, Freunde“.

Politisch, aber nicht rebellisch

Es waren die Texte seiner Lieder, die dem Lebensgefühl junger Menschen in den Siebziger-Jahren Ausdruck verliehen. Reinhard Mey (und andere, wie Hannes Wader oder etwas später Konstantin Wecker) trafen den Nerv einer Jugend, die politisch sein wollte, aber nicht mehr so rebellisch wie ihre älteren Geschwister. Es waren 15-, 17-, 19-Jährige, denen es dank ihrer fleißigen Eltern gut genug ging, dass sie es sich nun leisten konnten, das Zuhören zu lernen.

120 Mark kostete die Miete für den Bus, der die Schüler des Kleinstadt-Gymnasiums zur Halle in der Regionalmetropole brachte. Zwanzig Teilnehmer hatten sich bei der Schülermitverantwortung für die Fahrt angemeldet. Als es so weit war, trat der junge Barde vor den beigefarbenen Vorhang. Der Saal war vollbesetzt mit vielleicht dreihundert jungen Menschen, die hören wollten, was damals neu und ungewohnt war: Deutsche Texte, sanft, nachdenklich machend, diskursiv, auch öfters spöttisch. Es war ein Ton, der die dumpfe Selbstgerechtigkeit der Nachkriegsjahre genauso hinter sich ließ wie den gewaltgeprägten Krawall der 68er-Bewegung.

Still war es damals im kleinen Saal, …

Ganz still war es damals im stickigen Saal, kein rhythmisches Klatschen, keine Feuerzeuge, nur das Zuhören junger Menschen und dann Beifall und Hoffnung auf eine Zugabe, vielleicht noch eine Zugabe. Damals waren die Lieder von Reinhard Mey Teil der Veränderung, die bevorstand. Sie waren in ihrer Einfachheit – nur eine Gitarre und ein Mann, der singt – eine Vision für eine neue deutsche Nachdenklichkeit. Sie kündeten früh von jener Achtsamkeit, die wir uns heute mühsam abringen. Sie nahmen auch den Spott vorweg, der nun Comedy heißt.

… heute warten 5000. Graue Locken bestimmen das Bild

Zeitsprung! Stuttgart, Porsche-Arena, Oktober 2022. Fünfzig Jahre sind vergangen, der Sänger ist an Jahren gealtert wie auch sein Publikum. Graue Locken bestimmen das Bild, wackelig und tastend auf Geländersuche staksen die Klassenkameraden der einstigen Schülervertreter über die steilen Stufen der Riesenarena in ihre Sitzreihen.

Beifallumrauscht, gleichermaßen vorfreudig wie vorsichtig, nimmt der fast achtzigjährige Reinhard Mey die Stufen hinauf zur Bühne, auf der seine Gitarre schon wartet. Still wird es auch jetzt noch im dunklen Saal, wenn der Barde die Gitarre zupft. Jetzt sind es mehr als 5000 Menschen, die einem alten, weißen Mann zuhören, der ihnen noch immer etwas zu sagen hat. Es ist eine demutsvolle, sehr persönliche Rückschau, zu der er einlädt, ein sanfter, dankbarer Blick auf ein Leben voll Liebe und Wein, auf Momente von Glück und tiefer Trauer, auf die eigenen Kinder, die nahen Mitmenschen, auch auf die Annäherung an den Tod.

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück

Ein Mann, seine Stimme, eine Gitarre. Im Dezember wird Reinhard Mey 80 Jahre alt. Er trifft noch immer den Ton seiner Generation. Aber welcher Ton ist das?

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück. Das war nicht immer so. Immer wieder hat sich Reinhard Mey in seinen Liedern dezidiert politisch und pazifistisch positioniert.  „Nein, meine Söhne geb ich nicht …“ textete er 1986 im gleichnamigen Lied, „… sie werden nicht in Reih und Glied marschieren, nicht durchhalten, kämpfen bis zuletzt.“ Lieber werde er „mit ihnen in die Fremde ziehen, in Armut und wie Diebe in der Nacht.“ Im April 2022, im ersten großen Schock über den Krieg in Europa, hatte sich Reinhard Mey als Erstunterzeichner dem umstrittenen „Offenen Brief“ angeschlossen, in dem zahlreiche Künstler und Intellektuelle zur Zurückhaltung bei Waffenlieferungen an die Ukraine aufriefen.

Im Konzert sagt oder singt er kein Wort dazu. Aber dann, fast zum Schluss, schon als Zugabe, stimmt Mey seinen größten Erfolg an. Es ist die stille Hymne auf den Traum einer grenzenlosen Freiheit, die man wohl nur über den Wolken, nicht bei uns auf der Erde finden könne. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Der betörende Mehrklang der Wohlstandsfreiheit

Noch immer trifft der Liedermacher den Ton seiner Generation. Es ist der ungemein verlockende, in seiner Schönheit so betörende Mehrklang aus Sehnsucht und Tatenlosigkeit, der dieses Lied für viele Menschen berührend macht. Es ist ein Statement für eine Wohlstandsfreiheit, die nicht erkämpft oder aktiv verteidigt werden muss.

Leider ist die Welt von heute nicht so. Die Baby-Bommer werden nicht umhinkommen, noch einmal neu zu lernen, Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Reinhard Mey ist noch bis 15. Oktober 2022 auf Tournee. Ich habe das Konzert am 18. Oktober 2022 in Stuttgart erlebt.

Die angesprochenen Lieder habe ich jeweils direkt im Text verlinkt, jeweils zu Youtube. Wenn Sie draufklicken, stimmen Sie der Weiterleitung zu. Es lohnt sich, zuzuhören!

Mich persönlich hat auch eine Neuversion des pazifistischen Liedes „Meine Söhne geb ich nicht“, eine Gemeinschaftsproduktion von Reinhard Mey und mehreren weiteren Künstlern sehr angesprochen. Die Künstler werben damit für https://friedensdorf.de/

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Versagen und Hoffnung in einer Männer-Welt

Zur Wiederaufnahme des „Siegfried“ an der Stuttgarter Oper

Diese Welt der Männer ist ein einziges, trostloses Grauen, innerlich wie äußerlich. Sie ist heruntergekommen, dreckig, verschlagen. Dort wächst Siegfried auf, der Held des dritten Abends im “Ring”, der gewaltigen, insgesamt vierteiligen Opern-Novela von Richard Wagner. Dieser Held ist zweifellos für sein ganzes Leben geschädigt. Siegfried ist ein Macho, umgeben von Machos.

Die psychologisch kluge Inszenierung des „Siegfried” an der Stuttgarter Oper erlebt in diesen Tagen ihre Wiederaufnahme und wird im Frühjahr 2023 Teil von zwei „Ring“-Zyklen sein, die am Eckensee zu sehen sein werden. Sie stammt aus dem Jahr 1999 und galt schon damals mit ihrer mutigen Bildsprache und tiefgreifenden Deutung des psychologischen Geflechts zwischen den Beteiligten als spektakulär. Sie hat nichts davon verloren.

Worum geht es?

Das Schwert entsteht: Siegfried, der ungeduldige Jugendliche, schmiedet sich seine unschlagbare Waffe. (Daniel Brenna als Siegfried; Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Alle diese Götter, Riesen und Zwerge sind voller individueller Traumata, durchtränkt von krankhaftem Machtstreben, gegenseitiger Abhängigkeit, Misstrauen und Intrige. Es ist weitgehend eine Männerwelt, gänzlich ohne Empathie, die sich in ihrer psychologischen Vielschichtigkeit einer kurzgefassten Inhaltsschilderung entzieht. Ein vereinfachender Versuch sei hier trotzdem unternommen:

Siegfried wächst als Findelkind im verlotterten Haushalt eines Ziehvaters auf, der mehr über dessen göttliche Herkunft weiß als Siegfried selbst, und darauf hofft, dass sein Schützling mit seinem testosterongesteuerten Hang zur Gewalttätigkeit ihm dereinst den berühmten Ring zur Weltherrschaft beschaffen wird. Dem jugendlichen Siegfried fehlt dafür allerdings noch eine Waffe, möglichst eine unbesiegbare. Sein Ziehvater, obwohl Schmied, bekommt sie nicht zustande, jedenfalls nicht so, dass sie den unkontrollierten Kräften des Jugendlichen Stand hält. Als der die Geduld mit dem schwächlichen Schmied verliert, hämmert er sich das gesuchte Schwert einfach selbst zurecht. Damit wandert er durch den Wald, um jenen Riesen zu erschlagen, der den Ring der Weltherrschaft besitzt und bewacht.

Ein Kettenraucher wartet, Wotan wandert

Allerdings ist die mit Stacheldraht umzäunte Stuttgarter Wohnstatt des Riesen umlagert von weiteren fragwürdigen Männern. Ein Kettenraucher wartet dort wie ein Kleinkrimineller auf die Chance, sich den Ring der Weltherrschaft abzugreifen, wenn der kräftige Siegfried den Riesen endlich erledigt hat. Und auch der allmächtige Göttervater Wotan lungert am Zaun herum, getarnt als „Wanderer“. Eigentlich will er sich künftig aus dem Weltgeschehen heraushalten, hat er doch schon erfahren, dass seine eigene ausgeprägte Prinzipienlosigkeit nichts als endlose Schuld, uneheliche Kinder und immer wieder neuen Streit produziert.

Siegfried, der Held mit Schwert, betritt also diese trübe Szenerie. Er provoziert das Riesenungeheuer und erdolcht es ohne lange Diskussionen. Seinen verhassten Ziehvater erledigt er gleich mit. Nun besitzt er alles, was ein Mann begehrt: eine unschlagbare Waffe und den Ring der Weltmacht.

Allein, was ihm fehlt, ist die Erfahrung der Liebe – kurz: Eine Frau.

Da hört er von der seit dem Ende der Oper “Walküre” auf einem Felsen dauer-schlafenden Brünnhilde. Diese hatte vor ihrer Straf-Einschläferung durch ihren Vater Wotan selbst den Wunsch geäußert, ausschließlich dann geweckt zu werden, wenn einst ein absolut furchtloser Held mutig genug wäre, den zu ihrem Schutz lodernden Flammenring zu überwinden. Siegfried hat keine Zweifel, dass er das ist, und bricht auf zum glühenden Felsen.

Das Versagen der Männer als Zusammenfassung

Fassen wir das Versagen der Männer bis dahin zusammen: Der Ziehvater hat niemals eine Beziehung zu seinem heldenhaften Findelkind aufbauen wollen, immer hatte er in ihm nur ein Werkzeug für seine eigenen Pläne gesehen. Siegfried hat eine Kindheit wie ein emotionaler Zombie und lehnt sich gewaltsam gegen diese Karikatur eines Pflegevaters auf. Der vorübergehende Besitzer des umkämpften Rings, der Riese Fafner, gibt den lächerlichsten Weltherrscher ab, den man sich vorstellen kann: als fauler, fetter Wurm hockt er schläfrig auf seinem Besitz, ohne jeden Gestaltungswillen, dumm und überheblich.

Eine trostlose Männerwelt am Stacheldraht: Matthias Klink (Mime), Daniel Brenna (Siegfried) Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Der Göttervater lässt der Gewalt ihren Lauf, setzt seine Allmacht nicht ein, um den fortdauernden männlichen Kreislauf aus Mord, Gier und Totschlag zu durchbrechen. Dabei hatte Wotan das ganze Übel in Gang gesetzt, weil er im ersten Teil der Serie, im „Rheingold”, die Riesen für den Neubau seiner eitlen Burg mit dem zum Ring geschmiedeten Schatz entgolten hatte.

Weltherrscher vegetieren in verfallenem Gemäuer

Die trostlose Welt, in der alle diese Männer ihr Unwesen treiben, ist in der Stuttgarter „Siegfried“-Inszenierung ein einziger Albtraum. Die wechselnden, selbstverliebten Weltherrscher vegetieren dahin in halb verfallenen Gemäuern und hinter löchrigen Zäunen, zerborsten sind die blinden Fensterscheiden, klapprig die Stühle, fleckig das Sofapolster. Tütensuppen bilden den Speiseplan, der Göttervater verbirgt sein mafiöses Wesen hinter einer billigen Sonnenbrille.

So also ist die deprimierende Lage nach fast drei Stunden auf der Stuttgarter Bühne, vor Beginn des 3. Aktes. Dann endlich tritt das Weibliche auf den Plan. Erst scheitert der Göttervater bei seiner Liebschaft Erda damit, sie in die Verantwortung für seine intriganten Pläne einzubeziehen. „Du bist nicht, was Du Dich nennst“, wirft sie dem gescheiterten Allmächtigen an den Kopf und wendet sich ab.

Der Held ist derangiert

Und dann endlich hat auch der kühne schöne junge Held Siegfried den Felsen der schlafenden Brünnhilde erreicht. Aber er ist derangiert. In den vergangenen Stunden hat er: erstens ein unbesiegbares Schwert geschmiedet, ist zweitens stundenlang durch den tiefen Wald gewandert und hat dort drittens ein Monster getötet, dabei viertens den Ring der Weltherrschaft für sich erobert. Nebenbei musste er noch fünftens seinen Ziehvater ermorden. Dann hat er sich – sechstens – noch eben durch das lodernde Feuer von Brünnhildes Felsen gekämpft. Verschwitzt und verdreckt dringt er in das wohlgeordnete Gemach der ersten Frau seines Lebens ein.

Das Ende ist zu schön , um es zu schildern …

Was dann passiert, ist in der Stuttgarter Aufführung des „Siegfried“ so schön geschildert, dass es sich zu erzählen verbietet. Zu erleben ist, wie das Ewig-Weibliche in uns allen mit sanfter Wucht hinwegrafft, einschmilzt, bedeutungslos macht, was dem Manne so wichtig erschien. Brünnhilde lässt das ganze übersteigerte Ego der Eitlen, die zerstörerische Gewalt der Machtmenschen, den Schrecken der Tyrannen und Bombenwerfer ganz wortwörtlich in der Schublade verschwinden.

Ach, wäre es schön, wenn die Welt so wäre. Aber wer wollte nicht dabei sein, wenn es doch geschieht? Auf in die Oper!

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Generalprobe am 7. Oktober 2022. 

 

„Siegfried“ an der Stuttgarter Oper ist noch zu sehen am 15. und 23.10., sowie am 1.11.2022. Am 10. März und 8. April 2023 ist er Teil von zwei „Ring“-Zyklen. Mehr Informationen zur Inszenierung auf der Webseite der Staatsoper Stuttgart: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/siegfried/

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, auch zwei Texte zu den ersten beiden Teilen des vierteiligen Stuttgarter „Rings“: Rheingold und Walküre.

Über den schicksalhaften Stuttgart-Aufenthalt von Richard Wagner im Frühjahr 1864 habe ich ein Essay verfasst: „Aber wir haben den Daimler“.

 

Die Unvergessliche mit den Riesentüren (#37)

Blau schimmert der Kubus, die ganze Front sind zwei Türen: Die moderne Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen.

Kath. Herz Jesu Kirche, Lachner Str. 8, 80639 München

Mein Besuch am 5. August 2022

Der gläserne Kubus schimmert in der Nachmittagssonne. Wer auf die moderne Herz-Jesu-Kirche im Münchner Stadtteil Neuhausen zutritt, bleibt stehen, denn diesen Bau muss das Auge erst einmal erfassen und begreifen. Das ist keine Kirche wie eine andere, das ist ein Solitär: Die komplette Front und auch alle Seiten sind außen verglast, die Front schillert bläulich. Erst auf den zweiten Blick versteht der Besucher: Das schlanke Stahlgerüst links daneben ist eigentlich ein Glockenturm. Und die Front ist gar keine Front, das sind die Türen, zwei Stück, würde man sie öffnen, wären sie jeweils sechszehn Meter hoch und mehr als zehn Meter breit. Was für eine Symbolik! Die Architekten dieses Baus (Büro Allmann Sattler Wappner in München) waren ihrer Zeit deutlich voraus, was den  Transparenzanspruch der katholischen Kirche angeht.

Das Innere der Kirche ist gebaut aus Holz, Stein und Licht. Der transparente Bau vermittelt Klarheit und Geborgenheit.

Diese radikale Totalöffnung der Kirche erfolgt allerdings nur an besonderen (Feier)-Tagen, so dass der Besucher in der Regel doch durch kleinere Türen den ganz in Holz und Stein gehaltenen Kirchenraum betritt. Aber auch dort dominiert das Transparente als Prinzip: Von jedem Platz der Kirchenbänke aus geht der Blick nicht nur in die Richtung des immer heller im Tageslicht stehenden Altarbereichs, sondern auch hinaus in die oft raue, öfter schöne, immer wahre Welt außerhalb dieses spirituellen  Schneewittchen-Sargs.

Ein Besuch dieser Kirche ist ein Erlebnis von Licht und Stille; kein Wunder, das sie inzwischen in jedem Stadtführer von München zu finden ist. Erbaut wurde sie in den Jahren 1997 bis 2000, nachdem die Vorgängerkirche abgebrannt war.

Ein Alphabet aus Nägeln: Wer es entschlüsselt, könnte darin die Passionsgeschichte lesen.

Entstanden ist ein Kirchenbau, der in die Zukunft weist: Transparent und offen, gleichzeitig durchaus heimelig und Geborgenheit vermittelnd, künstlerisch ambitioniert und religiös spannend. So hat der Künstler Alexander Beleschenko für die Front eigens ein Alphabet aus Nagel-Motiven entwickelt, Würde man es entschlüsseln, so könnte die Riesenfrontfläche auch noch Teile der Passionsgesichte nach dem Johannes-Evangelium erzählen. Damit wird sich keiner aufhalten, der durch diese Tür tritt. Ganz sicher aber vergisst auch keiner, der jemals dort war, einen Besuch in diesem Kubus. Jeden Umweg wert!

Eine gute Beschreibung der Kirche mit eindrucksvollen Bildern findet sich auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.erzbistum-muenchen.de/pfarrei/herz-jesu-muenchen/cont/75455

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

Der junge Mann ganz links oben

Mahlers fünfte Sinfonie, anders gehört

Der junge Mann sitzt ganz hinten, ganz oben auf dem gestuften Podium, äußerste linke Ecke, und er liest. Er liest, während die Orchestermusiker nach und nach die Bühne füllen, während Streicher die schwierigsten Stellen noch einmal üben, während die Bläser ihre Backen aufblasen, dem Ton nachhören, der da zur Probe herausquillt aus Holz oder Metall.

Er liest noch immer, ganz teilnahmslos, als sich der Saal füllt, als neugieriges Publikum der Musik entgegenstrebt. Er liest auch dann noch, während das Orchester beim Stimmen den richtigen gemeinsamen Ton sucht. Dieser junge Mann muss nichts stimmen. Er blickt kurz auf, als der Dirigent beifallumrauscht das Podium betritt. Dann liest er weiter.

Gustav Mahler (Radierung von Emil Orlik, 1902)

Erwartungsvoll beruhigt sich der Saal, ein letztes Rascheln, schuldbewusst geduckt huscht der notorische Trödler, der das Klingeln überhört hat, herein. Zur Aufführung kommt die 5. Sinfonie von Gustav Mahler, ein monumentaler Klangrausch, fast eineinviertel Stunden lang.

Sie beginnt mit der Trompete, und diese kündet militärisches Unheil. Der Trauermarsch hebt an. Was für ein gebrochener Trauermarsch ist das! Keine Kompanie der Welt könnte danach voranschreiten, sie müsste verharren im Selbstzweifel. Immer weniger rhythmisch, immer dissonanter verirren sich die Töne. Hören wir das schmerzhafte Weltgeschehen unserer Zeit, hören wir Mariupol, Charkiw oder Cherson? Es sind ernste Zeiten.

Welches Buch liest wohl der junge Mann ganz hinten?

Nun, im zweiten Satz, schwingen sich Mahlers Töne auf zu einer erschütternden Welterzählung von Stolz und Trotz, von Kraft und Niedergang. Zu hören sind Widerstreit und Kampf. Fort sind die Zweifel des fragilen Trauermarsches, jetzt wird gefochten! Ein wogendes Hin und Her durchwalkt das Orchester, die Celli geben den Ton an, hetzen zusammen mit den Bläsern die Töne in den Kampf, in eine existenzielle Auseinandersetzung. Aller Klang mündet in dissonant chaotisches Getümmel. Schon tönen erste Fanfaren, schon scheint die positive Energie der Töne die Oberhand zu gewinnen.  Wird das schon der Sieg? Nein, dafür ist es noch zu früh. Mahlers Töne erzählen den ultimativen Durchbruch noch nicht, sie bleiben stecken in der Weite der Steppen und Felder, in der trostlosen Ebene dieser Schlacht. Ermüdet vom Stellungskrieg verlaufen sich die musikalischen Kampfmotive in der Weite, schrecken zurück vor der Größe ihrer Aufgabe, die Töne versickern im Boden, die Takte enden im Nichts. Es ist noch nicht so weit.

Das Publikum hüstelt, das Orchester atmet durch.

Den jungen Mann links oben geht das alles nichts an. Er liest.

Wer hält das aus, immer nur Streit, Kampf, Militär, Krieg, Waffen? Niemand. Es braucht auch Momente des privaten Glücks. Im dritten Satz flüchten sich die Töne bei Gustav Mahler ins Private. Ein wirbelndes sorgloses Tanzgeschehen entfaltet sich für die vom Kriegsgetümmel wunden Ohren der Zuhörer, ein fröhlicher Ländler, ein wild wirbelnder Walzer tränken das nach Harmonie dürstende Gemüt. Es ist ein Moment der Meditation. Wehmütige Lieder durchziehen die stille Weite der Musik, ein einsames Horn bläst in den Wald hinein, bringt die Ruhe der Abenddämmerung zum Klingen.

Der junge Mann links oben liest weiter.

Gibt es noch mehr auf dieser Welt als die Wahl zwischen Getümmel oder Rückzug? Ja gewiss, die Liebe. Gustav Mahler hat den vierten Satz seiner 5. Sinfonie als zartschmelzende Liebeserklärung an seine Frau Alma geschrieben. Im Saal zirpen die Harfen, säuseln die Streicher. Es ist schwebende, liedhafte Musik, und sie klingt im Pianissimo aus. Die schöne Alma verstand damals die Botschaft, und das Paar heiratete 1902 in Wien. Alma war 23 Jahre alt und damit 19 Jahre jünger als ihr weltberühmter Mann. Sie war eine geachtete Musikerin und seit Jahren eine von prominenten Künstlern umworbene Erscheinung der Wiener Kulturgesellschaft, hochgebildet und talentiert. Ohne die Begegnung mit Gustav Maher wäre sie vielleicht selbst eine berühmte Komponistin geworden. Der Meister fürchtete ihr künstlerisches Talent so sehr, dass er sich vor der Eheschließung von Alma versichern ließ, dass sie als seine Frau mit dem Komponieren aufhören würde. Alma fügte sich in dieses Schicksal, der Ehe taten solche Vorgaben erwartungsgemäß nicht gut.

Wie mag es um die Liebe stehen für den jungen Mann oben links?

Jetzt blickt er auf und hört hinein in die letzten verhallenden Töne. Dann blättert er lautlos um. Fast eine Stunde ist nun schon vergangen.

Nochmal hebt der Dirigent den Taktstock. Die Trompeten rufen zurück in den Kampf, verhalten noch am Anfang, aber dann steigert sich das musikalische Geschehen zum tosenden Finale. Vorbei ist die Phase des Privaten, vorbei das zerbrechliche Glück der Liebe. Jetzt geht es wirklich um den Triumph, die tönenden Soldaten ziehen hinaus und erringen den Sieg. Ihr dissonantes Schlachtengetümmel tobt mehr als zwanzig Minuten, schwillt ab und wieder auf, rennt an gegen die Bollwerke, die es zu überwinden gilt.

Dann ist die Entscheidung zum Greifen nah, die Widerstände erlahmen, alles geht über in ein sich ordnendes Zusammentosen der streitbaren Töne, es naht der ersehnte Gleichklang des Triumphs. Die Zuhörer halten den Atem an, weil sie wissen, dass jetzt gleich der finstere Krieg vorbei sein wird, dessen Zeugen sie hier sind. Dem ganzen Mühsal wird Jubel folgen.

Der junge Mann steht auf

Es ist dieser Moment kurz vor Schluss, in dem der junge Mann links oben das Buch zur Seite legt und aufsteht. Er greift sich einen bereitliegenden metallenen Schlegel und wippt sich hinein in den Takt der Musik. Noch ist er still, während das ganze Orchester walkt und tobt, der Dirigent die Streicher in den anschwellenden Klang peitscht, die Bläser fordert, die Celli und Bässe in ihren dunklen, sägenden Rhythmus treibt.

Der reguläre Schlagwerker des Orchesters, der sich nun schon seit mehr als einer Stunde neben seinem lesenden Kollegen abgemüht hat, die Trommeln des Trauermarsche geschlagen hat, mit Becken und Holzklappern dem Wirbel des Tanzes gedient und für den Rhythmus des Kampfes gesorgt hatte, greift nun, im Moment der anschwellenden Ekstase, zum Triangel. Sanft schlägt er es an, ganz sachte nur, und doch entlockt er damit diesem metallenen Dreieck, dem Mauerblümchen unter den Orchesterinstrumenten, das nur einen einzigen Ton erzeugen kann, genau diesen: ein erstes, hell glänzendes „Pling“. Sogleich erstirbt der Engelston wieder, aber ein weiteres zartes Anschlagen lässt es wieder aufleben, und dann noch einmal und noch einmal.

Es ist das Triangel, das die Musik glänzen lässt, das ein Glitzern in den Saal zaubert. Aber für Gustav Mahler war es noch immer nicht genug. Deshalb saß der junge Mann, ganz außen, links oben, die ganze Zeit bereit. Nun, dreißig Sekunden vor dem Ende des großen Werkes, greift er ein, er schlägt ein zweites Triangel an, wieder und wieder, und so glitzern sie doppelt, glasklar rein, winzig klein und doch strahlend hörbar im weiten Rund des Saales. Die beiden Triangel jubeln heraus zwischen Trompeten und Pauken, strahlen zwischen den Streichern und Bläsern, sie begleiten den Jubel des alles verschlingenden Schlussakkordes ins Ziel.

Dann ist Stille.

Der Beifall rauscht auf. Und er gilt auch dem jungen Mann links oben. Ein Mensch mit Geduld und Demut, einer, der sich nicht wichtig nimmt, und deshalb wichtig ist.

 

 

Das beschriebene Hörerlebnis war mir im Rahmen einer moderierten Probe gegönnt, die ich Anfang September 2022 im Haus der Rundfunks Berlin miterleben konnte. Es spielte das Radio-Sinfonie-Orchester Berlin unter Leitung von Vladimir Jurowski, der auch erhellende Erklärungen zu dem Werk gab, die ich verwendet habe.

Wer sich Mahlers Fünfte anhören möchte, kann das zum Beispiel hier tun (Luzern Festival Orchester unter der Leitung von Claudio Abbado, Aufnahme von 2004): https://www.youtube.com/watch?v=vOvXhyldUko . Im Netz sind zahlreiche Mitschnitte frei verfügbar. Man darf auch vor-scrollen auf die letzten Sekunden, um die beiden Triangel zu hören – zu sehen sind sie jedenfalls in dieser Aufnahme nicht nicht.

Dem Triangel und dem Schicksal der Triangel-Spieler im Orchester hat Georg Kreisler ein unvergessliches Lied der Wehmut gewidmet, das man nicht versäumen sollte: https://www.youtube.com/watch?v=deDqQn_x3sU

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Rätselhafter Schiffbruch (#36)

Inselkirche Langeoog, Hauptstraße 15a, 26465 Langeoog

Mein Besuch am 30. August 2022

Schiffbruch im Altarbild: Das mutige Werk von Hermann Buß lässt den Besucher rätseln.

Die einfache Backsteinkirche dominiert das Ortsbild des in die Dünen hineingeduckten Ortes Langeoog auf der gleichnamigen ostfriesische  Insel, die seit Jahren eines meiner Urlaubsziele ist. Vor einem Jahr habe ich in meiner Sammlung über die am Ortsrand gelegene, moderne katholische Dünenkirche St. Nikolaus geschrieben, diesmal geht es um die im Ortskern deutlich zentraler platzierte evangelische Inselkirche.

Die Kirche ist schon der fünfte Kirchenbau auf dem windigen Eiland, einer seiner Vorgänger wurde in einer Sturmflut zerstört, andere waren für den anschwellenden Tourismus zu klein geworden. Die heutige Kirche stammt aus dem letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, ist schlank und schmucklos, mit Holzdecke und einer breiten hölzernen Empore, die eine moderne Orgel von 1992 trägt, erhellt durch das Tageslicht, das durch die klaren, nicht farbigen Fenster strömt. Insgesamt ein stimmiges, aber eher zurückhaltendes Raumerlebnis.

Insgesamt ein eher zurückhaltender Raumeindruck: Die Inselkirche von Langeoog bliebe kaum in Erinnerung, wäre da nicht das Altarbild.

Das Highlight der Kirche ist ihr Altarbild. Das 1989 von Hermann Buß geschaffene Gemälde ohne Titel zeugt von bewunderungswürdigem Mut der Kirchengemeinde: In die neugotische Fassung hat der Künstler ein Bild hineingemalt, das auf den ersten Blick keinerlei sakrales Motiv zeigt, sondern eine Schiffbruch-Szene andeutet, eine Menschenmenge davor, vom Betrachter abgewandt, und davor wiederum ein offenbar soeben verlassener Tisch. Ein Abendmahl?

Das rätselhafte Bild, das wohl auch als solches konzipiert ist, hat mich nicht losgelassen bei meinen besuchen in der „Inselkark“, wie sich das Gotteshaus auf friesisch selbst nennt. Auch während einer Orgelmeditation, die ich dort erleben durfte, war der Blick immer auf das Bild gerichtet, das sicherlich der ungewöhnlichste Altareindruck ist, den ich bisher jemals in einer Kirche hatte.

 

Sehr gut zusammengestellte Informationen zur Inselkirche auf der Website der Kirchengemeinde: https://www.inselkark.de/Inselkirche/inselkirche.htm

Die Schmetterlinge sterben überall

Über die Oper „Madame Butterfly“, derzeit auf der Seebühne Bregenz

Die junge alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Als Teenager hatte sie viel zu früh geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht. Nein, sie war nicht dumm verführt worden, sondern war hemmungslos verschossen gewesen, verliebt in diesen prächtigen und mächtigen fremden Mann, aber auch in ihre eigene Hoffnung auf ein neues, ein spannenderes, anderes Leben außerhalb ihrer gewohnten Welt.

Die junge Frau träumt von einem besseren Leben in Amerika und glaubt an ihre Liebe. Aber sie wird enttäuscht werden. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Nun aber ist der Mann schon drei Jahre fort. Zurückgereist war er in sein Heimatland. Und es ist unklar, ob und wann er wieder zu ihr und dem kleinen Jungen zurückkehren wird. Schonend möchten Wohlmeinende der jungen Frau beibringen, dass weitere Hoffnung sinnlos ist. Der Mann ist weg, sie soll sich damit abfinden, sich der Realität stellen, einem anderen Leben zuwenden. Verarmt, müde, ausgelaugt von den Anstrengungen der ewigen Hoffnung schwankt die junge Frau. Ob es nicht wirklich besser wäre, diesem Rat zu folgen?

Im Moment des Zweifelns schlägt die Hoffnung zu

Aber da, in diesem Moment des Zweifelns, der möglichen Hinwendung zur bitteren Realität, des Abschieds von der schönen Illusion – da geschieht das Wundergleiche. Vom Hafen her klingt die Sirene eines Schiffs. Salutschüsse der Begrüßung ertönen. Mit bangem Blick entziffert sie in der Ferne den Schriftzug am Bug. Und ja, tatsächlich, es trägt den stolzen Namen und das Banner des Heimatlandes ihres so sehr herbeigesehnten Mannes!

Unfassbares Hoffnungsglück steigt in ihr auf. Der Strudel der Illusionen erfasst sie und reißt sie heraus aus der Verzweiflung. Ha, habe ich es Euch nicht gesagt!, triumphiert sie. Ihr ewigen Miesepeter, Ihr kalten Pessimisten!, schnauzt sie die verbliebene Schar ihrer Getreuen an. „Gerade in den Augenblick, da jeder gesagt hat: Weine und verzweifle!“ – gerade da kommt er zurück zu mir, zu meinem Kind, zu meiner Liebe, zu seiner Familie. Alles wird gut werden, wie ich es immer schon gesagt habe!

Aber sie irrt. Im weiteren Verlauf der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini erleben wir, dass es genau dieser Moment der Hoffnung ist, der die junge Frau erst recht hinabstürzen wird in den Abgrund enttäuschter Emotionen und auswegloser Trostlosigkeit. Zwar ist der Langerwartete tatsächlich an Bord dieses Schiffs. Aber er will nicht zu ihr zurückkehren. Er wird ihr das Kind nehmen, ihren stärksten Trumpf im Kampf um den Mann, damit er es in seiner Heimat erziehen lassen kann.

Auf der Seebühne gibt´s reichlich Kitsch und Klischees

Der Mann aus der Fremde in dieser Geschichte ist Amerikaner. Die Oper ist um 1900 entstanden, sie spielt in einer von Puccini (und seinen Librettisten und einigen Autoren vor ihm) nach westlichen Vorstellungen erdachten Karikatur eines traditionalistisch-rückständigen Japan. In diesem (und im nächsten) Sommer ist das Schicksal der Butterfly in einer Neuinszenierung auf der spektakulären Seebühne von Bregenz zu sehen, die mit ihren gewaltigen Ausmaßen so gar nicht geeignet erscheint für ein intimes Kammerstück, wie es die Liebes- und Enttäuschungsgeschichte der Butterfly eigentlich ist.

An Japan-Klischees wird nicht gespart auf der Seebühne. Die Bilder sind etwas für´s Auge, aber die Geschichte darf man auch zeitkritisch sehen und hören. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Die Inszenierung von Andreas Homoki auf der Seebühne gerät denn auch in vielen Szenen und Lichteffekten arg kitschig und lässt kein Japan-Klischee aus. Das mag eine notwendige Konzession an den Massengeschmack dieses Sommerspektakels sein. Trotzdem ist das Spiel auf der Riesenbühne, ihre technischen Effekte, die schiere Wucht des Großen also, ein eindrucksvolles Erlebnis. Hoch anzurechnen ist Homoki, dass er ganz bewusst und deutlich Puccinis Werk trotzdem nicht nur als romantisch enttäuschende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch als das, was es ist: ein bitteres Märchen des Kolonialismus.

Das trügerische Liebesversprechen des Westens

Wer möchte, kann das Schicksal der „Butterfly“ also auch so wahrnehmen: Es geht es um hoffnungstrunkene Erwartungen in das trügerische Liebesversprechen des Westens, um die bedingungslose Hinwendung einzelner Schwächerer zum Stärkeren. Ängstlich fragt die junge Butterfly noch ihren fremden Mann, ob es in seiner Heimat nicht üblich sei, gefangene Schmetterlinge mit einer Nadel zu durchbohren und auf eine Tafel zu heften? „Damit er nie mehr flieht“, antwortet der Amerikaner.

So, wie sich die junge Butterfly im Rausch verzweifelter Hoffnung an die Ankunft des amerikanischen Schiffs klammert, so versuchten vor einem Jahr in Kabul Menschen im letzten Moment an Bord startender Flugzeuge zu gelangen, existenziell bedroht in ihrer enttäuschten Verbundenheit zu den abziehenden Amerikanern.

An unseren Versprechen sterben die Hoffnungen

Butterfly geht daran genauso zugrunde, wie die Hoffnungen der Menschen, die in den letzten Jahren die Werteversprechen des Westens zu ihrer Orientierungslinie gemacht haben. Aktuell sind es die Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich auf unsere Versprechungen der Solidarität verlassen. Werden wir sie halten?

Wer diese Oper so hören kann, kann in ihr auch den unerschütterlichen Lebensmut der demokratie-gläubigen Aktivisten und Frauenrechtlerinnen in Belarus und Russland vernehmen, oder die Stimmen mundtot gemachter Kreativer, verbotener Künstler in China und anderswo, die allesamt darauf hoffen, dass die angeblich globalen, unveräußerlichen Menschenrechte ihnen als  Werteversprechen der Weltgemeinschaft ein rettendes Schiff sein mögen.

Es sind viele Mauern und Zäune in unserer Welt, viele Boote im Mittelmeer, Lager auf griechischen Inseln und anderswo, wo Menschen leiden und sterben an enttäuschten Hoffnungen, die wir geweckt haben. Und leider: Die Schmetterlinge sterben überall.

 

Die „Madame Butterfly“ auf der Seebühne Bregenz gibt es dieses Jahr noch bis 21. August nahezu täglich: https://bregenzerfestspiele.com/de/programm/madame-butterfly.

Die Inszenierung vom Bodensee ist bis 15, Oktober 2022 in einer Videoproduktion kostenlos zu sehen in der ZDF-Mediathek (und so habe ich auch ich sie gesehen): https://www.zdf.de/kultur/aspekte/von-der-seebuehne-bregenz-madame-butterfly-100.html

Eine ausführliche Inhaltsangabe und zur Werksgeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Madama_Butterfly

Weitere Texte zu Opern, in denen ich mich vor allem mit dem zeitkritischen bezu von Inszenierungen auseinandersetze finden Sie unter meiner Kategorie #Kulturflaneur, zum Beispiel über La Traviata von Verdi und die Ring-Teile Das Rheingold und Die Walküre von Richard Wagner.

 

 

Uralt, und niemals fertig (#35)

Hoher Dom St. Martin, Markt 10, 55116 Mainz

Mein Besuch am 13. Juli 2022

Es gibt Kirchen, die beeindrucken mit ihrer schieren Größe, mit der Weite der Hallen, mit der himmelwärts strebenden Höhe ihre Säulen, die ein Dach tragen, das sich, dem Himmel gleich, unerreichbar über dem Besucher wölbt. Groß in diesem Sinne ist der Dom von Mainz auch, ein gewaltiges, verschachteltes Raumprogramm aus Lang- und Querhäusern, Seitenkapellen, Krypten, Nebengebäuden und einem Kreuzgang.

Geschichtsunterricht in Stein – das verspricht ein Besuch des Mainzer Doms. Man kann die Kirche aber auch als Symbol dafür erleben, dass sich Veränderung lohnt, wenn man standhalten möchte über ein Jahrtausend.

Aber groß ist diese Kirche vor allem durch seine buchstäblich ins Unbekannte zurückreichende Baugeschichte; erste Ansätze für ein Gotteshaus an dieser Stelle werden für das Jahr 400 n. Chr. vermutet; die „engere“ Baugeschichte dieser Kirche reicht mindestens bis vor das Jahr 1000 zurück. Seither ist dieses Gotteshaus in ungezählten Schritten verändert, umgebaut, erweitert worden, seine Ausstattung wurde dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst und wieder entfernt, der Bau war Opfer von Bränden, absinkendem Rheinwasser, Bomben. Wer den Dom von Mainz besucht, begibt sich in einen steinernen Geschichtsunterricht und kann dort Stunden verbringen, und wird doch immer wieder vor allem eines entdecken:

Dass wir alle Teil ständiger Veränderung sind, dass diese Kirche, so wie unsere ganze Welt,  niemals „fertig“ war oder sein wird, dass es immer weiter gehen kann, solange wir die Kraft aufbringen, das zu achten, was wir übernehmen, und es besser an diejenigen zu übergeben, die nach uns kommen.

So sollte es jedenfalls sein, ging mir durch den Kopf beim kühlen, dunklen Rundgang durch das Riesengebäude, beim Staunen über Jahrhunderte alte Altäre und Gräber, während darüber der Einbau einer hochmodernen, mehrteiligen, elektronisch gesteuerten Orgel vonstatten geht. Aber natürlich gibt es auch dazu keine Gewissheit; viele Kulturen sind einfach untergegangen, wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Der Dom hier hat Stand gehalten über mehr als tausend Jahre. Die zwischen eigenem Versagen, historischer Schuld und grassierendem Materialismus zerbröselnden Kirchen  (jetzt die Institutionen, nicht die Gebäude) brauchen solche Symbole dringend, genauso wie eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, vor den Herausforderungen von Klimakatastrophe, Wohlstandsgefährdung und kollabierender Welt- und Werteordnung zu kapitulieren.

Ihnen allen sagt dieser Dom: Veränderung lohnt sich, und der Lohn ist Beständigkeit im Vergänglichen.

 

Über den Dom St. Martin in Mainz gibt es ganze Bücher. Eine gute Zusammenfassung der Baugeschichte fand ich hier: https://bistummainz.de/dom-mainz/bauwerk/architektur/

Nach dem Besuch des Mainzer Domes habe ich einen Spaziergang bis St. Stephan gemacht, eine Kirche, die mich mit der Pracht ihrer Kirchenfenster (z.T. von Marc Chagall) tief beeindruckt hat: https://vogtpost.de/sankt-stephan-mainz/30/07/2022/; weitere persönliche Eindrücke von Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

Ein Farbeindruck von magischer Fülle (#34)

St. Stephan, Kleine Weißgasse 12, 55116 Mainz

Mein Besuch am 13. Juli 2022

Es war ein strahlender, heißer Sommertag, an dem  ich durch Mainz vom „Kaiserdom“ hinauf zu St. Stephan ging, und als ich dann die Kirche betrat, waren es die Fenster, nur das blaue Licht der Fenster, die mich empfingen. Blau sei eine „kalte Farbe“ heißt es ja immer; ich konnte mit dieser Kategorie noch niemals viel anfangen. Bei 35 Grad draußen jedenfalls war jede Form von Kühle willkommen, und die vollständig in blau getauchte Kirche kam gerade recht.

St. Stephan in Mainz: Detail aus einem der Chagall-Fenster

Ein Zeichen der jüdischen Versöhnung mit Deutschland wollte der aus einer orthodox-jüdischen Familie stammende Künstler Marc Chagall (1887 – 1985) setzen, in dem er sich in seinen späten Jahren bereiterklärte, für St. Stephan in Mainz Kirchenfenster zu gestalten. Es blieb die einzige Kirche in Deutschland, die eine solche versöhnende Auszeichnung erhielt, überhaupt das einzige Bauwerk unter Beteiligung Chagalls auf deutschem Boden. Nach dem Holocaust hatte sich der Künstler von Deutschland abgewandt. Dem Mainzer Pfarrer Klaus Mayer, selbst Sohn eines jüdischen Kaufmanns und der Vernichtung durch die Nationalsozialisten nur knapp entkommen, war es zur allgemeinen Überraschung gelungen, den berühmten Künstler doch noch  für sein Gotteshaus zu gewinnen. Chagall zeichnete die Entwürfe für neun Fenster in Mainz. Die letzten davon wurden im März 1985 eingebaut, kurz nach seinem Tod. Damit ein gläsernes Gesamtkunstwerk entstehen konnte, fehlten allerdings noch mehr als 200 Quadratmeter Glasfläche. Diese füllte Chagalls Freund und Leiter der Glaswerkstätte in Reims, Charles Marq, wo auch schon die Chagall-Fenster entstanden waren. Die letzten Fenster von Marq wurden im Jahr 2000 eingebaut.

Eine Kirche in blau: St. Stephan ist ein gläsernes Gesamtkunstwerk, ein magisches Lichtspektakel.

Entstanden ist ein überwältigender Lichteindruck, der die restliche Kirche überstrahlt. Mit einigen Tagen Abstand habe ich kaum noch eine andere Erinnerung an diese Kirche als das Licht, das blaue Licht, ein Farbeindruck von magischer Fülle. Wie mag sich diese Kirche am Abend anfühlen, oder wenn es draußen regnet? Ich werde wiederkommen müssen.

 

Gut zusammengefasste Informationen zu St. Stephan finden Sie auf der Webseite der Kirchengemeinde: https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/kirche/

… und über das wechselhafte Leben des Künstlers Marc Chagall u.a. bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Chagall

Mehr Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier, auch über den Dom St. Martin in Mainz.