Aleyna und die Türken vor Wien

Eine Erzählung

(1)

Nein, sie prüft nicht mit dem tausendfach geübten Griff noch einmal den korrekten Sitz ihres Kopftuches, sie unterdrückt diesen Impuls. Sie weiß ja, dass es dort ist, wo es hingehört. An die Stirn zu greifen, um sicher zu sein, dass kein vorwitziges Haar sich herausgearbeitet hatte in den letzten Stunden, vielleicht auch nur Minuten; diese Gewohnheit kannte sie seit jenem Tag, an dem sie ihr schwarzes, kräftiges Haar erstmals unter dem Kopftuch verborgen hatte. Der prüfende Griff war zu einem Teil ihres Alltags geworden, eine Routine, meist überflüssig. So auch jetzt, da sie die große Kirche betritt, zusammen mit einem Strom anderer Touristen.

Symbolbild KI-generiert

Aleyna blickt sich um. Der Wiener Stephansdom ist nicht die erste christliche Kirche, die sie besucht, sie kennt die hochstrebenden Säulen der Gotik, das glitzernde Gold und die Schnörkel des Barock; ihr sind die christlichen Symbole halbwegs vertraut, die Kreuze, das Blut, die rätselhaften Darstellungen. Aleyna ist ja schließlich in einem Alpendorf im Salzburger Land aufgewachsen; jeden Sonntag waren es die lauten Kirchenglocken der Mehrheitsgesellschaft gewesen, die sie aus dem Schlaf geschreckt hatten. Bis heute holten dann die alten Leute ihre besten Kleidungsstücke aus dem Schrank, um damit in die Kirche und anschließend ins Wirtshaus zu gehen. Staunend hatte sie als Kind aus dem Fenster den Strom der verkleideten Christen zu ihrem Gottesdienst beobachtet.

In der dritten Klasse war sie dann mit der Schule auch selbst zur Besichtigung in dieser Kirche gewesen, begleitet von der Lehrerin, die irgendwelche Bilder erläuterte. Sie hat davon vor allem in Erinnerung, dass sie sich eingeschüchtert gefühlt hatte in diesem Raum, der angefüllt war von einem merkwürdigen, kalten, abgestandenen Geruch.  Diese Kirche, an der sie immer vorbeiging, wenn sie zum Schulbus eilte, der Klang ihrer Glocken, die Nachbarn beim Kirchgang – irgendwie gehörte das alles zu ihrer Heimat, und doch auch zu einer fremden Religion, die nicht die ihre war.

Aleyna war früher immer freitags mit den Eltern zur Moschee in die nächste Kreisstadt gefahren, der Vater mit schwarzer Jacke und die Mutter mit einem frischen Kopftuch, das sie auch sonst trug, wenn sie außer Haus ging. Als Kind hatte sie diese Ausflüge sehr gemocht, wollte gerne mit den anderen Mädchen barfuß zusammen bei ihren Müttern hocken, während die Väter weiter vorne auf dem Boden saßen, die Beine unter sich, und einem fremden Mann zuhörten. Aleyna hatte es immer sehr lustig gefunden, die Unterseite der Socken der Männer anzugucken, und zusammen mit ihren Freundinnen die Löcher zu zählen. Ihre Mutter hatte dazu gelächelt.

Später dann, Aleyna war schon fast erwachsen, war damit Schluss. Immer genau am Freitag trafen sich damals ihre Freundinnen, egal ob muslimisch oder nicht, zu gemütlichen Abenden, mit Seriengucken und Mädchengetuschel. Das war ihr wichtiger gewesen. Ihre Eltern hatten diese Entscheidung wortlos hingenommen. Ziemlich zur gleichen Zeit hatte Aleyna auch damit begonnen, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Ihre Eltern hatten sie dazu nicht gezwungen, aber gefreut hatten sie sich schon.

Das alles liegt nun schon zehn Jahre zurück. Inzwischen ist Aleyna verheiratet, und jetzt ist es ihr Mehmet, der sich über das Kopftuch freut. Ob sie es deshalb weiterhin trägt? Sie weiß es selbst nicht. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, aber nicht nur … die Religion unterscheidet sie eben von den meisten Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat. Es ist ihr Bedürfnis und Stolz, diesen Teil ihres Lebens auch öffentlich zu zeigen, obwohl sie sonst wenig mit den Ritualen ihrer Religion anfangen kann. Sie fühlt sich als ganz normale Frau. Heute zum Beispiel, an diesem Wochenende in Wien, ist sie einfach eine Touristin, wie Tausende andere in dieser Stadt. Mehmet und sein Bruder sind beim Fußballgucken. Und sie will den weltberühmten Dom sehen, die große Kirche mit dem bunten Dach.

(2)

Aleyna versucht sich zu orientieren, während Menschen um sie herumwuseln. Himmelwärts stürmen die Säulen, schwindelerregend, auf die Schnelle nicht abschätzbar in ihrer Zahl. Fast unermesslich streckt sich der große graue Raum in die Länge, bunte Fenster in der Ferne. Kerzen flackern. Viele, sehr viele Menschen strömen durch dieses prächtige Haus ihres Gottes. Sind das alles Christen? Jedenfalls tragen die Frauen keine Kopftücher, dafür kurze Hosen und schulterfreie Tops, und die Männer schlendern mit Händen in den Hosentaschen zwischen den Säulen herum. Respektlos findet das Aleyna. Männer eben. Alle tragen Schuhe, was sie noch immer befremdlich findet in den Kirchen der Christen.

Wo ist hier ein ruhiger Platz? Immer wieder bleibt Aleyna stehen, legt den Kopf in den Nacken, staunt über die Höhe des Gewölbes, das sich über ihr schließt. Aber ständig muss sie zur Seite treten. Sie lässt sich treiben zwischen den mächtigen Säulen, hört bald nicht mehr auf das ständige Rauschen, das vom Gemurmel der vielen Menschen kommt. Aufgeregte Besuchergruppen und gelangweilte Schulklassen ziehen an ihr vorbei, fremde Sprachen der Guides dringen zu ihr vor und verschwinden wieder im weiten Raum.

Dann spült sie der Menschenstrom in eine Nische, die sie für einen Moment für sich alleine hat.. Aleyna findet sich vor drei schlecht ausgeleuchteten Figuren wieder, die sie zunächst nicht deuten kann. Eine Marienfigur im Goldkranz ist da zu sehen, und irgendwelche Heilige oder Feldherrn, Männer eben, links und rechts von ihr. In der Mitte eine Marmortafel. Aleyna liest den ersten Satz: „Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria“.

Türkische Not? Aleyna war immer eine aufmerksame Schülerin gewesen, auch wenn es trotzdem nur für die Realschule gereicht hatte. Ihre Erinnerungen sortieren sich. Gemeint war hier wohl nicht eine Not der Türken, sondern eine Not vor den Türken? Von einer Belagerung, von den „Türken vor Wien“ hatte sie schon gehört in der Schule, da ist sie sich sicher.

Türkische Not! Bis heute fühlen sich manche von ihresgleichen belagert, obwohl die allermeisten Menschen mit türkischen Wurzeln längst gute Österreicher sind. Sie kennt die dummen Sprüche über ihr Kopftuch, meist von Menschen, die keine Ahnung haben vom Islam. Türkei, das war die Heimat ihrer Eltern gewesen, dorthin war Aleyna in ihrer Kindheit jedes Jahr in den Sommerferien gefahren, eine endlose Auto-Langweilerei. Stundenlanges Sitzen auf der vollgepackten Rückbank, ein schlecht gelaunter Vater am Steuer. Seit sie verheiratet ist, war sie nicht mehr in der Türkei gewesen.

Noch einmal schaut sie genau hin, liest die Marmortafel ganz. Kein Zweifel, sie steht vor den Resten eines Denkmals, das dazu gedient hatte, der Mutter ihres christlichen Gottessohns, dafür zu danken, dass die Belagerung Wiens durch die Soldaten des Osmanischen Reiches erfolglos gewesen war. Aleyna schüttelt den Kopf. So lange her, und diese traurigen Figuren sind ja auch nur ein Rest. Im Weltkrieg war das Denkmal zerstört worden, weil die große Glocke der Kirche draufgefallen war. Recht geschieht es ihnen, grinst Aleyna.

(3)

Dann wendet sie sich herum und erschrickt: Da steht ja schon wieder einer Maria! Aber diese hier, die hat keinen Goldkranz und auch keine Krone, sie ist einfach nur eine wunderschöne Frau aus Stein. Ihr Kind hält sie auf dem Arm, vorwitzig greift der Bub nach dem Schmuck am Kleid seiner Mutter. Aleyna schaut ihr lange in die Augen. Blickt sie zurück? Aleyna macht einen Schritt rückwärts und entdeckt, dass die lebensgroße Statue beschildert ist. Sie liest und kann es nicht glauben, was da steht. „Dienstbotenmadonna“, entziffert sie im Halbdunkel der Kirche die Plakette am Fuß der Statue, und sie muss es gleich nochmal lesen, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irrt: „Dienstbotenmadonna“.

Die „Dienstbotenmadonna“, Stephansdom in Wien (ca. 1320).

Sie holt ihr Handy aus der Handtasche und googelt das Wort. Sofort ploppen viele Seiten auf, und Aleyna erfährt, dass diese Marienfigur im Wiener Stephansdom einst aus Reue geschaffen worden sei. Vor – Aleyna rechnet im Kopf und reißt die Augen auf:  vor siebenhundert Jahren! – habe eine Herrin ihre Magd zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, und mit der Stiftung der Madonna habe sie dafür Abbitte leisten wollen. Seither würden in den frühen Morgenstunden die frommen Wiener Dienstboten ihre Gebete vor dieser Madonnenfigur verrichten. Daher der Name.

Noch einmal blickt sie der Maria ins Gesicht, die vielleicht so alt sein könnte wie sie selbst. Was für eine schöne Frau, und was für eine schöne Geschichte! Sogar eine Art Kopftuch trägt sie! Eine Beschützerin, eine Hoffnungsfrau für Putzfrauen und Köchinnen, für Zimmermädchen, Näherinnen und Waschfrauen. Und würden sie heutzutage an irgendetwas glauben, dann kämen jetzt wohl die vielen Frauen aus den Nagelstudios, die schlecht bezahlten Paketzusteller, die müden Kämpferinnen von der Supermarktkasse zu ihr. Oder auch wir aus der Altenpflege, fällt Aleyna ein. Übermorgen um sechs Uhr wird ihre nächste Schicht beginnen. Bis dahin hat sie noch zwei freie Tage hier in Wien.

Sie berührt, ganz sanft, mit nur einem Finger, diese steinerne Maria, die Dienstbodenheilige, an ihrer blanken rechten Hand; sie spürt die Glätte des Marmors, sanft und kühl und Jahrhunderte alt.

„Und Du hast also die Wiener vor uns Türken beschützt?“, murmelt sie. „Glaub ich nicht.“

 

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Mehr über die zweimalige Belagerung Wiens durch die Truppen des Osmanischen Reiches finden Sie auf Wikipedia. Weitere Informationen über die „Dienstbotenmadonna“ hier. 

 

 

Was Bürger in Bewegung bewirken können

Über Löcher und Denkmäler am „Eisernen Vorhang“

„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.

„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.

Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?

Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).

Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.

Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem  burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum;  Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.

Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren

Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.

Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.

„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron

Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten

Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.

Mehr zum „Paneuropa-Picknick“ am 19. August 1989 und zu den Ereignissen rund um die Brücke von Anbau im Herbst 1956 finden sie z.B. bei Wikipedia.

Über die Schwierigkeiten und den den Stand rund um das geplante Denkmal zur Deutschen Einheit „Bürger in Bewegung“ in Berlin informiert u.a. ein guter Dokumentarfilm des RBB, der in der ARD-Mediathek noch bis 10.10.26 verfügbar ist. 

Mehr Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, als #Politikflaneur hier.

 

 

 

Eine Aura kann man nicht ausstellen

Friedrich Silcher und die Musiker-Museen in Deutschland

Friedrich Silcher, dem Großmeister des deutschen Liedgutes der Romantik, war mehr als 100 Jahre ein Museum gewidmet – vor einem Jahr wurde es geschlossen. (Foto: Christoph Friedrich Dörr – Ausschnitt aus dem sog. „Hochzeitsbild“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1423045

Wie klingt Deutschland? Ganz gewiss vielstimmig: laut und trotzig, wie auch leise und schüchtern. Deutsche Musik klingt gleichermaßen nach glasklarem Barock wie nach ruppigem Deutschrap, lärmt mit Rammstein, träumt von 99 Luftballons, fährt, fährt, fährt mit Kraftwerk auf der Autobahn, und singt sich atemlos.

Deutschland klingt auch nach Friedrich Silcher: „Alle Jahre wieder“ singen die Kinder zu Weihnachten, und der eine oder andere Erwachsene wird mitbrummen. „Ännchen von Tharau“, oder das Lied der Loreley, und schließlich „Muss i denn, muss i denn …“ – alles deutsche Lieder, an deren Erhalt und Vertonung der schwäbische Komponist Friedrich Silcher (1789 bis 1860) entscheidend beteiligt war. Silcher war einmal ein ganz Großer seiner Zeit. Auf einer Ansichtskarte von 1900 wird er in einer Reihe genannt mit Schiller, Zeppelin, Kepler, Uhland und Mörike. Hunderte Straßen und Plätze, Schulen, Konzertsäle und andere Gebäude sind nach ihm benannt. Mehr als hundert Jahre lang wurde ihm in seinem Geburtsort, in Schnait unweit von Stuttgart, ein eigenes Museum gewidmet. Seit einem Jahr ist es geschlossen, und es wird auch nicht wieder eröffnet, sondern aufgelöst. Es ist das Ende eines „Musikermuseums“. Gesucht werden neue Ansätze, um die Erinnerung an den Komponisten aufrecht zu erhalten, am 25. April 2026 wird ein Versuch dazu unternommen. Es gründet sich in Tübingen eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft.  (Link führt zur Seite der Silchergesellschaft auf Instagram)

Wer sind Musiker? – Nicht die, denen Museen gewidmet sind

Also eine Gesellschaft, aber kein Musikermuseum mehr für Friedrich Silcher. Schon der Begriff „Musikermuseum“ ist bestürzend irreführend. Letztlich gibt es fast so viele Musiker in Deutschland, wie es Menschen gibt, Abermillionen, mitten im Leben, nicht in einem Museum. Es gibt die Trompeterinnen in der Blaskapelle, die Posaunistinnen auf dem Kirchturm, die ungezählten Chorsängerinnen, die Kammermusikerinnen, die sich abends in ihren Wohnzimmern treffen. Es gibt die Akkordeonspielerinnen und die Flötistinnen – und es gibt diese alle auch noch in männlicher Form. Händeringend suchen laute Bands aller Altersgruppen nach gut isolierten Übungsräumen, zirpen leise Gitarren aus Kinderzimmern, grübeln Menschen über die nächste Note ihrer Komposition, üben sich Hobby-Rapper in den richtigen Rhythmus ihrer Worte hinein. Es klingt und spielt in Deutschland allerorten, und alle diese Musizierenden gemeinsam sind auf der Suche nach dem richtigen Ton, der richtigen Taste, dem gesuchten Ventil, der perfekten Lippenspannung.

„Es kann doch wohl nicht sein“, spottete eine Tochter über ihren musikinteressierten Vater, „dass es immer noch Komponisten-Museen gibt, die Du noch nicht besucht hast!“. Doch, das kann sein. Es gibt so viele Musikermuseen in Deutschland, dass sie sogar eine gemeinsame Internetplattform betreiben und eine Landkarte herausgeben. In Deutschlands Mitte wirkten Johann Sebastian Bach und seine Söhne, Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Robert und Clara Schumann, Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel, Richard Wagner, Franz Liszt, Carl Maria von Weber und viele weitere. Sie alle werden mit Musikermuseen gewürdigt. Weit nördlich lockt in Hamburg das Komponistenquartier mit Museen für weitere prominente Namen (Georg Philipp Telemann, Johannes Brahms, Gustav Mahler), weit südlich wurde in Augsburg Wolfgang Amadeus Mozart geboren, und noch weiter südlich lebten Carl Orff am Ammersee und Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen.

Silcher stand einmal in einer Reihe mit Schiller und Mörike

Im deutschen Südwesten sticht nur ein Name hervor, und der ist von dieser Landkarte verschwunden. Der Komponist und Musikpädagoge Friedrich Silcher machte sich unsterblich, weil er im Geist der Romantik mehr als 300 Werke des deutschen Liedgutes vertonte. Silcher schrieb nicht nur die überbrachten Texte und Melodien auf, er setzte sie auch in mehrstimmige Kompositionen um und fügte ihnen eigene musikalische Ideen hinzu. Ein Lied zu singen, das war in Silchers Zeit Teil von freiheitsstrebender Identität, Ausdruck des Traums einer klassenlosen Gesellschaft. Und doch konnte das vom Württembergischen Chorverband getragene, private Silcher-Museum nicht erhalten werden. Seine Bestände wurden verteilt – an das Literaturarchiv in Marbach, an das Stadtmuseum in Tübingen (wo Silcher hauptsächlich wirkte) und an andere Stellen.

Der Arbeitsraum des Gewandhaus-Direktors Felix Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig.

Kann man Musik ausstellen? Wer nur einige der vielen deutschen Musikermuseen besucht, lernt unterschiedlichste Ansätze kennen, sich der Musik physisch zu nähern: Das Robert-Schumann-Geburtshaus in Zwickau gewährt Zutritt zu den Originalräumen von Schumanns Kindheit und füllt sie mit vielen Dokumenten und Lesestoff aus. Im Mendelssohn-Museum von Leipzig gewinnt der Besuchende Eindrücke über die Lebensumstände des Gewandhausdirektors, kann einzelne Gegenstände aus seinem Besitz bestaunen und in einem Raum dank Hightech selbst erleben, wie es sich anfühlt, ein Orchester zu dirigieren.

Für das Werk mancher Musiker reicht ein Museum nicht aus

Manche Komponisten haben solche Wucht in ihren Werken, dass ein einziges Museum gar nicht ausreicht. Johann Sebastian Bach kann man sich am Geburtsort Eisenach nähern, aber auch in Gedenkstätten in Wechmar (Heimat der Bach-Familie), Arnstadt (erste Organistenstelle) und in einem mächtigen Museumsneubau an seiner wichtigsten Wirkungsstätte in Leipzig. Dort drückt man auf Knöpfe, toucht auf Bildschirme und bleibt doch ratlos zurück darüber, wie der Thomaskantor neben seiner ganzen schier unerschöpflichen, bis heute gültigen Schaffenskraft auch noch eine schwindelerregende Verpflichtungsdichte (z.B. bei der Beaufsichtigung seiner Chorschüler) bewältigen konnte. Richard Wagner machte Urlaub in Graupa, unweit von Dresden. Der dortigen Entstehung seiner Oper „Lohengrin“ ist heute ein schickes modernes Museum gewidmet, neben dem berühmten Haus Wahnfried in Bayreuth und einer privaten Wagner-Sammlung in Eisenach.

Nicht das Museum macht den Musiker unsterblich

Kein Museum mehr, aber die Musik bleibt – wenn die Musiker es möchten: Das frühere Silcher-Museum in seinem Geburtshaus in Schnait bei Stuttgart. (Foto. Thomoesch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28057926

Macht also ein Museum den Musiker unsterblich? Gewiss nicht. „Die Aura ist nichts, das ohne Kenntnis leuchtet,“ berichtet Elisabeth Hardtke, die Kustodin des aufgelösten Silcher-Museums in einem eindrücklichen Film, der über Silcher informiert und das Ende des Museums erklärt und dokumentiert (Link führt zu YouTube).

Und so hat manches angestaubte Musikermuseum auch etwas Tröstliches: Das Museum mag eines Tages sterben, aber die Musik lebt fort, und klingt millionenfach durch Deutschland – weniger wegen des Komponisten, mehr wegen der vielen Musiker und ihrer Zuhörer. Alle Jahre wieder …

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

Im Text finden Sie die Links zum Instagram-Auftritt der Silchergesellschaft, zur Internetdomain musikermuseen.de und zum sehr sehenswerten Film  über das Leben von Friedrich Silcher – und das Ende des Silcher-Museums in Schnait. 

Dies ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Textes vom Oktober 2024. Die Audiofassung gibt den Originaltext wieder. 

„Das sieht toll aus“, sagt der Bildredakteur

Was die große Kunst des Kriegsfotografen James Nachtwey ausmacht

Der Kriegsfotograf muss vorab ausgestiegen sein. Er war im Fahrerhaus gesessen. Nun wartet er, die Kamera schon in Habacht-Position, während diejenigen, die hier einmal gewohnt haben, und mit denen er hierhergekommen ist, von der Ladefläche des Militär-LKW herunterklettern. Die alte Frau mit Kopftuch schafft es nicht allein, ihr wird geholfen. Sie weint. Sie greift sich an die Hüften, versucht Stabilität zu finden in dieser Situation der Verzweiflung. Der Kriegsfotograf klickt, er hält auf ihr Gesicht, das alles ausdrückt an Fassungslosigkeit und Verlust, dann folgt er ihren Schritten in das Haus. Es ist eine Ruine, Brandflecken, herumliegende Bettsachen und Kleidung, Einschusslöcher überall. Der Kriegsfotograf haftet sich ihr an die Fersen, folgt ihr von Raum zu Raum, spricht aber kein Wort. Er drückt auf den Auslöser, viele zigmal, immer wieder. Die Frau weint, während sie zwischen den Resten ihrer Existenz sitzt, das Unbegreifliche betrachtet, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Immerhin, sie lebt.

Charkiw, Ukraine 2022 – Originalbild von James Nachtwey (abfotografiert in der Ausstellung „Memoria“, Fotografiska Berlin)

Mit dieser Szene aus dem Kosovokrieg, aufgenommen um das Jahr 1999, beginnt der Dokumentarfilm „War Photographer“, der dem amerikanischen Kriegsfotografen James Nachtwey gewidmet ist.

Das Schreckliche wird zur skalierbaren Ware

Unmittelbar nach dieser Szene folgt ein Ausschnitt aus den Redaktionsräumen des Magazins „Stern“ in Hamburg. Mit eiskalter Professionalität diskutieren die Bildredakteure darüber, welche von Nachtweys Bildern aus dem Krieg mehr Emotionalität vermitteln, womit der stärkere Effekt beim Betrachter erzielt werden kann. Leichenberge sind zu sehen, Tote auf Lastwagen. „Das sieht toll aus“, sagt der Redakteur, und hat offenbar kein Störgefühl dabei, vielleicht gar kein Gefühl. Es ist seine Profession, die wirksamsten Bilder auszuwählen, so wie es die Profession des Fotografen ist, sie zu machen. Nah dran zu sein, noch näher möglichst, und auf den Auslöser zu drücken. Hunderte Male, und daraus das noch perfektere, noch eindrücklichere Bild herauszusuchen. Die Schrecknisse des Abgebildeten werden zur skalierbaren Ware.

James Nachtwey ist einer der renommiertesten Kriegsfotografen der Welt. Seine Bilder wurden in allen großen Magazinen gedruckt, sind zum Teil ikonisch geworden, Teil unseres Bildes der Zeitgeschichte. Sie gehören zu den Sammlungen vieler großer Museen. Der Dokumentarfilm über seine Arbeit entstand vor fünfundzwanzig Jahren. Heute ist Nachtwey 78 Jahre alt. In einer großen Retrospektive wird sein Lebenswerk derzeit in Berlin gezeigt. In dem neuen, privaten Museum „Fotografiska“ kann man sich die Bilder von James Nachtwey noch bis 3. Mai 2026 ansehen.

Bardera, Somalia 1992: „Eine Mutter nahm ein Kind auf den Arm, das an Hunger gestorben ist, um es zum Grab zu tragen“ (Originalfoto von James Nachtwey, abfotografiert und Text übernommen in der Ausstellung „Memoria“, Museum Fotografiska Berlin)

Die Ausstellung heißt „Memoria“ und lädt laut Pressetext „das Publikum ein, innezuhalten und die Welt aus Nachtweys Blickwinkel zu begreifen: nicht als eine Aneinanderreihung von Katastrophen, sondern als eine fragile Abfolge menschlicher Erfahrungen.“

Ein Rundgang durch menschliches Grauen

Es ist kein leichter Rundgang. Denn diese „Abfolge menschlicher Erfahrungen“ ist vor allem eine Abfolge menschlichen Grauens. Die Ausstellung führt vor, was Menschen ihresgleichen antun können, und dabei nimmt Nachtwey in der Regel die Perspektive der Opfer ein. Von Nachtwey stammen die Bilder des unvorstellbar grausamen Völkermordes in Ruanda und aus den Armutsvierteln von Jakarta. Er zeigte der Welt die Menschen, die mit ganzen Familien auf einem Pappkarton an Eisenbahnschienen leben. Es ist also nicht immer Krieg, es ist oft schreiende Ungerechtigkeit, unvorstellbare Not und Armut, die den Betrachter seiner Bilder fassungslos zurücklassen. „Er hat seine eigene Bibliothek des Leidens im Kopf“, sagt im Dokumentarfilm seine frühere Lebensgefährtin Christiane Breustedt, selbst damals Bildredakteurin beim Magazin „Geo“.

Nachtwey will den Tätern und den Verantwortlichen für Not und Armut keine Bühne bieten, oder allenfalls in Form einer Anklagebank. Die herausragende Kunst von Nachtwey liegt darin, dass sein Blick auf die Opfer vom Bemühen begleitet ist, nicht voyeuristisch zu sein. Und das trotz der Nähe, die er sucht. Er müht sich um die Achtung der Würde von Menschen in Not, während er ihre Not so nah wie möglich und damit schonungslos abbildet.

Es bleibt ein Gefühl von Mitverantwortung für das Angebildete

Die Menschen auf Nachtweys Fotos wissen, dass sie fotografiert werden. Er trägt ihr Leid hinaus in die Welt, und sie wollen, dass die Welt davon erfährt. Und doch irritiert es, den Mann mit Kamera in einer Szene des Films in unmittelbarer Nähe der Männer zu sehen, die ein Massengrab ausheben. Sie bergen die vom Kriegsgegner zuvor eilig verscharrten Leichen ihrer Angehörigen. Wenn er draufhält mit der Kamera auf das Entsetzen der Väter, das Wehklagen der trauernden Mütter oder Ehefrauen. Es ist die aufdringliche Nähe dieser Bilder, welche die Redakteure in Hamburg, New York und überall sonst auf der Welt erwarten. Sie rückt den Fotografen in die Nähe eines unvermeidbaren Gefühls von Mitverantwortung für das Abgebildete.

Die Herrschaft über die Bilder des Krieges und der Not will James Nachtwey nicht den Propagandisten der Konfliktparteien überlassen. „Die Informationen aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen“, sagen heute die Nachrichtensprecher, wenn sie Material verwenden, das ihnen von Militärs bereitgestellt wurde. Was für ein lahmes Einknicken! James Nachtwey hat sich damit nicht zufriedengegeben. Er wollte stets ein eigenes Bild machen, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Bild der Wahrheit, und was diese Wahrheit für die Menschen bedeutete, die in sie hineingeraten waren.

Im Klickwettbewerb ist nicht das beste, sondern das erste Bild gefragt

Die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Medium hat noch das Geld oder die Geduld, einen Fotografen tage- und wochenlang durch Krisengebiete zu entsenden, um dann die zehn eindrücklichsten Fotos in einer breiten Fotostrecke zu präsentieren. Die schnelle Nachricht ist gefragt heute, und den Klickwettbewerb gewinnt nicht mehr das fotokünstlerisch beste Bild, sondern das erste. Und auch James Nachtwey kam nicht ohne Kooperation mit dem jeweiligen Militär aus. Seine Bilder erzielten weltweit Wirkung, und das wussten auch diejenigen, die mit ihren umgehängten Maschinengewehren zuließen, dass er fotografierte.

Ein Besuch seiner Ausstellung oder ein Sich-Einlassen auf den Film über seine Arbeit sind eine doppelte Lehrstunde für das Jetzt, in dem keine Nachrichtensendung ohne neue Kriegsbilder auskommt: Es sind nicht die aus der Ferne mitgefilmten Explosionswolken oder die glitzernden Lichtbögen der anfliegenden Raketen und Drohnen, die den Krieg zeigen.

Die wahren Bilder des Krieges zeigen immer die Menschen, die inmitten der Not versuchen, zu überleben.

 

Die Ausstellung „Memoria“ mit den Bildern von James Nachtwey ist noch bis 3. Mai 2026 zu sehen im privaten Museum „Fotografiska“ in Berlin, das auch unabhängig von dieser Ausstellung jederzeit einen Besuch wert ist.

Der Dokumentarfilm „War Photographer“ ist auf YouTube abrufbar.

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden sie hier.

Eurydikes Erben fahren U-Bahn

Klassische Musik im Untergrund: Verlockung oder Vertreibung?

Als sich Orpheus in den bereits gut gefüllten Waggon der U-Bahn drückt, eine raumgreifende Erscheinung, Lockenpracht, Rucksack, ganz in schwarz gekleidet, Tattoos bis über die Halskrause, da blickt niemand auf. Wie festgetackert haften die Augen auf den Displays oder sie starren einfach ins Leere oder sind geschlossen. Dann reckt Orpheus als moderne Lyra sein Handy in die Höhe, und noch bevor sich der Zug in Bewegung setzt, plärrt ein Begleitorchester durch die unfreiwillig zusammengewürfelte Fahrgemeinschaft. Orpheus hebt zu seinem Gesang an. „Nessun dorma“, intoniert er, den Gassenhauer aus Puccinis Oper „Turandot“, und das ist Musik, die nun wirklich jedes Herz erreichen und erweichen könnte. Hier aber schaut kein Blick auf. Der Wagen rumpelt und rattert durch den Untergrund, das Handy scheppert, der Sänger schwankt, und die Arie schwingt sich ihrem Gänsehaut-Moment entgegen. „Vincero!“, versichert dieser Orpheus, und mit noch einem „vincero!!“ besiegt er in schwer erreichbaren Höhen den Widerstand seiner Stimmbänder. Das alles darf nicht zu lange dauern, denn schon droht der nächste Halt des ratternden Lindwurms. Schnell noch den Becher gezückt, herumgezeigt, ein paar Münzen eingesammelt, und dann heraus, hinüber in den nächsten Wagen.

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück. Das ist von Bedeutung, denn die Geschichte des griechischen Jünglings Orpheus geht so: Schön war er und vor allem stärker musikalisch begabt als alle, die ihm seither folgten. Sein Gesang sei im wörtlichen Sinne  steinerweichend gewesen, so wird überliefert, dass nicht nur Götter und Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen sich friedlich gestimmt um ihn scharten, um zu hören, was er zu singen hatte. Sogar das wilde Meer habe sich beruhigt, wenn er seine Lieder anstimmte.

Fast schon war das Ziel erreicht, und Orpheus führt mit Lyraspiel und Gesang seine Geliebte aus dem Totenreich hin auf ans Licht. Dann aber konnte er sich nicht beherrschen … (Darstellung aus dem Jahr 1752, Wellcome Library, London via Wikimedia)

Orpheus brachte also gute Voraussetzungen mit, bald eine schöne Frau für sich zu gewinnen. Das geschah, und sie hieß: Eurydike. Infolge göttlich-männlicher Gewalteinwirkung (eine versuchte Vergewaltigung munkelt die Sagenwelt) starb Eurydike an einem Schlangenbiss(!); auf die nähere Darstellung dieser Verwirrung kann hier verzichtet werden. Jedenfalls war Orpheus untröstlich, erinnerte sich an seine musikalische Begabung und betörte mit Lyra und Stimme den Unterweltgott Hades und dessen furchterregenden Hund Kerberos nachdrücklich. Sie erlaubten ihm, seine Eurydike wieder aus dem Untergrund herauszuführen. Die Herrscher der Unterwelt stellten dafür allerdings eine einzige Bedingung, von der noch die Rede sein wird.

Die Abgründe der modernen Welt liegen oft im Untergrund

Wo liegen die Abgründe der modernen Welt? Nicht nur, aber doch oft im Untergrund: schlecht beleuchtete Unterführungen, U-Bahn-Zwischengeschosse mit versifften Winkeln und Ecken, ersterbend blinkenden Neonröhren. Tagsüber wie nachts bietet der Untergrund Rückzugsräume für Menschen in Not und Menschen, die mit der Not der anderen ihr windiges Geschäft treiben. Schutzsuchende vor Regen und Kälte und Hitze, die sich nicht in eine eigene Wohnung flüchten können. Kranke, auf der Suche nach dem illegalen Stoff, der ihrer süchtigen Unerbittlichkeit kurzzeitige Linderung verspricht. Fragwürdige Gestalten auf der verzweifelten Suche nach dem kleinen Geld. Solche Orte im Untergrund sind der Hades unserer Zeit, nur dass dort kein Gott herrscht und der Höllenhund Kerberos allenfalls stundenweise in Begleitung meist schlecht gelaunter Security-Leute erscheint.

Vielleicht sollte unser U-Bahn-Orpheus dort singen, bezahlt mit kleinem Geld aus öffentlichen Kassen? Stattdessen kamen Menschen auf die Idee, solche Orte der menschengemachten Trostlosigkeit mit klassischer Musik zu fluten. Immer mehr Städte zwangsbeschallen die Lost Places eines gescheiterten urbanen Zusammenlebens mit der schönsten Musik, die Menschen geschaffen haben, mit den Klängen von Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin, vielleicht auch Puccini. Die Annahme dabei ist: Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, Drogendealer, Obdachlose, Kleinkriminelle, Taschendiebe würden alles Mögliche mögen, aber gewiss nicht die Kleine Nachtmusik oder „Für Elise“.

Zwölftonmusik statt Mozart?

Für jeden Musikfreund ist es eine schmerzhafte Diskriminierung dieser schönen Töne, wenn sie zur Vertreibung unliebsamer Personen aus dem Untergrund missbraucht werden. Noch dazu ist umstritten, ob dieser Effekt tatsächlich eintritt. Wie wäre es, das Experiment gleich auf die Spitze zu treiben, und statt Mozart oder Beethoven die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg oder Alban Berg abzuspielen? Dann allerdings wäre zu befürchten, dass die Vertreibung nicht nur vermeintlich unliebsame Personen beträfe, sondern auch viele andere.

Die Bedingung, die der Untergrundgott dem verliebten Orpheus gestellt hatte, lautete so: Er hätte Eurydike mit Gesang und Lyraspiel hinaufholen dürfen in die strahlende Wirklichkeit des Tageslichts – aber nur, wenn er ihr und den Göttern vertraut, wenn er also den Impuls unterdrückt, sich umzuwenden und zu vergewissern, dass die Geliebte tatsächlich hinter ihm her schreitet. Er wusste das, und so spielte und sang er, was das Zeug hielt, und kurz vor dem Ziel, das rettende Licht schon vor dem hoffend-glückseligen Auge, fehlte ihm dann doch ein Moment der Selbstbeherrschung. Er blickte hinter sich – und verstieß seine Geliebte damit zurück in eine ewige Existenz im Untergrund.

Und da darbt sie nun bis heute, und wir alle mit ihr, in vielfältiger Gestalt, als genervte Nutzer des unterirdischen Nahverkehrs  oder als herumstreunende Desperados der Wohlstandsgesellschaft. Eurydikes Erben wird schöne Musik nicht vertreiben.

 

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist vielfach aufbereitet worden, in Filmen, Theaterstücken und Opern. Weitere Informationen zur Sage finden Sie z.B. hier. 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

 

 

Luftige Männerträume in Zuffenhausen

Über einen Kampfjet auf dem Dach und Sportkarossen, die zum Himmel streben

In Stuttgart-Zuffenhausen gibt es teure Autos, und auch einen Starfighter. Vor zwölf Jahren wurde er hier auf ein Dach gesetzt und seither ist er dort: Ein echtes Kampfflugzeug, Typ Lockheed F104.  Auf dem Dach einer schmucklosen Industriehalle in einem Mischgebiet verharrt es im erstarrten Flug; direkt daneben arbeiten Menschen und wohnen auch dort.  Wenn man den unmittelbaren Wohn-Nachbarn glaubt, dann blicken sie seither jeden Morgen beim Aufwachen auf einen Starfighter.

Gehört das da hin oder kann das weg? Ein wohlhabender Flugzeugliebhaber hat sich in Zuffenhausen einen Starfighter aufs Dach gesetzt – mit Gedenktafel.

Keine hundert Meter vom Flugzeug entfernt streben drei Edelkarossen zum Himmel – auch schon seit zehn Jahren. Hochgestemmt sind sie in der Mitte eines Kreisverkehrs vor dem Stammsitz der Sportwagenschmiede Porsche. Die Stadt hat die drei Boliden vom Typ 911 auf ihrem Streben in den Himmel als Kunst anerkannt. „Inspiration 911“ heißt die Auto-Skulptur, die auf öffentlichem Grund steht, aber von Porsche finanziert wurde. Sie erinnert an den ersten Porsche 911, der an dieser Stelle zusammengeschraubt wurde – im Jahr 1963. Da stürzten gerade die ersten Starfighter ab.

Ein Kampfflugzeug als Lebenstraum

Also zurück zum Flugzeug auf dem Dach. Der Eigentümer der Halle mit dem Starfighter, ein selbstbewusster schwäbischer Unternehmer, hat eine Leidenschaft für solche Fluggeräte. So, wie andere als Lebenstraum haben, einmal in die Karibik zu segeln, oder einmal einen Porsche zu besitzen – so hatte er als Lebenstraum, einen ausrangierten Starfighter sein Eigen zu nennen. Es hat viel Geld gekostet, das alte Flugzeug zu kaufen und nach Zuffenhausen zu schaffen, und viele Stunden Arbeit, um es zu restaurieren und mit einem Kran auf das eigene Dach zu heben. Dort ist der Starfighter seit 2013 weithin zu sehen.

Eine Gedenktafel erinnert an die 116 Bundeswehr-Piloten, die bei Abstürzen dieses Flugzeugtyps in den sechziger Jahren ums Leben gekommen sind. Der Starfighter war alles andere als ein Erfolgsflugzeug, er war eine ausgesprochen problematische Luftnummer. Mehr als 900 der Flugzeuge beschaffte die alte Bundesrepublik, und fast ein Drittel davon stürzte ab. Und das alles ohne Feindeinwirkung, in den Friedenszeiten des „kalten“ Krieg.

Es gibt kein Recht, ohne Blick auf einen Starfighter zu leben

Als der Kampfjet auf das Dach in Zuffenhausen geschraubt wurde, war die Aufregung groß. Deutschland war längst wiedervereinigt, und niemand dachte daran, dass schon bald in Europa ein heißer Krieg geführt werden könnte. Es gab heftige Proteste gegen das Militärflugzeug auf dem Nachbardach. Eine Anwohnerinitiative ging erfolglos gegen das Flugzeug vor. Die Stadt „tolerierte“ nach Prüfung die ungewöhnliche Dachgestaltung. Es liege zwar eine Überschreitung der Grenzen im Bebauungsplan vor – aber nun sei das Flugzeug schon mal da, und eigentlich beeinträchtige es niemanden: Es stinkt nicht, macht keinen Lärm, wirft keinen Schatten. Abgesehen von der Frage, ob man es schön findet, neben einem alten Kampfbomber zu leben, sei durch die tolerierte Grenzüberschreitung niemand in seinen Rechten beeinträchtigt. Und es sei nirgends niedergeschrieben, dass man Anspruch darauf hätte, ohne Blick auf ein Flugzeug aufwachen zu dürfen, schon gar nicht, wenn es im Mischgebiet auf einer Industriehalle schwebt. So blitzt der aufs Dach gestemmte Männertraum bis heute im Sonnenlicht.

Ist das Kunst oder kann das weg? Am Stammsitz der Firma Porsche in Zuffenhausen streben drei Sportkarossen in den Himmel.

Wie die Zeit den Blick verändert

Als das Porsche-Denkmal entstand, strotzte der schwäbische Sportwagenbauer noch vor Kraft, verkaufte seine teuren Autos weltweit mit jahrelangen Lieferfristen und versuchte sogar, die Herrschaft über den eigentlichen Mutterkonzern Volkswagen zu übernehmen. Porsche – das war Synonym für ein global voranrollendes schwäbisches Wirtschaftswunder. Viel Wohlstand hat der Bau dieser Superkarossen eingebracht, zahllose Häuschen finanziert, schöne Urlaubsreisen ermöglicht – kurz: Sorglosigkeit gesichert. Das ist vorbei. Wer heute am „Porschekreisel“ um die drei hochgestemmten Karossen herumfährt, denkt eher an Stellenabbau, Managementfehler und die wegbrechende Nachfrage in China. Und wie viele Menschen sind schon in oder wegen einem Porsche zu Verkehrsopfern geworden? Wieviel Co2 haben die Sportwagen in die Luft gepustet und damit geholfen, das Klima aufzuheizen? Keine Gedenktafel stört hier den hochstrebenden Männertraum.

Wie die Zeit den Blick verändern kann: Vor zwölf Jahren kritisierten viele friedensbewegt den Starfighter als deplatzierten Dachaufbau. Heute steht der Starfighter auch dafür, dass die deutsche Demokratie seit dem Weltkriegsende mit wechselnder Intensität auf der Suche nach Wehrhaftigkeit war – und es nun wieder ist. Und dafür, dass auch die bedauernswerten Soldaten, die in Friedenszeiten mit dem fehleranfälligen Todesvogel ihr Leben verloren, zur deutschen Geschichte gehören. Ihrem Schicksal darf auch ein Pazifist gedenken.

 

Der Starfighter von Zuffenhausen hat eine eigene Website, die allerdings schon länger nicht mehr aktualisiert wurde. Über die unrühmliche Geschichte des amerikanischen Kampfflugzeugs informiert u.a. Wikipedia.

Mehr über das Kunstwerk „Inspiration 911“ finden Sie auf der Website des Porsche-Museums.

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

Der Januskopf des Digitalen

Alte Fotos – und ein Ausstellungsbesuch bei Miguel Chevalier in München

Als er das alte Fotoalbum aufschlug, wurde dem Kunstfreund einmal mehr bewusst, wie dieser digitale Tsunami, der draufgeschwappt ist auf seine Welt und sie nun irgendwohin treibt, völlig unklar, wohin; wie also diese unablässige Wucht der Bilder und Videos und Worte die Sicht auf diese Welt, auf den Menschen, auf jeden einzelnen davon, verändert hat.

Wer oder was steht im Mittelpunkt? Die Vernetzungspunkte in Chevaliers Werk „Complex Meshes“ folgen dem Menschen, der sich an ihnen entlangbewegt.

Die Fotos stammten aus dem Nachlass seines älteren Bruders, der vor einigen Monaten gestorben war, und mit ihm fast siebzig Jahre gemeinsamer Erinnerungen. Nach Bildern zu diesen Erinnerungen suchte er. Aber es gab dort nicht nur Gemeinsames zu finden, sondern auch viel Fremdes, Unbekanntes: Fotos von Klassenausflügen, von Exkursionen in die Natur, von ersten Reisen in die Welt. Zu sehen: unbekannte Landschaften, schlecht belichtete Käfer, verwackelte Pflanzenbilder. Natur, die den Bruder fasziniert hatte. Dazwischen fremde Menschen: Jungs in Knickerbockerhosen, militärisch kurz geschorene Bubenköpfe, scheu lächelnde Mädchen. Menschen, die dem Bruder einmal wichtig gewesen waren, die er deshalb mit damals kostbaren und teuren Mitteln festgehalten und in dieses erste eigene Album hinein verewigt hatte – vergessene Gesichter. Nur selten dazwischen: Bilder vom Bruder selbst. Denn das Selfie war noch nicht geboren.

Das Selfie war noch nicht geboren

Mit einem solchen Eindruck also auf in die Kunsthalle München zur Ausstellung „Digital by nature“. Der 1959 in Mexiko-Stadt geborene Digitalkünstler Miguel Chevalier darf den Anspruch erheben, ein Pionier zu sein für die Digitalisierung in der Kunst. Und doch landet er – soviel sei vorweggenommen – auf seiner künstlerischen Lebensreise tief drinnen in der Natur.

Gewaltige Werke sind es größtenteils, in die der Besucher eintritt, raumfüllend fluten Farben und Formen dahin, unablässig bewegt sich die Pracht. Dabei interagiert die Projektion mit den Besuchenden, sie verändert sich entlang der Annäherung, explodiert und verläuft, wirbelt ihre labile Ordnung durcheinander und fällt in eine neue zurück, lässt die Farben flüchten und sich anders versammeln. Im Werk „Complex Meshes“ summieren sich die Punkte der Vernetzung genau dort, wo der Mensch steht oder geht, folgen seiner Bewegung entlang der Wand. Ist die Vernetzung also eine abstrakte Struktur – oder steht der Einzelne in ihrem Mittelpunkt, wird sie möglicherweise erst sinnvoll dadurch, dass sie betrachtet, bewegt, also genutzt wird?

Was steht im Mittelpunkt: Das Selbst – oder das, was um uns ist?

Das interaktive Kunstwerk von Chevalier stellt die gleiche Frage wie das alte Fotoalbum: Wer oder was steht im Mittelpunkt: Das Selbst, oder das, was um uns ist? Die moderne Konsumgesellschaft betäubt die Menschen beim Vergessen darüber, ob das Leben einen höheren Sinn haben könnte als Geld und Geltung. Ob da irgendetwas sein könnte, vielleicht etwas Mystisches, etwas unermesslich Schönes, auf das der Mensch keinen Einfluss hat.

Die Pflanzen, die hier „wachsen“, können Besuchende in der Ausstellung vor Ort am Bildschirm selbst gestalten. Sie wachsen dann weiter und „füllen“ das Gewächshaus.

Der sanfte Blick auf die Natur könnte solches Schöne lehren: die Perfektion in der Form eines Vogelflügels. Das sanfte Weich eines dicht gewachsenen Fells. Oder die stille Ästhetik eines Seerosenteichs. In Jahrmillionen haben sich solche Kunstwerke der Natur herausgebildet. Vor etwa hundert Jahren hat Claude Monet seine Seerosen gemalt – und seit fünfzig Jahren droht die Welt der Digitalisierung sie zur puren Kulisse zu entwerten. Es geht nicht mehr um Seerosen, nicht mehr um die magischen Farben, auch nicht mehr um die Malkunst Monets – es geht jetzt um einen Datensatz, der das eigene Bild, das eigene Lächeln, die eigene Inszenierung festhält. Das Selfie ist wichtiger als die prominente Schönheit im Hintergrund.

Am Ende steht ein Tropenwald aus KI

Bei Miguel Chevalier zentrieren sich die Vernetzungspunkte um den einzelnen Menschen, der sich im Mittelpunkt sieht. Der Künstler findet darauf in der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Digitalen in der Kunst eine radikale Antwort: Digital schafft er schließlich selbst Natur, der echten, wie sie aus Licht, Wasser und Erde erwächst, fast ebenbürtig. Am Bildschirm kann der Besuchende der Ausstellung in München in Minutenschnelle die eigene Fantasie in das Design neuer Pflanz-Kreationen hineingestalten, kann Bilder von Natur erschaffen, fast so schön wie die schönsten ihrer Art. Anschließend erscheinen sie im Kunst-Gewächshaus als Projektionen. In Chevaliers jüngstem Werk taucht der Mensch ganz ein in einen raumumgreifenden Dschungel aus Blättern, Blüten und Lianen, die sich allesamt selbst erschaffen haben – ein Tropenwald aus künstlicher Intelligenz.

Ist Digitalisierung also ein Ende oder ein Anfang? Ein mächtiger, doppelgesichtiger Januskopf dominiert den ersten Raum der Ausstellung. Vor dem Hintergrund sich raumhoch auf allen Seiten ständig erneuernder, knallbunter Farbexplosionen blickt er starr nach vorne wie auch zurück. Es ist ein beobachtendes, kein verstehendes Gesicht. Nach vorne zeigt der Janus die Möglichkeiten neuer Schönheiten für vieles, was verloren gehen könnte in einer sich Klimakatastrophen und Kriegen hingebenden Welt. Und andererseits blickt er zurück und erinnert daran, was wir zu verlieren im Begriff sind, oft schon verloren haben.

Es ist so wie mit den alten Fotos: Das fremde Gesicht aus der Jugend des Bruders schaut heraus aus einer versunkenen Zeit, es erkennt nichts, und es wird auch nicht mehr erkannt.

 

Mehr über die Ausstellung „Digital by Nature“ in der Kunsthallte München (noch bis 1.3.2026) finden Sie hier. 

Mehr über Miguel Chevalier bei Wikipedia. 

Das Sprachbild des „Digitalen Tsunami“ habe ich einer hochinteressanten, sehenswerten Dokumentation entliehen, die noch bis 18.1.2026 auf arte abrufbar ist. 

Weitere Texte als #Kuturflaneur finden Sie hier. 

Der „eigene Weg“ und die Sinatra-Doktrin

„I did it my way“ – ein Lied macht Geschichte(n)

Es gibt nicht viele Lieder, die ganz unmittelbar große Emotionen freisetzen. Wenn die Lautsprecherboxen bei der Schulabschlussfeier „We are the Champions“ heraustriumphieren, fühlen sich gleich alle Durchschnittsschüler als grandiose Sieger. Ähnliches tritt ein, wenn nur die Worte „I did it my way“ ausgesprochen werden. Sekundenschnell rufen die Gehirnsynapsen ein paar Noten ab und verklumpen sich zu einem gefühligen Brei aus Empathie und sanfter Reflexion.

Lars Eidinger als verlassener weißer Mann in der Produktion „I did it my way“. Zweimal singt er dort den Sinatra-Klassiker „My Way“ – und zusammen mit Larissa Sirah Heiden zahlreiche andere Songs von Frank Sinatra und Nina Simone. Foto: Jan Versweyveld, bereitgestellt von Ruhrtriennale

Ein eigener Weg – was soll das sein? Sich querfeldein vorarbeiten durchs Gelände des Lebens? Einen „eigenen Weg“ zu reklamieren, ist entweder ein Eingeständnis von Banalität oder es hat den Anspruch auf Genialität. Banal daran ist, dass doch jeder Mensch in seiner Lebensweise irgendwie einzigartig ist, dass kein Wohnzimmer dem anderen gleicht, kein Tagesablauf von Hinz identisch ist mit dem von Kunz, und mag er noch so alltäglich zwischen Arbeit, Liebe und Freizeit dahindümpeln. Genial wäre der eigene Weg erst dann, wenn zu einzigartigem Glück geführt hätte, zu etwas Einmaligem, eine unwiederholbare Gipfelbesteigung, ein Ausdruck strahlender Individualität.

Eine besonders eitle Form schmerzfreier Eigenbetrachtung

Nichts davon erzählt das Lied „My Way“ (englischer Text von Paul Anka, Melodie vom französischen Komponisten Jacques Revaux), gesungen und weltberühmt gemacht von Frank Sinatra. Es ist stattdessen eine selbstgefällige Rechtfertigungsarie darüber, warum ein Mensch (man hört es durch: Ein Mann!) so ist, wie er sich gerne sieht. Es ist eine besonders eitle Form, schmerzfreie Eigenbetrachtung als kritische Rückschau zu verbrämen: „Ich habe geliebt, habe gelacht und habe geweint“, ist sich der Text in deutscher Übersetzung sicher, „ich hatte auch genug an Niederlagen wegzustecken. Und jetzt, wo die Tränen verflogen sind, kann ich sogar darüber lachen.“ Niemand lacht bei diesem Lied, das zur Hymne des Stolzes auf das Banale geworden ist. „Was ist ein Mann, was hat er denn schon?“, betrachtet sich der Sänger weiterhin im musikalischen Spiegel, „wenn nicht sich selbst, so hat er nichts.“ Aber immerhin: „Die Bilanz zeigt: Ich habe einstecken müssen – aber ich hab‘ es auf meine Weise getan“ – „I did it my way“.

„My Way“ nahm der US-amerikanische Jazzsänger und Schauspieler Frank Sinatra im Jahr 1968 auf, als er immer wieder mit (bis heute umstrittenen) Vorwürfen der Mafia-Verstrickung konfrontiert war. Den Quellen nach erwog er, sich ganz aus dem Showbusiness zurückzuziehen, und „My Way“ hätte sein Abschiedslied sein können. Dann aber wurde der Ohrwurm sein größter Hit, unzählige Male kopiert und gecovert. „ I did ist my way“ sang der alkoholkranke Harald Juhnke als Rückschau auf sein privates und künstlerisches Leben, mit einem neuen deutschen Text. „My Way“ wurde in vielen Ländern zum beliebten Trauerlied bei Beerdigungen, mit dem man sich aller Fragen über das erloschene Leben entledigen kann. Und der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder wünschte sich im Jahr 2005 beim Zapfenstreich zum Abschied „My Way“. Vom Musikkorps der Bundeswehr wurde es schauderhaft schlecht gespielt – und ließ doch dem ausscheidenden Kanzler die Tränen in die Augen steigen. Damals ahnte Deutschland noch nicht, was er künftig unter seinem Weg verstehen würde.

Broadway-Atmosphäre im Opernhaus

Nun gibt es auch eine Bühnenproduktion mit dem Titel „I did it my way“. Sie hatte im August 2025 bei der Ruhrtriennale in Bochum Premiere, und wird jetzt in Stuttgart gezeigt. Der Promi-Faktor eines singenden und tanzenden Lars Eidinger sorgte hier wie dort für ausverkaufte Häuser. Erzählt wird die Geschichte eines amerikanischen Ehepaares: Farbige Frau verlässt weißen Mann, um sich ein neues, ein anderes Leben zu suchen, auch, um sich auseinanderzusetzen mit den Erniedrigungs- und Gewalterfahrungen der ehemaligen Sklaven in den USA. Die Musik ist eine lockere Abfolge aus dem Gesangsvorrat von Frank Sinatra und der schwarzen Soulkünstlerin und Bürgerrechtsaktivistin Nina Simone. Lars Eidinger und vor allem Larissa Sirah Herden interpretieren sie auf der Bühne authentisch, neu und überzeugend. Er herrscht Broadway-Atmosphäre im Opernhaus. Eidinger singt und tanzt besser, als man es erwarten würde von einem Schauspieler, und über den Rest hilft sein bewundernswerter Mut hinweg, sich einer solchen Herausforderung zu stellen. Aber es ist dann doch mehr die klangliche Pracht amerikanischer Musik zwischen Jazz, Swing, Soul und Pop, und das Ausbrechen der farbigen Ehefrau zu „ihrem Weg“, das den Abend zum musikalisch wuchtigen, ansatzweise auch politischen Ereignis macht.

„My Way“ und die Weltpolitik

Darüber lässt sich die Banalität des Liedtextes von „My Way“ leicht vergessen. Und schließlich genügt manchmal ein Satz, um eine weltpolitische Wende zu beschreiben.  „You know the Frank Sinatra song, ‚I Did It My Way‘“?,  fragte Gennadi Gerassimow, der damalige Pressesprecher des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse im Jahr 1989 Journalisten in Helsinki, „Poland and Hungary are now doing it their way..“

Seither wird die damals neue Linie der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow als „Sinatra-Doktrin“ beschrieben. Den Staaten des Warschauer Paktes wurde erlaubt, ihren eigenen Weg zu gehen.  Hätte Michail Gorbatschow zu diesem Zeitpunkt noch die Macht gehabt, die Osteuropäer an ihrem eigenen Weg zu hindern? Vermutlich nicht, und so ist der ganze Vorgang wohl weniger ein Akt bewusster Befreiung gewesen, als der Versuch, das Unvermeidliche zu verklären. Und wie hätte wohl Gorbatschow darauf zurückgeblickt? I did It my way.

 

„I did it my way“ an der Oper Stuttgart stand in der gerade begonnen Spielzeit zunächst nur an drei Abenden Ende September 2025 auf dem Programm, die alle bereits vorab ausverkauft waren. Die Musical-ähnliche Produktion soll dort auch künftig im Repertoire gezeigt werden. Einen guten Eindruck gibt der Beitrag des WDR von der gleichen Produktion während der Ruhrtriennale.

Gesehen habe ich die Generalprobe in Stuttgart am 25. 9. 2025.

Mehr Informationen zum Lied „I did it my way“ finden Sie hier.

Mehr Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, als #Politikflaneur hier. Dort gibt es auch einen Beitrag über den Film „Helsinki-Effekt“, der auf die gleichen Ereignisse Bezug nimmt, für die der Begriff „Sinatra-Doktrin“ verwendet wird.

Die Frau am Strand im roten Kleid

Eine Spätsommergeschichte

(1)

Es war schon fast September, und die salzige Luft wärmte mit der Erinnerung an den gerade zu Ende gehenden Sommer. Eine sanfte Brise strich über den breiten Nordsee-Strand, die Sonne verwöhnte, sie brannte nicht mehr. Flirrende Wolkenschleier zogen über das Blau des Himmels und gaben dem Sonnenlicht die besondere Milde des Spätsommers. Er war glücklich, heftete seinen Blick aus dem Strandkorb heraus an den Horizont des Meeres, diese große Verheißung von Unendlichkeit.

„Die Frau war eine Ausnahmeerscheinung für diesen Ort, schlank und hochgewachsen, dort, wo doch alle anderen ihre körperlichen Schwächen kaum verbergen konnten.“ (Bild KI-generiert mit https://www.canva.com/)

Dann sah er sie zum ersten Mal. Es strich gerade eine sanfte Bö den Strand entlang, viel zu schwach, um Sand aufzuwirbeln, aber stark genug, dass sich der Wind in ihrem roten Kleid verfing. Die Frau war eine Ausnahmeerscheinung für diesen Ort, schlank und hochgewachsen, dort, wo doch alle anderen ihre körperlichen Schwächen kaum verbergen können. Wildes gelocktes Haar flatterte ihr um den Kopf, goldbraun vom Sonnenlicht gebadet, barfuß und ohne Handtasche stand sie da aufrecht an der Brandungskante. Das schwingende rote Sommerkleid reichte ihr weit über das Knie, und allein das unterschied sie radikal von allem, was sonst hier strandüblich war. Ausgeblichene T-Shirts, neonleuchtende Shorts, schlabberige Badehosen, zu knappe Bikinis prägten das Bild der ästhetischen Alltäglichkeiten. Und dazwischen diese elegante Erscheinung, wie im Traum – eine Männerfantasie. Eine Frau von Welt, so las er ihren Anblick aus der Ferne, im knallroten Kleid, die nicht an diesen deutschen Nordseestrand gehörte, sondern nach Cannes, oder vielleicht an den Lido von Venedig.

Dann verstand er, dass die Frau im roten Kleid in Beziehung zu zwei Buben stand, die im Wasser herumtobten. Über die endlos heranrollenden Brandungswellen sprangen sie, gaben sich unermüdlich dem ewigen Spiel der Elemente hin, stocherten im Sand herum, sammelten Muscheln auf und warfen sie wieder hinein in die Gischt. Dann wälzten sie sich selbst auf den Sand und ließen sich jauchzend überspülen, sprangen wieder auf und alles begann von vorne. Die Frau im roten Kleid beaufsichtigte dieses Treiben der Kinder. Sie war aufmerksam, gelegentlich griff sie mit Gesten ein, winkte die Kinder heran, wenn sie sich allzu weit herauswagten in die flach dahinspülenden Wellen, oder veranlasste sie zum Verlassen des Wassers, wenn es ihr genug erschien mit dem kindlichen Sommerspiel.

Aber sie selbst, die Elegante im roten Kleid, sie selbst ging nicht ins Wasser, allenfalls ihre Zehen ließ sie überspülen, und auch das eher selten. Er überlegte, mit welcher Farbe sie ihre Nägel wohl lackiert hatte, feuerrot, passend zum Kleid?

(2)

Er konnte die Augen nicht wenden von dieser Szene, am ersten Tag nicht und auch an den Tagen darauf nicht, an denen sich alles genauso wiederholte: Die gleiche blaue Strandmuschel wurde jeweils an der gleichen Stelle errichtet, sie diente ihr als Depot für Handtücher, Tasche, Handy (das sie aber niemals mit ans Wasser nahm). Die Knaben wälzten sich auch an diesen folgenden Tagen unermüdlich im Nass, und immer stand sie im sicheren Abstand daneben, nicht gefährdet von Gischt oder dem feuchten Sand, den die tobenden Kinder aufwirbeln könnten. Immer richtete die Elegante im roten Kleid den Blick auf die Kinder, ein Blick, von dem er vom Strandkorb aus meinte zu verstehen, dass er Fürsorge gleichermaßen ausdrückte wie auch Distanz.

War sie die Mutter dieser Knaben? Dafür fehlte ihm in der ganzen Szenerie der unbedingte Hauch von jederzeitiger Zärtlichkeit, den eine Mutter doch ausmacht. Die Frau im roten Kleid berührte die Knaben niemals ohne Grund, einfach nur aus Liebe; sie riskierte niemals, dass ihr rotes Kleid durchnässt werden könnte bei mütterlicher Annäherung. Sie fotografierte sie nicht und sie bot ihnen nichts zu trinken an und lüftete keine Plastikboxen mit vorgeschnittenen Obststücken. Auch das Verhalten der Kinder sprach gegen die Annahme, dass die Elegante ihre Mutter war. Die Knaben beschäftigten sich stets mit sich selbst, quengelten nicht an sie hin, soweit er das auf die Entfernung erkennen konnte, bezogen sie nicht ein in ihr Spiel, verlangten nichts, als wüssten sie, dass sie auch nichts von ihr zu erwarten hätten – außer Aufsicht und Eingriff im Notfall, der nicht eintrat.

Eine Nanny vielleicht? Ein Au-pair? Eine Tante? Oder doch eine Mutter? Es soll ja distanzierte Mütter geben, dachte er sich, vielleicht hasst sie das Meer und den Sand, erträgt das heranbrandende Wasser nur auf Distanz? Vielleicht zwingt sie sich aus Liebe zu den nasstobenden Knaben mit größter Disziplin dazu, dennoch hier zu stehen, so elegant im Sand im roten Kleid, statt trittsicher dort zu flanieren, wo sie sich zugehörig fühlte: auf den Boulevards der Städte, in den Foyers der Theater, zwischen den Tischen edler Restaurants?

Er hatte für den Strandkorb Bücher dabei, aber er konnte nicht lesen. Das Meer berauschte ihn, und mehr noch lenkte ihn der Blick zu ihr ab. Er erwog, sich der Frau im roten Kleid wie zufällig zu nähern, ihre Gesichtszüge mit einem Seitenblick zu erfassen, ihr Alter abzuschätzen. Ihr Geheimnis zu lüften! Wie gerne hätte er sie gefragt, ob diese sich geduldig immerfort im Nassen wälzenden Knaben die ihren sind? Und ob sie mehrere solche roten Kleider besäße, ob vielleicht ihr ganzer Kleiderschrank nur eine Ansammlung roter Kleider wäre, da sie nun doch schon am dritten Tag in immergleicher rotstrahlender Eleganz hier erschienen war?

Sein Anstand verbot ihm solche plumpe Annäherung, und so blieb er im Strandkorb. Immer wieder blickte er zu ihr hinüber, verfolgte ihre eleganten Bewegungen, auch dann, als sie schließlich das Gestänge der Standmuschel zusammenklappte, die verstreuten Schaufeln und Eimer der Kinder sorgsam hineinsortierte in ein Wägelchen, ohne selbst auch nur ein Stäubchen Sand aufzuwirbeln. Sie beorderte die nassen Knaben zu sich und wies sie an, sich anzuziehen. Es nahte der Abend, und die Sonne würde bald ins Meer eintauchen. Etwas stärker aufkommender Wind fuhr der Eleganten in das rote Kleid, setzte es in wirbelnde Bewegung, so dass sie, wie einst Marilyn Monroe, es bändigte mit der rechten Hand, während sie mit der linken das Wägelchen durch den Sand zerrte.

Lachte sie dabei? Er konnte es nicht sehen, nur den Knaben blickte er hinterher, die ihr willig folgten.

(3)

Am vierten Tag, da kam sie nicht mehr. Er war enttäuscht und rätselte, wie er mit der Leere umgehen sollte, die sie hinterlassen hatte. Es fehlte dem breiten Horizont des Meeres ihre elegante Erscheinung als Vertikale. Es fehlte dem Grau des Sandes und dem blassen Blau des Himmels das Rot ihres Kleides. Er wanderte an der Brandungskante entlang, stets den Blick auf den Strand gerichtet – war da irgendwo, vielleicht an neuer Stelle, die blaue Strandmuschel? Stand da vielleicht doch irgendwo die Frau im roten Kleid? Aber sie blieb verschwunden, ihr Aufenthalt am Meer mochte vorüber sein, ihr Auftrag zur Beaufsichtigung dieser Knaben beendet. Nun war alles wie immer.

Dann waren auch seine Tage am Strand vorbei. Er reiste zurück in den herbstlichen Alltag der großen Stadt. Am ersten Morgen zuhause griff er nach der Zeitung. „Mein besonderes Urlaubserlebnis“ war die Seite überschrieben. Die Redaktion der Zeitung hatte Leserinnen und Leser aufgefordert, ungewöhnliche Erlebnisse aus den zu Ende gegangenen Urlaubstagen zu schildern. Ein Foto fiel ihm auf: Eine schöne junge Frau kam da zu Worte, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, umrahmt von wild lebendiger, brauner Lockenpracht. Die Mutter zweier Kinder berichtete von ihren viel zu kurzen Urlaubstagen am Nordseestrand. So glücklich seien die Kinder gewesen beim fröhlichen Spiel im Wasser. Sie hätte ihnen stundenlang dabei zusehen können. Aber es habe da einen Typ im Strandkorb gegeben, mit ausgeleiertem grünen T-Shirt, der sie und ihre Kinder unablässig gemustert habe. Auf den hätte sie gerne verzichtet.

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden sie hier, als #Politikflaneur hier.

 

Claus, Alfred und der verhüllte Käfer

Über den „Wrapped VW Beetle“ von Christo und Jeanne-Claude in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Nennen wir den Unglücksraben Claus. Das neue Auto war sein ganzer Stolz. Der Krieg war gerade erst seit achtzehn Jahren vorbei. Claus schlich um seinen nagelneuen VW-Käfer herum, bestaunte ihn von allen Seiten. Was für ein Prachtstück! Ein Sehnsuchtsziel von Millionen Nachkriegsdeutschen, und dieser hier gehörte ihm. Der fünfmillionste Käfer war eben ausgeliefert worden, fast jeder wollte einen VW-Käfer haben. Noch dazu war er ein internationaler Verkaufsschlager, made in Germany, dieser verfemten Nation der Mörder und Kriegstreiber. Volkswagen musste massenhaft Menschen aus Südeuropa anwerben, die als „Gastarbeiter“ mithelfen sollten, der Nachfrage nach dem rollenden Käfer gerecht zu werden.

„Wrapped VW Beetle“ von Christo und Jeanne-Claude in der neuen Nationalgalerie Berlin.

Claus hatte also ein solches Auto ergattert. Mintgrün, mit breiter Heckscheibe, Baujahr 1961. Und nun sollte er es gleich wieder verleihen? Es kostete ihn viel Überwindung, dem Wunsch seines Freundes, nennen wir ihn Alfred, nachzukommen. Aber man tut doch einem Freund gerne einen Gefallen! Alfred musste schließlich auch hart kämpfen in diesen Nachkriegsjahren als Galerist für moderne Kunst. Jetzt hatte er gerade ein besonders verrücktes Projekt am Haken: Er wollte einem jungen Künstlerpaar aus Frankreich zum Durchbruch in Deutschland verhelfen. Kein Mensch kannte diese Leute mit den merkwürdigen Namen. Ihre Idee: Sie verhüllten Dinge und nannten sie in verpacktem Zustand Kunstwerke.

Das soll Kunst sein?

Außerhalb der engen Kunstszene stieß das auf wenig Verständnis. Das soll Kunst sein? Kopfschüttelnd nahm das Wirtschaftswunder-Volk davon Kenntnis. Aber der Galerist Alfred war überzeugt, dass diese jungen Leute einen neuen, einen wegweisenden künstlerischen Blick auf die Realität schaffen würden mit ihrer Verpackerei, mit ihren verschnürten Folien und Tüchern.

Ein besonderer Hingucker für die Galerie in Düsseldorf wäre es doch, dachte sich Alfred, wenn diese jungen Franzosen ganz speziell für seine Galerie ein einzigartiges Verpackungskunstwerk schaffen könnten. Und nichts war 1963 deutscher und zeittypischer als ein VW-Käfer! Also bat Alfred seinen Freund Claus um einen Gefallen: Er solle ihm doch bitte seinen nagelneuen mintgrünen Käfer leihen, nur für ein paar Tage, damit die jungen Leuten ihn verhüllen können. Claus Harden ließ sich überzeugen. „Danach will ich ihn zurück, und zwar sofort und ohne einen Kratzer!“ wird er dem Galeristen eingeschärft haben.

Dieses Foto entstand am 19. Februar 1963. In einem Hinterhof in Düsseldorf verhüllt der Künstler Christo einen VW Käfer, der seinem Galeristen zu diesem Zweck geliehen wurde. Copyright: bpk / Charles Wilp, © 1963 Christo und
Jeanne-Claude Stiftung; Foto zur Berichterstattung bereitgestellt durch Neue Nationalgalerie Berlin

„Wrapped Volkswagen Beetle“ war ein Hingucker für die Galerie von  Alfred Schmela in Düsseldorf. Das Kunstwerk existierte nur wenige Tage. Wie versprochen wurde danach das Auto enthüllt und Claus Harden bekam es zurück – und er rollte und rollte und rollte (wie die VW-Werbung versprochen hatte) damit noch jahrelang durch die Gegend.

Die Sicht auf Dinge veränderten die Künstler grundlegend

Und doch war dies eine wirtschaftlich folgenschwere Fehlentscheidung, und Claus Harden hat sie nach eigenen Worten sehr bereut. Wer hätte denken können, dass diese beiden Künstler mit ihrer Verhüllerei irgendwann einmal zu den populärsten Kunstschaffenden der Welt gehören würden? Jeanne-Claude und Christo revolutionierten den Kunstbegriff und veränderten grundlegend die Sichtweise vieler Menschen auf Dinge. Sie verhüllten einen ganzen Küstenabschnitt in Australien, montierten einen Vorhang in die Rocky Mountains, verpackten die Pont Neuf in Paris und das Berliner Reichstagsgebäude – vor genau dreißig Jahren. Noch nach dem Tod der beiden Künstler wurde die Verhüllung des Arc de Triumphe in Paris im Jahr 2021 realisiert. Millionen Menschen pilgerten zu diesen Großkunstwerken, allein der Verkauf von Planungsskizzen dafür erzielt heute auf dem Kunstmarkt Höchstwerte.

Ein von Christo und Jeanne Claude verpackter Volkswagen ist heute Millionen Wert. Ist, und nicht wäre, denn der verhüllte VW-Käfer existiert und kann besichtiget werden. Er ist derzeit Teil einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Im Jahr 2014 entstand bei einem Besuch von Christo und Jeanne-Claude in Düsseldorf die Idee, das Kunstwerk von damals zu rekonstruieren. Ein anderer mintgrüner Original-Käfer aus dem Jahr 1961 war schnell gefunden – und die inzwischen weltberühmt gewordenen Verhüllungskünstler schritten erneut zur Tat.

Wer auspackt, kann daneben liegen

So steht man nun also vor dem zweiten verpackten Käfer in der Ausstellung „Zerreißprobe“, die Kunst im Spanungsfeld der deutschen Geschichte seit 1945 thematisiert. Mehr als 21 Millionen Käfer wurden weltweit produziert. Das Auto steht für deutsche Ingenieurskunst, für den deutschen Wohlstandstraum von Mobilität, der bis heute nachwirkt. Es steht für breite Autobahnen und verstopfte Innenstädte, für CO2-Überschuss, Stau-Erlebnisse und Geschwindigkeitsrausch. Der verpackte Käfer steht für ein deutsche Wirtschaftswunder aus einer Zeit, in der wir uns ein solches noch zutrauten.

Da er verhüllt ist, kann jede und jeder Kunstfreund sich aussuchen, was er darin sehen möchte. Also steht er auch für unsere allgegenwärtige Möglichkeit des Irrtums. Wer auspackt, kann daneben liegen. So, wie es Claus ergangen ist.

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. Über den verhüllten Arc de Triomphe in Paris gibt es einen eigenen Text. 

Mehr Informationen über die Ausstellung „Zerreißprobe“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin finden Sie hier.