Letzte Chance! Korallen in Baden-Baden!

Noch bis 26. Juni: Wie Politik und Kunst zu Schönheit werden

Stumm bewegt im Wasser der Tropen, in ihrer ungezählten Vielfalt und mit ihrem blendend-bunten Farbenreichtum sind sie ein großes Lachen. Eine wankende Orgie der Heiterkeit. Korallen lachen uns seit 500 Millionen Jahren an. Und sie lachen uns aus.

Das Problem ist nur: Uns, die Menschen, gibt es überhaupt erst seit 45.000 Jahren. Großzügig gerechnet.

Und die Zeitschrift „Koralle“, eine deutsche Vorkriegsillustrierte, die ihre Witzseite mit dem Spruch „Da lacht die Koralle“ überschrieb, die gibt es schon heute, weniger als 100 Jahren nach ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1925, nicht mehr.

Korallen und die Ehrfurcht vor der Zeit

Gestrickte Korallen: Die ganze Vielfalt der tropischen Weltmeere spiegelt sich in der Phantasie der Korallen von Baden-Baden wider.

Korallen lehren uns also die Ehrfurcht vor der Zeit. Sie waren schon immer im Wasser, unvorstellbar lange schon, wir laufen auf den Resten ihrer Riffe herum. Auch in unseren Breiten, zwischen unseren Wäldern und Wiesen, hatten sich Korallenriffe gebildet, als dort vor Jahrmillionen einmal ein Meer gewesen war. Wir bauen darauf unsere Häuser und Straßen.

Wir landen auf ihnen mit dem Flugzeug. Bermudas und Bahamas heißen die Traumziele des Ferntourismus, zusammen etwa 1000 Inseln, allesamt gründen sie ihre tropische Pracht aus Palmen und Traumhotels auf abgestorbenen Korallenriffen. Jetzt geht es den Menschen darauf wie den Nesseltieren in den Tropen: Sie müssen fürchten, zu sterben. Die Korallen unter Wasser, die Menschen knapp darüber. Beide könnten bald Opfer des Klimawandels sein, der menschengemachten Erderwärmung, der abschmelzenden Gletscher, des ansteigenden Meeresspiegels, der skrupellosen Vermüllung der Meere.

Was hat das sterbende Great Barrier Reef …

Natürlich haben wir gehört vom sterbenden Great Barrier Reef, dem Weltwunder der Natur, einer Ansammlung von Tausenden Korallenriffen an der australischen Nordostküste, die zusammen eine Länge von unglaublichen 2.300 Kilometern bilden, ein lebendiger Lebensraum im Wasser, sogar von der Raumstation ISS aus erkennbar.

Sehr bedauerlich, aber weit weg! Hat das Sterben der Korallen etwas mit uns zu tun, in diesem Frühling, in dem wir hierzulande auf festem Grund aus hartem Felsen unter den blühenden Bäumen in den Cafe´s sitzen? Wenn wir – beispielsweise – im lasziv-prächtigen Kurpark von Baden-Baden einen sündteuren Eiskaffee schlürfen und uns zwischen Krieg und Klimakrise den Luxus leisten, über das nächste Wohlstandsabenteuer nachzudenken?

… mit uns zu tun?

Hier ein Vorschlag: Wenige Meter weitergehen, zur Kunsthalle Frieder Burda, einem modernen Schmuckstück im mondänen Kurort der Könige und Kaiser, im Weltkulturerbe mit angeschlossener Spielbank. Dort kann und sollte man (nur noch bis 26. Juni) die Korallen von Baden-Baden besuchen. In ihrer ganzen unfassbaren Vielfalt, in ihrer spielerisch überraschenden Heiterkeit sind sie zu besichtigen.

Wild, ungebändigt, wuchern sie an den badischen Wänden entlang, sprießen schwarz-glänzend in die Höhe; ihre Formenvielfalt treibt Schabernack mit unserem Auge, lädt uns ein zu einem unvergleichlich prächtigen Spektakel der Farben und Formen, unfassbar vielfältig, variantenreich, knallbunt. Die Korallen verhöhnen unseren Ordnungssinn, unsere Phantasielosigkeit und unsere formale Strenge, sie spotten über unsere excel-Tabellen, unsere Verwaltungsvorschriften und sauber gezirkelten Maschendraht-Gärten.

Ein atemberaubendes Kunstprojekt

Ein demokratisiertes Kunstprojekt: Mehr als 4000 Menschen haben mitgestrickt und -gehäkelt an den Korallenriffen von Baden-Baden.

Die Korallen von Baden-Baden sind ein atemberaubendes Kunstprojekt. Sie sind natürlich keine Tiere, sondern demokratisierte Kurzwaren-Kunst. Zu verdanken haben wir es den australischen Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim. Sie wollen das Bewusstsein der ganzen Welt für die sterbende Pracht der tropischen Meere schärfen. Überall auf der Welt sollen nachgebildete, künstlerisch gestaltete Korallenriffe aus Stoff und Garn entstehen. Tausende Menschen, Initiativen, Kindergartengruppen, Schulklassen, Strickvereine, Senioreneinrichtungen, ganze Familien auf der ganzen Welt stricken und häkeln seither künstliche Korallen in ihrer ganzen wilden, bunten Vielfalt. Unter der künstlerischen Leitung der beiden Schwestern werden sie in textile Riffe zusammenkomponiert.

Das Ergebnis kann man in Baden-Baden besichtigen. Für das „Baden-Baden Riff“ haben 4000 Beteiligte mitgestrickt und -gehäkelt, alle namentlich aufgeführt in endlosen Namenszeilen auf weißer Wand. Paketweise schickten sie ein Jahr lang Korallen-Handarbeit an das Museum: Kleine, winzige, große, gewaltige, lange, runde, schlangenförmige, ein- und vielfarbige. Kreativ gestaltet wurden daraus Korallenriffe, Orgien der Phantasie, durch die man hindurchgehen kann, ohne nass zu werden.

Ein schriller Hilfeschrei in der Lautlosigkeit

Stumm sind diese Korallen, so wie ihre lebenden Vorbilder. Aber sie sind starr, sie wiegen sich nicht im Wasser der südlichen Weltmeere und mahnen uns mit ihrer Unbeweglichkeit an unsere eigene Zerstörungsenergie. Geduckt unter einem Plastik-Müllberg, der im Eingangsbereich mahnend von der Decke hängt, wandelt der Besucher durch die die ganze bunte tote Pracht der Textil-Riffe von Baden-Baden, und kann den schrillen Hilfeschrei dieser uralten Lebensform trotz aller Lautlosigkeit hören.

Wenn die Korallen verblassen, sterben sie ab. Weiße Korallen sind ein Hilfeschrei.

Korallen sind Lebewesen, und daher sterben sie, schon seit Jahrmillionen und ganz ohne menschliche Einwirkung. Steinkorallen, welche die großen Riffe bilden, geben ihrem Tod einen Sinn, denn der Kalk der abgestorbenen Korallen-Generationen bildet die Lebensgrundlage für die jungen, nachwachsenden, dann lebenden, bunten Korallen. Dieser ständige Regenerationsprozess lässt Riffe wachsen und erhält die Vielfalt der Korallen. Wenn aber keine jungen Korallen mehr entstehen, dann stirbt das Riff, die letzte Generation der Tiere verliert ihre Farbe. Die sterbenden Riffe nehmen einen fahl-weißlichen Ausdruck an. Auch solche Riffe sind in gestrickter Form zu sehen in Baden-Baden. Hier lacht keine Koralle mehr.

Mehr Informationen zur Ausstellung im Museum Frieder Burda finden Sie hier: https://www.museum-frieder-burda.de/ausstellung.php

Über Geschichte, Vielfalt und Wesen von Korallen habe ich mich hier informiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Koralle

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Aber wir haben den Daimler

Die fünf Tage von Richard Wagner in Stuttgart

Über die besondere Magie der Begegnung von Richard Wagner und der Stadt Stuttgart im Jahr 1864 hätte man sich natürlich schon viel früher informieren können. Sie ist offen nachlesbar in den Biografien über den Komponisten, und echte Wagnerianer kennen sie längst.

Trotzdem sei sie hier noch einmal kurz erzählt: Fünf Tage hat sich der schwierige Charakter in Stuttgart aufgehalten, vom 29. April bis 3. Mai, und er befand sich in einer katastrophalen Situation. Zwar hatten seine Werke durchaus Aufmerksamkeit in ganz Europa gefunden, und auch eine umstrittene Bekanntheit hatte sich Wagner bereits erarbeitet. Aber wo auch immer der stürmische Mensch in Erscheinung trat, gab es Ärger. Sachsen hatte er fluchtartig verlassen müssen, da ihm aufrührerische Aktivitäten vorgeworfen wurden. In Wien hatte er Schulden gemacht, die er nicht ausgleichen konnte, auch nicht mit Hilfe von Gönner(inn)en. Auch Wien musste er also auf schnellstem Wege hinter sich lassen, die Gläubiger im Nacken.

Wagner in Stuttgart: Ein Missionar in eigener Sache, sperrig, von künstlerischem Schöpfergeist besessen redet er auf das schwäbische Volk ein. (Szene aus dem Stadtspaziergang der Oper Stuttgart zur Ankunft Wagners in Stuttgart, Darsteller: Peer Oscar Musinowski, Schauspiel Stuttgart)

Verarmt, unerreichbar verliebt, obdachlos

Verliebt hatte er sich auch noch, ungeschickterweise in die Ehefrau Cosima seines Freundes und wesentlichsten Förderers, Hans von Bülow, wobei für Wagner keine relevante Rolle spielte, dass er bereits seit 28 Jahren, wenn auch aus seiner Sicht unglücklich, verheiratet war. Wagner lebte auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit, auch vor den Folgen seines ungestümen, oft rücksichtslosen Charakters. Zu seiner Frau Minna in Dresden konnte er aus politischen Gründen nicht zurück und wollte es auch emotional nicht.

Er war ein Obdachloser, verkaufte Teile seines Hausstandes und bei Konzertauftritten und Reisen erhaltene Gastgeschenke, um wenigstens die Hotelrechnungen bezahlen zu können. Seine Förderer zogen sich vor dem wilden, ungebändigten Geist dieses Mannes zurück und signalisierten wachsenden Widerwillen, ihn bei sich aufzunehmen.

„Ich bin am Ende!“

In dieser Lage kam Richard Wagner am 29. April 1864 nach Stuttgart. Logis nahm Wagner – ohne dafür zahlen zu können – im damaligen Hotel „Marquardt“ neben dem alten Bahnhof. Am Neckar hatte er noch einen Freund, den Kapellmeister der württembergischen Hofkapelle, Karl-Anton Eckert. Der versprach ihm nicht nur Kost, er wollte auch den Kontakt zum Intendanten des Hoftheaters herstellen. Seinen Freund Wendelin Weißheimer, der ihn in Stuttgart aufsuchte, und mit dem er die „Meistersinger“ fertigstellen wollte, begrüßte er mit den Worten: „Ich bin am Ende!“ Und der befreundeten Schriftstellerin Eliza Wille schrieb er aus Stuttgart an den Zürichsee: „Freundin, Sie kennen den Umfang meiner Leiden nicht, nicht die Tiefe des Elends, das vor mir liegt.“

Ein Festspielhaus im Kurpark?

Wagner hoffte in höchster Not, in Stuttgart Aufführungschancen zu erhalten, vielleicht einen Vorschuss, der ihn über die nächsten Wochen retten könnte. Welche Wendung hätte das Stuttgarter Kulturleben nehmen können, wenn es zu einem Engagement Wagners am Neckar gekommen wäre? Vielleicht stünde dann jetzt das Festspielhaus nicht auf dem Hügel in Bayreuth, sondern im Kurpark von Bad Cannstatt?

Erfolgreiche Abwerbung: In diesem Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz fand das Gespräch zwischen Richard Wagner und dem Emissär von Ludwig II. statt, das den Komponisten vor dem Ruin rettete. jetzt ist es das „Hotel Utopia“ der Oper Stuttgart.

Aber es kam anders. Ohne dass Wagner etwas davon ahnte, reiste ihm bereits seit zwei Wochen auf seinen wilden Fahrten durch halb Europa ein Mann hinterher. Er hatte einen prominenten Auftraggeber. Der bayerische König Ludwig II., gerade erst auf den Thron gelangt, ein „Jüngling von bedenklicher Schwermut und Menschenscheu, schön, dunkeläugig und homophil“ (so Martin Gregor-Dellin in seiner Biografie über Richard Wagner) hatte als 15jähriger den „Lohengrin“ gesehen und war seither besessen davon, Richard Wagner kennenzulernen und zu fördern. Nun, als König, hatte er auch Macht und Mittel dafür. Er ließ nach Wagner fahnden.

In Stuttgart spürte der bayerische Abgesandte Franz von Pfistermeister das unmittelbar vor dem Ruin stehende Genie auf und informierte den Staunenden über die Anbetung durch den jungen König. Er habe den Auftrag, Wagner sofort nach München zu bringen und dem König persönlich vorzustellen.

Ein gemachter Mann – von einem Tag auf den anderen

Und so kam es. Noch am selben Tag, dem 3. Mai, nachmittags um fünf bestieg Wagner zusammen mit Pfistermeister den Zug von Stuttgart nach München, überwand die Alb, überquerte die Donau, dampfte an Augsburg vorbei und eilte schließlich in die Münchner Residenz. Wagner war von diesem Tage an ein gemachter Mann, er hatte keine materiellen Sorgen mehr, denn für sein Auskommen sorgte der junge König. Beide bezahlten dafür einen Preis, massive Ablehnung und persönliche Demütigungen kosteten dem kranken König schließlich das Leben und Wagner musste aus München nach Bayreuth flüchten.

„Grünliche Dämmerung“ über den Hügeln des Kessels …

An Hügeln hätte es nicht gemangelt, aber hätte Stuttgart ein Wagner-Festspielhaus geschmückt? Wäre die protestantische Stadt bereit gewesen für die Kunst des romantisch-barocken Wagner? Der Kulturflaneur darf skeptisch sein. Die Oper Stuttgart nähert sich dieser Frage mit dem durchaus anspruchsvollen Film über die Stuttgarter Tage von Richard Wagner. Es ist eine sehr schwäbische Antwort. Der Film trägt den Titel „Grünliche Dämmerung“, und lässt schon allein damit allen politischen Spekulationen Raum. Er dauert etwa eine halbe Stunde, erfordert Humor und Aufmerksamkeit, und am Ende geht man hinaus und denkt sich: Vielleicht ist es besser, dass er nach München weitergezogen ist. Wir haben den Daimler und die Mineralbäder.

 

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Frühjahrsfestival der Oper Stuttgart mit dem Titel „Hotel Utopia – Richard Wagners fünf Tage am Neckar zwischen Ruin und Rettung“, insbesondere auch der geistreiche und sehr sinnliche Stadtspaziergang zu Wagners Ankunft in Stuttgart (vom 18. Mai 2022). Das Programm des Frühjahrsfestivals dauert noch bis 22. Mai: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/hotel-utopia/

Zum Film „Grünliche Dämmerung“ gibt es derzeit auf Youtube nur den Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=hfcKtGDNezM Über das weitere Schicksal des Films außerhalb des Frühjahrsfestivals wurde noch nicht entschieden.

Die biografischen Daten verdanke ich unter anderem der exzellenten Biografie von Martin Gregor-Dellin über Richard Wagner: https://www.piper.de/buecher/richard-wagner-isbn-978-3-492-30187-9

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Was von Wagner bleibt ….

 

„Sie dürfen!“ – Ein Wort hat Konjunktur

Eine sprach-politische Betrachtung über das Wort „Dürfen“ in einer freien Gesellschaft

„Das wird man doch noch sagen dürfen“, schnauzt der Querdenker in die bereitstehenden Mikrofone der angeblichen „Lügenpresse“ – und unterstellt mit seiner Formulierung, dass es ihm irgendjemand verboten hätte, seine schräge Sicht der Dinge zu formulieren.

„Ich darf doch wohl anderer Meinung sein als Du“, ist der ultimative Schlusspunkt mancher innerfamiliären Auseinandersetzung, als ob die Freiheit der Meinung in Frage gestellt worden wäre – und nicht die Stichhaltigkeit des Arguments.

„Sie dürfen schon mal Ihre Karte reinstecken“, sagt die Supermarkt-Kassiererin zum solventen Kunden, der seinen Einkauf bezahlen will.

„Sie dürfen sich erstmal ins Wartezimmer setzen, es dauert noch einen Moment“, erteilt die Assistenz in der Hausarztpraxis dem schmerzgeplagten Patienten die hoheitliche Erlaubnis zum Hinsetzen.

Das Dürfen hat Konjunktur

Die „Dürfen“-Kurve in der deutschen Sprache seit 1946: Ein Wort hat Konjunktur. Seit 2016 geht die Wortverwendung besonders steil nach oben. Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.
Der historische Höhepunkt für das „Dürfen“ in der deutschen Sprache lag in der Zeit des Nationalsozialismus. (Datenbasis unterschiedlich zur Statistik ab 1946) Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „dürfen“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 20.4.2022.

Das Dürfen hat Konjunktur. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern sogar messbar. Die Wortverlaufskurve des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) zeigt steil nach oben, wenn es um das Dürfen geht. Die vermeintliche Erlaubniserteilung wird im Deutschen heute so viel verwendet wie seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Der statistische Wert von heute übertrifft sogar den damalige Dürfen-Terror. Das steht als sprach-politische Botschaft donnernd im Raum, auch wenn die unterschiedliche Datenbasis der Zeiträume einen solchen Vergleich aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich nicht erlaubt.

Die Wörter-Statistik kommt erwartbar komplex zustande – kurz zusammengefasst sieht sie so aus: Ausgewertet werden zigtausende schriftliche Dokumente aus Belletristik, Zeitgeschehen, Zeitungen und Zeitschriften, und – seit es sie gibt – auch elektronische Medien. Das Dürfen hatte seinen Beliebtheitshöhepunkt in der deutschen Sprache zwischen 1930 und 1939 – und jetzt wieder. Vor allem seit 2016 steigt die Verwendungskurve für das Wort „Dürfen“ wieder steil nach oben.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen?“

„Er darf hereinkommen“, sagte in vergangenen Zeiten der Despot zum Bittsteller, den er noch nicht mal für würdig erachtete, ihn direkt anzusprechen. Der Fürst saß und der Bittsteller durfte in der Regel stehen, was immerhin eine Parallelität zur Situation an der Supermarktkasse sein dürfte.

„Mein schönes Fräulein, darf ich´s wagen,“, lässt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinen Faust das Fräulein fragen, „meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“, in einer geradezu herzzerreißend verliebten Mischung aus direkter und indirekter Ansprache. Hier ist klar: Der höfliche Herr ist ein gut erzogener Bittsteller, das junge Fräulein erlaubt ihm, ihr den stützenden Arm zum Spaziergang zu reichen. Die Erlaubnis zum Dürfen wird nicht ungefragt erteilt.

Nach dieser Ordnung wäre es richtig, wenn der Kunde im Supermarkt fragt: „Darf ich schon loslegen mit der Karte?“ und die freundliche Kassenkraft antwortet: „Ja, Sie dürfen!“ Ach, da hört man doch schon das geschundene Discounter-Personal im Chor dem Autor zurufen: „Sie dürfen sich mit Ihren Spitzfindigkeiten gerne mal einen Tag an diese Kasse setzen!“ – was auch wieder im Wortsinn korrekt wäre, denn die Erlaubnis dazu wäre zweifellos vorab entsprechend von denjenigen zu erteilen, die da immer sitzen.

„Dürfen“ steht für Erlaubnis, Bitte, Aufforderung, Befürchtung

Ein Blick in das bereits zitierte Wörterbuch lehrt, dass die Bedeutungsvielfalt des Dürfens deutlich über die klassische Erlaubnis hinausgeht. Es darf auch als ethisch intendierter Imperativ gemeint sein: „Du darfst keine Tiere quälen!“ Auch der Ausdruck einer Bitte ist erlaubt – allerdings eher in verneinender Form: „Das darfst du bitte dem Vater nicht sagen …“, eine Befürchtung darf formuliert werden „Der VfB darf auf keinen Fall absteigen!“, oder in Verbindung mit dem Konjunktiv eine Wahrscheinlichkeit: „Morgen dürfte es regnen“. Die Varianten des Dürfens sind vielfältig, und so verneigen wir uns vor all jenen Menschen, die nicht von der Kindeswiege an in unserer wunderbaren Sprache aufwachsen konnten und die vielfältig unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten des Dürfens als Erwachsene bei vollem Bewusstsein erlernen müssen.

In den 70er-Jahren war „Dürfen“ nicht in Mode

Der statistische Tiefpunkt bei der Wortverwendung des Dürfens lag übrigens im Jahr 1977. Das war eine Zeit, in der die Studenten-Revolutionäre von 1968 den Marsch durch die Institutionen erfolgreich begonnen hatten. Eine sozialliberale Regierung bestimmte über Deutschlands Schicksal und musste sich mit dem Schrecken des RAF-Terrorismus herumschlagen. Die Überwindung des „Muffs unter den Talaren“ war im Gange. Es ging um Emanzipation und gegen die Atomkraft, drei Jahre später wurde in Westdeutschland die grüne Partei gegründet. Es war eine Zeit, in der mehr über das Wollen und das Können diskutiert wurde. Etwas zu „dürfen“, das war nicht up to date.

Seither klettert die Nutzungskurve des Dürfens wieder dauerhaft nach oben. „Wir haben sogar an einer Bundestagssitzung teilnehmen dürfen“, sagt der Oberstufenschüler nach der Berlinreise seiner Schulklasse, wobei sich die Frage stellt, ob er das in einer öffentlichen Sitzung nicht immer hätten tun können, wenn er es denn gewollt hätte. Oder er hätte die TV-Übertragung anschalten dürfen.

Sensibilität für unsere Werte ist gefragt

Alles nur sprachliche Petitessen? Nein, Ausdruck einer Geisteshaltung. Das „Dürfen“ setzt in allen geschilderten, alltäglichen Zusammenhängen voraus, dass es einer Erlaubnis dafür bedürfen würde. Das ist nur in den wenigsten Fällen so gegeben. In einem freiheitlichen Staat darf jeder alles sagen oder tun, auch jeden noch so großen Unsinn, wenn er nicht nach den Gesetzen unseres Landes anderen schadet, sie beleidigt oder offensichtlich lügt. Die empörte Betonung „Das darf man doch wohl noch sagen!“ ist deshalb eine Herabsetzung hoher Werte unserer individuellen Freiheit, weil sie unterstellt, da sei etwas nicht erlaubt.

Sensibilität für diese unsere Werte, die übrigens gerade in der Ukraine mit Menschenleben gegen einen Angriff verteidigt werden, ist auch im Alltag nicht fehl am Platz. Der Kunde „darf“ nicht an der Kasse zahlen, sondern er muss. Der Patient „darf“ sich nicht ins Wartezimmer setzen, sondern er soll es, weil Frau Doktor noch zu tun hat, was ja völlig in Ordnung ist. Und das Herumstehen im Gang verträgt sich nicht mit dem Datenschutz. Es ist also keine höfliche Erlaubnis, sondern eine sinnvolle Aufforderung, gedeckt durch das Hausrecht.

Und diesen Text, den dürfen die geschätzten Leserinnen und Leser nicht lesen oder hören, weil der Autor es erlaubt, sondern weil sie es wollen.

„… aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut!“

Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Wollen, Müssen, Können und Dürfen immer weiter verschwimmen, sich verrühren zu einem schlierigen Einheitsbrei? „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab´ ich mich nicht getraut“, formulierte der Münchner Künstler Karl Valentin (1882-1948) sehr treffend.

Also bitte, hier ein Appell an alle selbstbewussten Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft: Flatten the „Dürfen“-Curve! Wer etwas mag, kann es wollen und muss es nicht dürfen.

 

Die zitierte Wortstatistik zu „Dürfen“ finden Sie hier: https://www.dwds.de/wb/d%C3%BCrfen#:~:text=Mehr-,d%C3%BCrfen%20Vb.,haben‚.

Um Karl Valentin geht es auch in meinem Text zum Valentinstag. 

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Starke Frauen und ein machtgeplagter Gott

Zur Neuinszenierung der „Walküre“ in Stuttgart

Stille im dunklen Saal. Die Oper beginnt. Rauschhaft schwillt die Musik an. Ein Freund von Wagner-Musik, dem es an eigener, anderweitiger Drogenerfahrung mangelt, könnte sich genauso jenes erlösende Gefühl vorstellen, das den Körper eines Suchtkranken durchströmt, wenn der ersehnte Schuss wirkt, wenn der erste tiefe Zug aus der Zigarette nach stundenlanger Abstinenz die starre Anspannung löst.

Bunte Walküren am Start: Die Privatarmee des Göttervaters im 3. Akt von „Die Walküre“. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Wagners Noten sind ein Sog, seine Töne können für Menschen, die dafür empfindlich sind, jenen zauberhaften Sirenenklängen gleichen, gegen deren magische Macht, aber auch tödliche Wirkung, sich der antike Sagenheld Odysseus zu schützen wusste. Seiner Seefahrer-Mannschaft befahl er, sich mit Wachs die Ohren zu verstopfen. Odysseus aber wollte die tödlichen Wundertöne der rätselhaften Sirenen hören, und so ließ er sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Als er dann die verlockenden Gesänge vernahm, bettelte er seine taube Mannschaft flehentlich an, ihn loszubinden, damit er den Zauberklängen folgen könne. Aber seine Mannschaft konnte ihn dank seiner eigenen Vorsicht nicht hören.

Achtung, Trigger-Warnung!

Daher an dieser Stelle eine Trigger-Warnung: Wagners Opern können antisemitische Elemente, unkritische Deutschtümelei und ein Weltbild enthalten, das weit von heutigen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann entfernt ist. Zigarettenschachteln warnen mit drastischen Bildern vor dem Genuss ihres eigenen Inhaltes. Vielleicht sollten wir diskutieren, einen Link zu den neuesten Erkenntnissen der Wagner-Forschung auf jede Opernkarte, auf jede CD-Hülle zu drucken – oder wenigstens den Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Musikhistoriker Ihres Vertrauens“?

Vorsicht vor der politisch unkorrekter Suchtwirkung dieses Sujets ist also angeraten. Entsprechend gewappnet aber darf jede und jeder Musikfreund/in sich fast willenlos hineingleiten lassen in Wagners Musik, darf einfach hören und sich tragen lassen in eine Welt, die so machtvoll schön, und doch auch so gewalttätig toxisch ist. Das dem Rausch verfallene Opernvolk kann stundenlang stillsitzen, um ängstlich dem längst bekannten Ende entgegenzufiebern, voller Schmerz und Wehmut und Glück.

Sie wollen das erleben? Bitte schön, auf in „Die Walküre“! Für das Wagnersche Rauscherlebnis ist vor allem die Musik verantwortlich. Was Handlung und Text angeht, haben Wagner-Opern immer das ganz Große im Leben im Blick – Macht, Liebe, Gier, Geld -, also jede Menge Futter für Regieeinfälle.

Drei Regieteams, dreimal neue Konzeption

Vorsicht, Sogwirkung möglich: Die Musik von Richard Wagner kann manche Opernfreunde abhängig machen, trotz oft diskussionswürdiger Inhalte. Sieglinde und Siegmund (hier Simone Schneider, Michael König) gehen eine inzestöse Liebesbeziehung ein. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

In Stuttgart hat man mit der szenischen Umsetzung gleich drei Teams damit beauftragt – für jeden Akt eines -, und das ist mehr als ungewöhnlich. Es gibt also keine durchgängige Regieidee, sondern jeder Akt kommt mit eigener Konzeption und Anmutung daher. Es beginnt mit Ratten in einer zerstörten Welt, führt uns tief hinein in den dunklen Wald menschlicher Abgründe und endet in farbenfroher Romantik. Ein sehr sinnlicher Abend, auch wenn von den Hauptfiguren eher wenig „gespielt“ wird, dafür viel los ist im Bühnenbild, im Licht, bei den Kostümen.

Wagners Sicht auf das „Weibliche“ ist komplex. Einerseits sollen sie mit Ihrem Fordern und Handeln den Männern dazu verhelfen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Andererseits legt Wagner aber auch in der „Walküre“ die Frauen so an, dass sie im entscheidenden Moment dominieren, das weitere Geschehen bestimmen. Also hereinspaziert in die Galerie der starken Frauen:

Die Galerie der starken Frauen

Sieglinde verlässt liebestrunken den ihr ungefragt zur Zwangsverheiratung im Kindesalter zugeordneten Ehemann, und gibt sich einer inzestösen Verbindung mit ihrem Zwillingsbruder Siegmund hin. Beide sind Kinder des Ober-Gottes aus einer außerehelichen Beziehung. Das erbost die im Götterstaat für Moralfragen zuständige Fricka. Sie hält ihrem Mann Wotan eine Standpauke, an deren Ende sie ihn so weit hat, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Er erteilt seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die zusammen mit ihren acht Schwestern so etwas wie eine Frauen-Privatarmee (die Walküren) des Göttervaters bildet, den Auftrag zur Ermordung seines Sohnes Siegmund. Die aber weigert sich, beeindruckt vom authentischen Liebesbekenntnis des Siegmund zur Sieglinde, solchen väterlichen Wahnsinn auszuführen. Brünnhilde wechselt die Fronten, aber Siegmund muss trotzdem sterben (in der Stuttgarter Regie des zweiten Aktes psychologisch sehr klug gelöst).

Wotan ist ob des unbotmäßigen Verhaltens seiner Tochter fuchsteufelswild, tobt schreckerregend herum, schnauzt deren Walküren-Schwestern an, sich auf keinen Fall zu solidarisieren mit der Ungehorsamen. Brünnhilde konfrontiert ihn mutig mit der bitteren Wahrheit: Sie habe doch seinen eigentlich authentischen Willen ausgeführt! Wieder muss er, um seine Autorität zu sichern, gegen seine Überzeugung handeln, denn die Ungehorsamkeit darf nicht ungestraft bleiben. Schließlich bietet ihm seine Tochter einen Ausweg an: Sie wird nicht einfach als wehrlose Straßenhure verstoßen, wie Wotans Idee war, sondern sie erhält so viel Schutz, dass nur ein wahrer Held sie wird für sich gewinnen können. (Dazu dann mehr in „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ring“, der als Wiederaufnahme in Stuttgart am 9. Oktober 2022 Premiere haben wird).

Aus feministischer Sicht kann man sich aus guten Gründen daran stören, dass die starke Brünnhilde in einer unangemessen passiven Rolle am Ende der Oper zurückgelassen wird. Ja, so ist es. Aus Wagners Welt wird nicht posthum ein moderner Hort der Gleichberechtigung; diesen Umschwung wird keine Regie leisten.

Gefangen im Alcatraz der Verantwortung

Sollte man sich „Die Walküre“ trotzdem ansehen? Unbedingt! Nicht nur die erschreckend gegenwärtigen Bilder der Verwüstung, die den ersten Akt prägen, machen den Opernbesuch zum brandaktuellen Erlebnis, sondern auch die sehr kluge psychologische Deutung des Vater-Tochter-Konfliktes. Allen Schlaumeiern, die in (a)sozialen Netzen und anderswo – am besten anonym – über Spitzenpolitiker lästern, weil diese unter der Last der realen Verantwortung auf ihren Schultern Kompromisse machen und alte Gewissheiten aufgeben, wird der Besuch ganz besonders empfohlen. Sie könnten, wenn sie es denn zulassen, am Leibe des leidenden Göttervaters erleben, welche Qualen mit der Last der Macht, mit dem Alcatraz der Verantwortung, verbunden sind.

Es ist unsere Welt, die da verhandelt wird

Nachdenklich tritt man nach fünf Stunden heraus ins Freie; im Kopf klingen noch die letzten Takte des Rausches nach. Es ist eben doch unsere eigene Welt, die da verhandelt wurde. Man tritt heraus in eine Welt, in der verbrecherische Kriege in der Nachbarschaft geführt werden, jeden Tag wieder Ungerechtigkeiten stattfinden, geduldet und erduldet werden, in der das Klima kollabiert. Das vom Sturm zerknüllte Dach des stolzen, aber renovierungsbedürftig dahinbröselnden Opernhauses wurde soeben als Mahnmal direkt davor platziert. Man tritt hinaus und droht über Ghettoblaster und herumstehenden Bierflaschen direkt auf den Stufen des Opernhauses zu stolpern.

Man tritt hinaus und blickt hinüber zum alten Schloss, nur wenige Meter entfernt. Dort hatten Claus und Berthold Stauffenberg etliche Jahre ihrer Kindheit verbracht. Gemeinsam mit vielen anderen planten sie die Tötung Hitlers. Ihr Plan scheiterte am 20. Juli 1944, und sie wurden hingerichtet. Der Codename ihres Geheimplanes diente ursprünglich für Vorbereitungen zur Niederschlagung innerdeutscher Widerstände gegen das NS-Regime. Die Attentäter nutzten ihn als Schutz für ihre eigenen Vorbereitungen. Er lautete: „Walküre“.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 29. April 2022. 

 

„Die Walküre“ ist am Stuttgarter Opernhaus zu sehen ab 10. April 2022 an insgesamt fünf Terminen bis 2. Mai. Im Jahr 2023 werden mehrere Aufführungen des kompletten „Ring“ folgen. Zur Website der Stuttgarter Oper: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/die-walkuere/

Die antike Geschichte von Odysseus und den Sirenen ist bei „Wissen mach Ah!“ gut zusammengefasst: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/geschichteundgeschichten/bibliothek-odysseus-und-die-sirenen-100.html

Über das Frauenbild von Richard Wagner wurde viel geforscht und veröffentlicht. Sehr frisch ist die Forschung von Paul Simon Kranz, der darüber in diesem Interview berichtet: https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/aktuelles-interview-mit-paul-simon-kranz-zu-seinem-buch-richard-wagner-und-das-weibliche/184647

Zu Graf Stauffenberg in Stuttgart und zur Operation „Walküre“: https://www.hdgbw.de/ausstellungen/stauffenberg/

„Die Walküre“ ist der zweite Teil des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Mein Text zum ersten Teil, dem „Rheingold“ in der Stuttgarter Inszenierung finden Sie hier, wie auch weitere Texte als #Kulturflaneur.

Die feine Klinge der Ironie

Über Spott und Ironie – und das Buch „Spottlichter“ von Wolfram Hirche

Beim Spott sind die Rollen unfair verteilt. Hat der Spottende seine Freude daran, so leckt der Verspottete sich voller Selbstmitleid die Wunden. „Lieber einen guten Freund verlieren, als auf eine gute Pointe verzichten“, hat der irische Schriftsteller Oscar Wilde einmal die manchmal fatale Wirkung des Spotts zusammengefasst. Wilde lebte extensiv, schonte sich und die, die um ihn waren, nicht, möglicherweise auch nicht mit seinem Spott, und starb ziemlich verbittert und einsam.

Spott ist also für den Sprachfreudigen das, was zu Beginn der Pandemie für den früheren Finanzminister eine Bazooka war – das ganze schwere Geschütz. Das feine Florett in dieser Sport(Spott-?)art der Sprachkunst ist dagegen die Ironie. Sie will nicht verletzen, sondern bloßlegen. Der Unterschied ist fließend, und mancher kann mit ironischem Sprachhumor ganz generell wenig anfangen. Diese Zeitgenossen verziehen dann bei den Scherzen von „heute-Show“, „Anstalt“ oder Böhmermann stirnrunzelnd keine Miene, anstatt schallend zu lachen. Nun ja, was sagt uns das? Nach Meinung des amerikanischen Literaten William Flint Thrall ist „die Fähigkeit, Ironie zu erkennen, einer der sichersten Intelligenztests“.

Spott und Ironie – der Unterschied ist fließend

Ein Satzzeichen für Ironie – so stellte es sich Marcel Bernhardt vor. Durchgesetzt hat sich diese Ergänzung unserer Schrift nicht.

Da schaut´s schlecht aus für den Autor dieser Rezension, der sich folgerichtig keineswegs sicher war, ob die von ihm bierernst im allwissenden Netz recherchierte, nachfolgende Information für bare Münze genommen werden darf: Ein gewisser Franzose namens Alcanter de Brahm (kann ein solcher Name echt sein? Nein.) habe 1899 im wahrsten Sinne des Wortes ernsthaft ein „Ironie-Satzzeichen“ einführen wollen. Schon fürchtete der staunende Ironie-Skeptiker, im Intelligenztest ein weites Mal zu versagen, auch hier wieder einem Spaß aufzusitzen, weil er den Witz nicht durchschaut. Verunsichert schaut er sich um: Ob wohl die intelligenten Freunde der Ironie bereits beobachtend hinter dem sprachlichen Gebüsch sitzen und sich den Bauch halten vor Lachen? „Schau her, der naive Tölpel,“ hört er sie schon glucksen, „da hat er diesen Scherz mit dem Ironiezeichen tatsächlich für möglich gehalten hat.“ Ach, da ist´s nicht mehr weit zum Spott!

Alcanter de Brahm gab´s nicht wirklich. Der musikalisch anmutende Name war ein Pseudonym für den Schriftsteller Marcel Bernhardt (1868-1945). Und der hat tatsächlich ein Plädoyer gehalten für die knochentrockene Kennzeichnung der Ironie via Satzzeichen. Eine etwas wackelige Mischung aus Frage- und Ausrufezeichen sollte für alle klar machen, wo der Spaß aufhört. Übrigens war Bernhardt in bester Gesellschaft. Schon Heinrich Heine hatte dergleichen gefordert. Und auch nach Bernhardt haben weitere Pioniere sich um die orthografische Kennzeichnung der Ironie bemüht, sind bisher aber allesamt an der besonders intelligenten Dudenredaktion gescheitert.

Die Glosse: eine journalistische Herausforderung

Was bleibt uns also? Wir müssen die Ironie weiterhin selbst erkennen. Was ironisch Minderbemittelte dafür brauchen, sind große Ironiker (Achtung: Ironie!). Einer davon ist der Münchner Autor Wolfram Hirche, der seit zehn Jahren für die „Literaturseiten“ seiner Heimatstadt eine regelmäßige Glosse – auch schon wieder so ein unklarer Begriff – schreibt.

Die Glosse sei „die kürzeste, und daher schwierigste journalistische Form“, hob schon der Münchner Publizistikwissenschaftler Emil Dovifat mahnend den akademischen Zeigefinger. Abgesehen von der hochkulturell geprägten Leserschaft großer Bildungsmedien darf man die Glosse getrost als eine vom Aussterben bedrohte Spezies bezeichnen. Dem „meist kurzen und pointierten, oft satirischen oder polemischen, journalistischen Meinungsbeitrag“ (Wikipedia) hat längst der 240-Zeilen-Rotz auf Twitter oder der gerne in spöttischem Grundton daherkommende Podcast den Rang abgelaufen.

Was Markus Söder und Thomas Mann gemeinsam haben

Wolfram Hirche zeigt sich in seinem Buch „Spottlichter“ als ambitionierter Bewahrer dieser Gattung. Seine fast neunzig Glossen beleuchten „mit leichtem Spott und Ironie, scharf, aber nie verletzend“ die seltsamen Seiten des deutschen Kulturlebens (so der Verlag). Als Buch zusammengestellt ist daraus ein ironisches Kompendium des deutschen Literaturbetriebs geworden. Hier wird mit feiner Klinge gefochten, nicht mit der Spott-Bazooka, obwohl der Titel des Buches diesbezüglich etwas in die Irre führt.

Wolfram Hirche zeigt in seinen kurzen Texten größte sprachliche Brillanz und hintersinnig klugen Witz. Er greift auf großes historisches und literarisches Wissen zurück und springt elegant und oft kühn hin und her zwischen früher und heute. „Politdarsteller mit narzisstischem Rufzeichen bevölkern die Szene“, „zumal in Bayern!“, schrieb er beispielsweise im September 2021 in der Glosse „Quanten-Sprüche“, „wir brauchen den tiefen Blick ins Literarische, um Quelle und Folgen dieses ergötzlichen Charaktermodells scharf zu erkennen.“ Elegant schlägt er damit den Bogen von Söder, Johnson und Trump hin zu Thomas Mann und dessen Figur „Felix Krull“. Alles Hochstapler!

Die Sammlung ist ein heiteres und anregendes Buch, wenn auch nicht ohne Wiederholungen (was daran liegt, dass eine Glosse in einer Monatszeitschrift über zehn Jahre Inhalte und Aussagen haben darf, die sich wiederholen – die aber dann, hintereinander in einem Buch gelesen, mitunter redundant wirken). Trotzdem: Die „Spottlichter“ bilden, unterhalten und lassen den literaturbegeisterten Bildungsbürger schmunzeln. Sehen Sie hier ein Ironiezeichen? Nein, nicht nötig.

 

Die „Spottlichter“ von Wolfram Hirche mit (sehr einfallsreichen) Illustrationen von Christopher Oberhuemer sind im Januar 2022 erschienen im Verlag p.machinery und dort, sowie auf den anderen üblichen Plattformen als e-Book zum Spottpreis von 4,99 € erhältlich. Wer ein gedrucktes Exemplar möchte, muss dafür 16,99 € berappen. Link zur Verlagsseite: https://www.pmachinery.de/unsere-bucher/auser-der-reihe/ausser-der-reihe-band-61-70/hirche-wolfram-spottlichter

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Die Suche nach dem wahren Valentin

Diese Geschichte beginnt im antiken Rom, heiß war es dort und der Staub machte durstig. Sie wird erzählen von vierfachem Mord, florierendem Leichentourismus im Mittelalter, sie wird Station machen bei den Rosenplantagen in Kenia und schließlich an einem Münchner Blumenstand enden. Kann das gelingen? Lesen Sie selbst!

Cratons Verzweiflung war so groß, …

Craton war ein berühmter Mann in Rom. Als Redner verdiente er sein Geld mit Debatten-Auftritten, mit feurigen Reden und klarer Sprache, mit schneidigem Argument und geschliffener Zunge. Menschen kamen zu ihm und bezahlten dafür, von ihm unterrichtet zu werden, wenn sie wirkungsvoll sprechen wollten. Ja, Craton war von den Göttern verwöhnt, aber er war trotzdem verzweifelt. Denn sein einziger Sohn war krank.

Und was für eine merkwürdige Krankheit der hatte; noch nie hatte Craton so etwas gesehen. Tagelang konnte er sich völlig normal verhalten. Dann half das Kind seiner Mutter bei der Pflege der Ziegen im Hof, fegte den Staub der Straße von den Eingangsstufen der Villa. Packte seine Sachen zusammen in den Beutel, wenn es zur Scola ging, lernte fleißig.

Und dann plötzlich war er wie besessen, als hätten die bösen Götter Macht über ihn ergriffen. Dann fiel er zu Boden, zitterte und schäumte aus dem Mund, krampfte und spuckte, die Zähne klapperten schaurig aufeinander, alle seine Glieder zuckten. Das Inferno der Besinnungslosigkeit dauerte eine Weile, nichts half gegen dieses elende Spektakel, kein Kraut und kein Zureden. Schließlich, eine Ewigkeit später, zog sich sein Sohn jedes Mal am Boden erschöpft zusammen, lagerte und weinte, sein schmächtiger Körper gezeichnet mit Schrammen und Wunden, die sich das Kind im teuflischen Taumel selbst beigebracht hatte; im Schlagen und Zucken gegen die Wände, gegen die Tische und Stühle, wenn man sie nicht schnell genug aus dem Weg geräumt hatte.

… dass er Valentin um Hilfe bat, …

Craton hatte schon viel gesehen; er hatte Verletzte verbunden, er war bei Sterbenden gewesen, er hatte schreiende Mütter bei der Geburt erlebt – aber diese krampfende Not seines Sohnes, das war etwas anderes, etwas Dämonisches, Grauenvolles. Eine Strafe der Götter. Keiner der Weisen und der Druiden und keines der Kräuterweiber wusste Rat gegen diesen Teufel, der da herrschte und wütete in seinem Sohn.

Valentin Nr. 1: So soll der echte Valentin von Terni ausgesehen haben, auf den sich der Valentinstag von heute bezieht. (Rekonstruktion von Cicero Moraes – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63640962)

Nur von einem Christen in Terni hatte Craton gehört, der Wunder wirken sollte in der Heilung kranker Kinder. Christen waren nicht wohlgelitten im Reich des Kaisers Aurelian, aber Craton wollte nichts unversucht lassen. Einige Tagesmärsche musste der Priester aus Terni zurücklegen durch Hitze und Staub, vorbei an den finster dreinschauenden Milizionären des Kaisers, immer in der Angst, verraten zu werden, aufzufallen, anzuecken.

Schließlich erreichte der Priester das stolze Rom und suchte die prächtige Villa des Craton auf. Es lebten schon viele dort, Frauen, Gäste, Schüler. Jeden Tag gab es im Atrium ein großes Mahl, es fehlte nicht an Essen und Wein.

… und der bezahlte mit seinem Leben.

Valentin hieß der fromme Mann aus der Fremde, und noch am ersten Abend machte er sich bekannt mit dem kranken Sohn, erlebte bald einen seiner schaurigen Anfälle, durchlitt mit ihm die Qualen der Krankheit, die wir heute Epilepsie nennen. Wir wissen nicht, welche Wundermittel der christliche Priester eingesetzt hat. Die Legende erzählt aber, dass ihm die Heilung von Cratons Sohn gelungen sei, und dass ihm das nicht nur die Bewunderung des glücklichen Vaters, sondern auch die seiner weiteren Gäste und Schüler eingebracht hat.

Für den frommen Valentin war diese Popularität allerdings tödlich. Zurück in Terni wurde er von der römischen Staatsmacht verhaftet, gefoltert und am 14. Februar 269 hingerichtet. Drei von Cratons Schülern ereilte das gleiche mörderische Schicksal, weil sie sich – beeindruckt von seiner Heilkunst und seinem Glauben – um seine christliche Bestattung gekümmert hatten.

Soweit das überlieferte Geschehen vor fast 1800 Jahren. Die Heilkunst des Valentin ist inzwischen in den Hintergrund getreten, denn dem gleichen Bischof von Terni wird auch nachgesagt, dass er Liebespaare christlich getraut habe und ihnen dabei Blumen geschenkt haben soll. Die Quellenlage für solche Wohltaten ist mindestens so dürftig wie die für die Geschichte von Craton und seinem Sohn.

Heute verehren wir mit Rosen aus Kenia …

Aber was soll´s: Seit etwa siebzig Jahren hält – ausgehend von den USA – die Legende vom heiligen Valentin, der Ehen stiftete und Blumen verschenkte, der Blumenindustrie dafür her, am 14. Februar einen Vermarktungstag für Geschenke der Liebe zu veranstalten.

Die meisten Rosen, die an diesem Tag in Deutschland verschenkt werden, kommen übrigens aus Kenia, fliegen also gut gekühlt übers Meer in unsere Blumenläden, zuvor geerntet von Menschen, deren archaische Lebensbedingungen an das alte Rom erinnern. Gewächshäuser, so groß wir Fußballfelder, entziehen der natürlichen Vegetation das rare Wasser, Pflanzenschutzmittel für die teuren Rosen verseuchen die einheimischen Böden. Egal, Rosen müssen her, Rosen für die Liebe, Rosen im Namen eines Bischofs.

Und wo ist der Bischof der Liebe abgeblieben? Nicht weniger als 15 Orte in Europa nehmen für sich in Anspruch, Reliquien des Heiligen Valentin zu beherbergen. Eine Kirche am Ort des tragischen Enthauptungsgeschehens in Rom ist dabei, aber auch der Stephansdom in Wien, Kirchen in Polen, Irland und Großbritannien. In der langen Liste steht auch die Kirche St. Michael in Krumbach, ziemlich in der Mitte zwischen Stuttgart und München, im bayerischen Schwaben. Zu sehen ist dort ein liegendes Skelett hinter barockem Glas; anlassbezogen, aber geschmacklich diskussionswürdig, geschmückt mit vielen Blumen, roten Herzen und einer roten Tuchbahn mit rosa Herzen, die vom Seitenaltar herabhängt.

… auch einen Valentin in Schwaben.

Valentin Nr. 2: Die Valentins-Reliquie in St. Michael in Krumbach (Schwaben) im valentinesken Blumen- und Herzchenschmuck.

Sollte er das wirklich sein, der berühmte Liebesbote, der Namensgeber des Valentinstages? Beerdigt in der schwäbischen Provinz? Nein, meinte zum Missmut des Krumbacher Hotel- und Gaststättenvereins schon vor 15 Jahren Dr. Walter Plötzl, emeritierter Professor für Volkskunde gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“. Zwar handele es sich bei der Krumbacher Reliquie ausweislich der mit der Leiche eingeführten Papiere tatsächlich um einen „Valentin“, aber ziemlich sicher nicht um den von Terni. „Das ist ein Katakombenheiliger“, winkte damals der Experte gelangweilt ab. Massenhaft wurden vor 500 Jahren antike Grabanlagen in Rom – die Katakomben – geöffnet und die dort verwahrten Knochen – viele davon vielleicht auch christliche Märtyrer – in die ganze damals bekannte Welt verbracht.

Der dritte wahre Valentin braucht keine Rosen

Die Spur der kenianischen Rosen zum Valentinstag führt auf der Suche nach einem wahren Valentin schließlich nach München. Februarsonne glänzt, die Glocken klingen, die Weißwürste dampfen im Sud. Der Markt erwacht. Die resolute Inhaberin des Blumenstandes am Viktualienmarkt – nennen wir sie „Resi“ – macht sich keine Gedanken über die Herkunft ihrer Rosen. „Vom Großmarkt“, antwortet sie lapidar auf entsprechende Fragen. Früh am Morgen war sie schon dort gewesen in den gekühlten Hallen am Stadtrand, hat sich eingedeckt für den Verkaufshype am Valentinstag.

Valentin Nr. 3: Dem wahren Karl Valentin hat München am Viktualienmarkt ein Denkmal gesetzt.

Die Frage nach dem Namensgeber dieses rosengeschwängerten Geschäftstages kann die Resi nicht wirklich aus der Ruhe bringen. „Was weiß ich, irgendein Heiliger halt“, ruft Sie pragmatisch-katholisch dem Besucher zu und bindet einen Rosenstrauß mehr. Und Recht hat sie, die Resi: Was soll sie einen echten Valentin suchen, da er doch um die Ecke steht? Wenige Schritte weiter plätschert das Brunnendenkmal für jenen dürren Mann, der in München als einziger wirklicher Valentin verehrt wird, und zwar das ganze Jahr über.

Karl Valentin, der unvergessliche Schauspieler, der viel mehr war als ein Komiker, sondern auch ein Philosoph, ein Dadaist, ein Vorreiter des surrealen Humors, dem in dieser Stadt nicht nur das Denkmal auf dem Viktualienmarkt, sondern sogar ein ganzes Museum gewidmet ist. Wer so einen Valentin hat – was soll er nach einem Heiligen suchen? „Ich bin kein direkter Rüpel“, meinte Karl Valentin über sich selbst, „aber die Brennnessel unter den Liebesblumen.“

 

 

Mehr über die Geschichte von Valentin, Bischofs von Terni, und seinen Tod im Jahr 269 hier:

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienV/Valentin_von_Terni.htm

 

Die Bedingungen, unter denen Rosen für den Valentinstag in Kenia gezüchtet werden, gibt es hier mehr zu lesen: https://www.zeit.de/wissen/2010-02/valentinstag-rosen-afrika/komplettansicht

 

Woher jener Valentin stammt, der in Krumbach (Schwaben) zu besichtigen ist, ist hier nachzulesen:

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Wo-der-Heilige-Valentin-liegen-soll-id2756896.html

 

Und schließlich der Münchner Künstler Karl Valentin (1882 bis 1948), der eine eigene sehr informative Website hat: http://www.karl-valentin.de/

 

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Die schwäbische Valentins-Kirche St. Michael in Krumbach ist Nr. 27 in meiner Sammlung #1000Kirchen.

 

 

 

 

 

 

Bitte alles aussteigen! – Eine Reise zum Hass

Stuttgart Hauptbahnhof – bitte alles aussteigen! Willkommen in der ersten Station unserer Reise zum Hass. Gebaut wird viel rund um den nun schon ziemlich heruntergekommenen Kopfbahnhof. Dreißig Jahren wurde diskutiert und gestritten, endlose Debatten und ein quälendes Hin und Her hat es gegeben. Die Politik von damals setzte schließlich den Baubeschluss für eine unterirdische Durchgangsstation durch. Sie säte Gewalt und erntete: Hass.

Jahrhunderte alte Baumriesen mussten für die Baugrube weichen, und so gab es an der Baustelle des Bahnhofs schaurige Bilder. Fast schien es so, als würden aus dem zusammengesunkenen Grün der tödlich verletzten Bäume immer mehr und immer neues hässliches Gewächs sprießen: Immer mehr staatliche Gewalt, immer wieder Prügelszenen, noch mehr schwer verletzte Demonstrierende.

Wohin soll´s gehen? Bild vom Hass gesucht

Auf zur nächsten Station! Stöbern wir, kaum hundert Meter vom Ort des hass-auslösenden Baugeschehens entfernt, durch die (auch digital verfügbaren) Bestände der stolzen Stuttgarter Staatsgalerie. Voll ist dieses Haus von Bildern, von Gemälden, die Emotionen zeigen, von Liebe und Mord erzählen. Nach dem Hass müssen wir lange suchen in den stillen Hallen des Museums.

„Hass oder Eifersucht“ von Jean Audran von 1727 nach Charles LeBrun, aus den digitalen Beständen der Staatsgalerie Stuttgart

Schließlich dreht uns doch ein junger Mann den Kopf entgegen, heftig nach rechts gewendet, seine tiefliegenden Augen blicken aus den Höhlen zornig hervor, sein starrer Blick fixiert voller Wachsamkeit und Ablehnung irgendetwas jenseits des Betrachters. „Hass oder Eifersucht“ nennt sich das Bild. Der französische Maler Charles LeBrun hatte sich vor mehr als 300 Jahren daran gemacht, in einem dicken Buch alle menschlichen Emotionen aufzuschreiben, zu definieren und mustergültige Zeichnungen über ihre Ausdrucksformen anzufertigen – eine Gebrauchsanleitung für das Malen von Emotionen.

Für unser heutiges Empfinden ist der hassende Jüngling aus der Staatsgalerie allerdings zu schön geraten. Denn Hass ist hässlich. Er sei eine „leidenschaftliche Abneigung“, schreibt Wikipedia, und diese beschränke sich nicht darauf, den Gehassten nur nicht zu mögen, sondern will ihm auch aktiv schaden. Ganz offensichtlich werden wir ohne Hass geboren. Ein Kind hasst nicht, vielleicht wird es zornig oder wütend. Auch eines Kindes Trotz, seine nervige Bockigkeit und hartnäckige Widerspenstigkeit – all dies erleben wir nicht als Hass. Irgendetwas muss also passieren zwischen dieser Zeit der Unschuld und dem Hass auf Andersdenkende, Andersgläubige, Anders-Lebende, auf „die da oben“.

Nächster Halt: Belohnung! Wer hasst, fühlt sich gut!

Wieder sind es nur wenige Schritte zur nächsten Reisestation. Von der edlen Bilderwelt der Staatsgalerie wechseln wir in das Untergeschoss des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Dort beschäftigt sich (noch bis 24. 7. 2022) eine Ausstellung mit dem Hass. Wer hinabsteigt in den fensterlosen Keller des Museums findet fein säuberlich alle gesellschaftlichen Facetten dieser Emotion abgebildet: den Hass, der Kriege auslöst; den Hass, der Frauen tötet; den Hass, der Genozide antreibt, der den Mob entfesselt. Was allenfalls angedeutet wird in dieser Ausstellung ist die psychologische Herleitung – warum hassen wir?

Hass in allen gesellschaftlichen Facetten – im Keller des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Foto: Daniel Stauch, bereitgestellt vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg

„Ganze Völker erklären sich selbst für wertvoller, andere für minderwertig“, stellt Christian Stöcker in einem klugen Essay im „Spiegel“ fest: Das Herabschauen auf andere belohnt uns, und es macht uns süchtig auf immer mehr Belohnung, es tröstet uns über eigene Defizite hinweg. „Am Ende,“ meint Christian Stöcker, „so paradox das klingt, hassen Menschen andere Menschen – Juden, Schwarze, Ausländer, wen auch immer – um sich selbst besser zu fühlen. Verachtung als Methode der Selbstwertsteigerung.“

Ein Anschluss zum Verpassen: Der digitale Schnellzug zum Hass

Millionenfach geklickte und mit einem Herzchen geadelte Schadenfreude-Videos, „Daumen hoch“ für verbale Unflätigkeiten oder ekelhafte Hasspostings führen uns täglich vor Augen, wie sehr das stimmt. Die digitale Welt kann ein Schnellzug zum Hass sein. In den dunklen Ecken der Netzwerke türmt sich der Hass zu stinkenden Abfallbergen der Kommunikation, toxisch, im schlimmsten Fall tödlich. Und in den Dachkammern anonymer Einsamkeit fühlen sich manche großartig dabei, herabsetzende Hasstiraden per Tastendruck und Mausklick in die ganze Welt hinauszuposaunen.

Fahrscheinkontrolle!

Wenigstens gibt es Gegenbewegungen. Die Politik hat die Netzwerkbetreiber verpflichtet, Hass-Botschaften schnell zu entfernen und will bei der Polizei die Kapazitäten dafür schaffen, damit Verfasser strafbarer Inhalte auch tatsächlich bestraft werden. Gerade hat die Bundestagsabgeordnete Renate Künast dazu ein wichtiges Grundsatzurteil des Verfassungsgerichts erwirkt – auch als Person des öffentlichen Lebens muss sie nicht jede Form von Beleidigung hinnehmen.

Auch jeder Nutzer des Netzes kann selbst aktiv werden gegen Hass: Einmal länger überlegen, was man da schreibt. Sich nicht auf einlassen auf die Rattenlogik: Je schärfer dahingerotzt, desto mehr Belohnungs-Herzchen oder Daumen-rauf-Bildchen, desto besser fühlt man sich. Hasspostings konsequent melden, damit sie gelöscht und verfolgt werden können; unangemessener Sprache aktiv entgegentreten. Wir sind nicht machtlos gegen den Hass.

Bitte nachlösen: Hass ist überwindbar

Die Reise führt uns zurück zum alten, noch in Betrieb befindlichen Stuttgarter Bahnhof. Wir stolpern nun, mehr als zehn Jahre nach der Eskalation des Hasses, durch ein Gewirr von Baugruben, mäandern herum auf provisorischen Wegen und Übergängen, zwängen uns hindurch zwischen klapprige Bauzäune und vorbei am röhrenden Gewühl der Bagger und Betonpumpen. Denn der neue Bahnhof wächst, viele seiner künftigen Lichtaugen schielen bereits, noch blind ohne ihre Glasabdeckung, aber gut erkennbar, in den Stuttgarter Winterhimmel.

Hass kann überwunden werden – eine Szene von der Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof, Januar 2022

Nach der Eskalation gab es eine öffentliche Schlichtung, dann eine Volksabstimmung, schließlich eine behutsame Rückkehr zur sachlichen Debatte. Noch immer wird gestritten und geklagt. Mit manchem haben die Kritiker Recht behalten; so wird der Untergrundbahnhof ein Vielfaches dessen kosten, was einmal geplant war. Verschwunden sind aber die hasserfüllten Parolen, abgekratzt die Aufkleber der Ablehnung. Es gibt schließlich auch wichtigeres als ein paar Gleise unter schwäbischer Wohlstandsbebauung.

Einsteigen bitte!

Zum Abschluss unserer Gefühlsreise wartet ein französischer Schnellzug abfahrbereit am Bahnsteig. Hinaus in die Welt geht es, Richtung Westen, ein knappes Stündchen nur. Unsere Urgroßväter hielten noch vor 100 Jahren in waffenstarrem Hass-Überschwang die „Wacht am Rhein“. Heute gleitet der Zug zwischen Kehl und Straßburg ohne Halt hinweg über den breiten Strom, hinein in das schöne Nachbarland, ohne Passkontrolle, ohne Geldumtausch. Was für eine wunderbare Belohnung!

 

 

 

Das zitierte Essay von Christian Stöcker finden Sie in voller Länge hier: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-woher-der-hass-kommt-kolumne-a-1122055.html

Mehr Information zum zum Kupferstich „Hass und Eifersucht“ von Jean Audran nach Charles LeBrun in der digitalen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart: https://www.staatsgalerie.de/g/sammlung/sammlung-digital/einzelansicht/sgs/werk/einzelansicht/56BC32F933A3407E833F6A11BBD3FBE7.html

Es gibt zahlreiche Initiativen, die sich gegen Hass im Netz engagieren, zusammengestellt hier: https://www.das-nettz.de/initiativen-gegen-hass-im-netz-wer-engagiert-sich-wie

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Violetta könnte leben

Zur Oper „La Traviata“ von Giuseppe Verdi

Wie wäre das Leben der jungen Frau verlaufen, wenn sie nicht schon als junges Mädchen hätte arbeiten müssen in einer Spelunke auf dem Land? Wenn sie sich nicht als 15-jährige als Dienstmädchen in Paris verdingt hätte, damit sie ihren Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Es war die blanke Tristesse ihres jungen Lebens, aus der sie sich befreien wollte, als sie begann, ihre Schönheit zu verkaufen. Fortan war sie abhängig von den Männern, die sich mit ihr schmücken wollten, sie verehrten und benutzten. Wie die Motten umschwirren die Männer der Gesellschaft in der Inszenierung von Andreas Homoki diese schöne Frau im prächtigen weißen Kleid schon gleich zu Beginn auf der spiegelglänzenden Bühne der Oper am Rhein in Düsseldorf: gierig, lüstern, besitzergreifend.

Noch dazu ist die schöne Frau sterbenskrank. Marie Duplessis hat bis 1847 in Paris gelebt und war das historische Vorbild für die Oper „La Traviata“ mit der suchtauslösenden Musik von Guiseppe Verdi zu einem Libretto von Francesco Maria Piava. Sie starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Nach ihr hat Alexandre Dumas den Roman „Die Kameliendame“ verfasst, dessen Schauspielfassung Verdi in Paris selbst gesehen hatte und sich damit von diesem Stoff anregen ließ zur „Traviata“ – „der vom Weg abgekommenen“.

Violetta stirbt auch an gesellschaftlichen Verhältnissen

Hin- und hergerissen zwischen Luxus und Todesgewissheit: Violetta und Alfredo in „La Traviata“. Foto: Birgit Hupfeld, bereitgestellt von Deutsche Oper am Rhein

Also ist auch Verdis Violetta am Ende des Opernabends tot. Sie stirbt an ihrer damals unheilbaren Erkrankung, aber auch an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die der Gefallenen keinen sozialen Aufstieg erlauben. Die es den Männern leicht machen, die Frau in ihrer Mitte herumzuschubsen zwischen Eifersucht, Eitelkeit, Zorn und Demütigung. Schließlich aber stehen sie alle ratlos herum um das Totenbett. Das Finale der Oper „La Traviata“ hat nur wenige Takte, aber es zählt szenisch wie musikalisch in seiner vorwurfsvollen Endgültigkeit zu den wuchtigsten, stärksten musikalischen Momenten, die Musiktheater erzählen kann. Denn in diesem Moment des Todes, der eigentlich nach Stille verlangt, schlägt die Musik mit voller Wucht zu. In fünf kräftigen Orchestertutti haut Verdi wie mit der Faust auf einen apokalyptischen Tisch:  Wumm – wamm – wumm – wamm – dann ein Trommelwirbel – ein längerer Verzweiflungsschrei in Musik und schließlich ein letzter, alles mitreißender Donnerschlag, der diese ratlosen Männer hinwegfegt, sie alle hineinreißt in den Abgrund des Schicksals, und uns alle gleich mit.

Diese Opernszene gibt es auch in „Pretty Woman“

Was für eine Magie der Töne! Vielleicht aus diesem Grund hat es genau diese Schlussszene in den Film „Pretty Women“ geschafft. Die erste Opernerfahrung der schönen (von Julia Roberts gespielten) Prostituierten Vivian rührt diese zu Tränen. Denn es sind trotz aller Verzweiflung Momente der Erlösung, die sich nach jeder Vorstellung von „La Traviata“ Bahn brechen und Stürme der Begeisterung auslösen, oft schon in die letzten Klänge des wuchtigen Finales hinein. Es ist eine Erlösung darüber, dass dieser emotional-romantische Albtraum ein Ende hat. Violetta ist tot, und der Tod ist immer ungerecht. Aber wir dürfen leben!

„La Traviata“ ist eine der meistgespielten Opern der Welt, eine „sichere Bank“ für jeden Opernintendanten. Opernanfängern wird häufig geraden, mit der „Traviata“ zu beginnen, sich mit Violettas und Alfredos Hilfe einzulassen auf dieses seltsame Genre, in dem kaum gesprochen, dafür aber lange gesungen wird. Es ist vor allem die Musik von Giuseppe Verdi, die eingängig dahinschmelzend den Zuschauer hineinsaugt in diese romantisch-tragische Welt, für manche vielleicht sogar zu süßlich, für andere suchtauslösend.

Dazu kommt eine Handlung, die jedes Herz erreicht, wenn es denn nicht ganz aus Stein ist: Eine junge Prostituierte Violetta muss weitermachen in ihrem Teufelskreis aus Verkäuflichkeit und Demütigung, weil sonst ihr Leben schon rein finanziell kollabiert. Da trifft sie auf Alfredo, der anders ist als alle anderen, der sie im Wissen um ihre Vorgeschichte umwirbt. Sie schwankt zwischen den luxuriösen Vergnügungen ihrer Käuflichkeit und den Verlockungen der Bindung, und entscheidet sich schließlich für die Liebe. Die Symptome der Krankheit verschwinden, das Paar hat zwar kein Geld mehr, aber sie planen eine gemeinsame Zukunft. Da greift Alfredos Vater ein: Der gesellschaftliche Sittenkodex könnte den Ruf der Familie gefährden, er fordert daher die junge Frau und später auch seinen Sohn auf, voneinander zu lassen. Violetta nimmt im Wissen um ihren baldigen Tuberkulose-Tod und aus Liebe zu ihrem Alfredo alles auf sich, lässt ihren Geliebten im Unwissen darüber, dass sie einem Eingriff seines Vaters folgt und erregt so seinen eifersüchtigen Zorn. Viel zu spät erkennen alle Männer, was sie da angerichtet haben.

Sollten wir uns das heute ansehen?

Sollten wir uns das heute ansehen? Unbedingt! Der gesellschaftliche Stand bestimmt noch immer den sozialen Standort. „La Traviata“ erzählt uns die Geschichte derer, die „vom Wege abkommen“ (wie die Übersetzung des Operntitels wörtlich lautet) und sich heute im Elend der Bordelle am Stadtrand, in der Gewaltwelt der Clans oder im digitalen Shitstorm wiederfinden. Verdis Oper war schon bei ihrer Uraufführung 1853 (nur sechs Jahre nach dem Tod der Marie Duplessis) nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern harte Sozialkritik, und sie ist es bis heute.

Leidenschaft auf einer aseptisch anmutenden Spiegelfläche: „La Traviata“ in Düsseldorf. Foto: Birgit Hupfeld, bereitgestellt von Deutscher Oper am Rhein

So schön dahinschmelzend wurde der Gesellschaft allerdings noch selten der Finger in die Wunde gelegt. Die zwanzig Jahre alte Inszenierung von Andreas Homoki an der Düsseldorfer Oper am Rhein macht es mit ihrer ästhetischen Strenge dem Opernfreund nicht gerade leicht, sich in diesen tragischen Stoff hineinzuschwelgen. Das Bühnenbild wechselt nicht, die ganze Handlung spielt auf einem aseptisch anmutenden, verspiegelten Bühnenrund, allein die Prachtgewänder der Damen und die überraschend aus dem Glasboden sprießenden Plastikblumen sorgen für etwas Sinnlichkeit. So muss man sich vom Rausch der Stimmen dahintragen lassen in die tragische Geschichte der Violetta. Verdis Musik und das Mitleid im wahrsten Sinne des Wortes mit diesem schicksalhaften Leben zwischen Luxus und Demütigung, zwischen Lebenswillen und Todesgewissheit, trägt durch den Opernabend.

Als Violetta schließlich tot dahingesunken ist auf die glänzende Spiegelfläche der Düsseldorfer Bühne, wissen wir, dass es Hoffnung gibt. Heute ist die Tuberkulose heilbar. Violetta könnte leben.

 

 

„La Traviata“ wird immer wieder an zahlreichen Opernhäusern in Deutschland gezeigt. Inspiration für diesen Text war mein Besuch in der Oper am Rhein in Düsseldorf. Dort gibt es weitere Aufführungstermine bis Mitte April 2022. Zur Website der Deutschen Oper am Rhein: https://operamrhein.de/de_DE/termin/la-traviata.16830039

 

Das Leben von Marie Duplessis, der historischen Vorlage für die Violetta in der Oper, ist gut dargestellt bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Duplessis

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

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Geschichte vom Pferd (10. Dezember 2021)

Wie das Schöne politisch wird – eine Stuttgart-Erfahrung

Ein stolzes Kunstwerk: Das Bronzepferd von Fritz von Graevenitz von 1939 zur Eröffnung der „Reichsgartenschau“ auf dem Killesberg.

Ein Pferd sollte her! Wir befinden uns in Stuttgart, das ein Pferd in seinem Wappen führt, weil sein Name sich von einem Garten für Stuten ableitet. Ein stolzes Pferd sollte es also sein!

So oder so ähnlich mögen die Verantwortlichen der ersten Gartenschau am Neckar sich das gedacht haben. Eine „Reichsgartenschau“ sollte 1939 eröffnet werden, und so wurde der Auftrag erteilt, den schönen Park über der Stadt nicht nur mit Hakenkreuz-Flaggen, sondern auch mit einem Denkmal-Pferd zu schmücken.

Ein trauriger Torso: Graevenitz´ Pferd aus Muschelkalk am Eingang des Höhenparks Killesberg

Wer heute den Schauplatz betritt, der noch immer ein schöner Park ist, muss genau hinsehen, wenn er am Eingang noch ein Pferd erkennen möchte. Ein steinerner Torso fristet dort sein trauriges Dasein, angenagt von Wetter und Zeit. Sollte das hier das stolze Pferd von Stuttgart sein? Man kann es kaum glauben. Und es ist auch das falsche Pferd, zwar drei Jahre früher entstanden, aber erst seit den 70er Jahren hier aufgestellt.

Also ein paar Schritte den Hang aufwärts, hinein in den Park! Dort oben blinkt und lockt es schon im Sonnenlicht, das stolze Pferd von 1939, diesmal ein schmucker Bronzeguss. Dieses Pferd ist zeitlose Kunst, eine Pracht von Kraft und Energie, erstarrt in seiner aufstrebenden Bewegung. Eine Verbeugung vor der Schöpfung, die es vermocht hatte, ein solches schönes Geschöpf entstehen zu lassen.

Die beiden Pferde, der steinerne Torso wie auch das schöne aus Bronze (genauer gesagt: ein Nachguss von 1955) sind zu besichtigen im Höhenpark Killesberg in Stuttgart. Kaum jemand achtet heute auf das verschlissene Steinpferd am Eingang, aber fast jede und jeder Stuttgarter/in kennt den Pferderücken aus Bronze. Keine Kindheit in dieser Stadt, während der man nicht den in luftiger Höhe über der Stadt liegenden Park besucht hätte, seine Spielplätze, die kleine Kirmes, den Aussichtsturm, das Höhencafé, das sommerliche Lichterfest.

Das Bronze-Pferd steht dort mittendrin an zentraler Stelle. Abertausende Stuttgarter Kindesbeine haben schon seinen glattpoliert glänzenden Rücken erstiegen, haben des Hals dieses starren, stolzen Geschöpfs umarmt. „Das größte Glück der Erde …“ – für manches Kind lag es auf diesem Rücken.

Ein Museum, …

Geschaffen hat beide Pferde der Stuttgarter Bildhauer Fritz von Graevenitz, der von 1892 bis 1959 lebte, hochgeachtet als Künstler und bis 1945 Leiter der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Graevenitz entstammte altem württembergischem Militäradel, erlitt schwer Verwundungen im ersten Weltkrieg, aus dem seine beiden Brüder nicht zurückkehrten. Fritz von Graevenitz wusste wohl aus eigenem schmerzhaftem Erleben, was Krieg bedeutet, und vielleicht auch deshalb konzentrierte sich ein großer Teil seines Schaffens ganz politikfern auf die künstlerische Darstellung von Tieren.

Aber leider auch auf Portraitbüsten.

Denn Fritz von Graevenitz erfuhr nicht die Gnade der späten Geburt (wie Helmut Kohl über sich sagte), sondern musste während des Nationalsozialismus leben. Wer hinaufsteigt am Nordwestrand von Stuttgart auf die „Solitude“, das Lustschloss württembergischer Herzöge, kann dort sonntags ein kleines Museum besichtigen, das sich Graevenitz widmet. Viele Tiere in Bild und Skulptur sind dort zu sehen, und auch Portraitbüsten – Darstellungen seiner Frau, seiner vier Töchter in unterschiedlichen Altersstufen, ein frühes Portrait seines Neffen Richard von Weizsäcker.

… das Wichtiges verschweigt

Und – politisch besonders erläutert – die Büste von Rudi Daur, einem evangelisch-pietistisch orientierten Pfarrer, der sich nach dem ersten Weltkrieg für eine Überwindung des Militarismus eingesetzt hatte. Das Vorhandensein dieser Erläuterung ist von Bedeutung, weil sie bewusst ablenkt von dem, was dezidiert nicht zu sehen ist und auch mit keinem Wort erwähnt wird. Fritz von Graevenitz fertigte im Jahr 1935 eine Portraitbüste von Adolf Hitler, die vielmals kopiert im ganzen deutschen Reich zu sehen war.

Schmucker Bau, fragwürdiger Inhalt: Das Graevenitz-Museum bei der der Stuttgarter Solitude.

Im Stuttgarter Graevenitz-Museum aber ist die Zeit stehen geblieben in den 60er Jahren unserer Republik. Hier wird einmal tatsächlich eine sprichwörtliche „Geschichte vom Pferd“ erzählt. Nicht nur, weil sich auch hier mehrere Studien und Gemälde von Pferden finden, sondern weil es keinen Hinweis auf die Rolle des Künstlers im sog. „Dritten Reich“ gibt. Der Kunstfreund, der sich hierhin verirrt, wird im Unklaren gelassen über fragwürdige Aufträge der Nationalsozialisten und verfehlte kulturpolitische Einordnungen, die Graevenitz als Direktor der Stuttgarter Kunstakademie kriegskonformistisch verlauten ließ. Künstlerische Irrtümer und politische Fehltritte waren das. Es steht nicht an, über diese zu richten. Aber ihr Verschweigen durch die Nachkommen darf man als Skandal empfinden.

Trägt das Pferd eine vergiftete Ladung in sich?

Was ein Museumsbesuch bewirken kann! Auch der Blick auf das stolze Bronzepferd von 1939 wandelt sich. Was für eine prachtvolle Darstellung kräftiger Muskelpartien, kein Gramm Fett, keine Spur Dekadenz ist an diesem Tier! Sind wirklich alle Pferde so makellos? War da ein vom Hitlerwahn verblendeter Künstler ästhetisch verliebt in Stärke und Energie, in rassisch überlegene Vitalität, in kriegerischen Durchsetzungswillen, wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen? Trägt das Bronzepferd vom Killesberg ganz nach seinem sagenhaften Vorbild aus Troja eine vergiftete Ladung, eine mörderische List, in sich?

Fritz von Graevenitz musste auch gewusst, vielleicht sogar gebilligt haben, dass jüdische Mitbürger erniedrigt und durch Stuttgarts Straßen getrieben wurden, seine jüdischen Akademiekollegen verfolgt, ihre Synagogen verbrannt waren – während er an ästhetischen Details dieses schönen Pferdes feilte. Während die Stuttgarter am Pferd vorbei durch den Höhenpark flanierten, stand nur wenige Meter entfernt von seinem luftigen Hufschlag jene Halle, in der sich ab Dezember 1941 die geächtet Todgeweihten der Stadt zur Deportation in den Tod einzufinden hatten.

Vom Killesberg ging der Weg der Todgeweihten hierhin: Startpunkt der Deportationszüge ab 1941 war der Innere Nordbahnhof. heute erinnert daran eine Gedenkstätte.

Beladen mit solchen Fragen könnte der Betrachter von heute wieder hinausschreiten aus dem Park, ein paar tausend Schritte hinüber zum Nordbahnhof, wo eine gut versteckt gelegene Gedenkstätte an den Startpunkt der Stuttgarter Deportationszüge in die Todeslager erinnert.

Ein trostloser Weg; immerhin, er führt wieder am steinernen Pferdetorso vorbei.  Sein Kalkstein war zu weich für Sturm und Regen und Sonne, zu anfällig für die Luftverschmutzung der modernen Zivilisation. Es ist ein Mahnmal der Vergänglichkeit, und als solches hat es auch etwas Tröstliches.

 

Über Fritz von Graevenitz kann man sich informieren auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_von_Graevenitz und – mit den genannten Einschränkungen – im Graevenitz-Museum bei der Solitude in Stuttgart: http://www.graevenitz-stiftung.de/home . Es gibt dazu auch einen kritischen Hörfunkbeitrag auf SWR 2: https://www.swr.de/swr2/kunst-und-ausstellung/das-stuttgarter-graevenitz-museum-die-luecke-ist-da-ein-bildhauer-und-seine-ns-vergangenheit-100.html

Ganz aktuell (8. Februar 2022): Die Stiftung Geißstraße in Stuttgart will sich in einem Projekt der kulturhistorischen Aufarbeitung des Werkes von Fritz von Graevenitz im Stadtraum von Stuttgart annehmen. Wer Interesse hat, dort mitzuwirken, kann sich bei der Stiftung melden.

Über Geschichte und heutige Gestaltung des Höhenparks Killesberg gibt es hier mehr zu lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6henpark_Killesberg

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im Inneren Nordbahnhof hat eine eigene, sehr informative Website: http://www.zeichen-der-erinnerung.org/

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Gutgelaunt Richtung Abgrund (22. November 2021)

Zur Neuinszenierung des „Rheingold“ an der Stuttgarter Oper

Mit diesem alt gewordenen Patriarchen würde kein Familienunternehmen glücklich werden. Verwöhnt und selbstbezogen regiert er sein Reich, seine Familie lungert verwöhnt herum. Schlapp und ohne eigene Meinung lässt er sich von seiner Frau verleiten, für den Clan ein neues Haus bauen zu lassen, obwohl er schon bei Auftragserteilung weiß, dass er den Preis dafür nicht bezahlen kann. So kommt es denn auch, als die noble Hütte fertig ist. Die Baufirma verlangt ihren Lohn, aber die Kasse ist leer.

Der Göttervater Wotan als Zirkusdirektor.
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von der Oper Stuttgart

Sein Generaldirektor soll das Problem lösen. Letztlich fällt auch dem nichts Besseres als ein Raubzug ein. Immerhin, der ist listig geplant. Der Coup gelingt, und die eroberte Beute begleicht die Rechnung der Baukosten. So gelingt es dem Patriarchen tatsächlich, unter lautem Jubelklang mit seiner ganzen fragwürdigen Sippschaft in das neue Prachtgebäude einzuziehen. Das schale Glück ist auf unsolidem Boden errichtet, wie alle wissen und ahnen – aber wen kümmert´s? The Show must go on!

Der „Ring“: Epos, Gesamtkunstwerk, Krimi

Dies ist eine verkürzte (und auch stark vereinfachte) Zusammenfassung der Handlung des „Vorabends“ für das danach folgende dreiteilige (also insgesamt eigentlich vierteilige) Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Der erste Abend ist der kürzeste Teil dieses Riesenwerks, heißt „Das Rheingold“ und dauert „nur“ gut zweieinhalb Stunden. Erzählt wird die Vorgeschichte des Dramas, das sich danach entspinnt. Das hier vorgeführte Familienunternehmen ist nichts weniger als die Götterwelt, und im verlogenen Unrecht des Anfangs ist alles angelegt, was am Ende nach mehr als siebzehn Stunden Musik mit der „Götterdämmerung“ im Untergang der Mächtigen enden wird.

Der „Ring“ ist ein großes Gesamtkunstwerk, ein Epos über alles, was die Welt zusammenhält, und deshalb auch ein Krimi um Liebe, Geld und Macht. Wie gut dieser große märchenhafte Entwurf tut in unserer auf hektische Kurzfristigkeit angelegten Gegenwart! Aber Wagners eigenwilliges Weltengemälde ist eben auch komplex und umstritten, so wie es Wagner selbst gewesen ist zu Lebzeiten und bis heute.

Am Sonntag hatte in Stuttgart eine Neuinszenierung des „Rheingold“ Premiere. Damit wird der Anfang gemacht für eine komplette Neuinterpretation des „Ring“. Die Bilder aus dem neuen Stuttgarter „Rheingold“ waren auch Inspiration für den saloppen Einstieg in diese Kurzzusammenfassung. Denn im Opernhaus am Eckensee ist nichts mehr übrig vom Heldenepos, der in Richard Wagners Fantasie zumindest noch partiell eine Rolle gespielt haben mag. Hier nimmt der Untergang der Götterfamilie höchst ironisch und sehr unterhaltsam in Form eines maroden Zirkusbetrieb Fahrt auf, schnurstracks dem moralischen Abgrund entgegen.

Und warum sollte man sich das heute ansehen?

Weil dieser Einstieg in den vierteilig dahintreibenden Untergang der Götterwelt eine wunderbar sinnliche Geschichte ist, eine Parabel für die Anzeichen und katastrophalen Folgen von Machtmissbrauch. „Wir üben Gewalt gegeneinander und übereinander aus“, sagt Regisseur Stephan Kimmig in einem Interview im Programmheft, „angefeuert vom Drang, etwas zu besitzen, was uns das Gefühl verleiht, wertvoller, mächtiger, größer und bedeutender zu sein als die Anderen.“

Sorgloses Treiben der Götter auf der Stuttgarter Opernbühne
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgrt

Das Geschehen auf der Bühne lädt also ein zum Grübeln darüber, ob am Ende immer das Geld über die Moral siegt. „Wir verraten permanent die Liebe, das Mitgefühl mit anderen“, wie Kimmig im gleichen Interview ausführt. Seine Inszenierung gestaltet einen zeitaktuellen Abend, der jeder Fantasie über Parallelen des Gesehenen zum aktuell Erlebten freien Lauf lässt. Zeit für Mitgefühl! Dabei muss man nicht jede Regieidee nachvollziehen können. Warum zum Beispiel die ganze zirzensische Göttersippe am Ende Gelbwesten anziehen muss, darf etwas rätselhaft bleiben.

Gutgelaunt, blind für die eigene Schuld

Aber wichtig sind solche Details nicht. Hauptsache, die selbstverliebten Götter ziehen am Ende gutgelaunt ein in ihr neues Haus, angelockt von seiner Pracht und Schönheit, aber blind für die Schuld, die sie um des schönen Baus willen auf sich geladen haben. Wer könnte sich gewiss sein, nicht bereits selbst solcher Verblendung unterlegen gewesen zu sein? Ein Besuch des „Rheingold“ ist eine überaus unterhaltsame Gelegenheit, sich dessen bewusst zu werden.

 

„Das „Rheingold“ ist an der Stuttgarter Oper noch mehrfach im November und Dezember zu sehen. Auf der Website der Oper Stuttgart sind auch zahlreiche weiterführende Infrmationen aufbereitet (einschließlich einer kompletten Handlungsbeschreibung): https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/kalender/das-rheingold/4277/

Alle vier Teile des „Ring des Nibelungen“ werden in Stuttgart im Jahr 2024 komplett neu inszeniert sein. Als nächstes Werk daraus wird „Die Walküre“ am 10. April 2022 Premiere haben.

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

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