Ein Farbeindruck von magischer Fülle (#34)

St. Stephan, Kleine Weißgasse 12, 55116 Mainz

Mein Besuch am 13. Juli 2022

Es war ein strahlender, heißer Sommertag, an dem  ich durch Mainz vom „Kaiserdom“ hinauf zu St. Stephan ging, und als ich dann die Kirche betrat, waren es die Fenster, nur das blaue Licht der Fenster, die mich empfingen. Blau sei eine „kalte Farbe“ heißt es ja immer; ich konnte mit dieser Kategorie noch niemals viel anfangen. Bei 35 Grad draußen jedenfalls war jede Form von Kühle willkommen, und die vollständig in blau getauchte Kirche kam gerade recht.

St. Stephan in Mainz: Detail aus einem der Chagall-Fenster

Ein Zeichen der jüdischen Versöhnung mit Deutschland wollte der aus einer orthodox-jüdischen Familie stammende Künstler Marc Chagall (1887 – 1985) setzen, in dem er sich in seinen späten Jahren bereiterklärte, für St. Stephan in Mainz Kirchenfenster zu gestalten. Es blieb die einzige Kirche in Deutschland, die eine solche versöhnende Auszeichnung erhielt, überhaupt das einzige Bauwerk unter Beteiligung Chagalls auf deutschem Boden. Nach dem Holocaust hatte sich der Künstler von Deutschland abgewandt. Dem Mainzer Pfarrer Klaus Mayer, selbst Sohn eines jüdischen Kaufmanns und der Vernichtung durch die Nationalsozialisten nur knapp entkommen, war es zur allgemeinen Überraschung gelungen, den berühmten Künstler doch noch  für sein Gotteshaus zu gewinnen. Chagall zeichnete die Entwürfe für neun Fenster in Mainz. Die letzten davon wurden im März 1985 eingebaut, kurz nach seinem Tod. Damit ein gläsernes Gesamtkunstwerk entstehen konnte, fehlten allerdings noch mehr als 200 Quadratmeter Glasfläche. Diese füllte Chagalls Freund und Leiter der Glaswerkstätte in Reims, Charles Marq, wo auch schon die Chagall-Fenster entstanden waren. Die letzten Fenster von Marq wurden im Jahr 2000 eingebaut.

Eine Kirche in blau: St. Stephan ist ein gläsernes Gesamtkunstwerk, ein magisches Lichtspektakel.

Entstanden ist ein überwältigender Lichteindruck, der die restliche Kirche überstrahlt. Mit einigen Tagen Abstand habe ich kaum noch eine andere Erinnerung an diese Kirche als das Licht, das blaue Licht, ein Farbeindruck von magischer Fülle. Wie mag sich diese Kirche am Abend anfühlen, oder wenn es draußen regnet? Ich werde wiederkommen müssen.

 

Gut zusammengefasste Informationen zu St. Stephan finden Sie auf der Webseite der Kirchengemeinde: https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/kirche/

… und über das wechselhafte Leben des Künstlers Marc Chagall u.a. bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Chagall

Mehr Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier, auch über den Dom St. Martin in Mainz.

Die Orgel im Schwalbennest (#31)

Die Glasfenster im Dom von Regensburg entstanden über viele Jahrhunderte und tauchen den strengen Bau in buntes Licht.

Dom St. Peter, Domplatz 1, 93047 Regensburg

Mein Besuch am 5. Mai 2022

Die Orgel steht nicht auf der Empore, wo sie doch eigentlich hingehört. Sie steht auch nicht (nur) im Altarraum, wo sie praktisch ist. Sie hängt an der Wand!

Der Regensburger Dom ist ein mächtiges gotisches Bauwerk, fast so groß wie der Dom von Köln, seine beiden Türme überragen und prägen das Stadtbild des mittelalterlichen Weltkulturerbes an der Donau. Wunderbar stimmig scheinen die hohen Wände des Baus durch die engen Gassen, die ihn umgeben; der Besucher fühlt sich wie in Frankreich. Die Baugeschichte von St. Peter zieht sich über die Jahrhunderte hin, beginnt im 13. Jahrhundert und endet nicht mit der Vollendung der markanten Türme Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Dom dieser Größenordnung ist nie „fertig“, sondern muss ständig renoviert und in Stand gehalten werden.

Das Innere des gewaltigen Baues ist streng und farbig; aber das ist kein Widerspruch! Die gotische Strenge ist Ergebnis eines radikalen Rückbaus aller barock-goldenen Elemente, die das Innere des Raumes einmal geprägt haben muss. Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man heute zwischen den gewaltigen Säulen herumwandert. Der Mode folgend, wurde im 19. Jahrhundert im Dom fast alles entfernt, was an Stuck und Schnörkeln vorhanden war. Mittelalterliche Glaskunst ist erhalten, der bayerische König Ludwig I. stiftete dazu bunte Glasfenster. Und kluge Ergänzungen kamen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinzu. Entstanden ist so ein gläsernes Gesamtbild, dessen Schein jetzt auf die streng-grauen Pfeiler und Wände fällt. Ein wunderbares Licht! Ich konnte es auf mich wirken lassen während einer schönen, klugen, kurzen Orgel-/Text-Meditation, die im Dom fast täglich zur Mittagszeit angeboten wird.

In schwindelerregender Höhe schwebt die moderne Hauptorgel von 2009 im Querschiff – wie ein Schwalbennest.

Sehr beeindruckt hat mich die moderne Hauptorgel, die erst 2009 eingebaut wurde und jetzt wie ein Schwalbennest in der Höhe des Querschiffs hängt, scheinbar unerreichbar für Menschenhand. Dieses Instrument ist die größte freihängende Orgel der Welt. Mehr als 36 Tonnen wiegt sie, allein die Stahlkonstruktion, die sie trägt, hat angeblich ein Gewicht von sieben Tonnen. Einem Konzert mit diesem Instrument gilt meine nächste Reise nach Regensburg!

Informationen zum Dom St. Peter in Regensburg finden Sie hier: https://domplatz-5.de/dom/

Weitere persönliche Eindrücke aus von mir besuchten Kirchen finden Sie in meiner Sammlung #1000Kirchen.