„Das sieht toll aus“, sagt der Bildredakteur

Was die große Kunst des Kriegsfotografen James Nachtwey ausmacht

Der Kriegsfotograf muss vorab ausgestiegen sein. Er war im Fahrerhaus gesessen. Nun wartet er, die Kamera schon in Habacht-Position, während diejenigen, die hier einmal gewohnt haben, und mit denen er hierhergekommen ist, von der Ladefläche des Militär-LKW herunterklettern. Die alte Frau mit Kopftuch schafft es nicht allein, ihr wird geholfen. Sie weint. Sie greift sich an die Hüften, versucht Stabilität zu finden in dieser Situation der Verzweiflung. Der Kriegsfotograf klickt, er hält auf ihr Gesicht, das alles ausdrückt an Fassungslosigkeit und Verlust, dann folgt er ihren Schritten in das Haus. Es ist eine Ruine, Brandflecken, herumliegende Bettsachen und Kleidung, Einschusslöcher überall. Der Kriegsfotograf haftet sich ihr an die Fersen, folgt ihr von Raum zu Raum, spricht aber kein Wort. Er drückt auf den Auslöser, viele zigmal, immer wieder. Die Frau weint, während sie zwischen den Resten ihrer Existenz sitzt, das Unbegreifliche betrachtet, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage. Immerhin, sie lebt.

Charkiw, Ukraine 2022 – Originalbild von James Nachtwey (abfotografiert in der Ausstellung „Memoria“, Fotografiska Berlin)

Mit dieser Szene aus dem Kosovokrieg, aufgenommen um das Jahr 1999, beginnt der Dokumentarfilm „War Photographer“, der dem amerikanischen Kriegsfotografen James Nachtwey gewidmet ist.

Das Schreckliche wird zur skalierbaren Ware

Unmittelbar nach dieser Szene folgt ein Ausschnitt aus den Redaktionsräumen des Magazins „Stern“ in Hamburg. Mit eiskalter Professionalität diskutieren die Bildredakteure darüber, welche von Nachtweys Bildern aus dem Krieg mehr Emotionalität vermitteln, womit der stärkere Effekt beim Betrachter erzielt werden kann. Leichenberge sind zu sehen, Tote auf Lastwagen. „Das sieht toll aus“, sagt der Redakteur, und hat offenbar kein Störgefühl dabei, vielleicht gar kein Gefühl. Es ist seine Profession, die wirksamsten Bilder auszuwählen, so wie es die Profession des Fotografen ist, sie zu machen. Nah dran zu sein, noch näher möglichst, und auf den Auslöser zu drücken. Hunderte Male, und daraus das noch perfektere, noch eindrücklichere Bild herauszusuchen. Die Schrecknisse des Abgebildeten werden zur skalierbaren Ware.

James Nachtwey ist einer der renommiertesten Kriegsfotografen der Welt. Seine Bilder wurden in allen großen Magazinen gedruckt, sind zum Teil ikonisch geworden, Teil unseres Bildes der Zeitgeschichte. Sie gehören zu den Sammlungen vieler großer Museen. Der Dokumentarfilm über seine Arbeit entstand vor fünfundzwanzig Jahren. Heute ist Nachtwey 78 Jahre alt. In einer großen Retrospektive wird sein Lebenswerk derzeit in Berlin gezeigt. In dem neuen, privaten Museum „Fotografiska“ kann man sich die Bilder von James Nachtwey noch bis 3. Mai 2026 ansehen.

Bardera, Somalia 1992: „Eine Mutter nahm ein Kind auf den Arm, das an Hunger gestorben ist, um es zum Grab zu tragen“ (Originalfoto von James Nachtwey, abfotografiert und Text übernommen in der Ausstellung „Memoria“, Museum Fotografiska Berlin)

Die Ausstellung heißt „Memoria“ und lädt laut Pressetext „das Publikum ein, innezuhalten und die Welt aus Nachtweys Blickwinkel zu begreifen: nicht als eine Aneinanderreihung von Katastrophen, sondern als eine fragile Abfolge menschlicher Erfahrungen.“

Ein Rundgang durch menschliches Grauen

Es ist kein leichter Rundgang. Denn diese „Abfolge menschlicher Erfahrungen“ ist vor allem eine Abfolge menschlichen Grauens. Die Ausstellung führt vor, was Menschen ihresgleichen antun können, und dabei nimmt Nachtwey in der Regel die Perspektive der Opfer ein. Von Nachtwey stammen die Bilder des unvorstellbar grausamen Völkermordes in Ruanda und aus den Armutsvierteln von Jakarta. Er zeigte der Welt die Menschen, die mit ganzen Familien auf einem Pappkarton an Eisenbahnschienen leben. Es ist also nicht immer Krieg, es ist oft schreiende Ungerechtigkeit, unvorstellbare Not und Armut, die den Betrachter seiner Bilder fassungslos zurücklassen. „Er hat seine eigene Bibliothek des Leidens im Kopf“, sagt im Dokumentarfilm seine frühere Lebensgefährtin Christiane Breustedt, selbst damals Bildredakteurin beim Magazin „Geo“.

Nachtwey will den Tätern und den Verantwortlichen für Not und Armut keine Bühne bieten, oder allenfalls in Form einer Anklagebank. Die herausragende Kunst von Nachtwey liegt darin, dass sein Blick auf die Opfer vom Bemühen begleitet ist, nicht voyeuristisch zu sein. Und das trotz der Nähe, die er sucht. Er müht sich um die Achtung der Würde von Menschen in Not, während er ihre Not so nah wie möglich und damit schonungslos abbildet.

Es bleibt ein Gefühl von Mitverantwortung für das Angebildete

Die Menschen auf Nachtweys Fotos wissen, dass sie fotografiert werden. Er trägt ihr Leid hinaus in die Welt, und sie wollen, dass die Welt davon erfährt. Und doch irritiert es, den Mann mit Kamera in einer Szene des Films in unmittelbarer Nähe der Männer zu sehen, die ein Massengrab ausheben. Sie bergen die vom Kriegsgegner zuvor eilig verscharrten Leichen ihrer Angehörigen. Wenn er draufhält mit der Kamera auf das Entsetzen der Väter, das Wehklagen der trauernden Mütter oder Ehefrauen. Es ist die aufdringliche Nähe dieser Bilder, welche die Redakteure in Hamburg, New York und überall sonst auf der Welt erwarten. Sie rückt den Fotografen in die Nähe eines unvermeidbaren Gefühls von Mitverantwortung für das Abgebildete.

Die Herrschaft über die Bilder des Krieges und der Not will James Nachtwey nicht den Propagandisten der Konfliktparteien überlassen. „Die Informationen aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen“, sagen heute die Nachrichtensprecher, wenn sie Material verwenden, das ihnen von Militärs bereitgestellt wurde. Was für ein lahmes Einknicken! James Nachtwey hat sich damit nicht zufriedengegeben. Er wollte stets ein eigenes Bild machen, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Bild der Wahrheit, und was diese Wahrheit für die Menschen bedeutete, die in sie hineingeraten waren.

Im Klickwettbewerb ist nicht das beste, sondern das erste Bild gefragt

Die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Medium hat noch das Geld oder die Geduld, einen Fotografen tage- und wochenlang durch Krisengebiete zu entsenden, um dann die zehn eindrücklichsten Fotos in einer breiten Fotostrecke zu präsentieren. Die schnelle Nachricht ist gefragt heute, und den Klickwettbewerb gewinnt nicht mehr das fotokünstlerisch beste Bild, sondern das erste. Und auch James Nachtwey kam nicht ohne Kooperation mit dem jeweiligen Militär aus. Seine Bilder erzielten weltweit Wirkung, und das wussten auch diejenigen, die mit ihren umgehängten Maschinengewehren zuließen, dass er fotografierte.

Ein Besuch seiner Ausstellung oder ein Sich-Einlassen auf den Film über seine Arbeit sind eine doppelte Lehrstunde für das Jetzt, in dem keine Nachrichtensendung ohne neue Kriegsbilder auskommt: Es sind nicht die aus der Ferne mitgefilmten Explosionswolken oder die glitzernden Lichtbögen der anfliegenden Raketen und Drohnen, die den Krieg zeigen.

Die wahren Bilder des Krieges zeigen immer die Menschen, die inmitten der Not versuchen, zu überleben.

 

Die Ausstellung „Memoria“ mit den Bildern von James Nachtwey ist noch bis 3. Mai 2026 zu sehen im privaten Museum „Fotografiska“ in Berlin, das auch unabhängig von dieser Ausstellung jederzeit einen Besuch wert ist.

Der Dokumentarfilm „War Photographer“ ist auf YouTube abrufbar.

 

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