Schmetterlinge sterben überall (5. Oktober 2021)

Ein Essay zur Stuttgarter Inszenierung der „Madame Butterfly“

Die junge alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Als Teenager hatte sie viel zu früh geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht. Nein, sie war nicht dumm verführt worden, sondern war hemmungslos verschossen gewesen, verliebt in diesen prächtigen und mächtigen fremden Mann, aber auch in ihre Hoffnung auf ein neues, ein spannenderes, anderes Leben außerhalb ihrer gewohnten Welt.

Madame Butterfly … Foto: A.T. Schaefer

Nun aber ist der Mann schon drei Jahre fort. Zurückgereist war er in sein Heimatland. Und es ist unklar, ob und wann er wieder zu ihr und dem kleinen Jungen zurückkehren wird. Schonend möchten Wohlmeinende der jungen Frau beibringen, dass weitere Hoffnung sinnlos ist. Der Mann ist weg, sie soll sich damit abfinden, sich der Realität stellen, einem anderen Leben zuwenden. Verarmt, müde, ausgelaugt von den Anstrengungen der ewigen Hoffnung schwankt die junge Frau. Ob es nicht wirklich besser wäre, diesem Rat zu folgen?

Im Moment des Zweifelns schlägt die Hoffnung zu

Aber da, in diesem Moment des Zweifelns, der möglichen Hinwendung zur bitteren Realität, des Abschieds von der schönen Illusion – da geschieht das Wundergleiche. Vom Hafen her klingt die Sirene eines Schiffs. Salutschüsse der Begrüßung ertönen. Mit bangem Blick entziffert sie in der Ferne den Schriftzug am Bug. Und ja, tatsächlich, es trägt den stolzen Namen und das Banner des Heimatlandes ihres so sehr herbeigesehnten Mannes! Unfassbares Hoffnungsglück steigt in ihr auf. Der Strudel der Illusionen erfasst sie und reißt sie heraus aus der Verzweiflung. Ha, habe ich es Euch nicht gesagt!, triumphiert sie. Ihr ewigen Miesepeter, Ihr kalten Pessimisten!, schnauzt sie die verbliebene Schar ihrer Getreuen an. „Gerade in den Augenblick, da jeder gesagt hat: Weine und verzweifle!“ – gerade da kommt er zurück zu mir, zu meinem Kind, zu meiner Liebe, zu seiner Familie. Alles wird gut werden, wie ich es immer schon gesagt habe!

… und der Amerikaner… Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Aber sie irrt. Im weiteren Verlauf der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini erleben wir, dass es genau dieser Moment der Hoffnung ist, der die junge Frau erst recht hinabstürzen wird in den Abgrund enttäuschter Emotionen und auswegloser Trostlosigkeit. Zwar ist der Langerwartete tatsächlich an Bord dieses Schiffs. Aber er will nicht zu ihr zurückkehren. Er wird ihr das Kind nehmen, das er in seiner Heimat erziehen lassen möchte.

Der Mann aus der Fremde in dieser Geschichte ist Amerikaner. Die Oper ist um 1900 entstanden, sie spielt in einer von Puccini (und seinen Librettisten und einigen Autoren vor ihm) nach westlichen Vorstellungen erdachten Karikatur eines traditionalistisch-rückständigen Japan. Die Stuttgarter Inszenierung von Monique Wagemakers, die aktuell ihre Wiederaufnahme im Opernhaus am Eckensee erlebt, ist bereits mehr als 15 Jahre alt. Als sie erarbeitet wurde, war also noch nicht zu denken an jene quälenden Szenen am Flughafen von Kabul, die zuletzt unsere Wahrnehmung von kolonialem Scheitern geprägt haben.

Afghanistan ist nicht Japan, aber …

Afghanistan ist nicht Japan, und die traurige Geschichte einer unerfüllten kulturübergreifenden Liebe ist nicht automatisch auch eine Geschichte kolonialer Übergriffe. Trotzdem ist der Opernabend eine Chance, nicht nur an einem hochsinnlichen Musikerlebnis teilzuhaben, oder uns darauf zu beschränken, das tragisch unglückliche Liebesschicksal dieser jungen Frau mitzuerleben.

Wer möchte, kann das Schicksal der „Butterfly“ auch so wahrnehmen: Hier wie dort geht es um hoffnungstrunkene Erwartungen in das Liebesversprechen des Westens, um die bedingungslose Hinwendung einzelner Schwächerer zum Stärkeren. Ängstlich fragt die junge Butterfly noch ihren fremden Mann, ob es in seiner Heimat nicht üblich sei, gefangene Schmetterlinge mit einer Nadel zu durchbohren und auf eine Tafel zu heften? „Damit er nie mehr flieht“, antwortet der Amerikaner.

Was für eine hohle Drohung! Es geht um die unerbittlichen Konsequenzen, wenn Hinwendung ohne Rückkehroption bitter enttäuscht wird. So, wie sich die junge Butterfly im Rausch verzweifelter Hoffnung an die Ankunft des amerikanischen Schiffs klammert, so versuchten in Kabul Menschen im letzten Moment an Bord startender Flugzeuge zu gelangen, existenziell bedroht in ihrer enttäuschten Verbundenheit zu den abziehenden Amerikanern.

… das uralte Märchen vom Kolonialismus gilt hier wie dort

Die Stuttgarter Oper kann uns Puccinis Werk nicht nur als Liebesgeschichte erzählen, sondern auch als das uralte Märchen vom Kolonialismus, der eine kulturelle Kluft zuschütten könnte mit Geld, Gewalt und Waffen, vielleicht sogar mit Vertrauen in die neue Macht. Butterfly geht daran genauso zugrunde, wie unsere afghanischen Ortskräfte an den Zäunen und Mauern des Kabuler Flughafens in ihrer Lebenshoffnung verzweifeln. Wer diese Oper so hören kann, hört in ihr auch die panische Angst demokratie-gläubiger Aktivisten und Frauenrechtlerinnen, mundtot gemachter Kreativer, Musikschaffender, denen die Musik verboten wird. Es sind viele Mauern und Zäune in unserer Welt, viele Boote im Mittelmeer, Lager auf griechischen Inseln und anderswo, wo Menschen leiden und sterben an enttäuschten Hoffnungen, die wir zugelassen haben.

 

Die nächste Vorstellung der „Madame Butterfly“ an der Stuttgarter Oper steht für den 8. Oktober an, dann weitere Vorstellungen bis Ende Oktober. https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/madama-butterfly/

Eine ausführliche Inhaltsangabe und zur Werksgeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Madama_Butterfly

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie als #Kulturflaneur zu politischen Interpretationen aktueller Operninszenierungen, siehe auch: https://vogtpost.de/werther-stalkt/21/07/2021/