Eine Erzählung
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Nein, sie prüft nicht mit dem tausendfach geübten Griff noch einmal den korrekten Sitz ihres Kopftuches, sie unterdrückt diesen Impuls. Sie weiß ja, dass es dort ist, wo es hingehört. An die Stirn zu greifen, um sicher zu sein, dass kein vorwitziges Haar sich herausgearbeitet hatte in den letzten Stunden, vielleicht auch nur Minuten; diese Gewohnheit kannte sie seit jenem Tag, an dem sie ihr schwarzes, kräftiges Haar erstmals unter dem Kopftuch verborgen hatte. Der prüfende Griff war zu einem Teil ihres Alltags geworden, eine Routine, meist überflüssig. So auch jetzt, da sie die große Kirche betritt, zusammen mit einem Strom anderer Touristen.

Aleyna blickt sich um. Der Wiener Stephansdom ist nicht die erste christliche Kirche, die sie besucht, sie kennt die hochstrebenden Säulen der Gotik, das glitzernde Gold und die Schnörkel des Barock; ihr sind die christlichen Symbole halbwegs vertraut, die Kreuze, das Blut, die rätselhaften Darstellungen. Aleyna ist ja schließlich in einem Alpendorf im Salzburger Land aufgewachsen; jeden Sonntag waren es die lauten Kirchenglocken der Mehrheitsgesellschaft gewesen, die sie aus dem Schlaf geschreckt hatten. Bis heute holten dann die alten Leute ihre besten Kleidungsstücke aus dem Schrank, um damit in die Kirche und anschließend ins Wirtshaus zu gehen. Staunend hatte sie als Kind aus dem Fenster den Strom der verkleideten Christen zu ihrem Gottesdienst beobachtet.
In der dritten Klasse war sie dann mit der Schule auch selbst zur Besichtigung in dieser Kirche gewesen, begleitet von der Lehrerin, die irgendwelche Bilder erläuterte. Sie hat davon vor allem in Erinnerung, dass sie sich eingeschüchtert gefühlt hatte in diesem Raum, der angefüllt war von einem merkwürdigen, kalten, abgestandenen Geruch. Diese Kirche, an der sie immer vorbeiging, wenn sie zum Schulbus eilte, der Klang ihrer Glocken, die Nachbarn beim Kirchgang – irgendwie gehörte das alles zu ihrer Heimat, und doch auch zu einer fremden Religion, die nicht die ihre war.
Aleyna war früher immer freitags mit den Eltern zur Moschee in die nächste Kreisstadt gefahren, der Vater mit schwarzer Jacke und die Mutter mit einem frischen Kopftuch, das sie auch sonst trug, wenn sie außer Haus ging. Als Kind hatte sie diese Ausflüge sehr gemocht, wollte gerne mit den anderen Mädchen barfuß zusammen bei ihren Müttern hocken, während die Väter weiter vorne auf dem Boden saßen, die Beine unter sich, und einem fremden Mann zuhörten. Aleyna hatte es immer sehr lustig gefunden, die Unterseite der Socken der Männer anzugucken, und zusammen mit ihren Freundinnen zu Löcher zu zählen. Ihre Mutter hatte dazu gelächelt.
Später dann, Aleyna war schon fast erwachsen, war damit Schluss. Immer genau am Freitag trafen sich damals ihre Freundinnen, egal ob muslimisch oder nicht, zu gemütlichen Abenden, mit Seriengucken und Mädchengetuschel. Das war ihr wichtiger gewesen. Ihre Eltern hatten diese Entscheidung wortlos hingenommen. Ziemlich zur gleichen Zeit hatte Aleyna auch damit begonnen, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Ihre Eltern hatten sie dazu nicht gezwungen, aber gefreut hatten sie sich schon.
(2)
Das alles das liegt nun schon zehn Jahre zurück. Inzwischen ist Aleyna verheiratet, und jetzt ist es ihr Mehmet, der sich über das Kopftuch freut. Ob sie es deshalb weiterhin trägt? Sie weiß es selbst nicht. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, aber nicht nur … die Religion unterscheidet sie eben von den meisten Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat. Es ist ihr Bedürfnis und Stolz, diesen Teil ihres Lebens auch öffentlich zu zeigen, obwohl sie sonst wenig mit den Ritualen ihrer Religion anfangen kann. Sie fühlt sich als ganz normale Frau. Heute zum Beispiel, an diesem Wochenende in Wien, ist sie einfach eine Touristin, wie tausende andere in dieser Stadt. Mehmet und sein Bruder sind beim Fußballgucken. Und sie will den weltberühmten Dom sehen, die große Kirche mit dem bunten Dach.
Aleyna versucht sich zu orientieren, während Menschen um sie herumwuseln. Himmelwärts stürmen die Säulen, schwindelerregend, auf die Schnelle nicht abschätzbar in ihrer Zahl. Fast unermesslich streckt sich der große graue Raum in die Länge, bunte Fenster in der Ferne. Kerzen flackern. Viele, sehr viele Menschen strömen durch dieses prächtige Haus ihres Gottes. Sind das alles Christen? Jedenfalls tragen die Frauen keine Kopftücher, dafür kurze Hosen und schulterfreie Tops, und die Männer schlendern mit Händen in den Hosentaschen zwischen den Säulen herum. Respektlos findet das Aleyna. Männer eben. Alle tragen Schuhe, was sie noch immer befremdlich findet in den Kirchen der Christen.
Wo ist hier ein ruhiger Platz? Immer wieder bleibt Aleyna stehen, legt den Kopf in den Nacken, staunt über die Höhe des Gewölbes, das sich über ihr schießt. Aber ständig muss sie zur Seite treten. Sie lässt sich treiben zwischen den mächtigen Säulen, hört bald nicht mehr auf das ständige Rauschen, das vom Gemurmels der vielen Menschen kommt. Aufgeregte Besuchergruppen und gelangweilte Schulklassen ziehen an ihr vorbei, fremde Sprachen der Guides dringen zu ihr vor und verschwinden wieder im weiten Raum.
Dann spült sie der Menschenstrom in eine Nische, die sie für einen Moment für sich alleine hat.. Aleyna findet sich vor drei schlecht ausgeleuchteten Figuren wieder, die sie zunächst nicht deuten kann. Eine Marienfigur im Goldkranz ist da zu sehen, und irgendwelche Heilige oder Feldherrn, Männer eben, links und rechts von ihr. In der Mitte eine Marmortafel. Aleyna liest den ersten Satz: „Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria“.
Türkische Not? Aleyna war immer eine aufmerksame Schülerin gewesen, auch wenn es trotzdem nur für die Realschule gereicht hatte. Ihre Erinnerungen sortieren sich. Gemeint war hier wohl nicht eine Not der Türken, sondern eine Not vor den Türken? Von einer Belagerung, von den „Türken vor Wien“ hatte sie schon gehört in der Schule, da ist sie sich sicher.
Türkische Not! Bis heute fühlen sich manche von ihresgleichen belagert, obwohl die allermeisten Menschen mit türkischen Wurzeln längst gute Österreicher sind. Sie kennt die dummen Sprüche über ihr Kopftuch, meist von Menschen, die keine Ahnung haben vom Islam. Türkei, das war die Heimat ihrer Eltern gewesen, dorthin war Aleyna in ihrer Kindheit jedes Jahr in den Sommerferien gefahren, eine endlose Auto-Langweilerei. Stundenlanges Sitzen auf der vollgepackten Rückbank, ein schlecht gelaunter Vater am Steuer. Seit sie verheiratet ist, war sie nicht mehr in der Türkei gewesen.
Noch einmal schaut sie genau hin, liest die Marmortafel ganz. Kein Zweifel, sie steht vor den Resten eines Denkmals, das dazu gedient hatte, der Mutter ihres christlichen Gottessohns, dafür zu danken, dass die Belagerung Wiens durch die Soldaten des Osmanischen Reiches erfolglos gewesen war. Aleyna schüttelt den Kopf. So lange her, und diese traurigen Figuren sind ja auch nur ein Rest. Im Weltkrieg war das Denkmal zerstört worden, weil die große Glocke der Kirche draufgefallen war. Recht geschieht es ihnen, grinst Aleyna.
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Dann wendet sie sich herum und erschrickt: Da steht ja schon wieder einer Maria! Aber diese hier, die hat keinen Goldkranz und auch keine Krone, sie ist einfach nur eine wunderschöne Frau aus Stein. Ihr Kind hält sie auf dem Arm, vorwitzig greift der Bub nach dem Schmuck am Kleid seiner Mutter. Aleyna schaut ihr lange in die Augen. Blickt sie zurück? Aleyna macht einen Schritt rückwärts und entdeckt, dass die lebensgroße Statue beschildert ist. Sie liest und kann es nicht glauben, was da steht. „Dienstbotenmadonna“, entziffert sie im Halbdunkel der Kirche die Plakette am Fuß der Statue, und sie musst es gleich nochmal lesen, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irrt: „Dienstbotenmadonna“.

Sie holt ihr Handy aus der Handtasche und googelt das Wort, sofort ploppen viele Seiten auf, und Aleyna erfährt, dass diese Marienfigur im Wiener Stephansdom einst aus Reue geschaffen worden sei. Vor – Aleyna rechnet im Kopf und reißt die Augen auf: vor siebenhundert Jahren! – habe eine Herrin ihre Magd zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, und mit der Stiftung der Madonna habe sie dafür Abbitte leisten wollen. Seither würden in den frühen Morgenstunden die frommen Wiener Dienstboten ihre Gebete vor dieser Madonnenfigur verrichten. Daher der Name.
Noch einmal blickt sie der Maria ins Gesicht, die vielleicht so alt sein könnte wie sie selbst. Was für eine schöne Frau, und was für eine schöne Geschichte! Sogar eine Art Kopftuch trägt sie! Eine Beschützerin, eine Hoffnungsfrau für Putzfrauen und Köchinnen, für Zimmermädchen, Näherinnen und Waschfrauen. Und würden sie heutzutage an irgendetwas glauben, dann kämen jetzt wohl die vielen Frauen aus den Nagelstudios, die schlecht bezahlten Paketzusteller, die müden Kämpferinnen von der Supermarktkasse zu ihr. Oder auch wir aus der Altenpflege, fällt Aleyna ein. Übermorgen um sechs Uhr wird ihre nächste Schicht beginnen. Bis dahin hat sie noch zwei freie Tage hier in Wien.
Sie berührt, ganz sanft, mit nur einem Finger, diese steinerne Maria, die Dienstbodenheilige, an ihrer blanken rechten Han; sie spürt die Glätte des Marmors, sanft und kühl und Jahrhunderte alt.
„Und Du hast also die Wiener vor uns Türken beschützt?“, murmelt sie. „Glaub ich nicht.“
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Mehr über die zweimalige Belagerung Wiens durch die Truppen des Osmanischen Reiches finden Sie auf Wikipedia. Weitere Informationen über die „Dienstbotenmadonna“ hier.