Aleyna und die Türken vor Wien

Eine Erzählung

(1)

Nein, sie prüft nicht mit dem tausendfach geübten Griff noch einmal den korrekten Sitz ihres Kopftuches, sie unterdrückt diesen Impuls. Sie weiß ja, dass es dort ist, wo es hingehört. An die Stirn zu greifen, um sicher zu sein, dass kein vorwitziges Haar sich herausgearbeitet hatte in den letzten Stunden, vielleicht auch nur Minuten; diese Gewohnheit kannte sie seit jenem Tag, an dem sie ihr schwarzes, kräftiges Haar erstmals unter dem Kopftuch verborgen hatte. Der prüfende Griff war zu einem Teil ihres Alltags geworden, eine Routine, meist überflüssig. So auch jetzt, da sie die große Kirche betritt, zusammen mit einem Strom anderer Touristen.

Symbolbild KI-generiert

Aleyna blickt sich um. Der Wiener Stephansdom ist nicht die erste christliche Kirche, die sie besucht, sie kennt die hochstrebenden Säulen der Gotik, das glitzernde Gold und die Schnörkel des Barock; ihr sind die christlichen Symbole halbwegs vertraut, die Kreuze, das Blut, die rätselhaften Darstellungen. Aleyna ist ja schließlich in einem Alpendorf im Salzburger Land aufgewachsen; jeden Sonntag waren es die lauten Kirchenglocken der Mehrheitsgesellschaft gewesen, die sie aus dem Schlaf geschreckt hatten. Bis heute holten dann die alten Leute ihre besten Kleidungsstücke aus dem Schrank, um damit in die Kirche und anschließend ins Wirtshaus zu gehen. Staunend hatte sie als Kind aus dem Fenster den Strom der verkleideten Christen zu ihrem Gottesdienst beobachtet.

In der dritten Klasse war sie dann mit der Schule auch selbst zur Besichtigung in dieser Kirche gewesen, begleitet von der Lehrerin, die irgendwelche Bilder erläuterte. Sie hat davon vor allem in Erinnerung, dass sie sich eingeschüchtert gefühlt hatte in diesem Raum, der angefüllt war von einem merkwürdigen, kalten, abgestandenen Geruch.  Diese Kirche, an der sie immer vorbeiging, wenn sie zum Schulbus eilte, der Klang ihrer Glocken, die Nachbarn beim Kirchgang – irgendwie gehörte das alles zu ihrer Heimat, und doch auch zu einer fremden Religion, die nicht die ihre war.

Aleyna war früher immer freitags mit den Eltern zur Moschee in die nächste Kreisstadt gefahren, der Vater mit schwarzer Jacke und die Mutter mit einem frischen Kopftuch, das sie auch sonst trug, wenn sie außer Haus ging. Als Kind hatte sie diese Ausflüge sehr gemocht, wollte gerne mit den anderen Mädchen barfuß zusammen bei ihren Müttern hocken, während die Väter weiter vorne auf dem Boden saßen, die Beine unter sich, und einem fremden Mann zuhörten. Aleyna hatte es immer sehr lustig gefunden, die Unterseite der Socken der Männer anzugucken, und zusammen mit ihren Freundinnen die Löcher zu zählen. Ihre Mutter hatte dazu gelächelt.

Später dann, Aleyna war schon fast erwachsen, war damit Schluss. Immer genau am Freitag trafen sich damals ihre Freundinnen, egal ob muslimisch oder nicht, zu gemütlichen Abenden, mit Seriengucken und Mädchengetuschel. Das war ihr wichtiger gewesen. Ihre Eltern hatten diese Entscheidung wortlos hingenommen. Ziemlich zur gleichen Zeit hatte Aleyna auch damit begonnen, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. Ihre Eltern hatten sie dazu nicht gezwungen, aber gefreut hatten sie sich schon.

Das alles liegt nun schon zehn Jahre zurück. Inzwischen ist Aleyna verheiratet, und jetzt ist es ihr Mehmet, der sich über das Kopftuch freut. Ob sie es deshalb weiterhin trägt? Sie weiß es selbst nicht. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, aber nicht nur … die Religion unterscheidet sie eben von den meisten Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat. Es ist ihr Bedürfnis und Stolz, diesen Teil ihres Lebens auch öffentlich zu zeigen, obwohl sie sonst wenig mit den Ritualen ihrer Religion anfangen kann. Sie fühlt sich als ganz normale Frau. Heute zum Beispiel, an diesem Wochenende in Wien, ist sie einfach eine Touristin, wie Tausende andere in dieser Stadt. Mehmet und sein Bruder sind beim Fußballgucken. Und sie will den weltberühmten Dom sehen, die große Kirche mit dem bunten Dach.

(2)

Aleyna versucht sich zu orientieren, während Menschen um sie herumwuseln. Himmelwärts stürmen die Säulen, schwindelerregend, auf die Schnelle nicht abschätzbar in ihrer Zahl. Fast unermesslich streckt sich der große graue Raum in die Länge, bunte Fenster in der Ferne. Kerzen flackern. Viele, sehr viele Menschen strömen durch dieses prächtige Haus ihres Gottes. Sind das alles Christen? Jedenfalls tragen die Frauen keine Kopftücher, dafür kurze Hosen und schulterfreie Tops, und die Männer schlendern mit Händen in den Hosentaschen zwischen den Säulen herum. Respektlos findet das Aleyna. Männer eben. Alle tragen Schuhe, was sie noch immer befremdlich findet in den Kirchen der Christen.

Wo ist hier ein ruhiger Platz? Immer wieder bleibt Aleyna stehen, legt den Kopf in den Nacken, staunt über die Höhe des Gewölbes, das sich über ihr schließt. Aber ständig muss sie zur Seite treten. Sie lässt sich treiben zwischen den mächtigen Säulen, hört bald nicht mehr auf das ständige Rauschen, das vom Gemurmel der vielen Menschen kommt. Aufgeregte Besuchergruppen und gelangweilte Schulklassen ziehen an ihr vorbei, fremde Sprachen der Guides dringen zu ihr vor und verschwinden wieder im weiten Raum.

Dann spült sie der Menschenstrom in eine Nische, die sie für einen Moment für sich alleine hat.. Aleyna findet sich vor drei schlecht ausgeleuchteten Figuren wieder, die sie zunächst nicht deuten kann. Eine Marienfigur im Goldkranz ist da zu sehen, und irgendwelche Heilige oder Feldherrn, Männer eben, links und rechts von ihr. In der Mitte eine Marmortafel. Aleyna liest den ersten Satz: „Einst in der türkischen Not zu Hilfe kam rettend Maria“.

Türkische Not? Aleyna war immer eine aufmerksame Schülerin gewesen, auch wenn es trotzdem nur für die Realschule gereicht hatte. Ihre Erinnerungen sortieren sich. Gemeint war hier wohl nicht eine Not der Türken, sondern eine Not vor den Türken? Von einer Belagerung, von den „Türken vor Wien“ hatte sie schon gehört in der Schule, da ist sie sich sicher.

Türkische Not! Bis heute fühlen sich manche von ihresgleichen belagert, obwohl die allermeisten Menschen mit türkischen Wurzeln längst gute Österreicher sind. Sie kennt die dummen Sprüche über ihr Kopftuch, meist von Menschen, die keine Ahnung haben vom Islam. Türkei, das war die Heimat ihrer Eltern gewesen, dorthin war Aleyna in ihrer Kindheit jedes Jahr in den Sommerferien gefahren, eine endlose Auto-Langweilerei. Stundenlanges Sitzen auf der vollgepackten Rückbank, ein schlecht gelaunter Vater am Steuer. Seit sie verheiratet ist, war sie nicht mehr in der Türkei gewesen.

Noch einmal schaut sie genau hin, liest die Marmortafel ganz. Kein Zweifel, sie steht vor den Resten eines Denkmals, das dazu gedient hatte, der Mutter ihres christlichen Gottessohns, dafür zu danken, dass die Belagerung Wiens durch die Soldaten des Osmanischen Reiches erfolglos gewesen war. Aleyna schüttelt den Kopf. So lange her, und diese traurigen Figuren sind ja auch nur ein Rest. Im Weltkrieg war das Denkmal zerstört worden, weil die große Glocke der Kirche draufgefallen war. Recht geschieht es ihnen, grinst Aleyna.

(3)

Dann wendet sie sich herum und erschrickt: Da steht ja schon wieder einer Maria! Aber diese hier, die hat keinen Goldkranz und auch keine Krone, sie ist einfach nur eine wunderschöne Frau aus Stein. Ihr Kind hält sie auf dem Arm, vorwitzig greift der Bub nach dem Schmuck am Kleid seiner Mutter. Aleyna schaut ihr lange in die Augen. Blickt sie zurück? Aleyna macht einen Schritt rückwärts und entdeckt, dass die lebensgroße Statue beschildert ist. Sie liest und kann es nicht glauben, was da steht. „Dienstbotenmadonna“, entziffert sie im Halbdunkel der Kirche die Plakette am Fuß der Statue, und sie muss es gleich nochmal lesen, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht irrt: „Dienstbotenmadonna“.

Die „Dienstbotenmadonna“, Stephansdom in Wien (ca. 1320).

Sie holt ihr Handy aus der Handtasche und googelt das Wort. Sofort ploppen viele Seiten auf, und Aleyna erfährt, dass diese Marienfigur im Wiener Stephansdom einst aus Reue geschaffen worden sei. Vor – Aleyna rechnet im Kopf und reißt die Augen auf:  vor siebenhundert Jahren! – habe eine Herrin ihre Magd zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, und mit der Stiftung der Madonna habe sie dafür Abbitte leisten wollen. Seither würden in den frühen Morgenstunden die frommen Wiener Dienstboten ihre Gebete vor dieser Madonnenfigur verrichten. Daher der Name.

Noch einmal blickt sie der Maria ins Gesicht, die vielleicht so alt sein könnte wie sie selbst. Was für eine schöne Frau, und was für eine schöne Geschichte! Sogar eine Art Kopftuch trägt sie! Eine Beschützerin, eine Hoffnungsfrau für Putzfrauen und Köchinnen, für Zimmermädchen, Näherinnen und Waschfrauen. Und würden sie heutzutage an irgendetwas glauben, dann kämen jetzt wohl die vielen Frauen aus den Nagelstudios, die schlecht bezahlten Paketzusteller, die müden Kämpferinnen von der Supermarktkasse zu ihr. Oder auch wir aus der Altenpflege, fällt Aleyna ein. Übermorgen um sechs Uhr wird ihre nächste Schicht beginnen. Bis dahin hat sie noch zwei freie Tage hier in Wien.

Sie berührt, ganz sanft, mit nur einem Finger, diese steinerne Maria, die Dienstbodenheilige, an ihrer blanken rechten Hand; sie spürt die Glätte des Marmors, sanft und kühl und Jahrhunderte alt.

„Und Du hast also die Wiener vor uns Türken beschützt?“, murmelt sie. „Glaub ich nicht.“

 

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Mehr über die zweimalige Belagerung Wiens durch die Truppen des Osmanischen Reiches finden Sie auf Wikipedia. Weitere Informationen über die „Dienstbotenmadonna“ hier. 

 

 

Der Kanzler und die Krippe

Eine Weihnachtsfiktion

Bild von Nicky ❤️🌿🐞🌿❤️ auf Pixabay (bearbeitet) 

(1)

Bevor er den beiden Polizeibeamten, die vor seinem Grundstück in ihrem Auto in der Dunkelheit saßen, etwas vom Punsch bringen konnte, hatten seine Personenschützer das Umfeld gesichert. Auf ihr Signal hin trat der Bundeskanzler über den Gartenweg hinaus auf die Straße und reichte den Polizisten zwei Tassen in ihr Fahrzeug; das dampfende Frucht-Zimt-Gebräu, ein Familienrezept seiner Großmutter, sorgte sofort für Beschlag auf der Windschutzscheibe. Einen Teller mit Weihnachtsgebäck hatte er auch noch dabei, balancierte ihn hinterher in das Fahrzeuginnere hinein. Der Kanzler wusste, dass seine Frau, und auch sein Personal, sich normalerweise um diese Menschen kümmerten. Für die zwei Personenschützer vom Bundeskriminalamt, die rund um die Uhr im Haus warteten, und sich regelmäßig mit ihren zwei Kollegen abwechselten, die draußen im Garten postiert waren, war längst ein eigener Raum eingerichtet worden, in dem Essen und Trinken bereitstand. Heute auch der Familien-Punsch.

Die beiden Beamten im Auto, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und ihr Kollege, bärtig – Migrationshintergrund, erfasste der Kanzler -, dankten ihm artig.

Was machen Ihre Familien heute?“, mühte sich der Kanzler um Interesse. Er wollte es wirklich wissen, das waren Menschen, die ihre Zeit für ihn aufbrachten. Aber er war müde. Und gleich würde auch noch ein Fotograf kommen. Er zwang sich zur Aufmerksamkeit.

Sie hätte sich freiwillig angeboten, heute an Heiligabend Dienst zu schieben, sagte die junge Frau, sie sei noch ohne eigene Kinder, die Kollegen mit Familie hätten Vorrang.

„Ohnehin nicht mein Fest“, murmelte ihr Kollege und wich dem Blick des Kanzlers aus, wendete sich ihm dann aber zu, und ergänzte: „… aber Danke für Ihr Interesse, Herr Bundeskanzler.“

„Nein, ich danke Ihnen sehr“, sagte der Kanzler, bot einen Handschlag an,  wobei er beim Griff nach der ausgestreckten Hand der jungen Frau, die von ihm entfernt am Steuer saß, sehr darauf achtete, nicht versehentlich ihrem Kollegen die heiße Punschtasse über die Uniform zu kippen.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler, und die beiden wiederholen: „Frohe Weihnachten, Herr Bundeskanzler.“

Der Kanzler kehrte in sein Haus zurück. Er wartete, bis die Personenschützer die Tür hinter ihm geschlossen hatten und gab dann auch ihnen die Hand. „Sie sind versorgt?“, fragte er, wobei er wusste, dass er darauf keine Antwort brauchte. Sie sind versorgt, und so bestätigten sie es ihm auch.

„Da kommt gleich noch ein Fotograf vom Bundespresseamt,“ sagte der  ältere der beiden Schwarzgekleideten, „so stehts im Plan.“

Der Kanzler unterdrückte ein Gähnen. „Ja, stimmt, ich weiß.“

 

Der Kanzler betrat er sein Wohnzimmer, ein Raum mit vielen Büchern und einer breiten Fensterfront in den Garten, vor der nun der raumhohe Weihnachtsbaum stand, geschmückt ganz nach seinem Geschmack – schlicht, aber vornehm, nur Glas und Holz. Die Holzschnitzereien am Baum und auch die Krippenfiguren darunter stammten aus dem Erzgebirge; er hatte sie bei einem seiner ersten Besuche dort nach der Wende vor Jahren selbst gekauft. Eine Polstergruppe bot Platz für die große Familie, die sich nachher hier versammeln würde. Fünfzehn Leute. Der Kanzler liebte Familien, und seine eigene Familie – drei Kinder mit Ehepartnern, sieben Enkelkinder – liebte er ganz besonders.

Die Scheiben aller Fenster im Haus waren im letzten Frühjahr gegen Sicherheitsglas getauscht worden. Während der Kanzler den Blick durch das jetzt noch menschenleere Wohnzimmer streifen ließ, fiel ihm ein, wieviel Dreck und Staub der Tausch der Fenster damals verursacht hatte. Seine Frau hatte sich darum gekümmert. Aber es hatte sich gelohnt. Vor einem Jahr an Weihnachten, da war er noch nicht Kanzler, aber schon Kandidat, waren noch die alten Gläser drin, und deshalb musste immer Sicherheitspersonal vor dem Fenster stehen. Tag und Nacht. Jetzt war hier keiner mehr. Wir können Veränderung, wenn wir es nur wollen, stammelte er vor sich hin, verbot sich aber schon im nächsten Moment selbst solche Gedanken. Keine Politik jetzt, nicht heute, nicht an Heiligabend. Im Haus war es still. Die drei Kinder mit ihren Familien waren bereits eingetroffen, er hatte sie zusammen mit seiner Frau selbst in Empfang genommen. Jetzt richteten sie sich in ihren Zimmern ein, irgendwo über ihm. Noch war er im Dienst, seine Familie würde später zu ihrem Recht kommen.

Der Kanzler trat an den Baum, betrachtete lange die Krippe, die auf einem niedrigen Hocker direkt vor dem grünen Geäst stand. Dann ordnete er einige Figuren anders an, schob hier einen Hirten, den er besonders schön fand, in den Vordergrund und dort ein hölzernes Schäfchen weiter nach hinten. Kopfschüttelnd nahm er die drei Figuren der Könige „aus dem Morgenland“ (unzulässiger Begriff, dachte er sich) einschließlich ihrer Kamele heraus. Wer hat die denn hier hingestellt, das ist zu früh, die kommen erst Anfang Januar. War schon immer so. Die Könige erst an Dreikönig. Er steckte die Figuren in die oberste Schublade der Eichenholz-Schrankwand. Auch die Kamele mussten sich dort schlafen legen.

Es klopfte und der Personenschützer blickte durch den Türspalt. „Der Fotograf ist da“, sagte er. „Ja klar, soll reinkommen“, antwortete der Kanzler. Sein letzter Termin heute. Morgen keine Termine. Am zweiten Feiertag wieder nach Berlin.

 

(2)

Drei Stunden später war der Kanzler umtobt von seiner Familie. Es hatte das traditionelle Essen gegeben, dann waren die Enkelkinder in das Wohnzimmer gestürmt, hatten sich artig vor dem Baum versammelt und auf das Signal gewartet, sich den Geschenken widmen zu dürfen. Aber erst las der Großvater das berühmte Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte vor, die Älteren kannten es natürlich längst. Seine älteste Tochter beobachtete er dabei, wie sie den Text lautlos mit den Lippen mitsprach – „Es begab sich aber zu der Zeit …“- und er bestand auch darauf, dass zunächst gesungen wird. Wenigstens ein Lied. „Macht hoch die Tür …“ sang der willige Teil des Familienchors, und der Kanzler sang textsicher mit.

Heute Wein, sonst verbot er sich Alkohol, Der Kanzler nippte am Glas, und mühte sich redlich, Interesse aufzubringen für den familiären Tumult um ihn herum. Hier die Eisenbahn, dort der neue Pokémon-Pullover, da die blonde Barbie. Der Kanzler, der jetzt hier nur ein Großvater war, er nickte und staunte, er fragte und hörte zu.

Deshalb hier, ging ihm durch den Kopf, wegen dieser Kinder, wegen Millionen anderer Kinder, die jetzt gerade Geschenke auspacken, deshalb mache ich das alles. Wieder wollte er sich das Abschweifen in die Politik verbieten, aber diesmal, da alle anderen abgelenkt waren, gelang es ihm nicht. Die letzten Stunden, Tage, Wochen krochen in ihm hoch. Die Sorge um den Frieden, um den Wohlstand, die kleinkarierten Kämpfe, die zahllosen Termine, die Verantwortung. Das Unfassbare, das Scheue der Macht. Die ständige Gefahr zu scheitern. Die Welt, die sich um ihn drehte. Und dann doch wieder nicht. Die allumfassende Böswilligkeit, die ihn umgab, und von der er wusste, dass ihn nur ein Bruchteil des ganzen Hasses, der ganzen Abwertung und Niedertracht erreichte. Aus gutem Grund. Immerhin, es gab auch andere Stimmen.

Der Kanzler rutschte sich im Sessel in eine aufrechtere Position. Er rief sich zurück in die Gegenwart. Die Enkel waren von ihren Geschenken gefangen genommen, seine Kinder und ihre Mutter unterhielten sich, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, Ordnung in den Kindertumult zu bringen. Niemand kümmerte sich um ihn. Der Kanzler hatte frei.

Frei, jetzt mal frei. Er schloss die Augen; nur ganz kurz.

 

„Du solltest Dich hinlegen“, flüsterte seine Frau dem Kanzler ins Ohr. Er schreckte auf. Wie lange hatte er hier geschlafen? „Wo sind die Kinder?“, fragte er, richtete sich auf und wusste doch die Antwort selbst. „Die sind auch schon ins Bett“, hörte er.

Der Kanzler schlurfte betäubt ins Schlafzimmer, nahm noch wahr, wie seine Frau neben ihm das Nachttischlicht löschte – auch seines. Den üblichen letzten Blick auf das Display verweigerte er. Heute nicht. Jetzt nicht mehr. Es ist Weihnachten.

 

(3)

Es war noch dunkel, als sein Telefon brummte. Der Kanzler schreckte hoch. Seit er im Amt war, hatte es nur wenige Nächte gegeben, in denen es nicht gebrummt hatte, aber für diese Nacht hatte er nicht damit gerechnet. Er blickte sich um, seine Frau schief. Er griff zum Telefon, stahl sich aus dem Bett und ging in das Nebenzimmer, das ihm in diesem Haus als Arbeitsraum diente. Sie hatten extra eine Tür eingebaut, damit er auf kürzestem Wege vom Bett dorthin gehen konnte, wenn es nötig war.

Es war der Kanzleramtschef.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler. „Ebenfalls“, hörte er, und dann die Frage: „Schönen Abend gehabt?“

„Ich weiß nicht so viel davon, ich bin eingeschlafen.“

„Oh, ja, um so mehr, sorry für die Störung …“ Der Kanzler nickte und brummte ein wenig, und alle, die ihm kannten, wussten, dass dies bedeutete, man solle sich nicht mit seiner Befindlichkeit aufhalten. Er hatte ein Amt, das keine Befindlichkeiten erlaubte.

„Der saudische Kronprinz will Dich sprechen.“

„Heute? Jetzt?“

„Ja jetzt. Er will helfen.“

„Bei was?“

„Es geht um die Affäre, die Du ausgelöst hast. Also, eigentlich ist das Presseamt verantwortlich, denen hätte es auffallen müssen. Ist es aber nicht, schon wieder eine Panne. Jedenfalls bittet der Außenminister dringend darum, dass Du dem Wunsch nach einem Telefonat mit dem Saudi nachkommst. Um größeren Schaden abzuwenden.“

„Was für eine Affäre? Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Hast Du nicht auf Dein Handy geschaut? Es geht um den Krippen-Post, den wir gestern online gestellt hatten. Ist inzwischen schon gelöscht, aber das hilft natürlich nichts, macht es vielleicht sogar eher schlimmer.  Längst stehen Screenshots im Netz. Das kocht gerade hoch, vor allem in den muslimischen Ländern, aber auch bei uns.“

„Krippen-Post?“

„Ja, auf Deinen Kanälen haben wir gestern Nachmittag das Bild mit Dir und Deiner Krippe zuhause veröffentlicht. Mit Weihnachtswünschen und so. Wir wollten das christliche Profil stärken, darüber hatten wir doch gesprochen.“

Der Kanzler nickte. „Ja und?“

„Das Presseamt hat nicht aufgepasst. Es gab schon ein Foto von Eurer Krippe, das war schon vor drei Tagen gemacht worden. Damals mit dem Fokus auf die Schnitzarbeiten aus dem Erzgebirge. Also so nach dem Motto: Der Kanzler hat Krippenfiguren aus dem Osten. Kann ja nicht schaden, da etwas für Dein Image zu tun, wegen der Landtagswahlen, weißt schon. Das lief damals alles, ohne Dich zu belästigen. Du warst da noch in Brüssel. Die Krippe bei Euch war aufgebaut worden, es wurden Fotos gemacht, und dann ging es eben rum mit dem Motto: Der Kanzler hat eine Krippe aus dem Erzgebirge.“

„Ja, ok, von mir aus. Aber was ist jetzt das Problem?“

„Auf diesem ersten Foto sind die drei Könige, auf dem von gestern nicht mehr.“

„Und das ist ein Problem?“

„Für die islamische Welt schon. Sie sprechen von einer gezielten Entfernung der arabischen Welt aus unserem christlichen Weltbild. In der Türkei, im Iran, in den Emiraten, in Jemen, und auch bei uns in der muslimischen Community tobt schon ein solcher Diskurs. Hierzulande machen die Linken auch schon mit, sie sagen, dass Du gezielt den ganzen globalen Süden aus Deiner Krippe gecancelt hast.“

„So ein Quatsch!“ Der Kanzler ordnete seine Gedanken. „Völliger Blödsinn. Es ist doch aus heutiger Sicht eher problematisch, dass drei Erdteile dem christlichen Jesuskind huldigen, damit müssen die doch eher ein Problem haben. Und nicht damit, dass ich die weggestellt habe, weil es zu früh ist.“

Er stellte sich vor, wie sein Minister jetzt gerade mitleidig grinste.

„Von den Grünen und der SPD haben wir noch nichts gehört. Ich fürchte, morgen springt die AfD drauf. Natürlich zustimmend, weg mit den fremden Königen und so weiter. Beifall von der falschen Seite.“

Nach einer kurzen Pause sprach der Minister weiter: „Und Du weißt ja nie, was dann folgt, auch aus unseren eigenen Reihen. Söder, Kretschmer und so weiter, nicht dass sich da auch noch einer findet, der Dir mangelnde Bibelfestigkeit vorwirft. Die lassen doch keine Chance aus.“

„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte der Kanzler noch einmal. „Das war doch immer so, dass die Könige erst im neuen Jahr dazugestellt wurden, … also, da muss man doch nur die Bibel lesen.“

„Zu spät. Keine Zeit für irgendwelche Differenzierungen. Die beiden Bilder nebeneinander wirken so, als hätte man da absichtlich Afrika und den Orient – also Asien – weggenommen, und Europa gleich mit. Die islamische Welt hat heute keinen Feiertag, und in Riad ist es schon fast neun Uhr. In ein paar Stunden wachen auch bei uns die Muslime auf. Die haben einfach nur frei, und deshalb jede Menge Zeit, sich aufzuregen.“

Der Kanzler sagte nichts.

„Wir müssen handeln,“ drängte der Minister, „bevor die Amerikaner, Musk und Vance, schlimmstenfalls Trump, draufspringen. Die schlafen noch. Oder willst Du das lesen: Schluss mit Migration, endlich hat´s auch der deutsche Kanzler kapiert. Deshalb wäre es wichtig, dass sich vorher der saudische Kronprinz unterstützend positioniert.“

„Oh Gott.“

„Aber Du weißt: Der Kronprinz will, dass wir ihm Taurus-Raketen verkaufen.“

„Ich weiß!“ – der Kanzler dämpfte seinen Ton, um seine Frau im Nebenzimmer nicht aufzuwecken – „aber das machen wir doch nicht. das haben wir doch schon tausendmal geklärt.“

„Ja, aber er gibt eben nicht auf. Er bietet an, mildernd einzuwirken auf seine Nachbarn und Dich für die Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen.“

Der Kanzler schnaufte vernehmlich. „Brauche ich das? Von diesem zwielichtigen Mörder?“

„Deine Entscheidung. Auswärtiges Amt und der Pressesprecher raten dazu.“ Der Minister machte eine Denkpause. „Und ich auch.“

 

Das Gespräch mit dem Kronprinz konnte der Kanzler auf Englisch führen. Es war kein Dolmetscher erforderlich. Auf beiden Seiten hörten jeweils zwei Protokollierende mit. Der Kanzler dankte dem Kronprinz für seine Bereitschaft, der von ihm nicht beabsichtigten Empörung in der muslimischen Welt entgegenzutreten. Er werde diese wichtige und ausgleichende Rolle, die der Kronprinz und sein Land einnähmen, berücksichtigen bei den nächsten Verhandlungen über Waffenexporte, ohne dass er irgendetwas versprechen könne. Aber wenn es um Energieimporte, den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Annäherung an eine Lösung in der  Palästinenserfrage gehe, stehe Deutschland ohne Vorbehalte zu einer engen Kooperation bereit. Der Kronprinz dankte und lud den Kanzler zu einem Besuch im neuen Jahr nach Saudi-Arabien ein.

 

(4)

Nach dem Telefonat war an Schlaf nicht mehr zu denken. Der Kanzler betrat sein Wohnzimmer. Gerade ging die Sonne irgendwo hinter den Bäumen auf, noch war es mehr ein rotes Dämmern als helles Licht. Morgenland, dachte der Kanzler. Auf dem Rasen lag schimmernder Nebel. Was für ein Wetter, und das am ersten Weihnachtsfeiertag. Kein Schnee, keine Kälte.

Es war kühl im Raum. Die Geschenkpapiere stapelten sich in den Ecken, die Geschenke lagen halbwegs sortiert unter dem Baum. Plätzchenteller und Gläser vom Abend standen noch auf dem Tisch. Niemand zu sehen. Kein Mucks im Haus. Ob die Security wohl schläft? Der Kanzler nahm sich vor, später vorbeizuschauen.

Ganz langsam wuchs vor den schusssicheren Fensterscheiben das Sonnenlicht auf. Noch einmal blickte der Kanzler hinaus. Da stand ein Reh im Gras, überragte die Nebelschicht. Das schöne Tier schien ihn anzublicken, zu fixieren, fremd, unverwandt, starr. Das kann mich doch gar nicht sehen, überlegte der Kanzler, aber als er sich bewegte, stob das Reh mit einem Satz davon.

Er ging zum Schrank, öffnete die Schublade und holte die drei Könige und ihre Kamele heraus. Er stellte sie an ihren Platz zurück. Später würde jemand vom Bundespresseamt kommen und ein neues Foto machen.

Was für eine Welt, schüttelte der Kanzler den Kopf.

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.