Eurydikes Erben fahren U-Bahn

Klassische Musik im Untergrund: Verlockung oder Vertreibung?

Als sich Orpheus in den bereits gut gefüllten Waggon der U-Bahn drückt, eine raumgreifende Erscheinung, Lockenpracht, Rucksack, ganz in schwarz gekleidet, Tattoos bis über die Halskrause, da blickt niemand auf. Wie festgetackert haften die Augen auf den Displays oder sie starren einfach ins Leere oder sind geschlossen. Dann reckt Orpheus als moderne Lyra sein Handy in die Höhe, und noch bevor sich der Zug in Bewegung setzt, plärrt ein Begleitorchester durch die unfreiwillig zusammengewürfelte Fahrgemeinschaft. Orpheus hebt er zu seinem Gesang an. „Nessun dorma“, intoniert er, den Gassenhauer aus Puccinis Oper „Turandot“, und das ist Musik, die nun wirklich jedes Herz erreichen und erweichen könnte. Hier aber schaut kein Blick auf. Der Wagen rumpelt und rattert durch den Untergrund, das Handy scheppert, der Sänger schwankt, und die Arie schwingt sich ihrem Gänsehaut-Moment entgegen. „Vincero!“, versichert dieser Orpheus, und mit noch einem „vincero!!“ besiegt er in schwer erreichbare Höhen den Widerstand seiner Stimmbänder. Das alles darf nicht zu lange dauern, denn schon droht der nächste Halt des ratternden Lindwurms. Schnell noch den Becher gezückt, herumgezeigt, ein paar Münzen eingesammelt, und dann heraus, hinüber in den nächsten Wagen.

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück

Dieser Orpheus dreht sich nicht um, wirft keinen Blick zurück. Das ist von Bedeutung, denn die Geschichte des griechischen Jünglings Orpheus geht so: Schön war er und vor allem stärker musikalisch begabt als alle, die ihm seither folgten. Sein Gesang sei im wörtlichen Sinne  steinerweichend gewesen, so wird überliefert, dass nicht nur Götter und Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen sich friedlich gestimmt um ihn scharten, um zu hören, was er zu singen hatte. Sogar das wilde Meer habe sich beruhigt, wenn er seine Lieder anstimmte.

Fast schon war das Ziel erreicht, und Orpheus führt mit Lyraspiel und Gesang seine Geliebte aus dem Totenreich hin auf ans Licht. Dann aber konnte er sich nicht beherrschen … (Darstellung aus dem Jahr 1752, Wellcome Library, London via Wikimedia)

Orpheus brachte also gute Voraussetzungen mit, bald eine schöne Frau für sich zu gewinnen. Das geschah, und sie hieß: Eurydike. Infolge göttlich-männlicher Gewalteinwirkung (eine versuchte Vergewaltigung munkelt die Sagenwelt) starb Eurydike an einem Schlangenbiss(!); auf die nähere Darstellung dieser Verwirrung kann hier verzichtet werden. Jedenfalls war Orpheus untröstlich, erinnerte sich an seine musikalische Begabung und betörte mit Lyra und Stimme den Unterweltgott Hades und dessen furchterregenden Hund Kerberos nachdrücklich. Sie erlaubten ihm, seine Eurydike wieder aus dem Untergrund herauszuführen. Die Herrscher der Unterwelt stellten dafür allerdings eine einzige Bedingung, von der noch die Rede sein wird.

Die Abgründe der modernen Welt liegen oft im Untergrund

Wo liegen die Abgründe der modernen Welt? Nicht nur, aber doch oft im Untergrund: schlecht beleuchtete Unterführungen, U-Bahn-Zwischengeschosse mit versifften Winkeln und Ecken, ersterbend blinkenden Neonröhren. Tagsüber wie nachts bietet der Untergrund Rückzugsräume für Menschen in Not und Menschen, die mit der Not der anderen ihr windiges Geschäft treiben. Schutzsuchende vor Regen und Kälte und Hitze, die sich nicht in eine eigene Wohnung flüchten können. Kranke, auf der Suche nach dem illegalen Stoff, der ihrer süchtigen Unerbittlichkeit kurzzeitige Linderung verspricht. Fragwürdige Gestalten auf der verzweifelten Suche nach dem kleinen Geld. Solche Orte im Untergrund sind der Hades unserer Zeit, nur dass dort kein Gott herrscht und der Höllenhund Kerberos allenfalls stundenweise in Begleitung meist schlecht gelaunter Security-Leute erscheint.

Vielleicht sollte unser U-Bahn-Orpheus dort singen, bezahlt mit kleinem Geld aus öffentlichen Kassen? Stattdessen kamen Menschen auf die Idee, solche Orte der menschengemachten Trostlosigkeit mit klassischer Musik zu fluten. Immer mehr Städte zwangsbeschallen die Lost Places eines gescheiterten urbanen Zusammenlebens mit der schönsten Musik, die Menschen geschaffen haben, mit den Klängen von Bach, Mozart, Beethoven oder Chopin, vielleicht auch Puccini. Die Annahme dabei ist: Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, Drogendealer, Obdachlose, Kleinkriminelle, Taschendiebe würden alles Mögliche mögen, aber gewiss nicht die Kleine Nachtmusik oder „Für Elise“.

Zwölftonmusik statt Mozart?

Für jeden Musikfreund ist es eine schmerzhafte Diskriminierung dieser schönen Töne, wenn sie zur Vertreibung unliebsamer Personen aus dem Untergrund missbraucht werden. Noch dazu ist umstritten, ob dieser Effekt tatsächlich eintritt. Wie wäre es, das Experiment gleich auf die Spitze zu treiben, und statt Mozart oder Beethoven die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg oder Alban Berg abzuspielen? Dann allerdings wäre zu befürchten, dass die Vertreibung nicht nur vermeintlich unliebsame Personen beträfe, sondern auch viele andere.

Die Bedingung, die der Untergrundgott dem verliebten Orpheus gestellt hatte, lautete so: Er hätte Eurydike mit Gesang und Lyraspiel hinaufholen dürfen in die strahlende Wirklichkeit des Tageslichts – aber nur, wenn er ihr und den Göttern vertraut, wenn er also den Impuls unterdrückt, sich umzuwenden und zu vergewissern, dass die Geliebte tatsächlich hinter ihm her schreitet. Er wusste das, und so spielte und sang er, was das Zeug hielt, und kurz vor dem Ziel, das rettende Licht schon vor hoffend-glückseligen Auge, fehlte ihm dann doch ein Moment der Selbstbeherrschung. Er blickte hinter sich – und verstieß seine Geliebte damit zurück in eine ewige Existenz im Untergrund. Und da darbt sie nun bis heute, und wir alle mit ihr, in vielfältiger Gestalt, als genervte Nutzer des unterirdischen Nahverkehrs  oder als herumstreunende Desperados der Wohlstandsgesellschaft. Eurydikes Erben wird schöne Musik nicht vertreiben.

 

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist vielfach aufbereitet worden, in Filmen, Theaterstücken und Opern. Weitere Informationen zur Sage finden Sie z.B. hier. 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.