Der Seele beraubt (#0003)

Stiftskirche Herrenberg

Kirchgasse 7, 71083 Herrenberg

Mein Besuch am 7. März 2021

Majestätisch am Hang liegt sie, die „Glucke vom Gäu“, überragt wie eine brütende Henne das Gewirr der Fachwerkhäuser unter ihr. In einem Zettel, den die Kirchengemeinde für Besucher auslegt, finde ich die Information, dass die Kirche sich jedes Jahr durch geologische Prozesse um einen Millimeter auf die Stadt zubewegt. Als ich sie heute betreten habe, früher Nachmittag, leuchtete die Sonne in den weiten Kirchenraum, der mich zu meiner großen Überraschung in sattem Gelb empfing. Eine farbige Kirche, nicht wegen der Fenster, sondern wegen der Ausmalung im Kirchenraum. Die Pfeiler sind bis hinauf in das Deckengewölbe in gelb gehalten, in ihrer Spitze sogar ganz bunt. Ein starker Farbeindruck! Aber der Innenraum wirkt leider auf mich wie zusammengewürfelt – daran ändern auch die schönen Einzelelemente (vor allem das eindrucksvolle Chorgestühl aus dem 16. Jahrhundert) wenig. Es fehlt mir die Seele dieses schönen und stolzen Kirchenraums. Ich habe viele schöne, auch moderne Kirchen gesehen, denen ein Hochaltar fehlt. Aber hier in Herrenberg fehlt er wirklich. Jerg Rathgeb hatte ihn 1519 gemalt, zwei Jahre, nachdem Martin Luther seine berühmten Thesden in Wittenberg an die Kirchentür geheftet hatte. Ratgebs Hauptwerk, der „Herrenberger Altar“ wurde bereits 1891 verkauft und ist seit 1924 in der Stuttgarter Staatsgalerie zu besichtigen. Und so füllt nun eine bescheidene Holzvertäfelung die klaffende Lücke an der Spitze der Kirche, dort, wo sich alle hinwenden.

Gab es jemals eine Diskussion über die Rückführung von Kunstwerken an ihren ursprünglichen Platz – auch innerhalb Deutschlands? Die eindrucksvolle Altar-Skulptur auf dem nach Jerg Ratgeb benannten Skulpturenweg mahnt eindrücklich an die Leerstelle in der Kirche selbst.

https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_Herrenberg

https://de.wikipedia.org/wiki/Jerg_Ratgeb

 

 

Ein Feuerwerk aus buntem Glas (#0002)

St. Josef, Danziger Str. 19, 70825 Korntal-Münchingen

Mein Besuch am 21. Februar 2021

Sonntagmittag um zwei. Die Kirche ist menschenleer. Ich halte mich fast zwanzig Minuten auf in dem Bau aus den 60er Jahren, niemand stört die Ruhe, es bleibt alles leer und still. Draußen strahlt die Sonne am ersten Frühlingstag im Jahr. Es sind solche intimen Momente,. die mich an Kirchen faszinieren: Die Fotos der Taufkinder. Die Vorbereitungen für die anstehende Erstkommunion. Die handschriftlichen Bitten und Gebete im ausliegenden Buch. Ein intimer Raum umfängt mich und nimmt mich auf. Die Kirche hat schmale Lichtbänder entlang der Dachlinie, und eine dominierende Betonglaswand, welche die komplette Nordseite der Kirche bildet. Ein Feuerwerk aus buntem Glas; der Künstler (Rudolf Walter Haegele) hat die Wand entlang der Naturgewalten gestaltet – Feuer, Blitz, Winde, Dunkelheit – alles soll Gott loben. Mich erreicht diese Deutung nicht. Aber das Licht erfüllt den harmonischen Kirchenraum, gibt ihm Licht, Wärme, Vielfalt.

https://kath-kirche-muenchingen-hemmingen.de/wp-content/uploads/2016/04/50J_SJ_HM.pdf

http://leuchtende-bilder.com/detail/rudolf-walter-haegele

 

Gefälle im Münster (#0001)

Heilig Kreuz Münster, Rathausgasse, 78628 Rottweil

Mein Besuch am 14. Februar 2021

Valentinstag, Fasnets-Sonntag, aber im Corona-Lockdown. Klare Kälte in der Luft, blauer Himmel, ein paar Schleierwolken, Schnee und Eis auf der Straße. Das Heilig Kreuz Münster überrascht mich einem Gefälle in der Kirche. Wie ein moderner Konzertsaal fällt die überbaute Fläche ab. Der winterliche Sonnenschein fällt durch die bunten Fenster in einen Kirchenraum, der nicht zum Himmel strebt, sondern solide am Boden bleibt. Getaucht in warmes Gold, spiegelt sich das Sonnenlicht in den Altären und auch im Gold der alten Zunftlaternen, die hinter Gitter gleich am Eingang stehen. Sauber beschriftet, hier die Laternen der Schreiner, dort die der Metzger. Und auch welche der Friseure, die sie derzeit vielleicht besonders bräuchten, hat man ihnen doch eine Zwangspause verordnet. Und gleich links davor: Zwei Nischen füllen die Totentafelns des zweiten Weltkriegs, auch berühmte Namen der Stadt darunter, die hier um Mitglieder ihrer Familien trauern mussten. Und doch frage ich mich, was das diese besondere Ehrung der Kriegsopfer an dieser prominenten Stelle in einer Kirche von heute zu suchen hat. Werden wir Tafeln der katholischen Corona-Toten in unsere Kirchen hängen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Heilig-Kreuz-M%C3%BCnster_(Rottweil)

http://www.hl-kreuz-rottweil.de/kirchen/heilig-kreuz/patrozinium/patrozinum-titularfest.html