Die Schmetterlinge sterben überall

Über die Oper „Madame Butterfly“, derzeit auf der Seebühne Bregenz

Die junge alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Als Teenager hatte sie viel zu früh geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht. Nein, sie war nicht dumm verführt worden, sondern war hemmungslos verschossen gewesen, verliebt in diesen prächtigen und mächtigen fremden Mann, aber auch in ihre eigene Hoffnung auf ein neues, ein spannenderes, anderes Leben außerhalb ihrer gewohnten Welt.

Die junge Frau träumt von einem besseren Leben in Amerika und glaubt an ihre Liebe. Aber sie wird enttäuscht werden. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Nun aber ist der Mann schon drei Jahre fort. Zurückgereist war er in sein Heimatland. Und es ist unklar, ob und wann er wieder zu ihr und dem kleinen Jungen zurückkehren wird. Schonend möchten Wohlmeinende der jungen Frau beibringen, dass weitere Hoffnung sinnlos ist. Der Mann ist weg, sie soll sich damit abfinden, sich der Realität stellen, einem anderen Leben zuwenden. Verarmt, müde, ausgelaugt von den Anstrengungen der ewigen Hoffnung schwankt die junge Frau. Ob es nicht wirklich besser wäre, diesem Rat zu folgen?

Im Moment des Zweifelns schlägt die Hoffnung zu

Aber da, in diesem Moment des Zweifelns, der möglichen Hinwendung zur bitteren Realität, des Abschieds von der schönen Illusion – da geschieht das Wundergleiche. Vom Hafen her klingt die Sirene eines Schiffs. Salutschüsse der Begrüßung ertönen. Mit bangem Blick entziffert sie in der Ferne den Schriftzug am Bug. Und ja, tatsächlich, es trägt den stolzen Namen und das Banner des Heimatlandes ihres so sehr herbeigesehnten Mannes!

Unfassbares Hoffnungsglück steigt in ihr auf. Der Strudel der Illusionen erfasst sie und reißt sie heraus aus der Verzweiflung. Ha, habe ich es Euch nicht gesagt!, triumphiert sie. Ihr ewigen Miesepeter, Ihr kalten Pessimisten!, schnauzt sie die verbliebene Schar ihrer Getreuen an. „Gerade in den Augenblick, da jeder gesagt hat: Weine und verzweifle!“ – gerade da kommt er zurück zu mir, zu meinem Kind, zu meiner Liebe, zu seiner Familie. Alles wird gut werden, wie ich es immer schon gesagt habe!

Aber sie irrt. Im weiteren Verlauf der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini erleben wir, dass es genau dieser Moment der Hoffnung ist, der die junge Frau erst recht hinabstürzen wird in den Abgrund enttäuschter Emotionen und auswegloser Trostlosigkeit. Zwar ist der Langerwartete tatsächlich an Bord dieses Schiffs. Aber er will nicht zu ihr zurückkehren. Er wird ihr das Kind nehmen, ihren stärksten Trumpf im Kampf um den Mann, damit er es in seiner Heimat erziehen lassen kann.

Auf der Seebühne gibt´s reichlich Kitsch und Klischees

Der Mann aus der Fremde in dieser Geschichte ist Amerikaner. Die Oper ist um 1900 entstanden, sie spielt in einer von Puccini (und seinen Librettisten und einigen Autoren vor ihm) nach westlichen Vorstellungen erdachten Karikatur eines traditionalistisch-rückständigen Japan. In diesem (und im nächsten) Sommer ist das Schicksal der Butterfly in einer Neuinszenierung auf der spektakulären Seebühne von Bregenz zu sehen, die mit ihren gewaltigen Ausmaßen so gar nicht geeignet erscheint für ein intimes Kammerstück, wie es die Liebes- und Enttäuschungsgeschichte der Butterfly eigentlich ist.

An Japan-Klischees wird nicht gespart auf der Seebühne. Die Bilder sind etwas für´s Auge, aber die Geschichte darf man auch zeitkritisch sehen und hören. (Foto: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Die Inszenierung von Andreas Homoki auf der Seebühne gerät denn auch in vielen Szenen und Lichteffekten arg kitschig und lässt kein Japan-Klischee aus. Das mag eine notwendige Konzession an den Massengeschmack dieses Sommerspektakels sein. Trotzdem ist das Spiel auf der Riesenbühne, ihre technischen Effekte, die schiere Wucht des Großen also, ein eindrucksvolles Erlebnis. Hoch anzurechnen ist Homoki, dass er ganz bewusst und deutlich Puccinis Werk trotzdem nicht nur als romantisch enttäuschende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch als das, was es ist: ein bitteres Märchen des Kolonialismus.

Das trügerische Liebesversprechen des Westens

Wer möchte, kann das Schicksal der „Butterfly“ also auch so wahrnehmen: Es geht es um hoffnungstrunkene Erwartungen in das trügerische Liebesversprechen des Westens, um die bedingungslose Hinwendung einzelner Schwächerer zum Stärkeren. Ängstlich fragt die junge Butterfly noch ihren fremden Mann, ob es in seiner Heimat nicht üblich sei, gefangene Schmetterlinge mit einer Nadel zu durchbohren und auf eine Tafel zu heften? „Damit er nie mehr flieht“, antwortet der Amerikaner.

So, wie sich die junge Butterfly im Rausch verzweifelter Hoffnung an die Ankunft des amerikanischen Schiffs klammert, so versuchten vor einem Jahr in Kabul Menschen im letzten Moment an Bord startender Flugzeuge zu gelangen, existenziell bedroht in ihrer enttäuschten Verbundenheit zu den abziehenden Amerikanern.

An unseren Versprechen sterben die Hoffnungen

Butterfly geht daran genauso zugrunde, wie die Hoffnungen der Menschen, die in den letzten Jahren die Werteversprechen des Westens zu ihrer Orientierungslinie gemacht haben. Aktuell sind es die Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich auf unsere Versprechungen der Solidarität verlassen. Werden wir sie halten?

Wer diese Oper so hören kann, kann in ihr auch den unerschütterlichen Lebensmut der demokratie-gläubigen Aktivisten und Frauenrechtlerinnen in Belarus und Russland vernehmen, oder die Stimmen mundtot gemachter Kreativer, verbotener Künstler in China und anderswo, die allesamt darauf hoffen, dass die angeblich globalen, unveräußerlichen Menschenrechte ihnen als  Werteversprechen der Weltgemeinschaft ein rettendes Schiff sein mögen.

Es sind viele Mauern und Zäune in unserer Welt, viele Boote im Mittelmeer, Lager auf griechischen Inseln und anderswo, wo Menschen leiden und sterben an enttäuschten Hoffnungen, die wir geweckt haben. Und leider: Die Schmetterlinge sterben überall.

 

Die „Madame Butterfly“ auf der Seebühne Bregenz gibt es dieses Jahr noch bis 21. August nahezu täglich: https://bregenzerfestspiele.com/de/programm/madame-butterfly.

Die Inszenierung vom Bodensee ist bis 15, Oktober 2022 in einer Videoproduktion kostenlos zu sehen in der ZDF-Mediathek (und so habe ich auch ich sie gesehen): https://www.zdf.de/kultur/aspekte/von-der-seebuehne-bregenz-madame-butterfly-100.html

Eine ausführliche Inhaltsangabe und zur Werksgeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Madama_Butterfly

Weitere Texte zu Opern, in denen ich mich vor allem mit dem zeitkritischen bezu von Inszenierungen auseinandersetze finden Sie unter meiner Kategorie #Kulturflaneur, zum Beispiel über La Traviata von Verdi und die Ring-Teile Das Rheingold und Die Walküre von Richard Wagner.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.