Der Kanzler und die Krippe

Eine Weihnachtsfiktion

Bild von Nicky ❤️🌿🐞🌿❤️ auf Pixabay (bearbeitet) 

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Bevor er den beiden Polizeibeamten, die vor seinem Grundstück in ihrem Auto in der Dunkelheit saßen, etwas vom Punsch bringen konnte, hatten seine Personenschützer das Umfeld gesichert. Auf ihr Signal hin trat der Bundeskanzler über den Gartenweg hinaus auf die Straße und reichte den Polizisten zwei Tassen in ihr Fahrzeug; das dampfende Frucht-Zimt-Gebräu, ein Familienrezept seiner Großmutter, sorgte sofort für Beschlag auf der Windschutzscheibe. Einen Teller mit Weihnachtsgebäck hatte er auch noch dabei, balancierte ihn hinterher in das Fahrzeuginnere hinein. Der Kanzler wusste, dass seine Frau, und auch sein Personal, sich normalerweise um diese Menschen kümmerten. Für die zwei Personenschützer vom Bundeskriminalamt, die rund um die Uhr im Haus warteten, und sich regelmäßig mit ihren zwei Kollegen abwechselten, die draußen im Garten postiert waren, war längst ein eigener Raum eingerichtet worden, in dem Essen und Trinken bereitstand. Heute auch der Familien-Punsch.

Die beiden Beamten im Auto, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und ihr Kollege, bärtig – Migrationshintergrund, erfasste der Kanzler -, dankten ihm artig.

Was machen Ihre Familien heute?“, mühte sich der Kanzler um Interesse. Er wollte es wirklich wissen, das waren Menschen, die ihre Zeit für ihn aufbrachten. Aber er war müde. Und gleich würde auch noch ein Fotograf kommen. Er zwang sich zur Aufmerksamkeit.

Sie hätte sich freiwillig angeboten, heute an Heiligabend Dienst zu schieben, sagte die junge Frau, sie sei noch ohne eigene Kinder, die Kollegen mit Familie hätten Vorrang.

„Ohnehin nicht mein Fest“, murmelte ihr Kollege und wich dem Blick des Kanzlers aus, wendete sich ihm dann aber zu, und ergänzte: „… aber Danke für Ihr Interesse, Herr Bundeskanzler.“

„Nein, ich danke Ihnen sehr“, sagte der Kanzler, bot einen Handschlag an,  wobei er beim Griff nach der ausgestreckten Hand der jungen Frau, die von ihm entfernt am Steuer saß, sehr darauf achtete, nicht versehentlich ihrem Kollegen die heiße Punschtasse über die Uniform zu kippen.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler, und die beiden wiederholen: „Frohe Weihnachten, Herr Bundeskanzler.“

Der Kanzler kehrte in sein Haus zurück. Er wartete, bis die Personenschützer die Tür hinter ihm geschlossen hatten und gab dann auch ihnen die Hand. „Sie sind versorgt?“, fragte er, wobei er wusste, dass er darauf keine Antwort brauchte. Sie sind versorgt, und so bestätigten sie es ihm auch.

„Da kommt gleich noch ein Fotograf vom Bundespresseamt,“ sagte der  ältere der beiden Schwarzgekleideten, „so stehts im Plan.“

Der Kanzler unterdrückte ein Gähnen. „Ja, stimmt, ich weiß.“

 

Der Kanzler betrat er sein Wohnzimmer, ein Raum mit vielen Büchern und einer breiten Fensterfront in den Garten, vor der nun der raumhohe Weihnachtsbaum stand, geschmückt ganz nach seinem Geschmack – schlicht, aber vornehm, nur Glas und Holz. Die Holzschnitzereien am Baum und auch die Krippenfiguren darunter stammten aus dem Erzgebirge; er hatte sie bei einem seiner ersten Besuche dort nach der Wende vor Jahren selbst gekauft. Eine Polstergruppe bot Platz für die große Familie, die sich nachher hier versammeln würde. Fünfzehn Leute. Der Kanzler liebte Familien, und seine eigene Familie – drei Kinder mit Ehepartnern, sieben Enkelkinder – liebte er ganz besonders.

Die Scheiben aller Fenster im Haus waren im letzten Frühjahr gegen Sicherheitsglas getauscht worden. Während der Kanzler den Blick durch das jetzt noch menschenleere Wohnzimmer streifen ließ, fiel ihm ein, wieviel Dreck und Staub der Tausch der Fenster damals verursacht hatte. Seine Frau hatte sich darum gekümmert. Aber es hatte sich gelohnt. Vor einem Jahr an Weihnachten, da war er noch nicht Kanzler, aber schon Kandidat, waren noch die alten Gläser drin, und deshalb musste immer Sicherheitspersonal vor dem Fenster stehen. Tag und Nacht. Jetzt war hier keiner mehr. Wir können Veränderung, wenn wir es nur wollen, stammelte er vor sich hin, verbot sich aber schon im nächsten Moment selbst solche Gedanken. Keine Politik jetzt, nicht heute, nicht an Heiligabend. Im Haus war es still. Die drei Kinder mit ihren Familien waren bereits eingetroffen, er hatte sie zusammen mit seiner Frau selbst in Empfang genommen. Jetzt richteten sie sich in ihren Zimmern ein, irgendwo über ihm. Noch war er im Dienst, seine Familie würde später zu ihrem Recht kommen.

Der Kanzler trat an den Baum, betrachtete lange die Krippe, die auf einem niedrigen Hocker direkt vor dem grünen Geäst stand. Dann ordnete er einige Figuren anders an, schob hier einen Hirten, den er besonders schön fand, in den Vordergrund und dort ein hölzernes Schäfchen weiter nach hinten. Kopfschüttelnd nahm er die drei Figuren der Könige „aus dem Morgenland“ (unzulässiger Begriff, dachte er sich) einschließlich ihrer Kamele heraus. Wer hat die denn hier hingestellt, das ist zu früh, die kommen erst Anfang Januar. War schon immer so. Die Könige erst an Dreikönig. Er steckte die Figuren in die oberste Schublade der Eichenholz-Schrankwand. Auch die Kamele mussten sich dort schlafen legen.

Es klopfte und der Personenschützer blickte durch den Türspalt. „Der Fotograf ist da“, sagte er. „Ja klar, soll reinkommen“, antwortete der Kanzler. Sein letzter Termin heute. Morgen keine Termine. Am zweiten Feiertag wieder nach Berlin.

 

(2)

Drei Stunden später war der Kanzler umtobt von seiner Familie. Es hatte das traditionelle Essen gegeben, dann waren die Enkelkinder in das Wohnzimmer gestürmt, hatten sich artig vor dem Baum versammelt und auf das Signal gewartet, sich den Geschenken widmen zu dürfen. Aber erst las der Großvater das berühmte Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte vor, die Älteren kannten es natürlich längst. Seine älteste Tochter beobachtete er dabei, wie sie den Text lautlos mit den Lippen mitsprach – „Es begab sich aber zu der Zeit …“- und er bestand auch darauf, dass zunächst gesungen wird. Wenigstens ein Lied. „Macht hoch die Tür …“ sang der willige Teil des Familienchors, und der Kanzler sang textsicher mit.

Heute Wein, sonst verbot er sich Alkohol, Der Kanzler nippte am Glas, und mühte sich redlich, Interesse aufzubringen für den familiären Tumult um ihn herum. Hier die Eisenbahn, dort der neue Pokémon-Pullover, da die blonde Barbie. Der Kanzler, der jetzt hier nur ein Großvater war, er nickte und staunte, er fragte und hörte zu.

Deshalb hier, ging ihm durch den Kopf, wegen dieser Kinder, wegen Millionen anderer Kinder, die jetzt gerade Geschenke auspacken, deshalb mache ich das alles. Wieder wollte er sich das Abschweifen in die Politik verbieten, aber diesmal, da alle anderen abgelenkt waren, gelang es ihm nicht. Die letzten Stunden, Tage, Wochen krochen in ihm hoch. Die Sorge um den Frieden, um den Wohlstand, die kleinkarierten Kämpfe, die zahllosen Termine, die Verantwortung. Das Unfassbare, das Scheue der Macht. Die ständige Gefahr zu scheitern. Die Welt, die sich um ihn drehte. Und dann doch wieder nicht. Die allumfassende Böswilligkeit, die ihn umgab, und von der er wusste, dass ihn nur ein Bruchteil des ganzen Hasses, der ganzen Abwertung und Niedertracht erreichte. Aus gutem Grund. Immerhin, es gab auch andere Stimmen.

Der Kanzler rutschte sich im Sessel in eine aufrechtere Position. Er rief sich zurück in die Gegenwart. Die Enkel waren von ihren Geschenken gefangen genommen, seine Kinder und ihre Mutter unterhielten sich, wenn sie nicht damit beschäftigt waren, Ordnung in den Kindertumult zu bringen. Niemand kümmerte sich um ihn. Der Kanzler hatte frei.

Frei, jetzt mal frei. Er schloss die Augen; nur ganz kurz.

 

„Du solltest Dich hinlegen“, flüsterte seine Frau dem Kanzler ins Ohr. Er schreckte auf. Wie lange hatte er hier geschlafen? „Wo sind die Kinder?“, fragte er, richtete sich auf und wusste doch die Antwort selbst. „Die sind auch schon ins Bett“, hörte er.

Der Kanzler schlurfte betäubt ins Schlafzimmer, nahm noch wahr, wie seine Frau neben ihm das Nachttischlicht löschte – auch seines. Den üblichen letzten Blick auf das Display verweigerte er. Heute nicht. Jetzt nicht mehr. Es ist Weihnachten.

 

(3)

Es war noch dunkel, als sein Telefon brummte. Der Kanzler schreckte hoch. Seit er im Amt war, hatte es nur wenige Nächte gegeben, in denen es nicht gebrummt hatte, aber für diese Nacht hatte er nicht damit gerechnet. Er blickte sich um, seine Frau schief. Er griff zum Telefon, stahl sich aus dem Bett und ging in das Nebenzimmer, das ihm in diesem Haus als Arbeitsraum diente. Sie hatten extra eine Tür eingebaut, damit er auf kürzestem Wege vom Bett dorthin gehen konnte, wenn es nötig war.

Es war der Kanzleramtschef.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Kanzler. „Ebenfalls“, hörte er, und dann die Frage: „Schönen Abend gehabt?“

„Ich weiß nicht so viel davon, ich bin eingeschlafen.“

„Oh, ja, um so mehr, sorry für die Störung …“ Der Kanzler nickte und brummte ein wenig, und alle, die ihm kannten, wussten, dass dies bedeutete, man solle sich nicht mit seiner Befindlichkeit aufhalten. Er hatte ein Amt, das keine Befindlichkeiten erlaubte.

„Der saudische Kronprinz will Dich sprechen.“

„Heute? Jetzt?“

„Ja jetzt. Er will helfen.“

„Bei was?“

„Es geht um die Affäre, die Du ausgelöst hast. Also, eigentlich ist das Presseamt verantwortlich, denen hätte es auffallen müssen. Ist es aber nicht, schon wieder eine Panne. Jedenfalls bittet der Außenminister dringend darum, dass Du dem Wunsch nach einem Telefonat mit dem Saudi nachkommst. Um größeren Schaden abzuwenden.“

„Was für eine Affäre? Ich verstehe überhaupt nichts.“

„Hast Du nicht auf Dein Handy geschaut? Es geht um den Krippen-Post, den wir gestern online gestellt hatten. Ist inzwischen schon gelöscht, aber das hilft natürlich nichts, macht es vielleicht sogar eher schlimmer.  Längst stehen Screenshots im Netz. Das kocht gerade hoch, vor allem in den muslimischen Ländern, aber auch bei uns.“

„Krippen-Post?“

„Ja, auf Deinen Kanälen haben wir gestern Nachmittag das Bild mit Dir und Deiner Krippe zuhause veröffentlicht. Mit Weihnachtswünschen und so. Wir wollten das christliche Profil stärken, darüber hatten wir doch gesprochen.“

Der Kanzler nickte. „Ja und?“

„Das Presseamt hat nicht aufgepasst. Es gab schon ein Foto von Eurer Krippe, das war schon vor drei Tagen gemacht worden. Damals mit dem Fokus auf die Schnitzarbeiten aus dem Erzgebirge. Also so nach dem Motto: Der Kanzler hat Krippenfiguren aus dem Osten. Kann ja nicht schaden, da etwas für Dein Image zu tun, wegen der Landtagswahlen, weißt schon. Das lief damals alles, ohne Dich zu belästigen. Du warst da noch in Brüssel. Die Krippe bei Euch war aufgebaut worden, es wurden Fotos gemacht, und dann ging es eben rum mit dem Motto: Der Kanzler hat eine Krippe aus dem Erzgebirge.“

„Ja, ok, von mir aus. Aber was ist jetzt das Problem?“

„Auf diesem ersten Foto sind die drei Könige, auf dem von gestern nicht mehr.“

„Und das ist ein Problem?“

„Für die islamische Welt schon. Sie sprechen von einer gezielten Entfernung der arabischen Welt aus unserem christlichen Weltbild. In der Türkei, im Iran, in den Emiraten, in Jemen, und auch bei uns in der muslimischen Community tobt schon ein solcher Diskurs. Hierzulande machen die Linken auch schon mit, sie sagen, dass Du gezielt den ganzen globalen Süden aus Deiner Krippe gecancelt hast.“

„So ein Quatsch!“ Der Kanzler ordnete seine Gedanken. „Völliger Blödsinn. Es ist doch aus heutiger Sicht eher problematisch, dass drei Erdteile dem christlichen Jesuskind huldigen, damit müssen die doch eher ein Problem haben. Und nicht damit, dass ich die weggestellt habe, weil es zu früh ist.“

Er stellte sich vor, wie sein Minister jetzt gerade mitleidig grinste.

„Von den Grünen und der SPD haben wir noch nichts gehört. Ich fürchte, morgen springt die AfD drauf. Natürlich zustimmend, weg mit den fremden Königen und so weiter. Beifall von der falschen Seite.“

Nach einer kurzen Pause sprach der Minister weiter: „Und Du weißt ja nie, was dann folgt, auch aus unseren eigenen Reihen. Söder, Kretschmer und so weiter, nicht dass sich da auch noch einer findet, der Dir mangelnde Bibelfestigkeit vorwirft. Die lassen doch keine Chance aus.“

„Aber das ist doch Unsinn!“, protestierte der Kanzler noch einmal. „Das war doch immer so, dass die Könige erst im neuen Jahr dazugestellt wurden, … also, da muss man doch nur die Bibel lesen.“

„Zu spät. Keine Zeit für irgendwelche Differenzierungen. Die beiden Bilder nebeneinander wirken so, als hätte man da absichtlich Afrika und den Orient – also Asien – weggenommen, und Europa gleich mit. Die islamische Welt hat heute keinen Feiertag, und in Riad ist es schon fast neun Uhr. In ein paar Stunden wachen auch bei uns die Muslime auf. Die haben einfach nur frei, und deshalb jede Menge Zeit, sich aufzuregen.“

Der Kanzler sagte nichts.

„Wir müssen handeln,“ drängte der Minister, „bevor die Amerikaner, Musk und Vance, schlimmstenfalls Trump, draufspringen. Die schlafen noch. Oder willst Du das lesen: Schluss mit Migration, endlich hat´s auch der deutsche Kanzler kapiert. Deshalb wäre es wichtig, dass sich vorher der saudische Kronprinz unterstützend positioniert.“

„Oh Gott.“

„Aber Du weißt: Der Kronprinz will, dass wir ihm Taurus-Raketen verkaufen.“

„Ich weiß!“ – der Kanzler dämpfte seinen Ton, um seine Frau im Nebenzimmer nicht aufzuwecken – „aber das machen wir doch nicht. das haben wir doch schon tausendmal geklärt.“

„Ja, aber er gibt eben nicht auf. Er bietet an, mildernd einzuwirken auf seine Nachbarn und Dich für die Öffentlichkeit in Schutz zu nehmen.“

Der Kanzler schnaufte vernehmlich. „Brauche ich das? Von diesem zwielichtigen Mörder?“

„Deine Entscheidung. Auswärtiges Amt und der Pressesprecher raten dazu.“ Der Minister machte eine Denkpause. „Und ich auch.“

 

Das Gespräch mit dem Kronprinz konnte der Kanzler auf Englisch führen. Es war kein Dolmetscher erforderlich. Auf beiden Seiten hörten jeweils zwei Protokollierende mit. Der Kanzler dankte dem Kronprinz für seine Bereitschaft, der von ihm nicht beabsichtigten Empörung in der muslimischen Welt entgegenzutreten. Er werde diese wichtige und ausgleichende Rolle, die der Kronprinz und sein Land einnähmen, berücksichtigen bei den nächsten Verhandlungen über Waffenexporte, ohne dass er irgendetwas versprechen könne. Aber wenn es um Energieimporte, den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Annäherung an eine Lösung in der  Palästinenserfrage gehe, stehe Deutschland ohne Vorbehalte zu einer engen Kooperation bereit. Der Kronprinz dankte und lud den Kanzler zu einem Besuch im neuen Jahr nach Saudi-Arabien ein.

 

(4)

Nach dem Telefonat war an Schlaf nicht mehr zu denken. Der Kanzler betrat sein Wohnzimmer. Gerade ging die Sonne irgendwo hinter den Bäumen auf, noch war es mehr ein rotes Dämmern als helles Licht. Morgenland, dachte der Kanzler. Auf dem Rasen lag schimmernder Nebel. Was für ein Wetter, und das am ersten Weihnachtsfeiertag. Kein Schnee, keine Kälte.

Es war kühl im Raum. Die Geschenkpapiere stapelten sich in den Ecken, die Geschenke lagen halbwegs sortiert unter dem Baum. Plätzchenteller und Gläser vom Abend standen noch auf dem Tisch. Niemand zu sehen. Kein Mucks im Haus. Ob die Security wohl schläft? Der Kanzler nahm sich vor, später vorbeizuschauen.

Ganz langsam wuchs vor den schusssicheren Fensterscheiben das Sonnenlicht auf. Noch einmal blickte der Kanzler hinaus. Da stand ein Reh im Gras, überragte die Nebelschicht. Das schöne Tier schien ihn anzublicken, zu fixieren, fremd, unverwandt, starr. Das kann mich doch gar nicht sehen, überlegte der Kanzler, aber als er sich bewegte, stob das Reh mit einem Satz davon.

Er ging zum Schrank, öffnete die Schublade und holte die drei Könige und ihre Kamele heraus. Er stellte sie an ihren Platz zurück. Später würde jemand vom Bundespresseamt kommen und ein neues Foto machen.

Was für eine Welt, schüttelte der Kanzler den Kopf.

 

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Ich werde Ihnen zuhören, Herr Merz

Ein offener Brief an den neuen Bundeskanzler

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

gewählt habe ich Sie nicht, aber nun sind Sie trotzdem mein Bundeskanzler. Ja: „mein“ Kanzler. Denn ich habe mir vorgenommen, Ihnen mit dem Respekt zu begegnen, den das Amt, das Sie ausfüllen, verdient. Und erst recht habe ich Respekt vor der Größe der Aufgabe und Verantwortung, die nun auf Ihnen lastet. Ich danke Ihnen dafür, dass sie auch für mich diese Last tragen werden. Ich bin überzeugt, dass Sie „das Beste“ für mich wollen, auch wenn wir vielleicht streiten müssten, was genau „das Beste“ ist.

Friedrich Merz auf der Mission ins Kanzleramt – Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Ich bitte Sie um nichts, was nur meinen Interessen dient. Ich bin kein Lobbyist für mich selbst. Ich erwarte keine Steuersenkungen und keine Rentenerhöhungen und auch keine anderen Wohltaten zu meinem Vorteil. Ich wünsche mir von Ihnen das, was sich alle wünschen, die guten Willens sind: Sicherheit für dieses Land durch Besonnenheit und kluge Diplomatie, aber auch in angemessener Wehrhaftigkeit. Den Wohlstand erhalten, in dem der größte Teil meiner Mitmenschen, wie ich selbst auch, leben. Dabei dürfen wir nicht weiter die begrenzten, natürlichen Ressourcen vernichten. Dass die Kinder gerne in eine intakte Schule gehen, die Straßen nicht voller Schlaglöcher oder gesperrt sind wegen der maroden Brücken. Dass die Bahn pünktlicher wird. Dass wir uns auf eine integre Polizei und eine unabhängige Justiz verlassen können. Dass wir als Gesellschaft das Ziel der sozialen Gerechtigkeit nicht aus den Augen verlieren, dass wir stets im Blick behalten, wo Not ist und wie wir sie lindern können.

Das alles wünsche ich mir wie Millionen andere, und ich zweifle nicht daran, dass Sie, sehr geehrter Herr Merz, sich genau das vorgenommen haben.

Ich möchte Sie zur Demut ermutigen

Aber ich möchte Sie zur Demut ermutigen. Ich möchte Sie darum bitten – und sei es nur für sich selbst und nicht öffentlich -, sich einzugestehen, dass es ein fraglicher Impuls war, als sie wenige Tage vor der Wahl Ihre Rhetorik gegen Geflüchtete mithilfe fraglicher Behauptungen verschärften („tägliche Gruppenvergewaltigungen“). Dass es unklug war, sich in dieser Sache von rechtsradikalen Demokratiefeinden unterstützen zu lassen. Dass Sie sich nun vornehmen, in Ihrem neuen Amt sich solche zuspitzende Impulsivität nicht mehr zu genehmigen.

Ich möchte Ihnen Mut zusprechen, den Verlockungen der scheinbar einfachen Wahrheiten entgegenzutreten. Politik ist kein Lieferdienst, daher muss sie nicht „endlich liefern“, wie derzeit alle von Ihnen fordern, sondern besonnen und entschlossen handeln. Ich brauche auch gar keinen „Politikwechsel“, sondern verlässliches, nachvollziehbares Regieren im Diskurs, aber ohne verletzenden Streit.

Sie sind Christ, wie ich.

Ganz gewiss werden Sie politische Entscheidungen treffen müssen, die ich inhaltlich kritisieren werde. Ich würde mir wünschen, dass Sie dann so viel an Bedächtigkeit zeigen, passende Worte der Abwägung finden, so dass ich Ihre Entscheidung vielleicht wenigsten verstehen, wenn auch nicht billigen kann.

Sie sind Christ, wie ich. Ich möchte Ihr Sprechen daran messen können. Wenn ich Ihnen künftig zuhören werde, dann hoffe ich auf Worte, die jederzeit dem Ideal einer unteilbaren Menschenwürde gerecht werden. Dem grundlegenden Verständnis für jeden Menschen in Not, egal welcher Rasse, Glaube oder Herkunft er sei. Der immerwährenden Achtung vor der Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Nach allem, was ich über Sie und von Ihnen gehört und gelesen habe, bin ich sicher, dass Sie in reflektierten Momenten genau so denken. Und ich verstehe durchaus, dass ich Ihr politisches Handeln nicht immer nur an diesem Maßstab werde messen dürfen. Denn Sie müssen nun die Interessen Deutschlands in einer Welt und Wirklichkeit vertreten, die sich nicht ausschließlich an den Grundwerten der UN-Charta oder unseres Grundgesetzes orientiert. Ich weiß das.

Aber Ihre Worte, sehr geehrter Herr Merz, – Ihre Worte sollten es sein. In diesem Sinne vertraue ich Ihnen. Vielleicht bin ich naiv, aber ich werde aufmerksam sein. Nehmen Sie sich in Acht. Ich werde Ihnen zuhören.

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!

Ihr Andreas Vogt

aktualisiert am 6. Mai 2025

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier – auch zwei weitere Texte über Friedrich Merz aus der Wahlkampf-Phase: Friedrich, der Zaubergeselle und Trump, Merz und der Fosbury-Flop

 

Die Fünfe gerade kleben lassen?

Über Gelassenheit und den Sand im Getriebe

So eine Spielstraße hat ein wechselvolles Leben. Vor vielen Jahren waren alle Häuser neu und die Straße war voller Kinder, tobend, tanzend, seilhüpfend beherrschten sie den damals noch frisch getrockneten Asphalt. Wenn ein Paket gebracht wurde, war das ein seltenes Ereignis, und es kam in einem gelben Postauto, das vorsichtig zwischen den spielenden Kindern hindurch schlich. Ist ja eine Spielstraße.

Kein Rechtsbruch: Diese fünf Finger kleben nicht auf dem Asphalt, und sie sind gerade – ein Signal für friedliches Miteinander.
Ein Rechtsbruch: Es ist verboten, Zigarettenkippen auf die Straße zu werfen. Trotzdem geschieht es täglich. Ein Fall für „Fünfe gerade sein lassen“?

Dann wuchsen die Kinder wie auch die Büsche und Bäume. Bald waren sie groß genug, um den Jugendlichen, die hier mal als Kinder herumsprangen, Schatten zu spenden für ihre Treffen, für die ersten heimlichen Zigaretten, den billigen Fusel und die Chipstüten aus dem Supermarkt. Dann zerstreuten sich die Jugendlichen in alle Welt und niemand spielte mehr auf der Spielstraße. Die Autos eroberten sie sich zurück, darunter auch die verschiedenen bunten, nicht mehr nur gelben Transporter.

Inzwischen sind neue Familien eingezogen und warten auf ihre vielen Pakete. Hurtig brettern die getriebenen Fahrer durch die Spielstraße. Nun sind da aber auch wieder Kinder, die Fangen spielen oder Fußball und Seiltanzen. Hier nur Schrittgeschwindigkeit!, mahnen besorgte Eltern. Da staunt der Lieferant: Ach, sagt er, wissen Sie, wie viele Pakete ich noch zu liefern habe? Man muss auch mal fünfe gerade sein lassen. Ist ja noch nichts passiert.

Ist ja noch nichts passiert

An der Ecke, neben seiner Stammkneipe, steht der rauchende Rentner, der da immer steht. Früher, sagt er, früher hab´ ich da nicht so drauf geachtet. Wenn die Zigarette zu Ende war, dann hab´ ich die Kippen einfach auf den Boden geworfen. Kennt jeder: Kippen auf der Straße. Oder vor einem fährt ein Auto, und aus dem Fenster fliegt der noch glühende Zigarettenstummel.

Streng genommen wär´s verboten

Streng genommen, ergibt die Internet-Recherche, ist das eigentlich verboten. Rücksichtslos und gefährlich ist es auch, Kippen sind umweltschädlich, giftig, gefährden die Gesundheit vor allem von Kindern, und können Brände auslösen. Trotzdem liegen Milliarden Zigarettenstummel auf unseren Straßen und Wegen.

Früher hab´ ich gedacht, sagt der rauchende Rentner, was kümmert mich das? Muss man mal fünfe gerade sein lassen. Aber jetzt, sagt er, mach ich das nicht mehr. Er zieht eine kleine Metallschachtel aus der Hosentasche.

Bringt Gelassenheit Deutschland nach vorne?

So ein Döschen hat Bundeskanzler Olaf Scholz sinnbildlich den Deutschen verordnet, als er im Rahmen seiner Sommerpressekonferenz vor wenigen Tagen mehr Gelassenheit empfohlen hat. Es brauche mehr Kompromisse, in der Politik und auch in unserem gesellschaftlichen Diskurs. „Kompromisse finden und Fünfe gerade sein lassen, das bringt Deutschland nach vorne.“

Der Redewendung von den geraden Fünfen ist nicht etwa ein Plädoyer für weniger Genauigkeit in der Mathematik, sondern stammt aus dem Mittelalter und bedeutete: Wer „die Fünfe gerade sein lässt“, der ballt die fünf Finger seiner Hand nicht zur Faust. Dies konnte als Friedenssignal gedeutet werden, denn wenn es anders war, drohte Gewalt.

Also kein Faustschlag in das Gesicht der Raucher, die ihre Kippen einfach fallen lassen, keine Handgreiflichkeiten gegen den eiligen Paketboten. Der Kompromiss lautet: Dein Verhalten ist ist grenzwertig, aber ich toleriere es, es ist keiner Gewalt würdig.

Der Sand im Getriebe fordert Gelassenheit

Solche Gelassenheit könnte auch das Motto sein im Umgang mit denjenigen, die ihre Fünfe auf den Asphalt kleben, um auf einen unbestreitbaren Missstand hinzuweisen. Immerhin ist diese Aktionsform ein Musterbeispiel für gewaltfreien Widerstand im Sinne der Redewendung: Wenn die Finger mal kleben, dann wird es ganz sicher erstmal nichts mit einer Faust.

Der Kanzler hat die Klimakleber bei anderem Anlass einmal als „bekloppt“ bezeichnet. Das darf man so sehen, wenn man möchte, aber sein Motto von der Gelassenheit und dem „Fünfe gerade sein lassen“ passt doch gut auch auf viele Situation, die von den festgeklebten Blockaden verursacht werden. Schon blöd, dass viele dann nicht weiterfahren können, manche Pakete die Spielstraße nicht pünktlich erreichen, der Tagesplan durcheinandergerät. Auch die Straßenreinigung bleibt stecken, die sich um die Kippen kümmert. Es ist der Sand im Getriebe des Alltags, der Gelassenheit erfordert. Der Ärger darüber ist gut zu verstehen, so wie Ärger über einen Bahnstreik, oder den Selbstmörder, der den Zug aufhält, oder die Kita-Schließung wegen Personalausfällen.

Nein, nein, wird da nun schnell jemand rufen, das ist ja ganz etwas anderes! Der Streik ist legitim, und der Krankenstand der Erzieher auch, aber den Verkehr behindern, das ist doch ein Rechtsbruch! Das ist kein Fall für Gelassenheit, sondern für die ganze Unerbittlichkeit des Rechtsstaates!

Mag sein, nur gilt das auch für die weggeworfenen Zigarettenkippen und das flinke Tempo in der Spielstraße. Die Faust zu ballen, wird in allen diesen Situationen wenig helfen.

 

Über die Entstehung der Redewendung „Die Fünfe gerade sein lassen“ kann man z.B. hier mehr erfahren: https://www.abendblatt.de/region/stormarn/article205497179/Warum-kann-man-fuenf-gerade-sein-lassen.html

Die Sommerpressekonferenz von Bundeskanzler Olaf Scholz gibt’s nachzuerleben bei Phoenix via YouTube:  https://www.youtube.com/live/ft4HZittxKk?feature=share

 

 

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