Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 301 Seiten
ausgelesen am 16.2.2026
In großer Begeisterung hatte ich mir vor Weihnachten das Buch von Ulrich Tukur gekauft, einmal als Geschenk für eine liebe Bekannte, die meine Begeisterung für Tukur teilt, einmal für mich. Ja, und dann fand ich das Cover und die Optik des Buches einfach schön, und das ist sie natürlich noch immer.
Mit der Lektüre habe ich mich dann schon schwerer getan. Eine Geschichte, die in der Zukunft und Vergangenheit spielt, in Stuttgart, Paris und Südfrankreich, die ins Mystische abgleitet und doch reale Geschichtsbezüge aufweist. Welch‘ ein Entwurf der Handlung, die ich hier nicht detailliert wiedergeben möchte, um niemandem Inhalte vorzugreifen. Doch über weite Strecken wechseln ständig die Blick- und Erzählwinkel des Erzählers, so wie Personen (mit leider oft ähnlichem Namen) die Rollen wechseln, und das in steter Folge. Fazit: ich bin innerlich immer wieder ausgestiegen, habe den Faden verloren, war mir unsicher, welche Person erlebt hier was. Vielleicht war diese Melange auch gewünscht, denn sind wir nicht die Guten, in denen auch immer das Böse schlummert? Ich finde das Buch dennoch lesenswert, und das Buch ist anders, als man es aufgrund des Klappentextes sich vorzustellen vermag.
Leseempfehlung: für Tukur – Fans, für Literaturjunkies, für Leser:innen, die gerne auch Ungewöhnliches versuchen wollen
Die Seerose im Speisesaal von Ulrich Tukur, erschienen bei S. Fischer, 246 Seiten
ausgelesen am 20.02.2026
Noch einmal Ulrich Tukur. Zwischen der Lektüre des letzten und diesem Buch liegen nur wenige Tage, v.a. aber eine Lesung mit Ulrich Tukur im Mozartsaal in Stuttgart. „Eine Nacht in Venedig“ – Texte, Lieder, Akkordeon. Tukur hat 20 Jahre mit seiner Frau in Venedig gelebt, spricht die Sprache und das italienische Leben.
Die an diesem Abend vorgetragenen Geschichten waren unterhaltsam, machten neugierig, stets an der Grenze zwischen „Ist das wirklich so passiert oder ist es Fantasie?“ Die wunderbaren Schwarzweiß-Bilder aus Venedig, die Melodien, die das rote Akkordeon und Tukurs Stimme in den Saal trugen, sie halfen mir zu einer Reise ans Mittelmeer, und ich schmeckte den Rotwein, genoss den Duft des Espresso und hörte das Plätschern des Wassers in der Lagune. Zuhause angekommen, war Lektüre Pflicht.
Und wenn ich vielleicht bei dem Roman „Der Ursprung der Welt“ etwas verhalten war, empfehle ich die venezianischen Geschichten. Die Sprache pointierter und doch fantasievoll, authentisch. Was Tukur beim Roman vielleicht nicht so richtig gelungen ist, in den Geschichten ist es vollendet.
Leseempfehlung: für Tukur Fans – für Venedigliebhaber:innen – für italophile Dolce vita Genießer:innen – für alle, die Literatur spannend finden….und nebenbei ein Glas guten Rotwein trinken
Die Spieluhr, eine Novelle von Ulrich Tukur, erschienen 2013 bei Ullstein, 151 Seiten
ausgelesen am 17.03.2026
Und noch ein dritter Tukur, vermutlich das schönste der drei Bücher! In der Novelle Die Spieluhr entfaltet Tukur wieder seine wirrende Technik des Wandels zwischen den Zeiten, wieder die Vermischung zwischen der Geschichte des letzten, vorletzten Jahrhunderts und dem Heute, diesmal offiziell unter der Fahne einer Verfilmung; wieder geht es um Frankreich und Deutschland. Der Film Séraphine von 2008 erzählt einen Ausschnitt des Lebens der französischen Künstlerin Séraphine de Senlis, einer der wichtigsten Vertreterinnen naiver Kunst in Frankreich. Im Film spielt Ulrich Tukur in der männlichen Hauptrolle, nämlich die des Kunstsammlers Wilhelm Uhde, der in seiner Zugehfrau das Talent als Künstlerin entdeckt. Das Drehbuch und die Dreharbeiten haben Tukur wohl zu diesem Büchlein inspiriert, doch wie schon davor in seinen Werken, lässt mich die Lektüre tendenziell etwas verwirrt zurück, und so manches Mal hatte ich beim Lesen Probleme mit der Zuordnung der Personen und Zeiten. Aber vielleicht ist es nicht wichtig, es ist eine mystische Erzählung mit wahrem Kern.
Ganz besonders erwähnen möchte ich aber das Cover. Leinen, mit Golddruck.
Alle drei Bücher von Ulrich Tukur zeichnen sich durch besondere Cover aus, weil Tukur laut Recherche großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtkunstwerk legt. Sein Anspruch ist es wohl, dass Einband, Papier, Schrift und Sprache eine harmonische Einheit bilden. So wirken die Cover retrospektiv, wie ihr Inhalt, ja, er greift sogar häufig den literarischen Stil der letzten Jahrhunderte auf. Allein das schon ein Alleinstellungsmerkmal.
Leseempfehlung: für alle Tukur Fans; für Menschen, die literarisch auch die Nicht-Klassiker lesen und Besonderes entdecken wollen; für VerehrerInnen in Referenz für Séraphine und die naive Kunst Frankreichs; für Liebhaber:innen schöner und sinnlicher Buchgestaltung
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