Waffen und Gewissen – Eine Selbstkritik

E-Mails gab es noch nicht. Also war die Einladung mit der Post gekommen. Billiges Papier, ein grauer, grobfaseriger Briefbogen. Ein Vordruck, die Leerstellen ausgefüllt mit Schreibmaschine.

Der Raum: Eine Amtsstube, Resopaltische, an der Wand ein Foto von Walter Scheel, ein Gummibaum. Graustichige Gardinen an den Fenstern.

Der Prüfling saß alleine an einem Tisch; ihm gegenüber die Kommission: drei ältere Herren, freundlich, graue Haare, graue Anzüge, schlechtsitzende Krawatten. An einem eigenen Tisch rechts daneben: eine Dame mit Hochsteckfrisur, erwartungsvoller Blick über die Schreibmaschine.

Der Gegenstand der Verhandlung: Eine Gewissenprüfung.

Zwei Zeitenwenden sind seither vergangen

Zwei „Zeitenwenden“ sind seither vergangen. Die eine, Herbst 1989, die wir erlebten, als wir mit Tränen in den Augen vor dem gewölbten Bildschirm unseres Röhrenfernsehers hockten. Angespannt und ungläubig starrten wir die verschwommenen Bilder von Menschen an, die auf der Berliner Mauer tanzten, die mit jubelnd-suchendem Blick hindurchtraten durch die wilde, unerwartete Lücke der Geschichte, die hinaustraten in die verheißungsvolle Welt westlich des Brandenburger Tores.

Und dann die andere, Februar 2022: Jetzt sind die Bilder gestochen scharf und sie rühren uns nicht nur an, sie machen Angst. Es sind Bilder eines brutalen Überfalls mitten in Europa, von brennenden Wohnhäusern, von Menschen im fragilen Schutz der Metrostationen, weinend, verzweifelt, ihrer Existenz beraubt und um ihr blankes Leben fürchtend, auf der Flucht. Wir spüren: Das könnten auch unsere Wohnhäuser sein, unsere U-Bahn, unsere Existenz, unser Leben.

Naiv-pazifistische Überzeugung, Angst und Feigheit

Zurück in die Amtsstube von 1977. Der Prüfling wollte nicht zum „Bund“. Es war eine diffuse Mischung, die da zusammenkam. Naiv-pazifistische Überzeugung, aber auch schlotternde Angst vor dem legendär gefürchteten Gebrüll der Grundausbilder, die im Ruf sadistischer Wesenszüge standen.  Und bange Feigheit vor der alkoholgeschwängerten Stubenkultur jener Rekruten, die gegen jedes Monatsende an den Bahnhöfen ohrenbetäubend lärmten und randalierten; an deren aggressivem Glück der wiedergewonnenen Freiheit nach ihrer Entlassung aus dem Wehrdienst er sich besser unauffällig vorbeidrückte.

Als es noch eine Wehrpflicht gab, erhielt jeder junge Mann in der Bundesrepublik einen Wehrpass. Wer nicht zur Bundeswehr wollte, musste zur Gewissensprüfung.

Dem unsportlich-schmächtigen Jugendlichen voller pubertärer Verklemmung und intellektuellem Hochmut schwante nichts Gutes, wenn er sich mit dieser Sorte Gleichaltriger einen Raum mit Stockbetten und Spinden teilen sollte. Die da am Bahnhof, die waren gleichen Schlages wie jene, die dem Grundschüler schon auf dem Schulweg aufgelauert hatten. Das waren die gleichen grobschlächtigen Rabauken, die plötzlich herausgekrochen kamen aus dem schützenden Gebüsch, sich ihrem schwächlichen Opfer in den Weg stellten, voller Vorfreude auf das angebliche Recht des Stärkeren. Sie nahmen den Mitschüler in den „Schwitzkasten“, rissen an seinem Ranzen, zerstreuten den Inhalt auf das staubige Trottoir, verhöhnten seine Tränen. Dorthin wollte er nicht zurück.

Keine Stechmücke töten?

Dann also lieber die Gewissensprüfung. Immerhin, das war sein Terrain. Ganz sicher war sich der Prüfling gewesen in seiner Argumentation: „Ich kann wirklich keiner Fliege etwas tun“, soll er gesagt haben, „auch eine Stechmücke kann ich nicht erschlagen, wenn sie noch so heftig sticht.“ So steht es geschrieben im Schreibmaschinen-getippten Protokoll auf hauchdünn durchscheinendem Durchschlagpapier. „Wenn wir uns in einem gedachten Ernstfall nicht verteidigen“, habe er danach weiterhin ausgeführt, „dann fügt uns der Angreifer weniger Leid zu. Er zwingt uns zwar ein anderes System auf, aber ich kann damit leben. Es gibt weniger Tote, wenn man sich ergibt.“

Aber die drei Herren waren nicht überzeugt. Der Antragsteller habe, so die Begründung der Gewissensprüfer, „für das Empfinden des Ausschusses mitunter zu deutlich übertrieben.“ Der Prüfling habe „taktiert, anstelle ehrlich preiszugeben, was er wirklich empfindet.“

Was für ein Glück der Rechtsstaat bereithält! Auch im Verfahren der Gewissenprüfung für Kriegsdienstverweigerer, das 1983 ganz abgeschafft wurde, gab es ein Widerspruchsrecht. Auch dort: Resopaltische und Gummibaum. Jetzt hing Karl Carstens im Rahmen. Drei andere Herren prüften nun das Gewissen in zweiter Instanz. Erneut galt es, die Gewissennöte darzulegen, und jetzt überzeugten sie dank größerer Demut und besserer Vorbereitung.

Der Prüfling entkam somit erfolgreich gefürchteten fünfzehn Monaten Kommissgebrüll und Stubenterror. Er bezahlte seine Erleichterung mit dem um einen Monat verlängerten Zivildienst, den er in einem neonbeleuchteten Kellerraum damit verbrachte, ungezählte Luftmatratzen auf ihre Dichtigkeit zu prüfen und die mangelhaften zu reparieren. Kiloweise kratzte er Wiesendreck von der Unterseite großer Gruppenzelte, damit die nächsten Jugendgruppen saubere Zeltböden auf erdige Wiesen stellen und ungestört luftgepolstert auf diesen nächtigen konnten.

Das Gleichgewicht war bedrohlich, aber stabil

Es war die Zeit des „Kalten Krieges“. Die atomar bewehrten Weltmächte standen sich in starren Blöcken entlang des „Eisernen Vorhangs“ gegenüber, das Gleichgewicht der Abschreckung war bedrohlich, aber stabil. Es war die Welt, in die Putin zurückwill. Der Prüfling liest seine damalige Argumentation, und sie treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht. Wie kann man nur so naiv sein? Nicht mal einer Stechmücke könne er etwas zuleide tun? Das praktische Leben hat das Gegenteil bewiesen. Lieber jede denkbare Gewalt-Knechtschaft erdulden, als sich zu wehren?

Der Prüfling von damals ist heute differenzierter unterwegs: Der Überfall eines Übermächtigen auf einen Schuldlosen, einen Schwachen, empört die Gerechtigkeit. Die blanke militärische Gewalt, nicht oder nur fadenscheinig begründet, schreit nach legitimer Gegenwehr. Der Schwache muss sich doch wehren dürfen, wenn die Raketen oder Panzer seine Wohnhäuser zertrümmern. Dann braucht er eben auch Raketen und Panzer, die das verhindern können. Und dafür braucht es allseits geachtete Menschen, die im Militär ihr Leben aufs Spiel setzen, damit die Möglichkeit erhalten bleibt, Zeilen wie diese hier zu verfassen. Dies alles mit pazifistisch-überheblicher Moral abzutun, ist egoistisch und selbstgerecht.

Ein Plädoyer für Selbstkritik

Selbstkritik ist also angebracht für alle, die es sich – überzeugt davon, dass wir nur noch von Freunden umgeben wären – im Wohlfühl-Pazifismus bequem gemacht haben. Und doch: Auch wer militärische Gegenwehr, Unterstützung mit militärischer Ausrüstung und harte Sanktionen in einem solchen Fall als gerechtfertigte Nothilfe akzeptiert und unterstützt, darf doch immer gleichzeitig auch zweifeln. Wir sollten „wachsam bleiben, jede noch so berechtigte Genugtuung über Waffenlieferungen als Zumutung zu empfinden“, schreibt der Historiker Prof. Roman Birke (Universität Jena) in einem überaus klugen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung.

Man darf auch jetzt der sich hochschraubenden Gewaltspirale des Militärischen jederzeit mit Skepsis und Zweifeln begegnen. Eine demokratisch organisierte Gesellschaft kann ihre Regierung unter Schmerzen legitimieren, trotzdem wehrhaft zu handeln. Für den Einzelnen aber bleibt es eine Gewissensentscheidung, ob er oder sie sich mit einer Waffe in die Hand schuldig machen will an Leib und Leben anderer. Und prüfen kann das nur jeder selbst.

 

Der Aufsatz von Roman Birke ist überaus lesenswert: https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2022-03-03/page_2.518607/article_1.5540030/article.html

 

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier. Um den Überfall auf die Ukraine geht es auch in dem Essay „Der Krieg ist da“.

Ein echter – und drei falsche Könige

„Heilige Drei Könige (regionaler Feiertag)“ meldet der elektronische Kalender auf der Terminliste. Auch der gedruckte ordnet den 6. Januar den drei Königen zu. In jeder besseren Krippendarstellung tauchen die drei Könige auf, derer an diesem Tag gedacht werden soll. Dabei hat es sie niemals gegeben.

Es ist Zeit für einen echten König

Es ist also Zeit für einen echten König. Als 18-jähriger junger Mann hatte Rudolf eine beschwerliche Reise über das Meer auf sich genommen. Sechs Jahre lang war er  „Gast“ einer Lehrerfamilie in der württembergischen Kleinstadt Aalen gewesen, hatte Deutsch gelernt, deutsche Schulen besucht. Rudolf war ein wacher, intelligenter junger Mann. Als er im Auswärtigen Amt in Berlin hospitierte, lernte er zu verstehen, wie deutsches Regierungshandeln funktioniert. Schließlich kehrte er in seine Heimat zurück, und wurde tatsächlich König seines Volkes.

Rudolf Duala Manga Bell (rechts) und die Aalener Lehrerfamilie Oesterle. Foto: Roeger/Platino, bereitgestellt von MARKK Hamburg

Ein Märchen? Nein, die Wahrheit. Rudolf Duala Manga Bell war König des Volkes der Duala in Kamerun. Wir blicken zurück auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, und Kamerun war eine deutsche Kolonie. Deutsche Soldaten hatten mit Waffengewalt Rudolfs Großvater einen „Schutzvertrag“ aufgezwungen, der den Duala angeblichen „Schutz“ vor nicht näher bezeichneten Feinden versprach. Vor allem aber sicherte der Vertrag deutsche Macht und die Durchsetzung deutscher Interessen. Was deutsche Kolonialisten in Afrika und anderen „Schutzgebieten“ errichteten, war für die Betroffenen eine einzige menschenverachtende Katastrophe aus brutaler Willkür, hemmungsloser Ausbeutung und drakonischer Entrechtung der einheimischen Bevölkerung.

Kein naiver Eingeborener

König Rudolf Duala Manga Bell war kein naiver Eingeborener. Er war auch kein Revolutionär, sondern ein treuer Anhänger des deutschen Kaisers. Und er kannte die deutsche Sprache und das deutsche Rechtssystem und vertraute darauf. Als die Duala entschädigungslos aus fruchtbaren Ländereien umgesiedelt werden sollten, forderte er ab 1910 in schriftlichen Eingaben gegenüber dem Reichstag ein Ende des rücksichtslosen Umgangs mit seinem Volk.  In Berlin nahmen ihn nur die oppositionellen Sozialdemokraten ernst; die Kolonialverwaltung dagegen erfand einen Hochverratsvorwurf. Manga Bell wurde der Prozess gemacht. Alle Regeln des Rechtsstaates wurden dabei missachtet, die Mitwirkung seiner deutschen Anwälte gezielt verhindert. Am Tag nach dem „Urteil“ wurde er am 8. August 1914 hingerichtet. Ein Justizmord.

Was gibt es an „Dreikönig“ zu feiern?

Wer an diesem Donnerstag, dem „Dreikönigstag“, sich noch einmal zufrieden im Bett herumdreht (weil in seinem Bundesland Feiertag ist), könnte sich an diese Geschichte erinnern. Immerhin geht es in ihr um einen König aus Afrika, der wirklich gelebt hat. „Gefeiert“ wird aber am 6. Januar die Legende von drei „Königen“, einer davon dunkelhäutig, die stellvertretend für ihre Kontinente (Afrika, Asien, Europa) das Jesuskind anbeten und beschenken – als Symbol der Unterwerfung der Welt unter das Christentum.

Die „heiligen Drei Könige“, die ein Christuskind anbeten, hat es nie gegeben. Ihre Unterwerfung ist eine christlich-koloniale Geste, die wir tilgen sollten.

Diese Geschichte ist nun wirklich ein Märchen, ein christlich-kolonialer Fake. Die Bibel kennt diese drei Könige nicht, sondern spricht von „Weisen“, die sich bei Jesus im Stall eingefunden haben sollen. Theologisch heißt der Feiertag schon lange „Epiphanias“, der Tag der „Erscheinung des Herrn“. Es gibt in den unterschiedlichen christlichen Religionsströmungen mehrere andere Herleitungen jenseits der „Könige“, was da am 6. Januar gefeiert wird.

Trotzdem hält sich die Legende der „drei Könige“ auch im 21. Jahrhundert hartnäckig in deutschen Kalendern und im allgemeinen Sprachgebrauch. Die FDP nennt seit Jahrzehnten ihr Stuttgarter Politikspektakel zum Jahresauftakt „Dreikönigstreffen“, Wintersportler springen oder rodeln unter dem Namen der drei Könige durch die weiße Pracht.

Immerhin: „Sternsinger“ verzichten auf Blackfacing

Und was ist mit den netten und engagierten Kindern, die in diesen Tagen von Haus zu Haus ziehen und Spenden für Projekte in Entwicklungsländern sammeln? Ganz sicher verfolgen die „Sternsinger“ mit ihrer Symbolik längst beste Zwecke, die hier nicht angezweifelt werden. Aber auch sie treten dabei eine Legende breit, von der es gilt, sich zu verabschieden. „In ihren prächtigen Gewändern greifen die Sternsinger einen alten Brauch auf“, schreibt dazu das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ in einer Pressemitteilung zum diesjährigen „Dreikönigssingen“. Das katholische „Kindermissionswerk“ ist bundesweit der offizielle Veranstalter der Spendensammlung. Wenigstens rät es heute ausdrücklich davon ab, eines der Kinder schwarz zu schminken, auch weil das Blackfacing der geschichtlich ohnehin falschen Darstellung auch noch einen primitiv rassistischen Hut aufsetzt. „Bereits im Mittelalter“, heißt es weiter, „zogen junge Menschen in der Nachfolge der Heiligen Drei Könige durch die Städte und verkündeten die Geburt Jesu.“ Nachfolge – von was? Es gab keine Könige, deren Verkündigung man nachfolgen könnte.

Warum nicht auch einen Feiertag umbenennen?

Wir benennen Straßen um, die rassistische Begriffe beinhalten. Wir denken über Standbilder und Gedenktafeln nach, die an kolonial engagierte Feldherren erinnern. Gleiches sollte für die „drei Könige“ gelten. Ihre Legende wurde als Sinnbild für die angebliche Überlegenheit des Christentums über den Rest der Welt erdacht. Dieser Feiertag sollte umbenannt werden. Er hat einen besseren Namen verdient, und es gibt genügend religiöse Quellen, die dazu herangezogen werden könnten. „Heilige Drei Könige“ ist in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft auch „nur“ als kalendarischer Alltagsbegriff inakzeptabel.  Wir sollten ihn tilgen, auch weil wir es dem echten König Rudolf Duala Manga Bell schuldig sind.

 

 

Der Lebensgeschichte von Rudolf Duala Manga Bell, dem König der Duala, ist eine Ausstellung im Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK) in Hamburg gewidmet: https://markk-hamburg.de/ausstellungen/hey-hamburg/ (noch bis 31. Dezember 2022)

Auch das Lindenmuseum in Stuttgart greift in seiner Ausstellung „Schwieriges Erbe“ das Schicksal von Manga Bell auf: https://www.lindenmuseum.de/sehen/ausstellungen/schwieriges-erbe (noch bis 8. Mai 2022)

Über das Schicksal von Rudolf Manga Bell ist in der ZEIT ein ausgezeichneter Artikel am 25. August 2021 erschienen, der auch online verfügbar ist: https://www.zeit.de/2021/35/rudolf-manga-bell-duala-volk-kamerun-kolonialismus-justizmord?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Zur Herleitung und Deutung der Legende und des Feiertags „Heilige Drei Könige“ siehe auch Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_K%C3%B6nige

 

 

 

Von Konstanz nach Glasgow (4. November 2021)

Wahrscheinlich war der 11. November 1417 ein grauer Tag, nebelig vielleicht, der Dunst stieg auf vom See. Wenig ist heute so wie damals (aber um das Wenige wird es in diesem Text gehen). Das herbstliche Bodensee-Wetter könnte im Vergleich zu allem anderen, und trotz Klimawandel, eine Konstante geblieben sein.

Das Konzilgebäude von Konstanz ist der einzige Ort in Deutschland, in dem ein Papst gewählt wurde – vor mehr als 600 Jahren. Und es steht noch heute.
Die „Imperia“ an der Hafeneinfahrt gegenüber dem Konzilgebäude mahnt an den Sittenverfall während des Konzils (und davor und danach).

Also nehmen wir an, dass es vor 604 Jahren grau-dunstig gewesen ist in Konstanz am Bodensee. Aber niemand achtete auf das Wetter. Alle strömten zu den Straßen, suchten einen Blick zu erhaschen auf den festlichen Zug, der aus dem wuchtigen Walmdachbau am Seeufer herausquoll und sich über das nassgraue Pflaster wälzte. In edlem Brokat gekleidete Kardinäle, Edelmänner, hochdekorierte Beamte folgten gemessenen Schrittes einem Papst, der eben neu gewählt worden war. Martin V. führte den feierlichen Tross an, der hinüberzog zum Konstanzer Münster. Dort hatte das Konzil nun schon mehr als drei Jahre getagt. Ein Riesenaufwand, zigtausende Fremde waren in diese Stadt eingefallen, die selbst nur ein paar tausend Einwohner hatte. Die vielen Gäste hatten deren Alltag durcheinandergebracht, hatten gewohnt, gezecht, gehurt, gestritten, Geld ausgegeben und Schulden gemacht.

Nun kam das Spektakel zu einem Ende, denn jetzt war es vollbracht: Habemus papam! Von diesem Tag an gab es wieder nur noch einen Papst der katholischen Kirche, nicht mehr drei, wie zuvor. Mit Martin V., dem einzigen auf deutschem Boden gewählten Papst, konnte die katholische Kirche des Mittelalters ihr „abendländisches Schisma“ überwinden.

Heute spielt im Konzil das Sinfonieorchester

Die Orte dieses Geschehens sind bis heute zu besichtigen. Das Münster dominiert das Konstanzer Stadtbild, und auch der Ort der Papstwahl, das „Konzil“ direkt neben dem Bahnhof von Konstanz, steht bis heute. Ursprünglich war es ein mittelalterliches Warenhaus, und die Ehre, zum Ort einer Papstwahl zu werden, wurde ihm aufgrund seiner Größe und gut abgrenzbaren Lage zuteil.

Die schönste Art, den Geist dieses Ortes auf sich heute wirken zu lassen, ist vielleicht ein Konzert der Südwestdeutschen Philharmonie, die regelhaft im „Konzil“ musiziert. Also Applaus! Was für ein wunderbarer Ort, um zur Musik die Gedanken schweifen zu lassen…

Warum also heute diese Geschichte erzählen? Weil die Papstwahl von Konstanz uns lehrt, wie Pragmatismus und Realpolitik funktionieren. Und weil das viel mit dem Ringen der Mächtigen zu tun hat, die derzeit in Glasgow um eine Eindämmung der Klimakatastrophe streiten. Die Ausgangslage damals war so aussichtslos verworren wie heute. Seit fast vierzig Jahren gab es drei konkurrierende Päpste in der damals bekannten (also europäischen) Welt. Der Zustand war untragbar, denn der unselige Streit um Macht und Pfründe war für das Volk der Gläubigen vor allem Ausdruck für eine vollkommene Verrottung der kirchlichen Moral. Der deutsche König Sigismund, dessen Machtstellung sich ebenfalls von „Gottes Gnaden“ ableitete, wollte sich damit nicht abfinden. Was er einleitete und zum Abschluss brachte, war ein Musterbeispiel für einen realpolitischen Prozess.

Am Anfang steht der kleine gemeinsame Nenner

So gedacht, war das Konstanzer Konzil der Weltklimakonferenz nicht unähnlich: Am Anfang steht als kleinster gemeinsamer Nenner, dass man sich trotz scheinbar unüberbrückbarer Gegensätze wenigstens trifft. Das Konzil dauerte vier Jahre, in endlosen Sitzungen rangen Adlige und Kardinäle und ihre Politiker um jeden Millimeter der Annäherung. Es mussten scheinheilige Reden und hohle Ankündigungen ertragen werden, Kompromisse und Gegengeschäfte gemacht werden. Man musste lernen zuzuhören, zu geben und zu nehmen, aber nach Jahren stand immerhin ein Teilerfolg: Zwei der konkurrierenden Päpste waren mehr oder weniger freiwillig abgedankt, um die Wahl eines gemeinsamen Nachfolgers zu ermöglichen. Der dritte war politisch isoliert und wurde in Abwesenheit abgesetzt.

Für dieses Ergebnis musste ein Preis entrichtet werden. Die Mehrheit konservativer Kleriker setzte durch, dass auf grundlegende Reformen in der Kirche verzichtet wurde. Das sollte sich hundert Jahre später in der von Martin Luther losgetretenen Reformationsbewegung aus katholischer Sicht bitter rächen. Und doch hätte Luther vielleicht nicht erfolgreich wirken können, hätten nicht Jan Hus und Hieronymus von Prag schon in Konstanz gegen Pomp und Luxus in der Kirche gepredigt, dafür mit ihrem Leben bezahlt, und doch ihm damit den Weg bereitet.

Wir werden mit Glasgow nicht zufrieden sein können

Vor dem Eingang zum Konstanzer Münster steht ein Protestcamp der Klimabewegung.

Greta Thunberg ist nicht Jan Hus, und diese junge Frau und andere Aktivisten der Klimabewegung müssen (jedenfalls außerhalb mancher „sozialen“ Medien) in Europa keine Hinrichtung wegen Ketzertums mehr fürchten. Sie haben Recht, wenn sie realpolitischen Pragmatismus der heute Mächtigen als unzureichend anprangern. Aber sie erhalten nicht Recht, denn unüberbrückbar sind die Differenzen zwischen den reichen und den armen Ländern, zwischen Ignoranten und Idealisten, zwischen satten, hochgelegenen und armen, von Überflutung bedrohten Regionen.

Also werden wir nach Glasgow nicht zufrieden sein können, so wie die Kirche nach dem Konzil von Konstanz nicht ausreichend reformiert war. Wir werden Kompromisse hinnehmen müssen, und dafür Preise zahlen. Wie einst die selbstverliebten Kardinäle in Konstanz, verschließen auch wir die Augen vor den Folgen unserer Beharrung. Wie sie wollen wir unseren Glauben nicht verändern, unseren Glauben an ewiges Wachstum und unantastbaren Wohlstand. Das wird sich rächen.

Das Konstanzer Symphonieorchester steuert dem Ende des Konzertes zu, fiedelt und trötet sich souverän durch den letzten Takte machtvoller Musik. Für satte Akustik sorgen jene mächtigen hölzernen Balken, die gleichen stammdicken Säulen, die schon die Papstwahl bezeugt haben. In 600 Jahren haben sie schon viele Töne gehört, ehrliche und falsche, schrille und harmonische. Sie haben die Lügen der Kardinäle gehört, die falschen Schwüre, die unerfüllten Appelle. Sie haben alle Katastrophen überlebt, die über Konstanz schon hereingebrochen waren, die Hochwasser, die Brände, Kriege, Bombardierungen, auch die Verwüstungen der Moderne.

Diese Zeugen aus Holz wissen es längst: Wenn der letzte Ton dieser Musik verklungen ist, klatscht und pfeift und johlt das Publikum. Und dann wird ein neues Konzert folgen.

 

Nähere Informationen zum Konzil von Konstanz bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Konstanz

 

Das Konzertprogramm und weitere Informationen über die Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz findet sich auf deren Website: https://www.philharmonie-konstanz.de/

 

Das Münster von Konstanz, in dem das Konzil (außer bei der Papstwahl) tagte, ist auch in meiner Sammlung #1000Kirchen zu finden, hier

Die Konzil-iante (#0023)

Münster Unserer lieben Frau, Münsterplatz 1, 78462 Konstanz

Mein Besuch am 26. Oktober 2021

Die gotische Kirchendecke passt nicht recht zu den wuchtigen romanischen Säulen, genauso wenig wie die Kanzel aus dem Barock. Mehr als 1000 Jahre Baugeschichte mischen sich im Münster von Konstanz.

Wer „konziliant“ ist, der sucht das Verbindende, das Versöhnliche. Das Münster von Konstanz hätte  genau ein solcher Ort sein können. Über vier Jahre suchte man in diesem mächtigen Bau zwischen wuchtigen romanischen Säulen nach Kompromissen. Leider nicht nur, denn engstirnige Kleriker sprachen dort auch todbringende Urteile gegen vermeintliche „Ketzer“. Von 1414 bis 1418 tagte hier das Konzil von Konstanz, das seinen Höhepunkt mit der einzigen Papstwahl auf deutschem Boden fand (siehe dazu auch meinen Text als #PolitikflaneurVon Konstanz nach Glasgow„).

Heute präsentiert sich dieser stark gegliederte Kirchenbau mit historischer Wucht über viele Epochen. Sein romanischer Kern ist eines der größten Kirchenbauten dieser Epoche in Süddeutschland. Der Eindruck ist aber stark geprägt durch zahlreiche Ein- und Anbauten in anderen Baustilen. Es gibt einen gotischen Kreuzweg, Seitenkapellen, eine mit viel Licht sehr stimmungsvoll inszenierte Krypta. Sie erinnert zusammen mit den schon erwähnten Säulen des Hauptschiffs an den romanischen Kern dieser Kirche.

Von 1260, aber Instagram-tauglich: Die heitere Überraschung aus der Frühgotik in den Darstellungen der Mauritiusrotunde.

Das Münster lädt ein zum Entdecken, hier ist man nicht in wenigen Augenblicken „fertig“. Jede Ecke, jeder Seitenaltar, jedes Relief birgt neue Geschichten. Mich hat am meisten beeindruckt die „Mauritiusrotunde“ mit einer geradezu unglaublich heiteren Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Diese Figuren entstanden schon um 1260; sie grinsten also schon den Teilnehmern des Konzils entgegen und hätten das Potential gehabt, dem machtbesessenen Männerkampf eine Note heiterer, im wahrsten Sinne konzilianter, Selbstironie entgegenzusetzen.

Allein diese Figuren, aber auch die Kirche insgesamt, sind jedes Umwegs würdig!

 

Die Kirche ist sehr umfänglich beschrieben bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstanzer_M%C3%BCnster

 

Zwölf Berufene an der Autobahn (#0009)

Dorfkirche Zeestow, Wustermarker Str. 16, 14656 Brieselang (Ortsteil Zeestow)

Mein Besuch am 30. Mai 2021

Dorfkirche Zeestow

Wieder mal eine künstlerische Überraschung auf meiner Suche nach der Königseiche in Brieselang (siehe dazu mein Text als #BerlinerFlaneur): die auch als Autobahnkirche ausgewiesene (und daher tagsüber immer geöffnete) Dorfkirche Zeestow. Ähnlich wie die Feinigerkirche bei Weimar verdankt sie ihre Existenz dem Engagement von Bürgern, die einen fast schon dem Verfall preisgegebenen Kirchenbau mit vielen Stunden ehrenamtlichen Engagements retteten. Ursprünglich war die Kirche nach einem Großbrand 1851 völlig neue errichtet worden, verfiel aber in den DDR-Jahren.

„Die Berufenen“ von Volker Stelzmann

Entstanden ist auch hier wieder ein lauschiger Ort, umgeben von den Resten eines alten Friedhofes, eine echte „Tankstelle für die Seele“. Die große Überraschung findet sich aber in ihrem Inneren: Ein Bilderzyklus von Volker Stelzmann findet sich dort, der unter dem Titel „Die Berufenen“ auf die zwölf Apostel in der Form von Menschen in Not verweist – vor allem aber wohl darauf hinweist, dass „Jesus solche Menschen in seine Nachfolge berufen“ habe, wie der Prospekt der Kirche formuliert. Die Darstellung ist modern und eindringlich in diesem stillen, hellen, sonst modern und zurückhaltend gestalteten Kirchenraum. Entstanden sind eindrucksvolle Porträts der Armut, der jederzeitigen Chance zur Aufrichtigkeit unter der Last des Lebens. Der Zyklus ist jede Reiseunterbrechung am Berliner Autobahnring wert!

Die informative Website der Kirche: http://dorfkirche-zeestow.de/

Der Maler Volker Stelzmann hat eine eigene Website: https://www.volkerstelzmann.de/