Tag 11 (26. Mai 2026)
Von der „Gebrannten Brücke“ in Neustadt b. Coburg bis Rückerswind
Es ist hochsommerlich in diesen späten Mai-Tagen, viel zu früh viel zu warm. Der Wald schützt, und ein leichter Wind streicht auch gelegentlich über die Felder, aber steile Anstiege auf dem Kolonnenweg fordern mich auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Der Berg wird „Isaak“ genannt, ein Muschelkalk-Hügel, in Jahrtausenden abgeschliffen von Wetter, Wind und allen anderen Kräften der Evolution.
Dann, kurze achtundzwanzig Jahre lang, von 1961 bis 1989, trug er an seinen Hängen die Vorzeige-Grenzanlagen der DDR. Der Wald war zum Militärgebiet erklärt worden, niemand durfte hier mehr wandern. Die ganze Breite der DDR-Sperranlagen mit Stacheldraht, Minenstreifen, Selbstschussanlagen durchzog den Hang und war vom Gipfel des Isaak so gut einzusehen, dass eigene und sozialistisch-befreundete Grenzverantwortliche höchster Ränge immer wieder dorthin gefahren wurden, um vorzuführen, was deutsche Gründlichkeit beim Aufbau sicherer Grenzen zu leisten imstande ist. Im Volksmund wurde der zu Vorführzwecken kahlgerodete Gipfel daher „Generalsblick“ genannt.


Nichts davon ist übrig. Der Blick vom Hügel ist jetzt nur noch ein Blick ins Grüne, zugewachsen ist die Lücke, die man der Natur einst zugefügt hatte. Nur der gut ausgebaute Kolonnenweg, die flächig ausgelegte Boden-Lochplattenversammlung rund um den Gipfel erinnert noch daran, dass hier einst schwere Jeeps hochgefahren sind, aus Stolz auf ein Grenze, die es nicht mehr gibt.
Der Wald wächst nach und schweigt.
Distanz: 14,4 Kilometer, 20.500 Schritte
Begegnungen mit Wanderern: keine; auf dem Kolonnenweg: eine Frau mit Hund
Jäger-Hochsitze am Weg: 14
Alle Texte aus meinem Wandertagebuch #Grenzerfahrung finden Sie hier.