Letzte Chance! Korallen in Baden-Baden!

Noch bis 26. Juni: Wie Politik und Kunst zu Schönheit werden

Stumm bewegt im Wasser der Tropen, in ihrer ungezählten Vielfalt und mit ihrem blendend-bunten Farbenreichtum sind sie ein großes Lachen. Eine wankende Orgie der Heiterkeit. Korallen lachen uns seit 500 Millionen Jahren an. Und sie lachen uns aus.

Das Problem ist nur: Uns, die Menschen, gibt es überhaupt erst seit 45.000 Jahren. Großzügig gerechnet.

Und die Zeitschrift „Koralle“, eine deutsche Vorkriegsillustrierte, die ihre Witzseite mit dem Spruch „Da lacht die Koralle“ überschrieb, die gibt es schon heute, weniger als 100 Jahren nach ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1925, nicht mehr.

Korallen und die Ehrfurcht vor der Zeit

Gestrickte Korallen: Die ganze Vielfalt der tropischen Weltmeere spiegelt sich in der Phantasie der Korallen von Baden-Baden wider.

Korallen lehren uns also die Ehrfurcht vor der Zeit. Sie waren schon immer im Wasser, unvorstellbar lange schon, wir laufen auf den Resten ihrer Riffe herum. Auch in unseren Breiten, zwischen unseren Wäldern und Wiesen, hatten sich Korallenriffe gebildet, als dort vor Jahrmillionen einmal ein Meer gewesen war. Wir bauen darauf unsere Häuser und Straßen.

Wir landen auf ihnen mit dem Flugzeug. Bermudas und Bahamas heißen die Traumziele des Ferntourismus, zusammen etwa 1000 Inseln, allesamt gründen sie ihre tropische Pracht aus Palmen und Traumhotels auf abgestorbenen Korallenriffen. Jetzt geht es den Menschen darauf wie den Nesseltieren in den Tropen: Sie müssen fürchten, zu sterben. Die Korallen unter Wasser, die Menschen knapp darüber. Beide könnten bald Opfer des Klimawandels sein, der menschengemachten Erderwärmung, der abschmelzenden Gletscher, des ansteigenden Meeresspiegels, der skrupellosen Vermüllung der Meere.

Was hat das sterbende Great Barrier Reef …

Natürlich haben wir gehört vom sterbenden Great Barrier Reef, dem Weltwunder der Natur, einer Ansammlung von Tausenden Korallenriffen an der australischen Nordostküste, die zusammen eine Länge von unglaublichen 2.300 Kilometern bilden, ein lebendiger Lebensraum im Wasser, sogar von der Raumstation ISS aus erkennbar.

Sehr bedauerlich, aber weit weg! Hat das Sterben der Korallen etwas mit uns zu tun, in diesem Frühling, in dem wir hierzulande auf festem Grund aus hartem Felsen unter den blühenden Bäumen in den Cafe´s sitzen? Wenn wir – beispielsweise – im lasziv-prächtigen Kurpark von Baden-Baden einen sündteuren Eiskaffee schlürfen und uns zwischen Krieg und Klimakrise den Luxus leisten, über das nächste Wohlstandsabenteuer nachzudenken?

… mit uns zu tun?

Hier ein Vorschlag: Wenige Meter weitergehen, zur Kunsthalle Frieder Burda, einem modernen Schmuckstück im mondänen Kurort der Könige und Kaiser, im Weltkulturerbe mit angeschlossener Spielbank. Dort kann und sollte man (nur noch bis 26. Juni) die Korallen von Baden-Baden besuchen. In ihrer ganzen unfassbaren Vielfalt, in ihrer spielerisch überraschenden Heiterkeit sind sie zu besichtigen.

Wild, ungebändigt, wuchern sie an den badischen Wänden entlang, sprießen schwarz-glänzend in die Höhe; ihre Formenvielfalt treibt Schabernack mit unserem Auge, lädt uns ein zu einem unvergleichlich prächtigen Spektakel der Farben und Formen, unfassbar vielfältig, variantenreich, knallbunt. Die Korallen verhöhnen unseren Ordnungssinn, unsere Phantasielosigkeit und unsere formale Strenge, sie spotten über unsere excel-Tabellen, unsere Verwaltungsvorschriften und sauber gezirkelten Maschendraht-Gärten.

Ein atemberaubendes Kunstprojekt

Ein demokratisiertes Kunstprojekt: Mehr als 4000 Menschen haben mitgestrickt und -gehäkelt an den Korallenriffen von Baden-Baden.

Die Korallen von Baden-Baden sind ein atemberaubendes Kunstprojekt. Sie sind natürlich keine Tiere, sondern demokratisierte Kurzwaren-Kunst. Zu verdanken haben wir es den australischen Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim. Sie wollen das Bewusstsein der ganzen Welt für die sterbende Pracht der tropischen Meere schärfen. Überall auf der Welt sollen nachgebildete, künstlerisch gestaltete Korallenriffe aus Stoff und Garn entstehen. Tausende Menschen, Initiativen, Kindergartengruppen, Schulklassen, Strickvereine, Senioreneinrichtungen, ganze Familien auf der ganzen Welt stricken und häkeln seither künstliche Korallen in ihrer ganzen wilden, bunten Vielfalt. Unter der künstlerischen Leitung der beiden Schwestern werden sie in textile Riffe zusammenkomponiert.

Das Ergebnis kann man in Baden-Baden besichtigen. Für das „Baden-Baden Riff“ haben 4000 Beteiligte mitgestrickt und -gehäkelt, alle namentlich aufgeführt in endlosen Namenszeilen auf weißer Wand. Paketweise schickten sie ein Jahr lang Korallen-Handarbeit an das Museum: Kleine, winzige, große, gewaltige, lange, runde, schlangenförmige, ein- und vielfarbige. Kreativ gestaltet wurden daraus Korallenriffe, Orgien der Phantasie, durch die man hindurchgehen kann, ohne nass zu werden.

Ein schriller Hilfeschrei in der Lautlosigkeit

Stumm sind diese Korallen, so wie ihre lebenden Vorbilder. Aber sie sind starr, sie wiegen sich nicht im Wasser der südlichen Weltmeere und mahnen uns mit ihrer Unbeweglichkeit an unsere eigene Zerstörungsenergie. Geduckt unter einem Plastik-Müllberg, der im Eingangsbereich mahnend von der Decke hängt, wandelt der Besucher durch die die ganze bunte tote Pracht der Textil-Riffe von Baden-Baden, und kann den schrillen Hilfeschrei dieser uralten Lebensform trotz aller Lautlosigkeit hören.

Wenn die Korallen verblassen, sterben sie ab. Weiße Korallen sind ein Hilfeschrei.

Korallen sind Lebewesen, und daher sterben sie, schon seit Jahrmillionen und ganz ohne menschliche Einwirkung. Steinkorallen, welche die großen Riffe bilden, geben ihrem Tod einen Sinn, denn der Kalk der abgestorbenen Korallen-Generationen bildet die Lebensgrundlage für die jungen, nachwachsenden, dann lebenden, bunten Korallen. Dieser ständige Regenerationsprozess lässt Riffe wachsen und erhält die Vielfalt der Korallen. Wenn aber keine jungen Korallen mehr entstehen, dann stirbt das Riff, die letzte Generation der Tiere verliert ihre Farbe. Die sterbenden Riffe nehmen einen fahl-weißlichen Ausdruck an. Auch solche Riffe sind in gestrickter Form zu sehen in Baden-Baden. Hier lacht keine Koralle mehr.

Mehr Informationen zur Ausstellung im Museum Frieder Burda finden Sie hier: https://www.museum-frieder-burda.de/ausstellung.php

Über Geschichte, Vielfalt und Wesen von Korallen habe ich mich hier informiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Koralle

Weitere Beiträge als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

Unbeugsam-weiblich gegen den „Ökozid“ (27. September 2021)

Am Tag nach der Wahl steht nicht viel fest. Aber vermutlich wird es ein Mann sein, der Angela Merkel im Kanzleramt folgen wird. Er wird einlösen müssen, was die heutige Kanzlerin einmal für sich in Anspruch nahm: ein Klima-Kanzler sein.

In „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart muss Angela Merkel (hier die Schauspielerin Nicole Heesters) als Zeugin vor Gericht aussagen. Foto: Björn Klein

Diese Vorrede lenkt den Blick auf ein aktuelles Kultur-Ereignis am Schauspiel Stuttgart. Dort sind es Frauen, die zu Gericht sitzen, und es sind Frauen, die sich verteidigen. Wir befinden uns gedanklich im Jahr 2034, und eine dann stolz-ergraute Angela Merkel, seit 13 Jahres aus dem Amt geschieden, wird als Zeugin befragt. Sie wird gespielt von Nicole Heesters als noch immer hoch kontrolliert in ihren Bewegungen, ihren Aussagen, ihrem Auftritt. Hätte sie die Klimakatastrophe abwenden können, wenn sie gemäß dem gehandelt hätte, was bereits bekannt war?

Vorwurf: Untätigkeit gegen die Katastrophe

Die Rede ist von dem Schauspiel „Ökozid“ (Premiere war am 24. September). Den Vorsitz in einem Internationalen Gerichtshof führt eine strenge, verständige Richterin, die Anklage wird von zwei Frauen vertreten: einer stimmgewaltigen Sprecherin des Verbundes der 31 klagenden Staaten „des globalen Südens“ und ihrer Anwältin. In dieser Besetzung unterscheidet sich das Theaterstück, das in Stuttgart uraufgeführt wird, von dem gleichnamigen Film, der im November letzten Jahres bei der ARD zu sehen war. Auch sonst hält der Theaterabend zahlreiche künstlerische Überraschungen und Ergänzungen parat, der den Besuch lohnen lässt, auch wenn man den Film bereits gesehen hat.

Zur Sprache kommt alles, was uns in den zurückliegenden Wochen des Bundestagswahlkampfs täglich beschäftigt hat, und es in den kommenden noch viel dringlicher tun wird. Hätten die deutschen Regierungen seit Gerhard Schröder es hätten besser wissen können? Hat Deutschland im internationalen Zusammenspiel der klimafeindlichen Kräfte überhaupt relevantes Gewicht? Verletzt die Untätigkeit des Nordens gegenüber den erkennbaren Folgen einer Klimakatastrophe vor allem im Süden der Weltkugel grundlegende Menschenrechte, wie sie die UN-Charta allen Menschen gleichermaßen verspricht? Oder ist alles ganz anders, war davon nichts erkennbar, ist irgendwas davon noch strittig oder nicht?

Empörende Erfahrungen im Wahlkampf

Männer spielen während dieses nachdenklich machenden und trotzdem unterhaltsamen Theaterabends allenfalls kauzige Nebenrollen. Sie plustern sich auf in oft substanzloser Rechthaberei, womit eine Brücke gebaut wäre zu einem geschlechterspezifischen Blick auf den Wahlkampf und auf das, was nun folgen wird in den Verhandlungen über eine neue Regierung. Der Blick zurück macht fassungslos. Wie selbstgerecht und rechthaberisch mit einigen Spitzenfrauen in diesem Wahlkampf umgegangen worden ist – oft, aber nicht nur, von Männern – ist für jeden sensiblen Geist eine empörende Erfahrung.

Frauen in der Politik können ganz generell darüber viel berichten. Daher hier nur einziges, aber besonders prominentes Beispiel aus den letzten Wochen: Die Republik zu „warnen“ vor einer Machtübernahme durch die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, der unterstellt wurde, dass sie wie eine strippenziehende Mephista den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz marionettenartig über die politische Bühne zappeln lassen würde – das adressierte zumindest zum größeren Teil nicht deren inhaltliche Aussagen. Sondern es appellierte an dumpfe Assoziationen, die sich gegen ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre von manchen vielleicht als ruppig empfundene Sprechweise richteten.

Engagierte Frauen waren nicht willkommen, …

Also raus aus dem Theater, wenige Häuser weiter, rein ins Kino! In fast zwei Stunden breiten dort im aktuellen Film „Die Unbeugsamen“ politisch erfahrene Frauen aus, welche Mühen, Gemeinheiten, Niederlagen, Zurücksetzungen und Zumutungen aller Art sie aushalten mussten, bis sie in der Männerwelt der deutschen Nachkriegspolitik angekommen waren. Der Film lässt keine Zweifel offen, dass engagierte Frauen alles andere als willkommen waren, und auch, dass die Männer sich kaum Mühe gaben, ihre ehrverletzende Überheblichkeit wenigstens höflich zu verbergen. Um sich in diesem Umfeld durchzusetzen, mussten Frauen Männern so ähnlich wie möglich werden. Für einen ersten Einblick genügt schon der Trailer des Films (Link siehe unten). Die Verhältnisse sind zweifellos besser geworden – aber gut sind sie noch nicht, wenn im neu gewählten Bundestag der Frauenanteil von 31 auf gerade mal 35 Prozent gestiegen ist.

… sind jetzt aber Mehrheit und Stimme der Klimaaktiven

Beim Stuttgarter „Ökozid“ fehlt es den Frauen nicht an Macht. Trotzdem haben sie in der Diktion des Theaterstücks vollständig männlich versagt. Ihr Scheitern bei der rechtzeitigen Rettung der Welt ist im Schauspiel ein Generationenproblem, keines der Geschlechter. Daher die Frage: Vielleicht können Frauen doch die besseren Klimaretter sein? Weil sie sich als Mütter eben doch noch immer stärker mit dem Schicksal ihrer Kinder identifizieren, als dies Väter tun? Warum sonst hat Annalena Baerbock im Wahlkampf dauernd von ihren Kindern geredet, Olaf Scholz (keine Kinder) und Armin Laschet aber nicht? In der „Fridays for Future“-Bewegung dominieren nach einer Studie des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die jungen Frauen mit 60%. Alle wesentlichen Repräsentantinnen der Bewegung sind weiblich.

Vielleicht ist das nun die neue Generation unbeugsamer Frauen, die nach Kriegsende in der deutschen Politik fehlten. In der neuesten Folge des „unendlichen Podcast“ der ZEIT (Link unten) formuliert die Schauspielerin Nora Tschirner einen weiteren Aspekt. Für Frauen und für unsere Gesellschaft kann es nicht nur darum gehen, Männer an  ihren Machtpositionen gleichwertig zu ersetzen.  Als „Seitenprodukt“ des jahrhundertealten Patriarchats sei ein „Privileg auf Frauenseite entstanden, eine Weisheit in Beziehungen, Kommunikation, Gefühle und zwischenmenschlichen Geschichten“. Dieses Potenzial sei bisher gesellschaftlich noch nicht ausreichend hochgewertet.

Die Klimakrise fordert neue Kompetenzen

Mehr Weiblichkeit in diesem Sinne hätte der Politik in den letzten 50 Jahren vielleicht weniger Orientierung am Automobil ermöglicht, mehr Naturschutz durchgesetzt, vielleicht auch insgesamt weniger Wachstum und  weniger Reichtum in Kauf genommen, aber dafür eine andere Balance aus Arbeit und sozialem Leben ermöglicht, ein anderes Geben und Nehmen, weniger Raffen, mehr Fürsorge.

Für eine Abwendung der drohenden Klimakatastrophe benötigen wir genau all das. Schade, dass dieser Aspekt im Stuttgarter „Ökozid“-Prozess keine Rolle spielt. Er endet jedoch mit einer eindrücklich sinnlichen Inszenierung, die den Theaterbesucher hinunterzieht in die Flut der steigenden Meeresspiegel. Und wenig überraschend: Es ist eine junge Frau, deren Stimme uns dort hineinführt und uns darin ertrinken lässt.

 

„Ökozid“ ist am Schauspiel Stuttgart noch mehrfach bis November auf dem Spielplan, jeweils verbunden mit einer Rede von Klima-Aktiven: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/oekozid-2021/

Der Trailer zu „Die Unbeugsamen“ ist hier zu finden, der Film läuft (noch) in den Kinos: https://www.youtube.com/watch?v=yLjAayYEgOQ

Der Podcast und die Videoaufzeichnung von „Alles gesagt“ mit Nora Tschirner dauert fast vier Stunden. Die hier zitierte Passage (und mehr zu ihrer Sicht auf modernen Feminismus) ist etwa zehn Minuten vor dem Ende zu finden: https://www.zeit.de/video/2021-09/6271162956001/lange-nacht-der-zeit-2021-alles-gesagt-mit-nora-tschirner-christoph-amend-und-jochen-wegner?utm_referrer=https%3A%2F%2Fverlag.zeit.de%2F