Strandgut von Benjamin Myers, erschienen bei Dumont 2025, 287 Seiten
ausgelesen am 3.1.2026
Der Autor Benjamin Myers erinnerte mich ab der ersten Zeile in seinem Schreibstil an T.C. Boyle, versetzt in die so fremde Welt eines Amerika, deren Facetten uns nur in Ansätzen bekannt ist. Und doch schaffte es der Autor, mich binnen kürzester Zeit in seinen Bann zu ziehen, und der Protagonist Earlon „Bucky“ Bronco stand leibhaftig neben mir. Der alt gewordene Musiker, der nie sein Musikersein leben konnte, der Mann mit Arthrosen in allen denkbaren Gelenken, mit einem anständigen Abhängigkeitssyndrom von allem, was sich einnehmen lässt, und der, ja man kann es nicht anders sagen, einen Traum erlebt, in dem er wahrnimmt, dass seine Musik, zumindest ein winziger Teil davon, in der alten Welt ein Hit ist, und eine dezente Berühmtheit und ggf. auch Wohlstand bedeutet. Ein modernes Märchen. An manchen Stellen waren es für mich zu viele Drogen (aber vielleicht in manchen Gesellschaften auch nichts Ungewöhnliches?) und vor allem zu viele Aufzählungen von Bands und Musiktiteln, die ich nicht einmal im Ansatz kannte. Macht aber nix , das tat meiner Lesefreude keinen Abbruch und erweiterte meinen Horizont, ganz ohne Drogen.
Leseempfehlung: für alle alten Menschen – für ältere Menschen – für Menschen, die glauben, nicht alt zu werden – für Menschen, die etwas übers Älterwerden lernen wollen – für Menschen, die an Wunder glauben
immer wieder tauchen sie auf, diese Bilder – in der Süddeutschen ist eines davon besonders beliebt, in der Tagesschau auch. Man kann auch eine Google-Suche nach diesem Bild starten und findet es dann auch auf den Seiten des Handelsblattes, der Frankfurter Rundschau und vielen weiteren Medien. (Das hier beschriebene Foto stammt von einem Berufsfotografen der Deutschen Presseagentur. Ich bilde es hier nicht ab, um keine Urheberrechtsprobleme zu bekommen. Sie finden es bestimmt schnell, wenn Sie danach suchen, z.B. hier.)
Was ist zu sehen: Ältere Menschen sitzen auf Parkbänken. Fotografiert sind sie meist von hinten, Gesichter sind keine zu erkennen, so erspart sich der Fotografierende die Zustimmung der Abgebildeten. „Hier ein Schnappschuss aus dem schönen Leben“, textet beispielsweise die Süddeutsche Zeitung (in ihrer Ausgabe vom 24. November 2025) unter ein solches Bild. Entstanden ist dieses Bild angeblich im Kurpark von Bad Kreuznach. Untätige Grauköpfe hocken nebeneinander im warmen Frühlingslicht. Die empfindlichen Häupter der glücklichen Rentner, vom schütteren Haar oft nur noch unzureichend beschützt, sind unter Hütchen oder Mützchen verborgen, die praktische Funktionsjacke schmiegt sich um die Schultern.
Welches Alter soll das abbilden?
Ich hasse solche Bilder.
Es geht – natürlich – um die Reformfähigkeit der Deutschen beim Thema Rente. Wie illustriert man ein abstraktes Thema zwischen „Haltelinie“ und „Generationenvertrag“? Offensichtlich so: Idyllischer Müßiggang pur ist angesagt für diese Generation der Parkbankbesiedler, während die Jüngeren sich einen abschuften müssen dafür, dass die Genießer unterm Strohhut ihre Rente bekommen.
„Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, hat im April 2019 der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer es zu kommentieren für richtig gehalten, als die Deutsche Bahn ein buntes, modernes, multikulturell geprägtes Publikum abbildete. Dafür ist er zu Recht scharf kritisiert worden.
„Was für ein Alter soll das abbilden?“, frage ich mich nun, wenn ich solche Bilder sehe. Glaubt da ernsthaft eine Redaktionsgeneration, sie zeige damit irgendetwas Realistisches, etwas Typisches vom Leben in der Rente?
Parkbank und Blick aufs Meer – ein typisches Bild von der Rente? Foto: Gaspard Delaruelle auf Pixabay
Um es gleich klarzustellen:
Erstens: Es gibt diese von Wohlstand und Gesundheit verwöhnten Grauköpfe wirklich. Aber sie sind nicht typisch für Alltag und Lebensschicksal der Älteren.
Zweitens: Ich verstehe gut, dass jüngere Menschen (auch in Bildredaktionen) sich fragen, wie das weitergehen soll mit der Rentenfinanzierung in Deutschland. Wenn immer weniger Arbeitende für immer mehr Ruheständler aufkommen sollen, kann das auf Dauer nicht gutgehen. Die Lücke, die daraus entsteht, kostet den Bundeshaushalt schon heute rund ein Drittel seiner ganzen Einnahmen. Wir brauchen Änderungen bei der Rente, und auf der Suche nach Gerechtigkeit wird es nötig sein, auch die Älteren selbst in die Pflicht zu nehmen. Ich bin dafür.
Ein krasses Zerrbild der vorgerückten Jahre
Aber, liebe Medien, alles das berechtigt Euch nicht, mit neidauslösenden Fotos von Wohlstandsrentnern auf Parkbänken ein krasses Zerrbild der Realität in den vorgerückten Jahren zu zeichnen. Rentner sind die aktivste Gruppe unter den Ehrenamtlichen, die engagieren sich in tausendfacher Form, beaufsichtigen Kinder, besuchen einsame Kranke, halten Vereine am Leben, geben Essen aus und begleiten Geflüchtete aufs Amt. Etwa ein Drittel aller Seniorinnen und Senioren sind in diesem Sinne engagiert (lt. Deutsche Fernsehlotterie). Viele Kleinkind-Familien mit Doppelverdiener-Struktur würden überhaupt nicht funktionieren, wenn nicht Großeltern in die Kinderbetreuung fest eingeplant wären.
Fast ein Fünftel der Älteren in Deutschland ist armutsgefährdet – bei Frauen mehr als bei Männern. Gleichzeitig sind viele davon die Kränksten und Einsamsten in unserer Wohlstandsgesellschaft. Sie sitzen im Regelfall nicht strohhutbeschirmt in Bad Kreuznach auf der Parkbank, sondern eher im Stadtpark um die Ecke. Nicht wenige dort sind froh darüber, diese nächste Parkbank aus eigener Kraft erreicht zu haben.
Wo bleibt die Vielfalt auf den Rentner-Fotos?
Also, liebe Medien: Lasst diese idyllischen Parkbank-Fotos weg! Sie zeichnen ein diskriminierendes Zerrbild von Rentenempfängern. Sie unterstellen eine entspannte Wohlstandssituation, die es oft nicht gibt – und spalten damit die Gesellschaft in ihrem Denken.
Das gilt übrigens noch dazu auch im missglückten Palmer´schen Sinne: Immer mehr Menschen mit Migrationsbiografie haben in Deutschland ein Leben lang gearbeitet – und beziehen jetzt hier im Alter ganz zu Recht eine Rente. Wo findet sich diese Vielfalt auf den Bildern von Rentnern, die Ihr verwendet?
Liebe Medien, ich hasse diese Bilder. Sie sind oft genug gedruckt worden. Sucht Euch ein besseres, ein realistischeres Bild vom Alter.
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