Versagen und Hoffnung in einer Männer-Welt

Zur Wiederaufnahme des „Siegfried“ an der Stuttgarter Oper

Diese Welt der Männer ist ein einziges, trostloses Grauen, innerlich wie äußerlich. Sie ist heruntergekommen, dreckig, verschlagen. Dort wächst Siegfried auf, der Held des dritten Abends im “Ring”, der gewaltigen, insgesamt vierteiligen Opern-Novela von Richard Wagner. Dieser Held ist zweifellos für sein ganzes Leben geschädigt. Siegfried ist ein Macho, umgeben von Machos.

Die psychologisch kluge Inszenierung des „Siegfried” an der Stuttgarter Oper erlebt in diesen Tagen ihre Wiederaufnahme und wird im Frühjahr 2023 Teil von zwei „Ring“-Zyklen sein, die am Eckensee zu sehen sein werden. Sie stammt aus dem Jahr 1999 und galt schon damals mit ihrer mutigen Bildsprache und tiefgreifenden Deutung des psychologischen Geflechts zwischen den Beteiligten als spektakulär. Sie hat nichts davon verloren.

Worum geht es?

Das Schwert entsteht: Siegfried, der ungeduldige Jugendliche, schmiedet sich seine unschlagbare Waffe. (Daniel Brenna als Siegfried; Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Alle diese Götter, Riesen und Zwerge sind voller individueller Traumata, durchtränkt von krankhaftem Machtstreben, gegenseitiger Abhängigkeit, Misstrauen und Intrige. Es ist weitgehend eine Männerwelt, gänzlich ohne Empathie, die sich in ihrer psychologischen Vielschichtigkeit einer kurzgefassten Inhaltsschilderung entzieht. Ein vereinfachender Versuch sei hier trotzdem unternommen:

Siegfried wächst als Findelkind im verlotterten Haushalt eines Ziehvaters auf, der mehr über dessen göttliche Herkunft weiß als Siegfried selbst, und darauf hofft, dass sein Schützling mit seinem testosterongesteuerten Hang zur Gewalttätigkeit ihm dereinst den berühmten Ring zur Weltherrschaft beschaffen wird. Dem jugendlichen Siegfried fehlt dafür allerdings noch eine Waffe, möglichst eine unbesiegbare. Sein Ziehvater, obwohl Schmied, bekommt sie nicht zustande, jedenfalls nicht so, dass sie den unkontrollierten Kräften des Jugendlichen Stand hält. Als der die Geduld mit dem schwächlichen Schmied verliert, hämmert er sich das gesuchte Schwert einfach selbst zurecht. Damit wandert er durch den Wald, um jenen Riesen zu erschlagen, der den Ring der Weltherrschaft besitzt und bewacht.

Ein Kettenraucher wartet, Wotan wandert

Allerdings ist die mit Stacheldraht umzäunte Stuttgarter Wohnstatt des Riesen umlagert von weiteren fragwürdigen Männern. Ein Kettenraucher wartet dort wie ein Kleinkrimineller auf die Chance, sich den Ring der Weltherrschaft abzugreifen, wenn der kräftige Siegfried den Riesen endlich erledigt hat. Und auch der allmächtige Göttervater Wotan lungert am Zaun herum, getarnt als „Wanderer“. Eigentlich will er sich künftig aus dem Weltgeschehen heraushalten, hat er doch schon erfahren, dass seine eigene ausgeprägte Prinzipienlosigkeit nichts als endlose Schuld, uneheliche Kinder und immer wieder neuen Streit produziert.

Siegfried, der Held mit Schwert, betritt also diese trübe Szenerie. Er provoziert das Riesenungeheuer und erdolcht es ohne lange Diskussionen. Seinen verhassten Ziehvater erledigt er gleich mit. Nun besitzt er alles, was ein Mann begehrt: eine unschlagbare Waffe und den Ring der Weltmacht.

Allein, was ihm fehlt, ist die Erfahrung der Liebe – kurz: Eine Frau.

Da hört er von der seit dem Ende der Oper “Walküre” auf einem Felsen dauer-schlafenden Brünnhilde. Diese hatte vor ihrer Straf-Einschläferung durch ihren Vater Wotan selbst den Wunsch geäußert, ausschließlich dann geweckt zu werden, wenn einst ein absolut furchtloser Held mutig genug wäre, den zu ihrem Schutz lodernden Flammenring zu überwinden. Siegfried hat keine Zweifel, dass er das ist, und bricht auf zum glühenden Felsen.

Das Versagen der Männer als Zusammenfassung

Fassen wir das Versagen der Männer bis dahin zusammen: Der Ziehvater hat niemals eine Beziehung zu seinem heldenhaften Findelkind aufbauen wollen, immer hatte er in ihm nur ein Werkzeug für seine eigenen Pläne gesehen. Siegfried hat eine Kindheit wie ein emotionaler Zombie und lehnt sich gewaltsam gegen diese Karikatur eines Pflegevaters auf. Der vorübergehende Besitzer des umkämpften Rings, der Riese Fafner, gibt den lächerlichsten Weltherrscher ab, den man sich vorstellen kann: als fauler, fetter Wurm hockt er schläfrig auf seinem Besitz, ohne jeden Gestaltungswillen, dumm und überheblich.

Eine trostlose Männerwelt am Stacheldraht: Matthias Klink (Mime), Daniel Brenna (Siegfried) Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Staatsoper Stuttgart

Der Göttervater lässt der Gewalt ihren Lauf, setzt seine Allmacht nicht ein, um den fortdauernden männlichen Kreislauf aus Mord, Gier und Totschlag zu durchbrechen. Dabei hatte Wotan das ganze Übel in Gang gesetzt, weil er im ersten Teil der Serie, im „Rheingold”, die Riesen für den Neubau seiner eitlen Burg mit dem zum Ring geschmiedeten Schatz entgolten hatte.

Weltherrscher vegetieren in verfallenem Gemäuer

Die trostlose Welt, in der alle diese Männer ihr Unwesen treiben, ist in der Stuttgarter „Siegfried“-Inszenierung ein einziger Albtraum. Die wechselnden, selbstverliebten Weltherrscher vegetieren dahin in halb verfallenen Gemäuern und hinter löchrigen Zäunen, zerborsten sind die blinden Fensterscheiden, klapprig die Stühle, fleckig das Sofapolster. Tütensuppen bilden den Speiseplan, der Göttervater verbirgt sein mafiöses Wesen hinter einer billigen Sonnenbrille.

So also ist die deprimierende Lage nach fast drei Stunden auf der Stuttgarter Bühne, vor Beginn des 3. Aktes. Dann endlich tritt das Weibliche auf den Plan. Erst scheitert der Göttervater bei seiner Liebschaft Erda damit, sie in die Verantwortung für seine intriganten Pläne einzubeziehen. „Du bist nicht, was Du Dich nennst“, wirft sie dem gescheiterten Allmächtigen an den Kopf und wendet sich ab.

Der Held ist derangiert

Und dann endlich hat auch der kühne schöne junge Held Siegfried den Felsen der schlafenden Brünnhilde erreicht. Aber er ist derangiert. In den vergangenen Stunden hat er: erstens ein unbesiegbares Schwert geschmiedet, ist zweitens stundenlang durch den tiefen Wald gewandert und hat dort drittens ein Monster getötet, dabei viertens den Ring der Weltherrschaft für sich erobert. Nebenbei musste er noch fünftens seinen Ziehvater ermorden. Dann hat er sich – sechstens – noch eben durch das lodernde Feuer von Brünnhildes Felsen gekämpft. Verschwitzt und verdreckt dringt er in das wohlgeordnete Gemach der ersten Frau seines Lebens ein.

Das Ende ist zu schön , um es zu schildern …

Was dann passiert, ist in der Stuttgarter Aufführung des „Siegfried“ so schön geschildert, dass es sich zu erzählen verbietet. Zu erleben ist, wie das Ewig-Weibliche in uns allen mit sanfter Wucht hinwegrafft, einschmilzt, bedeutungslos macht, was dem Manne so wichtig erschien. Brünnhilde lässt das ganze übersteigerte Ego der Eitlen, die zerstörerische Gewalt der Machtmenschen, den Schrecken der Tyrannen und Bombenwerfer ganz wortwörtlich in der Schublade verschwinden.

Ach, wäre es schön, wenn die Welt so wäre. Aber wer wollte nicht dabei sein, wenn es doch geschieht? Auf in die Oper!

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Generalprobe am 7. Oktober 2022. 

 

„Siegfried“ an der Stuttgarter Oper ist noch zu sehen am 15. und 23.10., sowie am 1.11.2022. Am 10. März und 8. April 2023 ist er Teil von zwei „Ring“-Zyklen. Mehr Informationen zur Inszenierung auf der Webseite der Staatsoper Stuttgart: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/siegfried/

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier, auch zwei Texte zu den ersten beiden Teilen des vierteiligen Stuttgarter „Rings“: Rheingold und Walküre.

Über den schicksalhaften Stuttgart-Aufenthalt von Richard Wagner im Frühjahr 1864 habe ich ein Essay verfasst: „Aber wir haben den Daimler“.

 

Aber wir haben den Daimler

Die fünf Tage von Richard Wagner in Stuttgart

Über die besondere Magie der Begegnung von Richard Wagner und der Stadt Stuttgart im Jahr 1864 hätte man sich natürlich schon viel früher informieren können. Sie ist offen nachlesbar in den Biografien über den Komponisten, und echte Wagnerianer kennen sie längst.

Trotzdem sei sie hier noch einmal kurz erzählt: Fünf Tage hat sich der schwierige Charakter in Stuttgart aufgehalten, vom 29. April bis 3. Mai, und er befand sich in einer katastrophalen Situation. Zwar hatten seine Werke durchaus Aufmerksamkeit in ganz Europa gefunden, und auch eine umstrittene Bekanntheit hatte sich Wagner bereits erarbeitet. Aber wo auch immer der stürmische Mensch in Erscheinung trat, gab es Ärger. Sachsen hatte er fluchtartig verlassen müssen, da ihm aufrührerische Aktivitäten vorgeworfen wurden. In Wien hatte er Schulden gemacht, die er nicht ausgleichen konnte, auch nicht mit Hilfe von Gönner(inn)en. Auch Wien musste er also auf schnellstem Wege hinter sich lassen, die Gläubiger im Nacken.

Wagner in Stuttgart: Ein Missionar in eigener Sache, sperrig, von künstlerischem Schöpfergeist besessen redet er auf das schwäbische Volk ein. (Szene aus dem Stadtspaziergang der Oper Stuttgart zur Ankunft Wagners in Stuttgart, Darsteller: Peer Oscar Musinowski, Schauspiel Stuttgart)

Verarmt, unerreichbar verliebt, obdachlos

Verliebt hatte er sich auch noch, ungeschickterweise in die Ehefrau Cosima seines Freundes und wesentlichsten Förderers, Hans von Bülow, wobei für Wagner keine relevante Rolle spielte, dass er bereits seit 28 Jahren, wenn auch aus seiner Sicht unglücklich, verheiratet war. Wagner lebte auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit, auch vor den Folgen seines ungestümen, oft rücksichtslosen Charakters. Zu seiner Frau Minna in Dresden konnte er aus politischen Gründen nicht zurück und wollte es auch emotional nicht.

Er war ein Obdachloser, verkaufte Teile seines Hausstandes und bei Konzertauftritten und Reisen erhaltene Gastgeschenke, um wenigstens die Hotelrechnungen bezahlen zu können. Seine Förderer zogen sich vor dem wilden, ungebändigten Geist dieses Mannes zurück und signalisierten wachsenden Widerwillen, ihn bei sich aufzunehmen.

„Ich bin am Ende!“

In dieser Lage kam Richard Wagner am 29. April 1864 nach Stuttgart. Logis nahm Wagner – ohne dafür zahlen zu können – im damaligen Hotel „Marquardt“ neben dem alten Bahnhof. Am Neckar hatte er noch einen Freund, den Kapellmeister der württembergischen Hofkapelle, Karl-Anton Eckert. Der versprach ihm nicht nur Kost, er wollte auch den Kontakt zum Intendanten des Hoftheaters herstellen. Seinen Freund Wendelin Weißheimer, der ihn in Stuttgart aufsuchte, und mit dem er die „Meistersinger“ fertigstellen wollte, begrüßte er mit den Worten: „Ich bin am Ende!“ Und der befreundeten Schriftstellerin Eliza Wille schrieb er aus Stuttgart an den Zürichsee: „Freundin, Sie kennen den Umfang meiner Leiden nicht, nicht die Tiefe des Elends, das vor mir liegt.“

Ein Festspielhaus im Kurpark?

Wagner hoffte in höchster Not, in Stuttgart Aufführungschancen zu erhalten, vielleicht einen Vorschuss, der ihn über die nächsten Wochen retten könnte. Welche Wendung hätte das Stuttgarter Kulturleben nehmen können, wenn es zu einem Engagement Wagners am Neckar gekommen wäre? Vielleicht stünde dann jetzt das Festspielhaus nicht auf dem Hügel in Bayreuth, sondern im Kurpark von Bad Cannstatt?

Erfolgreiche Abwerbung: In diesem Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz fand das Gespräch zwischen Richard Wagner und dem Emissär von Ludwig II. statt, das den Komponisten vor dem Ruin rettete. jetzt ist es das „Hotel Utopia“ der Oper Stuttgart.

Aber es kam anders. Ohne dass Wagner etwas davon ahnte, reiste ihm bereits seit zwei Wochen auf seinen wilden Fahrten durch halb Europa ein Mann hinterher. Er hatte einen prominenten Auftraggeber. Der bayerische König Ludwig II., gerade erst auf den Thron gelangt, ein „Jüngling von bedenklicher Schwermut und Menschenscheu, schön, dunkeläugig und homophil“ (so Martin Gregor-Dellin in seiner Biografie über Richard Wagner) hatte als 15jähriger den „Lohengrin“ gesehen und war seither besessen davon, Richard Wagner kennenzulernen und zu fördern. Nun, als König, hatte er auch Macht und Mittel dafür. Er ließ nach Wagner fahnden.

In Stuttgart spürte der bayerische Abgesandte Franz von Pfistermeister das unmittelbar vor dem Ruin stehende Genie auf und informierte den Staunenden über die Anbetung durch den jungen König. Er habe den Auftrag, Wagner sofort nach München zu bringen und dem König persönlich vorzustellen.

Ein gemachter Mann – von einem Tag auf den anderen

Und so kam es. Noch am selben Tag, dem 3. Mai, nachmittags um fünf bestieg Wagner zusammen mit Pfistermeister den Zug von Stuttgart nach München, überwand die Alb, überquerte die Donau, dampfte an Augsburg vorbei und eilte schließlich in die Münchner Residenz. Wagner war von diesem Tage an ein gemachter Mann, er hatte keine materiellen Sorgen mehr, denn für sein Auskommen sorgte der junge König. Beide bezahlten dafür einen Preis, massive Ablehnung und persönliche Demütigungen kosteten dem kranken König schließlich das Leben und Wagner musste aus München nach Bayreuth flüchten.

„Grünliche Dämmerung“ über den Hügeln des Kessels …

An Hügeln hätte es nicht gemangelt, aber hätte Stuttgart ein Wagner-Festspielhaus geschmückt? Wäre die protestantische Stadt bereit gewesen für die Kunst des romantisch-barocken Wagner? Der Kulturflaneur darf skeptisch sein. Die Oper Stuttgart nähert sich dieser Frage mit dem durchaus anspruchsvollen Film über die Stuttgarter Tage von Richard Wagner. Es ist eine sehr schwäbische Antwort. Der Film trägt den Titel „Grünliche Dämmerung“, und lässt schon allein damit allen politischen Spekulationen Raum. Er dauert etwa eine halbe Stunde, erfordert Humor und Aufmerksamkeit, und am Ende geht man hinaus und denkt sich: Vielleicht ist es besser, dass er nach München weitergezogen ist. Wir haben den Daimler und die Mineralbäder.

 

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Frühjahrsfestival der Oper Stuttgart mit dem Titel „Hotel Utopia – Richard Wagners fünf Tage am Neckar zwischen Ruin und Rettung“, insbesondere auch der geistreiche und sehr sinnliche Stadtspaziergang zu Wagners Ankunft in Stuttgart (vom 18. Mai 2022). Das Programm des Frühjahrsfestivals dauert noch bis 22. Mai: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/hotel-utopia/

Zum Film „Grünliche Dämmerung“ gibt es derzeit auf Youtube nur den Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=hfcKtGDNezM Über das weitere Schicksal des Films außerhalb des Frühjahrsfestivals wurde noch nicht entschieden.

Die biografischen Daten verdanke ich unter anderem der exzellenten Biografie von Martin Gregor-Dellin über Richard Wagner: https://www.piper.de/buecher/richard-wagner-isbn-978-3-492-30187-9

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Was von Wagner bleibt ….

 

Starke Frauen und ein machtgeplagter Gott

Zur Neuinszenierung der „Walküre“ in Stuttgart

Stille im dunklen Saal. Die Oper beginnt. Rauschhaft schwillt die Musik an. Ein Freund von Wagner-Musik, dem es an eigener, anderweitiger Drogenerfahrung mangelt, könnte sich genauso jenes erlösende Gefühl vorstellen, das den Körper eines Suchtkranken durchströmt, wenn der ersehnte Schuss wirkt, wenn der erste tiefe Zug aus der Zigarette nach stundenlanger Abstinenz die starre Anspannung löst.

Bunte Walküren am Start: Die Privatarmee des Göttervaters im 3. Akt von „Die Walküre“. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Wagners Noten sind ein Sog, seine Töne können für Menschen, die dafür empfindlich sind, jenen zauberhaften Sirenenklängen gleichen, gegen deren magische Macht, aber auch tödliche Wirkung, sich der antike Sagenheld Odysseus zu schützen wusste. Seiner Seefahrer-Mannschaft befahl er, sich mit Wachs die Ohren zu verstopfen. Odysseus aber wollte die tödlichen Wundertöne der rätselhaften Sirenen hören, und so ließ er sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Als er dann die verlockenden Gesänge vernahm, bettelte er seine taube Mannschaft flehentlich an, ihn loszubinden, damit er den Zauberklängen folgen könne. Aber seine Mannschaft konnte ihn dank seiner eigenen Vorsicht nicht hören.

Achtung, Trigger-Warnung!

Daher an dieser Stelle eine Trigger-Warnung: Wagners Opern können antisemitische Elemente, unkritische Deutschtümelei und ein Weltbild enthalten, das weit von heutigen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann entfernt ist. Zigarettenschachteln warnen mit drastischen Bildern vor dem Genuss ihres eigenen Inhaltes. Vielleicht sollten wir diskutieren, einen Link zu den neuesten Erkenntnissen der Wagner-Forschung auf jede Opernkarte, auf jede CD-Hülle zu drucken – oder wenigstens den Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Musikhistoriker Ihres Vertrauens“?

Vorsicht vor der politisch unkorrekter Suchtwirkung dieses Sujets ist also angeraten. Entsprechend gewappnet aber darf jede und jeder Musikfreund/in sich fast willenlos hineingleiten lassen in Wagners Musik, darf einfach hören und sich tragen lassen in eine Welt, die so machtvoll schön, und doch auch so gewalttätig toxisch ist. Das dem Rausch verfallene Opernvolk kann stundenlang stillsitzen, um ängstlich dem längst bekannten Ende entgegenzufiebern, voller Schmerz und Wehmut und Glück.

Sie wollen das erleben? Bitte schön, auf in „Die Walküre“! Für das Wagnersche Rauscherlebnis ist vor allem die Musik verantwortlich. Was Handlung und Text angeht, haben Wagner-Opern immer das ganz Große im Leben im Blick – Macht, Liebe, Gier, Geld -, also jede Menge Futter für Regieeinfälle.

Drei Regieteams, dreimal neue Konzeption

Vorsicht, Sogwirkung möglich: Die Musik von Richard Wagner kann manche Opernfreunde abhängig machen, trotz oft diskussionswürdiger Inhalte. Sieglinde und Siegmund (hier Simone Schneider, Michael König) gehen eine inzestöse Liebesbeziehung ein. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

In Stuttgart hat man mit der szenischen Umsetzung gleich drei Teams damit beauftragt – für jeden Akt eines -, und das ist mehr als ungewöhnlich. Es gibt also keine durchgängige Regieidee, sondern jeder Akt kommt mit eigener Konzeption und Anmutung daher. Es beginnt mit Ratten in einer zerstörten Welt, führt uns tief hinein in den dunklen Wald menschlicher Abgründe und endet in farbenfroher Romantik. Ein sehr sinnlicher Abend, auch wenn von den Hauptfiguren eher wenig „gespielt“ wird, dafür viel los ist im Bühnenbild, im Licht, bei den Kostümen.

Wagners Sicht auf das „Weibliche“ ist komplex. Einerseits sollen sie mit Ihrem Fordern und Handeln den Männern dazu verhelfen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Andererseits legt Wagner aber auch in der „Walküre“ die Frauen so an, dass sie im entscheidenden Moment dominieren, das weitere Geschehen bestimmen. Also hereinspaziert in die Galerie der starken Frauen:

Die Galerie der starken Frauen

Sieglinde verlässt liebestrunken den ihr ungefragt zur Zwangsverheiratung im Kindesalter zugeordneten Ehemann, und gibt sich einer inzestösen Verbindung mit ihrem Zwillingsbruder Siegmund hin. Beide sind Kinder des Ober-Gottes aus einer außerehelichen Beziehung. Das erbost die im Götterstaat für Moralfragen zuständige Fricka. Sie hält ihrem Mann Wotan eine Standpauke, an deren Ende sie ihn so weit hat, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Er erteilt seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die zusammen mit ihren acht Schwestern so etwas wie eine Frauen-Privatarmee (die Walküren) des Göttervaters bildet, den Auftrag zur Ermordung seines Sohnes Siegmund. Die aber weigert sich, beeindruckt vom authentischen Liebesbekenntnis des Siegmund zur Sieglinde, solchen väterlichen Wahnsinn auszuführen. Brünnhilde wechselt die Fronten, aber Siegmund muss trotzdem sterben (in der Stuttgarter Regie des zweiten Aktes psychologisch sehr klug gelöst).

Wotan ist ob des unbotmäßigen Verhaltens seiner Tochter fuchsteufelswild, tobt schreckerregend herum, schnauzt deren Walküren-Schwestern an, sich auf keinen Fall zu solidarisieren mit der Ungehorsamen. Brünnhilde konfrontiert ihn mutig mit der bitteren Wahrheit: Sie habe doch seinen eigentlich authentischen Willen ausgeführt! Wieder muss er, um seine Autorität zu sichern, gegen seine Überzeugung handeln, denn die Ungehorsamkeit darf nicht ungestraft bleiben. Schließlich bietet ihm seine Tochter einen Ausweg an: Sie wird nicht einfach als wehrlose Straßenhure verstoßen, wie Wotans Idee war, sondern sie erhält so viel Schutz, dass nur ein wahrer Held sie wird für sich gewinnen können. (Dazu dann mehr in „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ring“, der als Wiederaufnahme in Stuttgart am 9. Oktober 2022 Premiere haben wird).

Aus feministischer Sicht kann man sich aus guten Gründen daran stören, dass die starke Brünnhilde in einer unangemessen passiven Rolle am Ende der Oper zurückgelassen wird. Ja, so ist es. Aus Wagners Welt wird nicht posthum ein moderner Hort der Gleichberechtigung; diesen Umschwung wird keine Regie leisten.

Gefangen im Alcatraz der Verantwortung

Sollte man sich „Die Walküre“ trotzdem ansehen? Unbedingt! Nicht nur die erschreckend gegenwärtigen Bilder der Verwüstung, die den ersten Akt prägen, machen den Opernbesuch zum brandaktuellen Erlebnis, sondern auch die sehr kluge psychologische Deutung des Vater-Tochter-Konfliktes. Allen Schlaumeiern, die in (a)sozialen Netzen und anderswo – am besten anonym – über Spitzenpolitiker lästern, weil diese unter der Last der realen Verantwortung auf ihren Schultern Kompromisse machen und alte Gewissheiten aufgeben, wird der Besuch ganz besonders empfohlen. Sie könnten, wenn sie es denn zulassen, am Leibe des leidenden Göttervaters erleben, welche Qualen mit der Last der Macht, mit dem Alcatraz der Verantwortung, verbunden sind.

Es ist unsere Welt, die da verhandelt wird

Nachdenklich tritt man nach fünf Stunden heraus ins Freie; im Kopf klingen noch die letzten Takte des Rausches nach. Es ist eben doch unsere eigene Welt, die da verhandelt wurde. Man tritt heraus in eine Welt, in der verbrecherische Kriege in der Nachbarschaft geführt werden, jeden Tag wieder Ungerechtigkeiten stattfinden, geduldet und erduldet werden, in der das Klima kollabiert. Das vom Sturm zerknüllte Dach des stolzen, aber renovierungsbedürftig dahinbröselnden Opernhauses wurde soeben als Mahnmal direkt davor platziert. Man tritt hinaus und droht über Ghettoblaster und herumstehenden Bierflaschen direkt auf den Stufen des Opernhauses zu stolpern.

Man tritt hinaus und blickt hinüber zum alten Schloss, nur wenige Meter entfernt. Dort hatten Claus und Berthold Stauffenberg etliche Jahre ihrer Kindheit verbracht. Gemeinsam mit vielen anderen planten sie die Tötung Hitlers. Ihr Plan scheiterte am 20. Juli 1944, und sie wurden hingerichtet. Der Codename ihres Geheimplanes diente ursprünglich für Vorbereitungen zur Niederschlagung innerdeutscher Widerstände gegen das NS-Regime. Die Attentäter nutzten ihn als Schutz für ihre eigenen Vorbereitungen. Er lautete: „Walküre“.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 29. April 2022. 

 

Im Jahr 2023 werden an der Oper Stuttgart mehrere Aufführungen des kompletten „Ring“ erfolgen. Die „Walküre“ steht für 4. März, sowie den 1. und 6. April auf dem Spielplan. Zur Website der Stuttgarter Oper: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/die-walkuere/

Die antike Geschichte von Odysseus und den Sirenen ist bei „Wissen mach Ah!“ gut zusammengefasst: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/geschichteundgeschichten/bibliothek-odysseus-und-die-sirenen-100.html

Über das Frauenbild von Richard Wagner wurde viel geforscht und veröffentlicht. Sehr frisch ist die Forschung von Paul Simon Kranz, der darüber in diesem Interview berichtet: https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/aktuelles-interview-mit-paul-simon-kranz-zu-seinem-buch-richard-wagner-und-das-weibliche/184647

Zu Graf Stauffenberg in Stuttgart und zur Operation „Walküre“: https://www.hdgbw.de/ausstellungen/stauffenberg/

„Die Walküre“ ist der zweite Teil des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Mein Text zum ersten Teil, dem „Rheingold“ in der Stuttgarter Inszenierung finden Sie hier, wie auch weitere Texte als #Kulturflaneur.

Gutgelaunt Richtung Abgrund (22. November 2021)

Zur Neuinszenierung des „Rheingold“ an der Stuttgarter Oper

Mit diesem alt gewordenen Patriarchen würde kein Familienunternehmen glücklich werden. Verwöhnt und selbstbezogen regiert er sein Reich, seine Familie lungert verwöhnt herum. Schlapp und ohne eigene Meinung lässt er sich von seiner Frau verleiten, für den Clan ein neues Haus bauen zu lassen, obwohl er schon bei Auftragserteilung weiß, dass er den Preis dafür nicht bezahlen kann. So kommt es denn auch, als die noble Hütte fertig ist. Die Baufirma verlangt ihren Lohn, aber die Kasse ist leer.

Der Göttervater Wotan als Zirkusdirektor.
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von der Oper Stuttgart

Sein Generaldirektor soll das Problem lösen. Letztlich fällt auch dem nichts Besseres als ein Raubzug ein. Immerhin, der ist listig geplant. Der Coup gelingt, und die eroberte Beute begleicht die Rechnung der Baukosten. So gelingt es dem Patriarchen tatsächlich, unter lautem Jubelklang mit seiner ganzen fragwürdigen Sippschaft in das neue Prachtgebäude einzuziehen. Das schale Glück ist auf unsolidem Boden errichtet, wie alle wissen und ahnen – aber wen kümmert´s? The Show must go on!

Der „Ring“: Epos, Gesamtkunstwerk, Krimi

Dies ist eine verkürzte (und auch stark vereinfachte) Zusammenfassung der Handlung des „Vorabends“ für das danach folgende dreiteilige (also insgesamt eigentlich vierteilige) Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Der erste Abend ist der kürzeste Teil dieses Riesenwerks, heißt „Das Rheingold“ und dauert „nur“ gut zweieinhalb Stunden. Erzählt wird die Vorgeschichte des Dramas, das sich danach entspinnt. Das hier vorgeführte Familienunternehmen ist nichts weniger als die Götterwelt, und im verlogenen Unrecht des Anfangs ist alles angelegt, was am Ende nach mehr als siebzehn Stunden Musik mit der „Götterdämmerung“ im Untergang der Mächtigen enden wird.

Der „Ring“ ist ein großes Gesamtkunstwerk, ein Epos über alles, was die Welt zusammenhält, und deshalb auch ein Krimi um Liebe, Geld und Macht. Wie gut dieser große märchenhafte Entwurf tut in unserer auf hektische Kurzfristigkeit angelegten Gegenwart! Aber Wagners eigenwilliges Weltengemälde ist eben auch komplex und umstritten, so wie es Wagner selbst gewesen ist zu Lebzeiten und bis heute.

Am Sonntag hatte in Stuttgart eine Neuinszenierung des „Rheingold“ Premiere. Damit wird der Anfang gemacht für eine komplette Neuinterpretation des „Ring“. Die Bilder aus dem neuen Stuttgarter „Rheingold“ waren auch Inspiration für den saloppen Einstieg in diese Kurzzusammenfassung. Denn im Opernhaus am Eckensee ist nichts mehr übrig vom Heldenepos, der in Richard Wagners Fantasie zumindest noch partiell eine Rolle gespielt haben mag. Hier nimmt der Untergang der Götterfamilie höchst ironisch und sehr unterhaltsam in Form eines maroden Zirkusbetrieb Fahrt auf, schnurstracks dem moralischen Abgrund entgegen.

Und warum sollte man sich das heute ansehen?

Weil dieser Einstieg in den vierteilig dahintreibenden Untergang der Götterwelt eine wunderbar sinnliche Geschichte ist, eine Parabel für die Anzeichen und katastrophalen Folgen von Machtmissbrauch. „Wir üben Gewalt gegeneinander und übereinander aus“, sagt Regisseur Stephan Kimmig in einem Interview im Programmheft, „angefeuert vom Drang, etwas zu besitzen, was uns das Gefühl verleiht, wertvoller, mächtiger, größer und bedeutender zu sein als die Anderen.“

Sorgloses Treiben der Götter auf der Stuttgarter Opernbühne
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgrt

Das Geschehen auf der Bühne lädt also ein zum Grübeln darüber, ob am Ende immer das Geld über die Moral siegt. „Wir verraten permanent die Liebe, das Mitgefühl mit anderen“, wie Kimmig im gleichen Interview ausführt. Seine Inszenierung gestaltet einen zeitaktuellen Abend, der jeder Fantasie über Parallelen des Gesehenen zum aktuell Erlebten freien Lauf lässt. Zeit für Mitgefühl! Dabei muss man nicht jede Regieidee nachvollziehen können. Warum zum Beispiel die ganze zirzensische Göttersippe am Ende Gelbwesten anziehen muss, darf etwas rätselhaft bleiben.

Gutgelaunt, blind für die eigene Schuld

Aber wichtig sind solche Details nicht. Hauptsache, die selbstverliebten Götter ziehen am Ende gutgelaunt ein in ihr neues Haus, angelockt von seiner Pracht und Schönheit, aber blind für die Schuld, die sie um des schönen Baus willen auf sich geladen haben. Wer könnte sich gewiss sein, nicht bereits selbst solcher Verblendung unterlegen gewesen zu sein? Ein Besuch des „Rheingold“ ist eine überaus unterhaltsame Gelegenheit, sich dessen bewusst zu werden.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

 

Das „Rheingold“ ist an der Stuttgarter Oper im Rahmen von zwei kompletten Ring-Zyklen im Frühjahr 2023 zu sehen. Der Spielplan sieht Aufführungen am 25. Februar, am 3. und 14. März, sowie am 5. April vor. Auf der Website der Oper Stuttgart sind auch zahlreiche weiterführende Informationen aufbereitet (einschließlich einer kompletten Handlungsbeschreibung): https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/kalender/das-rheingold/4277/

 

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