Aber wir haben den Daimler

Die fünf Tage von Richard Wagner in Stuttgart

Über die besondere Magie der Begegnung von Richard Wagner und der Stadt Stuttgart im Jahr 1864 hätte man sich natürlich schon viel früher informieren können. Sie ist offen nachlesbar in den Biografien über den Komponisten, und echte Wagnerianer kennen sie längst.

Trotzdem sei sie hier noch einmal kurz erzählt: Fünf Tage hat sich der schwierige Charakter in Stuttgart aufgehalten, vom 29. April bis 3. Mai, und er befand sich in einer katastrophalen Situation. Zwar hatten seine Werke durchaus Aufmerksamkeit in ganz Europa gefunden, und auch eine umstrittene Bekanntheit hatte sich Wagner bereits erarbeitet. Aber wo auch immer der stürmische Mensch in Erscheinung trat, gab es Ärger. Sachsen hatte er fluchtartig verlassen müssen, da ihm aufrührerische Aktivitäten vorgeworfen wurden. In Wien hatte er Schulden gemacht, die er nicht ausgleichen konnte, auch nicht mit Hilfe von Gönner(inn)en. Auch Wien musste er also auf schnellstem Wege hinter sich lassen, die Gläubiger im Nacken.

Wagner in Stuttgart: Ein Missionar in eigener Sache, sperrig, von künstlerischem Schöpfergeist besessen redet er auf das schwäbische Volk ein. (Szene aus dem Stadtspaziergang der Oper Stuttgart zur Ankunft Wagners in Stuttgart, Darsteller: Peer Oscar Musinowski, Schauspiel Stuttgart)

Verarmt, unerreichbar verliebt, obdachlos

Verliebt hatte er sich auch noch, ungeschickterweise in die Ehefrau Cosima seines Freundes und wesentlichsten Förderers, Hans von Bülow, wobei für Wagner keine relevante Rolle spielte, dass er bereits seit 28 Jahren, wenn auch aus seiner Sicht unglücklich, verheiratet war. Wagner lebte auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit, auch vor den Folgen seines ungestümen, oft rücksichtslosen Charakters. Zu seiner Frau Minna in Dresden konnte er aus politischen Gründen nicht zurück und wollte es auch emotional nicht.

Er war ein Obdachloser, verkaufte Teile seines Hausstandes und bei Konzertauftritten und Reisen erhaltene Gastgeschenke, um wenigstens die Hotelrechnungen bezahlen zu können. Seine Förderer zogen sich vor dem wilden, ungebändigten Geist dieses Mannes zurück und signalisierten wachsenden Widerwillen, ihn bei sich aufzunehmen.

„Ich bin am Ende!“

In dieser Lage kam Richard Wagner am 29. April 1864 nach Stuttgart. Logis nahm Wagner – ohne dafür zahlen zu können – im damaligen Hotel „Marquardt“ neben dem alten Bahnhof. Am Neckar hatte er noch einen Freund, den Kapellmeister der württembergischen Hofkapelle, Karl-Anton Eckert. Der versprach ihm nicht nur Kost, er wollte auch den Kontakt zum Intendanten des Hoftheaters herstellen. Seinen Freund Wendelin Weißheimer, der ihn in Stuttgart aufsuchte, und mit dem er die „Meistersinger“ fertigstellen wollte, begrüßte er mit den Worten: „Ich bin am Ende!“ Und der befreundeten Schriftstellerin Eliza Wille schrieb er aus Stuttgart an den Zürichsee: „Freundin, Sie kennen den Umfang meiner Leiden nicht, nicht die Tiefe des Elends, das vor mir liegt.“

Ein Festspielhaus im Kurpark?

Wagner hoffte in höchster Not, in Stuttgart Aufführungschancen zu erhalten, vielleicht einen Vorschuss, der ihn über die nächsten Wochen retten könnte. Welche Wendung hätte das Stuttgarter Kulturleben nehmen können, wenn es zu einem Engagement Wagners am Neckar gekommen wäre? Vielleicht stünde dann jetzt das Festspielhaus nicht auf dem Hügel in Bayreuth, sondern im Kurpark von Bad Cannstatt?

Erfolgreiche Abwerbung: In diesem Gebäude am Stuttgarter Schlossplatz fand das Gespräch zwischen Richard Wagner und dem Emissär von Ludwig II. statt, das den Komponisten vor dem Ruin rettete. jetzt ist es das „Hotel Utopia“ der Oper Stuttgart.

Aber es kam anders. Ohne dass Wagner etwas davon ahnte, reiste ihm bereits seit zwei Wochen auf seinen wilden Fahrten durch halb Europa ein Mann hinterher. Er hatte einen prominenten Auftraggeber. Der bayerische König Ludwig II., gerade erst auf den Thron gelangt, ein „Jüngling von bedenklicher Schwermut und Menschenscheu, schön, dunkeläugig und homophil“ (so Martin Gregor-Dellin in seiner Biografie über Richard Wagner) hatte als 15jähriger den „Lohengrin“ gesehen und war seither besessen davon, Richard Wagner kennenzulernen und zu fördern. Nun, als König, hatte er auch Macht und Mittel dafür. Er ließ nach Wagner fahnden.

In Stuttgart spürte der bayerische Abgesandte Franz von Pfistermeister das unmittelbar vor dem Ruin stehende Genie auf und informierte den Staunenden über die Anbetung durch den jungen König. Er habe den Auftrag, Wagner sofort nach München zu bringen und dem König persönlich vorzustellen.

Ein gemachter Mann – von einem Tag auf den anderen

Und so kam es. Noch am selben Tag, dem 3. Mai, nachmittags um fünf bestieg Wagner zusammen mit Pfistermeister den Zug von Stuttgart nach München, überwand die Alb, überquerte die Donau, dampfte an Augsburg vorbei und eilte schließlich in die Münchner Residenz. Wagner war von diesem Tage an ein gemachter Mann, er hatte keine materiellen Sorgen mehr, denn für sein Auskommen sorgte der junge König. Beide bezahlten dafür einen Preis, massive Ablehnung und persönliche Demütigungen kosteten dem kranken König schließlich das Leben und Wagner musste aus München nach Bayreuth flüchten.

„Grünliche Dämmerung“ über den Hügeln des Kessels …

An Hügeln hätte es nicht gemangelt, aber hätte Stuttgart ein Wagner-Festspielhaus geschmückt? Wäre die protestantische Stadt bereit gewesen für die Kunst des romantisch-barocken Wagner? Der Kulturflaneur darf skeptisch sein. Die Oper Stuttgart nähert sich dieser Frage mit dem durchaus anspruchsvollen Film über die Stuttgarter Tage von Richard Wagner. Es ist eine sehr schwäbische Antwort. Der Film trägt den Titel „Grünliche Dämmerung“, und lässt schon allein damit allen politischen Spekulationen Raum. Er dauert etwa eine halbe Stunde, erfordert Humor und Aufmerksamkeit, und am Ende geht man hinaus und denkt sich: Vielleicht ist es besser, dass er nach München weitergezogen ist. Wir haben den Daimler und die Mineralbäder.

 

Inspiriert zu diesem Text hat mich das Frühjahrsfestival der Oper Stuttgart mit dem Titel „Hotel Utopia – Richard Wagners fünf Tage am Neckar zwischen Ruin und Rettung“, insbesondere auch der geistreiche und sehr sinnliche Stadtspaziergang zu Wagners Ankunft in Stuttgart (vom 18. Mai 2022). Das Programm des Frühjahrsfestivals dauert noch bis 22. Mai: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/hotel-utopia/

Zum Film „Grünliche Dämmerung“ gibt es derzeit auf Youtube nur den Trailer:  https://www.youtube.com/watch?v=hfcKtGDNezM Über das weitere Schicksal des Films außerhalb des Frühjahrsfestivals wurde noch nicht entschieden.

Die biografischen Daten verdanke ich unter anderem der exzellenten Biografie von Martin Gregor-Dellin über Richard Wagner: https://www.piper.de/buecher/richard-wagner-isbn-978-3-492-30187-9

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

Was von Wagner bleibt ….

 

Starke Frauen und ein machtgeplagter Gott

Zur Neuinszenierung der „Walküre“ in Stuttgart

Stille im dunklen Saal. Die Oper beginnt. Rauschhaft schwillt die Musik an. Ein Freund von Wagner-Musik, dem es an eigener, anderweitiger Drogenerfahrung mangelt, könnte sich genauso jenes erlösende Gefühl vorstellen, das den Körper eines Suchtkranken durchströmt, wenn der ersehnte Schuss wirkt, wenn der erste tiefe Zug aus der Zigarette nach stundenlanger Abstinenz die starre Anspannung löst.

Bunte Walküren am Start: Die Privatarmee des Göttervaters im 3. Akt von „Die Walküre“. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Wagners Noten sind ein Sog, seine Töne können für Menschen, die dafür empfindlich sind, jenen zauberhaften Sirenenklängen gleichen, gegen deren magische Macht, aber auch tödliche Wirkung, sich der antike Sagenheld Odysseus zu schützen wusste. Seiner Seefahrer-Mannschaft befahl er, sich mit Wachs die Ohren zu verstopfen. Odysseus aber wollte die tödlichen Wundertöne der rätselhaften Sirenen hören, und so ließ er sich selbst an den Mast seines Schiffes binden. Als er dann die verlockenden Gesänge vernahm, bettelte er seine taube Mannschaft flehentlich an, ihn loszubinden, damit er den Zauberklängen folgen könne. Aber seine Mannschaft konnte ihn dank seiner eigenen Vorsicht nicht hören.

Achtung, Trigger-Warnung!

Daher an dieser Stelle eine Trigger-Warnung: Wagners Opern können antisemitische Elemente, unkritische Deutschtümelei und ein Weltbild enthalten, das weit von heutigen Vorstellungen der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann entfernt ist. Zigarettenschachteln warnen mit drastischen Bildern vor dem Genuss ihres eigenen Inhaltes. Vielleicht sollten wir diskutieren, einen Link zu den neuesten Erkenntnissen der Wagner-Forschung auf jede Opernkarte, auf jede CD-Hülle zu drucken – oder wenigstens den Hinweis: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Musikhistoriker Ihres Vertrauens“?

Vorsicht vor der politisch unkorrekter Suchtwirkung dieses Sujets ist also angeraten. Entsprechend gewappnet aber darf jede und jeder Musikfreund/in sich fast willenlos hineingleiten lassen in Wagners Musik, darf einfach hören und sich tragen lassen in eine Welt, die so machtvoll schön, und doch auch so gewalttätig toxisch ist. Das dem Rausch verfallene Opernvolk kann stundenlang stillsitzen, um ängstlich dem längst bekannten Ende entgegenzufiebern, voller Schmerz und Wehmut und Glück.

Sie wollen das erleben? Bitte schön, auf in „Die Walküre“! Für das Wagnersche Rauscherlebnis ist vor allem die Musik verantwortlich. Was Handlung und Text angeht, haben Wagner-Opern immer das ganz Große im Leben im Blick – Macht, Liebe, Gier, Geld -, also jede Menge Futter für Regieeinfälle.

Drei Regieteams, dreimal neue Konzeption

Vorsicht, Sogwirkung möglich: Die Musik von Richard Wagner kann manche Opernfreunde abhängig machen, trotz oft diskussionswürdiger Inhalte. Sieglinde und Siegmund (hier Simone Schneider, Michael König) gehen eine inzestöse Liebesbeziehung ein. Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

In Stuttgart hat man mit der szenischen Umsetzung gleich drei Teams damit beauftragt – für jeden Akt eines -, und das ist mehr als ungewöhnlich. Es gibt also keine durchgängige Regieidee, sondern jeder Akt kommt mit eigener Konzeption und Anmutung daher. Es beginnt mit Ratten in einer zerstörten Welt, führt uns tief hinein in den dunklen Wald menschlicher Abgründe und endet in farbenfroher Romantik. Ein sehr sinnlicher Abend, auch wenn von den Hauptfiguren eher wenig „gespielt“ wird, dafür viel los ist im Bühnenbild, im Licht, bei den Kostümen.

Wagners Sicht auf das „Weibliche“ ist komplex. Einerseits sollen sie mit Ihrem Fordern und Handeln den Männern dazu verhelfen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Andererseits legt Wagner aber auch in der „Walküre“ die Frauen so an, dass sie im entscheidenden Moment dominieren, das weitere Geschehen bestimmen. Also hereinspaziert in die Galerie der starken Frauen:

Die Galerie der starken Frauen

Sieglinde verlässt liebestrunken den ihr ungefragt zur Zwangsverheiratung im Kindesalter zugeordneten Ehemann, und gibt sich einer inzestösen Verbindung mit ihrem Zwillingsbruder Siegmund hin. Beide sind Kinder des Ober-Gottes aus einer außerehelichen Beziehung. Das erbost die im Götterstaat für Moralfragen zuständige Fricka. Sie hält ihrem Mann Wotan eine Standpauke, an deren Ende sie ihn so weit hat, gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Er erteilt seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die zusammen mit ihren acht Schwestern so etwas wie eine Frauen-Privatarmee (die Walküren) des Göttervaters bildet, den Auftrag zur Ermordung seines Sohnes Siegmund. Die aber weigert sich, beeindruckt vom authentischen Liebesbekenntnis des Siegmund zur Sieglinde, solchen väterlichen Wahnsinn auszuführen. Brünnhilde wechselt die Fronten, aber Siegmund muss trotzdem sterben (in der Stuttgarter Regie des zweiten Aktes psychologisch sehr klug gelöst).

Wotan ist ob des unbotmäßigen Verhaltens seiner Tochter fuchsteufelswild, tobt schreckerregend herum, schnauzt deren Walküren-Schwestern an, sich auf keinen Fall zu solidarisieren mit der Ungehorsamen. Brünnhilde konfrontiert ihn mutig mit der bitteren Wahrheit: Sie habe doch seinen eigentlich authentischen Willen ausgeführt! Wieder muss er, um seine Autorität zu sichern, gegen seine Überzeugung handeln, denn die Ungehorsamkeit darf nicht ungestraft bleiben. Schließlich bietet ihm seine Tochter einen Ausweg an: Sie wird nicht einfach als wehrlose Straßenhure verstoßen, wie Wotans Idee war, sondern sie erhält so viel Schutz, dass nur ein wahrer Held sie wird für sich gewinnen können. (Dazu dann mehr in „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ring“, der als Wiederaufnahme in Stuttgart am 9. Oktober 2022 Premiere haben wird).

Aus feministischer Sicht kann man sich aus guten Gründen daran stören, dass die starke Brünnhilde in einer unangemessen passiven Rolle am Ende der Oper zurückgelassen wird. Ja, so ist es. Aus Wagners Welt wird nicht posthum ein moderner Hort der Gleichberechtigung; diesen Umschwung wird keine Regie leisten.

Gefangen im Alcatraz der Verantwortung

Sollte man sich „Die Walküre“ trotzdem ansehen? Unbedingt! Nicht nur die erschreckend gegenwärtigen Bilder der Verwüstung, die den ersten Akt prägen, machen den Opernbesuch zum brandaktuellen Erlebnis, sondern auch die sehr kluge psychologische Deutung des Vater-Tochter-Konfliktes. Allen Schlaumeiern, die in (a)sozialen Netzen und anderswo – am besten anonym – über Spitzenpolitiker lästern, weil diese unter der Last der realen Verantwortung auf ihren Schultern Kompromisse machen und alte Gewissheiten aufgeben, wird der Besuch ganz besonders empfohlen. Sie könnten, wenn sie es denn zulassen, am Leibe des leidenden Göttervaters erleben, welche Qualen mit der Last der Macht, mit dem Alcatraz der Verantwortung, verbunden sind.

Es ist unsere Welt, die da verhandelt wird

Nachdenklich tritt man nach fünf Stunden heraus ins Freie; im Kopf klingen noch die letzten Takte des Rausches nach. Es ist eben doch unsere eigene Welt, die da verhandelt wurde. Man tritt heraus in eine Welt, in der verbrecherische Kriege in der Nachbarschaft geführt werden, jeden Tag wieder Ungerechtigkeiten stattfinden, geduldet und erduldet werden, in der das Klima kollabiert. Das vom Sturm zerknüllte Dach des stolzen, aber renovierungsbedürftig dahinbröselnden Opernhauses wurde soeben als Mahnmal direkt davor platziert. Man tritt hinaus und droht über Ghettoblaster und herumstehenden Bierflaschen direkt auf den Stufen des Opernhauses zu stolpern.

Man tritt hinaus und blickt hinüber zum alten Schloss, nur wenige Meter entfernt. Dort hatten Claus und Berthold Stauffenberg etliche Jahre ihrer Kindheit verbracht. Gemeinsam mit vielen anderen planten sie die Tötung Hitlers. Ihr Plan scheiterte am 20. Juli 1944, und sie wurden hingerichtet. Der Codename ihres Geheimplanes diente ursprünglich für Vorbereitungen zur Niederschlagung innerdeutscher Widerstände gegen das NS-Regime. Die Attentäter nutzten ihn als Schutz für ihre eigenen Vorbereitungen. Er lautete: „Walküre“.

 

 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 29. April 2022. 

 

„Die Walküre“ ist am Stuttgarter Opernhaus zu sehen ab 10. April 2022 an insgesamt fünf Terminen bis 2. Mai. Im Jahr 2023 werden mehrere Aufführungen des kompletten „Ring“ folgen. Zur Website der Stuttgarter Oper: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/die-walkuere/

Die antike Geschichte von Odysseus und den Sirenen ist bei „Wissen mach Ah!“ gut zusammengefasst: https://kinder.wdr.de/tv/wissen-macht-ah/bibliothek/kuriosah/geschichteundgeschichten/bibliothek-odysseus-und-die-sirenen-100.html

Über das Frauenbild von Richard Wagner wurde viel geforscht und veröffentlicht. Sehr frisch ist die Forschung von Paul Simon Kranz, der darüber in diesem Interview berichtet: https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/aktuelles-interview-mit-paul-simon-kranz-zu-seinem-buch-richard-wagner-und-das-weibliche/184647

Zu Graf Stauffenberg in Stuttgart und zur Operation „Walküre“: https://www.hdgbw.de/ausstellungen/stauffenberg/

„Die Walküre“ ist der zweite Teil des vierteiligen „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Mein Text zum ersten Teil, dem „Rheingold“ in der Stuttgarter Inszenierung finden Sie hier, wie auch weitere Texte als #Kulturflaneur.

Gutgelaunt Richtung Abgrund (22. November 2021)

Zur Neuinszenierung des „Rheingold“ an der Stuttgarter Oper

Mit diesem alt gewordenen Patriarchen würde kein Familienunternehmen glücklich werden. Verwöhnt und selbstbezogen regiert er sein Reich, seine Familie lungert verwöhnt herum. Schlapp und ohne eigene Meinung lässt er sich von seiner Frau verleiten, für den Clan ein neues Haus bauen zu lassen, obwohl er schon bei Auftragserteilung weiß, dass er den Preis dafür nicht bezahlen kann. So kommt es denn auch, als die noble Hütte fertig ist. Die Baufirma verlangt ihren Lohn, aber die Kasse ist leer.

Der Göttervater Wotan als Zirkusdirektor.
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von der Oper Stuttgart

Sein Generaldirektor soll das Problem lösen. Letztlich fällt auch dem nichts Besseres als ein Raubzug ein. Immerhin, der ist listig geplant. Der Coup gelingt, und die eroberte Beute begleicht die Rechnung der Baukosten. So gelingt es dem Patriarchen tatsächlich, unter lautem Jubelklang mit seiner ganzen fragwürdigen Sippschaft in das neue Prachtgebäude einzuziehen. Das schale Glück ist auf unsolidem Boden errichtet, wie alle wissen und ahnen – aber wen kümmert´s? The Show must go on!

Der „Ring“: Epos, Gesamtkunstwerk, Krimi

Dies ist eine verkürzte (und auch stark vereinfachte) Zusammenfassung der Handlung des „Vorabends“ für das danach folgende dreiteilige (also insgesamt eigentlich vierteilige) Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Der erste Abend ist der kürzeste Teil dieses Riesenwerks, heißt „Das Rheingold“ und dauert „nur“ gut zweieinhalb Stunden. Erzählt wird die Vorgeschichte des Dramas, das sich danach entspinnt. Das hier vorgeführte Familienunternehmen ist nichts weniger als die Götterwelt, und im verlogenen Unrecht des Anfangs ist alles angelegt, was am Ende nach mehr als siebzehn Stunden Musik mit der „Götterdämmerung“ im Untergang der Mächtigen enden wird.

Der „Ring“ ist ein großes Gesamtkunstwerk, ein Epos über alles, was die Welt zusammenhält, und deshalb auch ein Krimi um Liebe, Geld und Macht. Wie gut dieser große märchenhafte Entwurf tut in unserer auf hektische Kurzfristigkeit angelegten Gegenwart! Aber Wagners eigenwilliges Weltengemälde ist eben auch komplex und umstritten, so wie es Wagner selbst gewesen ist zu Lebzeiten und bis heute.

Am Sonntag hatte in Stuttgart eine Neuinszenierung des „Rheingold“ Premiere. Damit wird der Anfang gemacht für eine komplette Neuinterpretation des „Ring“. Die Bilder aus dem neuen Stuttgarter „Rheingold“ waren auch Inspiration für den saloppen Einstieg in diese Kurzzusammenfassung. Denn im Opernhaus am Eckensee ist nichts mehr übrig vom Heldenepos, der in Richard Wagners Fantasie zumindest noch partiell eine Rolle gespielt haben mag. Hier nimmt der Untergang der Götterfamilie höchst ironisch und sehr unterhaltsam in Form eines maroden Zirkusbetrieb Fahrt auf, schnurstracks dem moralischen Abgrund entgegen.

Und warum sollte man sich das heute ansehen?

Weil dieser Einstieg in den vierteilig dahintreibenden Untergang der Götterwelt eine wunderbar sinnliche Geschichte ist, eine Parabel für die Anzeichen und katastrophalen Folgen von Machtmissbrauch. „Wir üben Gewalt gegeneinander und übereinander aus“, sagt Regisseur Stephan Kimmig in einem Interview im Programmheft, „angefeuert vom Drang, etwas zu besitzen, was uns das Gefühl verleiht, wertvoller, mächtiger, größer und bedeutender zu sein als die Anderen.“

Sorgloses Treiben der Götter auf der Stuttgarter Opernbühne
Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgrt

Das Geschehen auf der Bühne lädt also ein zum Grübeln darüber, ob am Ende immer das Geld über die Moral siegt. „Wir verraten permanent die Liebe, das Mitgefühl mit anderen“, wie Kimmig im gleichen Interview ausführt. Seine Inszenierung gestaltet einen zeitaktuellen Abend, der jeder Fantasie über Parallelen des Gesehenen zum aktuell Erlebten freien Lauf lässt. Zeit für Mitgefühl! Dabei muss man nicht jede Regieidee nachvollziehen können. Warum zum Beispiel die ganze zirzensische Göttersippe am Ende Gelbwesten anziehen muss, darf etwas rätselhaft bleiben.

Gutgelaunt, blind für die eigene Schuld

Aber wichtig sind solche Details nicht. Hauptsache, die selbstverliebten Götter ziehen am Ende gutgelaunt ein in ihr neues Haus, angelockt von seiner Pracht und Schönheit, aber blind für die Schuld, die sie um des schönen Baus willen auf sich geladen haben. Wer könnte sich gewiss sein, nicht bereits selbst solcher Verblendung unterlegen gewesen zu sein? Ein Besuch des „Rheingold“ ist eine überaus unterhaltsame Gelegenheit, sich dessen bewusst zu werden.

 

„Das „Rheingold“ ist an der Stuttgarter Oper noch mehrfach im November und Dezember zu sehen. Auf der Website der Oper Stuttgart sind auch zahlreiche weiterführende Infrmationen aufbereitet (einschließlich einer kompletten Handlungsbeschreibung): https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/kalender/das-rheingold/4277/

Alle vier Teile des „Ring des Nibelungen“ werden in Stuttgart im Jahr 2024 komplett neu inszeniert sein. Als nächstes Werk daraus wird „Die Walküre“ am 10. April 2022 Premiere haben.

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

 

Schmetterlinge sterben überall (5. Oktober 2021)

Ein Essay zur Stuttgarter Inszenierung der „Madame Butterfly“

Die junge alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Als Teenager hatte sie viel zu früh geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht. Nein, sie war nicht dumm verführt worden, sondern war hemmungslos verschossen gewesen, verliebt in diesen prächtigen und mächtigen fremden Mann, aber auch in ihre Hoffnung auf ein neues, ein spannenderes, anderes Leben außerhalb ihrer gewohnten Welt.

Madame Butterfly … Foto: A.T. Schaefer

Nun aber ist der Mann schon drei Jahre fort. Zurückgereist war er in sein Heimatland. Und es ist unklar, ob und wann er wieder zu ihr und dem kleinen Jungen zurückkehren wird. Schonend möchten Wohlmeinende der jungen Frau beibringen, dass weitere Hoffnung sinnlos ist. Der Mann ist weg, sie soll sich damit abfinden, sich der Realität stellen, einem anderen Leben zuwenden. Verarmt, müde, ausgelaugt von den Anstrengungen der ewigen Hoffnung schwankt die junge Frau. Ob es nicht wirklich besser wäre, diesem Rat zu folgen?

Im Moment des Zweifelns schlägt die Hoffnung zu

Aber da, in diesem Moment des Zweifelns, der möglichen Hinwendung zur bitteren Realität, des Abschieds von der schönen Illusion – da geschieht das Wundergleiche. Vom Hafen her klingt die Sirene eines Schiffs. Salutschüsse der Begrüßung ertönen. Mit bangem Blick entziffert sie in der Ferne den Schriftzug am Bug. Und ja, tatsächlich, es trägt den stolzen Namen und das Banner des Heimatlandes ihres so sehr herbeigesehnten Mannes! Unfassbares Hoffnungsglück steigt in ihr auf. Der Strudel der Illusionen erfasst sie und reißt sie heraus aus der Verzweiflung. Ha, habe ich es Euch nicht gesagt!, triumphiert sie. Ihr ewigen Miesepeter, Ihr kalten Pessimisten!, schnauzt sie die verbliebene Schar ihrer Getreuen an. „Gerade in den Augenblick, da jeder gesagt hat: Weine und verzweifle!“ – gerade da kommt er zurück zu mir, zu meinem Kind, zu meiner Liebe, zu seiner Familie. Alles wird gut werden, wie ich es immer schon gesagt habe!

… und der Amerikaner… Foto: Martin Sigmund, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Aber sie irrt. Im weiteren Verlauf der Oper „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini erleben wir, dass es genau dieser Moment der Hoffnung ist, der die junge Frau erst recht hinabstürzen wird in den Abgrund enttäuschter Emotionen und auswegloser Trostlosigkeit. Zwar ist der Langerwartete tatsächlich an Bord dieses Schiffs. Aber er will nicht zu ihr zurückkehren. Er wird ihr das Kind nehmen, das er in seiner Heimat erziehen lassen möchte.

Der Mann aus der Fremde in dieser Geschichte ist Amerikaner. Die Oper ist um 1900 entstanden, sie spielt in einer von Puccini (und seinen Librettisten und einigen Autoren vor ihm) nach westlichen Vorstellungen erdachten Karikatur eines traditionalistisch-rückständigen Japan. Die Stuttgarter Inszenierung von Monique Wagemakers, die aktuell ihre Wiederaufnahme im Opernhaus am Eckensee erlebt, ist bereits mehr als 15 Jahre alt. Als sie erarbeitet wurde, war also noch nicht zu denken an jene quälenden Szenen am Flughafen von Kabul, die zuletzt unsere Wahrnehmung von kolonialem Scheitern geprägt haben.

Afghanistan ist nicht Japan, aber …

Afghanistan ist nicht Japan, und die traurige Geschichte einer unerfüllten kulturübergreifenden Liebe ist nicht automatisch auch eine Geschichte kolonialer Übergriffe. Trotzdem ist der Opernabend eine Chance, nicht nur an einem hochsinnlichen Musikerlebnis teilzuhaben, oder uns darauf zu beschränken, das tragisch unglückliche Liebesschicksal dieser jungen Frau mitzuerleben.

Wer möchte, kann das Schicksal der „Butterfly“ auch so wahrnehmen: Hier wie dort geht es um hoffnungstrunkene Erwartungen in das Liebesversprechen des Westens, um die bedingungslose Hinwendung einzelner Schwächerer zum Stärkeren. Ängstlich fragt die junge Butterfly noch ihren fremden Mann, ob es in seiner Heimat nicht üblich sei, gefangene Schmetterlinge mit einer Nadel zu durchbohren und auf eine Tafel zu heften? „Damit er nie mehr flieht“, antwortet der Amerikaner.

Was für eine hohle Drohung! Es geht um die unerbittlichen Konsequenzen, wenn Hinwendung ohne Rückkehroption bitter enttäuscht wird. So, wie sich die junge Butterfly im Rausch verzweifelter Hoffnung an die Ankunft des amerikanischen Schiffs klammert, so versuchten in Kabul Menschen im letzten Moment an Bord startender Flugzeuge zu gelangen, existenziell bedroht in ihrer enttäuschten Verbundenheit zu den abziehenden Amerikanern.

… das uralte Märchen vom Kolonialismus gilt hier wie dort

Die Stuttgarter Oper kann uns Puccinis Werk nicht nur als Liebesgeschichte erzählen, sondern auch als das uralte Märchen vom Kolonialismus, der eine kulturelle Kluft zuschütten könnte mit Geld, Gewalt und Waffen, vielleicht sogar mit Vertrauen in die neue Macht. Butterfly geht daran genauso zugrunde, wie unsere afghanischen Ortskräfte an den Zäunen und Mauern des Kabuler Flughafens in ihrer Lebenshoffnung verzweifeln. Wer diese Oper so hören kann, hört in ihr auch die panische Angst demokratie-gläubiger Aktivisten und Frauenrechtlerinnen, mundtot gemachter Kreativer, Musikschaffender, denen die Musik verboten wird. Es sind viele Mauern und Zäune in unserer Welt, viele Boote im Mittelmeer, Lager auf griechischen Inseln und anderswo, wo Menschen leiden und sterben an enttäuschten Hoffnungen, die wir zugelassen haben.

 

Die nächste Vorstellung der „Madame Butterfly“ an der Stuttgarter Oper steht für den 8. Oktober an, dann weitere Vorstellungen bis Ende Oktober. https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/madama-butterfly/

Eine ausführliche Inhaltsangabe und zur Werksgeschichte bei Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Madama_Butterfly

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie als #Kulturflaneur zu politischen Interpretationen aktueller Operninszenierungen, siehe auch: https://vogtpost.de/werther-stalkt/21/07/2021/

 

Werther liebt und stalkt

Zur Oper „Werther“ von Jules Massenet

Zwei Menschen begegnen sich, und manchmal entsteht Liebe zwischen ihnen. „Ein Tropfen Liebe“, sagte der französische Literat Blaise Pascal, „ist mehr als ein Ozean Verstand“. Schaltet Liebe den Verstand aus? Sie sollte das Gefühl unbedingter Zusammenhörigkeit sein, des Hingezogen-Seins, das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, wenn der oder die andere nicht da ist, vielleicht sogar für immer verloren ist. Liebe geht „über den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung“ in der Regel hinaus, schreibt Wikipedia. Sie zeige sich üblicherweise „in tätiger Zuwendung zum anderen“. Das Gefühl der Liebe könne auch unabhängig davon entstehen, „ob es erwidert wird oder nicht“.

Ist gegen die Liebe also kein Kraut gewachsen, wie es der römische Dichter Ovid einst schrieb? Ist es noch Liebe, wenn sie für die Geliebte, die nicht lieben will oder darf, zum quälenden Übergriff wird? Rund 20.000 Stalking-Fälle werden jährlich in Deutschland aktenkundig, vermutlich gibt es viel mehr davon. Im Jahr 2007 handelte deshalb die deutsche Politik; im Strafgesetzbuch gibt es seither einen Paragrafen, der verbietet, einen verschmähenden Liebespartner „andauernd und wiederholt zu belästigen“, sich ihm also gegen seinen erklärten Willen zu nähern, ihm nachzustellen mit telefonisch oder persönlich oder schriftlich gestammelten Liebesschwüren, mit Drohungen, mit unerwünschtem Klingeln an der Haustür. Aktuell wird die Regelung auch auf alle Formen der viralen Nachstellungen erweitert. Der Schutz, den der Staat Betroffenen – in den weit überwiegenden Fällen sind es Frauen – gewährt, kann bis zur Bereitstellung einer neuen Identität reichen, um für den ungewünscht Liebenden unauffindbar zu werden.

Anna Sutter hätte leben können

Die Schicksalsgöttin vor dem Stuttgarter Opernhaus

Der Stuttgarter Opernsängerin Anna Sutter hätte 1910 ein solches Gesetz geholfen, vielleicht wäre sie dann älter als 39 Jahre geworden, jedenfalls wäre sie vermutlich nicht erschossen worden von ihrem verschmähten Liebhaber Alois Obryst, der sich anschließend selbst das Leben nahm. Anna Sutter hatte sich wiederholt die Nachstellungen ihres Liebhabers verbeten; genutzt hatte es ihr nichts. Heute erinnert ein Brunnendenkmal vor der Stuttgarter Oper an ihr trauriges Schicksal. Die dort dargestellte Schicksalsgöttin trägt angeblich ihre Gesichtszüge.

„Werther“ ist die Geschichte einer Rebellion, …

Um die Qualen verschmähter Liebe geht es auch im Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe. Als im Jahr 1774 der Welthit des „Sturm und Drang“ (auch so eine problematische Kategorisierung, wenn man sie in Sachen Liebe mal aus der Sicht der möglichen Opfer betrachtet) veröffentlicht wurde, war das die spannend-mitreißende Schilderung eines verzweifelten Liebesabenteuers, aber vor allem ein rebellischer Stoff gegen das Establishment. Der Held macht alles, was damals nicht vorgesehen war. Werther verliebt sich in eine standesgemäß unpassende Frau und hadert mit deren Verlobungsversprechen an einen anderen. Schließlich ignoriert er es, stürzt in einen Liebeswahn und damit sich selbst und seine Angebetete ins Verderben. Er begeht Selbstmord, was aus damaliger kirchlicher Sicht eine Sünde darstellte. Besondere Wucht erwächst diesem Stoff unter anderem daraus, dass der liebende Held sich selbst umbringt, und nicht etwa seine Geliebte (oder beide, wie im Fall der unglücklich geliebten Anna Sutter – und Tausenden anderen Fällen, von denen zu hören und zu lesen wir uns gewöhnt haben). Werther lässt Charlotte zwar am Leben, als eine verzweifelte und an ihren Gefühlen zweifelnde Frau, gezeichnet für ihr Leben – wir würden heute sagen: traumatisiert.

… aber auch einer neurotischen Liebe

Werther in der Oper Stuttgart (dem Bild Arturo Chacón-Cruz) Foto: Philip Frowein

Jules Massenet hat diesen Stoff 1892 romantisierend mit manchmal schwülstiger, oft rauschhafter Musik durchtränkt und zu einer Oper gemacht. Von Goethes politischem Rebellionsgeist ist bei Massenet nichts mehr übrig. Hier ist das Stück eine wahnhaft-romantische Liebesgeschichte. Der 1856 geborene Sigmund Freud hatte zu Massenets Zeit gerade erst damit begonnen, sich mit Neurosen als Krankheiten zu beschäftigen und der Welt die Zusammenhänge zu eröffnen, die sich aus seelischen Störungen und dem Handeln des Menschen ergeben. Die Librettisten der Oper wussten davon nichts und stellten also die narzisstische Fixierung ihres Werther auf seine eigenen Interessen nicht in Frage. Selbst dann, wenn er sich im Interesse seiner Geliebten zurückzieht, ihr mit seinem Freitod droht und ihn schließlich vollzieht, sieht er sich selbst doch immer noch heldenhaft im Mittelpunkt des Geschehens. Werther fehlt jede Erkenntnis, die wir heute zum zivilisierten Kanon der Mitmenschlichkeit zählen: dass es gleichberechtigte, andere Interessen gibt, die man auszuhalten hat. Wenn ein wacher und sensibler Mensch heute von seinem Freund eine E-Mail erhalten würde, in der über dessen Sehnsucht nach einer Geliebten steht: „Weiß der Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen; und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit“ (Originaltext Goethe, zitiert nach dem Programmheft) – dann würde hoffentlich sein Alarmsystem sofort anschlagen: Hier ist eine gefährliche, eine verachtende Grenze der Liebe erreicht.

Die Oper Stuttgart hat dieses besonders liebestolle Stück Musiktheater als letzte neue Inszenierung (von Felix Rothenhäusler) an das Ende der Spielzeit 2020/21 gesetzt. Herausgekommen ist große Kunst mit strenger Ästhetik, in der uns Musizierende, Singende, Regie und Bühnenbild in diesen gescheiterten Liebenstaumel hineinziehen.

Warum sollten wir uns das heute anhören?

Das Grab von Anna Sutter auf dem Stuttgarter Pragfriedhof

Warum sollten wir uns das heute ansehen und anhören? Vor allem zum Nachdenken über Gewalt in und wegen der Liebe, über Suizide und Morde, die im Namen der Liebe, in Wahrheit aber von untröstlicher Aussichtslosigkeit betrieben werden. Niemand müsste sich heute noch so quälen wie einst Charlotte und Werther. Anna Sutter und viele andere hätten nicht sterben müssen. Heute kennen wir das Kraut, das gegen solche krankhafte Liebe gewachsen ist.

 

Jules Massenets „Werther“ an der Oper Stuttgart ist wieder zu sehen ab 12. Juni 2022: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/werther/

Das Schicksal der Stuttgarter Opernsängerin von Anna Sutter wurde zu ihrem 100. Todestag sehr gut aufbereitet bei RONDO: https://www.rondomagazin.de/artikel.php?artikel_id=1494

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