Wilhelm geht ins Museum (19. Oktober 2021)

Eine freie Assoziation über Wilhelm II., den letzten König von Württemberg, auch als Audiodatei:

Das Denkmal für Wilhelm II. von Württemberg als Spaziergänger mit seinen Spitzhunden ist nicht unumstritten. Derzeit steht es in der Ausstellung im Stadtpalais; im Sommer stand es vor dem Stuttgarter Opernhaus.

Was für eine Schande, denkt sich Wilhelm. Er stützt sich auf seinen Rollator, als er vor seine Villa tritt. Das schöne Eingangstor aus Schmiedeeisen mit den goldenen Spitzen, das ist noch gut in Schuss. Aber wie sinnlos ist es geworden! Unmittelbar davor, dort, wo einmal alles grün und prächtig war, hatten die Demokraten ihm das ewige Brausen, Jaulen und Tosen einer vierspurigen Straße vor die Nase gesetzt. Den ständigen Lärm, Tag und Nacht, nahm er schon gar nicht mehr wahr. Seit vielen Jahren durchschneidet die scheußliche Schneise den schönen Park, seinen Park. Wenig ist davon übriggeblieben, auch links die Pferdeställe, früher ein Prachtquartier für seine edlen Hengste und Stuten, sind nur noch Ruinen. Immerhin, seine Villa Marienwahl selbst, die sieht noch recht ordentlich aus, findet Wilhelm.

Wer Straßen nutzt, soll sich nicht über sie beklagen, hatte ihm einmal ein kluger Mensch gesagt. An diesen Spruch denkt Wilhelm jetzt, als er das beige Taxi herbeirollen sieht, das ihn nach Stuttgart bringen wird. Die freundliche Taxifahrerin hilft ihm, den Rollator zusammenzuklappen und in den Kofferraum zu wuchten. Wilhelm lässt sich seufzend auf den Beifahrersitz hinabsinken. Schon praktisch, diese Autos, denkt sich Wilhelm, während das Taxi herausrollt aus dem, was geblieben ist vom schönen Garten rund um seine Villa und einbiegt auf diese schreckliche Straße, die sein Ludwigsburg durchschneidet.  Nicht nur seine Villa, auch sein Schloss liegt nun unmittelbar an dem brausenden Ungetüm von Straße. Es ist, als hätte der Allmächtige persönlich mit einer Axt einen Spalt durch die einst so prächtige Residenzstadt geschlagen. Demokraten sind ästhetische Barbaren, denkt sich Wilhelm.

Leben in Stuttgart nicht Menschen, sondern Autos?

Die gleiche Gewalt dann auch in Stuttgart. Wilhelm hat den Eindruck, dass dort nicht Menschen, sondern Autos wohnen, die auf Straßen leben, und nicht in Häusern. Manche Gebäude kann man wegen der vielen Straßen, dem ewigen Brausen, das kein Anhalten erträgt, schon gar nicht mehr erreichen. Auch vor seinem früheren Stuttgarter Haus kann man nicht mehr anhalten und aussteigen.

„Im Wesentlichen hat die Demokratie den Menschen Autos gebracht“, sagt Wilhelm, als die Taxifahrerin im Getümmel der Großstadt eine Stelle sucht, an der sie ihn absetzen kann. Sie hat keine Zeit, auf diese Aussage zu reagieren, blickt links und blinkt rechts, schließlich findet sie gegenüber vom Bahnhof eine Möglichkeit zum Anhalten. Von dort kann man direkt in den Park gehen, der einmal sein Schlossgarten war.

So viel Unordnung in seiner alten Welt …

Wilhelm sucht sich erstmal eine Parkbank. Er möchte dem ganzen Durcheinander entfliehen und Kraft schöpfen für die letzten Meter seines Ausflugs. Wackelig ist er, das weiß er, aber auch zäh, und wach, ein liberaler, auch stolzer Geist, noch immer diszipliniert und mit wenig Dünkel. Seine Augen mustern die Szene, lange ruht sein Blick auf jenem Bahnhof, den er noch höchstpersönlich in Auftrag gegeben hatte. Auch dort schrauben und bohren sie herum. Diese ganze Unordnung seiner alten Welt! Überall Absperrungen, Baugruben, Putz und Mörtel. Schweres Gerät macht lauten Lärm, kein Vogel mehr zu hören im Park. Ein heilloses Durcheinander haben sie angerichtet, die demokratischen Kräfte, die das jetzt alles zu verantworten haben.

Die Ruhepause im Tumult hat ihm dennoch gutgetan. Also wuchtet er sich wieder hoch, packt die beiden Griffe seines Rollators und macht sich auf den Weg durch den Schlossgarten. Ach, wäre er doch noch der stattliche Mann, der er einmal war, als er mit seinen zwei Spitzhunden durch diese Stadt spaziert ist! Wie leichtfüßig wäre er diese paar Meter bis zu seinem Ziel flaniert, links und rechts gegrüßt von den Leuten, die ihn mochten! Jetzt aber ist es eine Qual, der Weg ist lang und mühsam, vorbei an seinem schönen großen Theaterbau, auf den er noch immer stolz ist. Hinten herum um sein Schloss, in dem er einmal regiert hatte. Dann die Böschung hinauf, bis er schließlich wieder vor so einer Straßenschneise steht, die es zu überwinden gilt. Immerhin hatten die Demokraten eine gute Idee dafür gehabt: Ampeln hatten sie erfunden, die wie mit Zauberhand den unaufhörlich fließenden Strom der Autos anhalten können.

… und sein früheres Zuhause ist jetzt ein Museum

Jenes Haus, das einmal sein Zuhause in Stuttgart war, ist jetzt ein Museum. Wilhelm weiß das; er hatte es ja selbst erlebt, wie sie ihn hinauskomplimentiert hatten aus diesem Gebäude, das alte Stuttgarter noch immer „Wilhelmspalais“ nennen. Für die Jüngeren heißt es „Stadtpalais“, und so steht es auch in leuchtenden Buchstaben über dem Eingang. Besser gefallen hat es ihm ohnehin immer in seiner Villa Marienwahl in Ludwigsburg. Dass man ihm sein Stadtpalais genommen hatte, schmerzt ihn also wenig.  Sollen sie es doch als Museum nutzen.

Bis 27.3.2022: Wilhelm II. in der Ausstellung von Stadtpalais und Landesarchiv Baden-Württemberg. Foto: Volker Naumann, bereitgestellt von Stadtpalais Stuttgart

Mehr als hundert Jahre war Wilhelm nicht mehr hier gewesen. Heute aber will er sich selbst besuchen, in einer Ausstellung. An der Kasse erkennen sie ihn nicht, und er will auch keine Sonderbehandlung. Diese Zeiten sind vorbei. Also kramt Wilhelm acht Euro Eintritt heraus, hält widerwillig einen Arm hin, um sich ein Bändchen darum herum kleben zu lassen. Ob er geimpft sei, wird er gefragt. Ja, klar, „ich bin doch nicht blöd“, nuschelt er durch seinen Bart. Dann muss er sich noch über die Ermahnung wundern, er solle keine Bilder berühren. „Sehe ich so aus?“, fragt er zurück. Und er muss versichern, dass er über keines dieser neumodischen drahtlosen Telefone verfügen würde, weil er es sonst tief in seiner Tasche zu vergraben hätte. Wilhelm findet, dass es ganz schön kompliziert geworden ist, sich selbst zu besuchen.

Aber dann ist er endlich drin in seinem eigenen Leben. War es überhaupt „seins“?  Niemals hat ihn jemand gefragt, ob er hatte König werden wollen. Ein Studium hatte er absolviert, sich mit allem beschäftigt, was für den Staat wichtig war: Jura, Politik und Finanzen. Dann musste er zum Militär, sogar zu den kriegsfreudigen Preußen nach Potsdam.

Die Weitsicht des Adels war begrenzt …

Vieles lief nicht so, wie er sich das gewünscht hätte. Seine erste Ehefrau, die liebe Marie, war gestorben, zwei tote Kinder hatte er zu betrauern. Kein Thronfolger war ihm vergönnt gewesen, aber es wurde ja auch keiner mehr benötigt. Seine zweite Frau Charlotte, die war ihm geblieben.  Und natürlich Pauline, seine Tochter. Wie hatte sie seine Pferde geliebt! Täglich geht er zu ihrem Grab, nicht zum Friedhof, sondern die kleine Allee bei Marienwahl entlang. Pauline ruht direkt neben den verfallenen Pferdeställen.

Villa Marienwahl in Ludwigsburg

Das ist ohnehin jetzt alles vorbei, denkt sich Wilhelm, die Pferde tot, auch an eine Jagd ist nicht mehr zu denken. Gott sei Dank sind auch die sinnlosen Kriege vorbei, für die er Soldaten an seinen preußischen Namensvetter, den Kaiser und Kriegstreiber, hatte abstellen müssen. Wilhelm muss schwer atmen, als er seinen eigenen Aufruf an seine Württemberger liest. „Furchtlos und treu“, hatte er 1914 geschrieben, sollten sie für das Vaterland kämpfen. Wo hatte er das erst neulich wieder gelesen?

Gekämpft haben sie bestimmt, aber hauptsächlich sind sie gestorben, denkt sich Wilhelm. Der Krieg ging verloren. Die Weitsicht des militärverliebten Adels war eben sehr begrenzt. Jetzt betrachtet er die Bilder und Texte rund um seine Vertreibung aus diesem Haus. An das pseudo-revolutionäre schwäbische Gedruckse kann er sich noch gut erinnern. Das schlechte Gewissen triefte damals seinen sozialistischen Untertanen aus jeder Pore. Eine Revolution vollziehen wollten und sollten sie, obwohl sie gegen ihn als König eigentlich gar nichts einzuwenden hatten.

… und die Weitsicht der Demokraten ist es auch

Also haben sie ihn nach Bebenhausen vertrieben, aber dort ihn in Ruhe gelassen. Das waren schwere Stunden, denkt sich Wilhelm, aber man kann es schlechter erwischen. Die in der Revolution ermordeten Adligen von Frankreich zählen dazu sowieso, aber zum Beispiel auch der kunstsinnige junge König von Bayern, nur drei Jahre älter als er, den sie irgendwie im See ersäuft haben. Hätte der mal besser auch einen Bahnhof und nicht teure Schlösser gebaut, dann hätte er vielleicht länger leben dürfen. Heute verdienen sie Millionen mit Neuschwanstein und Herrenchiemsee, aber damals waren sie ihnen zu teuer. Auch die Weitsicht der Demokraten ist begrenzt, denkt sich Wilhelm.

Der alte Nicht-mehr-König ist nun reichlich erschöpft von seinem eigenen Leben, als er den Ausstellungsraum verlässt. Erschrocken hält er inne: Sein lebensgroßes Gegenüber steht da, mit seinen zwei Spitzhunden, in grau gegossen, bärtig, Hut und Anzug. Sein Denkmal! Wilhelm gefällt sich in dieser Darstellung. In der Zeitung hatte er gelesen, dass die Stuttgarter streiten, ob überhaupt und wo dieses Denkmal einmal auf Dauer stehen soll. Ihm ist es egal.

Dann tritt Wilhelm heraus aus seinem Palais, vorsichtig bugsiert er seinen Rollator die geschwungene Einfahrt herunter, die einmal seine Besucher für ihre Kutschen benutzt hatten. An der Straße winkt er einem Taxi, das auch gleich anhält. Lautes Getröte und Gehupe erschallt, als der Taxifahrer die Weiterfahrt blockiert, um dem alten Mann zu helfen. „Nach Ludwigsburg“, sagt Wilhelm, als er im Auto sitzt.

„Schön im Museum?“, fragt der Taxifahrer, „um was geht’s denn dort?“

„Um mich, aber das ist nicht wichtig“, antwortet Wilhelm.

Der Taxler wendet sich zu Wilhelm herum und mustert ihn lange. Aber Wilhelm erwidert den Blick nicht, sondern schaut geradeaus.

„Sie sollten lieber auf den Verkehr achten“, sagt er schließlich und deutet durch die Windschutzscheibe nach vorne. Bremslichter leuchten vor ihnen auf, lautes Hupen ertönt, ein Fahrer gestikuliert wild aus dem Autofenster heraus. Quietschend bleibt auch das Taxi stehen. Da vorne, direkt vor ihnen, laufen todesmutig zwei Spitzhunde durch das Verkehrsgetümmel, wuseln hindurch zwischen den Autos, überspringen Verkehrsinseln, kümmern sich nicht um Ampeln – und verschwinden im Schlossgarten.

 

 

 

Die Ausstellung „Wilhelm II. – König von Württemberg“ ist noch bis 27. März 2022 zu besichtigen im Stadtpalais Stuttgart und im unmittelbar benachbarten Hauptstaatsarchiv Stuttgart: https://www.stadtpalais-stuttgart.de/ausstellungen/wilhelm-ii-konig-von-wurttemberg

Auf der Website der Ausstellung finden sich zahlreiche weiterführende Informationen über Wilhelm II von Württemberg, sein Leben, eine historische Einordnung und Beiträge zur Diskussion über die Erinnerungskultur heute (auch über das Denkmal).

Ein sehr schöner Beitrag über die Geschichte der Villa Marienwahl in Ludwigsburg findet sich im Online-Archiv der Stuttgarter Zeitung: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ludwigsburg-die-klitsche-des-koenigs.73f60c60-45ce-4b4a-a88a-4eebc0cbe1e1.html

 

Unbeugsam-weiblich gegen den „Ökozid“ (27. September 2021)

Am Tag nach der Wahl steht nicht viel fest. Aber vermutlich wird es ein Mann sein, der Angela Merkel im Kanzleramt folgen wird. Er wird einlösen müssen, was die heutige Kanzlerin einmal für sich in Anspruch nahm: ein Klima-Kanzler sein.

In „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart muss Angela Merkel (hier die Schauspielerin Nicole Heesters) als Zeugin vor Gericht aussagen. Foto: Björn Klein

Diese Vorrede lenkt den Blick auf ein aktuelles Kultur-Ereignis am Schauspiel Stuttgart. Dort sind es Frauen, die zu Gericht sitzen, und es sind Frauen, die sich verteidigen. Wir befinden uns gedanklich im Jahr 2034, und eine dann stolz-ergraute Angela Merkel, seit 13 Jahres aus dem Amt geschieden, wird als Zeugin befragt. Sie wird gespielt von Nicole Heesters als noch immer hoch kontrolliert in ihren Bewegungen, ihren Aussagen, ihrem Auftritt. Hätte sie die Klimakatastrophe abwenden können, wenn sie gemäß dem gehandelt hätte, was bereits bekannt war?

Vorwurf: Untätigkeit gegen die Katastrophe

Die Rede ist von dem Schauspiel „Ökozid“ (Premiere war am 24. September). Den Vorsitz in einem Internationalen Gerichtshof führt eine strenge, verständige Richterin, die Anklage wird von zwei Frauen vertreten: einer stimmgewaltigen Sprecherin des Verbundes der 31 klagenden Staaten „des globalen Südens“ und ihrer Anwältin. In dieser Besetzung unterscheidet sich das Theaterstück, das in Stuttgart uraufgeführt wird, von dem gleichnamigen Film, der im November letzten Jahres bei der ARD zu sehen war. Auch sonst hält der Theaterabend zahlreiche künstlerische Überraschungen und Ergänzungen parat, der den Besuch lohnen lässt, auch wenn man den Film bereits gesehen hat.

Zur Sprache kommt alles, was uns in den zurückliegenden Wochen des Bundestagswahlkampfs täglich beschäftigt hat, und es in den kommenden noch viel dringlicher tun wird. Hätten die deutschen Regierungen seit Gerhard Schröder es hätten besser wissen können? Hat Deutschland im internationalen Zusammenspiel der klimafeindlichen Kräfte überhaupt relevantes Gewicht? Verletzt die Untätigkeit des Nordens gegenüber den erkennbaren Folgen einer Klimakatastrophe vor allem im Süden der Weltkugel grundlegende Menschenrechte, wie sie die UN-Charta allen Menschen gleichermaßen verspricht? Oder ist alles ganz anders, war davon nichts erkennbar, ist irgendwas davon noch strittig oder nicht?

Empörende Erfahrungen im Wahlkampf

Männer spielen während dieses nachdenklich machenden und trotzdem unterhaltsamen Theaterabends allenfalls kauzige Nebenrollen. Sie plustern sich auf in oft substanzloser Rechthaberei, womit eine Brücke gebaut wäre zu einem geschlechterspezifischen Blick auf den Wahlkampf und auf das, was nun folgen wird in den Verhandlungen über eine neue Regierung. Der Blick zurück macht fassungslos. Wie selbstgerecht und rechthaberisch mit einigen Spitzenfrauen in diesem Wahlkampf umgegangen worden ist – oft, aber nicht nur, von Männern – ist für jeden sensiblen Geist eine empörende Erfahrung.

Frauen in der Politik können ganz generell darüber viel berichten. Daher hier nur einziges, aber besonders prominentes Beispiel aus den letzten Wochen: Die Republik zu „warnen“ vor einer Machtübernahme durch die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, der unterstellt wurde, dass sie wie eine strippenziehende Mephista den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz marionettenartig über die politische Bühne zappeln lassen würde – das adressierte zumindest zum größeren Teil nicht deren inhaltliche Aussagen. Sondern es appellierte an dumpfe Assoziationen, die sich gegen ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre von manchen vielleicht als ruppig empfundene Sprechweise richteten.

Engagierte Frauen waren nicht willkommen, …

Also raus aus dem Theater, wenige Häuser weiter, rein ins Kino! In fast zwei Stunden breiten dort im aktuellen Film „Die Unbeugsamen“ politisch erfahrene Frauen aus, welche Mühen, Gemeinheiten, Niederlagen, Zurücksetzungen und Zumutungen aller Art sie aushalten mussten, bis sie in der Männerwelt der deutschen Nachkriegspolitik angekommen waren. Der Film lässt keine Zweifel offen, dass engagierte Frauen alles andere als willkommen waren, und auch, dass die Männer sich kaum Mühe gaben, ihre ehrverletzende Überheblichkeit wenigstens höflich zu verbergen. Um sich in diesem Umfeld durchzusetzen, mussten Frauen Männern so ähnlich wie möglich werden. Für einen ersten Einblick genügt schon der Trailer des Films (Link siehe unten). Die Verhältnisse sind zweifellos besser geworden – aber gut sind sie noch nicht, wenn im neu gewählten Bundestag der Frauenanteil von 31 auf gerade mal 35 Prozent gestiegen ist.

… sind jetzt aber Mehrheit und Stimme der Klimaaktiven

Beim Stuttgarter „Ökozid“ fehlt es den Frauen nicht an Macht. Trotzdem haben sie in der Diktion des Theaterstücks vollständig männlich versagt. Ihr Scheitern bei der rechtzeitigen Rettung der Welt ist im Schauspiel ein Generationenproblem, keines der Geschlechter. Daher die Frage: Vielleicht können Frauen doch die besseren Klimaretter sein? Weil sie sich als Mütter eben doch noch immer stärker mit dem Schicksal ihrer Kinder identifizieren, als dies Väter tun? Warum sonst hat Annalena Baerbock im Wahlkampf dauernd von ihren Kindern geredet, Olaf Scholz (keine Kinder) und Armin Laschet aber nicht? In der „Fridays for Future“-Bewegung dominieren nach einer Studie des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die jungen Frauen mit 60%. Alle wesentlichen Repräsentantinnen der Bewegung sind weiblich.

Vielleicht ist das nun die neue Generation unbeugsamer Frauen, die nach Kriegsende in der deutschen Politik fehlten. In der neuesten Folge des „unendlichen Podcast“ der ZEIT (Link unten) formuliert die Schauspielerin Nora Tschirner einen weiteren Aspekt. Für Frauen und für unsere Gesellschaft kann es nicht nur darum gehen, Männer an  ihren Machtpositionen gleichwertig zu ersetzen.  Als „Seitenprodukt“ des jahrhundertealten Patriarchats sei ein „Privileg auf Frauenseite entstanden, eine Weisheit in Beziehungen, Kommunikation, Gefühle und zwischenmenschlichen Geschichten“. Dieses Potenzial sei bisher gesellschaftlich noch nicht ausreichend hochgewertet.

Die Klimakrise fordert neue Kompetenzen

Mehr Weiblichkeit in diesem Sinne hätte der Politik in den letzten 50 Jahren vielleicht weniger Orientierung am Automobil ermöglicht, mehr Naturschutz durchgesetzt, vielleicht auch insgesamt weniger Wachstum und  weniger Reichtum in Kauf genommen, aber dafür eine andere Balance aus Arbeit und sozialem Leben ermöglicht, ein anderes Geben und Nehmen, weniger Raffen, mehr Fürsorge.

Für eine Abwendung der drohenden Klimakatastrophe benötigen wir genau all das. Schade, dass dieser Aspekt im Stuttgarter „Ökozid“-Prozess keine Rolle spielt. Er endet jedoch mit einer eindrücklich sinnlichen Inszenierung, die den Theaterbesucher hinunterzieht in die Flut der steigenden Meeresspiegel. Und wenig überraschend: Es ist eine junge Frau, deren Stimme uns dort hineinführt und uns darin ertrinken lässt.

 

„Ökozid“ ist am Schauspiel Stuttgart noch mehrfach bis November auf dem Spielplan, jeweils verbunden mit einer Rede von Klima-Aktiven: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/a-z/oekozid-2021/

Der Trailer zu „Die Unbeugsamen“ ist hier zu finden, der Film läuft (noch) in den Kinos: https://www.youtube.com/watch?v=yLjAayYEgOQ

Der Podcast und die Videoaufzeichnung von „Alles gesagt“ mit Nora Tschirner dauert fast vier Stunden. Die hier zitierte Passage (und mehr zu ihrer Sicht auf modernen Feminismus) ist etwa zehn Minuten vor dem Ende zu finden: https://www.zeit.de/video/2021-09/6271162956001/lange-nacht-der-zeit-2021-alles-gesagt-mit-nora-tschirner-christoph-amend-und-jochen-wegner?utm_referrer=https%3A%2F%2Fverlag.zeit.de%2F

 

 

Micha geht wählen – Ein modernes Märchen (26. September 2021)

Später Nachmittag, Ende September in Deutschland. Tür auf, raus aus dem Haus, links um die Ecke. Jetzt geradeaus bis zur nächsten Straße. Micha steckt in Schlabberhosen, lockerem T-Shirt und hat wirre Haare. Und er weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Er hat es eilig, und noch dazu hat er einen sonderbaren Gesellen im Schlepptau – oder treibt ihn dieser unpassend gekleidete Begleiter nicht eher vor sich her? Wie ist es dazu nur gekommen?

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Für Georgios hatte der Tag schon sehr früh begonnen. Das war nicht ungewöhnlich, denn tagsüber brannte die Sonne gnadenlos vom attischen Himmel. Es war wichtig, die kühlen Morgenstunden zu nutzen für die schwere Feldarbeit oder – wie heute – für den Weg in die Stadt. Georgios wollte nach Athen, rechtzeitig, bevor die Ekklesia begann. Perikles sollte eine Rede halten, und das war ein besonderes Ereignis. Um dorthin zu kommen, musste Georgios vier Stunden laufen, hinweg über staubige Wege, hindurch zwischen den Weinbergen, vorbei an Bettlern, vorbei an den Tempeln. Heute hatte er keine Zeit, den Göttern zu opfern. Er musste auf die Agora, denn heute war Volksversammlung.

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Micha hatte einen faulen Sonntag-Nachmittag verbracht, bis es geklingelt hatte. Das Nachmittags-Fußballspiel war eben erst beendet, Abpfiff nach drei Minuten Nachspielzeit. Aber dann machte es „Ding-dong“. Vor der Tür war ein sonderbarer Fremder gestanden, ein Mann mittleren Alters, gestutzter Bart, in langem weißem Gewand. Es war eigentlich nur ein Tuch, ähnlich wie es indische Frauen als bunte Sahris tragen, kunstvoll gewickelt, aber in Weiß. Gerafft war das Tuch über die rechte Schulter. Die linke lugte blank hervor, und das jetzt im Herbst, dachte sich Micha, so warm ist es doch auch wieder nicht. „Ich bin auf dem Rückweg“, sagt der sonderbare Fremde, „das sind noch fast vier Stunden Fußweg.“ Manfred schaute dem Bärtigen ins Gesicht, perplex über dessen Erscheinung, und hatte keine Idee, was er zu diesem Überraschungsbesuch sagen könnte. „Vielleicht etwas zu trinken?“, fiel ihm schließlich doch noch ein.

„Nein, Danke,“ winkte der Fremde ab, „wir haben dafür keine Zeit.“ Seine Stimme klang angenehm, klar, auch selbstbewusst. „Wissen Sie, den ganzen langen Weg habe ich nur wegen meiner Stimme auf mich genommen“, setzte der Fremde hinzu, „nur damit sie nicht verfällt.“

„Und – und was kann ich sonst für Sie tun?“ stotterte Micha.

„Für meine Stimme bin ich so weit gelaufen, Stunde um Stunde,“ antwortete der rätselhafte Fremde, „da wirst Du doch die paar Meter hier zum Wahllokal schaffen“. Fordernd zeigte er in eine bestimmte Wegesrichtung. „Aber beeil Dich, Du hast nicht mehr viel Zeit.“

Ja, heute war Wahlsonntag. Eigentlich hatte Micha per Briefwahl abstimmen wollen, wie das zurzeit fast alle taten. Aber erstens hatte er es verduselt, den Antrag abzuschicken. Und zweitens war er ohnehin unsicher, was oder wen er eigentlich wählen sollte. Die dauernden Wahlsendungen, die Plakate überall und die Posts auf Facebook – das alles hatte ihn schwer genervt in letzter Zeit. Keine Ahnung, für oder gegen wen er da stimmen sollte. Irgendwie war es auch egal, fand Micha. Ihm ging es gut, er hatte eine kleine, aber auskömmliche Rente, das Häuschen war abbezahlt, die Kinder verdienten ihr eigenes Geld. Weniger Steuern wären erfreulich, klar. Aber Micha machte sich auch keine Illusionen: Weniger Steuern machen den Staat arm, und irgendwer muss ja seine Rente und die Schulen und Straßen bezahlen. Also werden die Steuern ohnehin nicht sinken und wegen der Steuern muss er dann auch nicht zum Wählen gehen. Mindestlohn interessierte ihn auch nicht mehr. Und das mit dem Klima verstand er sowieso nicht. Also hatte er erst heute Morgen den Brief mit der Wahlbenachrichtigung in den Papierkorb geworfen, zu spät für eine Briefwahl. Und was würde seine Stimme schon ausmachen?

„Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Stimme hat, mein Freund,“ hörte Micha den Fremden jetzt sagen, als könnte er Gedanken lesen. Seine strenge Autorität blieb bei Micha nicht ohne Wirkung. Verwirrrt kramte er den Umschlag wieder aus seinem Abfall, schlüpfte in seine Schuhe und stapfte los.

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Der griechische Politiker Perikles (gest. 429 v. Chr.) gilt aus Vordenker und Konstruktuer der Athener Demokratie (Hier eine Statue von der Fassade der Glytothek, München).

Georgios war stolz auf sein Bürgerrecht. Deshalb nahm er es alle paar Wochen es auf sich, den langen heißen Weg in der frühen Morgensonne hinter sich zu bringen. Als vollwertiger Bürger von Attika durfte er in Athen abstimmen und wählen. Seine Stimme zählte. Georgios fand es wichtig, dass nicht nur die fettleibigen Städter ihre Stimme abgaben, sondern auch die hart arbeitenden Bauern vom Land rund um die Hauptstadt. Als er die Agora erreichte, herrschte dort schon reges Treiben, hunderte Bürger hatten sich versammelt, um zu diskutieren und abzustimmen. Der Rat hatte dafür gesorgt, dass es eine Ordnung gab in diesem Durcheinander. Aufmerksam hörte er die mitreißende Rede von Perikles. Und die Gegenreden anderer Athener Bürger. Aber Georgios wusste auch: Die Städter hatten vieles schon vorab besprochen. Wie bei jeder Versammlung dominierten diejenigen, die hier jeden Tag lebten, die sich in den Gassen der Hauptstadt absprechen konnten, die täglich palaverten in den Tavernen, die sich auf dem Markt begegneten und nebenbei Politik machten. Viele der Diskussionen verstand er auch gar nicht richtig, aber er stimmte nach bestem Wissen mit.

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So kam es, dass Micha jetzt unterwegs ist. In seinen Sandalen schlurft der Fremde hinter ihm her, das weiße Gewand schleift auf dem Asphalt. Den Weg zum Wahllokal kennt Micha gut, er war ihn schon tausendmal gegangen, nicht zum Wählen, sondern raus zu den Sportplätzen am Ortsrand. An der Straßenecke links, vorbei an der Flüchtlingsunterkunft, die vor ein paar Jahren gebaut worden war. Stammt der Fremde von dort? Nein, eher nicht, denkt sich Micha. Die Menschen in der Unterkunft sehen fremdländisch aus, aber so eigenartig wie der Mann im gewickelten Tuch denn doch nicht.

Jetzt muss Micha die Straße überqueren, vorbei an der Schranke, die dafür sorgt, dass es keinen Durchgangsverkehr gibt im schönen Wohnviertel. Micha wendet sich um, der Fremde folgt ihm auf Schritt und Tritt. auf. Schließlich bleibt Micha stehen, und sieht dem Kauz mit der Toga mitten ins Gesicht. „Wer bist Du eigentlich und warum willst Du mir vorschreiben, wohin ich gehe?“

Der Fremde bleibt ruhig, seine Hand macht eine nach vorne wedelnde Bewegung – Los, geh weiter!, soll sie wohl bedeuten. „Du verlierst Zeit, mein Freund. Du hast nur noch fünf Minuten.“

Also setzt Micha seinen Weg fort, rechts abbiegen, jetzt den Fußweg am Wald entlang, links vorbei am Kindergarten. Rechts die Schule, die seine Kinder besucht hatten. Weiter vorne lugt das große Automobilwerk hervor, in dem Micha gearbeitet hatte.

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Als Georgios bei Sonnenuntergang seinen Rückweg antrat, wieder vier Stunden zurück in sein Dorf, da dachte er an seine Frau und seine Kinder, die ihn fragen werden, ob es das wieder Wert gewesen sei? Ein ganzer Tag in Stadt, statt auf den Feldern, bei den Tieren? Georgios wusste, wie er antworten würde: So viele Menschen in den anderen Städten des Peloponnes, in Sparta zum Beispiel, wären dankbar, wenn sie eine Stimme hätten. Niemand sonst kennt eine Herrschaft des Volkes. Überall regiert das Schwert der Mächtigen. Nur als Bürger Attikas bin ich nicht despotischen Entscheidungen ausgeliefert. Ich entscheide selbst mit!

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„Du willst wissen, wer ich bin?“, hört Micha jetzt den Fremden sagen. „Es ist nicht einfach zu erklären, weil aus Deiner Zeit bin ich nicht. Aber ich bin attischer Bürger, und wir Athener sind stolz auf unsere Demokratie. Aber von einem freien, gleichen Wahlrecht, wie Ihr es heute habt, können wir zu unserer Zeit nur träumen. Frauen dürfen nicht mitstimmen, und auch nur solche Männer, die ein Bürgerrecht besitzen. Und das blieb auf der ganzen Welt noch fast 2500 Jahre so.“

Ah, ein Grieche! Einer aus dem Erfindervolk der Demokratie! Endlich konnte Micha den seltsamen Begleiter einordnen. Aber wie konnte der Bärtige das alles wissen? War er 2500 Jahre alt? Die Begegnung blieb rätselhaft.

„Ihr habt es wirklich weit gebracht im Vergleich zu uns,“ hob der Grieche wieder an. „Neidisch bin ich nicht nur auf Eure glatten Straßen und großen Schulen und prächtigen Fabriken, sondern auch auf Euer Stimmrecht.“ Noch ein paar Schritte, schon kommt die Gastwirtschaft in den Blick, heute Michas Wahllokal. „Klingt doch ganz einfach, oder?“ fragt der Toga-Mann. „Jeder erwachsene Mensch wählt in seinem Land, wo er Staatsbürger ist, frei, gleich, geheim. Egal, ob Mann oder Frau, egal ob reich oder arm, egal ob von Adel oder nicht, ob Arbeiter oder Professor, egal was er glaubt oder denkt. Jede Stimme zählt gleich. Und es gibt feste Regeln, wann und wen man wählen kann.“

„Ja eben,“ antwortet Micha. „Klare Sache. Was regst Du Dich so auf?“

Da kommt Leben auf in dem rätselhaften Fremden. Er springt an Micha vorbei, das Tuchgewand wirbelt herum. Der Grieche stellt sich Micha in den Weg: „Eine klare Sache nennst Du das? Wir haben es erfunden, aber damit es so ist wie heute, musste über Jahrhunderte gekämpft werden, dafür sind Menschen eingekerkert worden und gestorben!“, schnauzt er Micha jetzt an. „Und was machst Du? Du schmeißt Deinen Wahlbrief einfach in den Papierkorb.“

Kopfschüttelnd tritt der Bärtige zur Seite. „Nun mach schon, die Zeit läuft!“ Micha blickt auf seine Uhr: eine Minute vor sechs. Mit wenigen Schritten stürmt er in das Wahllokal. „Jetzt aber schnell“, lacht die Wahlhelferin, als er den Raum betritt. Resopaltische, Sperrholzkabinen, an der Decke Hochzeitsgirlanden für vergangene und künftige Feste. Rein in die Kabine, zwei Kreuze gemacht. Plötzlich hat Micha keine Zweifel mehr: na klar, dorthin gehören sie, die Kreuze. Und schon verschwindet der Zettel sorgsam gefaltet im Schlitz des grauen Kastens. Geschafft!

„18 Uhr!“ ruft der Wahlvorstand in den Raum. Micha tritt heraus, blickt sich um. Der Fremde ist verschwunden.

 

Mehr Informationen über die attische Demokratie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Attische_Demokratie

 

 

 

Deutschland gemeinsam machen (13. September 2021)

Ein Essay über den Wahlkampf-Claim der CDU – aus meiner Mini-Serie als #PolitikFlaneur über die Wahlkampf-Slogans der drei Kanzlerkandidaten-Parteien

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Was ist das Beste im Mann?

Chips auf dem Sofa, das Bier im Anschlag: Ein Ehepaar guckt Fernsehen. Schon zum wiederholten Male schlägt sie in der Werbepause die Hände über dem Kopf zusammen. „Wie kann man sich nur so klein machen!“ ruft sie aus und blickt ihren Mann fragend an. Gerade hat ein Rasierklingen-Hersteller für seine Produkte geworben. Glatt und reibungslos gleitet die Klinge über das Kinn des Mannes, keine Chance für Bartstoppeln. Dazu der Slogan: „Für das Beste im Mann“.

„Wie kann man nur!“, ereifert sie sich, „die blöden Bartstoppeln sind doch nicht das Beste an Euch Männern!“ Er ist gelangweilt. Die Diskussion haben die beiden schon zig-mal geführt. „Darum geht es doch gerade, dass Du Dich aufregst, dass Dir das in Erinnerung bleibt“, wendet er müde ein. „Du denkst beim ‚Besten im Mann‘ natürlich nicht an Barthaare, sondern an was anderes, was auch immer, aber jedes Mal, wenn es wieder kommt, denkst Du an die Rasierklingen …“

Eine spontane Umfrage ohne Anspruch der Repräsentativität zeigt, dass der zentrale Werbeclaim der CDU nicht Gefahr läuft, eine vergleichbare Diskussion auszulösen. Die wenigsten Befragten kennen ihn, obwohl er auf fast jedem CDU-Plakat stand, das bis September zu sehen war. Der Slogan der CDU lautet: „Deutschland gemeinsam machen“.

Eine Aktivität vortäuschende Selbstverständlichkeit

„Die Zeit ist schlecht?“, fragte der schottische Essayist Thomas Carlyle (1795 – 1881) vor 150 Jahren, und gab gleich auch die Antwort: „Wohlan. Du bist da, sie besser zu machen!“ Aber der Spruch der CDU lautet eben nicht „Deutschland besser machen“ – sondern einfach nur „machen“. Kann man Deutschland „machen“? Ist das überhaupt erforderlich, denn eigentlich war es doch schon immer da, oder? Ist es vielleicht sogar schon fertig? Die Fragen zeigen, auf welche Komplexität der auf den ersten Blick inhaltlich eher einfallslose Claim der CDU-Kampagne zur Bundestagswahl einzahlt. „Deutschland gemeinsam machen“ ist so etwas wie eine  Aktivität vortäuschende Selbstverständlichkeit. „Machen“ tun wir alle ständig irgendwas, wir „machen“ den Abwasch oder „machen“ die Tür zu und wieder auf. Etwas „machen“ ist eine aktive Handlung, und darauf will die CDU wohl hinweisen, sie verspricht, nicht einfach nur zu warten, das etwas geschieht, sondern sie will etwas „machen“.

Abgesehen davon, dass dies ja wohl das Mindeste ist, was wir von unseren Politikern erwarten – bleibt die Frage: Was eigentlich? „Deutschland“ kann man nicht mehr „machen“, Deutschland ist in Jahrtausenden gewachsen, ist vielfach gefallen in Ruinen und aus diesen wieder auferstanden, hat sich in Stolz und Überheblichkeit geirrt und Demut gelernt. Bei allem Respekt für die CDU: Diese Partei wird Deutschland so wenig „machen“ wie es andere tun können. Die Union hat prägenden Anteil daran, dass Deutschland heute so ist, wie wir darin leben. Aber das gilt für viele. Deutschland kann man nicht machen, Deutschland gibt es so, wie es ist.

Fertigmachen? Weitermachen?

Natürlich ist Deutschland trotz allem, was da schon gemacht wurde, nicht „fertig“. „Ich habe fertig“, sagte in einer berühmt gewordenen Pressekonferenz des FC Bayern Giovanni Trapattoni, drehte sich um, und ging hinaus, damit es keine Chance für die Journalisten gab, ihm Fragen zu stellen. Aber fertig war er trotzdem nicht, er musste noch weitermachen, bis die Bayern ihn aus dem Amt jagten. Die CDU will nicht herausgejagt werden aus dem Kanzleramt, und deshalb Deutschland gemeinsam – ja was? Fertigmachen? Nein, das passt nicht. Besser machen, wie Carlyle vorschlägt? Hört sich nicht toll an nach 16 Jahren CDU-Kanzlerschaft. Vielleicht ist „Weitermachen“ gemeint. Sehr dynamisch klingt auch das nicht, „Weitermachen“ hat so etwas von langweiliger Kontinuität, und deshalb haben die Werbestrategen der Union vermutlich das „weiter“ gestrichen, obwohl es inhaltlich so gemeint  sein dürfte.

Nun will die CDU nicht einfach Deutschland „weitermachen“, sie will es „gemeinsam“ tun. Gemeinsam mit uns Bürgern, gemeinsam mit der ganzen Gesellschaft, mit allen, die mitmachen wollen. Das klingt nach einem einladenden Angebot, ist aber eine demokratische Selbstverständlichkeit.

„Deutschland gemeinsam machen“ ist ein missglückter Allgemeinplatz. Vielleicht deshalb findet sich auf der Website der CSU der Spruch nicht. Das gemeinsame Wahlprogramm von CDU und CSU steht unter dem ebenfalls wenig originellen Motto „Gemeinsam für ein modernes Deutschland“, und auf den neuesten Wahlplakaten der CDU ist auch nichts mehr zu lesen vom gemeinsamen Machen.

Mit sprachlichen Belanglosigkeiten verkauft man nichts

Sprache ist verräterisch. Wenn die Union aus der Wahl mit einem schlechten Ergebnis herauskommen sollte, wird sie nachdenken müssen, ob es ihr selbstbezogenes Denken ist, das da zu sehr aus ihrem Slogan herauslugt. Die Parteien der konkurrierenden Kanzler-Kandidaten nehmen zumindest sprachlich in ihren zentralen Claims „Respekt für Dich“ (SPD) und „Bereit, weil Ihr es seid“ (Grüne) nicht sich selbst, sondern den Adressaten von Politik, das Wahlvolk in den Blick. Von der Idee des „gemeinsam machen“ dürfte sich die Wählerin oder der Wähler eher nicht direkt angesprochen fühlen. Eine Nebensächlichkeit? Ja, vielleicht. Aber die Bartstoppeln sind ja auch nebensächlich und nicht das Beste im Mann. Für jeden Kandidierenden ist derzeit das Beste am Wähler oder der Wählerin die Wahlstimme. Mit sprachlicher Belanglosigkeit wird sie schwer zu bekommen sein, genauso wie man damit keine Rasierklingen verkaufen kann.

 

Hier der Link zum gemeinsamen Wahlprogramm der CDU/CSU: https://www.ein-guter-plan-fuer-deutschland.de/

 

Dieser Beitrag gehört zu einer dreiteiligen Serie, die sich mit den zentralen Wahlkampf-Claims der drei Parteien beschäftigt, die einen Kanzlerkandidaten aufgestellt haben. Hier die Links zu den anderen Beiträgen: 

Respekt für Dich (SPD)

Bereit, weil Ihr es seid (Grüne)

Respekt für Dich (13. September 2021)

Ein Essay über den Wahlkampf-Claim der SPD – aus meiner Mini-Serie als #PolitikFlaneur über die Wahlkampf-Slogans der drei Kanzlerkandidaten-Parteien

Diesen Beitrag können Sie auch hören statt zu lesen:

Drei Szenen aus einer Welt der Respektlosigkeit

Später Nachmittag. Lang reiht sich die Schlange der müden Arbeitsmenschen, der ermatteten Väter und Mütter mit quengelnden Kindern zwischen den Regalen. Ungeduldig wird gerufen: „Zweite Kasse aufmachen!“. Ein genervtes Stöhnen geht durch die Reihe, als die zweite Kassenkraft ihre Schranke aufklappt. Manche, die dran sind mit beim Bezahlen, halten den Betrieb auf, weil sie telefonieren, während sie missmutig und unkonzentriert Scheine und Münzen herauskramen. Kaum jemand nimmt den Menschen wahr, der an der Kasse sitzt und ihnen damit gerade dabei hilft, dass abends etwas zu essen auf dem Tisch steht.

Im letzten Moment hat sie hingesehen, die ältere Dame in der Großstadt, die sich mit müden Beinen zum Einkauf in den Laden geschleppt hat. Nun geht es zurück nach Hause, schwer trägt sie an den zwei Tüten, die ihr das Leben für den Rest der Woche sichern werden. Im letzten Moment hat sie erkannt, dass da ein Hindernis quer auf dem Gehweg liegt. Eine ideale Stolperfalle in idealer Höhe: der e-Roller, achtlos stehengelassen, vielleicht dann umgekippt, versperrt den Weg. Viele sind schon über ihn hinweggestiegen, ohne einzugreifen. Im letzten Moment erkannt, nochmal gut gegangen, aber es hätte übel enden können: Ein Schritt später, ein Sturz weiter, ein Krankenhauaufenthalt mehr … weil andere nicht nachdachten.

Die Praktikantin hatte sich Mühe gegeben. All ihr Wissen hatte sie gezeigt und ihren ganzen Einsatz herausgekramt, bis tief in die Nacht hatte sie recherchiert und getippt und korrigiert und wieder getippt und nochmal nachgesehen. Denn es war ja so eilig. „Spätestens heute Abend!“ hatte es geheißen. Aber jetzt ist es schon Mittag und ihre Chefin meldet sich nicht. Seit Stunden liegt der Konzeptvermerk in ihrem E-Mail-Briefkasten. Schließlich will es die Praktikantin wissen und ruft an: „War das ok? Soll ich noch etwas daran ändern?“, fragt sie die Vorgesetzte. „Was, worum geht es?“, schnappt diese zurück, hörbar genervt. „Ach Dein Vermerk, ja den schaue ich mir mal an, wenn ich Zeit habe. Hab´ jetzt Wichtigeres zu tun. Und so eilig ist es ja nicht.“

„Schmierstoff“ des gesellschaftlichen Miteinanders

Dies sind Szenen aus einer Welt der Respektlosigkeit. Der Wunsch nach Respekt im Arbeitsleben zwischen den Kolleg/innen und von oder gegenüber Führungspersonen ist nach Umfragen größer als der Wunsch nach einem besseren Gehalt. Die Idee der Scholz-/SPD-Kampagne, den Begriff „Respekt“ und das Versprechen „Respekt für Dich“ zu zentralen Ankern im Bundestagswahlkampf zu machen, ist daher klug und nachvollziehbar. Wir alle wünschen uns Respekt, wir sind verletzt, wenn es im Umgang mit uns an Respekt mangelt. Das Fehlen von Respekt nimmt uns gegenseitig die Lebensfreude, macht den Alltag trübe und kühl. Respekt ist der „Schmierstoff im gesellschaftlichen Miteinander“, sagt in einem sehr klugen Podcast des Bayerischen Rundfunks (Link siehe unten) Nils van Quaquebeke, ein Hamburger Professor für Psychologie, der sich seit Jahren mit dem Thema Respekt beschäftigt hat.

Kann ein Respekt-Versprechen politisches Programm sein? „Aus Respekt vor Deiner Zukunft“, lauten die ersten Zeilen des SPD-Wahlprogramms. Und gleich danach verspricht es Einsatz für eine „Gesellschaft des Respekts“. Auch listet es gleich eine Reihe von Maßnahmen auf, die je nach politischem Standort als geeignet bewertet werden mögen, für mehr gegenseitigen Respekt in unserer Gesellschaft zu sorgen. Aber im engeren Sinne können nur wir selbst dafür sorgen, den Blick für ein Lächeln an der Supermarktkasse zu heben; nur wir können den liegengebliebenen Roller aufheben und zur Seite stellen, anstatt darüber hinwegzusteigen. Oder Wertschätzung für die Arbeit zu zeigen, die für uns erledigt wird, im Job, aber auch gegenüber dem Paketboten in der zweiten Reihe, gegenüber der Müllabfuhr, den Arbeitern auf der Straßenbaustelle, auch wenn sie uns gerade aufhalten.

Respekt ist politische Kultur, kein Programm

Dass Politiker/innen Respekt haben und zeigen sollten gegenüber den Wählenden, ist Grundlage der demokratischen Ordnung (was übrigens auch umgekehrt gilt: Das Ausmaß an Respektlosigkeit, das relevante Teile der Öffentlichkeit gegenüber Politiker/innen zeigen, ist bodenlos.). Der einzelne Bürger mag die eine politische Entscheidung mehr oder weniger „respektvoll“ für sein Alltagsleben und gegenüber seinen eigenen Interessen empfinden als die andere – von der Grundidee des „respektvollen Dienens“ der Politik gegenüber den Bürgern sollte im Idealfall jede davon getragen sein. Unsere Interessen sind unterschiedlich, und wir sollten ihnen im politischen Prozess allesamt voller Respekt begegnen – aber keine Politik wird alle Interessen befriedigen können. Man kann es noch so eilig haben – jede Ampel muss einmal rot haben und uns aufhalten, damit andere vorankommen können. Dann ist der Respekt vor den Interessen des anderen gefordert. Respekt ist ein wichtiger Baustein der politischen Kultur – aber kein politisches Programm.

„Wie hältst Du es mit dem Klima, Olaf?“

Und wie ist das mit dem „für Dich“ in dem Claim der SPD? Olaf Scholz bietet dem Bürger auf seinen Plakaten einfach mal so locker das „Du“ an. Nach den auch heute noch gültigen Knigge-Regeln ist das in mehrfacher Hinsicht problematisch.  Die Dame hat Vortritt, und unter Männern der Ältere. Und er müsste eigentlich fragen, und das nicht einfach verordnen. Eine Respektlosigkeit? Vielleicht, wenn auch eine zeitgemäße. Immer mehr Unternehmen reden alle ihre Kunden mit „Du“ an, und auch im Arbeitsalltag breitet sich die lockere Anrede immer weiter aus. In der SPD duzen sich die Genossen  untereinander ohnehin. Auch die Grünen haben in ihrem Claim „Bereit, weil Ihr es seid“, den Du-Plural gegenüber den Bürgern gewählt (übrigens im Süddeutschen durchaus üblich, auch wenn man sich sonst siezt – zum Beispiel in einer Gruppe: „Seid´s Ihr noch im Biergarten oder sind Sie schon wieder im Büro?“).

Ob Olaf Scholz so locker ist, wie der Spruch vermuten lässt, wäre zu beobachten, wenn ein Nicht-SPD-Mitglied in der nächsten TV-Talkrunde den Bundesfinanzminister und Vizekanzler auch einfach mal duzen würde: „Wie hältst Du es mit dem Klima, Olaf?“ Bei der ARD-Wahlarena hat sich das niemand getraut. Scholz wäre vermutlich professionell genug, das auszuhalten, ohne mit der Mine zu zucken. Die Öffentlichkeit würde es aber als unhöfliche Respektlosigkeit einordnen, vielleicht sogar als fragwürdige Vertrautheit. Insofern gilt: „Respekt für Dich“ gilt auch gegenüber dem Kanzlerkandidaten.

 

Eine gute und ausführliche Definition des Begriffs „Respekt“ ist hier zu finden: https://www.respectresearchgroup.org/respekt/definition/

Der hörenswerte Podcast von BR-Wissen zum Thema Respekt ist hier zu finden: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/respekt-grundpfeiler-des-miteinander/33176

Das Wahlprogramm der SPD ist hier zu finden: https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Programm/SPD-Zukunftsprogramm.pdf

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Bereit, weil Ihr es seid (Grüne)

Deutschland gemeinsam machen (CDU)

Bereit, weil Ihr es seid (13. September 2021)

Ein Essay über den Wahlkampf-Claim der Grünen – aus meiner Mini-Serie als #PolitikFlaneur über die Wahlkampf-Slogans der drei Kanzlerkandidaten-Parteien

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Über die Bereitschaft

Der Augenblick, in dem alles bereit ist, ist ein ganz besonderes Momentum in unserem Leben. Wenn alle Geschenke bereitliegen, die Ungeduld ein Ende hat und die lichterglänzende Einbescherung endlich beginnen kann. Wenn das Orchester bereit ist, alle Töne gestimmt sind, das Publikum im Dunkel versinkt, und der Dirigent das Podium betritt. Wenn sich der Vorhang hebt und endlich das Schauspiel beginnt – weil jetzt alle dazu bereit sind.

Aber Bereitschaft ist auch eine Last: Jeden Tag sitzen Tausende Polizeibeamte in Deutschland in Wartesälen und Schlafräumen, und sind bereit dafür, einzugreifen, wenn es nötig ist. Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräfte, Notfalltechniker und viele andere Berufe geben uns mit ihrer Bereitschaft die Sicherheit, dass notfalls jemand da ist, wenn wir sie oder ihn brauchen. Wir hoffen, dass wir das nicht brauchen, und die Soldatin in Friedenszeiten, die Polizistin oder der Krankenpfleger im Bereitschaftsdienst hoffen ebenfalls, dass es bei der Bereitschaft bleibt und ihr kein Einsatz folgen möge. Am schönsten ist für alle, wenn die Nacht ruhig bleibt.

Ein Slogan von ausdrucksstarker Sperrigkeit

Es lohnt sich also darüber nachzudenken, was die Grünen eigentlich meinen, wenn sie über ihre eigene und unser aller Bereitschaft sprechen. Ihr zentraler Wahlkampfslogan „Bereit, weil Ihr es seid“ brennt sich mit seiner ausdrucksstarken Sperrigkeit ein in den Kopf. Das spricht zunächst einmal für die Werbeagentur, die ihn erfunden hat. Keine andere Partei, die im aktuellen Bundestagswahlkampf einen Kanzlerkandidaten stellt, hat ihren Claim so konsequent auf jedem Plakat, in jeder Werbung verwendet. Aus gutem Grund: „Bereit, weil Ihr es seid“ ist kein Motto, das in Beliebigkeit untergeht, kein Wiederholen des immer gleichen Geredes von „Zukunft“ und „Gestalten“. „Bereit, weil Ihr es seid“ ist eine Überraschung, hat sprachliche Widerhaken, ist mindestens im gleichen Umfang ein Appell wie ein Versprechen: Wer ist denn hier bereit? Und wofür?

„Ihr“, das sind ja wohl wir Deutschen. Ob wir bereit sind für die erforderliche, grundlegende Änderung unserer Gewohnheiten, damit wir die galoppierende Erderhitzung aufhalten, wird sich erst noch herausstellen. Schon verblassen die Bilder von den Folgen der Flutkatastrophe in unserem eigenen Land, von den Waldbränden, von den Hitzerekorden in den USA und Südeuropa. Ob es ausreichend Bereitschaft in unserer Wohlstandsgesellschaft gibt, etwas abzugeben vom eigenen Reichtum – das ist vorerst ungeklärt. Die sinkenden Umfragezahlen für die Grünen lassen eher wenig Optimismus zu. Aber nur so wird sich das Klima retten und damit verbunden die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich schließen lassen.

Sind wir bereit, dass die Einbescherung beginnt?

Am Anfang jeder Bereitschaft steht die Einwilligung in den möglichen Verzicht. Wer Bereitschaftsdienst hat, muss erreichbar bleiben, um einzugreifen, zu helfen, zu löschen, zu retten, auch wenn der Grill glüht oder die Fernsehserie spannend ist. Wer bei der Einbescherung das Geschenk aufpackt, kann sich nicht mehr auf etwas freuen, was er dann vielleicht gar nicht bekommt. Mit „Bereit, weil Ihr es seid“ unterstellen die Grünen unser aller Bereitschaft, endlich mit der Einbescherung zu beginnen. Vielleicht packen wir die entscheidenden Chancen für die Zukunft unseres Planeten aus, aber wir werden bereit sein müssen, dafür Opfer zu bringen.

Wer sonst könnte uns für den Verzicht gewinnen?

Auch ob die Grünen selbst dazu bereit, bleibt offen. In den ersten Wochen ihres Wahlkampfes hatten sie zunächst mit Fehlern zu kämpfen, die daran zweifeln lassen, ob sie bereit sind für viel größere Aufgaben. Schließlich geht es künftig nicht um Lebensläufe und Buchquellen, sondern darum, unsere Gesellschaft in eine Politik des notwendigen Verzichts hineinzuführen, damit wir die drohende Klimakatastrophe bei sozialer Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt noch abwenden. Andererseits ist auch nicht erkennbar, wer sonst als die Grünen die selbstzufriedenen Wohlstandsbürger in Stuttgart-West, Schwabing, Eppendorf oder am Prenzlauer Berg für die notwendige Hinwendung zum Verzicht gewinnen könnte.

Es ist nicht leicht, mit Ankündigungen von notwendigen Einschnitten erfolgreich Wahlkampf zu führen. Die Grünen spüren das und dürften es auch gewusst haben. „Bereit, weil Ihr es seid“ ist daher eine reichlich optimistische Analyse, aber auch ein eleganter Versuch, uns alle in den notwendigen Bereitschaftsmodus zu versetzen. Denn: Die Nacht wird nicht ruhig bleiben.

Hier geht es zum Wahlprogramm der Grünen: https://www.gruene.de/artikel/wahlprogramm-zur-bundestagswahl-2021

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Respekt für Dich (SPD)

Deutschland gemeinsam machen (CDU)

 

Die Tonleiter des Glücks – Kultur und Provinz (29. Juli 2021)

Die junge Frau sitzt im Regionalzug. Der Schaffner pfeift, und der Zug setzt sich in Bewegung. Sie blickt aus dem Fenster und beginnt zu summen. Im Zug herrscht Unsicherheit. Was ist denn das für ein Verhalten? Kinder kichern, Erwachsene drehen sich um. Aber die Melodie steckt an und überwindet die anonyme Stille der zufälligen Fahrgemeinschaft. „Wir machen Musik“, nehmen die ersten das Summen auf – „da geht Euch der Hut hoch, da geht Euch der Bart ab!“ Bald gesellen sich immer mehr mutige Singende dazu. „Do – re – mi – -fa – so …“, der ganze Zug füllt sich mit der geträllerten Tonleiter. Als die singende Reisegesellschaft ankommt und aussteigt, gesellen sich Blechbläser dazu, die Rolltreppe im Bahnhof rollt plötzlich wie im Rhythmus des Ohrwurms, noch mehr Menschen schließen sich an, umstellen ein plötzlich auftauchendes Schlagzeug. Junges Volk nimmt Videos auf und verschickt Fotos, Bürovolk schwingt die Aktentaschen und Shopping-Aktive singen mit, es wird getanzt im Takt des Liedchens. Schließlich marschiert ein ganzer Spielmannszug herbei und trötet ohrenbetäubend das Lied von der Musik. Ein ganzer Bahnhof voller Klänge! Dann ist es vorbei – und die zufällig zusammengewürfelte Menge spürt das Glück des gemeinsam erlebten Moments, das Lächeln, das Aufatmen des Gelingens. Es wird geklatscht, und dann zerstreut sich die Musikgemeinde so unvermittelt, wie sie sich gefunden hatte.

Der Flashmob wurde 62000-mal geklickt

Was hier erlebt wurde, war jener Wimpernschlag, in dem wir den Ball im Tor liegen sehen; diese Sekunde, in der wir erkennen, dass ein sehnlich erwarteter Mensch aus dem Zug steigt. Oder eben jener Augenblick, in dem eine gemeinsam erlebte musikalische Anstrengung im Schlusston ausklingt und wir wissen, dass dieses eine Glück von Musik unwiederbringlich vorbei ist. Wir gehen wieder den Weg unseres Alltags, aber wir sind für eine wertvolle, schwebende Lebenssekunde verändert, beglückt, bereichert. Und wir wissen: Es könnte wieder so sein, wieder ein Tor fallen, wieder ein Mensch kommen, wieder Musik entstehen.

Man kann sich diese Szene in einem kurzen Film auf Youtube ansehen. Ganz so zufällig, wie es wirkt und klingt, entstand der Flashmob natürlich nicht. Es gehört viel Organisation und Mut dazu, so ein Ereignis zu ermöglichen und festzuhalten. Mehr als 62.000-mal wurde das das Filmchen schon angeklickt, Menschen haben vielleicht gelächelt, mitgesummt, und sind dann wieder zu ihrem Alltagsleben zurückgekehrt.

Das Glück der Musik ist täglich milliardenfach mitzuerleben auf dieser Welt, im Internet, im Konzertsaal, auf Festivals, in der Oper, in jedem Wohnzimmer. Warum also diese Zeilen über dieses eine Video?

Wie entsteht kulturelle Attraktivität im ländlichen Raum?

Schloss Kapfenburg bei Lauchheim, Ostalbkreis (Copyright Ralf Baumgarten, zur Verfügung gestellt durch die Stiftung Schloss Kapfenburg)

Der Anstoß für den Flashmob am Stuttgarter Hautbahnhof kam aus tiefster Provinz, wurde hineingetragen in das Zentrum einer Großstadt, die sich selbst als Kulturmetropole versteht, die Straßenmusiker und Bandkultur ihr Eigen nennt, stolz ist auf mehrere Orchester und eine zwar renovierungsbedürftige, aber geliebte und künstlerisch anerkannte Oper. Es fehlt nicht an Musik in Stuttgart. „Do-re-mi-fa-so …“ – die Idee zu einem Flashmob am Hauptbahnhof kam trotzdem von außen, nämlich aus dem äußersten Osten Baden-Württembergs, von der Kapfenburg. Das mittelalterliche Schlossgemäuer oberhalb des Ortes Lauchheim im Ostalbkreis hat schon Kreuzritter, Bauernkriege und Plünderungen erlebt, war nationalsozialistisches Schulungszentrum, beherbergte Vertriebene und amerikanische Soldaten. Seit zwanzig Jahren ist die Kapfenburg nun Musikschul-Akademie und Kulturzentrum, und hält in der Provinz, fernab von München, Stuttgart oder Nürnberg, die Kultur hoch. Die Burg ist Gastgeber für Musikerinnen und Musiker aller Art und aus aller Welt, kümmert sich um deren Gesundheit und sorgt für attraktive Konzerte.

Wie kulturelle Attraktivität entsteht im ländlichen Raum, das ist hier zu besichtigen. Sie entsteht nicht durch ständiges Jammern und Wehklagen, und auch nicht dadurch, sich mit eitlem Mittelmaß zufrieden zu geben. Sie entsteht, wenn engagierte Menschen ein Netzwerk knüpfen, mit größter Disziplin einen Betrieb am Laufen halten, dessen Professionalität es mit jedem großstädtischen Kulturbetrieb aufnehmen kann. Sie entsteht, wenn deshalb attraktive Künstler den Weg in die abgelegene Kapfenburg finden. Kultur auf dem Land kann wachsen, wenn politisch Verantwortliche den Mut haben, musikalische Experimente wie ein Konzert für hupende Autos oder den Guinness-Eintrag der Burg als größtes Saiteninstrument der Welt zu unterstützen, und alle Verantwortlichen dabei doch immer nach künstlerischer Ernsthaftigkeit suchen.

Hinter jedem Fenster wird geübt und gespielt

Wer durch die Innenhöfe hinaufsteigt auf die Kapfenburg, spürt genau das: Aus allen Räumen kommen Klänge der heiteren Ernsthaftigkeit, – do-re-mi-fa-so … – hinter jedem Fenster wird geübt und gespielt, gelacht und verzweifelt. Hier wurde ein vom Verfall bedrohtes Schloss nicht nur für ein Festival einmal im Jahr aufgehübscht, sondern wurde etabliert als begehrtes Ziel von Musikfreunden, Laienmusikern, Musikschülern und ihren Unterrichtenden das ganze Jahr über. Ein ständiger Flashmob! Wer einmal dort war, nimmt diese Klangwolken des musikalischen Glücks für immer mit – … la-se-do. Sie lassen uns davon träumen, auf einer Tonleiter in den Zug des Alltags zu steigen, und mit allen anderen ganz einfach Musik zu machen.

 

Der Film zum Flashmob am Stuttgarter Hauptbahnhof auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=vtpRUfEge3U

Die Website der Musikakademie Schloss Kapfenburg: https://www.schloss-kapfenburg.de/

 

Werther liebt und stalkt

Zur Oper „Werther“ von Jules Massenet

Zwei Menschen begegnen sich, und manchmal entsteht Liebe zwischen ihnen. „Ein Tropfen Liebe“, sagte der französische Literat Blaise Pascal, „ist mehr als ein Ozean Verstand“. Schaltet Liebe den Verstand aus? Sie sollte das Gefühl unbedingter Zusammenhörigkeit sein, des Hingezogen-Seins, das Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, wenn der oder die andere nicht da ist, vielleicht sogar für immer verloren ist. Liebe geht „über den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung“ in der Regel hinaus, schreibt Wikipedia. Sie zeige sich üblicherweise „in tätiger Zuwendung zum anderen“. Das Gefühl der Liebe könne auch unabhängig davon entstehen, „ob es erwidert wird oder nicht“.

Ist gegen die Liebe also kein Kraut gewachsen, wie es der römische Dichter Ovid einst schrieb? Ist es noch Liebe, wenn sie für die Geliebte, die nicht lieben will oder darf, zum quälenden Übergriff wird? Rund 20.000 Stalking-Fälle werden jährlich in Deutschland aktenkundig, vermutlich gibt es viel mehr davon. Im Jahr 2007 handelte deshalb die deutsche Politik; im Strafgesetzbuch gibt es seither einen Paragrafen, der verbietet, einen verschmähenden Liebespartner „andauernd und wiederholt zu belästigen“, sich ihm also gegen seinen erklärten Willen zu nähern, ihm nachzustellen mit telefonisch oder persönlich oder schriftlich gestammelten Liebesschwüren, mit Drohungen, mit unerwünschtem Klingeln an der Haustür. Aktuell wird die Regelung auch auf alle Formen der viralen Nachstellungen erweitert. Der Schutz, den der Staat Betroffenen – in den weit überwiegenden Fällen sind es Frauen – gewährt, kann bis zur Bereitstellung einer neuen Identität reichen, um für den ungewünscht Liebenden unauffindbar zu werden.

Anna Sutter hätte leben können

Die Schicksalsgöttin vor dem Stuttgarter Opernhaus

Der Stuttgarter Opernsängerin Anna Sutter hätte 1910 ein solches Gesetz geholfen, vielleicht wäre sie dann älter als 39 Jahre geworden, jedenfalls wäre sie vermutlich nicht erschossen worden von ihrem verschmähten Liebhaber Alois Obryst, der sich anschließend selbst das Leben nahm. Anna Sutter hatte sich wiederholt die Nachstellungen ihres Liebhabers verbeten; genutzt hatte es ihr nichts. Heute erinnert ein Brunnendenkmal vor der Stuttgarter Oper an ihr trauriges Schicksal. Die dort dargestellte Schicksalsgöttin trägt angeblich ihre Gesichtszüge.

„Werther“ ist die Geschichte einer Rebellion, …

Um die Qualen verschmähter Liebe geht es auch im Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe. Als im Jahr 1774 der Welthit des „Sturm und Drang“ (auch so eine problematische Kategorisierung, wenn man sie in Sachen Liebe mal aus der Sicht der möglichen Opfer betrachtet) veröffentlicht wurde, war das die spannend-mitreißende Schilderung eines verzweifelten Liebesabenteuers, aber vor allem ein rebellischer Stoff gegen das Establishment. Der Held macht alles, was damals nicht vorgesehen war. Werther verliebt sich in eine standesgemäß unpassende Frau und hadert mit deren Verlobungsversprechen an einen anderen. Schließlich ignoriert er es, stürzt in einen Liebeswahn und damit sich selbst und seine Angebetete ins Verderben. Er begeht Selbstmord, was aus damaliger kirchlicher Sicht eine Sünde darstellte. Besondere Wucht erwächst diesem Stoff unter anderem daraus, dass der liebende Held sich selbst umbringt, und nicht etwa seine Geliebte (oder beide, wie im Fall der unglücklich geliebten Anna Sutter – und Tausenden anderen Fällen, von denen zu hören und zu lesen wir uns gewöhnt haben). Werther lässt Charlotte zwar am Leben, als eine verzweifelte und an ihren Gefühlen zweifelnde Frau, gezeichnet für ihr Leben – wir würden heute sagen: traumatisiert.

… aber auch einer neurotischen Liebe

Werther in der Oper Stuttgart (dem Bild Arturo Chacón-Cruz) Foto: Philip Frowein

Jules Massenet hat diesen Stoff 1892 romantisierend mit manchmal schwülstiger, oft rauschhafter Musik durchtränkt und zu einer Oper gemacht. Von Goethes politischem Rebellionsgeist ist bei Massenet nichts mehr übrig. Hier ist das Stück eine wahnhaft-romantische Liebesgeschichte. Der 1856 geborene Sigmund Freud hatte zu Massenets Zeit gerade erst damit begonnen, sich mit Neurosen als Krankheiten zu beschäftigen und der Welt die Zusammenhänge zu eröffnen, die sich aus seelischen Störungen und dem Handeln des Menschen ergeben. Die Librettisten der Oper wussten davon nichts und stellten also die narzisstische Fixierung ihres Werther auf seine eigenen Interessen nicht in Frage. Selbst dann, wenn er sich im Interesse seiner Geliebten zurückzieht, ihr mit seinem Freitod droht und ihn schließlich vollzieht, sieht er sich selbst doch immer noch heldenhaft im Mittelpunkt des Geschehens. Werther fehlt jede Erkenntnis, die wir heute zum zivilisierten Kanon der Mitmenschlichkeit zählen: dass es gleichberechtigte, andere Interessen gibt, die man auszuhalten hat. Wenn ein wacher und sensibler Mensch heute von seinem Freund eine E-Mail erhalten würde, in der über dessen Sehnsucht nach einer Geliebten steht: „Weiß der Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit vor einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen; und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit“ (Originaltext Goethe, zitiert nach dem Programmheft) – dann würde hoffentlich sein Alarmsystem sofort anschlagen: Hier ist eine gefährliche, eine verachtende Grenze der Liebe erreicht.

Die Oper Stuttgart hat dieses besonders liebestolle Stück Musiktheater als letzte neue Inszenierung (von Felix Rothenhäusler) an das Ende der Spielzeit 2020/21 gesetzt. Herausgekommen ist große Kunst mit strenger Ästhetik, in der uns Musizierende, Singende, Regie und Bühnenbild in diesen gescheiterten Liebenstaumel hineinziehen.

Warum sollten wir uns das heute anhören?

Das Grab von Anna Sutter auf dem Stuttgarter Pragfriedhof

Warum sollten wir uns das heute ansehen und anhören? Vor allem zum Nachdenken über Gewalt in und wegen der Liebe, über Suizide und Morde, die im Namen der Liebe, in Wahrheit aber von untröstlicher Aussichtslosigkeit betrieben werden. Niemand müsste sich heute noch so quälen wie einst Charlotte und Werther. Anna Sutter und viele andere hätten nicht sterben müssen. Heute kennen wir das Kraut, das gegen solche krankhafte Liebe gewachsen ist.

 

Jules Massenets „Werther“ an der Oper Stuttgart ist wieder zu sehen ab 12. Juni 2022: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/werther/

Das Schicksal der Stuttgarter Opernsängerin von Anna Sutter wurde zu ihrem 100. Todestag sehr gut aufbereitet bei RONDO: https://www.rondomagazin.de/artikel.php?artikel_id=1494

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

 

 

Die Politische (#0012)

Gethsemanekirche, Prenzlauer Berg, Stargarder Str. 77, 10437 Berlin

Mein Besuch am 17. Juni 2021

Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg

Das Pflaster glüht. 36 Grad zeigt das Thermometer, gefühlt sind es über vierzig. Im hochsommerlich aufgeheizten Prenzlauer Berg ducken sich die Straßencafés in den staubigen Schatten unter kümmerliche Sonnenschirme. Blanke Haut dominiert das Straßenbild, überhitzte Kinder, Eis-kaufende Eltern, sich matt dahinquälende Senioren versuchen ein nebeneinander im Kiez. Und inmitten dieser aufgeheizten Lebendigkeit steht stolz und thronend eine neo-romanische Kirche aus rotem Backstein. „Homophobie ist Sünde“ prangt als Transparent über dem Eingang der 1893 errichteten Gethsemanekirche.

Selten bekommt man eine so klar politisch orientierte Kirche zu sehen. Hier ist das Engagement für Menschenrechte nicht Nebensache, sondern steht mindestens gleichberechtigt neben der Verkündung der christlichen Botschaft. Am Zaum hängen Biografien politische Verfolgter, in der Kirche liegen Unterschriftenblätter für Solidaritätsbekundungen aus – gegen politische Verfolgung in China, der Türkei oder Belarus, für das Volksbegehren zur Enteignung der Deutschen Wohnen, für eine Schließung der menschenunwürdigen Lager an den EU-Außengrenzen. Jeden Tag um sechs finden sich in der Kirche Gläubige zu einer „Politischen Andacht“ zusammen. Diese Kirche ist ein unbequemer Ort, ein lauter Schrei für mehr Engagement gegen das Unrecht auf dieser Welt. Und das war sie auch in der Zeit des Nationalsozialismus, als die Pfarrersfrau hier Juden versteckte, und in den letzten Monaten der DDR, als sich im Schutz dieser Kirche die friedliche Umwälzung formierte. In einer kleinen Ausstellung sind die Bilder von 1989 zu sehen, dichtgedrängt saßen die Menschen im schönen, weiten, damals prall gefüllten Kirchenraum, hören dem Pfarrer zu, der Staat und Demonstranten auffordert: „Keine Gewalt!“. Von vollgefüllten Bänken kann jetzt keine Rede mehr sein bei der politischen Andacht. Wird Kirche von heute noch einmal so relevant werden für die Gesellschaft wie in diesen Zeiten? Die Gethsemanekirche ist der richtige Ort, genau darüber nachzudenken.

Hell und weit wie eine Arena: Der Innenraum der Gethsemanekirche

Und sie ist auch ein schöner Ort. Das weite Kirchenschaff entfaltet im Inneren eine fast runde, arena-artige Raumwirkung, eine einladende Halle für Stille, für Andacht, für Musik. Außen kann man um die Kirche herum gehen; was einmal ein Friedhof war, ist jetzt ein kleiner grüner Ort der Regeneration, mit Kunst unter großen Bäumen, mit schattigen Bänken.

Website der Kirchengemeinde: https://ekpn.de/vier-kirchen/gethsemane/

Die Gethsemanekirche ist auch Teil meines Textes als #Berliner Flaneur über politische Kirchen in Berlin unter dem Titel Kirchen-Politik.

12 Berliner Lektionen (30. Juni 2021)

Drei Monate in der Hauptstadt, und kein Ende der Chancen in Sicht. Der Flaneur ist nicht fertig mit dieser Stadt, aber seine Berliner Zeit ist erst einmal vorbei. Was lernt ein Stuttgarter nach drei Monaten in Berlin?

Rechne mit allem

Ein halbnackter Indianer mit Federschmuck auf dem Gehweg neben Dir? Nur kein Aufsehen deshalb. Ein Häufchen Demonstrierender quert mit dröhnendem Sound Deinen Weg und Du verstehst nicht einmal, worum es geht? Einfach abwarten und vorbeiziehen lassen. Berlin ist ein brodelnder Kessel, steckt voller Überraschungen, die aus ihm aufsteigen. Jederzeit können Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Gerüche, Ideen, Chancen, Absurdes und Geniales, auftauchen, mit denen ein naiver Besucher zuallerletzt rechnet. Lass Dich überraschen!

Scheitere lustvoll an der Unendlichkeit der Möglichkeiten

Berlin überrascht …

Berlin zu erkunden, gleicht dem Versuch, die Unendlichkeit zu vermessen. Was diese Stadt hoch- und subkulturell vorhält, anbietet an Orten des Lernens und Gedenkens, des Spürens und Lesens und Hörens, des Grau und Grün und Bunt, des Laut und Leise – das wird man niemals alles erfassen können. Denn es entsteht täglich Neues, mehr und schneller, als der Besucher erleben kann.

Spüre Deine Wunden

Berlin mahnt …

Berlin lehrt jeder und jedem Deutschen, dass wir mehr sind als eine Nation der Auto-Erfinder und manchmal erfolgreichen Fußballer. Man muss nur hinsehen, nicht achtlos vorbei oder darüber hinweg latschen: Berlin erinnert auf fast jedem Schritt an die Brüche deutscher Geschichte. Es sind die Wunden der Nation und ihrer Entstehung, die wir in Berlin spüren, wenn wir es zulassen. Es ist Berlin, das oft stellvertretend für uns alle am Kreuz unserer Geschichte leidet.

Sei Dir Deiner Privilegien bewusst

Armut begleitet den Alltag auf vielen Straßen in dieser Stadt, sicherlich nicht nur, aber stärker wahrnehmbar in Berlin als in anderen deutschen Großstädten. Menschen, die sich mit dem Sammeln von Flaschen ihre Rente aufbessern, oder Migranten, die auf der Straße während der roten Ampelphasen das Fenster putzen oder Jonglierkunststücke vorführen, tun das auch hier nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie Geld brauchen für ein Leben in der großen, manchmal teuren, immer gnadenlosen Stadt.

Überprüfe Deine Vorurteile

Berlin funktioniert …

Es ist leicht, über Berlin zu lästern. Aber gemessen an den Klischeebildern, die der Rest der Republik auf die Hauptstadt klebt, funktioniert Berlin prächtig. Ja, so manches ist unzulänglich. Manchmal quellen die Mülleimer über, und nicht immer und überall fühlt man sich wohl in dieser Stadt. Die endlose Bauphase des Flughafens war geeignet für Hohn und Spott. Manchmal trifft man auf Menschen, deren „Berliner Schnauze“ sich mit sprödem Charme zu einer äußerst gewöhnungsbedürftigen Form von Kundenorientierung mischt. Aber auch das Gegenteil ist zu erleben: Humor und Engagement helfen über viele Hürden.

Bleibe gelassen

Nach dreihundert Metern rechts abbiegen, rät das Navi? Noch kein Grund, auf die rechte Spur zu wechseln. Vermutlich steht dort auch auf den verbleibenden Metern noch jemand in zweiter Reihe, diskutiert jemand sein Familienleben an der offenen Autotür, parkt ein Lastenfahrrad. Abends um acht und nichts mehr zu essen daheim? Kein Grund zur Panik, viele Läden haben noch offen, die Spätis sowieso. Notfalls liefert ein Fahrradkurier den Einkauf innerhalb garantierter zehn Minuten nach Hause. Es ist nie zu spät, es gibt immer noch eine andere Option.

Lerne Sprachen

Die Wahrscheinlichkeit, im Berliner Straßencafé das Gespräch am Nebentisch verfolgen zu können, steigt mit der Sprachkompetenz. Dass es in Deutsch stattfindet, ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Rechne damit, dass auch der Ober, der Kioskbetreiber, der Fahrradkurier Dich gar nicht versteht, wenn Du es nicht auf Englisch versuchst. Oder, je nach Kiez: Auf arabisch, türkisch, russisch, polnisch …

Steig um aufs Fahrrad

Das Fahrzeug der Wahl in dieser Stadt ist das Fahrrad, und die Berliner wissen es. Unfassbar viele Fahrräder sind unterwegs – und ihnen wird von der Stadtpolitik Vorfahrt eingeräumt. Das Ergebnis einer konsequent Radfahrer-orientierten Verkehrspolitik ist eindrucksvoll: weniger Autoverkehr auf den Straßen der Innenstadt, als man erwarten würde. Und ein Konsens der Stadtgesellschaft: Fahre nicht mir dem Auto, wenn Du es vermeiden kannst. Manchen Radfahrern genügt das noch immer nicht; als Autofahrer lebt man in der ständigen Sorge, regelwidrig abbiegende, gegen die Fahrtrichtung dahinsausende, oder nächtens gänzlich unbeleuchtete Radfahrer zu übersehen. Dabei sei gerne eingeräumt: Rücksichtslose Autofahrer bedrohen regelkonform fahrende Radler mehr als umgekehrt.

Schau hin, wer alles für Dich arbeitet

Natürlich ist das auch in Stuttgart, München, Rio oder New York so: Ein großes komplexes Gemeinwesen hält zusammen, weil viele dafür arbeiten. Es ist vielleicht der externe Blick, der dem Flaneur die Augen dafür in dieser Stadt geschärft hat. Wie viele Menschen frühmorgens aufstehen oder spätnachts heimkehren, sich müde in einen Bus oder eine U-Bahn setzen, damit der Dreck wegkommt, der im Müllraum des Hochhauses stinkend vor sich hin gärt. Damit der Verkehr geregelt wird, wenn die nächste der zahllosen Demonstrationen oder Staatskarossen sich ihren Weg bahnen kann. Damit der Drogenkranke versorgt wird, der auf dem U-Bahnsteig leblos herumliegt. Damit das ungeduldig und hungrig bestellte Lieferessen pünktlich ankommt. Damit die alte Dame von nebenan gepflegt wird. Heerscharen von Knechten und Mägden der Wohlstandgesellschaft halten diese am Laufen, rund um die Uhr, jeden Tag, bei Hitze und Kälte und Regen und Schnee.

Achte Dein Handy

Das Berliner Leben im Hier und Jetzt ist ohne ein leistungsfähiges Smartphone eine schaurige Herausforderung. Also achte das Handy, denn es ermöglicht Dir alles: Orientierung in den Straßenschluchten, Fahrkartenkauf im Nahverkehr ohne Kleingeldstress, das Auffinden der nächsten öffentlichen Toilette, das Freischalten von Fahrrädern und Fahrzeugen jeder anderen Art. Und das Nachschlagen aller Namen, Orte und Ereignisse im online verfügbaren Weltwissen. Es unterhält Dich mit Musik Deiner Wahl oder gelehrigen Podcasts, falls Dich die Reize und Herausforderungen des urbanen Flanierens noch nicht auslasten. Es stellt die Verbindung zur Welt her, jederzeit und überall. Kinderwagen-schiebend Sprachnachrichten aufnehmen ist Jungfamilien-Alltag. In die U-Bahn einsteigen und mit Knopf im Ohr telefonieren – allgemein üblich. Es wurden auch schon Radfahrer gesichtet, die freihändig dahinsausend und kopfhörer-bewaffnet das Handy vor sich haltend an Videokonferenzen teilgenommen haben.

Kümmere Dich um das Grün

Berlin im Hochsommer ist ein glühender Moloch. Himmelstürmende Betonwände, endlose Steinpflaster, graue Asphaltwüsten speichern tagsüber die Hitze der glühenden Sonne und heizen nach Sonnenuntergang die Stadt in den besonders urbanen Ecken zu einem kollektiven Saunaerlebnis auf. Die Berliner reagieren mit einer Sinfonie luftiger Kleidung, mit attraktiven Eisdielen und viel Grün. In Berlin wird gepflanzt und gegärtnert ohne Unterlass, Straßenbäume werden von Gieß-Paten mit Wasser versorgt, eifrige Anwohner legen kleine Ziergärtchen rund um die Bäume herum an und verteidigen diese hartnäckig gegen den alltäglichen Straub und Dreck der Großstadt. Urban-Gardening-Areale boomen. Und die Berliner achten und stürmen ihre Seen, ihre Wasserflächen, ihre Parks. Jedes Pflänzchen, jeder Blumenkasten, jeder Baum, jeder Park hilft gegen die Hitze der Stadt.

Lass einen Koffer zurück

„Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin, deswegen muss ich nächstens wieder hin“, sang in den sechziger Jahren Marlene Dietrich (und einige nach ihr). Der Text war für ein nüchternes Gemüt schon immer rätselhaft mystisch: Wo sollte denn bitte dieser Koffer sein? Zurückgelassen im Hotel? Bei Verwandten auf dem Dachboden? Durfte man sich einfach so einen Koffer vorstellen, unklaren Inhalts, verstaubt, ungeöffnet, verlockend? Und wie konnte man sich sicher sein, den Koffer auch wieder vorzufinden, wenn man nach Berlin zurückkehren würde?

„Die Seligkeiten vergangener Zeiten, sind alle noch in meinem Koffer drin“, beantwortet der melancholische Schlager diese Fragen. Ja, genauso darf man sich das wohl vorstellen.

 

 

„Ich hab´noch einen Koffer in Berlin in der Fassung von Marlene Dietrich auf Youtube: