Letzte Chance! Korallen in Baden-Baden!

Noch bis 26. Juni: Wie Politik und Kunst zu Schönheit werden

Stumm bewegt im Wasser der Tropen, in ihrer ungezählten Vielfalt und mit ihrem blendend-bunten Farbenreichtum sind sie ein großes Lachen. Eine wankende Orgie der Heiterkeit. Korallen lachen uns seit 500 Millionen Jahren an. Und sie lachen uns aus.

Das Problem ist nur: Uns, die Menschen, gibt es überhaupt erst seit 45.000 Jahren. Großzügig gerechnet.

Und die Zeitschrift „Koralle“, eine deutsche Vorkriegsillustrierte, die ihre Witzseite mit dem Spruch „Da lacht die Koralle“ überschrieb, die gibt es schon heute, weniger als 100 Jahren nach ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1925, nicht mehr.

Korallen und die Ehrfurcht vor der Zeit

Gestrickte Korallen: Die ganze Vielfalt der tropischen Weltmeere spiegelt sich in der Phantasie der Korallen von Baden-Baden wider.

Korallen lehren uns also die Ehrfurcht vor der Zeit. Sie waren schon immer im Wasser, unvorstellbar lange schon, wir laufen auf den Resten ihrer Riffe herum. Auch in unseren Breiten, zwischen unseren Wäldern und Wiesen, hatten sich Korallenriffe gebildet, als dort vor Jahrmillionen einmal ein Meer gewesen war. Wir bauen darauf unsere Häuser und Straßen.

Wir landen auf ihnen mit dem Flugzeug. Bermudas und Bahamas heißen die Traumziele des Ferntourismus, zusammen etwa 1000 Inseln, allesamt gründen sie ihre tropische Pracht aus Palmen und Traumhotels auf abgestorbenen Korallenriffen. Jetzt geht es den Menschen darauf wie den Nesseltieren in den Tropen: Sie müssen fürchten, zu sterben. Die Korallen unter Wasser, die Menschen knapp darüber. Beide könnten bald Opfer des Klimawandels sein, der menschengemachten Erderwärmung, der abschmelzenden Gletscher, des ansteigenden Meeresspiegels, der skrupellosen Vermüllung der Meere.

Was hat das sterbende Great Barrier Reef …

Natürlich haben wir gehört vom sterbenden Great Barrier Reef, dem Weltwunder der Natur, einer Ansammlung von Tausenden Korallenriffen an der australischen Nordostküste, die zusammen eine Länge von unglaublichen 2.300 Kilometern bilden, ein lebendiger Lebensraum im Wasser, sogar von der Raumstation ISS aus erkennbar.

Sehr bedauerlich, aber weit weg! Hat das Sterben der Korallen etwas mit uns zu tun, in diesem Frühling, in dem wir hierzulande auf festem Grund aus hartem Felsen unter den blühenden Bäumen in den Cafe´s sitzen? Wenn wir – beispielsweise – im lasziv-prächtigen Kurpark von Baden-Baden einen sündteuren Eiskaffee schlürfen und uns zwischen Krieg und Klimakrise den Luxus leisten, über das nächste Wohlstandsabenteuer nachzudenken?

… mit uns zu tun?

Hier ein Vorschlag: Wenige Meter weitergehen, zur Kunsthalle Frieder Burda, einem modernen Schmuckstück im mondänen Kurort der Könige und Kaiser, im Weltkulturerbe mit angeschlossener Spielbank. Dort kann und sollte man (nur noch bis 26. Juni) die Korallen von Baden-Baden besuchen. In ihrer ganzen unfassbaren Vielfalt, in ihrer spielerisch überraschenden Heiterkeit sind sie zu besichtigen.

Wild, ungebändigt, wuchern sie an den badischen Wänden entlang, sprießen schwarz-glänzend in die Höhe; ihre Formenvielfalt treibt Schabernack mit unserem Auge, lädt uns ein zu einem unvergleichlich prächtigen Spektakel der Farben und Formen, unfassbar vielfältig, variantenreich, knallbunt. Die Korallen verhöhnen unseren Ordnungssinn, unsere Phantasielosigkeit und unsere formale Strenge, sie spotten über unsere excel-Tabellen, unsere Verwaltungsvorschriften und sauber gezirkelten Maschendraht-Gärten.

Ein atemberaubendes Kunstprojekt

Ein demokratisiertes Kunstprojekt: Mehr als 4000 Menschen haben mitgestrickt und -gehäkelt an den Korallenriffen von Baden-Baden.

Die Korallen von Baden-Baden sind ein atemberaubendes Kunstprojekt. Sie sind natürlich keine Tiere, sondern demokratisierte Kurzwaren-Kunst. Zu verdanken haben wir es den australischen Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim. Sie wollen das Bewusstsein der ganzen Welt für die sterbende Pracht der tropischen Meere schärfen. Überall auf der Welt sollen nachgebildete, künstlerisch gestaltete Korallenriffe aus Stoff und Garn entstehen. Tausende Menschen, Initiativen, Kindergartengruppen, Schulklassen, Strickvereine, Senioreneinrichtungen, ganze Familien auf der ganzen Welt stricken und häkeln seither künstliche Korallen in ihrer ganzen wilden, bunten Vielfalt. Unter der künstlerischen Leitung der beiden Schwestern werden sie in textile Riffe zusammenkomponiert.

Das Ergebnis kann man in Baden-Baden besichtigen. Für das „Baden-Baden Riff“ haben 4000 Beteiligte mitgestrickt und -gehäkelt, alle namentlich aufgeführt in endlosen Namenszeilen auf weißer Wand. Paketweise schickten sie ein Jahr lang Korallen-Handarbeit an das Museum: Kleine, winzige, große, gewaltige, lange, runde, schlangenförmige, ein- und vielfarbige. Kreativ gestaltet wurden daraus Korallenriffe, Orgien der Phantasie, durch die man hindurchgehen kann, ohne nass zu werden.

Ein schriller Hilfeschrei in der Lautlosigkeit

Stumm sind diese Korallen, so wie ihre lebenden Vorbilder. Aber sie sind starr, sie wiegen sich nicht im Wasser der südlichen Weltmeere und mahnen uns mit ihrer Unbeweglichkeit an unsere eigene Zerstörungsenergie. Geduckt unter einem Plastik-Müllberg, der im Eingangsbereich mahnend von der Decke hängt, wandelt der Besucher durch die die ganze bunte tote Pracht der Textil-Riffe von Baden-Baden, und kann den schrillen Hilfeschrei dieser uralten Lebensform trotz aller Lautlosigkeit hören.

Wenn die Korallen verblassen, sterben sie ab. Weiße Korallen sind ein Hilfeschrei.

Korallen sind Lebewesen, und daher sterben sie, schon seit Jahrmillionen und ganz ohne menschliche Einwirkung. Steinkorallen, welche die großen Riffe bilden, geben ihrem Tod einen Sinn, denn der Kalk der abgestorbenen Korallen-Generationen bildet die Lebensgrundlage für die jungen, nachwachsenden, dann lebenden, bunten Korallen. Dieser ständige Regenerationsprozess lässt Riffe wachsen und erhält die Vielfalt der Korallen. Wenn aber keine jungen Korallen mehr entstehen, dann stirbt das Riff, die letzte Generation der Tiere verliert ihre Farbe. Die sterbenden Riffe nehmen einen fahl-weißlichen Ausdruck an. Auch solche Riffe sind in gestrickter Form zu sehen in Baden-Baden. Hier lacht keine Koralle mehr.

Mehr Informationen zur Ausstellung im Museum Frieder Burda finden Sie hier: https://www.museum-frieder-burda.de/ausstellung.php

Über Geschichte, Vielfalt und Wesen von Korallen habe ich mich hier informiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Koralle

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Der Krieg ist da – Eine politische Erzählung

Ein warmer Augusttag, mitten in den Schulferien. Eigentlich Hochsommer, aber es war nicht so warm, dass das gemeinsame Abendessen im Garten einladend gewesen wäre. Die Mutter klapperte in der Küche herum, bald sollte es ein klassisches Abendbrot geben: Schwarzbrot, Käse, Wurst, ein paar saure Gurken. Der Zwölfjährige lümmelte im heimischen Wohnzimmer auf dem Sofa herum. Ein Strahl der Abendsonne brach durch die Wolken und ließ die hölzerne Bücherwand kurz aufglänzen: Tolstoi, Mann, Kafka – der Blick des Kindes huschte über die vertrauten Rückenbeschriftungen. Dann blätterte es weiter in der neuen „Micky Maus“, gerade heute noch vom Kiosk geholt, mit Taschengeld bezahlt.

Der Vater stürmte zum Radio

Der Junge blickte auf, als sich die Türe öffnete und sein Vater hereintrat, nein, hereinstürmte. Ernst schaute er drein, der Vater, kein Lächeln wie sonst, kurz nur und ohne Blickkontakt, war sein Gruß. Er musste eben aus der Arbeit zurückgekommen sein, die Haustüre war gar nicht zu hören gewesen. Vielleicht war sie auch offen gestanden, wegen dem Sommer, oder wegen dem Hund. Jetzt stürmte der Vater zum Radio, diesem großen Holzkasten mit der Stoffbespannung und der goldwarm leuchtenden Tabelle mit den faszinierenden Ortsnamen, dahinter der rote Strich, der sich bewegen ließ. Nervös drehte der Vater an den beiden Knöpfen, lauter soll es werden, und besser verständlich. Im Zischen und Rauschen des Äthers soll das Gerät einfangen, was los ist in dieser Stunde.

„Was ist denn los?“, fragte das Kind, aber der Vater antwortete nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Rauschen und Knacken, das da aus dem Trichter quoll, der sich hinter der beigen Stoffbespannung schemenhaft abzeichnete.  Endlich hatte er einen Sender gefunden, der nicht Musik dudelte, nicht Schlager spielte oder Volksmusik.

„Die Regierung der Tschechoslowakei hat entschieden,“ sagte eine ernste Männerstimme, „der Intervention der Truppen aus der Sowjetunion, aus Ungarn, Polen und Bulgarien keinen militärischen Widerstand entgegenzusetzen“. Der Vater atmete tief durch.

„Was ist denn los?“, wiederholte der Sohn seine Frage.

„Es könnte wieder Krieg geben“, sagte der Vater

„Es könnte wieder Krieg geben“, antwortete der Vater leise. Seine Aufmerksamkeit galt noch immer nicht dem fragenden Kind, sondern den Nachrichten aus dem Radio.

Sowjetische Panzer auf dem Wenzelsplatz in Prag am 21. August 1968 (Foto: FaceMePLS, flickr, CC BY 2.0)

Dort fasste der Sprecher die Ereignisse des Tages zusammen: Nachdem eine demokratisch und freiheitlich geprägte Reformbewegung in der Tschechoslowakei umfassende Reformen zur Liberalisierung der sozialistischen Staatsordnung eingeleitet hatte, waren am frühen Morgen dieses Augusttages Panzer der „sozialistischen Bruderstaaten“ unter Führung der Sowjetunion in das Land eingerollt und bis in das Zentrum von Prag vorgestoßen. Verzweifelte Bürger hatten sich ihnen entgegengestellt, aber sie hatten keine Chance gegen die Drohung der Stahlketten und Geschütze.

„Wenn sie sich nicht wehren“, murmelte jetzt der Vater, „muss es vielleicht keinen Krieg geben.“

„Warum Krieg?“ Das Kind war zu ratlos, um besorgt zu sein. „Ich dachte, das ist vorbei, das kommt nie wieder. Hast du immer gesagt!“

„Ja, dachte ich auch.“ Der Blick des Vaters ging jetzt hinaus zum Fenster, vorbei an den Büchern, hinaus in den Vorgarten, auf die akkurat gestutzte Hecke, den grünen Rasen. Der Dackel sprang darauf herum.

„Dachte ich auch“, wiederholte der Vater.

Krieg – Ein Wort mit dem Klang von unwiederbringlich Vergangenem

Wieder Krieg – hier? Entsetzt starrte das Kind den Vater an. Hier, in unserem Städtchen? Hier in unserem Wohnzimmer? Unvorstellbar. Krieg – Das Wort war so groß, sein Klang hatte etwas unwiederbringlich Vergangenes. Krieg, das war etwas aus der Welt seiner Eltern, etwas aus ihrer Geschichte, mit der er nichts, aber auch gar nichts, zu tun hatte. Krieg? Obwohl der Familienurlaub noch bevorstand? Krieg? Geht man im Krieg eigentlich auch zur Schule?

Natürlich wusste der Sohn um den Krieg, der zehn Jahre vor seiner Geburt zu Ende gegangen war. Er kannte die Schwarz-Weiß-Bilder der Zerstörung. Es waren Bilder von rauchenden Ruinen und zerlumpten Menschen, denen man ansah, dass sie nichts mehr hatten, nur sich selbst. Der Sohn hatte die Geschichten gehört von der Flucht seiner Mutter, von der Kriegsgefangenschaft des Vaters. Aber gerne darüber reden – das wollten die beiden ohnehin nicht.

Nun lebten sie seit zwanzig Jahren als Familie in Süddeutschland, hatten sich eine neue Existenz aufgebaut. Sie waren angekommen in einem Leben mit wiedererlangtem bürgerlichem Wohlstand, mit Haus und Garten, Dackel und vier Kindern. Nur Hohn und Spott hatten die Eltern übrig für die Ewiggestrigen, für Vertriebenenverbände und Heimatvereine, die davon träumten, dass man die Folgen der kriegerischen Katastrophe wieder rückgängig machen könnte.

„Wenn die Amerikaner eingreifen, dann gibt es wieder Krieg,“ hörte das Kind jetzt den Vater. „Wenn sich die Tschechen aber nicht wehren, dann werden die Amerikaner auch nicht eingreifen.“

Der Verzicht darauf, sich zu wehren, sicherte den Frieden

So kam es. Die Freiheitsbestrebungen der Menschen in der Tschechoslowakei waren im „kalten Krieg“ dem westlichen Bündnis unter Führung der USA schlicht nicht wichtig genug gewesen, um einen Krieg zu riskieren. Sie wollten nicht die Stabilität einer Weltordnung gefährden, in der nun einmal die Tschechen und die Slowaken zur Einflusssphäre der Sowjetunion gehörten. Das wusste auch die reformerische Führung der Tschechoslowakei, sie verzichtete auf Gewalt, musste das Diktat Moskaus akzeptieren und nahm alle Reformen zurück. Die Verantwortlichen des „Prager Frühlings“, wie der Westen die kurze Phase reformerischer Liberalisierung im Frühjahr und Sommer 1968 nannte, wurden in Moskau inhaftiert und mussten um ihr Leben fürchten. Ihre Entscheidung, sich nicht zu wehren, sicherte damals für Europa den Frieden.

Es ist bekannt, wie es weiterging. Das sowjetische Machtsystem, der „Ostblock“, kontrollierte die Hälfte Europas noch zwanzig Jahre lang, bis es völlig überaltert und reformunfähig kollabierte. Unter dem Reformer Gorbatschow zerfielen die Blöcke. Die meisten europäischen Staaten nutzten die Chance auf Selbstbestimmung, und den Deutschen bescherte sie noch dazu das Glück eines wiedervereinigten Heimatlandes.

„Dies ist Putins Krieg“, sagt der Kanzler

Nun ist es ein frühlingshafter Februartag, und das Kind von 1968 ist längst älter als sein Vater es damals war. Fassungslos sitzt der erwachsene Mann vor dem Fernseher und verfolgt die Bilder aus der Ukraine: Heulende Sirenen und von Flüchtenden verstopfte Straßen in einer europäischen Hauptstadt, deren Regierung demokratisch gewählt wurde. Bilder von rollenden Militärkolonnen und  Bombenkratern und einem russischen Präsidenten, der mit absurden Falschdarstellungen einen Angriffskrieg rechtfertigen will.

„Dies ist Putins Krieg“, sagt der Bundeskanzler. Krieg? Hier in Europa? Krieg? Es sind die vermeintlichen Wahrheiten der letzten fünfzig Jahre, die hier zusammenstürzen: Dass wir die Feindschaften auf diesem Kontinent für immer überwunden hätten. Dass wir gelernt hätten, Streit friedlich lösen zu können und nicht mit Waffen. Dass es universale Menschenrechte gibt, auf Freiheit und Selbstbestimmung, auf Frieden und Unverletzlichkeit von Grenzen. Dass wir uns pazifistisches Denken und den Luxus einer kleinen Armee gönnen könnten zugunsten von niedrigen Steuern. Dass wir uns Wohlstand durch Handel sichern könnten, anstatt aufeinander zu schießen.

53 Jahre sind vergangen. Röhrenradios gibt es nur noch in Vintage-Läden, der Dackel ist tot und die Bibliothek der Eltern in alle Winde zerstreut. Der bange Blick richtet sich auf den Bildschirm, auf das Display des Smartphones. Wird sich die Ukraine wehren? Der Krieg ist da.

 

Mehr Informationen über den „Prager Frühling“ z.B. auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: https://osteuropa.lpb-bw.de/prager-fruehling

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Micha geht wählen – Ein modernes Märchen (26. September 2021)

Später Nachmittag, Ende September in Deutschland. Tür auf, raus aus dem Haus, links um die Ecke. Jetzt geradeaus bis zur nächsten Straße. Micha steckt in Schlabberhosen, lockerem T-Shirt und hat wirre Haare. Und er weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Er hat es eilig, und noch dazu hat er einen sonderbaren Gesellen im Schlepptau – oder treibt ihn dieser unpassend gekleidete Begleiter nicht eher vor sich her? Wie ist es dazu nur gekommen?

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Für Georgios hatte der Tag schon sehr früh begonnen. Das war nicht ungewöhnlich, denn tagsüber brannte die Sonne gnadenlos vom attischen Himmel. Es war wichtig, die kühlen Morgenstunden zu nutzen für die schwere Feldarbeit oder – wie heute – für den Weg in die Stadt. Georgios wollte nach Athen, rechtzeitig, bevor die Ekklesia begann. Perikles sollte eine Rede halten, und das war ein besonderes Ereignis. Um dorthin zu kommen, musste Georgios vier Stunden laufen, hinweg über staubige Wege, hindurch zwischen den Weinbergen, vorbei an Bettlern, vorbei an den Tempeln. Heute hatte er keine Zeit, den Göttern zu opfern. Er musste auf die Agora, denn heute war Volksversammlung.

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Micha hatte einen faulen Sonntag-Nachmittag verbracht, bis es geklingelt hatte. Das Nachmittags-Fußballspiel war eben erst beendet, Abpfiff nach drei Minuten Nachspielzeit. Aber dann machte es „Ding-dong“. Vor der Tür war ein sonderbarer Fremder gestanden, ein Mann mittleren Alters, gestutzter Bart, in langem weißem Gewand. Es war eigentlich nur ein Tuch, ähnlich wie es indische Frauen als bunte Sahris tragen, kunstvoll gewickelt, aber in Weiß. Gerafft war das Tuch über die rechte Schulter. Die linke lugte blank hervor, und das jetzt im Herbst, dachte sich Micha, so warm ist es doch auch wieder nicht. „Ich bin auf dem Rückweg“, sagt der sonderbare Fremde, „das sind noch fast vier Stunden Fußweg.“ Manfred schaute dem Bärtigen ins Gesicht, perplex über dessen Erscheinung, und hatte keine Idee, was er zu diesem Überraschungsbesuch sagen könnte. „Vielleicht etwas zu trinken?“, fiel ihm schließlich doch noch ein.

„Nein, Danke,“ winkte der Fremde ab, „wir haben dafür keine Zeit.“ Seine Stimme klang angenehm, klar, auch selbstbewusst. „Wissen Sie, den ganzen langen Weg habe ich nur wegen meiner Stimme auf mich genommen“, setzte der Fremde hinzu, „nur damit sie nicht verfällt.“

„Und – und was kann ich sonst für Sie tun?“ stotterte Micha.

„Für meine Stimme bin ich so weit gelaufen, Stunde um Stunde,“ antwortete der rätselhafte Fremde, „da wirst Du doch die paar Meter hier zum Wahllokal schaffen“. Fordernd zeigte er in eine bestimmte Wegesrichtung. „Aber beeil Dich, Du hast nicht mehr viel Zeit.“

Ja, heute war Wahlsonntag. Eigentlich hatte Micha per Briefwahl abstimmen wollen, wie das zurzeit fast alle taten. Aber erstens hatte er es verduselt, den Antrag abzuschicken. Und zweitens war er ohnehin unsicher, was oder wen er eigentlich wählen sollte. Die dauernden Wahlsendungen, die Plakate überall und die Posts auf Facebook – das alles hatte ihn schwer genervt in letzter Zeit. Keine Ahnung, für oder gegen wen er da stimmen sollte. Irgendwie war es auch egal, fand Micha. Ihm ging es gut, er hatte eine kleine, aber auskömmliche Rente, das Häuschen war abbezahlt, die Kinder verdienten ihr eigenes Geld. Weniger Steuern wären erfreulich, klar. Aber Micha machte sich auch keine Illusionen: Weniger Steuern machen den Staat arm, und irgendwer muss ja seine Rente und die Schulen und Straßen bezahlen. Also werden die Steuern ohnehin nicht sinken und wegen der Steuern muss er dann auch nicht zum Wählen gehen. Mindestlohn interessierte ihn auch nicht mehr. Und das mit dem Klima verstand er sowieso nicht. Also hatte er erst heute Morgen den Brief mit der Wahlbenachrichtigung in den Papierkorb geworfen, zu spät für eine Briefwahl. Und was würde seine Stimme schon ausmachen?

„Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Stimme hat, mein Freund,“ hörte Micha den Fremden jetzt sagen, als könnte er Gedanken lesen. Seine strenge Autorität blieb bei Micha nicht ohne Wirkung. Verwirrrt kramte er den Umschlag wieder aus seinem Abfall, schlüpfte in seine Schuhe und stapfte los.

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Der griechische Politiker Perikles (gest. 429 v. Chr.) gilt aus Vordenker und Konstruktuer der Athener Demokratie (Hier eine Statue von der Fassade der Glytothek, München).

Georgios war stolz auf sein Bürgerrecht. Deshalb nahm er es alle paar Wochen es auf sich, den langen heißen Weg in der frühen Morgensonne hinter sich zu bringen. Als vollwertiger Bürger von Attika durfte er in Athen abstimmen und wählen. Seine Stimme zählte. Georgios fand es wichtig, dass nicht nur die fettleibigen Städter ihre Stimme abgaben, sondern auch die hart arbeitenden Bauern vom Land rund um die Hauptstadt. Als er die Agora erreichte, herrschte dort schon reges Treiben, hunderte Bürger hatten sich versammelt, um zu diskutieren und abzustimmen. Der Rat hatte dafür gesorgt, dass es eine Ordnung gab in diesem Durcheinander. Aufmerksam hörte er die mitreißende Rede von Perikles. Und die Gegenreden anderer Athener Bürger. Aber Georgios wusste auch: Die Städter hatten vieles schon vorab besprochen. Wie bei jeder Versammlung dominierten diejenigen, die hier jeden Tag lebten, die sich in den Gassen der Hauptstadt absprechen konnten, die täglich palaverten in den Tavernen, die sich auf dem Markt begegneten und nebenbei Politik machten. Viele der Diskussionen verstand er auch gar nicht richtig, aber er stimmte nach bestem Wissen mit.

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So kam es, dass Micha jetzt unterwegs ist. In seinen Sandalen schlurft der Fremde hinter ihm her, das weiße Gewand schleift auf dem Asphalt. Den Weg zum Wahllokal kennt Micha gut, er war ihn schon tausendmal gegangen, nicht zum Wählen, sondern raus zu den Sportplätzen am Ortsrand. An der Straßenecke links, vorbei an der Flüchtlingsunterkunft, die vor ein paar Jahren gebaut worden war. Stammt der Fremde von dort? Nein, eher nicht, denkt sich Micha. Die Menschen in der Unterkunft sehen fremdländisch aus, aber so eigenartig wie der Mann im gewickelten Tuch denn doch nicht.

Jetzt muss Micha die Straße überqueren, vorbei an der Schranke, die dafür sorgt, dass es keinen Durchgangsverkehr gibt im schönen Wohnviertel. Micha wendet sich um, der Fremde folgt ihm auf Schritt und Tritt. auf. Schließlich bleibt Micha stehen, und sieht dem Kauz mit der Toga mitten ins Gesicht. „Wer bist Du eigentlich und warum willst Du mir vorschreiben, wohin ich gehe?“

Der Fremde bleibt ruhig, seine Hand macht eine nach vorne wedelnde Bewegung – Los, geh weiter!, soll sie wohl bedeuten. „Du verlierst Zeit, mein Freund. Du hast nur noch fünf Minuten.“

Also setzt Micha seinen Weg fort, rechts abbiegen, jetzt den Fußweg am Wald entlang, links vorbei am Kindergarten. Rechts die Schule, die seine Kinder besucht hatten. Weiter vorne lugt das große Automobilwerk hervor, in dem Micha gearbeitet hatte.

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Als Georgios bei Sonnenuntergang seinen Rückweg antrat, wieder vier Stunden zurück in sein Dorf, da dachte er an seine Frau und seine Kinder, die ihn fragen werden, ob es das wieder Wert gewesen sei? Ein ganzer Tag in Stadt, statt auf den Feldern, bei den Tieren? Georgios wusste, wie er antworten würde: So viele Menschen in den anderen Städten des Peloponnes, in Sparta zum Beispiel, wären dankbar, wenn sie eine Stimme hätten. Niemand sonst kennt eine Herrschaft des Volkes. Überall regiert das Schwert der Mächtigen. Nur als Bürger Attikas bin ich nicht despotischen Entscheidungen ausgeliefert. Ich entscheide selbst mit!

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„Du willst wissen, wer ich bin?“, hört Micha jetzt den Fremden sagen. „Es ist nicht einfach zu erklären, weil aus Deiner Zeit bin ich nicht. Aber ich bin attischer Bürger, und wir Athener sind stolz auf unsere Demokratie. Aber von einem freien, gleichen Wahlrecht, wie Ihr es heute habt, können wir zu unserer Zeit nur träumen. Frauen dürfen nicht mitstimmen, und auch nur solche Männer, die ein Bürgerrecht besitzen. Und das blieb auf der ganzen Welt noch fast 2500 Jahre so.“

Ah, ein Grieche! Einer aus dem Erfindervolk der Demokratie! Endlich konnte Micha den seltsamen Begleiter einordnen. Aber wie konnte der Bärtige das alles wissen? War er 2500 Jahre alt? Die Begegnung blieb rätselhaft.

„Ihr habt es wirklich weit gebracht im Vergleich zu uns,“ hob der Grieche wieder an. „Neidisch bin ich nicht nur auf Eure glatten Straßen und großen Schulen und prächtigen Fabriken, sondern auch auf Euer Stimmrecht.“ Noch ein paar Schritte, schon kommt die Gastwirtschaft in den Blick, heute Michas Wahllokal. „Klingt doch ganz einfach, oder?“ fragt der Toga-Mann. „Jeder erwachsene Mensch wählt in seinem Land, wo er Staatsbürger ist, frei, gleich, geheim. Egal, ob Mann oder Frau, egal ob reich oder arm, egal ob von Adel oder nicht, ob Arbeiter oder Professor, egal was er glaubt oder denkt. Jede Stimme zählt gleich. Und es gibt feste Regeln, wann und wen man wählen kann.“

„Ja eben,“ antwortet Micha. „Klare Sache. Was regst Du Dich so auf?“

Da kommt Leben auf in dem rätselhaften Fremden. Er springt an Micha vorbei, das Tuchgewand wirbelt herum. Der Grieche stellt sich Micha in den Weg: „Eine klare Sache nennst Du das? Wir haben es erfunden, aber damit es so ist wie heute, musste über Jahrhunderte gekämpft werden, dafür sind Menschen eingekerkert worden und gestorben!“, schnauzt er Micha jetzt an. „Und was machst Du? Du schmeißt Deinen Wahlbrief einfach in den Papierkorb.“

Kopfschüttelnd tritt der Bärtige zur Seite. „Nun mach schon, die Zeit läuft!“ Micha blickt auf seine Uhr: eine Minute vor sechs. Mit wenigen Schritten stürmt er in das Wahllokal. „Jetzt aber schnell“, lacht die Wahlhelferin, als er den Raum betritt. Resopaltische, Sperrholzkabinen, an der Decke Hochzeitsgirlanden für vergangene und künftige Feste. Rein in die Kabine, zwei Kreuze gemacht. Plötzlich hat Micha keine Zweifel mehr: na klar, dorthin gehören sie, die Kreuze. Und schon verschwindet der Zettel sorgsam gefaltet im Schlitz des grauen Kastens. Geschafft!

„18 Uhr!“ ruft der Wahlvorstand in den Raum. Micha tritt heraus, blickt sich um. Der Fremde ist verschwunden.

 

Mehr Informationen über die attische Demokratie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Attische_Demokratie