Viel Barzahlung in der biodeutschen Idylle

Eine Reportage von der Nordseeküste

Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Idylle der Zug pünktlich fährt. Immer. Gut, es gibt auch nur eine einzige, eingleisige Strecke, vom Hafen zum Örtchen, und die ist nur knapp drei Kilometer lang. Die Herausforderung zur Pünktlichkeit ist also überschaubar. Trotzdem: Er fährt, wenn er soll, und er kommt an, wann er soll.

Wer in die deutsche Idylle möchte, muss mit einem Schiff fahren, eine gute halbe Stunde hinüber, raus aus der Welt der Unwägbarkeiten und Ärgernisse. Sie oder er muss eine Schiffspassage bezahlen und eine tägliche Tourismusabgabe, die praktischerweise gemeinsam einkassiert werden- Eine Art Eintrittsgebühr in die heile Welt ist das. Dann steigt man in den beschriebenen Zug – und alles ist schlagartig gut.

„Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten.“ Morgenszene aus der deutschen Idylle

Die Backsteinhäuschen sind adrett und nicht zu hoch, manche sind alt, andere neu, allesamt sind sie komfortabel. Die Natur ist satt und grün und gesund, die Blätter rauschen, die Pferde weiden, die Möwen kreischen hoch in der Luft, und das vertraute Taubenpaar wiegt sich im Weidengeäst vor dem Fenster. „Keine Haie, keine Autos“, war einmal das Motto der Idylle, nicht ganz korrekt, weil im Meer vor dem breiten Strand doch ein paar eher harmlose Hai-Arten leben. Aber Autos gibt es tatsächlich nicht, alles bewegt sich mit dem Fahrrad, und wenn das nicht ausreicht, dann schaffen katzengleich schnurrende Elektrokarren schweres Gut durch die Idylle. Wie von Zauberhand bringen sie frühmorgens Waren in die Geschäfte, sorgen so für einen steten Fluss des Konsums. Um acht Uhr abends schließen die Läden, um zehn Uhr die Lokale, um elf herrscht Ruhe. Das Meer rauscht, der Wind in den Bäumen auch. Sonst ist es still.

Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein

Die deutsche Idylle ist eine Welt, wie der konservative Mensch sie sich wünschen könnte. Hier scheint noch alles biodeutsch zu sein, migrantische Haut ist nur selten zu erspähen zwischen den Rucksack-bewehrten Rentnern, den jungen Familien, den Omas und Opas mit Enkeln. Es herrscht Ordnung, und zwar ohne dass sie mit großem Aufwand durchgesetzt werden muss. Kein Müll liegt auf den Straßen, alles ist akkurat gekämmt und gebürstet, gestriegelt und geordnet. Es gibt zwar eine Polizeistation, aber die ist nur „werktags zu den üblichen Bürozeiten“ in Einsatz. Mehr Bedarf gibt es nicht für das Sicherheitsgefühl.

Die deutsche Idylle ist auch eine Welt von gestern. In vielen Geschäften und Lokalen gibt es nur Barzahlung, im einzigen Kino kommen die Karten von der Abreißrolle und nicht digital. Gesprochen wird Deutsch oder Platt, und wenn Fremdsprachen zu hören sind, dann sind es der rheinische Singsang oder das selbstgewisse Bayrisch oder das breitgelatsche Schwäbisch. Hier ist nichts woke, am ehesten vielleicht die genderneutralen Toiletten am Strand.

Die heile Welt hat ihren Preis

Die heile Welt hat ihren Preis. Die deutsche Idylle ist teuer, nicht nur wegen der Tourismusabgabe. Quartier für eine Woche auf der autofreien Insel kostet deutlich mehr als eine All-inclusive-Zelle in der Türkei, und da ist der Flug schon mitgerechnet. Das Preisniveau der Gastronomie und des Handels liegt locker zwanzig Prozent über dem Festland. Man muss es sich leisten können, den Kümmernissen der restlichen Welt zu entfliehen.

Gewiss würde nichts funktionieren in dieser heilen Welt, die sich oft anfühlt wie ein rückwärtsgewandter biodeutscher Lebenstraum – gäbe es nicht die zahllosen Menschen aus anderen Ländern, die das sauber geölte Räderwerk der deutschen Idylle am Laufen hielten. Die ukrainischen Besenflitzer-Frauen, die die Ferienwohnungen reinigen, die geduldigen Polinnen, die Cappuccino und Aperol für den Strand mixen, der unermüdliche Rumäne, der morgens die Brötchen in rasender Geschwindigkeit in Tüten sortiert, die asiatischen Kellner, die kroatischen Köche, die hier etwas von der Zubereitung von Fisch verstehen müssen.

Im Straßenbild sieht man diese Menschen kaum, und gerade deshalb entsteht der Eindruck der Monokultur. Aber sie sind da, sie hausen in billigen Unterkünften, versteckt auf den Innenseiten der schönen Backsteinhäuschen, in den Zimmern ohne Balkon und Terrasse. Oder sie wohnen auf dem Festland, kommen zur Arbeit jeden Tag herüber auf die teure Insel.

Es gab einen Militärflugplatz zu Zwangsarbeiter

Die Idylle war nicht immer so. Sie war einmal ein Militärflugplatz für deutsche Expansionsfantasien, sie war auch einmal ein Zwangsarbeiterlager. Bis heute sind die Spuren dieser Zeit im Stadtbild sichtbar, und man kann den gut 1300 Einheimischen nicht den Vorwurf machen, sie würden diesen Teil ihrer Geschichte verstecken. Sie wissen auch gut um die Macht der Natur. Ihr sind sie ausgeliefert an manchen Wintertagen, wenn Stürme das Meer hochpeitschen, wenn sich die im Sommer gehüteten Sanddünen dieser Urgewalt entgegenstellen und alle hoffen, dass dem Wasser der Durchbruch auch dieses Jahr wieder nicht gelingt.

Aber was kümmert das den Idylle-Tourist? Er steigt auf sein gemietetes Fahrrad, freut sich über die schöne Seite des unberechenbaren Wetters, spürt den Wind, genießt die Sonne, erwartet den Regenschauer – alles gleichzeitig – und fährt zum wohl geordneten Fahrradparkplatz hinter der Düne. Gerade hat er sich zwei Drinks geholt, die Füße im Strandkorb hochgelegt, lässt den Abend herannahen. Die Familien mit Kindern rüsten zum Aufbruch, es ebbt, die Weite des Strandes nimmt zu, die untergehende Sonne glitzert auf dem ruhiger werdenden Meer.

Allerdings: Nachts war das  Knattern eines landenden Hubschraubers zu hören gewesen. Ein Notfall? Und an diesem Morgen war eine der beiden Tauben tot und zerfetzt im Gras vor dem Fenster gelegen. Welches Tier war hier tödlich seinem Trieb gefolgt? Einen Schatten hatte beides geworfen, Momente des Zweifels aufkommen lassen. Und nun: Ein doppelter lauter Aufschrei, ein ohrenbetäubendes Aufjaulen durchschneidet die vorabendliche Stille in der deutschen Idylle. Zwei Bundeswehrjets jagen hoch am Himmel über dem Strand entlang, dem Horizont entgegen.

Wie schade, die Weltenflucht misslingt auch hier.

 

Der Autor verbringt seit Jahren seinen Sommerurlaub auf der autofreien Insel Langeoog. In der Sammlung #1000Kirchen finden sich auch die beiden Kirchen auf der Insel: Die evangelische Inselkirche, und die katholische Kirche St. Nikolaus. 

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