Was Bürger in Bewegung bewirken können

Über Löcher und Denkmäler am „Eisernen Vorhang“

„Mauerspechte“ nannte man die Menschen, die nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger Löcher hackten in die von ihrem Regime „antifaschistischer Schutzwall“ genannte Mauer, die Berlin und Deutschland durchschnitt. Dass es soweit kam, hatte auch mit Ereignissen ein paar Monate davor an der ungarisch-österreichischen Grenze zu tun. Die Mauer war Teil des sogenannten „eisernen Vorhangs“ durch Europa, und den Berliner Teil davon überwanden am 9. November 1989 nicht die Löcher der Mauerspechte, sondern der Druck hunderttausender Bürger auf den Straßen in der DDR. Überforderte Kommunikation eines zusammenbrechenden Systems („Das gilt, soweit ich weiß, ab sofort?“) kam dazu, um Historisches zu ermöglichen, und ebenso verzweifelte DDR-Grenzposten in Berlin, die unter diesen chaotischen Umständen sich dafür entschieden, nicht zu schießen, sondern die Schlagbäume beiseitezuräumen.

„Bürger in Bewegung“ wird das Denkmal heißen, über dessen Realisierung vor dem wiedererstandenen Berliner Stadtschloss seit mehr als 25 Jahren gestritten wird. Foto: Milla&Partner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Diesen Vorgängen möchte seit mehr als 25 Jahren Deutschland ein Denkmal setzen, aber die Baustelle steht still. Das Berliner Denkmal zur Deutschen Einheit, als „Einheitswippe“ oder „Obstschale“ verspottet, gibt es auch mehr als 35 Jahre nach den ersten Löchern in der Mauer noch nicht. Ein (historisch gelesener, unter Denkmalschutz stehender) Sockel dafür, vor dem Eingang des neu errichteten Stadtschlosses, das jetzt „Humboldt-Forum“ genannt werden soll, existiert bereits. „Bürger in Bewegung“ heißt das Werk – eine riesige Schale, die sich neigt, wenn alle Menschen darauf in eine Richtung gehen. Der Sockel wurde bereits mit gigantischem Aufwand so umgearbeitet, dass er die 150 Tonnen schwere Stahlschale tragen könnte, die auch schon fast fertig ist. Aber der Stahlbaubetrieb ist bankrott, rückt sein wertvollstes Gut nicht heraus, und die Bundesregierung als Finanzier ist nicht bereit, die erforderlichen Millionen nachzuschießen, damit das Denkmal endlich erstehen kann.

Das Drama der „Wippe“ als Symbol für Deutschland?

Nun ist jede solche Baugeschichte wie ein guter Roman – sie hat nicht nur eine Ebene. Die umstrittene „Wippe“ darf man daher auch als Beispiel für den inneren Zustand Deutschlands deuten. Sie könnte Symbol sein für mangelndes historisches Bewusstsein (deutsche Einheit, was gibt´s da zu feiern?), für übertriebene Ambitionen (warum muss man die komplizierte Wippe auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals errichten? Hätte es im Zentrum Berlins nicht auch einfacheren Baugrund gegeben?) und kleingeistiger Sparsamkeit (siebzehn Millionen Euro wurden schon ausgegeben – würden sich Franzosen bei vergleichbarem Anlass über die fehlenden vielleicht fünf Millionen Gedanken machen?).

Eine Installation erinnert an das erste „Loch“ im „Eisernen Vorhang“, der Europa bis 1989 durchtrennte: Gedenkstätte für das „Paneuropa-Picknick“ an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron.

Also ein Blick an die Grenze von Ungarn und Österreich. Zugegeben, der Vergleich ist ungerecht; mehr Provinz als am Platz des „Paneuropa-Picknicks“ zwischen dem  burgenländischen Sankt Margarethen und dem ungarischen Sopron geht kaum;  Platz ist genug, und so mag es dort leichter sein als im Zentrum Berlins. Schon seit vielen Jahren steht hier ein ausgedehnter Gedenkort, mit (vielleicht fast zu) prächtigem Denkmal, mehrsprachigen Informationen und einer eindrücklichen Installation des Künstlers Miklós Melocco: Stilisierte Figuren streben einem Maschendraht zu, der am 19. August 1989 im stillen Einvernehmen zwischen ungarischen und österreichischen Grenzsoldaten einfach durchgeknipst wurde, damit ein paar hundert Deutsche aus der DDR hinüberkonnten, dorthin, wo ihre Träume sie trugen – nach Westen.

Das Denkmal in Ungarn steht schon seit vielen Jahren

Die ganze Anlage stammt aus einer Zeit, in der die Regierenden in Ungarn noch stolz waren auf ihre Rolle bei der Einigung Europas, und insofern ist jetzt, da in wenigen Tagen eine (hoffentlich tatsächlich) europafreundliche Regierung in Ungarn ihr Amt antritt, der richtige Moment, diesen Ort aufzusuchen.

Es fehlt auch dort nicht an der zweiten Ebene – denn so erhebend die Aufbereitung ist, so prächtig das Denkmal, so eindrücklich die nachgestellte Szene am Grenzzaun – der ganze Ort hat auch etwas von Vergessen und Verfall. Die hinzugekommenen Denkmäler der Europäischen Union (eine offenstehende Marmortür mitten in der Landschaft), ein Stück der innerdeutschen Mauer, hinzugefügte Erinnerungstafeln verschiedener Spender – alles das verfällt. Trotzdem bleibt beeindruckend, mit welcher Wucht hier einem Ereignis gedacht wird, das aus jeweils nationaler Sicht weder für die Menschen in Ungarn, noch für die in Österreich eine größere historische Bedeutung hatte – wohl aber für die Deutschen und für die Einigung Europas.

„Bürger in Bewegung“ – Wenn Menschen in Richtung Freiheit streben, können sie viel bewirken (Installation des Künstlers Miklós Melocco an der Stelle der Grenzöffnung bei Sopron

Innehalten, wo Menschen den Wert der Freiheit spürten

Ein paar Kilometer weiter kann man gleich noch so einen Ort wahrnehmen. Dort ging es vor allem um den Freiheitswillen der Ungarn, die infolge des niedergeschlagenen Volksaufstandes im Herbst 1956 vor der sowjetischen Ordnungsmacht um ihr pures Leben, mindestens aber um ihre Freiheit fürchten mussten. In der Nähe des burgenländischen Städtchens Andau flüchteten rund 70.000 Menschen in diesen wilden Tagen des Herbstes 1956 nach Österreich, dank einer hölzerne Brücke über dem Einser-Kanal, der die Grenze bildet. Am 21. November jagten sowjetische Truppen dieses Nadelöhr zur Freiheit in die Luft. Dann dauerte es bis zu jenem Augusttag 1989, an dem sich erstmals wieder Menschen bei Sopron frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Die Brücke von Andau (im Hintergrund, heute eine Rekonstruktion) war einmal eine Hoffnungsschleuse für Menschen, die aus Ungarn fliehen wollten, nachdem dort sowjetische Panzer einen Volksaufstand niederschlugen. Nach ihrer Sprengung im Jahr 1956 dauerte es 33 Jahre, bis sich wieder Menschen frei zwischen Ungarn und Österreich bewegen konnten.

Heute ist dieser historische Holzsteg rekonstruiert, und an beiden Stellen, bei der Brücke von Andau und am Picknickplatz bei Sopron lohnt es sich, innezuhalten. Welche Risiken und Mühen Menschen auf sich nahmen, um realer oder drohender Unfreiheit zu entkommen! Wer hierzulande beispielsweise dem Freiheitskampf der Menschen in der Ukraine gleichgültig gegenübersteht, dem täte ein Besuch an diesen Orten ganz gut. „Bürger in Bewegung“ können Großes bewirken, nicht nur auf einer Wippe, die noch auf sich warten lässt.

Mehr zum „Paneuropa-Picknick“ am 19. August 1989 und zu den Ereignissen rund um die Brücke von Anbau im Herbst 1956 finden sie z.B. bei Wikipedia.

Über die Schwierigkeiten und den den Stand rund um das geplante Denkmal zur Deutschen Einheit „Bürger in Bewegung“ in Berlin informiert u.a. ein guter Dokumentarfilm des RBB, der in der ARD-Mediathek noch bis 10.10.26 verfügbar ist. 

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