Das kleine große Sommerglück im Freibad (ULZ#10)

Utes #Lesezeichen Nr. 10

Seemann vom Siebener von Arno Frank, erschienen bei Tropen, 2023, 232 Seiten

ausgelesen am 09.08.2026

Das Päckchen, jetzt im Sommer, kurz vor unserem Urlaub, war unschwer erkennbar in Größe und Gewicht als Taschenbuchsendung, und die Schrift verriet die Senderin: meine Tochter. Ein schmales Bändchen in Swimmingpoolblau, „Seemann vom Siebener“ von Arno Frank, fiel mir in die Hand. Dazu eine Postkarte mit Sommerzitronen, wunderbar passend, und ohne einen Satz gelesen zu haben, kamen Erinnerungen auf und ich bekam Lust auf Sommer und Freibad. Schon auf der Titelseite ein Zitat von Christine Westermann: „Eine traumhafte Leichtigkeit, eine fein dosierte Mischung aus Witz und Wehmut, Komik und Drama.“

Und dann passierte es bei der Lektüre: die Sommertage meiner Jugend und die Zeit, als die Tochter noch klein war, plätscherten wie kleine Wellen über den Beckenrand, endlos, nimmermüde. Das Lagern auf dem Handtuch, etwas unbequem, wenn man die Decke vergessen hat. Oder das Pieksen an den Füßen beim Laufen über die vertrocknete Wiese. Und das Beobachten der anderen Badegäste (kenne ich den nicht? Warum zieht der sich so verrenkt die nasse Badehose unter dem Handtuch aus – guckt sowieso niemand). Nochmal ins Wasser gehen? Eigentlich müssten wir doch heim, arbeiten, Hausaufgaben machen – ach egal, schaffen wir schon.  Wer hat auch solche Erinnerungen?

Im „Seemann vom Siebener“ spielt auch ein Bademeister mit dem wunderbaren Namen Kiontke eine wichtige Rolle. Diesen Namen hatte ich noch nie wahrgenommen, Google erzählt mir, dass es ein Name aus ostdeutschen Siedlungsgebieten, auch schlesischer Herkunft ist, Ursprung irgendwas mit Kiefer. Kiefer oder Föhre finde ich super, im Sand in einem Kieferwäldchen liegen, an der Ostsee, in Kroatien am Meer, perfekt, zählt zum Sommerwasservergnügen 😊.

Aber Kiontke könnte auch Müller oder Maier heißen. Er ist wie alle Bademeister schon immer da, kennt alle und alle kennen ihn, manche fürchten ihn auch, weil er in der Regel wohlgegründet von seiner Autorität Gebrauch machen muss. Er ist der Herrscher über Pflaster, Beckenabsperrungen und hütet durch Einhalten hygienischer Vorgaben die Wasserqualität.

Das klassische Bad hat in der Regel auch einen Sprungturm. In Kiontkes Schwimmbad hat er Bretter auf ein, drei, fünf und schwindelerregenden sieben Metern. Der Siebener ist allerdings gesperrt – und das ganze Buch rankt sich um ein Unglück, das damit verbunden ist.

Auf der Rückseite der Sommerzitronen gab es übrigens eine Empfehlung meiner inzwischen erwachsenen Tochter: Der Podcast „Zwei Seiten“ von Christine Westermann und Mona Ameziane wäre hörenswert, stand da, und da die Folge über das Flirten. Also Häkelsachen gefasst, Podcast eingeschaltet – denn wusstet Ihr, dass man beim Stricken oder Häkeln besser hören kann? Anatomisch und physiologisch ein ganz spannendes Thema … .

Also mein Tipp: Holt eure Häkel- und Stricksachen (weiß nicht, was Männer mit ihren Händen auf Badeliegen tun können außer Daddeln), kauft ein Ticket für das Freibad Eures Herzens und genießt die Erinnerungen.

Häkelglück und eine Postkarte mit Sommerzitronen – wenn das mal keine Einladung ins Freibad ist. Und dazu ein passendes Buch …

Übrigens: ein Seemann ist ein waghalsiger Sprung. Der Kopf voraus, die Hände eng am Körper oder die Finger verhakelt auf dem Rücken. Würde ich mich nie trauen; mein höchster Sprung war vom 5m-Brett und liegt seehr lange zurück.

 

Leseempfehlung: für Wasserratten und solche, die das Freibad ihrer Kindheit nie vergessen haben; PodcasthörerInnen; Mütter und Väter geliebter Töchter (und Söhne); für alle Kiontkes dieser Welt;

 

Utes Lieblingsschwimmbad an heißen  Tagen ist das „Bädle“ in Stuttgart-Zuffenhausen. Darüber gibt´s hier auch einen Text von Andreas.

 

 

Das Bädle und die große Politik

Beim Schwimmen drängen sich die originellsten Gedanken ins Bewusstsein. Einer davon: Die einen baden hier zum Vergnügen, andere ertrinken im Mittelmeer. Foto: lizenzfrei von Ben_Kerckx via pixabay

Abseitige Gedanken eines Schwimmers

So ein Bädle ist eine entspannte Sache, wenn es heiß ist. Sie fragen sich, was ein Bädle ist? Ein kleines Schwimmbad. Ein Sommerfreibad mit nur zwei Becken; eines für Schwimmer und eines für solche, die es werden wollen. Ein Kinderplanschbecken. Eine Liegewiese. Pommes oder Gyros gibt´s beim Griechen, der das Bistro betreibt. Fertig. Kein Schnickschnack, kein Strömungskanal, keine Wasserrutsche.

Sie fragen sich vermutlich schon nicht mehr, wo es so ein Bädle gibt. Die Verniedlichung verrät das südwestdeutsche Idiom. Wir schwimmen in Stuttgart, im Norden der Metropole, ein von der Industrie geprägter Vorort der Großstadt. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Viele davon trifft man auch im Bädle.

Lust auf eine Abkühlung?

Dann kommen Sie doch bitte herein ins Schwimmerbecken, ein paar Bahnen ziehen. Vorher duschen! Den schaurig schönen Kälteschock genießen, losschwimmen. Heute ist es hier ganz entspannt, aber am Wochenende wird es voll im Bädle. Und wenn man mit den Schwimmmeistern spricht, erzählen sie davon, dass es manchmal Ärger gibt. Zu heiß, zu viele Leute, zu wenig Platz. Auch Leute, die sich daneben benehmen. Dann muss man halt eingreifen.

Aber noch nie hat man was von ernsthaften Problemen gehört im Bädle. Keine tödlichen Badeunfälle. Niemand ertrunken. Niemand ertrunken – war da nicht was?

Nicht schlappmachen! Weiterschwimmen!

Wenn es Ihnen zu langweilig ist, schauen Sie sich mal die Plakate links und rechts an. Das Bädle ist ein öffentliches Freibad, aber nicht von der Kommune getragen. Ein Sportverein ist Hausherr im Bädle. Ehrenamtliche leiten den Vorstand, kümmern sich um Anträge und die Einhaltung der Gesetze, stellen das Personal ein, das für Ordnung sorgt. Freiwillige Helfer decken abends die Becken ab, damit das Wasser nachts nicht so auskühlt und man Energie sparen kann.

Eine Bahn mehr, kurzer Stopp am Beckenrand, und dann zurückschwimmen!

Also, was hängen denn da für Plakate? Werbung ist das; der Sportverein ist auf alle Einnahmen angewiesen. Ein örtlicher Heizungsbauer und ein Autohaus preisen sich da, auch die letzte Bank, die noch eine mit Menschen besetzte Filiale hat im Stadtteil. Und ein Immobilienmakler. Wer im Bädle schwimmt, kann über Hauskauf oder –verkauf nachdenken, renoviert auch mal sein eigenes Bad, kauft sich ein neues Auto. Hat Geld auf der Bank. Vielleicht nicht viel, aber genug, dass sich die Bank die Werbung leistet.

Noch eine Bahn?

Klar! Aber aufpassen auf die langsam rückwärts schwimmende Rentnerin! Rücksicht ist angesagt im Bädle. Hier sind die „normalen“ Leute versammelt, von denen manche Politiker so gerne reden. Ist das ein Luxus-Millionär, der da auf der Bahn hurtig entgegengeschwommen kommt? Nein, Unsinn, nur ein sportlich ambitionierter Freizeit-Kampfschwimmer. Braucht immer eine Bahn für sich, müssen die anderen halt ausweichen. Das sind Menschen mit normalem schwäbischem Wohlstand, egal wo sie geboren wurden. Fleißige Leute in ihrer Freizeit schwimmen hier, oder Rentner, die mal fleißig gewesen sind. Wer wollte irgendwem auf der Welt verübeln, wenn sie oder er auch so leben will, auch mit so einem Bädle?

Wunderbar erfrischend, das Wasser!

So friedlich plätschert es herum im rechteckigen Becken! Selbst bei ruhiger See sind die Wellen im Mittelmeer bestimmt fünfmal so hoch wie das Kräuseln hier im Bädle. Und das Meer ist tausendmal so tief wie hier, wo wir noch stehen können.

Komischer Gedanke. Wie kommt man denn auf sowas? Gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dem Bädle und den Bedauernswerten, die sich durch die öden Wüsten Afrikas bis zum Mittelmeer durchkämpfen, um dann Gefahr zu laufen, in seinen Fluten zu ertrinken.

Noch eine Bahn? Oder lieber raus und die Sonne genießen? Im Schatten lagern bei der Hitze? Ja klar, im Bädle gibt’s auf der Liegewiese alles, was man haben möchte: Pralle Sonne für die Bräunungsfanatiker, oder guter Schatten unter dichten Bäumen. Die Leute in den Wüsten und auf so einem Schrottkahn im Mittelmeer, die haben übrigens keine solche Wahl. Entschuldigung, schon wieder so ein abseitiger Gedanke.

Also in den Schatten. Sie haben eine Decke dabei? Gut so.

Ein Windhauch. Wunderbar kühl auf der noch nassen Haut, nicht wahr? So ein friedlicher Ort, dieses Bädle.

Wir haben doch eigentlich Platz hier, oder? Überall brauchen wir Leute, in der Gastronomie, bei den Lieferdiensten, auch bei den ganzen modernen KI-Zentren, damit wir die Arbeit erledigt bekommen.

Das stimmt einerseits, sagen Sie. Aber andererseits sind die Zeiten sind nicht mehr so rosig. Gleich um die Ecke ist die Porsche-Fabrik, und die baut Stellen ab. Und der Daimler auch. Wo sollen die Leute alle arbeiten, wenn sie nicht beim Schwimmen sind? Der reichen Stadt Stuttgart brechen die Steuereinnahmen weg, und deshalb muss sogar das Bädle um seine Finanzierung kämpfen.

Alles richtig. Aber haben diese Probleme irgendwas mit den armen Leuten zu tun, die im Mittelmeer ertrinken? Fast zweitausend waren es im Jahr 2025. Also mal ganz ehrlich, die hätten doch hier im Bädle auch noch Platz gefunden?

Jetzt reicht´s Ihnen, sagen Sie? Schluss mit Politik auf der Liegewiese?

Ist ja gut. Ich meine ja nur, weil – weil doch hier im Bädle noch niemand ertrunken ist. Wäre uns ja auch nicht egal, oder?

 

 

Zahlen zu den Fluchttoten auf der Mittelmeerroute finden Sie bei der UNO-Flüchtlingshilfe. 

Das hier angesprochene „Bädle“ gibt es wirklich und heißt auch so: https://www.ssv-zuffenhausen.de/freibad-baedle/

Die Existenz des „Bädle“ ist derzeit bedroht wegen Haushaltseinsparungen der Stadt Stuttgart. Wer helfen will, kann das hier tun: https://www.gofundme.com/f/rette-das-badle

Der Text ist eine aktualisierte Fassung der ersten Version aus dem Jahr 2023.

 

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