Wuchtig, Ehrfurcht einfordernd, dominiert sie den Platz um sich herum, der einmal ein Friedhof war und jetzt eine gepflegte Parkanlage ist. Sie trägt den Namen gleich zweier Heiliger, und es waren auch einmal zwei getrennte Kirchen – eine des Volkes, eine der Augustinerinnen im Kloster. Das Kloster ist weg, die Kirche noch da – inzwischen zusammengeführt zu einem gemeinsamen, verschachtelten Kirchenraum. Ein hölzerner Säulenwald, den ich so noch in keiner anderen Kirche gesehen habe, trägt den Innenausbau – eine umlaufende Empore, aber insbesondere eine prächtig geschmückte Patronatsloge und eine deutlich bescheidenere Bürgermeisterloge. Alles das will nicht so recht passen zur eintausend Jahre alten, romanisch-trutzigen Bausubstanz dieses Kirchenraums. Der L-förmige Grundriss entstand bei der Zusammenführung der Klosterkirche mit der Kirche der Pfarrgemeinde und hat bis heute zur Folge, dass einfaches Kirchenvolk von einigen Plätzen aus der Hochalter gar nicht sehen kann.
Mich hat besonders beeindruckt, mit welcher Geduld, mit welchem Einsatzwille eine aktive Kirchengemeinde hier unermüdlich, Stück für Stück, diese alte Kirche zurückversetzt hat in einen vorzeigbaren Zustand. Es bedurfte wieviel bürgerschaftlichen Engagements, den Verfall zu stoppen und eine moderne Idee von der Nutzung dieses Kirchenraumes (u.a. auch als Autobahnkirche an der A9 in der Nähe von Halle) zu entwickeln. Die vielen Schritte dorthin sind in einer liebevoll gestalteten, kleinen Ausstellung in der Kirche dokumentiert. Wo stünde unsere Gesellschaft ohne solches stetes und beharrliches Bemühen?
Noch sind die Balkone der Genossenschaftshäuser unbelebt, noch fehlen bunte Sonnenschirme, noch färben sich die Blumenkästen nicht. Aber ganz langsam, unaufhaltsam weicht das Grau. Grün sprießt es schon aus jeder Ritze, an jedem Ast. Die ersten Tulpen kämpfen sich bunt durch das noch matte Grün der Wiesen, das gelbleuchtende Gebüsch zieht magisch jedes Auge an, die Kirschen recken ihr Rosaweiß in den stahlblauen Himmel. Schon fallen die Magnolienkelche ab in ergrauter Schönheit.
Leben in den Hochbeeten zwischen den Hochhäusern
Berlin blüht. Deutschlands Hauptstadt liegt mit 59 Prozent Grünflächenanteil diesbezüglich im Mittelfeld deutscher Großstädte (Hamburg über 70, München unter 50 Prozent). Und doch erscheint es so, als dürste dieser Stadt ganz besonders danach, endlich das urbane Grau zur Seite zu drängen. Als müsse sich hier jeder Baum ganz besonders anstrengen, zwischen den vielen Pflastersteinen, zwischen all den Giften und Zumutungen endlich wieder vitalen Schimmer tragen zu dürfen. Grün zu sprießen – das ist keine Kunst im feuchten Hamburg, aber hier, wo die Winter kalt und trocken sind? Im Frühling die prächtigen Blumenrabatten erblühen zu lassen – das ist keine Kunst im königlichen München, wo der Reichtum jedem Gärtner Brot gibt – aber hier, zwischen Plattenbauten und Dönerläden, belagert von zu vielen Menschen, geschunden von zu viel Verkehr? Hier ist es etwas Besonderes, wenn sich die Beete bunt färben, jedes hart erkämpfte Stück offene Erde grün wird und nicht grau bleibt. Auch das Urban Gardening erwacht, da kommt Leben auf in den Hochbeeten zwischen den Hochhäusern!
Wie viele große Gärten und Parks hat diese Stadt zu bieten, in denen es nun blüht und grünt aller Orten? Den Tiergarten mit seinen verschlungenen Wegen, die nach jeder Biegung den Blick auf eine glitzernde Überraschung, ein Kunstwerk, eine Idee von Gartenkunst freigeben! Oder die modernen Gärten der Welt, in denen man von einer Seilbahn aus die ganze blühende Pracht auch von oben bewundern kann. Wie ungerecht, nur zwei hier zu erwähnen, gibt es doch Hunderte kleiner und großer Parks mit angelegten Beeten und Flächen, mit abgenutzten Spielflächen, mit plätschernden Wasserspielen, mit stillen Teichen und spiegelnden Seen. Sie alle erwachen im Frühjahr zu neuem Leben, zu neuer Hoffnung, bevor sie doch wieder Opfer werden. Getreten und geknickt von der Lust der Menschen, zu ihnen nach draußen zu drängen, ihre Pracht zu benutzen und zu missachten. Und das, wo doch bald schon die Hitze des Sommers dafür sorgen wird, dass ihnen der Lebenssaft knapp wird. Der Herbst wird ihnen nochmal die kurze bunte Pracht der fallenden Blätter gönnen – und dann, dann ist es wieder vorbei und alles wird zurückgedrängt in das urbane Grau.
Verschachtelte Paradiese
Jetzt aber steht dieser Kreislauf auch in Berlin an seinem bunten, hoffnungsfrohen Beginn. Den Flaneur hat es frühlingstrunken hinausgetrieben bei kühlem Wind und strahlender Sonne, hinaus an die alte Grenze zwischen Ost und West, zwischen Treptow und Neukölln. Hier stand die Mauer, und westlich wie östlich von ihr gab und gibt es nur eines: Kleingartenkolonien. Eine einzige Ansammlung von verschachtelten Paradiesen, Natur-Fluchtpunkte, wohl geordnete, kleine Königreiche für Gartenzwerge und ihre Besitzer. Jedes Gärtchen „ein klein Häuschen“, jede Parzelle schöner, frühlingsbunter als die nächste. Und sie haben Namen, die das kleine Glück versprechen: „Alt-Köllner Pracht“ oder „Wiesengrund“ oder „Märkische Schweiz“.
Eine dieser Kolonien an dieser Stelle, an der früheren deutschen Grenze mitten durch unser deutsches Hauptstadt-Herz, heißt noch immer „Sorgenfrei“. Frei von den Sorgen um Arbeit, Gesundheit und Leben, frei von den Sorgen deutscher Teilung, alles das suchten auch im März 1966 die Kleingärtner in ihrem eigenen Stück Grün im Schatten der Grenzmauer. Sorgenfrei! Sie suchten es in jedem zwitschernden Vogel, in jeder zum Leben erwachten, sich der Sonne entgegendrehenden Blüte, die den Blick ablenkte vom Todesstreifen, direkt nebenan. War am 14. März 1966 auch dort schon ein Hauch von Frühling zu spüren? Sprießte in den Gärten der Kolonien auch schon das Gras, das erste zarte Grün an den Bäumen, die ersten Krokusse?
Geboren auf der falschen Seite der Mauer
Zwei Jungs, 10 und 13 Jahre alt, versteckten sich einen ganzen Tag in dieser gärtnerischen Idylle, um in dieser Nacht über die Mauer von Treptow nach Neukölln zu gelangen. Wenn es dunkel war, wenn die Nacht die Blüten geschlossen hatte und das frische Grün zu Grau geworden war, das Schutz zu bieten vorgaukelte, – dann wollten sie die Grenze überwinden. Der Jüngere der beiden – im gleichen Jahr geboren wie der Flaneur, aber am falschen Ort, auf der falschen Seite der Mauer – wollte zu seinem im Westen lebenden Vater, sein bester Freund machte mit bei diesem traurigen Abenteuer. Beide wurden erschossen, auf der Höhe der Kolonie „Sorgenfrei“, und starben noch am gleichen Tag. Der Staat, über dessen Charakter als „Unrechtsstaat“ heute noch einige Anlass zur Diskussion sehen, vertuschte den Vorgang, den entsetzten Eltern wurde vorgelogen, ihre Kinder seien verunglückt. Zwei DDR-Grenzbeamte waren an dieser mörderischen „Grenzsicherung“ beteiligt; einer davon lebte noch, als die Mauer fiel. Im Prozess, der ihm dann gemacht wurde, sagte er aus, er habe nicht erkannt, dass die dunklen Gestalten im Grenzstreifen Kinder gewesen seien. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt
So war das im Frühjahr 1966, als eine tödliche Mauer die blühende Pracht der Gartenkolonien durchschnitt. Heute tut dies eine neu angelegte Straße. Aber dort, wo der alte Mauerstreifen von der Straße abbiegt, füllt nun ein breiter Parkstreifen den Mauer-freien Platz, ein Bächlein wurde angelegt, eine Birkenreihe angepflanzt. Bedächtige Spaziergänger und sportliche Radfahrer streifen sorgenfrei unter dem frischen Grün der Birken in beide Richtungen dahin. Ein kluges Denkmal erinnert an die beiden getöteten Kinder. Berlin blüht. Blüht auch deshalb, weil wir es überwunden haben, dass hier Menschen sterben.
Das Denkmal für die bei der Flucht erschossenen Kinder an der Kiefholzstraße bei der Gartenkolonie „Sorgenfrei“
Die Feiningerkirche – hier ein Foto des Druckes „Gelmeroda XI“ von L. Feininger, der in der Kirche hängt; ein Gemälde mit ähnlichem Motiv besitzt das Metropolitan Museums of Art New York.
Feiningerkirche in 99428 Gelmeroda
Meine Besuche am 15. April und am 14. Mai 2021
Da duckt sie sich unter das hohe Turmdach, das nadelspitz zuläuft und so hoch ist wie der ganze restliche Turm, die weltberühmte Kirche im Thüringischen, nah bei Weimar, direkt an der Autobahn. Weltberühmt? Oft bin ich vorbeigefahren, aber ich kannte sie nicht. Der Bauhaus-Künstler Lionel Feininger, der zwischen 1906 und 1937 „Meister“ am Bauhaus in Weimar war (solange es dort geduldet war, dann in Dessau und Berlin), liebte diese kleine Kirche und hat sie mehr als zwanzig Jahre immer wieder gemalt, auch dann noch, als er, geflohen vor den Nazis, längst wieder im sicheren Amerika wirkte. Eine späte seiner Skizzen ist in der kleinen Ausstellung in dieser Kirche zu sehen und stammt aus dem Jahr 1954, kaum zwei Jahre vor seinem Tod.
Im Innenraum sorgt schlichtes Weiß für eine sehr klare Atmosphäre.
Das uralte Kirchlein mit Fundamenten aus dem 12. Jahrhundert und dem gewaltigen Turmhelm wäre wohl längst verfallen, hätten nicht engagierte Menschen sich ihrer angenommen. In den 90er Jahren grundlegend renoviert, strahlt der Innenraum jetzt schmucklos weiß, still, streng, und doch einladend. Die spärlichen Rest-Fresken und der Altarraum aus früheren Zeiten blieben unangetastet, aber sie verschwinden in dieser klugen, modernen Inszenierung.
Abends könnte die Kirche im Stile eines Feininger-Gemäldes farbig angestrahlt werden, aber für die Wartung der Beleuchtungsanlage fehlt das Geld. An einer Lösung wird gearbeitet, berichtete mir Pfarrer Joachim Neubert, als ich die Kirche ein zweites Mal Mitte Mai besuchte und ihn dort zufällig antraf. Ob Licht oder nicht: Ich plädiere für einen Halt tagsüber an diesem künstlerisch inspirierenden Ort.
Was für ein geschundenes Gemeinwesen ist dieses Berlin! Aber so sind Metropolen: überlastet, abgenutzt, überfüllt. Vermüllt.
Berlin hat wie London, Paris oder New York prächtige Ecken, in denen Reichtum aus jeder Pflasterfuge quillt. Und andere, in denen das Gras am Straßenrand nicht mehr wachsen kann, weil niemand es schützt und gießt, aber alle drauftreten, auch die überzeugten Klimaschützer. Berlin hat Ecken, in denen der Müll am Straßenrand liegt, obwohl die Straßenreinigung regelmäßig unterwegs ist. Häuser, die verfallen, zugenagelt sind, und alle haben sich daran gewöhnt. Roststrotzende Brücken und gequälte Gleise, über die eine Stadtbahn seit über hundert Jahren rumpelt. Und es sieht zumindest so aus, als fehlten Geld und Kraft, sie zu erneuern.
Sollen sie ruhig spotten, die ordnungsliebenden Schwaben oder die besserwisserischen Bayern! Nur einen Tag lang sollten sie Verantwortung tragen für diesen Moloch, und sie würden scheitern. Hier würde ihren selbstgewissen Verantwortlichen der Alltag Demut lehren vor der Komplexität des Zusammenlebens von Menschen in einer Unterschiedlichkeit, die sie nicht kennen in Tübingen oder Garmisch-Partenkirchen. Wieviel Geld müsste Berlin für sein Gemeinwesen ausgeben, um so sauber auszusehen wie München? Wir würden es nicht mit unseren Steuern bezahlen wollen.
Bunt, geschäftig, jung wie alt
„Berlin! Berlin!“, schrieb der Berliner Schriftsteller Julius Hart (1885 – 1930) in seinem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin“: „Die Menge drängt und wallt, und wälzt sich tosend durch die staub´gen Gassen.“ Und weiter: „Vorüber brandet sie stumpf, tot und kalt, Und jedes Ich ertrinkt in dunklen Massen.“ So wirken die Menschen heute nicht, die dem Flaneur begegnen. Eher unfassbar bunt, geschäftig, jung wie alt: So viele Sprachen, so viele Generationen, so viel nicht reguläres Leben: Straßenkünstler im farb-verklecksten Outfit, Migranten jeder Herkunft, echte und falsche Bettler, englischsprechende Geschäftsleute, Obdachlose in allen Zuständen ihrer Not, hippe Studierende, Drogenkranke, Skater, Punks, und natürlich viele etablierte, junge wie alte Menschen. Sie alle stimmten der wichtigsten Regel zu, die für alle gilt, für die Berlin Heimat ist: Du musst den Nächsten vielleicht nicht lieben, aber Du musst ihn ertragen. Diese Stadt erzählt mehr von Toleranz als tausend politische Erklärungen. Dieses geschundene, überforderte, an vielen Stellen aus allen Nähten platzende Gemeinwesen braucht gesellschaftliche Vielfalt nicht zu diskutieren, sondern muss sie leben, ob es will oder nicht.
Berlin trieft vor Geschäft(stüch)igkeit
East Side Gallery – ein Blick durch die Mauer
Warum funktioniert das? Was eint diese Stadt? Der Konsens des Materiellen. Denn in dieser Stadt ist jeder Atemzug materiell. Berlin hatte einen Bürgermeister, der beschrieb seine Stadt mit den Worten: „arm, aber sexy“. Arm sind hier ganz sicher diejenigen, die um ihre Existenz kämpfen. Die sich mit zwei Nebenjobs über Wasser halten müssen, als Putzhilfe oder Tankwart oder Späti-Verkäufer. Auch das ist in Berlin nicht anders wie in anderen Metropolen. Das goldene Kalb mag hier nicht ganz so schön glänzen, aber es jagt noch hitziger als anderswo durch alle Gassen. Diese Stadt trieft vor kleinteiliger Geschäft(stücht)igkeit. Jeder noch so kleine Laden braucht eine exotische Besonderheit, um eine noch kleinere Marktnische anzuzapfen: Hier ein neues noch exotischeres Restaurant, da eine noch hippere Bar, dort eine neuer Pop-Up-Shop mit Pflanzen zum Mieten. Buchbare e-Roller liegen kreuz und quer massenhaft herum, und führen vor, wie gering ihr materieller Wert ist, und wie hoch die Gewinnspanne sein muss, wenn man sie mietet. Car-Sharing-Autos verknappen den Parkraum, Leihfahrräder verstopfen die Abstellplätze. Hier ist alles nicht nur wegen der Pandemie „to go“, die Fahrer der Essenslieferdienste jagen sich gegenseitig auf den Radwegen die Vorfahrt ab. Die Supermärkte überbieten sich mit noch längeren Öffnungszeiten und graben damit den Kiosken das Geschäft ab. Diese „Spätis“ öffnen immer, auch am Sonntag.
So verdunstet in Berlin jede Spiritualität im materialistischen Fegefeuer. Wenn kein Gottesdienst ist, sind alle Kirchen geschlossen, sogar die katholischen. Vor den Kircheneingängen kampieren die Obdachlosen.
Ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel
Aber Investorengeld scheint es ausreichend zu geben. Die Gentrifizierung des Wohnungsangebotes ist zum Greifen. Der Mauerstreifen (und nicht nur er) ist gesäumt mit balkonbewaffneten Neubau-Käfigen, sogar die weltberühmte East Side Gallery musste ihnen ein gutes Stück weichen. Da half auch kein Denkmalschutz! Jedes zweite Haus, jede zweite Straßenecke ist eine Baustelle. Die Zahl der Baustellen, Baugerüste, Renovierungen, Provisorien, Umleitungen ist nicht zu zählen – genau so wenig wie die Häuser, Straßen, Bahnhöfe, Bahnlinien, die noch verrottet oder zumindest überholungsbedürftig auf bessere Zeiten warten.
Berlin – das ist ein Live-Besuch beim Turmbau zu Babel: Gewerkelt und gehämmert und gebohrt und gegipst wird allerorten und ohne Unterlass. Der Gott, dem man hier mit aller Geschäftigkeit näherkommen will, ist der schnöde Mammon. Nur das mit den Sprachen, das haben sie jetzt besser im Griff in Berlin.
Wer mehr wissen möchte zu den hier verwendeten Bibel-Metaphern, hier meine Empfehlungen:
Autobahnkirche St. Thomas von Aquin, Marktplatz 1, 91257 Pegnitz/Trockau
Mein Besuch am Ostermontag, 5. April 2021
„Raststätten für die Seele“ sollen Autobahnkirchen sein, lese ich im entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Mich haben die Hinweisschilder auf Autobahnkirchen schon immer fasziniert, sie sind für mich großartige Stachel im Fleisch der dahinhetzende Mobilität, ein Gegenstück zu allem, was unsere Gesellschaft mit einer Autobahn verbindet: Schnell, schnell, dahin zum Ziel. Und dann hält da einer an und geht in eine Kirche? Wie viele derjenigen, die da dahinrauschen in Sicht- und Hörweite, halten das wohl für einen ganz außergewöhnlich unsinnigen Impuls, eine gerade provozierende Störung?
In Trockau liegt St. Thomas von Aquin weithin sichtbar am Rande der A9, der Lebensachse zwischen Berlin und dem Süden der Republik. Ein einfacher Bau, erst 1950 geweiht, und doch in konventionellem Stil erbaut, ohne architektonische Experimente. Der Turm wurde sogar erst zwanzig Jahre später hinzugefügt. All das geschah, als es die Autobahn schon gab, aber noch nicht den Status einer „Autobahnkirche“. Den trägt dieser stille, unaufgeregte Bau erst seit 2010.
Mich rührt dieser Raum an: Viel Backstein, warmes Licht erfüllt den weiten, und doch intim wirkenden Bau. Im Gästebuch reihen sich die Einträge mit großem zeitlichen Abstand hintereinander; Menschen, die auf der Rast mehr suchen als einen Picknick-Platz, eine Toilette, einen Coffee-Shop. Die eine Inspiration, einen Moment des Innehaltens suchen auf der Hetze von A nach B. Eine gute Idee – in Deutschland gibt es 42 Autobahnkirchen.
Majestätisch am Hang liegt sie, die „Glucke vom Gäu“, überragt wie eine brütende Henne das Gewirr der Fachwerkhäuser unter ihr. In einem Zettel, den die Kirchengemeinde für Besucher auslegt, finde ich die Information, dass die Kirche sich jedes Jahr durch geologische Prozesse um einen Millimeter auf die Stadt zubewegt. Als ich sie heute betreten habe, früher Nachmittag, leuchtete die Sonne in den weiten Kirchenraum, der mich zu meiner großen Überraschung in sattem Gelb empfing. Eine farbige Kirche, nicht wegen der Fenster, sondern wegen der Ausmalung im Kirchenraum. Die Pfeiler sind bis hinauf in das Deckengewölbe in gelb gehalten, in ihrer Spitze sogar ganz bunt. Ein starker Farbeindruck! Aber der Innenraum wirkt leider auf mich wie zusammengewürfelt – daran ändern auch die schönen Einzelelemente (vor allem das eindrucksvolle Chorgestühl aus dem 16. Jahrhundert) wenig. Es fehlt mir die Seele dieses schönen und stolzen Kirchenraums. Ich habe viele schöne, auch moderne Kirchen gesehen, denen ein Hochaltar fehlt. Aber hier in Herrenberg fehlt er wirklich. Jerg Rathgeb hatte ihn 1519 gemalt, zwei Jahre, nachdem Martin Luther seine berühmten Thesden in Wittenberg an die Kirchentür geheftet hatte. Ratgebs Hauptwerk, der „Herrenberger Altar“ wurde bereits 1891 verkauft und ist seit 1924 in der Stuttgarter Staatsgalerie zu besichtigen. Und so füllt nun eine bescheidene Holzvertäfelung die klaffende Lücke an der Spitze der Kirche, dort, wo sich alle hinwenden.
Gab es jemals eine Diskussion über die Rückführung von Kunstwerken an ihren ursprünglichen Platz – auch innerhalb Deutschlands? Die eindrucksvolle Altar-Skulptur auf dem nach Jerg Ratgeb benannten Skulpturenweg mahnt eindrücklich an die Leerstelle in der Kirche selbst.
St. Josef, Danziger Str. 19, 70825 Korntal-Münchingen
Mein Besuch am 21. Februar 2021
Sonntagmittag um zwei. Die Kirche ist menschenleer. Ich halte mich fast zwanzig Minuten auf in dem Bau aus den 60er Jahren, niemand stört die Ruhe, es bleibt alles leer und still. Draußen strahlt die Sonne am ersten Frühlingstag im Jahr. Es sind solche intimen Momente,. die mich an Kirchen faszinieren: Die Fotos der Taufkinder. Die Vorbereitungen für die anstehende Erstkommunion. Die handschriftlichen Bitten und Gebete im ausliegenden Buch. Ein intimer Raum umfängt mich und nimmt mich auf. Die Kirche hat schmale Lichtbänder entlang der Dachlinie, und eine dominierende Betonglaswand, welche die komplette Nordseite der Kirche bildet. Ein Feuerwerk aus buntem Glas; der Künstler (Rudolf Walter Haegele) hat die Wand entlang der Naturgewalten gestaltet – Feuer, Blitz, Winde, Dunkelheit – alles soll Gott loben. Mich erreicht diese Deutung nicht. Aber das Licht erfüllt den harmonischen Kirchenraum, gibt ihm Licht, Wärme, Vielfalt.
Valentinstag, Fasnets-Sonntag, aber im Corona-Lockdown. Klare Kälte in der Luft, blauer Himmel, ein paar Schleierwolken, Schnee und Eis auf der Straße. Das Heilig Kreuz Münster überrascht mich einem Gefälle in der Kirche. Wie ein moderner Konzertsaal fällt die überbaute Fläche ab. Der winterliche Sonnenschein fällt durch die bunten Fenster in einen Kirchenraum, der nicht zum Himmel strebt, sondern solide am Boden bleibt. Getaucht in warmes Gold, spiegelt sich das Sonnenlicht in den Altären und auch im Gold der alten Zunftlaternen, die hinter Gitter gleich am Eingang stehen. Sauber beschriftet, hier die Laternen der Schreiner, dort die der Metzger. Und auch welche der Friseure, die sie derzeit vielleicht besonders bräuchten, hat man ihnen doch eine Zwangspause verordnet. Und gleich links davor: Zwei Nischen füllen die Totentafelns des zweiten Weltkriegs, auch berühmte Namen der Stadt darunter, die hier um Mitglieder ihrer Familien trauern mussten. Und doch frage ich mich, was das diese besondere Ehrung der Kriegsopfer an dieser prominenten Stelle in einer Kirche von heute zu suchen hat. Werden wir Tafeln der katholischen Corona-Toten in unsere Kirchen hängen?
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