Umsonst und draußen (30. April 2021)

Was macht einen Touristen-Hotspot aus? Ein internationaler Name muss es sein, ein Sehnsuchtsziel für viele auf der Welt. Ein Ort, der nicht um Gäste werben muss, sondern sich ihrer ordnend zu erwehren hat. Berlin erfüllt alle diese Kriterien: Eine glanzvolle Vergangenheit als Residenzstadt, der sie strahlende Bauten (alte wie neue, echte wie falsche) verdankt, eine über Jahrhunderte berührende wechselhafte Geschichte, die jedem Besucher einen Moment, eine Straßenecke beschert, welche zur Identifikation einlädt. Hundertfach beschrieben und besungen wurde diese Stadt, von Prachtstraßen durchzogen ist sie und voller Orte geschichtlicher Brüche. Wirkungsstätte großer Namen, deren Geburtsorte, Lebenspunkte und Gräber der Tourist andachtsvoll aufsuchen kann.

Im Allways-On-Modus wird der Zaubertrank aufgeschäumt

Tiergarten: Denkmal für die hier ermordete Rosa Luxemburg

So kennen wir Nicht-Berliner genau dieses Touristen-Berlin: Im Allways-On-Modus jagen übermütige Schulklassen und asiatische Busgruppen durch seine Straßen, durchzuckt von blaulicht-bewehrten Politiker-Kolonnen. Dazwischen jede Menge Gäste, die Halt finden wollen im permanenten Strudel des touristischen Wahnsinns, die eine freie Lücke suchen zwischen all den Menschen, um das Brandenburger Tor (und möglichst auch sich selbst dabei) zu fotografieren. Die geduldig Schlange stehen, damit sie einen freien Platz ergattern im Café Kranzler am „Ku´damm“. Bildungshungrige, die Zeitslots buchen, damit ihnen auf der Museumsinsel ein schneller Blick auf die Aphrodite gegönnt wird, bevor die nächste Busladung strömt, das nächste Handy sich ins Bild drängt. Alles ein überhitzter, taumelnder Kreisel aus Tempo, Eitelkeit, Kommerz. Berlin serviert seinen Besuchern ganzjährig und rund um die Uhr einen aufgeschäumten Zaubertrank, angerührt von überarbeiteten, manisch berauschten Köchen, gebraut aus Überfluss, Hysterie und Glücksversprechen. Der Trank macht blind, er lässt uns gar nicht mehr bemerken, dass wir über die gepflasterte Doppelreihe treten, die den Verlauf der Berliner Mauer markiert. Er macht uns taub dafür, dass plötzlich, wenige Meter abseits von allem Trubel, im Tiergarten Stille herrscht zwischen den von rauschendem Geäst beschatteten Bronzeskulpturen. Der Zaubertrank nimmt uns jedes Gefühl für die Wunden dieser Stadt, die noch immer bluten, weil dort Menschen gestorben sind, im verbrecherischen „Kampf um Berlin“ in den letzten Wochen des großen Krieges, oder danach an der Mauer oder zuvor dort, wo Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet in den Landwehrkanal geworfen wurden. Das überhitzte Zaubergebräu sorgt dafür, dass wir nicht mehr stolpern über die Stolpersteine, die an ermordete Juden erinnern. Es verhindert, dass wir stutzen, wenn wir an Soldatendenkmälern vorbeihetzen, die mit tonnenschwerem Guss an vergessene deutsche Siege erinnern. Der Trank berauscht uns so sehr, dass wir die Siegessäule nur noch als Mittelpunkt eines großen Kreisverkehrs sehen, und nicht als fragwürdiges Kriegssymbol.

Keine Eisverkäufer, keine Busrouten-Vermarkter

Stadtschloss Berlin

Aber jetzt ist alles anders. Der Zaubertrank ist alle, seine Köche pandemiebedingt arbeitslos. Plötzlich ist der Besucher (fast) allein zu Haus in Berlin. Also geht der Flaneur ganz für sich und in Muße einmal den langen Weg quer durch diese Stadt. Start am städtebaulich so missglückten Alexanderplatz, keine Schlange am Fernsehturm, keine verkaterten Abiturienten auf den Treppenstufen. Vorbei am wieder aufgebauten Stadtschloss. Die dreißig Zentimeter hohen, goldleuchtend auf blauem Grund wieder aufgetragenen Buchstaben am Fuß der Kuppel kann man jetzt in Ruhe lesen, wenn man denn möchte – hier versperrt kein Selfie-Pärchen die Sicht. „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“, steht da geschrieben, und schon lädt am Schinkelplatz eine gemütliche Steinbank dazu ein, darüber nachzudenken, ob es klug war, mit dem Schloss auch gleich noch den christlichen Überlegenheitsgestus des vorletzten Jahrhunderts mit zu rekonstruieren. Gegenüber die geschlossene Museumsinsel mit dem atemberaubend schlank-eleganten Eingangsbau von Chipperfield. Keine Eisverkäufer, keine Busrouten-Vermarkter stören den Blick. Dann unter den Linden entlang – niemandem ausweichen, freie Sicht auf das sich langsam nähernde Brandenburger Tor. Keine Ablenkung durch hupende Busse, die einen Parkplatz bei Madame Tussauds suchen (wobei es ohnehin ein Rätsel bleibt, warum Menschen an einen solchen Ort reisen, um sich dann die gleichen Puppen von Prominenten wie in London oder New York anzusehen).

Brandenburger Tor: Ungestörter Blick auf die Quadriga

Am Brandenburger Tor ein Kaffee to go. Ein paar Kioske haben auf, der Barista hat sogar Zeit, mit seinem raren Gast zu plaudern. Die Rikscha-Fahrer dösen vor dem Adlon, taxieren mit müdem Blick die wenigen Gäste, die vorbeischlendern. Die Taschendiebe sind ziel- und damit arbeitslos. Durch das Tor der Weltgeschichte radeln ungestört von Fremdenführern, Souvenirverkäufern oder fliegenden Händlern überteuerter Gasballons die Berliner auf dem Weg in ihr Büro. Im Tiergarten pfeifen die Vögel untereinander um die Wette, hier torkeln keine Raver und keine Fußballfreunde mehr und nur noch selten Querdenker durch das uringetränkte Gebüsch. Vorbei am geöffneten Zoo – Zugang nur mit Maske und Corona-Test. Wenige Besucher, ein paar Familien, spazieren zwischen den Gehegen herum. Es herrscht friedliche Gelassenheit bei den Elefanten und die Löwen dösen ungestört in ihrem Gehege.

Maske auf und nachgedacht!

Schließlich den Weg wieder zurück im fast menschenleeren Oberdeck der Buslinie 100. Kein hitziges Gejohle und keine übermütige Rauferei von hippeligem Jungvolk um die erste Reihe, kein ratloses Sprachengewirr im Bus, keine drangvolle Enge auf den Treppen zum Oberdeck. Also Maske auf, zum Busfenster rausschauen, und nachdenken: Was fehlt dieser Stadt ohne Fanmeile, ohne Großevents, ohne Touristen? Ganz sicher Geld. Die absurdesten Auswüchse des kommerziellen Massentourismus sind im geschlossenen Zustand besonders scharf konturiert zu erkennen: Der Autokran ist eingeklappt, der sonst Menschen zu einem „Dinner in the Sky“ in die Abgas-belastete Luft über Berlin befördert, frei sitzend auf einer Bank, die Füße baumeln 50 Meter über dem Boden. Die „DDR-Museen“ sind geschlossen und die Trabbi-Rundfahrten abgesagt, allesamt Geschäftsmodelle, die es erlauben, sich gegen Geld über die Lebensverhältnisse und den Stand der Automobilisierung a la DDR lustig zu machen. Respektlose aller Länder, vereinigt Euch! Die in absurder Anzahl überall herumstehenden und herumliegenden Roller, Mopeds, Autos, Fahrräder zum Ad-hoc-Verleih braucht jetzt keiner. Den geschlossenen Bars in Kreuzberg und anderswo, abgenutzt vom allnächtlichen Betrieb bis Sonnenaufgang, tausendmal vollgekotzt und wieder mühsam geputzt, fehlt das alkoholorientierte Feiervolk. Einige davon dienen jetzt als Corona-Testzentren. Und ganz sicher fehlt auch alles das, was Berlins prächtige Paläste und alternativen Winkel im Inneren zu bieten haben: Kleine und große Kunst, Musik, Theater, Opern, die Museen.

Ankunft Alexanderplatz, der Bus fährt quietschend an den Bordstein, die Tür öffnet sich. Alltag in Berlin. Von weit her schallt gut vernehmbar der Ruf des pandemischen Marktschreiers: „Hereinspaziert, meine Damen und Herren, das gibt es nur hier und nur jetzt: Ungestörter Blick! Kein Stress! Keine Hektik! Alles umsonst und draußen! Berlin – heute für Sie ganz allein! Heeereinspaziert …“

 

Wer sich näher über die Auseinandersetzung zur Kuppel-Gestaltung des ieder aufgebauten Stadtschlosses informieren möchte – hier ein guter Artikel dazu:

https://www.katholisch.de/artikel/25630-kreuz-und-bibelspruch-das-berliner-stadtschloss-erhitzt-die-gemueter

Ein Säulenwald aus Holz (#0006)

St. Jacobus und St. Clemens, 06792 Brehna

Mein Besuch am 20. April 2021

Wuchtig, Ehrfurcht einfordernd, dominiert sie den Platz um sich herum, der einmal ein Friedhof war und jetzt eine gepflegte Parkanlage ist. Sie trägt den Namen gleich zweier Heiliger, und es waren auch einmal zwei getrennte Kirchen – eine des Volkes, eine der Augustinerinnen im Kloster. Das Kloster ist weg, die Kirche noch da – inzwischen zusammengeführt zu einem gemeinsamen, verschachtelten Kirchenraum. Ein hölzerner Säulenwald, den ich so noch in keiner anderen Kirche gesehen habe, trägt den Innenausbau – eine umlaufende Empore, aber insbesondere eine prächtig geschmückte Patronatsloge und eine deutlich bescheidenere Bürgermeisterloge. Alles das will nicht so recht passen zur eintausend Jahre alten, romanisch-trutzigen Bausubstanz dieses Kirchenraums. Der L-förmige Grundriss entstand bei der Zusammenführung der Klosterkirche mit der Kirche der Pfarrgemeinde und hat bis heute zur Folge, dass einfaches Kirchenvolk von einigen Plätzen aus der Hochalter gar nicht sehen kann. 


Mich hat besonders beeindruckt, mit welcher Geduld, mit welchem Einsatzwille eine aktive Kirchengemeinde hier unermüdlich, Stück für Stück, diese alte Kirche zurückversetzt hat in einen vorzeigbaren Zustand. Es bedurfte wieviel bürgerschaftlichen Engagements, den Verfall zu stoppen und eine moderne Idee von der Nutzung dieses Kirchenraumes (u.a. auch als Autobahnkirche an der A9 in der Nähe von Halle) zu entwickeln. Die vielen Schritte dorthin sind in einer liebevoll gestalteten, kleinen Ausstellung in der Kirche dokumentiert. Wo stünde unsere Gesellschaft ohne solches stetes und beharrliches Bemühen? 

https://www.pfarrbereich-sandersdorf-brehna.de/autobahnkirche/die-kirche.html

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Jakobus_und_St._Clemens_(Brehna)

 

Die Feiningerkirche (#0005)

Die Kirche von Gelmeroda - Bild von Lionel Feininger
Die Feiningerkirche – hier ein Foto des Druckes „Gelmeroda XI“ von L. Feininger, der in der Kirche hängt; ein Gemälde mit ähnlichem Motiv besitzt das Metropolitan Museums of Art New York.

Feiningerkirche in 99428 Gelmeroda

Meine Besuche am 15. April und am 14. Mai 2021

Da duckt sie sich unter das hohe Turmdach, das nadelspitz zuläuft und so hoch ist wie der ganze restliche Turm, die weltberühmte Kirche im Thüringischen, nah bei Weimar, direkt an der Autobahn.  Weltberühmt? Oft bin ich vorbeigefahren, aber ich kannte sie nicht. Der Bauhaus-Künstler Lionel Feininger, der zwischen 1906 und 1937 „Meister“ am Bauhaus in Weimar war (solange es dort geduldet war, dann in Dessau und Berlin), liebte diese kleine Kirche und hat sie mehr als zwanzig Jahre immer wieder gemalt, auch dann noch, als er, geflohen vor den Nazis, längst wieder im sicheren Amerika wirkte. Eine späte seiner Skizzen ist in der kleinen Ausstellung in dieser Kirche zu sehen und stammt aus dem Jahr 1954, kaum zwei Jahre vor seinem Tod.

Innenraum
Im Innenraum sorgt schlichtes Weiß für eine sehr klare Atmosphäre.

Das uralte Kirchlein mit Fundamenten aus dem 12. Jahrhundert und dem gewaltigen Turmhelm wäre wohl längst verfallen, hätten nicht engagierte Menschen sich ihrer angenommen. In den 90er Jahren grundlegend renoviert, strahlt der Innenraum jetzt schmucklos weiß, still, streng, und doch einladend. Die spärlichen Rest-Fresken und der Altarraum aus früheren Zeiten blieben unangetastet, aber sie verschwinden in dieser klugen, modernen Inszenierung.

Abends könnte die Kirche im Stile eines Feininger-Gemäldes farbig angestrahlt werden, aber für die Wartung der Beleuchtungsanlage fehlt das Geld. An einer Lösung wird gearbeitet, berichtete mir Pfarrer Joachim Neubert, als ich die Kirche ein zweites Mal Mitte Mai besuchte und ihn dort zufällig antraf. Ob Licht oder nicht: Ich plädiere für einen Halt tagsüber an diesem künstlerisch inspirierenden Ort.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lyonel_Feininger

https://www.kirchenkreis-weimar.de/kirchenkreis/gemeinden-und-kirchen/buchfart-legefeld/gelmeroda/kirche-gelmeroda-autobahnkirche-feiningerkirche/

An der Kirche führt auch ein „Feininger-Radweg“ vorbei.

 

Seelen-Raststätte (#0004)

Autobahnkirche St. Thomas von Aquin, Marktplatz 1, 91257 Pegnitz/Trockau

Mein Besuch am Ostermontag, 5. April 2021

„Raststätten für die Seele“ sollen Autobahnkirchen sein, lese ich im entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Mich haben die Hinweisschilder auf Autobahnkirchen schon immer fasziniert, sie sind für mich großartige Stachel im Fleisch der dahinhetzende Mobilität, ein Gegenstück zu allem, was unsere Gesellschaft mit einer Autobahn verbindet: Schnell, schnell, dahin zum Ziel. Und dann hält da einer an und geht in eine Kirche? Wie viele derjenigen, die da dahinrauschen in Sicht- und Hörweite, halten das wohl für einen ganz außergewöhnlich unsinnigen Impuls, eine gerade provozierende Störung?

In Trockau liegt St. Thomas von Aquin weithin sichtbar am Rande der A9, der Lebensachse zwischen Berlin und dem Süden der Republik. Ein einfacher Bau, erst 1950 geweiht, und doch in konventionellem Stil erbaut, ohne architektonische  Experimente. Der Turm wurde sogar erst zwanzig Jahre später hinzugefügt. All das geschah, als es die Autobahn schon gab, aber noch nicht den Status einer „Autobahnkirche“. Den trägt dieser stille, unaufgeregte Bau erst seit 2010.

Mich rührt dieser Raum an: Viel Backstein, warmes Licht erfüllt den weiten, und doch intim wirkenden Bau. Im Gästebuch reihen sich die Einträge mit großem zeitlichen Abstand hintereinander; Menschen, die auf der Rast mehr suchen als einen Picknick-Platz, eine Toilette, einen Coffee-Shop. Die eine Inspiration, einen Moment des Innehaltens suchen auf der Hetze von A nach B. Eine gute Idee – in Deutschland gibt es 42 Autobahnkirchen.

https://www.autobahnkirche-trockau.de/

https://www.autobahnkirche.de/abk/liste-der-autobahnkirchen-in-deutschland.html

 

Der Seele beraubt (#0003)

Stiftskirche Herrenberg

Kirchgasse 7, 71083 Herrenberg

Mein Besuch am 7. März 2021

Majestätisch am Hang liegt sie, die „Glucke vom Gäu“, überragt wie eine brütende Henne das Gewirr der Fachwerkhäuser unter ihr. In einem Zettel, den die Kirchengemeinde für Besucher auslegt, finde ich die Information, dass die Kirche sich jedes Jahr durch geologische Prozesse um einen Millimeter auf die Stadt zubewegt. Als ich sie heute betreten habe, früher Nachmittag, leuchtete die Sonne in den weiten Kirchenraum, der mich zu meiner großen Überraschung in sattem Gelb empfing. Eine farbige Kirche, nicht wegen der Fenster, sondern wegen der Ausmalung im Kirchenraum. Die Pfeiler sind bis hinauf in das Deckengewölbe in gelb gehalten, in ihrer Spitze sogar ganz bunt. Ein starker Farbeindruck! Aber der Innenraum wirkt leider auf mich wie zusammengewürfelt – daran ändern auch die schönen Einzelelemente (vor allem das eindrucksvolle Chorgestühl aus dem 16. Jahrhundert) wenig. Es fehlt mir die Seele dieses schönen und stolzen Kirchenraums. Ich habe viele schöne, auch moderne Kirchen gesehen, denen ein Hochaltar fehlt. Aber hier in Herrenberg fehlt er wirklich. Jerg Rathgeb hatte ihn 1519 gemalt, zwei Jahre, nachdem Martin Luther seine berühmten Thesden in Wittenberg an die Kirchentür geheftet hatte. Ratgebs Hauptwerk, der „Herrenberger Altar“ wurde bereits 1891 verkauft und ist seit 1924 in der Stuttgarter Staatsgalerie zu besichtigen. Und so füllt nun eine bescheidene Holzvertäfelung die klaffende Lücke an der Spitze der Kirche, dort, wo sich alle hinwenden.

Gab es jemals eine Diskussion über die Rückführung von Kunstwerken an ihren ursprünglichen Platz – auch innerhalb Deutschlands? Die eindrucksvolle Altar-Skulptur auf dem nach Jerg Ratgeb benannten Skulpturenweg mahnt eindrücklich an die Leerstelle in der Kirche selbst.

https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_Herrenberg

https://de.wikipedia.org/wiki/Jerg_Ratgeb

 

 

Ein Feuerwerk aus buntem Glas (#0002)

St. Josef, Danziger Str. 19, 70825 Korntal-Münchingen

Mein Besuch am 21. Februar 2021

Sonntagmittag um zwei. Die Kirche ist menschenleer. Ich halte mich fast zwanzig Minuten auf in dem Bau aus den 60er Jahren, niemand stört die Ruhe, es bleibt alles leer und still. Draußen strahlt die Sonne am ersten Frühlingstag im Jahr. Es sind solche intimen Momente,. die mich an Kirchen faszinieren: Die Fotos der Taufkinder. Die Vorbereitungen für die anstehende Erstkommunion. Die handschriftlichen Bitten und Gebete im ausliegenden Buch. Ein intimer Raum umfängt mich und nimmt mich auf. Die Kirche hat schmale Lichtbänder entlang der Dachlinie, und eine dominierende Betonglaswand, welche die komplette Nordseite der Kirche bildet. Ein Feuerwerk aus buntem Glas; der Künstler (Rudolf Walter Haegele) hat die Wand entlang der Naturgewalten gestaltet – Feuer, Blitz, Winde, Dunkelheit – alles soll Gott loben. Mich erreicht diese Deutung nicht. Aber das Licht erfüllt den harmonischen Kirchenraum, gibt ihm Licht, Wärme, Vielfalt.

https://kath-kirche-muenchingen-hemmingen.de/wp-content/uploads/2016/04/50J_SJ_HM.pdf

http://leuchtende-bilder.com/detail/rudolf-walter-haegele

 

Gefälle im Münster (#0001)

Heilig Kreuz Münster, Rathausgasse, 78628 Rottweil

Mein Besuch am 14. Februar 2021

Valentinstag, Fasnets-Sonntag, aber im Corona-Lockdown. Klare Kälte in der Luft, blauer Himmel, ein paar Schleierwolken, Schnee und Eis auf der Straße. Das Heilig Kreuz Münster überrascht mich einem Gefälle in der Kirche. Wie ein moderner Konzertsaal fällt die überbaute Fläche ab. Der winterliche Sonnenschein fällt durch die bunten Fenster in einen Kirchenraum, der nicht zum Himmel strebt, sondern solide am Boden bleibt. Getaucht in warmes Gold, spiegelt sich das Sonnenlicht in den Altären und auch im Gold der alten Zunftlaternen, die hinter Gitter gleich am Eingang stehen. Sauber beschriftet, hier die Laternen der Schreiner, dort die der Metzger. Und auch welche der Friseure, die sie derzeit vielleicht besonders bräuchten, hat man ihnen doch eine Zwangspause verordnet. Und gleich links davor: Zwei Nischen füllen die Totentafelns des zweiten Weltkriegs, auch berühmte Namen der Stadt darunter, die hier um Mitglieder ihrer Familien trauern mussten. Und doch frage ich mich, was das diese besondere Ehrung der Kriegsopfer an dieser prominenten Stelle in einer Kirche von heute zu suchen hat. Werden wir Tafeln der katholischen Corona-Toten in unsere Kirchen hängen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Heilig-Kreuz-M%C3%BCnster_(Rottweil)

http://www.hl-kreuz-rottweil.de/kirchen/heilig-kreuz/patrozinium/patrozinum-titularfest.html