Verfall der Infrastruktur in Deutschland: Die erste benutzbare Sitzbank am Kolonnenweg der DDR-Grenzer taucht nach zehn Kilometern auf. Dort dann immerhin mit einer Gedenktafel über die Flucht am Schwarzen Teich.
„So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, – ein stolzer Eichwald, herrlich, frisch und grün!“, singt in der Wagner-Oper „Tannhäuser“ der Barde Wolfram von Eschenbach. Das fand der Sage nach unweit vom Frankenwald statt, auf der waldumstandenen Wartburg bei Eisenach in Thüringen. Der deutsche Wald meines Weges wird solchen Erwartungen nicht gerecht. Er ist kein stolzer Eichwald, sondern ein grau zerfasertes Einerlei aus kränklichen Fichtenstämmen, frisch und grün ist er auch nicht. Der deutsche Wald, jedenfalls hier, krankt.
Ich bin in der Mitte Deutschlands, auch geografisch, und auf dem teilweise fast zugewachsenen Kolonnenweg herrscht absolute Einsamkeit. Die Geräusche der Natur begleiten mich auf dem Weg, auf dem mir den ganzen Tag über kein einziges menschliches Wesen begegnet. Eine nicht bewachte, aber umzäunte Schafherde grast auf einer Wiese, sonst nur Wald, Gebüsch, Schmetterlinge, Käfer, Spinnen, die ganze Vielfalt der Schöpfung.
Hinsetzen, anlehnen, ausruhen – das wäre gut. Ein für Wanderer gedachter Rastplatz nach etwa fünf Kilometern erweist sich als archäologisches Artefakt, verfallen und unbrauchbar. Nach zehn Kilometern endlich die erste nutzbare Rastbank am Schwarzen Teich. Ich setze mich und lese eine Gedenktafel über die Geschichte der Flucht an dieser Stelle: Ein Vater mit zwei Kindern versuchte hier vor sechzig Jahren, im Sommer 1964,über die bereits befestigte Grenze von Ost nach West zu gelangen. Die Kinder erreichten unversehrt die bayerische Seite, der Vater aber trat auf eine Bodenmine und blieb schwer verletzt im Grenzstreifen liegen.
Zufällig griff ein fränkisches Pärchen im Auto die zwei an der Straße herumirrenden Kinder auf und übergaben sie der Polizei. Diese kehrte zurück an den Platz des grausigen Geschehens und brachte auch gleich den örtlichen Landarzt mit. Der Vater der Kinder lag noch immer schreiend vor ihnen, in Rufweite, aber auf DDR-Gebiet. Die DDR-Grenzer warnten vor Betreten ihres Staatsgebietes, aber die beiden Polizisten fassten sich ein Herz: Einer schoss als Feuerschutz in die Luft, und der andere zog den Schwerverletzten auf westdeutsches Gebiet. Der so Gerettete verlor durch die Detonation der Mine ein Bein, aber hatte die Freiheit gewonnen. Nach seiner Genesung und Rehabilitation kam er zur Polizeistation zurück und hat sich dort bedankt.
Das waren noch Zeiten, denke ich mir bei dieser Geschichte, als bayerische Polizei einen Flüchtenden nach Bayern hinein rettete! Die Zeiten sind anders, und ganz sicher ist es trotz allem, was man aktuell kritisieren kann und muss, nun doch besser als damals, da dies hier eine todbringende Grenze war.
Ein Plätschern , ein paar Steine – sie sieht die Landesgrenze zwischen Thüringen (vorne) und Bayern (hinten) am Schwarzen Teich heute aus. Vor 60 Jahren halfen hier bayerische Polizisten einem Flüchtenden über die Grenze, nachdem ihm eine Tretmine das Bein zerfetzt hatte.
Ich breche wieder auf, denke über meine Freiheit nach und über meine beiden gesunden Beine, während ich auf Flusskieseln hinüberhüpfe über den kleinen Bach, der einst die Grenze war. Menschenleere Stille – auf beiden Seiten.
Deutsche Einheit von unten: Rechts die Bogenbrücke der alten Hitler-Autobahn, links die ergänzte Brücke aus den 90er Jahren. Gemeinsam überspannen sie das Saaletal zwischen Thüringen und Bayern.
Ein Gärtner bläst das erste Herbstlaub vom Museumsgelände in Mödlareuth; das Museum ist noch geschlossen, aber das habe ich ja auch schon besucht. Es ist ein Aufbruch im spätsommerlichen Morgennebel, aber die feuchten Schwaden verziehen sich schnell. Strahlende Sonne über dem Grenzstreifen. Es herrscht vormittägliche Stille in der Natur, links ein Rascheln, rechts ein Pfeifen, oben das Keckern der Elstern. Eichhörnchen huschen über den Kolonnenstreifen. Die Blätter in den Bäumen rauschen im Wind.
Viele Gebäude im einst so stolzen Hirschberg, einem Zentrum der Lederproduktion, verfallen. Die Lederfabrik selbst wurde nach der „Wende“ abgerissen.
Der Weg führt durch Hirschberg und Rudolphstein. Beide Ortsnamen habe ich schon hunderte Male gelesen: Autobahnprominenz. Es gibt auch Orte dazu: Hirschberg in Thüringen war zweihundert Jahre ein Schwerpunkt der Lederfabrikation. Der DDR war das Leder von dort so wichtig, dass sie sogar akzeptierte, dass das Fabrikgelände bis unmittelbar an die tödlich bewachte Staatsgrenze reichen durfte. Nur drei Jahre benötigte dann das wiedervereinigte Deutschland (in Form der Treuhand), das riesige Fabrikgelände an einen österreichischen Investor zu veräußern, der ein halbes Jahr später Konkurs anmeldete. Das ganze Gelände, ein Labyrinth von Hallen, Gruben, Lagern wurde abgeräumt, heute erinnert eine Parklandschaft unmittelbar am alten Grenzstreifen an die Geschichte der Lederproduktion in Hirschberg.
Der Großstädter in mir vermisst den Müll. Am Weg liegt nichts, was nicht von der Natur selbst stammt. Keine Dosen, keine Kippen, keine Pizzakartons. Die Zivilisation nähert sich nur akustisch. Je näher ich der sechsspurigen A9 entgegenkomme, desto lauter liegt ihr ewiger Gesang in meinen Ohren. Zuerst ganz weit weg, eher zu ahnen, dann immer lauter singen die LKW-Bässe ihre Arie, schmachten die Tenöre der PKWs, dringt der Mezzosopran der Motorräder zu mir durch. Wüsste ich nicht, dass es sich um Vorbeirasende handelt, könnte man es für moderne E-Musik halten.
Mit diesem Gesang im Ohr gehe ich unter der „Brücke der Deutschen Einheit“ hindurch, die das Saaletal überspannt und damit Thüringen und Bayern verbindet. Ursprünglich war das ein Teil einer Hitler-Autobahn; die Bogenkonstruktion der Brücke galt schon in den 30er Jahren als spektakulär und beispielgebend. Nach der Einheit wurde sie kühn ergänzt um eine zweite Spannbetonbrücke. Nichts davon nehmen wir wahr, wenn wir oben auf der Fahrbahn zwischen Rudolphstein und Hirschberg entlangrasen. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit nebeneinander und einig verkraften diese Brücken die tägliche Last von Tausenden LKW und PKW und Motorrädern, dienen stumm dem nun so selbstverständlichen Hin und Her unseres deutschen Zusammenlebens. Ich schreite weiter, an der Saale entlang, und das rätselhafte Lied der Mobilität wird hinter mir immer leiser, bis es ganz verstummt.
Nur sehr gelegentlich begegne ich Menschen: Plötzlich, mitten im Wald, kommt mir eine junge Frau mit Baby im Tragetuch entgegen. Sie telefoniert und unterbricht ihr Gespräch, da sie genauso überrascht ist wie ich über diese Begegnung im Nirgendwo. Wo kam sie her? Später treffe ich zwei Damen meines Alters, plaudernd auf dem Spazierweg entlang der Saale. Sie bemitleiden mich darüber, dass ich in der Großstadt wohnen muss. Ein Rentner im akribisch gepflegten Trabi freut sich, mir seine Geschichte als geschasster DDR-Zöllner erzählen zu können.
Ein Plädoyer für tätige Hoffnung nach den Wahlen in Thüringen und Sachsen
Der erste Versuch
Zweimal haben sie es versucht, und beide Male haben sie gelogen. Fake News gehörten schon damals zum Alltagswerkzeug der Faschisten. Sie streuten das Gerücht, der Unterbau des Kreuzes auf der Burgturm müsse überprüft werden, das Kreuz drohe herabzustürzen, da Fäulnis die Tragfähigkeit des hölzernen Fundaments angegriffen habe. Die Burgverwaltung protestierte, aber es nutzte ihr wenig: In einer Nacht- und Nebel-Aktion wurde das Kreuz abmontiert und durch ein Hakenkreuz ersetzt.
Auf dem höchsten Punkt der Wartburg prangt ein goldenes Kreuz – als Symbol für Freiheitssinn und geistige Größe. Es gab Zeiten, in denen es ersetzt wurde. (Foto: Jürgen lizenzfrei auf Pixabay)
Dieser Vorgang ereignete sich tatsächlich, und zwar am 10. und 11. April 1938 auf dem Bergfried der Wartburg nahe der thüringischen Stadt Eisenach. Die Wartburg war schon damals weltberühmt, vor allem, weil sie Martin Luther zehn Monate lang als Versteck diente, er also Asyl genoss in Thüringen, und damit vermutlich seinem Tod entging. Nebenbei übersetzte er in dieser Zeit die Bibel auf Deutsch.
Jede gute Lüge hat einen realen Hintergrund
Das Kreuz wurde dem Turm im Jahr 1859 aufgesetzt – als weithin sichtbares Zeichen für die zuvor abgeschlossene Rekonstruktion der Burgruine zur Prachtburg. Heute ist sie das weltbekannte Wahrzeichen für zwei zentrale deutsche Ideen: Die der Reformation und die eines geeinten Deutschlands, wie es von den Studenten auf der Wartburg im Jahr schon 1817 gefordert worden war.
Drei Tage lang strahlte das Nazi-Symbol auf der Wartburg, dann wurde es auf Weisung aus Berlin wieder abgebaut. (Foto: Leffler, gefunden auf DDR-postkartenmuseum.de)
Jede gute Lüge hat einen realen Hintergrund, was sie vielleicht glaubwürdiger, aber nicht wahr macht. Die thüringischen Nationalsozialisten machten sich bei ihrer Hakenkreuz-Aktion zu Nutze, dass tatsächlich zwanzig Jahre zuvor das Kreuz vorübergehend eingelagert worden war, um sein vermoderndes Holzpodest zu erneuern. 1938 aber ging es in Wahrheit nicht um das Podest, sondern um das Kreuz. Der Austausch gelang, und drei Tage lang belästigte das beleuchtete Nazi-Symbol Tag und Nacht die Umgebung. Die Vollendung dieser Verschandelung feierte ein Marsch von Hitlerjugendlichen durch Eisenach, aber in der Bevölkerung formierte sich Widerstand gegen das Hakenkreuz, vor allem auch die evangelische Kirche protestierte.
Dann kam die Anordnung aus Berlin, dass das Hakenkreuz zu entfernen sei. Hitlers Regierung wollte nach dem gerade vollzogenen „Anschluss“ Österreichs keinen außenpolitischen Ärger wegen des Thüringer Kreuzes. Die Verbreitung von Fotos und Presseartikeln über das falsche Kreuz wurde verboten. Noch am nächsten Tag verschwand es vom Turm, und am 14. Mai 1938 war der alte Zustand wieder hergestellt. So endete der erste Versuch.
Was die Geschichte des Kreuzes lehrt
In unseren Tagen leuchtet das vergoldete, christliche Kreuz auf der Wartburg, fünf Meter hoch, tief hinein in den Thüringer Wald, und für alle, die seine Botschaft verstehen möchten, auch weit darüber hinaus als imposantes Zeichen von Freiheitssinn und geistiger Größe. Nicht ohne Wirkung, denn zwei Drittel der Wählenden in Thüringen und Sachsen haben am vergangenen Sonntag den Fake News unserer Zeit widerstanden – und nicht blau-braun gewählt. Der Kleingeist des anderen Drittels, auf billige Lügen zu hören und einfache Unwahrheiten zu glauben, ist bestürzend genug. Aber die Geschichte des wiedererstandenen Kreuzes auf der Wartburg lehrt: Was auch immer Menschen durch Lügen an Verbrechen und Verheerungen anrichten, wie lang und schwer auch immer die Zeit ihrer dummen Kraftmeierei ist – danach gewinnt die Wahrheit.
Denn erstens sind diejenigen, die bereit sind, die Komplexität unserer Welt zu verstehen und unsere Werte im Umgang damit zu verteidigen noch immer in der großen Mehrheit – und zum anderen wird das Geschrei der politischen Billighändler zwar schmerzhaften Schaden anrichten – aber kein einziges Problem lösen. Mehr Lehrende für bessere Bildung, mehr Pflegende für ein würdiges Alter, mehr Polizei für ein besseres Sicherheitsgefühl – sie alle fallen nicht vom Himmel. Der Mangel an Fachkräften wird nicht geringer, sondern größer, wenn deutsche wie nicht-deutsche Menschen die verödenden Gebiete meiden, in denen sich dumpfe Ressentiments sammeln. Folgen dieser fehlenden Attraktivität sind das traurige Sterben der Infrastruktur, die geschlossenen Läden in den überalterten Kleinstädten und Dörfern, der fehlende Bus, der Mangel an Hausärztinnen, die Schließung von kleinen Krankenhäusern. Alles das können Herr Höcke und Frau Wagenknecht zwar beklagen, aber sie lügen, wenn sie behaupten, dass sie es mit ihren Vorschlägen aufhalten könnten.
Kein Plädoyer für Passivität, sondern für tätige Hoffnung
Die Klimakatastrophe wird sich nicht abschwächen, weil sie geleugnet wird. Die Hitzewellen werden heißer werden und die Überschwemmungen höher. Den Atommüll wollen auch die Thüringer nicht in ihrem Wald vergraben, und in Sachsen kein neues Atomkraftwerk bauen.
Wenn es schließlich weit genug ist, dann wird die Wahrheit gewinnen. Dies ist kein Plädoyer für Passivität, sondern eines für tätige Hoffnung. Sie beginnt mit der Wahrnehmung der Wahrheit, die uns umgibt. Sie bedeutet aktives Eintreten gegen die Lüge, gegen die Gewalt, die bedenkenlose Verachtung in Sprache und Tat. Sie gründet sich auf die Werte für das menschliche Zusammenlebens, für die auch das Kreuz der Wartburg steht. In seinem Schatten muss sich niemand schämen, dafür einzutreten, Menschen in Not zu helfen, egal, woher sie kommen.
Der zweite Versuch
Es ist diese wuchtige Botschaft, wegen der die Nazis das Kreuz auf der Wartburg unbedingt zerstören wollten. Den zweiten Versuch unternahmen sie ein halbes Jahr vor Kriegsende im November 1944. Wieder musste eine Propagandalüge herhalten: englische Jagdbomber hätten das Kreuz beim Tiefflug zerstört. In Wahrheit war es mit Schneidbrennern zerteilt und demoliert worden. Zum geplanten, erneuten Ersatz durch ein Hakenkreuz kam es nicht mehr. Amerikanische Truppen besetzten Thüringen, und ein Eisenacher Kunstschlosser schweißte die Trümmer zu einem neuen Kreuz zusammen, das (etwas verspätet zum 400. Todestag von Martin Luther am 18. Februar) im November 1946 wieder auf dem Turm der Wartburg stand.
Da war Thüringen bereits von russischen Soldaten besetzt, aber weder sie, noch die atheistisch orientierte DDR tastete das Kreuz jemals wieder an. Mehrfach erhielt es seither eine neue Goldschicht, und so strahlt es bis heute, und erzählt von der Hoffnung auf die Macht der Wahrheit.
Die Geschichte vom Hakenkreuz auf der Wartburg habe ich auf Wikipedia und bei domradio.de gefunden.
Das menschenleere „Zonenrandgebiet“ hat einen neuen Zweck: Energiegewinnung.
Ob Peter Stegemann von den Schießscharten wusste? Vermutlich. Sie hatten Schießscharten in den Wachtürmen der Grenzanlagen, aber für Peter Stegemann mussten sie nicht schießen.
Der Kolonnenweg kreuzt in Hochfranken zwei Autobahnen. Beim Wandern habe ich mich schnell an die beglückende Stille gewöhnt, zu der auch das Rauschen der Blätter, das Pfeifen und Rascheln der vielen Lebewesen um mich herum gehört. Wie brutal zischt und jault dagegen der rasende Alltag der Autobahn, die mit jedem Schritt näher kommt. Heute ist sie der Todesstreifen, wenn ich versuchen würde, sie zu Fuß zu überqueren. Ich suche also Unterführungen oder Brücken, die sicheren Durchlass gewähren.
Für Peter Stegemann gab es keinen sicheren Durchlass. Er versuchte, an der Stelle, die heute Autobahn ist, den Grenzzaun im Todesstreifen zu überklettern. Damals herrschte hier bleierne Stille, und dann löste sich der Schuss. Aber er kam nicht aus den Schießscharten des bis heute erhaltenen Grenzturms von Heinersgün. Tausende sehen ihn täglich von der Autobahn aus, brausen achtlos vorbei.
Die Verwaltung des Todes: Steuerungseinheit über die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze (gesehen im Wachturm Heinersgrün).
Ich bin einer von acht Besuchern, die das Innere des Turms aufsuchen können, dank ehramtlich Engagierten, die das Denkmal einige Male im Jahr öffnen. Der Turm war schon fast verfallen und wurde erst 2023 wieder hergestellt. Schießscharten, archaisch wie einst in den Stadtmauern des Mittelalters, sind da zu besichtigen, und verstaubte Elektrotechnik mit vielen Knöpfen und Schaltern, aus einer Zeit, als es noch keine Microchips und Touchscreens gab. Hier diente sie dazu, die einzelnen Abschnitte der Selbstschussanlagen am Grenzzaun an- und abschalten zu können. Am 21. Juli 1978 hatte Peter Stegemann beim Versuch, die DDR zu verlassen, eine solche Anlage ausgelöst, und einen Tag später starb er an seinen Verletzungen.
Dann weiter des Weges. Der Kolonnenweg führt im wohligen Halbschatten durch menschenleeres Gelände bis zum „Drei-Freistaaten-Stein“, wo Bayern, Sachsen und Thüringen aneinanderstoßen. Der Stein ist kümmerlich, wurde schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gesetzt und hat vermutlich wegen seiner Banalität alle DDR-Grenzsicherungsaktivitäten unbeschadet überstanden. Heute langweilen sich rund um den Stein in jedem Freistaat jeweils eine Parkbank. Ich setze mich auf die bayrische, weil sie als einzige im Schatten steht.
Dann hinab nach Mödlareuth. Ein paar Traktoren begegnen mir, sonst nur Sonne, Wind und Stille. Über allem zwitschern ein paar Vögel und surren die gewaltigen Windräder. Ich habe gezählt: mindestens 26 waren es nur an dieser Stelle, Grenzland ist auch Energieland! Das menschenleere „Zonenrandgebiet“ hat einen neuen Zweck. Wenn die gewaltigen Flügel auch sonst fast lautlos ihre Kreise drehen, geben die Turbinen in luftiger Höhe doch beim An- und Abschalten ein fernes, Brummen von sich, kurz und geschäftig.
Schließlich erreiche ich das Dorf, dessen 300 Einwohner einmal durch eine Mauer und die komplette Grenzanlage der DDR geteilt waren. Als „Klein-Berlin“ wurde es einst Präsidenten, Soldaten und Schaulustigen gezeigt. Im Museum spüre ich das stille Grauen des Kalten Krieges und frage mich, wo die Hoffnungen alle hingeraten sind, die Europa einst mit der Überwindung dieser Zeit verbunden hatte. In den Museums-Wachturm von Mödlareuth muss ich gar nicht mehr hinaufklettern. Die Schießscharten sehe ich auch von außen.
Hier aber, hier war jemand klug genug, sich einen Winkel der Mauer zu suchen, der vom Wachturm aus kaum einsichtig war, und am 25. Mai 1975 mit einer Leiter über die Mauer zu klettern. Er besaß als ortskundiger Kraftfahrer die Erlaubnis zur Einfahrt in den Grenzstreifen und machte sich dieses Privileg zu Nutze. Und er hatte viel Glück: Das Klettern in den Westen gelang ihm, auch weil die Soldaten im letzten Moment seiner späten Entdeckung wohl einen Moment zu lange zögerten, die Schusswaffe einzusetzen.
Die erfolgreiche Flucht in Mödlareuth: mit einer Leiter über die Mauer (Rekonstruktion der DDR-Grenztruppen, Foto: Bundesarchiv)
Vielleicht zehn Jahre war ich alt, als ich mit meinen Eltern im Bayerischen Wald Urlaub machte. Eine Wanderung führte uns an die bayerisch-tschechische Grenze. Ich sehe mich dort stehen, es ist wie ein Foto der Erinnerung: Meine Eltern neben mir, der gemeinsame Blick über den Stacheldraht, den Deutsche dort gespannt hatten, davor das Schild „Halt! Staatsgrenze“. Der Blick ins fremde Tal, ein Blick ins Unerreichbare, denn eine andere Weltmacht herrschte dort. Im Tal tief unter uns waren Häuser zu sehen. Ob es wohl Menschen sind wie Du und ich, die da lebten? Zum „Ostblock“ gehörten sie. Die Wanderung war zu Ende, von hier gab es nur den Rückweg, keine Chance, auf die andere Seite zu gelangen. Wir waren am Ende unserer Welt.
Wie anders ist der Eindruck am Dreiländereck heute. Nun beginnt hier mein Weg, der mich in Abschnitten bis an die Ostsee führen soll. Die Grenzschilder stehen nur noch dekorativ herum, ein Dreiecksstein markiert die bayerische, die sächsische und die tschechische Seite. Der Grenzübertritt nach Tschechien ist nur ein harmloser Schritt, auf einem Bohlenweg, über ein Rinnsal hinüber, ein paar Stufen hinauf. Dann wartet dort ein tschechischer Rastplatz, ein Mountainbiker-Pärchen bevölkert die Pausenbank. Der Ostblock ist entschwunden.
Auf der deutschen Seite liegt ein unbekannter Soldat, nicht symbolisch, sondern vermutlich real, dessen Grab von engagierten Menschen gepflegt wird. Über seine Geschichte finde ich nicht mehr als, dass er „dort 1945 ermordet worden“ sei. So erzählt es die Webseite der Deutschen Kriegsgräber-Fürsorge. Sein Grab, mit Gedenkschrift in Fraktur und einem Stahlhelm auf dem Kreuz, weckt heute fremde Gefühle, die nichts zu tun haben mit dem armen Mann, der da ruht.
Das Dreiländereck im Rücken, beginnt mein Weg in Sachsen. Und wird meist auf dieser Seite der Grenze, die keine mehr ist, bleiben. Es ist der Kolonnenweg der Soldaten der DDR, die hier mit Gewehr und Schießbefehl entlanggingen, Kilometer um Kilometer, Hügel auf und Hügel ab. Auf der Westseite gab es keinen Kolonnenweg. Jetzt ist auch hier nur noch wilde Natur, die sich die Betonplatten zurückerobert.
Warum es keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Töten geben darf
„Du sollst nicht töten“ – Das fünfte christliche Gebot vermittelt eine einfache Botschaft. Ist noch Platz dafür in einer verrohenden Gesellschaft? Foto: Bruno, lizenzfrei via Pixaby
Der junge Mann liegt auf dem Blechdach und ist tot. Um ihn herum ist die ganze Welt in Aufruhr, denn der junge Mann hat kurz zuvor einen Schuss abgefeuert, der das Ohr des ehemaligen Präsidenten der USA traf. Vermutlich hatte Thomas Matthew Crooks die Absicht, Donald Trump mit einem Kopfschuss zu töten. Nur sehr glückliche Umstände haben das verhindert, eine spontane Kopfdrehung seines Opfers, vielleicht eine Unkonzentriertheit, das Unvermögen oder eine Ablenkung des Schützen. Ein Besucher von Trumps Wahlkampfveranstaltung hatte nicht solches Glück; er wurde tödlich getroffen, da er in der Schussbahn saß.
Wem gilt das Bedauern? Ganz gewiss diesem Besucher, der Trump zujubeln wollte und das nicht überlebt hat. Auch Trump, denn auch er, trotz allem Hass und aller Spaltung, für die er verantwortlich ist, muss nicht hinnehmen, ermordet zu werden. Aber gilt das Bedauern auch dem Schützen?
Die Verrohung der Gesellschaft beginnt mit dieser Frage
Die Verrohung der Gesellschaft beginnt mit dieser Frage. Sie zeigt sich nicht nur in dem tödlichen Bestreben des Attentäters, dem Leben von Donald Trump gewaltsam ein Ende zu setzen, warum auch immer. Sie zeigt sich auch in dem Fehlen von Innehalten, im Ausbleiben von öffentlich wahrnehmbarem Bedauern über den Tod des jungen Mannes auf dem Blechdach. „Der Attentäter wurde durch Scharfschützen getötet“, meldeten die Agenturen lapidar. Sein Tod wird wie selbstverständlich hingenommen.
Osama Bin Laden hatte tausende Menschen auf dem Gewissen. Sie verbrannten, wurden erschlagen und verschüttet in den Ruinen der zusammenstürzenden Türme von New York am 11. September 2001. Hat er den Tod „verdient“? Als amerikanische Spezialeinheiten ihn zehn Jahre später aufspürten, machten sie kurzen Prozess mit ihm – besser: gar keinen Prozess. Sie töteten ihn. Seine Leiche warfen sie ins Meer, damit kein Grab übrigbleiben möge von dem Massenmörder.
Aus dem Nahost-Konflikt kennen wir die Pushmeldungen über gezielte Tötungen, und wir schauen kaum noch auf. Israel wehrt sich gegen seine Todfeinde, tötet regelmäßig diesen oder jenen Kämpfer, Kommandeur, General. Sie sind die Verantwortlichen dafür, dass Juden um ihr Leben fürchten müssen, auch jetzt wieder, sogar in ihrem eigenen Staat, zuletzt beim brutalen Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023. Diese Menschen haben selbst getötet und hatten vermutlich kein Bedauern mit ihren Opfern. Dürfen wir sie deshalb auch einfach töten? Festnahme, Prozess, Rechtsstaatsverfahren? Offensichtlich keine Optionen im Anblick des allseitigen Hasses.
Die Attentäter auf Kennedy und Reagan wurden noch verhaftet
Die gesellschaftlichen Veränderungen zeigen sich auch in der rigiden Hinnahme solcher final-tödlicher Gewalt als erste, nicht mehr als letzte Option. Die Attentäter auf John F. Kennedy und Ronald Reagan wurde noch festgenommen, die Mörder von John Lennon und Martin Luther King ebenfalls und blieben Jahrzehnte im Gefängnis. Und auch jener psychisch kranke Mann, der am 12. Oktober 1990 auf Wolfgang Schäuble geschossen hatte und ihm damit ein Weiterleben im Rollstuhl aufzwang, wurde überwältigt und in einer psychiatrischen Klinik behandelt.
Wahrscheinlich kann es keine Welt geben ohne das Töten von Menschen durch Menschen. Was aber möglich scheint, ist eine Welt, in der dieses Töten von Zaudern, Skrupeln und Bedauern begleitet wird. Eine Welt, in der das Töten – auch eines offenkundig Schuldigen – nicht als selbstverständlich hingenommen wird. Es könnte eine Welt sein voller Bedauern über das Versagen, über die traurige Unmöglichkeit, das Leben dieses Menschen nicht geschont zu haben.
„Du sollst nicht töten“ – Die Botschaft ist einfach
Wer will einem Soldaten verübeln, dass er sein angreifendes Gegenüber tötet, wenn er sich doch gewiss sein muss, dass dieser ihm andernfalls das Leben nehmen wird? Und ähnliches dürfte auch für den Mann mit Gewehr auf dem Blechdach gelten, der auf Trump anlegt. Was anderes soll der Scharfschütze des Secret Service mit ihm machen – außer den „finalen Rettungsschuss“ zu setzen? Vielleicht so zielen, dass der Schütze am Leben bleibt, aber unfähig wird, weitere Schüsse abzugeben? Welches Risiko bedeutet das für den Präsidenten, wenn es misslingt?
„Du sollst nicht töten“, das fünfte christliche Gebot, hat eine einfache klare Botschaft: Das Töten ist verboten, es ist eine Ultima Ratio, kein Spaß, nichts, an das wir uns gewöhnen dürfen. Es ist niemals „gerecht“, zu töten.
Verrohung als Denk- und Geschäftsmodell
Nichts am Töten ist leichtfertig zu erledigen, das weiß jeder Vernünftige. Das industrielle Töten der Tiere, die vom Lebewesen zur Nahrung werden sollen, wird an Orte ausgelagert, die niemand sieht und Menschen überlassen, die kaum jemand kennt. So kauft sich eine Gesellschaft frei von der Verrohung, die mit dem Töten einhergeht. Noch schlimmer: Die Verrohung ist zum Denk- und Geschäftsmodell geworden. Gesellschaftliche Spaltung, kommerziell ausgebeuteter Hass, dümmlich bis krankhaft ausgeübte Rechthaberei, virale Verschwörungsblasen, Egoshooter-Spiele und (vor allem in den USA) Waffenverfügbarkeit haben das Verbot des Tötens längst relativiert.
Es gilt, der gedankenlosen Gleichgültigkeit gegenüber dem Töten Einhalt zu gebieten: „Spiele“, die auf dem lustvollen Töten basieren, sind kein Spaß. Filme, die das Töten zur Unterhaltung degradieren, muss man nicht ansehen. Postings, die unverhohlene Freude über den Tod Andersdenkender ausdrücken, gehören gelöscht. Und Nachrichten, die das Töten als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit darstellen, sind mangelhaft.
Denn jeder fremde Tod bringt immer auch den eigenen näher. Vergesst das nicht.
Die Totenmaske von Gerhart Hauptmann. Er starb im Juni 1946 in „Haus Wiesenstein“, der „Schützhülle meiner Seele“.
Die schlesischen Weber hatten keine Häuser. Sie waren bitterarm, verlorene Gestalten im Mühlwerk von Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Ein löchriges Dach über dem Kopf, eine Hütte irgendwo, das war das Höchste der Gefühle für diese Menschen, die ihr karges Auskommen mit textiler Heimarbeit zu bestreiten gezwungen waren. Ihnen hat der damals sozialkritisch eingestellte deutsche Schriftsteller Gerhart Hauptmann ein Portrait gewidmet. „Die Weber“ heißt das Theaterstück, für das Hauptmann im Jahr 1912 den Literaturnobelpreis erhielt. Es geht darin um die soziale Wirklichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts. 1844 hatten die Weber in Schlesien (und auch anderswo) Aufstände angezettelt, weil sie es nicht mehr ertrugen, herabgewürdigt und um den kargen Lohn ihrer Arbeit gebracht zu werden. Sie wollten es nicht mehr hinnehmen, in ihrer Ehre beleidigt, entwürdigt und immer tiefer in den Morast der Armut gestoßen zu werden von denen, die schon alles haben und noch viel mehr, und deren Gier trotzdem niemals gestillt sein würde.
Wer „Die Weber“ heute erlebt als modern interpretiertes Schauspiel, sieht die Bedrückten unserer Zeit: Die Alleinerziehende, die sich rechtfertigen muss für das Bürgergeld, mit dem sie das ärmliche Leben für sich und ihr Kind bestreitet; die Kleinrentnerin, deren Monatszahlung kaum für die Miete reicht; der verschämte Flaschensammler am Rande der Überflussgesellschaft; die Geflüchteten, die in trostlosen Container-Unterkünften jahrelang auf eine Entscheidung über ihr weiteres Schicksal warten.
Hauptmanns Weber hatten keinen Anspruch auf Würde
Immerhin, sie alle haben heute – anders als Hauptmanns Weber – einen in unserem Grundgesetz verbrieften Anspruch auf jenes Existenzminimum, das ihnen ihre Würde garantieren soll. Dafür müssen sie sich auf ein Amt begeben, ihre Rechte geltend machen, von denen sie oft gar nichts wissen, in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Und noch dazu müssen sie sich die Ohren verkleben und die Augen verbinden, um sich vor den ehrabschneidenden Pöbeleien zu schützen, die ihnen Faulheit und berechnende Niedertracht unterstellen.
Hauptmann (1862 – 1946) hatte den sozialkritischen Ton gefunden, um diese schreienden Ungerechtigkeiten zeitlos gültig zu beschreiben. Er selbst aber lebte vom Erfolg auch dieses Werkes bestens etabliert in seinen Villen in Erkner, auf Hiddensee und im Riesengebirge. Damit war er in guter Gesellschaft mit anderen literarischen Berühmtheiten seiner Zeit: Fünfzig Jahre zuvor hatte Viktor Hugo (1802 – 1885) das Schicksal der „Elenden“ („Les Miserables“) beschrieben und mit dem Erfolg des Buches sich ein Prachthaus im Exil auf Guernsey leisten können. Und auch der Kommunist Pablo Neruda (1904 – 1973) hatte kein schlechtes Gewissen, politisch wie literarisch die soziale Gleichheit zu fordern und selbst in Saus und Braus in mehreren Häusern in Chile zu wohnen.
Ein deutsches Leben in den Wirren des 20. Jahrhunderts
Nun kann ein Mensch viele Häuser haben, sich großen Ruhm erwerben und beruhigenden Reichtum anhäufen, er bleibt doch dem mächtigen Zugriff der Geschichte ausgeliefert. Das zeigt eindrücklich die Biografie Hauptmanns, ein deutsches Lebens in den Wirren des 20. Jahrhunderts. Weltweit und gerade auch in der kommunistischen Sowjetunion besonders geachtet, versagte der große Mann des Geistes vor den Herausforderungen seiner Zeit. So konnte er sich nicht durchringen zu einer klaren Haltung im Nationalsozialismus. Er chargierte zwischen vorsichtiger Zustimmung und leisen Vorbehalten gegenüber dem Völkischen, lavierte sich durch, zog sich vorwiegend ins Private zurück, blieb daher anders als der dreizehn Jahre jüngere Thomas Mann (1875 – 1955) in Deutschland und landete schließlich sogar auf Hitlers Liste der „Gottbegnadeten“, was ihm die Freistellung von allen Kriegsverpflichtungen garantierte. Alles das ist ihm nicht vorzuwerfen, schon gar nicht aus der Perspektive der Nachgeborenen, die in friedlichen Zeiten leben dürfen. Im Februar 1945 erlebte Hauptmann bei einem Klinikaufenthalt am Rande von Dresden den apokalyptischen Luftangriff die Stadt. „Ich stehe am Ausgangstor des Lebens und beneide alle meine toten Geisteskameraden, denen dieses Erlebnis erspart geblieben ist,“ schrieb er damals.
Wenige Wochen später lag die Welt der Deutschen in Trümmern, die Häuser von Hauptmann aber nicht. Hoch am Hang, weit abseits von der Welt stand „Haus Wiesenstein“ in Agnetendorf im Riesengebirge noch immer (und steht es bis heute) unverwundet zwischen den verschwiegenen Tannen. Die Zerstörungswalze des Krieges hatte es verschont, wie auch seinen Sommersitz auf der Insel Hiddensee. Der weltbekannte Geistesmann fand sich als Greis wieder in dem Teil seiner Heimat, der nun polnisch geworden war.
Armut, Hunger, Ungerechtigkeit – und Hauptmann mittendrin
Was folgte, ist bekannt: Weggejagt wurde die deutsche Bevölkerung, damit die von den Russen ihrerseits aus der heutigen Ukraine vertriebenen Polen eine neue Heimat finden konnten. Armut, Hunger, Ungerechtigkeit allerorten, ein einziges Elend, und der Schriftsteller in seiner Villa mittendrin, deren Zimmer prallvoll waren mit Büchern und edlem Mobiliar, das prächtige Treppenhaus blau-golden ausgemalt. Hochgeachtet und hochbetagt lebte der berühmte Schriftsteller auch dann noch dort in seinem schlesischen Paradies, als seine Landleute bereits hungernd ihr Hab und Gut mit Leiterwagen gen Westen zerrten.
Das Treppenhaus der Hauptmann-Villa in Agnetendorf: Ein Paradies als Fluchtort vor dem Grauen der Wirklichkeit. „Bin ich noch in meinem Haus?“ sollen die letzten Worte des Schriftsellers gewesen sein.
„Bin ich noch in meinem Haus?“ Angeblich waren dies die letzten Worte des sterbenden Gerhart Hauptmann am 6. Juni 1946. Noch ein Jahr nach Kriegsende war Hauptmann von den sowjetischen Militärs besonders beschützt worden. Dann aber bestanden die neuen Herrscher darauf, dass nun endlich auch Hauptmann – wie alle anderen Deutschen – Schlesien zu verlassen hätte. Aber dazu kam es nicht mehr. Hauptmann verstarb in seiner Riesengebirgs-Villa, und es bedurfte danach umfassender Interventionen, sechs Wochen andauerndem Hin und Her, bis die in einem Zinnsarg eingelötete Leiche des Schriftstellers zusammen mit seinem gesamten beweglichen Hausrat, unzähligen Büchern, seiner Witwe und einer Gruppe von Intellektuellen und Künstlern, die in seinem Umfeld gelebt hatten, in einem Sonderzug ausquartiert wurden.
Die Vertreibung einer Leiche als Medienereignis
Die Vertreibung einer Leiche war ein Medienereignis. Fernsehkameras warteten am Bahnhof von Forst (bei Cottbus), als der Sonderzug mit dem toten Hauptmann auf dem Weg nach Berlin die neue Ostgrenze Deutschlands erreichte. Am 28. Juli 1946, 52 Tage nach seinem Tod, fand Gerhart Hauptmann endlich auf Hiddensee seine letzte Ruhe, immerhin in deutscher Erde, wenn auch nicht – wie es sein Wunsch gewesen war – im Riesengebirge.
Fünfzig Jahre lang diente danach das Haus Wiesenstein als Kinderheim. Im heute polnischen Schlesien muss man gut orientiert sein, wenn man das verwunschene Literatenschlösschen finden will, das abgelegen am Ende einer kurvigen Bergstraße wartet. Mit Mitteln der Bundesrepublik Deutschland wurde es in ein schmuckes Museum umgestaltet und 2001 als solches eröffnet.
Es gibt keine Flucht in die Idylle
Die „mystische Schutzhülle meiner Seele“ sei dieses Haus gewesen, hat Gerhart Hauptmann formuliert. Wer heute durch diese Räume schlendert, aus den Fenstern hinausblickt in die dunkle Waldlandschaft, in die sich der Schriftsteller hineingeflüchtet hat, Hoffnung und Distanz suchend vor dem Grauen, das sich um ihn herum ereignete, versteht diese Sehnsucht nach einer „Schutzhülle“ – und lernt doch die bittere Wahrheit: Es gibt keine Flucht vor der Geschichte in die Idylle, nicht im Riesengebirge, nicht auf Hiddensee, und auch heute nicht in der naiven Hoffnung auf ein ruhiges Leben auf dem Lande.
Wer Glück hat, mag dort verschont bleiben vor den Bomben des Krieges, mag dort nichts oder weniger hören vom Lärm der Geschichte, mag sich berauschen am lauschigen Rascheln der Blätter und jubelndem Pfeifen der Vögel, mag sich die Ohren verstopfen vor den schlechten Nachrichten aus den Städten, in denen die Armut wohnt und schreit – aber irgendwann wird die Geschichte doch anklopfen und ihr Recht verlangen. Irgendwann kommt sie, die Vertreibung aus dem Paradies.
Pfarrkirche St. Peter und Paul, Bei der Peterskirche, 02826 Görlitz
Mein Besuch am 24. Mai 2024
St. Peter und Paul in Görlitz: Deutschlands östlichste Kirche steht hoch über der Neiße, unmittelbar an der Grenze zu Polen.
Vielleicht muss man sich es vorstellen, wie es gewesen war, als deutsche Soldaten in apokalyptischer Verzweiflung die Brücke unmittelbar unterhalb dieser Kirche in die Luft jagten. War es Hoffnung, die sie hatten, mit diesem Akt der Gewalt irgendwie doch noch die bevorstehende Niederlage abzuwenden? Es war der 7. Mai 1945, als dies geschah, und als die Wucht der Detonationen nahezu alle Glasfenster des oberhalb der Brücke stehenden Gotteshauses zersplittern ließ.
Vielleicht muss man nicht in diese Kirche hinein gehen; vielleicht genügt es, auf ihren Stufen über der Neiße zu stehen, um sich bewusst zu machen: Das war damals mitten in Deutschland, und die Soldaten, die hier den Sprengstoff zündeten, konnten sich vermutlich gar nicht ausdenken, dass diese Kirche einmal die östlichste in ihrer Heimat sein würde. So steht man also heute vor dieser Kirche, blickt hinunter auf die längst wieder aufgebaute Brücke, die nun eine von einem gelangweilten Polizeiauto bewachte EU-Binnengrenze zu Polen darstellt. Die Augen ruhen auf dem träge dahinströmenden Fluss, und was zu spüren ist, das ist die Wucht der Geschichte, die am Ende stärker ist als alles Dynamit.
Wie ein lichter Wald: Dem gotischen Innenraum der Kirche fehlt jede Strenge, was auch am hellen Licht liegt, das durch die ersetzten Fenster strömt, deren kunstvollen Originale wenige Stunden vor Kriegsende am 7. Mai 1945 infolge einer Sprengung der Neißebrücke zerstört wurden.
Aber ganz sicher lohnt es sich auch, sich umzuwenden und diese Kirche zu betreten, die jeden Besuchenden mit ihrer schieren Größe überwältigt. Das gotische Gotteshaus ist weit, klar, hat wenig von der Strenge, die gotische Kirchen oft sonst ausstrahlen, ist auch hell, da die zerstörten Fenster mit modernen hellstrahlendem Glas ersetzt wurden. Es ist ein Gefühl, als wandle man durch einen lichten Wald voll himmelstrebender, schlanker Bäume, deren hohes Astwerk sich zu einem schützenden Dach in weiter Höhe vereint.
Der Prospekt der Sonnenorgel von Görlitz.
Und hinein strahlt in diesen gotischen Hain der grün-goldene Prospekt der „Sonnenorgel“, ein Wunderwerk aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, in dem 17 Sonnen kreisförmig angeordnet wurden. Die mächtigen Orgelpfeifen kann man als ihre Strahlen sehen, und zwölf davon werden selbst aus Pfeifen gebildet. Diese mächtige, und doch so lichte Kirche steht genau richtig dort, wo sie seit Jahrhunderten steht: nicht am Rande Deutschlands, sondern in der Mitte Europas.
„Vergiss die Politik!“ Der Fußballfan hat wohl schon ein paar Bierchen intus und das Deutschland-Shirt von der vorletzten WM zeigt deutliche Flecken aus vorangegangener Begeisterung. Aber macht nichts, denn in der Kneipe ist das Licht schummrig, die Luft schwer und alle gucken auf den Bildschirm. Österreich gegen die Türkei.
„Fußball hat nix mit Politik zu tun,“ sagt der Fußballfan. Der Demokratiefan hält dagegen: Warum sind Ungarn, Italien, Serbien, Georgien so früh ausgeschieden? (Foto: lizenzfrei von Pixabay, KI-generiert)
„Vergiss die Politik“, sagt der Fußballfan nochmal, wischt sich die Finger am Deutschland-Shirt ab und schwenkt das leere Bierglas. Ums Treseneck herum sitzen die beiden fremden Freunde, treffen sich hier zum ersten Mal, und spielen mit ihren Bierdeckeln. „Denk nur an den ganzen Quatsch mit Binde in Katar und irgendwelchen Arbeitssklaven und so, das war alles Politik,“ setzt der Fußballfan wieder an. Mit Schwung stellt er das leere Glas auf die Theke zurück. „Und was war dann: Schlecht gespielt haben sie.“
Sein Gegenüber ist ein Demokratiefan und wackelt mit dem Kopf hin und her. Dann zupft er sich das graue Poloshirt zurecht. Es ist warm und dampfig in der Kneipe. Draußen regnet es.
„Vergiss die Politik im Fußball“, kommt da nochmal vom Fußballfan, während er der Wirtin hinter dem Tresen winkt. Ein fragender Blick zu seinem Nachbarn, ein entschlossenes Nicken, dann werden zwei Finger gehoben in ihre Richtung.
„Irgendwie ist doch immer alles politisch“, sagt der Demokratiefan. „Gerade in Katar. Dass man da einfach in einer üblen Diktatur spielt und so tut, als gäbe es das nicht: die unterdrückten Frauen und das Verbot für Schwule und das alles. Der ganze Aufwand mit gekühlten Stadien, die jetzt leer stehen. Da kann man doch nicht weggucken. Wenn das nicht Politik ist!“
„Schon. Aber hat nix mit dem Spiel zu tun. Beim Fußball kommt es auf Fitness an, auf Kondition, und auf die gute Technik, dass sie schnell rennen können, eine Taktik haben und auf den Trainer. Das hat doch nix mit Politik zu tun.“
„Frei im Kopf müssen sie auch sein, die Spieler.“
„Ja schon, frei im Kopf ist immer gut. Ideen müssen sie haben, mal was Neues zu machen, nicht den Ball immer nur hin und her zu schieben.“
Zwei neue Biere kommen …
Die Wirtin stellt zwei Bier auf den Tresen. Saftige Schaumkronen liegen auf dem lockenden Goldgelb. Sie stoßen an.
„So muss ein Bier sein“, sagt der Fußballfan und wischt sich den Schaum von der Lippe. „Hat auch nix mit Politik zu tun.“
„Auch Bier ist politisch, vor allem der Preis“, sagt der Demokratiefan. „Es sind schon Revolutionen wegen des Bierpreises ausgebrochen.“ Er trinkt. „Aber lassen wir das. Wer ist schon alles rausgeflogen bei der Europameisterschaft?“
„Ha! Die Italiener!“ Der Fußballfan grinst.
„Siehste, die Italiener. Nicht frei im Kopf, weil sie eine postfaschistische Regierung haben.“
Der Fußballfan nimmt einen tiefen Schluck und glotzt ins Leere. „Was für ´ne Regierung?“
„Postfaschistisch. Super-autoritär. Die Meloni mag ja ganz freundlich gucken. Aber sie will die Pressefreiheit abschaffen und sich fette Macht auf immer sichern. Fast so wie der Orban.“
„Orban ist Ungarn, oder? – Auch rausgeflogen.“
„Eben: Der nächste Autokrat, der seinen Fußballern keinen Gefallen damit tut, dass sie nicht frei sind im Kopf. Ich sage: Wenn die Regierung keine Freiheit zulässt, spielen die Fußballer schlecht.“
„Jetzt Moment mal“, rafft sich der Fußballfan auf, strafft das verschwitzte Deutschland-Trikot und hebt den Zeigefinder. „Willst du mich hier in so eine Politikscheiße reinquatschen? So nach dem Prinzip, wer schlecht regiert wird, verliert im Fußball?“
„Na ja, kann man doch mal überlegen. Wer hier schon alles rausgeflogen ist, pass auf…“
„Nee, nee,“ protestiert der Fußballfan und winkt ab, „Politik hat mit Fußball nix zu tun.“
„Jetzt hör´s Dir doch wenigstens mal an. Also: Ungarn raus, Orban ist ein Diktator. Italien raus, frühere Faschisten regieren. Serbien raus, Vucic ist ein übler Putin-Freund und zündelt im Balkan. Slowakei raus, auch so ein spalterischer Populist hat da das Sagen, Fico heißt er. Will der Ukraine keine Waffen liefern. Georgien raus, da machen sie gerade ein Gesetz zur Unterdrückung aller kritischen Meinungen.“ Der Demokratiefan nimmt einen tiefen Schluck aus dem Glas. „Also, so ist es, und jetzt kommst Du.“
Der Fußballfan schüttelt den Kopf. „Das ist doch alles Blödsinn. Die Spieler da von diesen Ländern, die haben doch mit ihrer Regierung gar nichts zu tun, die spielen doch alle bei uns oder in Italien, Frankreich oder in England!“
„Das mag schon sein,“ entgegnet der Demokratiefan, „aber im Kopf sind sie doch in ihren Ländern zu Hause – oder etwa nicht? Muss ja auch so sein. Verlangen wir doch auch von unseren Migranten, wenn sie für Deutschland spielen. Von Tar oder von Musiala oder von Rüdiger, die sollen sich doch auch im Kopf voll und ganz mit Deutschland identifizieren. Gündogan hat türkische Eltern. Trotzdem singt er die deutsche Hymne, wenn’s los geht, und das ist doch auch richtig so.“
„Ja schon, aber das ist doch was anderes.“
„Warum?“
„Weil … weil … ach, keine Ahnung. Aber überhaupt, wenn das stimmen würde, was Du da redest, dann müssten die Deutschen ja auch schlecht spielen, weil wir doch auch ganz mies regiert werden von der Ampel. Tun sie aber nicht.“
„Andersrum stimmts! Die spielen gut, weil sie den Kopf frei haben, weil wir gar nicht so schlecht regiert werden. Verstanden?“
Der Fußballfan ist nicht überzeugt. „Die spielen besser als zuletzt, sagst Du, weil der Scholz so gut regiert? Das glaubst Du doch selber nicht.“
„Na, ja, das vielleicht nicht. Jedenfalls gibt’s hier aber nichts, was die Freiheit im Kopf begrenzt. Außer eigener Blödheit. Und das ist in Ungarn und Serbien und Georgien echt anders, da kannst Du ratzfatz ins Gefängnis wandern, wenn Du was Falsches sagst. Und wenn wir nicht aufpassen, ist das bald auch in Italien so. Und deshalb verlieren die alle.“
„Krass – das glaubst Du echt?“
„Ja sicher“, antwortet der Demokratiefan. „Unfreiheit im Land führt zu Unfreiheit im Kopf. Und das führt zu schlechtem Fußball. Klarer Zusammenhang.“
Die Türken spendieren eine Runde Raki …
Lautes Jubeln und Gegröle im Lokal. Das Spiel ist aus. Autohupen auf der Straße. Eine Gruppe feiernder Türken stürmt herein.
„Da hast Du Deinen Blödsinn!“ schreit der Fußballfan im Getümmel und prostet den türkischen Fans zu. Der Tresen wird umringt von Jubelnden, während eine rote Halbmond-Fahne die beiden Biergläser ins Wanken bringt. „Die Türken feiern!“, brüllt der Fußballfan, „und das ist doch nun wirklich keine gute Regierung dort. Korrupt, alles wird immer teurer, und als Frau willste da auch nicht leben, ewig daheim und mit Kopftuch und so.“ Einen tiefen Schluck nimmt der Fußballfan aus dem Glas, richtet sich neu auf, verschafft sich Platz zwischen den Feiernden um ihn herum, und ruft: „Das ist der Gegenbeweis!“
Die feiernden Türken verstehen zwar nichts die vom Gespräch, geben aber eine Lokalrunde Raki aus. Einige zeigen den sogenannten „Wolfsgruß“, ein Symbol für radikalen türkischen Nationalismus. Der Demokratiefan schüttelt den Kopf. „Gar kein Gegenbeweis,“ sagt er. „Die Türken haben die Österreicher rausgeworfen, weil beide nicht frei sind im Kopf. Siehst Du an dieser komischen Nationalismus-Geste.“ Das Rakiglas wird auf den Tresen gestellt. „Die Österreicher sind gerade drauf und dran, eine Super-Rechtspartei zum nächsten Wahlsieger zu machen. In diesem Spiel haben eben zwei Mannschaften gegeneinander gespielt, die beide nicht den Kopf frei hatten. Einer musste ja gewinnen.“
„He, jetzt hab´ ich Dich!“, schreit der Fußballfan und kippt den Schnaps in sich hinein. „Das mit der Wahl gilt auch für Frankreich! Da haste Dir jetzt selbst widersprochen. Die Franzosen werden die rechtsradikale Le Pen auch wählen, und trotzdem haben sie gewonnen!“
Der Demokratiefan greift zum Rakiglas, überlegt und schiebt es dann voll zurück. „Ja schon … aber wie! Erst in der allerletzten Minute hat´s gereicht. Das war vor allem Glück. Und außerdem haben sich die französischen Spieler ganz öffentlich gegen den drohenden Rechtsruck in Frankreich ausgesprochen. Das ist wie Doping für Freiheit, das hilft auch für die Freiheit im Kopf.“
Die türkischen Fans ziehen wieder ab, der nächsten Kneipe entgegen.
Nochmal zwei frische Biere …
Die Wirtin blickt zu ihnen hinüber, zwei Finger gehen hoch.
„Und was sagste zur Ukraine?“, fragt der Fußballfan. „Wenn die nicht eine gute Regierung haben, wer denn dann? Halten ihren Staat irgendwie am Laufen, sogar die Bahn fährt da pünktlich, was wir hier nicht hinbekommen, und nebenbei müssen sie ihr Land verteidigen.“ Zwei frische Biere werden auf den Tresen gestellt. „Und dann fliegen sie in der ersten Runde schon raus, als Gruppenletzter.“
„Das war bitter. Stimmt,“ räumt der Demokratiefan ein. „Aber die hatten eben den Kopf auch nicht frei, wer will es ihnen verübeln in ihrer Situation? Außerdem hatten sie besonderes Turnierpech. Die waren Vierter in ihrer Gruppe mit vier Punkten. Das war mehr als die Slowenen hatten, die Gruppendritte wurden und weiterkamen. Voll ungerecht.“
„Hat eben doch nichts mit Politik zu tun. Ist alles nur Fußball.“
Die Tür geht auf, eine Gruppe Österreicher trottet herein. Lautstark bestellen sie Bier. Die Enttäuschung über das Ausscheiden gegen die Türkei klingt bereits ab.
„Sag mal?“, fragt der Demokratiefan.
„Ja was?“
„Macht schon Spaß, so eine EM in Deutschland, oder?“
„Logisch! Es regnet zwar dauernd, aber trotzdem ist überall beste Stimmung. Alle freuen sich, siehste ja gerade, sogar ich kann mich mit den Türken freuen, und mit den Österreichern traurig sein.“
Sie beide prosten den Österreichern zu, die hinter ihnen stehen und gerade ihre Biergläser bekommen haben. „Seid´s arg traurig?“, fragt der Fußballfan. Die Österreicher trinken.
„Hat vielleicht auch was mit der Demokratie zu tun,“ sagt der Demokratiefan. „Gute Stimmung gibt’s nur in Freiheit, nicht in einer Diktatur.“
„Du nervst. Ich freu´ mich jetzt aufs Viertelfinale,“ sagt der Fußballfan und nimmt einen Österreicher in den Arm. „Leider ohne Euch. Aber tolle Spitzenmannschaften kommen da jetzt: Spanien, Portugal, Frankreich, Niederlande, England, Schweiz. Und Deutschland! Das werden super spannende Spiele!“
„Alles lupenreine Demokratien“, sagt der Demokratiefan.
„Da hätten wir auch reingehört“, ruft ein Österreicher. „So demokratisch wie die Niederländer sind wir noch lange.“ Der Demokratiefan lacht.
Fünf Biere hatten die Schotten ausgegeben …
„Jetzt hört doch mal auf mit dem Politikzeug!“, ruft der Fußballfan. „Und überhaupt, was ist mit den Schotten und Deiner Theorie? Die haben besonders gute Stimmung gemacht, unglaublich, fünf Bier haben sie mir ausgegeben, hier an diesem Tresen, und eine Demokratie sind sie auch, oder? Trotzdem rausgeflogen.“
„Ja, stimmt alles, aber leider haben sie einfach zu schlecht Fußball gespielt,“ sagt der Demokratiefan.
„Siehste,“ triumphieren da der Fußballfan und die Österreicher. „Ist eben Fußball. Hat nix mit Politik zu tun.“
Europas Tanz um die Freiheit – neu gehört in Beethovens 7. Sinfonie
Zweihundert Stundenkilometer auf der Schiene, irgendwo am Rhein, auf dem Weg von Amsterdam nach Wien. Ein ICE jagt grenzüberschreitend dahin. Von seiner luftdurchwirbelnden Gewalt, die zufällig Wartende auf einem Durchfahrts-Bahnsteig viele Schritte zurückweichen lässt, ist im Inneren des Zuges wenig zu spüren. Ein sanftes Ruckeln vielleicht, ein schwaches Wanken. Erste Klasse, gediegene Atmosphäre: Jeder für sich, und dem alten Europäer gegenüber sitzt eine junge Frau, um die dreißig Jahre alt, zurückgesteckte Haare, elegantes Kostüm, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihr Notebook zu richten scheint. Gemeinsam durchgleiten sie diese Kulturlandschaft aus grünen Hügeln und schütteren Wäldern, gemeinsam durchfliegen sie die Tunnels und Brücken, die dem rasenden Lindwurm den Weg ebenen. Gemeinsam sind sie sich ihrer jeweils eigenen Freiheit so sicher, dass sie diese gar nicht mehr spüren. Selbstverständlich selbstbestimmt reisen sie durch Europa.
Die Schöne wird schon nichts merken, denkt sich der alte Europäer, und schiebt den Regler noch etwas weiter nach oben, die Warnung vor möglichen Hörschädigungen lustvoll missachtend. Beethoven schwillt an im Kopfhörer, 7. Sinfonie, der ganze klangumspannende Wirbel der Noten durchzuckt seinen Kopf, die Augen geschlossen, aber hellwach. Ein paar verstohlen wiegende Kopfbewegungen macht er dazu, ein paar zart mitdirigierende Gesten aus dem Handgelenk.
Die Idee der Freiheit als Tanz: Sasha Waltz Compagnie interpretiert Beethovens 7. Sinfonie. (Foto: Sebastian Bolesch, bereitgestellt von Sasha Waltz)
Als Napoleons Stern sank, entstand diese Musik
Als der französische Autokrat Napoleon Bonaparte mit seinen Truppen diese schöne Landschaft am Rhein unter seine Kontrolle brachte, da lebte Ludwig van Beethoven schon längst nicht mehr in seinem Geburtsort Bonn. Er verfolgte von Wien aus das europäische Geschehen. Er jubelte Napoleon zu, solange dieser sich nach dem revolutionären Chaos in Frankreich um Ordnung bemühte, für alle Menschen gleichermaßen Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit versprach. Und er wandte sich von ihm ab, als Napoleon genau diese Werte verriet, sich selbst zum Kaiser ernannte und Europa, auch Beethovens Heimat, mit Kriegen überzog.
Dann aber, im Jahr 1813, sank der Stern Napoleons. Das Kriegsglück, das nie ein Glück, sondern immer ein mörderisches Schlachten war, wandte sich von ihm ab. Seine ausgezehrten Armeen waren überfordert mit den Eroberungsfantasien ihres Befehlshabers. Die großen europäischen Adelshäuser in Österreich, Russland und Preußen waren dabei, sich zusammenzufinden. Beethoven wusste: sie wollen nicht Brüderlichkeit und Gleichheit und Freiheit retten, sondern vor allem sich selbst genau davor. Vermutlich sehnte der Komponist das militärische und politische Ende des Franzosen zwar herbei, aber dessen ursprüngliche Idee eines freien Menschen, der mit seinesgleichen, klassenlos und humanistisch, in Frieden und Freiheit verbunden ist – diese Idee trieb ihn weiter an.
In solcher Stimmung war Beethoven, als er die Noten für seine 7. Sinfonie niederschrieb, die im Dezember 1813 in Wien erstmals gespielt wurde. Was er vorhersah, was er, selbst schon halb ertaubt, vorher-hörte, war der gewaltige Rhythmus, der Europa in dieser Zeit durcheinanderwirbelte und seine Menschen in eine neue Ordnung hineinwarf. Es sollte eine Ordnung sein, in der bis heute zumindest der Anspruch besteht, dass „alle Menschen Brüder“ sein mögen, wie Beethoven elf Jahre später am Ende der 9. Sinfonie im Text von Friedrich Schiller vertonte. Die Noten (nicht der Text) der „Ode an die Freude“ ist heute die Hymne Europas.
Der Anspruch auf Freiheit ist kein Leisetreter
Den Rhythmus von Freiheit, Gleichheit, individueller Selbstbestimmung, also jener Werte, die den Kontinent prägen sollten, den hat Beethoven aber bereits in der Siebten komponiert. Diese zu erreichen und zu verteidigen, ist kein Geschenk, es ist ein Kampf, ein Wachsen, ein Jubel schließlich. Und so kommt der Anspruch auf Freiheit mit Wucht daher. Die sanften Töne zu Beginn der Sinfonie perlen keine ganze Minute dahin, als schon die ersten kräftigen Schläge durch das Orchester zucken. Sie lassen noch nicht ahnen, mit welcher Energie die Musik zehn Minuten später den ganzen Saal in Bewegung setzen wird, die Wände wanken lässt, die Menschen von den Sitzen reißen könnte, wenn es zulässig wäre, im Konzertsaal den Emotionen freien Lauf zu lassen.
Der Anspruch auf Freiheit ist kein Leisetreter. Ein tobender Rhythmus tanzt durch den Saal, stößt links an, und dann rechts und dann überall zugleich schwebt und schwirrt er und jubelt und schweigt und schreit, spannt die Luft zum Zerreißen – ach was, zerreißt sie mit ihrer Kraft, ihrer Energie, bis endlich Stille herrscht und alles zurücksinkt in glückliche Erschöpfung.
Der Weg zur Freiheit fordert Opfer
Kein Jubel ist ohne Abgrund, auch der Weg zur Freiheit fordert Opfer. Der zweite Satz beginnt als verhaltener Trauermarsch. Wieder dauert es nur wenige Takte bis sich das leise Motiv Bahn bricht, bis es weniger Trauer und mehr Triumpf ist. Hier trottet keine Trauergemeinde, hier wird trotzig Kraft gesammelt. Vorbei geht es an den fraglichen Prioritäten des Alltages, vorbei am allgegenwärtigen Geplänkel und Geplauder.
Auf die Kraft der Trauer folgt der Übermut. Im dritten Satz betreibt das Orchester eine Jagd auf die Klänge, wirbelt ihnen hinterher, atemlos, wie in einem kindlichen Versteckspiel, bis plötzlich alles weg ist und der Klang tastend gesucht werden muss. Da, dort, wo? – noch einmal beginnt die Hetzjagd, noch einmal büxen sie aus, die Töne der Freiheit, noch zu ungestüm, um gestaltende Kraft zu entfalten und nicht nur Toberei zu sein voll überschießender Energie.
Ach, möchte man diesen Tönen der Freiheit zurufen, nehmt Euch Zeit, die Aufgaben, die vor Euch liegen sind noch groß, spart Eure Kräfte auf, Ihr müsst den Kampf um Gleichheit und Brüderlichkeit noch gewinnen, immer wieder neu lernen, klug zu sein!
Das Gewonnene kann schon morgen zerronnen sein
Dann das Finale, ein einziger Wirbel, ein tänzelnder Wahnsinn, ein rasendes Kettenkarussell der Töne, ein Aufschrei, ein grenzenloser Jubel der Freude über das Erreichte, das Gewonnene, das doch zugleich gefährdet ist, schon morgen zum Zerronnenen zu werden.
Nichts weniger als das alles lässt Beethoven in seiner Siebten ertönen, und für den, der will, ist herauszuhören: Habt Mut, die großen Linien zu sehen, das große Ganze! Haltet Euch nicht auf mit Kleinigkeiten, mit der der Wärmepumpe oder dem Verbrenner, mit Steuern und der Schuldenbremse, ein paar Geflüchteten mehr oder weniger – alles unwichtig, weil es nun gerade gilt, Frieden in Freiheit zu verteidigen, nach Brüderlichkeit und Gleichheit zu streben. Es kann gelingen, lässt uns Beethoven hören, und der Jubel wird grenzenlos sein.
„Muss tolle Musik sein“, spricht die junge Frau
Da spürt er einen Ruck. Der ICE steht. Gerade war der Gipfel des Tongebirges erklommen gewesen, das jubelnde Finale hatte getobt und klang aus, glückstrunken war der alte Europäer hineingefallen in diese Umarmung der Töne. Seine Hände sinken zurück auf die Armlehnen, und jetzt schlägt er die Augen auf und schaut aus dem Fenster: „Siegburg/Bonn“ steht da. Noch halb benommen vom großen Tanz der Töne nimmt er den Kopfhörer ab.
„Muss tolle Musik sein, die Sie da hören“, spricht ihn da die junge Frau von Gegenüber an. „Was war das? Das will ich auch hören.“
Die rhythmisch-tänzerische Dimension von Beethovens 7. Sinfonie ist schon vielfach gewürdigt worden, u.a. von Richard Wagner, der das Werk als „Apotheose des Tanzes“ bezeichnet hat. Mich hat zu diesem Text auch das Erlebnis einer modernen Tanz-Aufführung der Compagnie von Sasha Waltz inspiriert, die unter dem Titel „Beethoven 7“ die Sinfonie mit der modernen Komposition „Freiheit/Extasis“ von Diego Noguera kombiniert. Noguera wurde 1982 in Chile geboren und lebt seit 2019 in Berlin. Dieser Teil Tanzdarbietung, von überaus lautstarker Techno-Musik unterlegt, war für mich allerdings nicht die Darstellung von Freiheit, sondern eher eine apokalyptische Vision einer nach-menschlichen Welt, die im quälenden, aber auch eindrücklichen Gegensatz zu der nachfolgenden leichtfüßig-eleganten, tänzerischen Interpretation der Freiheitsphantasien von Ludwig van Beethoven stand. Die Performance „Beethoven 7“ war Teil des Programms der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele und ist wieder zu erleben am 13. und 14. September 2024 in Rom.
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.