Misstrauen mit 7 Buchstaben? Booster mit 5 Buchstaben?
Da sitzt er, der selten gewordene Freund des Kreuzworträtsels, und grübelt: „Misstrauen, Verdacht“ mit sieben Buchstaben? Heute kann man alles googeln, weshalb der Zeitvertreib aus dem vor-digitalen Zeitalter kaum noch Konjunktur hat. Es geht um „Argwohn“. Des Rätsels Lösung ist also schnell gefunden. Auch in unserer Gesellschaft müssen wir ihn nicht mehr suchen.
Es macht sich Argwohn breit im ganzen Land
Überbordender Argwohn ist täglicher Begleiter unseres pandemischen Lebens geworden, es macht sich Argwohn breit im ganzen Land. Wir misstrauen unserem Sitznachbarn in der Bahn, im Kino, im Restaurant. Wir misstrauen ihm, wenn er keine Maske trägt, oder wenn sie nicht richtig sitzt. Wir verdächtigen diejenigen, die keinen Impfnachweis haben, und wir beginnen, sogar dem Impfnachweis selbst zu misstrauen, weil wir davon lesen, dass der Impfschutz nachlässt. Wir hören, dass es Fälle gibt, in denen der Impfnachweis gefälscht wurde.
Wir begegnen den müden Männern aus Osteuropa mit Argwohn, wenn sie nach Feierabend verstaubt und farbbekleckert von unseren Baustellen kommen als abstandslose Gruppe hinter uns in der Schlange am Supermarkt stehen. Hatten wir nicht gelesen von den niedrigen Impfquoten in ihrer Heimat, von der Ansteckungsgefahr in billigen Sammelunterkünften? Argwöhnisch halten wir die Luft an, wenn sich in den engen Regalgassen des Supermarktes der Obdachlose auf dem Weg zum Flaschenautomaten an uns vorbeischiebt. Ja, es macht sich Argwohn breit in unserem Land.
Die Plage des Misstrauens wächst in der Kälte
Und die Plage des Misstrauens wächst, je kälter es wird. Die sommerliche Wärme hat uns eingelullt in einer Wolke freundlichen Vertrauens, nicht nur wegen der niedrigen Inzidenz-Zahlen. Sondern auch weil draußen Platz war für das selbst gewählte Maß an Wohlfühl-Distanz, weil Wind und Sonne unsere Sinne lüfteten. Aber jetzt ist es dunkel, und drinnen regiert der Argwohn.
Dabei wissen wir es doch: Fehlendes Vertrauen ist die Quelle vielen Unglücks. Tausende Romane und zahllose Bühnenstücke basieren in ihren Erzählungen auf dem Argwohn. Falscher Verdacht beschuldigt zu Unrecht, vergiftet unser Miteinander, seinetwegen wurden Kriege angezettelt und Menschen vernichtet. Argwohn sickert wie Gift in unsere Seele, macht uns hart, abweisend und ungerecht.
Der Argwohn hat einen Zwilling
Des Argwohns Zwilling ist die naive Gutgläubigkeit. Sie lullt uns ein in das süße Gefühl, dass schon alles gut werden kann, auch wenn wir uns nicht anstrengen. Wie der Argwohn uns verfinstert im Gemüt, so trübt uns die Gutgläubigkeit den Blick, raubt uns unsere Scharfsichtigkeit. Es ist naiv, eine offenkundige Gefahr nicht sehen zu wollen, anstatt ihr entgegenzutreten. Es ist kein Argwohn, sondern vorausschauende Klugheit, dem Räuber ein einbruchssicheres Schloss entgegenzusetzen.
Im Jahr 2015 wurde das Wort „Gutmensch“ zum „Unwort des Jahres“ gekürt, da es zu Unrecht diejenigen in ein schlechtes Licht rückt, die mit hoffnungsfroh-positivem Blick auf unser Zusammenleben blicken. Mit dem Schimpfwort „Gutmenschen“, so die Jury, würden „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert.“ Wer sich für das Gute in der Gesellschaft engagiert, muss eben nicht immer naiv und gutgläubig sein.
Die Dreifach-Impfung gegen den Argwohn
Erste Dosis: Zuhören. Wir wissen Vieles von unserer Welt, wenn wir Experten und Wissenschaftlern im gegenseitigen kritischen Diskurs einfach einmal zuhören. Aktives Zuhören, kritisches Nachfragen, Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen – sie bilden die Basis unseres gesellschaftlichen Immunsystems. Wir können es stärken. Einfach mal zuhören!
Zweite Dosis: Solidarität. Sie ordnet unser Denken und unser Zusammenleben, und sie schützt uns vor naiver Gutgläubigkeit. Solidarität weitet unseren Blick darauf, was dem anderen zusteht, nicht nur einem selbst. Solidarität braucht auch einen gesunden Schuss Argwohn. Denn niemand, der Solidarität erfährt, kann aus der Verantwortung entlassen werden, nach seinen Kräften sich selbst zu helfen.
Und schließlich der Booster mit fünf Buchstaben: Demut. Demut macht uns bewusst, dass wir nicht alles wissen, und dass wir jederzeit irren können. Demut macht den Argwöhnischen tolerant und den Naiven vorsichtig. Das macht beide reicher.
Die Bilder von der Grenze zwischen Belarus und Polen sind unerträglich. In Eiseskälte campieren Menschen auf dem Weg in die EU. Vor ihnen patrouillieren polnische Grenzsoldaten, die sie mit Stacheldraht und Waffengewalt genau davon abhalten. Hinter ihnen stehen ebenfalls Bewaffnete: Milizionäre aus Belarus, die sie hindern, umzukehren. Glaubt man dem, was dazu in unseren Medien berichtet wird, so sind diese Menschen zumindest zum Teil gezielt aus den desaströsen Verhältnissen ihrer Heimat, aus dem Irak oder Syrien, dorthin gelockt worden. Vom Regen in die Traufe? Das wäre eine zynische Untertreibung.
Ein „Machthaber“ handelt skrupellos …
Verantwortlich dafür sei der „Machthaber“ von Belarus, Alexander Lukaschenko, berichten die Medien. Er verleite Menschen, die in die EU einreisen wollen, gezielt dazu, dies an der Grenze seines Landes zu Polen zu versuchen. Angeblich holt er sie mit Hilfe Russlands und der Türkei sogar gezielt zu diesem Zweck in sein Land. Es sollen genau die Bilder des Grauens produziert werden, die uns jetzt quälen. Er will damit erreichen, dass europäische Sanktionen gegen sein Land zurückgenommen werden, seine Partner wollen Europa destabilisieren. Das Kalkül: Die Gutmenschen im satten Westeuropa werden es nicht aushalten, Menschen vor ihrer Eingangstür erfrieren zu lassen. Sie werden es nicht zulassen, dass ganze Familien sterben, wenn polnische Grenzsoldaten mit Waffengewalt das verteidigen, was wir „europäische Außengrenze“ nennen.
Und auch diese Bilder sind unerträglich: Am Rande der Erschöpfung kämpfen Intensivmediziner und -pflegende um das Leben von Menschen, die sich geweigert haben, die notwendige Vorsorge zu treffen. Obwohl sie es besser hätten wissen können. Obwohl die Impfung kostenlos und massenhaft angeboten wurde. Jetzt verstopfen sie die Betten für Menschen, die auf eine Krebsoperation oder das Einsetzen eines lebenssichernden Stents länger als eigentlich nötig und medizinisch geboten warten müssen. Gegen den Krebs oder den möglichen Herzinfarkt gibt es keine Impfung, gegen das Schicksal dieser Betroffenen keine Chance. Unsolidarische verstopfen den Weg zur Versorgung von Unschuldigen.
… und andere Machthaber zögern
Das Reichstagsgebäude in Berlin im herbstlichen Abendlicht.
Auch in diesem Drama fehlt es nicht an „Machthabern“, die daran etwas verändern könnten. Wir haben in Deutschland eine geschäftsführende Regierung, die umfassend handlungsfähig ist und auch verpflichtet, zu handeln. Wir haben amtierende Ministerpräsidenten. Sie alle sollte angesichts rapide steigender Infektionszahlen Macht ausüben, die ihr demokratisch zugeteilt wurde. Und wir leisten uns noch dazu den Luxus einer neuen, gerade legitimierten parlamentarischen Mehrheit. Auch sie könnte im Parlament Macht ausüben, wenn sie nicht abgelenkt wäre davon, sich mit anderen wichtigen Fragen zu beschäftigen. Die Ampel-Koalitionäre sind Machthaber im selbst auferlegten Wartestand. Kein Wort vom baldigen Kanzler, unentschlossene Konzepte der neuen „Machthaber“, die noch nicht „fertig“ damit sind, die Macht auch wirklich ausüben zu wollen, die ihnen die Wähler verliehen hat.
Vorsicht mit Begriffen! Wer ist ein „Machthaber“?
In beiden Geschichten sind nicht vergleichbar. Und doch wird in beiden der Begriff „Machthaber“ verwendet. Er geistert derzeit täglich durch deutsche Medien, wenn man den so Bezeichneten nicht anders einordnen kann oder möchte. In der Tatenlosigkeit deutscher Politik gegenüber wieder rapide steigenden Infektionszahlen zeigt sich, dass „Machthaber“ eine neutrale Bezeichnung sein könnte für diejenigen, welche die Macht ausüben. Wir haben in Deutschland nach unserer Verfassung hauptsächlich einen Machthaber: die oder der Bundeskanzler/in. „Machthaberin Merkel“ würde aber (außerhalb einzelner Pegida-Verwirrter) ernsthaft kein Mensch sagen. Auch den französischen oder amerikanischen Präsidenten würden wir niemals als „Machthaber“ bezeichnen, obwohl es beide noch viel umfassender sind als ein deutscher Kanzler. Sogar der mit fragwürdigen Methoden regierende russische Präsident Putin wird meist respektvoll als „Präsident“ bezeichnet.
Einen „Machthaber“ macht nach unserem Verständnis aus, dass ein Mächtiger (ja, in der Regel ist es ein Mann) seine Macht missbräuchlich nutzt. Ein „Machthaber“ vertritt die böse Seite der Macht. An der Grenze zu Belarus zeigt sich, dass der Begriff „Machthaber“ eine Verharmlosung ist. Wer ohne demokratische Kontrolle rücksichtslos Macht ausübt, wer mit Gewalt und Einschüchterung verhindert, dass er abgewählt werden kann, wer Hilflose oder Naive als menschliche Munition missbraucht und sie bewusst in ihr möglicherweise tödliches Unglück treibt, ist ein Tyrann, ein Diktator, vielleicht sogar ein Verbrecher.
Auch Macht-Unlust verursacht Schäden
Auch das Nichtausüben von Macht ist fragwürdig, zumal dann, wenn sie demokratisch legitimiert ist. Was ist das für ein Geeiere zwischen 2G und 3G, zwischen Impf- und Maskenpflichten, zwischen Festen und Testen! Es fehlt an entschlossener Machtausübung in unserem Land, das noch dazu geadelt ist von hoher politischer Kultur, in der eine große Mehrheit der Gesellschaft den Konsens sucht. Was wir erleben, ist Machtunlust der Machthaber zum Schaden unser aller Gesundheit.
Was also folgt daraus? Deutsche Medien sollten einen gewalttätigen, menschenverachtenden Diktator nicht als „Machthaber“ verniedlichen, sondern als solchen bezeichnen. Und eine Gesellschaft, die gewählt hat, hat Anspruch auf Machtausübung. Das gilt erst recht, wenn die Sorge um die Gesundheit keinen Aufschub des Tätigwerdens duldet. Demokratisch legitimierte „Machthaber“, die ihre Macht nicht ausüben, weil sie gerade anderweitig beschäftigt sind, versündigen sich an ihrem Auftrag.
Wahrscheinlich war der 11. November 1417 ein grauer Tag, nebelig vielleicht, der Dunst stieg auf vom See. Wenig ist heute so wie damals (aber um das Wenige wird es in diesem Text gehen). Das herbstliche Bodensee-Wetter könnte im Vergleich zu allem anderen, und trotz Klimawandel, eine Konstante geblieben sein.
Das Konzilgebäude von Konstanz ist der einzige Ort in Deutschland, in dem ein Papst gewählt wurde – vor mehr als 600 Jahren. Und es steht noch heute.Die „Imperia“ an der Hafeneinfahrt gegenüber dem Konzilgebäude mahnt an den Sittenverfall während des Konzils (und davor und danach).
Also nehmen wir an, dass es vor 604 Jahren grau-dunstig gewesen ist in Konstanz am Bodensee. Aber niemand achtete auf das Wetter. Alle strömten zu den Straßen, suchten einen Blick zu erhaschen auf den festlichen Zug, der aus dem wuchtigen Walmdachbau am Seeufer herausquoll und sich über das nassgraue Pflaster wälzte. In edlem Brokat gekleidete Kardinäle, Edelmänner, hochdekorierte Beamte folgten gemessenen Schrittes einem Papst, der eben neu gewählt worden war. Martin V. führte den feierlichen Tross an, der hinüberzog zum Konstanzer Münster. Dort hatte das Konzil nun schon mehr als drei Jahre getagt. Ein Riesenaufwand, zigtausende Fremde waren in diese Stadt eingefallen, die selbst nur ein paar tausend Einwohner hatte. Die vielen Gäste hatten deren Alltag durcheinandergebracht, hatten gewohnt, gezecht, gehurt, gestritten, Geld ausgegeben und Schulden gemacht.
Nun kam das Spektakel zu einem Ende, denn jetzt war es vollbracht: Habemus papam! Von diesem Tag an gab es wieder nur noch einen Papst der katholischen Kirche, nicht mehr drei, wie zuvor. Mit Martin V., dem einzigen auf deutschem Boden gewählten Papst, konnte die katholische Kirche des Mittelalters ihr „abendländisches Schisma“ überwinden.
Heute spielt im Konzil das Sinfonieorchester
Die Orte dieses Geschehens sind bis heute zu besichtigen. Das Münster dominiert das Konstanzer Stadtbild, und auch der Ort der Papstwahl, das „Konzil“ direkt neben dem Bahnhof von Konstanz, steht bis heute. Ursprünglich war es ein mittelalterliches Warenhaus, und die Ehre, zum Ort einer Papstwahl zu werden, wurde ihm aufgrund seiner Größe und gut abgrenzbaren Lage zuteil.
Die schönste Art, den Geist dieses Ortes auf sich heute wirken zu lassen, ist vielleicht ein Konzert der Südwestdeutschen Philharmonie, die regelhaft im „Konzil“ musiziert. Also Applaus! Was für ein wunderbarer Ort, um zur Musik die Gedanken schweifen zu lassen…
Warum also heute diese Geschichte erzählen? Weil die Papstwahl von Konstanz uns lehrt, wie Pragmatismus und Realpolitik funktionieren. Und weil das viel mit dem Ringen der Mächtigen zu tun hat, die derzeit in Glasgow um eine Eindämmung der Klimakatastrophe streiten. Die Ausgangslage damals war so aussichtslos verworren wie heute. Seit fast vierzig Jahren gab es drei konkurrierende Päpste in der damals bekannten (also europäischen) Welt. Der Zustand war untragbar, denn der unselige Streit um Macht und Pfründe war für das Volk der Gläubigen vor allem Ausdruck für eine vollkommene Verrottung der kirchlichen Moral. Der deutsche König Sigismund, dessen Machtstellung sich ebenfalls von „Gottes Gnaden“ ableitete, wollte sich damit nicht abfinden. Was er einleitete und zum Abschluss brachte, war ein Musterbeispiel für einen realpolitischen Prozess.
Am Anfang steht der kleine gemeinsame Nenner
So gedacht, war das Konstanzer Konzil der Weltklimakonferenz nicht unähnlich: Am Anfang steht als kleinster gemeinsamer Nenner, dass man sich trotz scheinbar unüberbrückbarer Gegensätze wenigstens trifft. Das Konzil dauerte vier Jahre, in endlosen Sitzungen rangen Adlige und Kardinäle und ihre Politiker um jeden Millimeter der Annäherung. Es mussten scheinheilige Reden und hohle Ankündigungen ertragen werden, Kompromisse und Gegengeschäfte gemacht werden. Man musste lernen zuzuhören, zu geben und zu nehmen, aber nach Jahren stand immerhin ein Teilerfolg: Zwei der konkurrierenden Päpste waren mehr oder weniger freiwillig abgedankt, um die Wahl eines gemeinsamen Nachfolgers zu ermöglichen. Der dritte war politisch isoliert und wurde in Abwesenheit abgesetzt.
Für dieses Ergebnis musste ein Preis entrichtet werden. Die Mehrheit konservativer Kleriker setzte durch, dass auf grundlegende Reformen in der Kirche verzichtet wurde. Das sollte sich hundert Jahre später in der von Martin Luther losgetretenen Reformationsbewegung aus katholischer Sicht bitter rächen. Und doch hätte Luther vielleicht nicht erfolgreich wirken können, hätten nicht Jan Hus und Hieronymus von Prag schon in Konstanz gegen Pomp und Luxus in der Kirche gepredigt, dafür mit ihrem Leben bezahlt, und doch ihm damit den Weg bereitet.
Wir werden mit Glasgow nicht zufrieden sein können
Vor dem Eingang zum Konstanzer Münster steht ein Protestcamp der Klimabewegung.
Greta Thunberg ist nicht Jan Hus, und diese junge Frau und andere Aktivisten der Klimabewegung müssen (jedenfalls außerhalb mancher „sozialen“ Medien) in Europa keine Hinrichtung wegen Ketzertums mehr fürchten. Sie haben Recht, wenn sie realpolitischen Pragmatismus der heute Mächtigen als unzureichend anprangern. Aber sie erhalten nicht Recht, denn unüberbrückbar sind die Differenzen zwischen den reichen und den armen Ländern, zwischen Ignoranten und Idealisten, zwischen satten, hochgelegenen und armen, von Überflutung bedrohten Regionen.
Also werden wir nach Glasgow nicht zufrieden sein können, so wie die Kirche nach dem Konzil von Konstanz nicht ausreichend reformiert war. Wir werden Kompromisse hinnehmen müssen, und dafür Preise zahlen. Wie einst die selbstverliebten Kardinäle in Konstanz, verschließen auch wir die Augen vor den Folgen unserer Beharrung. Wie sie wollen wir unseren Glauben nicht verändern, unseren Glauben an ewiges Wachstum und unantastbaren Wohlstand. Das wird sich rächen.
Das Konstanzer Symphonieorchester steuert dem Ende des Konzertes zu, fiedelt und trötet sich souverän durch den letzten Takte machtvoller Musik. Für satte Akustik sorgen jene mächtigen hölzernen Balken, die gleichen stammdicken Säulen, die schon die Papstwahl bezeugt haben. In 600 Jahren haben sie schon viele Töne gehört, ehrliche und falsche, schrille und harmonische. Sie haben die Lügen der Kardinäle gehört, die falschen Schwüre, die unerfüllten Appelle. Sie haben alle Katastrophen überlebt, die über Konstanz schon hereingebrochen waren, die Hochwasser, die Brände, Kriege, Bombardierungen, auch die Verwüstungen der Moderne.
Diese Zeugen aus Holz wissen es längst: Wenn der letzte Ton dieser Musik verklungen ist, klatscht und pfeift und johlt das Publikum. Und dann wird ein neues Konzert folgen.
Das Konzertprogramm und weitere Informationen über die Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz findet sich auf deren Website: https://www.philharmonie-konstanz.de/
Das Münster von Konstanz, in dem das Konzil (außer bei der Papstwahl) tagte, ist auch in meiner Sammlung #1000Kirchen zu finden, hier
Die gotische Kirchendecke passt nicht recht zu den wuchtigen romanischen Säulen, genauso wenig wie die Kanzel aus dem Barock. Mehr als 1000 Jahre Baugeschichte mischen sich im Münster von Konstanz.
Wer „konziliant“ ist, der sucht das Verbindende, das Versöhnliche. Das Münster von Konstanz hätte genau ein solcher Ort sein können. Über vier Jahre suchte man in diesem mächtigen Bau zwischen wuchtigen romanischen Säulen nach Kompromissen. Leider nicht nur, denn engstirnige Kleriker sprachen dort auch todbringende Urteile gegen vermeintliche „Ketzer“. Von 1414 bis 1418 tagte hier das Konzil von Konstanz, das seinen Höhepunkt mit der einzigen Papstwahl auf deutschem Boden fand (siehe dazu auch meinen Text als #Politikflaneur „Von Konstanz nach Glasgow„).
Heute präsentiert sich dieser stark gegliederte Kirchenbau mit historischer Wucht über viele Epochen. Sein romanischer Kern ist eines der größten Kirchenbauten dieser Epoche in Süddeutschland. Der Eindruck ist aber stark geprägt durch zahlreiche Ein- und Anbauten in anderen Baustilen. Es gibt einen gotischen Kreuzweg, Seitenkapellen, eine mit viel Licht sehr stimmungsvoll inszenierte Krypta. Sie erinnert zusammen mit den schon erwähnten Säulen des Hauptschiffs an den romanischen Kern dieser Kirche.
Von 1260, aber Instagram-tauglich: Die heitere Überraschung aus der Frühgotik in den Darstellungen der Mauritiusrotunde.
Das Münster lädt ein zum Entdecken, hier ist man nicht in wenigen Augenblicken „fertig“. Jede Ecke, jeder Seitenaltar, jedes Relief birgt neue Geschichten. Mich hat am meisten beeindruckt die „Mauritiusrotunde“ mit einer geradezu unglaublich heiteren Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Diese Figuren entstanden schon um 1260; sie grinsten also schon den Teilnehmern des Konzils entgegen und hätten das Potential gehabt, dem machtbesessenen Männerkampf eine Note heiterer, im wahrsten Sinne konzilianter, Selbstironie entgegenzusetzen.
Allein diese Figuren, aber auch die Kirche insgesamt, sind jedes Umwegs würdig!
Nach links, und wieder zurück, nach links und wieder zurück, nach links … entspannt beobachten die rot gekleideten Damen am Einlass der Frankfurter Buchmesse den ausgedehnten Zickzack-Lauf des Besuchers durch den Warteparcours bis zur Ticketkontrolle. Ganz offensichtlich ist seine Kapazität überdimensioniert. Sechs Stunden später, 10.000 Schritte weiter, eine umfassende Ermüdung mehr in Kopf und Beinen: Hier die drei wichtigsten Erkenntnisse des Flaneurs aus der Büchershow:
Er gibt schon genügend Bücher!
Wer ist größer? Asterix und der Frankfurter Messeturm
Wer träumt nicht davon, einmal ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen? Eine wahrnehmbare Anzahl von Ständen auf der Buchmesse 2021 adressiert genau diesen Wunsch: Self-Publishing, Print on Demant, Autorenverlage („Manuskripte willkommen!“) – alles vorhanden. Offen bleibt, ob die Welt auf weitere Bücher wartet. Dem durchschnittlich leseinteressierten Buchmesse-Besucher schwirrt schon noch einer Stunde des Wandelns und Blätterns der Kopf ob der überbordenden Flut der vielen neuen Bücher. Kein Thema, kein Drama, keine Wichtigkeit und keine Belanglosigkeit, offenbar auch kaum eine Lebensgeschichte, die noch nicht erzählt worden wäre. Kein Mensch wartet auf noch ein Buch. Außer auf die eine Geschichte, das den Lesenden in den Strudel von Spannung und Neugierde und Sinnlichkeit hinabzieht, in den sie oder er immer schon hinabgezogen werden wollte. Außer von jener speziellen Lieblingsautorin, außer über den einen speziellen Prominenten, außer natürlich zu dem einen Thema, das nun gerade diesen einen Einzelnen bannt. Und so dreht sich das Rad der Neuerscheinungen doch immer weiter, immer weiter. Es rattert wie ein Hamsterrad. Wir Leser/innen, Autor/innen und die Verlage sind die Hamster, die das Rädchen des eitlen Wahnsinns mit Neugier, extrovertierter Mitteilungsfreunde und geweckten Bedürfnissen immer weiter schnurren lassen.
Achte auf das Licht!
Die Mehrklassengesellschaft zwischen selbstbewussten Großverlagen, die sich wort- und personalstark an repräsentativen Prachtständen präsentieren, und den vielen kleinen Verlagen, die sich an ihrem Norm-Minimalstand noch nicht einmal die Extra-Standbeleuchtung leisten wollen oder können, erinnert an Bertold Brecht: „Denn die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Die Scheinwerfer gleißen bei Rowohlt, Penguin, Hanser und Co, wo sich die Menschen Corona-vergessen abstandslos drängeln. An anderen sitzen von den Vortagen ermüdete Standbesetzungen, die ihrerseits erholungssuchend in Büchern blättern oder auf Handyschirmen scrollen, ganz so, als würden sie schon gar nicht mehr damit rechnen, dass sich da noch jemand für ihre im Halbdunkel präsentierte Druckware interessieren könnte. Wenn man nicht genau hinsieht, taumelt man von einem im Lichte zum nächsten. Die Digitalisierung als drohendes Raubtier im Nacken, werden große Verlage immer größer und vermarkten ihre Erfolgstitel weltweit, ohne auf lokale Lizenznehmer angewiesen zu sein. Gleichzeitig ducken sich die Kleinen der Branche in die noch nicht voll ausgeleuchteten Nischen, in denen sie sich ein Überleben erhoffen: Hier eine noch exotischere Story, dort ein noch anspruchsvoller künstlerisch gestalteter Foliant, und da die noch ausgefallenere Marktlücke („Krimi für die Badewanne – wasserfest!“). Übrigens fällt auch jener Stand eines rechtsradikalen Verlages, dessen Vorhandensein auf der Buchmesse viele politische Diskussionen auslöste, eher in die zweite Kategorie. Ganz bestimmt wäre man an ihm ohne Beachtung vorbeigeschlendert, hätte nicht lautstarker Protest gegen seine Präsenz dazu verleitet, sich mit Lupenblick auf die Suche nach dem Skandalstand zu machen. Brecht wusste noch nichts davon, dass Twitter-Getümmel und aufgeregte intellektuelle Diskussionen dazu führen können, dass manche im Dunkeln ganz besonders trefflich ausgeleuchtet werden.
Unbedingt S-Bahn fahren!
Für die Rückfahrt vom Bücherfest zurück ins normale Leben, sollte der Frankfurter Verkehrsverbund einen Extra-Erkenntnis-Aufpreis verlangen dürfen. Es ist eine Lehrminute dafür, wie unendlich weit , die Welten unseres Heute auseinander liegen. Da der Kosmos der Belesenen, die mit Kennerblick in den Büchern blättern, an die Touchscreens touchen, mit bedächtig nach innen gerichtetem Blick den Lesungen zuhören. Und dort die Lebenswucht derjenigen, die sich einen Schal um den Hals schlingen, wenn sie vom Stadion kommen, die überlegen, wie die Arbeit des nächsten Tages aussehen wird, die sich über die letzte Folge ihrer Lieblingsserie unterhalten. Es sind so viele Menschen, in deren Welt es ganz und gar nicht um Bücher geht, noch viel weniger um das, was in der intellektuellen Blase der Literaturszene ventiliert wird. Muss das unseren vom Buchmesse-Besuch müde gewordenen Blick auf Literatur, Kochbücher, Bildbände oder Comics ändern? Nein. Dass ganze Lebensentwürfe ohne Bücher auskommen, ist nicht neu. Bücher hatten Mönche im Koster, nicht Bauern auf dem Feld. Es war und bleibt bis heute ein Privileg, sich überhaupt mit Gedrucktem beschäftigen zu können. Wir Bücherfreunde sollten es nur nicht vergessen.
Und immer weiter fließt der Strom der Buchstaben: Eine begehbare Lichtinstallation des Gastlandes Kanada. Im Hintergrund gab´s auch noch ein paar gedruckte Bücher.
Eine freie Assoziation über Wilhelm II., den letzten König von Württemberg, auch als Audiodatei:
Das Denkmal für Wilhelm II. von Württemberg als Spaziergänger mit seinen Spitzhunden ist nicht unumstritten. Derzeit steht es in der Ausstellung im Stadtpalais; im Sommer stand es vor dem Stuttgarter Opernhaus.
Was für eine Schande, denkt sich Wilhelm. Er stützt sich auf seinen Rollator, als er vor seine Villa tritt. Das schöne Eingangstor aus Schmiedeeisen mit den goldenen Spitzen, das ist noch gut in Schuss. Aber wie sinnlos ist es geworden! Unmittelbar davor, dort, wo einmal alles grün und prächtig war, hatten die Demokraten ihm das ewige Brausen, Jaulen und Tosen einer vierspurigen Straße vor die Nase gesetzt. Den ständigen Lärm, Tag und Nacht, nahm er schon gar nicht mehr wahr. Seit vielen Jahren durchschneidet die scheußliche Schneise den schönen Park, seinen Park. Wenig ist davon übriggeblieben, auch links die Pferdeställe, früher ein Prachtquartier für seine edlen Hengste und Stuten, sind nur noch Ruinen. Immerhin, seine Villa Marienwahl selbst, die sieht noch recht ordentlich aus, findet Wilhelm.
Wer Straßen nutzt, soll sich nicht über sie beklagen, hatte ihm einmal ein kluger Mensch gesagt. An diesen Spruch denkt Wilhelm jetzt, als er das beige Taxi herbeirollen sieht, das ihn nach Stuttgart bringen wird. Die freundliche Taxifahrerin hilft ihm, den Rollator zusammenzuklappen und in den Kofferraum zu wuchten. Wilhelm lässt sich seufzend auf den Beifahrersitz hinabsinken. Schon praktisch, diese Autos, denkt sich Wilhelm, während das Taxi herausrollt aus dem, was geblieben ist vom schönen Garten rund um seine Villa und einbiegt auf diese schreckliche Straße, die sein Ludwigsburg durchschneidet. Nicht nur seine Villa, auch sein Schloss liegt nun unmittelbar an dem brausenden Ungetüm von Straße. Es ist, als hätte der Allmächtige persönlich mit einer Axt einen Spalt durch die einst so prächtige Residenzstadt geschlagen. Demokraten sind ästhetische Barbaren, denkt sich Wilhelm.
Leben in Stuttgart nicht Menschen, sondern Autos?
Die gleiche Gewalt dann auch in Stuttgart. Wilhelm hat den Eindruck, dass dort nicht Menschen, sondern Autos wohnen, die auf Straßen leben, und nicht in Häusern. Manche Gebäude kann man wegen der vielen Straßen, dem ewigen Brausen, das kein Anhalten erträgt, schon gar nicht mehr erreichen. Auch vor seinem früheren Stuttgarter Haus kann man nicht mehr anhalten und aussteigen.
„Im Wesentlichen hat die Demokratie den Menschen Autos gebracht“, sagt Wilhelm, als die Taxifahrerin im Getümmel der Großstadt eine Stelle sucht, an der sie ihn absetzen kann. Sie hat keine Zeit, auf diese Aussage zu reagieren, blickt links und blinkt rechts, schließlich findet sie gegenüber vom Bahnhof eine Möglichkeit zum Anhalten. Von dort kann man direkt in den Park gehen, der einmal sein Schlossgarten war.
So viel Unordnung in seiner alten Welt …
Wilhelm sucht sich erstmal eine Parkbank. Er möchte dem ganzen Durcheinander entfliehen und Kraft schöpfen für die letzten Meter seines Ausflugs. Wackelig ist er, das weiß er, aber auch zäh, und wach, ein liberaler, auch stolzer Geist, noch immer diszipliniert und mit wenig Dünkel. Seine Augen mustern die Szene, lange ruht sein Blick auf jenem Bahnhof, den er noch höchstpersönlich in Auftrag gegeben hatte. Auch dort schrauben und bohren sie herum. Diese ganze Unordnung seiner alten Welt! Überall Absperrungen, Baugruben, Putz und Mörtel. Schweres Gerät macht lauten Lärm, kein Vogel mehr zu hören im Park. Ein heilloses Durcheinander haben sie angerichtet, die demokratischen Kräfte, die das jetzt alles zu verantworten haben.
Die Ruhepause im Tumult hat ihm dennoch gutgetan. Also wuchtet er sich wieder hoch, packt die beiden Griffe seines Rollators und macht sich auf den Weg durch den Schlossgarten. Ach, wäre er doch noch der stattliche Mann, der er einmal war, als er mit seinen zwei Spitzhunden durch diese Stadt spaziert ist! Wie leichtfüßig wäre er diese paar Meter bis zu seinem Ziel flaniert, links und rechts gegrüßt von den Leuten, die ihn mochten! Jetzt aber ist es eine Qual, der Weg ist lang und mühsam, vorbei an seinem schönen großen Theaterbau, auf den er noch immer stolz ist. Hinten herum um sein Schloss, in dem er einmal regiert hatte. Dann die Böschung hinauf, bis er schließlich wieder vor so einer Straßenschneise steht, die es zu überwinden gilt. Immerhin hatten die Demokraten eine gute Idee dafür gehabt: Ampeln hatten sie erfunden, die wie mit Zauberhand den unaufhörlich fließenden Strom der Autos anhalten können.
… und sein früheres Zuhause ist jetzt ein Museum
Jenes Haus, das einmal sein Zuhause in Stuttgart war, ist jetzt ein Museum. Wilhelm weiß das; er hatte es ja selbst erlebt, wie sie ihn hinauskomplimentiert hatten aus diesem Gebäude, das alte Stuttgarter noch immer „Wilhelmspalais“ nennen. Für die Jüngeren heißt es „Stadtpalais“, und so steht es auch in leuchtenden Buchstaben über dem Eingang. Besser gefallen hat es ihm ohnehin immer in seiner Villa Marienwahl in Ludwigsburg. Dass man ihm sein Stadtpalais genommen hatte, schmerzt ihn also wenig. Sollen sie es doch als Museum nutzen.
Bis 27.3.2022: Wilhelm II. in der Ausstellung von Stadtpalais und Landesarchiv Baden-Württemberg. Foto: Volker Naumann, bereitgestellt von Stadtpalais Stuttgart
Mehr als hundert Jahre war Wilhelm nicht mehr hier gewesen. Heute aber will er sich selbst besuchen, in einer Ausstellung. An der Kasse erkennen sie ihn nicht, und er will auch keine Sonderbehandlung. Diese Zeiten sind vorbei. Also kramt Wilhelm acht Euro Eintritt heraus, hält widerwillig einen Arm hin, um sich ein Bändchen darum herum kleben zu lassen. Ob er geimpft sei, wird er gefragt. Ja, klar, „ich bin doch nicht blöd“, nuschelt er durch seinen Bart. Dann muss er sich noch über die Ermahnung wundern, er solle keine Bilder berühren. „Sehe ich so aus?“, fragt er zurück. Und er muss versichern, dass er über keines dieser neumodischen drahtlosen Telefone verfügen würde, weil er es sonst tief in seiner Tasche zu vergraben hätte. Wilhelm findet, dass es ganz schön kompliziert geworden ist, sich selbst zu besuchen.
Aber dann ist er endlich drin in seinem eigenen Leben. War es überhaupt „seins“? Niemals hat ihn jemand gefragt, ob er hatte König werden wollen. Ein Studium hatte er absolviert, sich mit allem beschäftigt, was für den Staat wichtig war: Jura, Politik und Finanzen. Dann musste er zum Militär, sogar zu den kriegsfreudigen Preußen nach Potsdam.
Die Weitsicht des Adels war begrenzt …
Vieles lief nicht so, wie er sich das gewünscht hätte. Seine erste Ehefrau, die liebe Marie, war gestorben, zwei tote Kinder hatte er zu betrauern. Kein Thronfolger war ihm vergönnt gewesen, aber es wurde ja auch keiner mehr benötigt. Seine zweite Frau Charlotte, die war ihm geblieben. Und natürlich Pauline, seine Tochter. Wie hatte sie seine Pferde geliebt! Täglich geht er zu ihrem Grab, nicht zum Friedhof, sondern die kleine Allee bei Marienwahl entlang. Pauline ruht direkt neben den verfallenen Pferdeställen.
Villa Marienwahl in Ludwigsburg
Das ist ohnehin jetzt alles vorbei, denkt sich Wilhelm, die Pferde tot, auch an eine Jagd ist nicht mehr zu denken. Gott sei Dank sind auch die sinnlosen Kriege vorbei, für die er Soldaten an seinen preußischen Namensvetter, den Kaiser und Kriegstreiber, hatte abstellen müssen. Wilhelm muss schwer atmen, als er seinen eigenen Aufruf an seine Württemberger liest. „Furchtlos und treu“, hatte er 1914 geschrieben, sollten sie für das Vaterland kämpfen. Wo hatte er das erst neulich wieder gelesen?
Gekämpft haben sie bestimmt, aber hauptsächlich sind sie gestorben, denkt sich Wilhelm. Der Krieg ging verloren. Die Weitsicht des militärverliebten Adels war eben sehr begrenzt. Jetzt betrachtet er die Bilder und Texte rund um seine Vertreibung aus diesem Haus. An das pseudo-revolutionäre schwäbische Gedruckse kann er sich noch gut erinnern. Das schlechte Gewissen triefte damals seinen sozialistischen Untertanen aus jeder Pore. Eine Revolution vollziehen wollten und sollten sie, obwohl sie gegen ihn als König eigentlich gar nichts einzuwenden hatten.
… und die Weitsicht der Demokraten ist es auch
Also haben sie ihn nach Bebenhausen vertrieben, aber dort ihn in Ruhe gelassen. Das waren schwere Stunden, denkt sich Wilhelm, aber man kann es schlechter erwischen. Die in der Revolution ermordeten Adligen von Frankreich zählen dazu sowieso, aber zum Beispiel auch der kunstsinnige junge König von Bayern, nur drei Jahre älter als er, den sie irgendwie im See ersäuft haben. Hätte der mal besser auch einen Bahnhof und nicht teure Schlösser gebaut, dann hätte er vielleicht länger leben dürfen. Heute verdienen sie Millionen mit Neuschwanstein und Herrenchiemsee, aber damals waren sie ihnen zu teuer. Auch die Weitsicht der Demokraten ist begrenzt, denkt sich Wilhelm.
Der alte Nicht-mehr-König ist nun reichlich erschöpft von seinem eigenen Leben, als er den Ausstellungsraum verlässt. Erschrocken hält er inne: Sein lebensgroßes Gegenüber steht da, mit seinen zwei Spitzhunden, in grau gegossen, bärtig, Hut und Anzug. Sein Denkmal! Wilhelm gefällt sich in dieser Darstellung. In der Zeitung hatte er gelesen, dass die Stuttgarter streiten, ob überhaupt und wo dieses Denkmal einmal auf Dauer stehen soll. Ihm ist es egal.
Dann tritt Wilhelm heraus aus seinem Palais, vorsichtig bugsiert er seinen Rollator die geschwungene Einfahrt herunter, die einmal seine Besucher für ihre Kutschen benutzt hatten. An der Straße winkt er einem Taxi, das auch gleich anhält. Lautes Getröte und Gehupe erschallt, als der Taxifahrer die Weiterfahrt blockiert, um dem alten Mann zu helfen. „Nach Ludwigsburg“, sagt Wilhelm, als er im Auto sitzt.
„Schön im Museum?“, fragt der Taxifahrer, „um was geht’s denn dort?“
„Um mich, aber das ist nicht wichtig“, antwortet Wilhelm.
Der Taxler wendet sich zu Wilhelm herum und mustert ihn lange. Aber Wilhelm erwidert den Blick nicht, sondern schaut geradeaus.
„Sie sollten lieber auf den Verkehr achten“, sagt er schließlich und deutet durch die Windschutzscheibe nach vorne. Bremslichter leuchten vor ihnen auf, lautes Hupen ertönt, ein Fahrer gestikuliert wild aus dem Autofenster heraus. Quietschend bleibt auch das Taxi stehen. Da vorne, direkt vor ihnen, laufen todesmutig zwei Spitzhunde durch das Verkehrsgetümmel, wuseln hindurch zwischen den Autos, überspringen Verkehrsinseln, kümmern sich nicht um Ampeln – und verschwinden im Schlossgarten.
Auf der Website der Ausstellung finden sich zahlreiche weiterführende Informationen über Wilhelm II von Württemberg, sein Leben, eine historische Einordnung und Beiträge zur Diskussion über die Erinnerungskultur heute (auch über das Denkmal).
Was ist große Kunst? Die Mona Lisa, vielleicht das berühmteste Kunstwerk der Welt, ist nicht sehr groß. Nur 53 auf 77 Zentimeter misst das Gemälde mit dem rätselhaften Lächeln der heiteren Florentiner Schönheit. Viele Menschen, die sich oft stundenlang angestellt haben, nur um das Gemälde im Original zu sehen, sind überrascht, dass es so klein ist. Die Mona Lisa hängt im Pariser Louvre, nur wenige hundert Meter entfernt vom Triumphbogen. Um 1500 gemalt, ein Lächeln von genialer und rätselhafter Tiefe, zeitlos schön. Ein kleines Bild, aber große Kunst!
Flugzeuge haben ihn schon durchflogen
Der Arc de Triomphe ist groß. Fast fünfzig Meter ragt er in den Himmel, und fast genauso breit umspannen seine mächtigen Pfeiler einen neun Meter breiten Bogen. Als prächtiger Solitär überragt er die Straßen von Paris, die sich um ihn herum verknüpfen in dem vielleicht schönsten Kreisverkehr der Welt. Nach antikem Vorbild vom selbsternannten Kaiser Napoleon initiiert, aber erst lange nach seinem Tod fertiggestellt, wurde er größer als alle seine Vorbilder und Nachahmer. Sogar mit Flugzeugen hat man den Bogen bereits durchflogen. Siegestrunken hindurchmarschieren kann man schon seit dem Ende des 1. Weltkrieges nicht mehr, denn dort ist das Grab eines unbekannten Soldaten platziert – ein prominenter Gedenkort für alle Grauen der Kriege.
Man könnte mit der Metro hinfahren, aber schöner ist, sich dem Bogen des Krieges zu Fuß zu nähern, die lange Achse der Champs-Élysées entlang, mit lustvollen Abstechern hinein in das berauschende Grün der Tuilerien, hindurch durch die stillen Gärten entlang der lauten Straße, mit Rast in den Cafés der Avenue. Es geht sanft aufwärts, und stets hat man den Bogen im Blick, wenn auch meist nur zu Hälfte. Um ihn in ganzer Größe näherkommen zu sehen, muss man eine der knappen Rotphasen der Ampeln abwarten, die mit Zauberhand das mörderische Gedränge und Gehupe des Verkehrs aufhalten. In der Mitte des Boulevards kann man endlich einen Blick erhaschen auf den Triumphbogen in seiner ganzen Breite.
Ein ungeschliffen-matter Diamant
Tausende Menschen hasten oder schlendern oder fahren täglich auf diesem Weg unter den Bäumen entlang. Auch für den #Kulturflaneur ist es nicht das erste Mal. Doch in diesen Tagen ist vieles anders. Der Bogen ist verändert, das Ziel dieser Straße, das Riesenbauwerk der Siege und Kriege, es glänzt silberbläulich daher, funkelt im Sonnenlicht wie ein ungeschliffen-matter Diamant, und ist doch unverkennbar geblieben in seinen Konturen. Weithin sichtbar: Große Kunst.
Über fünfzig Jahre hat das Künstler-Ehepaar Christo und Jeanne Claude daran gearbeitet, dieses Kunstwerk zu schaffen. Es galt, einen ganzen Staat zu überzeugen. Der Triumphbogen ist ein nationales Symbol, mehr noch: Ein Mahnmal für Frankreichs Größe und Demut zugleich. Auch ein Vergleich mit dem Berliner Reichstagsgebäude hinkt: Zum Zeitpunkt seiner Verhüllung im Jahr 1995 durch das inzwischen in Amerika lebende Künstlerpaar war der Bau eher Symbol der fragwürdigen deutschen Geschichte. Erst heute, nach seiner klugen Neuerfindung durch Norman Foster, und seit dort der demokratisch gewählte deutsche Bundestag residiert, streitet und entscheidet, hat er vielleicht die Chance, einmal ein nationales Symbol für unseren Stolz auf Demokratie zu werden.
Der Arc de Triomphe ist für die Franzosen schon heute vollkommen unumstritten ein Ort des Nationalstolzes. Hier wurden Sieger geehrt, hier marschiert jährlich die Militärparade vorbei, hier färben Flugzeuge den Himmel in Blau-weiß-rot. Hier wurde auch Victor Hugo aufgebahrt, hier feierten Millionen Franzosen ihre Fußball-Weltmeistertitel, hier endet jedes Jahr die Tour de France. Der Triumphbogen steht für die Nation, und deshalb versammelten sich hier auch die Gelbwesten zum Protest, fügten ihm Schäden zu; aber sie aktivierten in der Protestbewegung auch Kräfte, die das Grab des unbekannten Soldaten schützten gegen die Randale anderer. Gelbwesten bildeten unter dem Bogen einen Schutzwall gegen andere Gelbwesten.
Nichts mehr zu sehen von den Namen und Orten der Siege
Marianne als Kriegsgöttin (fotografiert im Museum)
Da steht er nun, silberblau glänzend, verhüllt. Nichts mehr zu sehen von den mehr als 600 Namen französischer Generäle, von den Orten der 150 gewonnenen Schlachten, von den heroischen Darstellungen des Soldatenschicksals. Nichts mehr zu sehen von den Reliefs. Vom schreiend-fordernden Gesichtsausdruck der wie eine Kriegsgöttin inszenierten Marianne, die den unbekleideten jungen Mann mit Wucht in das Soldatendasein treibt. Alles verdeckt. Nur die Flamme am Grab des unbekannten Soldaten, die brennt auch unter der silbernen Stoffkuppel weiter, mittendrin in diesem Trubel von Menschen, die sich auf der verkehrsumtosten Insel versammelt haben, den Kopf im Nacken, um die schiere Größe dieses Werkes zu erfassen, Abstand gewinnend, den Silberstoff und die roten Seile betastend. Große Kunst, ganz nah.
Was es braucht, damit große Kunst Wirklichkeit wird
Unter dem Silberbogen ist der richtige Platz, um über Größe und Kunst nachzudenken. Über die enorme Kreativität und den unfassbaren Mut, die Kunstschaffende jeden Tag aufbringen, um unsere Welt reicher zu machen. Über die Beharrlichkeit und Überzeugungskraft, die es braucht, damit aus einer kühnen Idee Wirklichkeit wird. Über den Mut einer Gesellschaft und ihrer Verantwortlichen, all das zu ermöglichen. In diesem Fall bedeutete das immerhin, vorübergehend unsichtbar zu machen, was für ihre Nation steht, und es damit noch fester zu verankern in der Welt. In anderen Fällen sind es andere Bedingungen – Geld, Räume, Toleranz -, die Kunst ermöglichen. Über die Professionalität und Behutsamkeit, die gefragt ist, damit dabei nichts zu Schaden kommt: nicht der nationale Stolz, nicht das Bauwerk, nicht die Umwelt, nicht seine Besucher. Und auch nicht die künstlerische Idee selbst, die nicht untergehen darf im Sog zur kommerziellen Vermarktung. Ja, dies hier ist ein Event, aber auch ein Triumph des Geistes, der Kultur, der Kunst in großer Vollendung: prächtig, strahlend, für sich selbst sprechend, kostenlos für alle.
Und dann wendet man sich ab, umrundet noch einmal dieses silberne Spektakel und biegt schließlich ein in eine der vielen einladenden Straßen, zurück ins urbane Getümmel, hinunter zur Seine. Der verhüllte Bogen bleibt zurück. Nur noch wenige Tage, dann wird er wieder so aussehen wie zuvor, die Siege lesbar, die Kriege sichtbar. Aber die Verhüllung wird bleiben in unseren Köpfen, bricht den Blick auf das Eindeutige für immer. Große Kunst.
Am Tag nach der Wahl steht nicht viel fest. Aber vermutlich wird es ein Mann sein, der Angela Merkel im Kanzleramt folgen wird. Er wird einlösen müssen, was die heutige Kanzlerin einmal für sich in Anspruch nahm: ein Klima-Kanzler sein.
In „Ökozid“ am Schauspiel Stuttgart muss Angela Merkel (hier die Schauspielerin Nicole Heesters) als Zeugin vor Gericht aussagen. Foto: Björn Klein
Diese Vorrede lenkt den Blick auf ein aktuelles Kultur-Ereignis am Schauspiel Stuttgart. Dort sind es Frauen, die zu Gericht sitzen, und es sind Frauen, die sich verteidigen. Wir befinden uns gedanklich im Jahr 2034, und eine dann stolz-ergraute Angela Merkel, seit 13 Jahres aus dem Amt geschieden, wird als Zeugin befragt. Sie wird gespielt von Nicole Heesters als noch immer hoch kontrolliert in ihren Bewegungen, ihren Aussagen, ihrem Auftritt. Hätte sie die Klimakatastrophe abwenden können, wenn sie gemäß dem gehandelt hätte, was bereits bekannt war?
Vorwurf: Untätigkeit gegen die Katastrophe
Die Rede ist von dem Schauspiel „Ökozid“ (Premiere war am 24. September). Den Vorsitz in einem Internationalen Gerichtshof führt eine strenge, verständige Richterin, die Anklage wird von zwei Frauen vertreten: einer stimmgewaltigen Sprecherin des Verbundes der 31 klagenden Staaten „des globalen Südens“ und ihrer Anwältin. In dieser Besetzung unterscheidet sich das Theaterstück, das in Stuttgart uraufgeführt wird, von dem gleichnamigen Film, der im November letzten Jahres bei der ARD zu sehen war. Auch sonst hält der Theaterabend zahlreiche künstlerische Überraschungen und Ergänzungen parat, der den Besuch lohnen lässt, auch wenn man den Film bereits gesehen hat.
Zur Sprache kommt alles, was uns in den zurückliegenden Wochen des Bundestagswahlkampfs täglich beschäftigt hat, und es in den kommenden noch viel dringlicher tun wird. Hätten die deutschen Regierungen seit Gerhard Schröder es hätten besser wissen können? Hat Deutschland im internationalen Zusammenspiel der klimafeindlichen Kräfte überhaupt relevantes Gewicht? Verletzt die Untätigkeit des Nordens gegenüber den erkennbaren Folgen einer Klimakatastrophe vor allem im Süden der Weltkugel grundlegende Menschenrechte, wie sie die UN-Charta allen Menschen gleichermaßen verspricht? Oder ist alles ganz anders, war davon nichts erkennbar, ist irgendwas davon noch strittig oder nicht?
Empörende Erfahrungen im Wahlkampf
Männer spielen während dieses nachdenklich machenden und trotzdem unterhaltsamen Theaterabends allenfalls kauzige Nebenrollen. Sie plustern sich auf in oft substanzloser Rechthaberei, womit eine Brücke gebaut wäre zu einem geschlechterspezifischen Blick auf den Wahlkampf und auf das, was nun folgen wird in den Verhandlungen über eine neue Regierung. Der Blick zurück macht fassungslos. Wie selbstgerecht und rechthaberisch mit einigen Spitzenfrauen in diesem Wahlkampf umgegangen worden ist – oft, aber nicht nur, von Männern – ist für jeden sensiblen Geist eine empörende Erfahrung.
Frauen in der Politik können ganz generell darüber viel berichten. Daher hier nur einziges, aber besonders prominentes Beispiel aus den letzten Wochen: Die Republik zu „warnen“ vor einer Machtübernahme durch die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, der unterstellt wurde, dass sie wie eine strippenziehende Mephista den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz marionettenartig über die politische Bühne zappeln lassen würde – das adressierte zumindest zum größeren Teil nicht deren inhaltliche Aussagen. Sondern es appellierte an dumpfe Assoziationen, die sich gegen ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre von manchen vielleicht als ruppig empfundene Sprechweise richteten.
Engagierte Frauen waren nicht willkommen, …
Also raus aus dem Theater, wenige Häuser weiter, rein ins Kino! In fast zwei Stunden breiten dort im aktuellen Film „Die Unbeugsamen“ politisch erfahrene Frauen aus, welche Mühen, Gemeinheiten, Niederlagen, Zurücksetzungen und Zumutungen aller Art sie aushalten mussten, bis sie in der Männerwelt der deutschen Nachkriegspolitik angekommen waren. Der Film lässt keine Zweifel offen, dass engagierte Frauen alles andere als willkommen waren, und auch, dass die Männer sich kaum Mühe gaben, ihre ehrverletzende Überheblichkeit wenigstens höflich zu verbergen. Um sich in diesem Umfeld durchzusetzen, mussten Frauen Männern so ähnlich wie möglich werden. Für einen ersten Einblick genügt schon der Trailer des Films (Link siehe unten). Die Verhältnisse sind zweifellos besser geworden – aber gut sind sie noch nicht, wenn im neu gewählten Bundestag der Frauenanteil von 31 auf gerade mal 35 Prozent gestiegen ist.
… sind jetzt aber Mehrheit und Stimme der Klimaaktiven
Beim Stuttgarter „Ökozid“ fehlt es den Frauen nicht an Macht. Trotzdem haben sie in der Diktion des Theaterstücks vollständig männlich versagt. Ihr Scheitern bei der rechtzeitigen Rettung der Welt ist im Schauspiel ein Generationenproblem, keines der Geschlechter. Daher die Frage: Vielleicht können Frauen doch die besseren Klimaretter sein? Weil sie sich als Mütter eben doch noch immer stärker mit dem Schicksal ihrer Kinder identifizieren, als dies Väter tun? Warum sonst hat Annalena Baerbock im Wahlkampf dauernd von ihren Kindern geredet, Olaf Scholz (keine Kinder) und Armin Laschet aber nicht? In der „Fridays for Future“-Bewegung dominieren nach einer Studie des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung die jungen Frauen mit 60%. Alle wesentlichen Repräsentantinnen der Bewegung sind weiblich.
Vielleicht ist das nun die neue Generation unbeugsamer Frauen, die nach Kriegsende in der deutschen Politik fehlten. In der neuesten Folge des „unendlichen Podcast“ der ZEIT (Link unten) formuliert die Schauspielerin Nora Tschirner einen weiteren Aspekt. Für Frauen und für unsere Gesellschaft kann es nicht nur darum gehen, Männer an ihren Machtpositionen gleichwertig zu ersetzen. Als „Seitenprodukt“ des jahrhundertealten Patriarchats sei ein „Privileg auf Frauenseite entstanden, eine Weisheit in Beziehungen, Kommunikation, Gefühle und zwischenmenschlichen Geschichten“. Dieses Potenzial sei bisher gesellschaftlich noch nicht ausreichend hochgewertet.
Die Klimakrise fordert neue Kompetenzen
Mehr Weiblichkeit in diesem Sinne hätte der Politik in den letzten 50 Jahren vielleicht weniger Orientierung am Automobil ermöglicht, mehr Naturschutz durchgesetzt, vielleicht auch insgesamt weniger Wachstum und weniger Reichtum in Kauf genommen, aber dafür eine andere Balance aus Arbeit und sozialem Leben ermöglicht, ein anderes Geben und Nehmen, weniger Raffen, mehr Fürsorge.
Für eine Abwendung der drohenden Klimakatastrophe benötigen wir genau all das. Schade, dass dieser Aspekt im Stuttgarter „Ökozid“-Prozess keine Rolle spielt. Er endet jedoch mit einer eindrücklich sinnlichen Inszenierung, die den Theaterbesucher hinunterzieht in die Flut der steigenden Meeresspiegel. Und wenig überraschend: Es ist eine junge Frau, deren Stimme uns dort hineinführt und uns darin ertrinken lässt.
Später Nachmittag, Ende September in Deutschland. Tür auf, raus aus dem Haus, links um die Ecke. Jetzt geradeaus bis zur nächsten Straße. Micha steckt in Schlabberhosen, lockerem T-Shirt und hat wirre Haare. Und er weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Er hat es eilig, und noch dazu hat er einen sonderbaren Gesellen im Schlepptau – oder treibt ihn dieser unpassend gekleidete Begleiter nicht eher vor sich her? Wie ist es dazu nur gekommen?
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Für Georgios hatte der Tag schon sehr früh begonnen. Das war nicht ungewöhnlich, denn tagsüber brannte die Sonne gnadenlos vom attischen Himmel. Es war wichtig, die kühlen Morgenstunden zu nutzen für die schwere Feldarbeit oder – wie heute – für den Weg in die Stadt. Georgios wollte nach Athen, rechtzeitig, bevor die Ekklesia begann. Perikles sollte eine Rede halten, und das war ein besonderes Ereignis. Um dorthin zu kommen, musste Georgios vier Stunden laufen, hinweg über staubige Wege, hindurch zwischen den Weinbergen, vorbei an Bettlern, vorbei an den Tempeln. Heute hatte er keine Zeit, den Göttern zu opfern. Er musste auf die Agora, denn heute war Volksversammlung.
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Micha hatte einen faulen Sonntag-Nachmittag verbracht, bis es geklingelt hatte. Das Nachmittags-Fußballspiel war eben erst beendet, Abpfiff nach drei Minuten Nachspielzeit. Aber dann machte es „Ding-dong“. Vor der Tür war ein sonderbarer Fremder gestanden, ein Mann mittleren Alters, gestutzter Bart, in langem weißem Gewand. Es war eigentlich nur ein Tuch, ähnlich wie es indische Frauen als bunte Sahris tragen, kunstvoll gewickelt, aber in Weiß. Gerafft war das Tuch über die rechte Schulter. Die linke lugte blank hervor, und das jetzt im Herbst, dachte sich Micha, so warm ist es doch auch wieder nicht. „Ich bin auf dem Rückweg“, sagt der sonderbare Fremde, „das sind noch fast vier Stunden Fußweg.“ Manfred schaute dem Bärtigen ins Gesicht, perplex über dessen Erscheinung, und hatte keine Idee, was er zu diesem Überraschungsbesuch sagen könnte. „Vielleicht etwas zu trinken?“, fiel ihm schließlich doch noch ein.
„Nein, Danke,“ winkte der Fremde ab, „wir haben dafür keine Zeit.“ Seine Stimme klang angenehm, klar, auch selbstbewusst. „Wissen Sie, den ganzen langen Weg habe ich nur wegen meiner Stimme auf mich genommen“, setzte der Fremde hinzu, „nur damit sie nicht verfällt.“
„Und – und was kann ich sonst für Sie tun?“ stotterte Micha.
„Für meine Stimme bin ich so weit gelaufen, Stunde um Stunde,“ antwortete der rätselhafte Fremde, „da wirst Du doch die paar Meter hier zum Wahllokal schaffen“. Fordernd zeigte er in eine bestimmte Wegesrichtung. „Aber beeil Dich, Du hast nicht mehr viel Zeit.“
Ja, heute war Wahlsonntag. Eigentlich hatte Micha per Briefwahl abstimmen wollen, wie das zurzeit fast alle taten. Aber erstens hatte er es verduselt, den Antrag abzuschicken. Und zweitens war er ohnehin unsicher, was oder wen er eigentlich wählen sollte. Die dauernden Wahlsendungen, die Plakate überall und die Posts auf Facebook – das alles hatte ihn schwer genervt in letzter Zeit. Keine Ahnung, für oder gegen wen er da stimmen sollte. Irgendwie war es auch egal, fand Micha. Ihm ging es gut, er hatte eine kleine, aber auskömmliche Rente, das Häuschen war abbezahlt, die Kinder verdienten ihr eigenes Geld. Weniger Steuern wären erfreulich, klar. Aber Micha machte sich auch keine Illusionen: Weniger Steuern machen den Staat arm, und irgendwer muss ja seine Rente und die Schulen und Straßen bezahlen. Also werden die Steuern ohnehin nicht sinken und wegen der Steuern muss er dann auch nicht zum Wählen gehen. Mindestlohn interessierte ihn auch nicht mehr. Und das mit dem Klima verstand er sowieso nicht. Also hatte er erst heute Morgen den Brief mit der Wahlbenachrichtigung in den Papierkorb geworfen, zu spät für eine Briefwahl. Und was würde seine Stimme schon ausmachen?
„Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Stimme hat, mein Freund,“ hörte Micha den Fremden jetzt sagen, als könnte er Gedanken lesen. Seine strenge Autorität blieb bei Micha nicht ohne Wirkung. Verwirrrt kramte er den Umschlag wieder aus seinem Abfall, schlüpfte in seine Schuhe und stapfte los.
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Der griechische Politiker Perikles (gest. 429 v. Chr.) gilt aus Vordenker und Konstruktuer der Athener Demokratie (Hier eine Statue von der Fassade der Glytothek, München).
Georgios war stolz auf sein Bürgerrecht. Deshalb nahm er es alle paar Wochen es auf sich, den langen heißen Weg in der frühen Morgensonne hinter sich zu bringen. Als vollwertiger Bürger von Attika durfte er in Athen abstimmen und wählen. Seine Stimme zählte. Georgios fand es wichtig, dass nicht nur die fettleibigen Städter ihre Stimme abgaben, sondern auch die hart arbeitenden Bauern vom Land rund um die Hauptstadt. Als er die Agora erreichte, herrschte dort schon reges Treiben, hunderte Bürger hatten sich versammelt, um zu diskutieren und abzustimmen. Der Rat hatte dafür gesorgt, dass es eine Ordnung gab in diesem Durcheinander. Aufmerksam hörte er die mitreißende Rede von Perikles. Und die Gegenreden anderer Athener Bürger. Aber Georgios wusste auch: Die Städter hatten vieles schon vorab besprochen. Wie bei jeder Versammlung dominierten diejenigen, die hier jeden Tag lebten, die sich in den Gassen der Hauptstadt absprechen konnten, die täglich palaverten in den Tavernen, die sich auf dem Markt begegneten und nebenbei Politik machten. Viele der Diskussionen verstand er auch gar nicht richtig, aber er stimmte nach bestem Wissen mit.
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So kam es, dass Micha jetzt unterwegs ist. In seinen Sandalen schlurft der Fremde hinter ihm her, das weiße Gewand schleift auf dem Asphalt. Den Weg zum Wahllokal kennt Micha gut, er war ihn schon tausendmal gegangen, nicht zum Wählen, sondern raus zu den Sportplätzen am Ortsrand. An der Straßenecke links, vorbei an der Flüchtlingsunterkunft, die vor ein paar Jahren gebaut worden war. Stammt der Fremde von dort? Nein, eher nicht, denkt sich Micha. Die Menschen in der Unterkunft sehen fremdländisch aus, aber so eigenartig wie der Mann im gewickelten Tuch denn doch nicht.
Jetzt muss Micha die Straße überqueren, vorbei an der Schranke, die dafür sorgt, dass es keinen Durchgangsverkehr gibt im schönen Wohnviertel. Micha wendet sich um, der Fremde folgt ihm auf Schritt und Tritt. auf. Schließlich bleibt Micha stehen, und sieht dem Kauz mit der Toga mitten ins Gesicht. „Wer bist Du eigentlich und warum willst Du mir vorschreiben, wohin ich gehe?“
Der Fremde bleibt ruhig, seine Hand macht eine nach vorne wedelnde Bewegung – Los, geh weiter!, soll sie wohl bedeuten. „Du verlierst Zeit, mein Freund. Du hast nur noch fünf Minuten.“
Also setzt Micha seinen Weg fort, rechts abbiegen, jetzt den Fußweg am Wald entlang, links vorbei am Kindergarten. Rechts die Schule, die seine Kinder besucht hatten. Weiter vorne lugt das große Automobilwerk hervor, in dem Micha gearbeitet hatte.
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Als Georgios bei Sonnenuntergang seinen Rückweg antrat, wieder vier Stunden zurück in sein Dorf, da dachte er an seine Frau und seine Kinder, die ihn fragen werden, ob es das wieder Wert gewesen sei? Ein ganzer Tag in Stadt, statt auf den Feldern, bei den Tieren? Georgios wusste, wie er antworten würde: So viele Menschen in den anderen Städten des Peloponnes, in Sparta zum Beispiel, wären dankbar, wenn sie eine Stimme hätten. Niemand sonst kennt eine Herrschaft des Volkes. Überall regiert das Schwert der Mächtigen. Nur als Bürger Attikas bin ich nicht despotischen Entscheidungen ausgeliefert. Ich entscheide selbst mit!
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„Du willst wissen, wer ich bin?“, hört Micha jetzt den Fremden sagen. „Es ist nicht einfach zu erklären, weil aus Deiner Zeit bin ich nicht. Aber ich bin attischer Bürger, und wir Athener sind stolz auf unsere Demokratie. Aber von einem freien, gleichen Wahlrecht, wie Ihr es heute habt, können wir zu unserer Zeit nur träumen. Frauen dürfen nicht mitstimmen, und auch nur solche Männer, die ein Bürgerrecht besitzen. Und das blieb auf der ganzen Welt noch fast 2500 Jahre so.“
Ah, ein Grieche! Einer aus dem Erfindervolk der Demokratie! Endlich konnte Micha den seltsamen Begleiter einordnen. Aber wie konnte der Bärtige das alles wissen? War er 2500 Jahre alt? Die Begegnung blieb rätselhaft.
„Ihr habt es wirklich weit gebracht im Vergleich zu uns,“ hob der Grieche wieder an. „Neidisch bin ich nicht nur auf Eure glatten Straßen und großen Schulen und prächtigen Fabriken, sondern auch auf Euer Stimmrecht.“ Noch ein paar Schritte, schon kommt die Gastwirtschaft in den Blick, heute Michas Wahllokal. „Klingt doch ganz einfach, oder?“ fragt der Toga-Mann. „Jeder erwachsene Mensch wählt in seinem Land, wo er Staatsbürger ist, frei, gleich, geheim. Egal, ob Mann oder Frau, egal ob reich oder arm, egal ob von Adel oder nicht, ob Arbeiter oder Professor, egal was er glaubt oder denkt. Jede Stimme zählt gleich. Und es gibt feste Regeln, wann und wen man wählen kann.“
„Ja eben,“ antwortet Micha. „Klare Sache. Was regst Du Dich so auf?“
Da kommt Leben auf in dem rätselhaften Fremden. Er springt an Micha vorbei, das Tuchgewand wirbelt herum. Der Grieche stellt sich Micha in den Weg: „Eine klare Sache nennst Du das? Wir haben es erfunden, aber damit es so ist wie heute, musste über Jahrhunderte gekämpft werden, dafür sind Menschen eingekerkert worden und gestorben!“, schnauzt er Micha jetzt an. „Und was machst Du? Du schmeißt Deinen Wahlbrief einfach in den Papierkorb.“
Kopfschüttelnd tritt der Bärtige zur Seite. „Nun mach schon, die Zeit läuft!“ Micha blickt auf seine Uhr: eine Minute vor sechs. Mit wenigen Schritten stürmt er in das Wahllokal. „Jetzt aber schnell“, lacht die Wahlhelferin, als er den Raum betritt. Resopaltische, Sperrholzkabinen, an der Decke Hochzeitsgirlanden für vergangene und künftige Feste. Rein in die Kabine, zwei Kreuze gemacht. Plötzlich hat Micha keine Zweifel mehr: na klar, dorthin gehören sie, die Kreuze. Und schon verschwindet der Zettel sorgsam gefaltet im Schlitz des grauen Kastens. Geschafft!
„18 Uhr!“ ruft der Wahlvorstand in den Raum. Micha tritt heraus, blickt sich um. Der Fremde ist verschwunden.
Auf Sand gebaut, umgeben von Dünen: St. Nikolaus auf Langeoog
Eigentlich soll sie einen versunkenen Schiffsrumpf symbolisieren. Aber für mich ragt der Kirchenturm wie das Schwert eines Hais aus der Wellenlandschaft der Dünen. St. Nikolaus ist die katholische Kirche auf der Nordsee-Insel Langeoog, ein längliches, wasser- und windumtostes Sandgebilde voller Touristen, aber auch voll von natürlicher Stille, autofrei, strandverwöhnt.
Seit Jahren reise ich auf diese Insel, wenn ich auf der Suche nach Weite, Meer und guter Luft bin, und niemals darf ein Besuch in St. Nikolaus fehlen. Nicht, weil ich einen Gottesdienst aufsuchen würde. Auch nicht, weil die viel größere und zentral im Ort gelegene Inselkirche der evangelischen Kirchengemeinde weniger zugänglich oder attraktiv wäre. Sondern wegen der Dünenlage von St. Nikolaus, die das in den 60er Jahren errichtete und mehrfach renovierte Kirchengebäude auf drei Seiten umgibt. Wo könnte man sinnbildlicher erfahren, was es bedeutet, wenn etwas „auf Sand gebaut“ ist?
Der Wasserturm, und dahinter das Meer: Der Blick aus dem großen Fenster von St. Nikolaus (Foto: Ute Vogt)
Im Inneren erwartet den Besucher ein trapezförmiger Raum, stimmungsvoll erleuchtet im Wesentlichen durch ein einziges großes Glasfenster, das den Blick frei gibt auf die Dünenlandschaft der Nordsee, bis hin zum Inselsymbol, dem Wasserturm. Die Innenausstattung ist schlicht und streng, und doch einladend, sich zu setzen, die Stille zu hören und seinen Gedanken nachzugehen. Bei Flut rauscht draußen das Meer. Wie oft war ich in einer Kirche und habe vor allem hinschauen dürfen: tolle Architektur, sakrale Kunst, aufregende Bilder, strenge Statuen. Hier lenkt kaum etwas davon ab, worum es in einer Kirche gehen kann: Einen Ort von erbauter Meditation zu finden.
Übrigens habe ich noch nie gesehen , was es dort gibt: Einen gemeinsamen Gemeindebrief der ev. und der kath. Kirche auf der kleinen Insel. Ökumene ist möglich!
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