Den Göttern sind die Zügel längst entglitten

Zur Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ in Stuttgart 

Vier normale Geschichten

Vier ganz normale Geschichten aus dem ganz normalen Leben, das uns umgibt:

Die erste: Eine Frau und ein Mann lieben sich innig und aufrichtig. Der Mann bricht zu einer Dienstreise auf, über deren Notwendigkeit man streiten kann. Dort trifft er, bereitwillig, aber ungeplant, auf eine andere Frau, verliebt sich in diese und vergisst die zuvor eben noch erneut beteuerte Liebe. Als die Betrogene die Untreue erkennt, sinnt sie nach Rache.

Die zweite: Wer kennt nicht einen solchen Kollegen (und die männliche Form ist hier Absicht)? Ihm ging schon vorab der Ruf voraus, mit heldenhaften Fähigkeiten ausgestattet zu sein. Und tatsächlich: Er bringt das Unternehmen voran, alles geht ihm locker von der Hand, Probleme räumt er mutig beiseite, erzielt traumhafte Abschlüsse. Er wird zum Liebling der Unternehmensführung, steigt auf in der Hierarchie. Das alles bleibt nicht ohne Spuren in seinem Wesen, der schnelle Ruhm steigt ihm zu Kopf, er strotzt vor Übermut und Selbstgefallen. Sein Mangel an Demut führt zu seinem tiefen Sturz.

Die dritte: Der Bildschirm flimmert, und wir sehen den Bundeskanzler. „Vertrauen Sie mir und meiner Regierung!“, sagt er, als es um tödliche Waffen geht. Wenn uns ein Plan plausibel erscheint, vertrauen wir auf die Strategie der Mächtigen. Doch wir wissen auch: Die Probleme der Welt sind zu groß, als dass dieser einzelne Mensch sie alle allein kontrollieren könnte. Diejenigen, die sichtbar im Rampenlicht stehen, brauchen im Hintergrund stille Strategen, „Spin Doctors“, routinierte Handwerker der Macht.  Wenn dort geirrt wird, scheitert der ganze Plan. Wer dort irrt, wird zum Sündenbock.

Die vierte: Mit brachialer Wucht schlagen vermummte Männer auf die Vitrinen eines Museums ein. Sie rauben Schmuckstücke, die einzigartig sind auf dieser Welt. Sie wollen sie zersägen, einschmelzen, ihre Herkunft unkenntlich machen, damit sie verkauft werden können. Diese Männer wollen reich werden, weil sie glauben, dass Reichtum ihnen ein besseres Leben sichert. Nun sitzen sie in Handschellen vor Gericht.

Daniel Kirch (Siegfried), Patrick Zielke (Hagen) in der Stuttgarter „Götterdämmerung“: Der Held stolpert selbstverliebt in eine Intrige. Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgart

 

 

Es sind mindestens diese vier Geschichten, die in der Oper „Götterdämmerung“ erzählt werden. Nichts von dem ist veraltet, was in diesem mehr als vier Stunden andauernden Werk (zzgl. Pausen) verhandelt wird. Dabei kommt keines der hier verwendeten Alltagsbilder in der Oper oder in der Stuttgarter Aufführung vor. Die Handlung der „Götterdämmerung“ ist mitten aus unserem Leben gegriffen. Und das, obwohl der Plot in einer frühgermanischen Sagenwelt angesiedelt ist und schon vor 150 Jahren als Musiktheater zu Papier gebracht wurde.

Ein komplexer Stoff. Hier eine Vereinfachung:

Der „Ring des Nibelungen“, ein Zyklus aus vier Opernabenden, komponiert und geschrieben von Richard Wagner, ist kein leicht verdaulicher Stoff. Das gilt auch für den vierten und letzten Abend. Vereinfachung tut daher dem Verständnis der Handlung gut.  Sie lässt sich in etwa so erzählen:

Siegfried, der Enkel des Göttervaters Wotan (und der Held des nach ihm benannten dritten Teils im „Ring“), ist nahezu unverletzlich, furchtlos, und stürmisch verliebt in die Gottestochter Brünhilde (die Heldin des zweiten Teils mit dem Titel „Die Walküre“). Zudem hat Siegfried durch Raub und Mord jenen Ring erobert, der ihm Macht über Himmel und Erde und unermesslichen Reichtum verspricht, der aber allen Besitzern zuvor nur Unglück eingebracht hat.

Nun bricht Siegfried auf zu neuen Heldentaten. Verwöhnt von seiner nahezu vollständigen Unverletzlichkeit stolpert er furchtlos, selbstverliebt und tölpelhaft in eine Intrige. Er gerät mehr oder weniger zufällig in die Fänge der Herrscherclique der Gibichungen, einem germanischen Sagenvolk am Rhein. Deren Chef Gunther schmeichelt ihm, denn er sucht zur gesicherten Erbfolge eine Frau, und Siegfrieds schöne und starke Brünhilde wäre ihm da gerade recht. Gunthers Halbbruder Hagen ist loyal zu seinem Herrscher, aber strategisch kompetenter als dieser, und zudem von der verwandtschaftlichen Zurücksetzung dauergekränkt. Er gibt sich nicht mit der Frauenfrage ab, sondern strebt nach dem mächtigen Ring des Siegfried.

Für beide Vorhaben hat Hagen den passenden Plan. Er veranlasst mittels eines Zaubertranks, dass Siegfried seine Brünhilde vergisst, und sich stattdessen in Gunthers Schwester verliebt. Siegfried macht begeistert mit. Wenig überraschend ist Brünhilde über den Verrat ihres Geliebten empört. Sie sinnt nach Rache. Wütend liefert sie ihren treulosen Gatten dem Tod aus, indem sie Siegfrieds einzige Schwachstelle, den Ort seiner Verletzlichkeit, verrät.

Hagen hatte genau dies erwartet, sein Plan geht auf. Er nutzt die erste Gelegenheit, dem Heldenleben Siegfrieds ein Ende zu setzen. Kaum ist der aber tot, geraten die an der Intrige Beteiligten in tödlichen Streit um den Ring. Ruhe kehrt erst ein, nachdem der Ring, dieser Auslöser des ganzen Ärgers, zurück in den Rhein geworfen wurde, wo er einst geraubt worden war (das war die Handlung des ersten Teils: „Das Rheingold“).

Am Ende ist alles wie am Anfang

Am Ende der vier Abende ist also nach rund 16 Stunden Musik und Drama fast alles wieder so wie am Anfang. Eine Gesamtaufführung des „Ring“, wie sie für das Frühjahr in Stuttgart auf dem Spielplan steht, noch dazu weitgehend als Neuinszenierung, ist ein Großereignis, aber auch eine sichere Bank für jedes Opernhaus. Menschen fahren durch halbe Kontinente, um einen ganzen „Ring“ zu erleben. Warum? Es ist einmal die rauschhafte Musik, die auch wie ein Zaubertrank wirkt und fast alles vergessen lässt, was man gegen Richard Wagner als Person vorbringen kann und muss: Sein unerträgliches Frauenbild, seine antisemitische Haltung, sein hochproblematischer Charakter.

Tumult bei den Gibichungen, aber der Handwerker der Macht scheint alles im Griff zu haben. Auf dem Bild: Patrick Zielke (Hagen), Staatsopernchor Stuttgart; Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Und dann ist da jedes Mal neu die Frage: Was machen moderne Regisseure aus diesem Stoff? Die Stuttgarter Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ strotzt mit vielen, auch originellen Einfällen, mit deren Hilfe die Spannung erhalten bleibt und das lange Werk immer wieder ausgesprochen unterhaltsam ist. Manche Figuren dieser halb göttlichen, halb menschlichen Sagenwelt werden so ironisch gezeichnet, dass das ganze Pathos des Textes der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Ironie macht Absurdes erträglich

Das ist einerseits gut so, denn manches, was man da mitlesen kann, ist inhaltlich schwer erträglich. Die Regie des Teams um Marco Storman nimmt dem Text und Teilen der Handlung ihre Absurdität, die ein aufgeklärter Opernbesucher trotz musikalischer Rausch-Betäubung nicht ignorieren kann. In Stuttgart spottet die Regie über Wagners Heldenbegeisterung und legt doch den Kern der ganzen Werkidee erbarmungslos offen: die selbstverliebte Dürftigkeit, mit der wir Menschen uns immer wieder aufs Neue in den ewigen Kreislaufs aus Eitelkeit, Neid, Verrat und Machtstreben stürzen.

Andererseits ist nicht jede Inszenierungsidee überzeugend, allzu viel Bühnenrauch vernebelt grundlos die Szene, zu viele Gemälde werden unerklärt hin- und hergetragen, und ein herbeirollendes Einhorn kurz vor Schluss ist fragwürdig auf der Kitsch-Spur zu verorten. Immerhin, auf billige Aktualisierungen wird weitgehend verzichtet, Bühnenbild und Kostüme bleiben meist mystisch-zeitlos. Die chaotischen Szenen des zweiten Aktes sind als mahnende Anspielung auf den Sturm des Kapitols von Washington vor zwei Jahren zu deuten (so Marco Storman in einem Interview im Programmheft). Und wer möchte, kann auch den Einfall, dass sich die brüskierte, um ihre Liebe beraubte Brünhilde die Haare abschneidet, als aktuellen politischen Bezug deuten.

Muss Walhall brennen? Längst nicht mehr.

Insgesamt stehen aber das Menschliche und seine Gefühlswelt im Mittelpunkt dieser Interpretation. Vom Göttervater Wotan, der im Rheingold noch mächtig war, sind in der „Götterdämmerung“ nur noch Schilderung über seinen depressiven Zustand zu hören. Die Zügel über den Verlauf des Geschehens sind ihm längst entglitten. Damit es eine „Götterdämmerung“ wird, soll nach dem Willen Richard Wagners (so seine Regieanweisung) zum Ende der Rhein rauschen und über seine Ufer treten. Dann soll ein Flammenmeer auflodern, das nicht nur Brünhilde und den toten Siegfried verschlingt, sondern auch die in der Ferne liegende (und im „Rheingold“ frisch bezogene) Götterburg „Walhall“ gleich mit.

Wie realisiert man solches Unmögliches? Das ist die spannende Preisfrage am Ende jeder neuen „Götterdämmerung“. In Stuttgart hat Storman für den Schluss wirkmächtige Bilder gefunden, die wenig mit Wagners Fantasien zu tun haben. Es ist ein Ende, das so intim wie dramatisch schön ist, dass man es hier nicht verraten darf. In einer Zeit, in der das Göttliche wenig Konjunktur hat, wird das Opernpublikum betäubt, beschwingt, hoffnungstrunken in unsere Welt entlassen, für deren weitere Ausgestaltung nur wir, und keine Götter, verantwortlich sind.

 

Die „Götterdämmerung“ ist am 12. März und 10. April 2023 jeweils als Teil eines ganzen „Ring“-Zyklus in Stuttgart zu sehen. Nähere Informationen bei der Oper Stuttgart: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/goetterdaemmerung/

Zu den anderen Teile des „Ring des Nibelungen“ gibt es ebenfalls Texte von mir als #Kulturflaneur:

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Generalprobe am 26. Januar und die Premiere am 29. Januar 2023. 

 

 

 

Die Weiße leuchtet im Schnee (#42)

Pfarrkirche Sel. Pater Rupert Mayer, Gebr.-Asam-Str. 2a, 85586 Poing

Mein Besuch am 21. Januar 2023

Fassade und Dach der Rupert-Mayer-Kirche in Poing sind mit weißen Keramikkacheln ausgekleidet.

Es hatte geschneit, und die weiße Kirche strahlte noch heller heraus aus der Vorstadt-Landschaft. Das ungewöhnlich eckig geformte Gebäude ist ein moderner Kirchenbau, geschuldet dem rasanten Anwachsen der Einwohner-Zahl der Münchner Vorstadt-Gemeinde Poing. In immer weiteren Wellen werden dort Neubaugebiete erschlossen und mit dahingewürfelten Bauten gefüllt.

Gibt es unter diesen vielen Neubürgern, den jungen Familien, den Häuslebauern, den Zugezogenen aus aller Welt, die sich ein Leben im Speckgürtel der reichen und teuren bayerischen Hauptstadt leisten können oder müssen, auch genügend Kirchgänger? Nur wenige Spuren im Schnee führen zur Kirche, als ich sie an einem graukalten Samstagmittag (zugegeben: keine Gottesdienst-Zeit) aufsuchte. Mich empfing ein heller, transparenter Kirchenraum, eine einladende Halle mit Klarglasfenstern, die einen ungestörten Blick von innen nach außen und umgekehrt erlauben. Ein Raum, der von Tageslicht durch himmelhoch angebrachte Lichtschächte in Mattglas erhellt wird.

Geweiht ist diese Kirche einem Mann, der sich in beklagenswert seltener und gleichzeitig bewunderungswürdiger Deutlichkeit gegen den Nationalsozialimus  gestellt hatte und deshalb an Leib und Leben bedroht wurde. Pater Rupert Mayer, 1876 in Stuttgart geboren und ein halbes Jahr nach Kriegende am 1. November 1945 in München gestorben, war mehrfach in Konzentrationslagern interniert. Er steht für staatsfernen Mut und unbequeme Haltung in der katholischen Kirche.

Ein heller, hoher Innenraum – im Vordergrund eine Marienskulptur der Künstlerin Carola Heine.

Es ist eine schöne, stille, weite, luftige Kirche, die ihm nun gewidmet ist, eine Kirche zum Durchatmen. Eine Kirche, in der man über Mut und Engagement nachdenken kann, genauso wie über die eigene Verzagtheit angesichts viel kleinerer Bedrohungen im Vergleich zu denen, den Pater Rupert Mayer ausgesetzt war. 2020 wurde sie mit dem internationalen Preis für sakrale Architektur der italienischen Stiftung Frate Sole als „schönste moderne Kirche“ ausgezeichnet. Als „Sprungschanze Gottes“ werde sie wegen ihrer ungewöhnlichen Dachform verspottet, ist auf Wikipedia zu lesen. Das tut ihr unrecht.

Auf dem Weg nach Salzburg, in den Urlaub, in die Berge, ans Meer? Dann runter von der A99, ein paar Kilometer rüber nach Poing. Diese Kirche ist ein guter Ort für einen Moment des Innehaltens. 

Sehr schöne Fotos und eine gute Zusammenfassung der Architektur finden Sie hier:

Pfarrkirche Seliger Pater Rupert Mayer

 

Mehr über Pater Rupert Mayer bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rupert_Mayer

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

 

 

Schiller war schon in Sindelfingen

Eine kurze Reise zu zwei Buchstaben-Erlebnissen

Briefe, überall Briefe. Es ist wie aus der Zeit gefallen, was da zu besichtigen ist auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses. Denn wer schreibt noch Briefe? Ein paar Worte, einen Gedanken, etwas Persönliches auf ein Blatt Papier zu ver-„ewigen“ (was für ein Wort!), es damit einzigartig zu machen, unveränderbar, nicht weiterleitbar mit ein paar Klicks, sondern es in einen Umschlag zu stecken, ihn zu verschließen und darauf zu hoffen, dass das Gegenüber erreicht wird, vielleicht tagelang warten und bangen, wie es reagiert – wer macht das noch?

Briefe, überall Briefe: Szene aus der aktuellen Inszenierung von „Don Carlos“ im Schauspiel Stuttgart (Frida-Lovisa Hamann (Elisabeth), Matthias Leja (Philipp II.) Foto: Thomas Aurin, bereitgestellt von Schauspiel Stuttgart

Dem Theaterfreund wird das ganz nebenbei vor Augen geführt in der neuen Inszenierung von Schillers Klassiker „Don Carlos“, verantwortet vom Regieteam um David Bösch. Das „dramatische Gedicht“ von Friedrich Schiller ist fast 250 Jahre alt, und die kommunikativen Optionen von heute waren nicht vorstellbar. Wer nicht sprechen wollte oder konnte, musste Briefe schreiben. Also gibt es eine Szene, in der die ganze Bühne übersät ist von Briefen. Mit den Briefen treibt Schiller die Handlung voran, sie sind Trigger des weiteren Geschehens, lösen bei Empfängern jubelnde Begeisterung oder kochende Wut aus, stacheln an zu neuen Briefen, die dann ihrerseits ihre Wirkung erzielen. Viele davon sind keine langen, klug durchdachten Briefe, oft sind es schnell hingekritzelte Zeilen: Hier eine geheime Einladung, dort ein schmachtendes Geständnis, da ein giftiger Verdacht, ein Verrat sogar, Teil einer bösen Intrige.

Scharfsinniges Psychogramm

Schillers „Don Carlos“ ist ein vielschichtiger Stoff und soll hier gewiss nicht auf die Rolle der Briefe reduziert werden. Das scharfsinnige, hochaktuelle Psychogramm eines Konfliktes zwischen Alt und Jung, auch zwischen Liebe und Vernunft, das in Stuttgart aus diesem alten Stoff herausgearbeitet wurde, muss man selbst erleben. Ein Abend für Genießer klug gesetzter Worte!

Und so ist es auch eine schmale Brücke, über die zu gehen mit diesen Zeilen eingeladen wird, wenn die heutige Entsprechung zu den Briefen in Schillers Welt von einst gesucht wird. Die Verbindung besteht aus dem Rohmaterial, den 30 Buchstaben des deutschen Alphabets, denn daraus formte schon damals und bis heute ein jeder Mensch den Sinn seiner Worte. Frau wie Mann kann damit zart berühren, tief verletzen, klug informieren. Die Buchstaben sind es, aus dem gleichermaßen ein nachdenklicher Theaterabend werden kann, oder eine unverständliche Gebrauchsanleitung, oder auch ein vernichtender Streit, ein geflüstertes Geständnis.

Schnell ist das böse Wort gebildet

Friedrich Schiller brauchte vier Jahre für seinen „Don Carlos“, aber die vielen Briefe in seinem Drama beweisen: Schon damals wurde aus den Buchstaben schnell das böse Wort gebildet, eilig, vielleicht auch unüberlegt, hingeworfen auf ein Blatt Papier. Heute, schnell hineingetippt in den virtuellen Raum, bleiben sie dort erhalten, lassen sich nicht zerknüllen oder verbrennen, sondern krallen sich fest im digitalen Gedächtnis, haben Beweiskraft und Vernichtungsenergie. Und wer weiß schon, wer noch zuhört oder mitliest? Auch ganz öffentlich werfen sich in sozialen Medien die Menschen manches Lob, viel Spott, oft abwertende und verletzende Kommentare zu, halten fest an unerbittlichem Beharren auf die eigene Sicht der Welt und dokumentieren selbstverliebt ihre Weigerung, einfach einmal zuzuhören.

Aus Buchstaben wurden schon immer erhebend schöne, genauso wie hässlich verletzende Worte gebildet. Aber vor 250 Jahren gab weniger Menschen auf der Welt, viele konnten gar nicht schreiben, und wenn doch, hatten ihre Briefe meist nur einen einzigen Adressaten. Heute dröhnt uns das lärmende Dauergetöse Tinnitus-gleich in den Ohren, ein stetes Rauschen und Pfeifen und Stampfen aus Buchstaben, Worten und Sätzen.

Wo herrscht Stille? In Sindelfingen.

Wo also herrscht ein Moment der Ruhe in diesen lauten Zeiten? In Sindelfingen. Und zwar in einem Raum, der voller Buchstaben ist, und in dem gerade deshalb jede hitzige Debatte verstummt. Eine Halle des „Schauwerk“ war einmal ein industrielles Hochregallager, ein hochkant gestellter Quader. Seine fünfzehn Höhenmeter, seine luftigen 130 Quadratmeter Grundfläche sind heute schmucklos weiß ausgepinselt und raffiniert ausgeleuchtet. Den Quader kann man in seiner ganzen Höhe ersteigen. Entlang der fensterlosen Wände schraubt sich der Weg sanft und schneckengleich der dunklen Decke entgegen.

„Silent Word“, eine Installation von Chiharu Shiota im Schauwerk Sindelfingen – ein erstarrter Strom der Inspiration.

Aber warum dort hinauf, da doch schon der erste Blick genügt für die Überwältigung, die stumm macht in unserer lauten Zeit, allenfalls ein Flüstern duldet? Ein schmucker Schreibsekretär steht da in der Mitte der Grundfläche, aufgeklappt, schreibbereit, ein Stuhl dazu, locker zur Seite geschoben.

Der Platz zum Schreiben ist schon belegt

Der Stuhl ist leer, und auch der Schreibplatz trägt kein Schreibgerät, kein Notebook, keine Schreibmaschine, nicht einmal Papier und Stift sind zu sehen. Der Platz fürs Schreiben ist schon belegt von Buchstaben und noch dazu unbenutzbar eingesponnen. Überall Fäden, hunderte, vielleicht tausend, wie ein erstarrter Regen ergießen sie sich hinab aus der dunklen Höhe des Raumes. An den Schnüren verharren die Buchstaben in ihrem Hinabgleiten, lautlos wie Schneeflocken, wie schwankendes Herbstlaub. Sie kommen aus der Decke, füllen den ganzen Raum bis hinauf in seine äußerste, von unten kaum ergründliche Höhe.

Also doch hinauf! Vorbei an diesem erstarrten Strom der Inspiration. Ganz oben unter der schwarzen Decke des Quaders scheinen die Buchstaben noch größer zu sein und der Schreibplatz unten ganz klein. In der Installation „Silent Word“ der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota füllen die Lettern den ganzen hohen Raum bis hinab zum Boden, wo sie verwendungslos liegengeblieben sind.

„Meine Worte sind lautlos“, sagt die in Berlin lebende Künstlerin über ihr Werk. Wer sich also zutraut, aus den Buchstaben etwas zu formen, das es Wert ist, diese Stille zu durchbrechen, der setze sich an diesen oder einen anderen Schreibtisch. Wie es scheint, war Schiller war schon da.

 

 

„Don Carlos“ von Friedrich Schiller am Schauspiel Stuttgart hatte in einer modernisierten, gekürzten Fassung am 14. Januar 2023 Premiere. Zahlreiche weitere Aufführungen sind für Februar und März 2023 geplant: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/monatsplan/don-carlos-/5949/

 

Das stille, raumgreifende Sprach-Kunstwerk „Silent Word“ von Chiharu Shiota ist noch bis 8. Oktober 2023 in Sindelfingen im „Schauwerk“ zu besichtigen, dem privaten Museum der Sammlung Schaufler:  https://www.schauwerk-sindelfingen.de/de/

 

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

 

Die strenge Pracht der Himmelsstürmerin (#41)

Liebfrauenmünster, Pl. de la Cathédrale, 67000 Strasbourg, Frankreich

Mein Besuch am 27. Dezember 2022

Das höchste Gebäude der Welt war der Nordturm des Straßburger Münsters bis vor 150 Jahren. Daneben ist ein Südturm angelegt, wurde aber nie verwirklicht.

Bis vor 150 Jahren war der 142 Meter hohe Nordturm dieser ehrfurcht-erregenden Kirche „das höchste Gebäude der Menschheit“ (Wikipedia). Ein himmelstrebender Turmbau, erinnert das nicht ein wenig an die biblische Geschichte von Babel? Gleich daneben ist der ganze Zweifel an solcher Himmelsstürmerei präsent. Der Südturm ist zwar architektonisch offenkundig und bestens sichtbar angelegt, wurde aber niemals gebaut. Zwei solche Türme hätten denn vielleicht doch noch mehr Zweifel aufkommen lassen an der notwendigen Demut der Menschheit.

Der Bau dieser Kirche begann in der Mitte des 12. Jahrhunderts und dauerte fast 300 Jahre, aber fertig war seither noch keine Generation damit. Mehrfach hat die Herrschaft über Straßburg gewechselt in diesen Jahrhunderten, Kriege und Revolutionen hatte das Straßburger Münster auszuhalten, haben zerstört und beschädigt. Ein solches Gotteshaus ist eine dauernde Baustelle, eine ständige Restaurierung und Modernisierung, bis heute. Auch die Warteschlange der Besucher von heute führt unter dem derzeit errichteten Gerüst hindurch.

Der Tod im Glockenspiel: Die astronomische Uhr wurde 1574 vollendet.

Alles das spielt keine Rolle. In Kirchen wie dieser kann der Besucher betrachten, erleben, vielleicht sogar spüren, was „Zeit“ bedeutet. Das Innere des Straßburger Münsters ist von mystischer Schönheit, dunkel-farbig erhellt von den Glasfenstern, die beginnend aus dem 13. Jahrhundert bis zur Neuzeit stammen. Tausende Lichter setzen das gegliederte Innere in effektvolles Halbdunkel, und alle paar Minuten ermahnt ein Lautsprecher mit einem „Psssst!“ zur angemessenen Stille für diesen unvergleichlichen Raum.

Aber wie soll man schweigen im Angesicht dieser strengen Pracht, der überlebensgroßen Skulpturen, der himmlisch schwebenden Engelsfiguren, dem mechanischen Wunder der astronomischen Uhr, der erzählfreudigen Wandteppiche und Gemälde? „Schau da, schau dort“, möchte man doch sprechen zum nächstbesten Reisebegleiter, oder vielleicht auch nur zu sich selbst – in dieser Kirche, deren Besuch ich nie wieder vergessen werde.

Die große Rosette über dem Haupteingang in der Westfassade gehört zu den größten ihrer Art weltweit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Besuch des Münsters von Straßburg, das nun, in Zeiten des Friedens in der Mitte Europas, auch ein Symbol der deutsch-französischen Geschichte und der europäischen Einigung ist, das man ohne Passkontrolle besuchen kann, sollte niemals versäumt werden, auch wenn man schon dort war. Mich beeindruckt der Bau immer wieder neu.

Über die kunsthistorische Bedeutung und die zahlreichen Schätze des Straßburger Münsters ist alles geschrieben worden; dem ist nichts hinzuzuführen. Die sehr ausführliche Zusammenfassung auf Wikipedia war für mich hilfreich. Gefallen hat mir auch dieser kurze Film von arte:

https://www.youtube.com/watch?v=uixtAASYQ98

 

Das Straßburger Münster ist #41 meiner Sammlung #1000Kirchen. Die anderen finden Sie hier. 

 

Wo ist sie hin? – Ein Rätsel in Tierbildern

Während der Böller-Krawalle in der Silvesternacht war eine menschliche Empfindung auf der Flucht. Welche? 

 

Sie kann eine Löwin sein.

Sie kann ihre Kinder entschlossen behüten und verteidigen, damit sie selbst großartige Löwinnen und Löwen werden. Sie kann drohend fauchen und laut brüllen. Sie kann Respekt einflößen. Überwältigt davon sinkt dann manches Gegenüber zu Boden, sackt der Widerstand in Sekundenschnelle in sich zusammen, resigniert die Gegenwehr, sucht Rettung in der klugen Unterwerfung. Sie kann eine mächtige Löwin sein.

Sie kann so mächtig sein wie eine Löwin … (Foto: Rupal Vaidya from Ahmedabad, India – Her Highness, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8643131

 

Sie kann ein Schmetterling sein,

der mal hier, mal dort eine Blüte besucht und befruchtet, wie zufällig dahinflattert über die bunte Wiese. Und dort, wo der federleichte Flatterling sich nur sekundenlang niedergelassen hatte, dort wächst schon ein paar Wochen später wundergleich die köstliche Frucht. Sie kann ein luftiger Schmetterling sein.

Sie kann sein wie ein scheues Reh.

Lautlos leise, den wachen Blick, das gespitzte Ohr, die witternde Nase stets in der Luft, weiß sie um die Gefahr in dieser Welt. Braucht das Reh den lauten Knall, den Schuss, um davonzuspringen in die schützende Tiefe des Gebüschs? Nein, schon ein leises Knacken genügt, und da ist es fort. Sie kann fliehen wie ein scheues Reh.

Ihr kann es ergehen wie einem Wurm.

Ein ganzes Leben lang wühlt sie sich durch die dunkle Krume unseres inneren Untergrunds, immer weiter, ringelnd und schlängelnd vorbei an Hindernissen, den Wurzeln ausweichend, die Hohlräume nutzend. Hauptsache: geschützt, weil unsichtbar! Doch was passiert mit dem Wurm, wenn es schüttet, wenn das triefende Nass alles durchtränkt, wenn der Wurm zu ertrinken droht im Erdreich? Dann muss er hinaus und hinauf. Wehrlos nackt und ohne jeden Schutz liegt er auf dem Teer, billiges Futter für die Vögel, bald zermatscht unter den Schuhen der Achtlosen. Sie könnte auch ein Wurm sein.

Sie kann ein Pfau sein.

… und von so flüchtiger Schönheit wie ein Pfau.

Zum gewaltigen Rad schwingt er sich auf: Hinauf in die Luft mit dem absurd überlangen, zum Fliegen viel zu schweren Federkleid, das alle Verlockungen der Freiheit so bitter hemmt! Dann glitzert und schillert seine halbrunde Pracht im Sonnenlicht, und auch sie lockt mit ihrer bunten Schönheit in alle Richtungen. Doch schon bald ist es vorbei damit. Unter dem bösen Druck des Egoismus erlahmen ihre Muskeln. Dann sinkt ihre flüchtige Schönheit zusammen und wird wieder zur schweren, langen Schleppe, nutzlos und hinderlich. Traurig schleicht sie davon wie ein Pfau.

Sie kann ein Brauereipferd sein.

Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr zieht es die schweren Wagen mit den Fässern des fröhlichen Treibens, klaglos und treu. Wie das Kaltblut sorgt sie unaufgeregt für steten Nachschub, damit unser Durst gestillt wird nach noch mehr gesellschaftlichem Frohsinn, damit der Traum von der Schwerelosigkeit des Lebens lebendig bleibt. Das langsam stetig dahintrottende Pferd sehen wir kaum, es ist nicht Teil unserer Hoffnung auf ein gutes Miteinander. Aber es zieht die schwere Last, die sie erst ermöglicht. Sie könnte auch ein Brauereipferd sein.

Wo ist sie hin?

Davongestoben wie das scheue Reh war sie längst, als mancherorts das Dynamit des Frohsinns die Stille der Nacht zerriss. Sie war schon fort, weit fort, als erst noch das kleine, funkensprühende Zündrädchen am Feuerzeug kratzte. Der Lärm der Nacht zum Jahreswechsel hatte sich für sie angefühlt wie jener Sintflut-gleiche Regenguss für den Wurm. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten im Untergrund. Nackt und wehrlos war sie herausgekrochen, notgedrungen zur falschen Zeit, in diese Welt von Krach und Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Da war sie gelegen, glitschig und verletzlich, wie neu geboren, und hatte mit ihrer puren Existenz die harten Herzen und dummen Köpfe gestört. Sie war zu unwichtig gewesen, um lästig zu sein. So war sie zertreten, gefressen, getötet worden.

Wo ist sie hin? Immerhin, es gab auch nach dieser Nacht einen Morgen. Verkatert rieb sich die Gesellschaft die Augen des kurzen Schlafes, als das Brauereipferd müden Schrittes an ihr vorbeistapfte. Wieder zog es die übliche schwere Last. Auch das brave Tier hatte schreckhaft gelitten unter der unerklärlichen Knallerei. Aber es hatte gewusst, dass auch dieser Torkel der lauten Töne und des blitzenden Lichts vorübergehen würde. So wie das Pferd kannte auch sie das hohle Glücksversprechen des trunkenen Jubels nur allzu gut, dass es vorübergehen wird und oft gar in Dummheit und Enttäuschung endet. Trotz allem, was geschehen war, würde sie es auch im neuen Jahr wieder dem geduldigen Pferd gleichtun, Tag ein, Tag aus, damit die Menschen sich vertragen können in Fröhlichkeit.

Wo ist sie hin?

Viel zu warm ist es, kein Schnee, kein Frost zu Beginn dieses neuen Jahres! Flattert da nicht schon ein früher Schmetterling durch die laue Neujahrsluft? Besucht er da nicht, bunt glänzend, federleicht schwebend, schon jetzt die Blüten der Unzeit, die herausleuchten aus dem fahlen Grün der Winterwiesen, die doch eigentlich vom Schnee bedeckt sein sollten? Schon haben die Menschen den Lärm des Gestern vergessen. Sie blicken auf den Schmetterling und hoffen wohlfeil auf die Früchte, die sie morgen ernten wollen.

Doch da, ta tü, ta ta! Ohrenbetäubend lärmt das Feuerwehrauto um die Ecke. Drängend kommt es angebraust, fordert Platz ein und Aufmerksamkeit, schlägt pfauengleich sein Rad der Wichtigkeit, lässt es leuchten und blinken und glitzern. Noch sind die Spuren der letzten Nacht zu sehen an diesem stolzen Gefährt. Noch schwärzt der Ruß der Explosionen die Flanke seines Signalfarben-Gefieders, noch sind die Splitter auf den Seitenscheiben nur abgeklebt, nicht erneuert. Denn am Morgen danach war noch keine Zeit für solche Eitelkeit.

Da ist sie ja!

Eine Löwin steuert den mächtigen Wagen, der noch in der Nacht zuvor so verletzlich gewesen war. Konzentriert, klug, zielstrebig sucht sie ihren Weg. Sie ist hier nicht zu ihrem Vergnügen unterwegs. Schon wieder muss sie Leben retten, einen Brand löschen, Menschen herausholen aus ihrer Angst. Die Löwin faucht und brüllt, und alle tummeln sich zur Seite, die Klugen und Einsichtigen sowieso, die Gleichgültigen nun auch, und jetzt, bei Licht, sogar die meisten Trunkenen und Verblendeten der Nacht. Es ist ihnen wieder eingefallen: Der entschlossene Sprung der Löwin, die zur Hilfe kommt, könnte auch ihnen selbst gelten.

Sie kann eben auch eine Löwin sein – die Empathie.

 

 

Der Begriff „Empathie“ beschreibt die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in einen anderen Menchen hineinzuversetzen. Ganz gewiss ist empathisches Verhalten so alt wie die Menschheit selbst, auch höher entwickelten Tieren wird Empathie nachgesagt.

Wortverlaufskurve ab 1946
Ein Begriff verändert unser Denken: Die Wortverlaufskurve von „Empathie“ seit 1945 in Deutschland. Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „{‚Empathie‘,’Emphathie‘}“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/r/plot/?view=1&corpus=zeitungenxl&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1946%3A2022&q1=%7B’Empathie’%2C’Emphathie’%7D>, abgerufen am 11.1.2023.

Der Begriff selbst ist aber modern; erstmals taucht er in der wissenschaftlichen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Die Statistik des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS), zeigt, dass „Empathie“ im deutschen Sprachgebrauch bis in die Mitte der 1970er Jahre praktisch keine Rolle spielte. Dass es kein Zufall oder gar allgemeiner Standard des menschlichen Miteinanders ist, sich in einen anderen hineinzuversetzen, gehört erst seit rund fünfzig Jahren, dann aber mit großer Dynamik, zum gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland. Seither gilt Empathie als wichtiger Schlüssel für das Verständnis unseres Zusammenlebens.

Auch über die unmittelbare zwischenmenschliche Begegnung hinaus kann Empathie eine starke ordnende Kraft sein: Es ist un-empathisch, da es die Allgemeinheit schädigt, mit falschen Angaben Steuern zu sparen oder die Haushaltshilfe illegal zu beschäftigen. Wer Müll einfach am Straßenrand liegen lässt, zehrt von der sicheren Erwartung, dass sich schon ein anderer darum kümmern wird. Für diesen anderen aber gehört die Beseitigung willkürlich weggeworfener Gegenstände – anders vielleicht als das Leeren eines bereitgestellten Mülleimers – nicht zu seinen Kernaufgaben. Es ist also rücksichtslos, aber auch un-empathisch, so zu handeln.

Wer wachen Auges durch unsere Zeit geht, wer in der Welt der Ich-Bezogenheit wach flaniert, findet unermesslich viele Beispiel für wärmende Empathie im Umgang miteinander, Hilfsbereitschaft und Altruismus – aber eben leider auch für un-empathisches Verhalten, das sich ganz leicht, mit einem Gedanken mehr, einem zusätzlichen Handgriff vermeiden ließe.

Aber leider ist Empathielosigkeit „salonfähig geworden in unseren Tagen“, wie die Neurowissenschaftlerin Grit Hein von der Universität Würzburg in einem klugen Interview mit dem Deutschlandfunk sagte. Dann wird die mächtige Löwin zum schutzlosen Wurm.

Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier.

 

 

Die Unglückliche neben der Wies´n (#40)

Dominante in einem engen Straßengewirr: St. Paul in München, unmittelbar neben der Theresienwiese

St. Paul, St.-Pauls-Platz, München

Mein Besuch am 2. Dezember 2022

Es ist ein enges Straßennetz, das eine der größten Kirchen Münchens umgibt. In voller Pracht sieht man sie nur aus der Luft – oder, schon aus der Ferne, wenn man sich ihr über die lange, von orientalischen Lebensmittelmärkten, Barbershops und Döner-Restaurants gesäumte Landwehrstraße nähert. Sonst muss man direkt davor stehen, denn erst am St.-Pauls-Platz öffnet sich der Blick auf das ganze Ausmaß der neugotischen Kirche; man kann sie komplett umrunden und dabei auch die schönen Bürgerhäuser bewundern, die den Platz umgeben. Eine urbane Lage, trotzdem geprägt von einer großen Wiese: Nur wenige Schritte entfernt liegt der Haupteingang der Theresienwiese, das Oktoberfest.

Das Innere der Kirche begrüßt den Besucher hoch, kühl, weitgehend schmucklos in neugotischer Strenge. Um die Jahrhundertwende wurde der Prachtbau errichtet, um der anwachsenden Bevölkerung und damit der steigenden Zahl von Kirchgängern gerecht zu werden (was für Zeiten …); die Stadt München stellte das Baugrundstück kostenlos zur Verfügung (nochmal: was für Zeiten!). 1903 wurde die fertige Kirche geweiht, schon gut vierzig Jahre später im 2. Weltkrieg durch Bomben schwer beschädigt (und vieles von ihrer Innenausstattung zerstört).

Im Inneren dominiert neugotische Strenge. Große Teile der ursprünglichen Innenausstattung wurden im 2. Weltkrieg zerstört.

Dann, am 17. Dezember 1960 streifte ein amerikanisches Militärflugzeug, dessen eines von zwei Triebwerken ausgefallen war, im Versuch eines taumelnden Rettungsmanövers über der nahen Theresienwiese die Kirchturmspitze der gerade wieder halbwegs hergestellten Paulskirche. Das Flugzeug verlor in Folge dessen eine Tragfläche und stürzte in das dichtbesiedelte Viertel ab. Das Flugbenzin der nahezu vollbetankten Maschine explodierte. Im Inferno begrub das Flugzeug eine Straßenbahn unter sich, 52 Tote waren durch das Unglück zu beklagen. Eine Gedenktafel vor der Kirche erinnert an das Unglück.

Im Inneren dominiert das Engagement der Pfarrei für Kunst. Eine ungewöhnliche, großflächige Videoinstallation des Künstlers Stefan Hunstein zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Kirche durch Kunst zu öffnen, neues Publikum zu interessieren, ist ein respektabler Ansatz.

Die Pfarrei engagiert sich für Kunst. Die Videoinstallation von Stefan Hunstein zeigt Frauen-Portraits. Der Künstler dazu (laut ausliegender Erläuterung): „Was wäre, wenn Gott eine Frau wäre?“ Ja, was wäre dann? Und warum ist die Skulptur neben der Installation verhüllt?

St.Paul ist ein beliebter Aussichtspunkt über das Oktoberfest – das steht auch im Mittelpunkt des Eintrages der Stadt München auf der eigenen Website zu dieser Kirche. Aber auch andere Informationen und weitere Bilder finden sich hier: https://www.muenchen.de/sehenswuerdigkeiten/kirchen-und-kloester/st-paul

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier.

Der Klang der neuen Zeit – Zwei Konzertbesuche

München, Herbst 1992

Das Konzert galt schon im Vorfeld als so legendär, dass jeder Platz ausverkauft war. Auch die schmalen harten Chorbänke hinter dem Orchester würden gefüllt sein bis auf den letzten Platz. Manche Kartenbesitzer begriffen ihr Glück erst, als sie am Eingang des „Gasteig“, des im Herbst 1992 noch als frisch empfundenen, weiten, luftigen Konzertsaals in München, ein Spalier von Suchenden und Rufenden durchdringen mussten: „Haben Sie noch eine Karte?“, war da vielstimmig zu hören, „Hundert Mark – oder mehr? Sagen Sie einfach, was ich zahlen soll!“

Ameisenhafte Emsigkeit herrschte im gestuften Foyer, besorgtes Suchen nach dem richtigen Eingang, schnell das Sektglas geleert, ein letzter Blick durch die hoch aufgefalteten Fenster über das Kopfsteinpflaster der Großstadtstraße, hinaus auf die im Regennass glänzenden Gleise der Straßenbahn, auf die rot aufleuchtenden Lichter der sich den Hang hinabbremsenden Autos. Dann der Welt den Rücken gekehrt, denn im Saal saß das Orchester bereits erwartungsvoll und gestimmt. Noch bedurfte es keines Hinweises auf das Ausschalten von Handys.

„Jugend an die Macht!“

Dann, als das Licht abdunkelte, als sich das allseitige Räuspern und Husten ängstlich legte, wohl wissend um die diesbezügliche Empfindlichkeit des Solisten, der schon Konzerte abgebrochen hatte wegen solcher Störungen, – als sich endlich die seitliche Tür öffnete, da traten die greisen Matadoren auf die hölzerne Bühne. Zwei Herren, der eine stolz aufrecht mit pechschwarzem Haar, der andere grau und gebeugt, kamen gemessenen Schrittes daher: Arturo Benedetti-Michelangeli, der legendäre Pianist, 72 Jahre alt und erst vor wenigen Jahren von einem auf offener Bühne erlittenen Herzinfarkt genesen, und Sergiu Celibidache, der Dirigent, 80 Jahre alt.

„Jugend an die Macht!“, flüsterte der nebensitzende Konzertbesucher, als er die ganze Wucht der Jahre erfasste, all der Töne und Noten, der abertausenden Stunden des Zweifelns und Übens, die sich hier auf das Podium tasteten. Aber auch dieser Lästerer war ergriffen von einem Auftritt, der an der Ewigkeit klopfen könnte, der ein geronnener Augenblick der Verbeugung werden wird vor den Lebensleistungen zweier Künstler, die seit Jahrzehnten, ihr ganzes wildes, wechselhaftes Leben lang, den richtigen Ton gesucht hatten, dabei Niederlagen erleiden mussten und Triumpfe feiern konnten. Sie hatten den Äther ungezählter Konzerthallen eingeschüchtert und abertausende Zuhörer zum ehrfurchtsvollen Schweigen gebracht.

Die unerbittliche Suche nach Perfektion

Dann setzte sich der heikle Pianist, der zu jedem Konzert mit zwei eigenen Flügeln anreiste. Er war komplett in schwarz gekleidet, akkurat sortierte er die zwei Schöße seines Fracks hinter die Klavierbank. Benedetti-Michelangeli galt als ausnehmend schwierig. Auf der Suche nach dem perfekten Ton war er unerbittlich sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber.

Celibidache erklomm seinen Hochstuhl. Auch er trug einen Frack und ein weißes, rüschenbesetztes Hemd. Er wollte und konnte einen ganzen Konzertabend nicht mehr über-stehen. Auch der Münchner Chefdirigent stand für die unerbittliche Suche nach der Perfektion. Er war für den Weltruhm der Münchner Philharmoniker ein künstlerischer Hauptgewinn, aber auch ein wirtschaftliches Desaster. Um die von ihm angestrebte Interpretationstiefe der Musik zu erzielen, verlangte er doppelt so viele Proben als andere Dirigenten. So entstand über die Jahre ein langsamer, zwischen Trägheit und Zärtlichkeit schwankender Ton. Hundertfach geduldig und wachsam eingeübt, ausgefeilt in allen seinen Klängen und Zwischentönen, entstand ein Klangbild, wie es kaum ein anderes Orchester bieten konnte im auch schon vor 30 Jahren als internationales Business betriebenen Klassik-Zirkus. Konzerte mit Celibidache waren Einladungen zu tiefempfundenen Musikerlebnissen, nicht wiederholbar, keiner Konserve zugänglich, und genau so wollte es der Maestro. Er weigerte sich, mit seinem Orchester Schallplattenaufnahmen zu machen. Was es heute an Celibidache-Aufnahmen zu kaufen und zu hören gibt, sind tolerierte Live-Mitschnitte aus seiner sehr frühen Berliner Zeit (als junger Wilder unter den Dirigenten, als Karajan-Antipode) und den sehr späten Jahren in München. Hier war er jetzt ein unumstrittener Herrscher.

Ein Herrscher, ein Solist

Benedetti-Michelangeli war bereit. Steif aufrecht thronte der Altmeister vor seinem Instrument, die Arme im rechten Winkel über der Tastatur. Schumanns a-Moll-Klavierkonzert beginnt mit einem heftigen Aufschlag des Orchesters, kurz und kräftig – und dann übernimmt das Klavier, und Benedetti phantasierte über die Tasten, wendig und versunken, ganz in sich gekehrt. Kein Blick ins Orchester, ein sachtes Wiegen des Oberkörpers war nur dann zu vernehmen, wenn er selbst spielte. Ein wahrer Solist.

Der von Schumann erdachte Dialog über drei Sätze zwischen Klavier und Orchester perlte in getragen-demütiger Wucht dahin, auf das lyrische Fragen des Klaviers, folgten die oft entschlossen aufbrausenden Antworten des Orchesters. Nach kaum 25 Minuten war das Ereignis vorbei. Der Schussakkord verklang, der Beifall rauschte auf, das Publikum jubelte, immer wieder, es gab letzte Zugaben und angedeutete steife Verbeugungen der alten Herren.

Zwei strenge Altmeister waren auf der Suche nach Perfektion gewesen. Ob sie sie gefunden hatten, war ihr Geheimnis geblieben.

 

  • Sergiu Celibidache gab sein letztes Konzert mit den Münchner Philharmonikern im Juni 1996 und verstarb im August des gleichen Jahres im Alter von 84 Jahren. Mehr über Dirigenten und sein Musikverständnis in dem wunderbaren Film „Sergiu Celibidache- Feuerkopf und Philosoph“: https://www.youtube.com/watch?v=1JkkVqK3FAE
  • Arturo Beneditti-Michelangeli starb im Juni 1995 im Alter von 75 Jahren. Das Konzert im Herbst 1992 im „Gasteig“ mit dem Schubert-Klavierkonzert war der letzte gemeinsame Auftritt in München mit Celibidache. In der Dokumentation „Ein unfassbarer Pianist“, die auch einen gemeinsamen Auftritt mit Celibidache im Juni 1992 (mit einen Klavierkonzert von Ravel) zeigt,  kann man sich noch heute ein Bild davon machen, was die perfektionistische Faszination dieses Künstlers anrichtete – im Positiven, wie im Negativen: https://www.youtube.com/watch?v=YErVzX_cLok

Igor Levit und die Münchner Philharmoniker.

München, Herbst 2022

Eine Wiedergeburt? Nein, reiner Zufall. Es gab keinen Plan. Der Saal ist auch nicht mehr derselbe, selbst wenn er sich „Gasteig HP 8“ nennt. Es ist der Ersatz-Konzertsaal, zwei Kilometer entlang der Isar entfernt vom sanierungsbedürftigen Original. Die Münchner und die strengen Ohren der Konzertkritik sind vom Provisorium „Isarphilharmonie“ begeistert: Beste Akustik, angenehme, moderne Atmosphäre.

Immerhin: das gleiche Orchester, zumindest dem Namen nach. Die Münchner Philharmoniker dürften inzwischen fast vollständig neu besetzt sein – Generationenwechsel. Und: Die gleiche Musik: Schuberts einziges Klavierkonzert in a-moll.

Auch im Provisorium herrscht wieder Bienenkorb-Atmosphäre. „Suche Karte!“ steht auf dem Schild, das ein verzweifelt Hoffender in die Luft hält, umschwirrt von Vorfreudigen. Lange Schlangen an den Garderoben. Dann ergießt sich das Kulturvolk in den schwarz ausgekleideten Saal, nimmt Besitz von ihm bis zum letzten Platz. Geducktes Huschen, während schon das Orchester die Bühne erobert, die Instrumente stimmt. Ein letztes Handy klingelt und mahnt alle anderen. Das Licht dimmt herab.

Eine junge Frau, ein junger Mann

Die Bühne betreten: Eine junge Frau und ein junger Mann. Die junge Frau ist fast lässig gekleidet im schwarzen 7/8-langen Hosenanzug, die Haare zum kurzen Pferdeschwanz gebunden. Der junge Mann hat lichtes schwarzes Haar, Vollbart und ein schüchternes Lächeln, das sein Markenzeichen ist. Über der schwarzen Hose und dem schwarzen T-Shirt lässt er seine bordeauxrote Jacke lässig offen.

Intensiv sucht Igor Levit den Blickkontakt in das Orchester, tauscht einen Händedruck mit der Konzertmeisterin. Dann, mit geballter Faust, teilt er seine konzentrierte Anspannung mit dem ganzen Saal und setzt sich an die Tasten. Er wechselt einen Blick mit der litauischen Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, die fast verschwindet hinter dem hochgestellten Deckel des vor ihr aufgebauten Flügels. Dann wieder der kurze, entschlossene Auftakt, eigentlich nur ein kraftvoller Ton des Orchesters, und schon tanzen Levits Finger über die Tasten. Die Musik entfaltet sich in den Saal, rauscht hinein in die stillen Reihen der Zuhörer, steigt hoch entlang der schwarzen Holzpaneele, die dem Saal die viel gelobte Akustik bescheren, erreicht die obersten Reihen, verklingt im Nichts der Zeit.

Levit badet in der Musik, und ist auch ein politischer Künstler

Levit badet sichtbar, fühlbar mit seinem ganzem Körper in der Musik, die da entsteht, er entringt dem Klavier seine Töne oft tiefgebeugt in einer für ihn typischen, geduckten Haltung, weniger um Perfektion bemüht als um einen unverwechselbaren Ausdruck. Wenn das Orchester spielt, wippt er am Klavier mit dem ganzen Körper, blickt fasziniert hinüber zu den Streichern, zu den Bläsern. Er ist in diesem Moment ein Teil von ihnen, nicht der gefeierte Solist. Levit wirkt nicht wie ein Star, obwohl er es ist. Es entsteht im Teamwork ein Moment der Demut vor der Musik.

Über den Pianisten Igor Levit ist alles geschrieben und berichtet worden, es gibt sogar einen aktuellen Film über ihn und sein Wirken und Leiden während der Corona-Krise („No Fear“). Levit ist im Kulturbetrieb eine auch deshalb auffallende Erscheinung, weil er neben seinem Klavierspiel auf höchstem Niveau sich auch und dezidiert als politischer Künstler versteht. Er ist Mitglied der Grünen und war bis vor kurzem hochaktiv auf Twitter, das er zuletzt aber verließ. Im Film kann man ihn dabei beobachten, wie er unter freiem winterlichem Himmel Klavier spielt – als Ereignis der Solidarität mit den Klima-Aktivisten zum Erhalt des Dannenröder Forstes für den Bau einer Autobahn. Er kritisiert Antisemitismus und Rassismus. Er hat dafür viel Hass eingesteckt, aber auch große Solidarität erfahren. Er macht Podcasts und wirbt manchmal während eines Konzertes für seine politischen Ansichten. Man muss nicht jede davon teilen, aber man kann anerkennen: Igor Levit ist ein Künstler, der das tut, was eine Gesellschaft von guten Bürgern erwartet. Er nutzt seine Popularität, seine Öffentlichkeit, um für seine Meinung, für die Werte seines Landes, in dem er aufgewachsen ist, das ihm als gebürtigem Russen seine Heimat gegeben hat, einzutreten.

Die Dirigentin bleibt im Hintergrund. Ihre Stunde schlägt nach der Pause

Mirga Gražinytė-Tyla bleibt bei Levits Auftritt völlig im Hintergrund, nicht nur bildlich hinter dem Flügel, sondern auch beim Beifall, nachdem auch in diesem Konzert wieder die Schlussakkorde verhallt sind. Levit und Gražinytė-Tyla umarmen sich, längst rauscht und tobt der Beifall des Publikums. Aber während er die „Bravo“-Rufe schon hört, die vor allem ihm gelten, verneigt er sich vor dem Orchester. Erst dann wendet er sich herum. Als er aus dem Bühnenhintergrund zurückkehrt in das Bad der Begeisterung, bleibt er allein.

Die Dirigentin überlässt ihm die Bühne. Ihre Stunde schlagt nach der Pause. Dann wird sie den vielstimmigen Klangkörper des Orchesters zähmen und beherrschen. Kein Maestro, sondern eine junge, schmale Frau, klug und inspiriert, wird mit Energie und Fleiß den mehr als achtzig erfahrenen Frauen und Männern im Orchester, allesamt Vollprofis in ihrem Fach, die meisten älter als die Dirigentin, ihre eigene musikalische Idee abringen.

Es ist die gleiche Musik. Und doch …

Es ist die gleiche Musik wie vor dreißig Jahren, dargeboten auf höchstem Niveau, damals wie heute. Und doch ist es auch der Wandel der Zeit, den die Zuhörenden erleben. Wenn sie wollen, können sie diesen nicht nur hören, sondern auch sehen und spüren. Als das Konzert der Altmeister Celibidache und Benedetti-Michelangeli im Gasteig ausklang, war Mirga Gražinytė-Tyla sechs Jahre und Igor Levit fünf Jahre alt. Die Jugend hat übernommen, und sie verändert den Klang der Zeit.

 

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Die beängstigende Strenge von Maulbronn (#39)

Klosterkirche Maulbronn, Klosterhof 10, 75433 Maulbronn

Mein Besuch am 23. Oktober 2022

Der ganze Zauber von Maulbronn zeigt sich im Kreuzgang mit dem luftig leichten Brunnenhaus, dessen Plätschern dem Zwitschern der Vögel Konkurrenz macht. Hier ist nichts streng, alles lädt zum meditativen Verweilen ein.

Ein Weltkulturerbe! Über das Zisterzienser-Kloster von Maulbronn ist alles gesagt und geschrieben. Die Anlage duckt sich in die Hügel, der Weinbau leuchtet im herbst in goldenen Farben über den Friedhof hinweg zum uralten Gemäuer, das den weiten Klosterhof umgibt. Es ist ein harmonisch-weiter Ort, auch ein sehr weltlicher Ort mit kleinen Restaurants, Andenkenläden, einem Museum, einem Buchgeschäft.

Der engere Klosterbereich mit der Kirche und dem Kreuzgang begrenzt und dominiert den Klosterhof mit verheißungsvoller Gotik. Die Kosterkirche von Maulbronn ist im Sommer heute noch das Gotteshaus für die evangelische Kirchengemeinde, aber auch immer wieder von Kerzenlicht magisch durchschimmerter Ort für Konzerte. Im Winter ist die Kirche zur Nutzung zu kalt; beim Besichtigungsbesuch im Oktober (nur gegen Eintritt) konnte ich schon einen Vorgeschmack davon erleben. Die Grundmauern der Kirche sind uralt, reichen zurück auf den ersten romanischen Bau nach der Klostergründung von 1113; ihre äußere Anmutung von heute einschließlich einer wunderschönen Gewölbedecke bekam sie im 14. Jahrhundert. das Kirchenschiff ist unterteilt durch einen wuchtigen romanischen Lettner, der eine unüberwindbare Raum- und Sichtbarriere bildet zwischen dem Kirchenschiff für die Laien und dem hölzernen Gestühl, das aus dem 15. Jahrhundert stammt und einst mehr als 90 Mönchen Platz bot Vor dem Lettner mahnt auf der Laienseite ein gewaltiges Kruzifix, das 1473 aus einem einzigen Sandsteinblock hergestellt wurde.

Die Strenge der Klosterkirche schüchtert ein. Der romanische Lettner trennte einst die Laien von den Mönchen. Er ist eine wuchtige Mauer zwischen Geistlichkeit und Gläubigen, war genau so gedacht und wirkt auch heute noch so.

Ganz im Gegensatz zur einladenden Weite der Anlage hinterließ bei mir der Besuch in der Kirche einmal mehr (denn ich war schon mehrfach dort) einen Gesamteindruck von großer, beängstigender Strenge. Entsprechend eingeschüchtert bin ich aus dieser kalten, hohen Kirche herausgetreten, hinein in den so einladenden Kreuzgang mit grünem Innenhof, vorbei am luftigen Brunnenhaus, durchzwitschert von fröhlichen Vögeln.

Das Kloster war seit 1556 (und bis heute) auch ein evangelisches Internat. Johannes Kepler, Eduard Mörike, Friedrich Hölderlin, Hermann Hesse haben dort gelernt. Hesse hat darüber ein ganzes Buch geschrieben („Unterm Rad“) und dabei vor allem seine Last mit der strengen Klosterschule geschildert. Ganz gewiss war er auch oft in dieser Kirche; und dieser Raum wird seine Leiden nicht verringert haben, fürchte ich.

Kloster Maulbronn ist eine überaus eindrucks- und stimmungsvolle Anlage und daher jeden Anreiseweg wert. Eine sehr gute Zusammenfassung finden Sie hier: https://www.kloster-maulbronn.de/wissenswert-amuesant/dossiers/weltkulturerbe-maulbronn

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Am Ende gewinnt immer das Runde

Ein Essay über Fußball, Mathematik und Moral

Der Künstler Şakir Gökçebağ möchte den „banalen Dingen des Alltags eine ungeahnte, neue Aufmerksamkeit“ verschaffen, so der Begleittext des Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart, so derzeit seine Werke zu besichtigen sind. Hier ist ihm gelungen, was unmöglich erscheint: Das Runde in etwas Eckiges zu hineinzuquetschen.

Üblicherweise ist ein Apfel rund. Freiwillig fügt er sich nicht in ein geometrisch sauberes Quadrat. Im allwissenden Internet sind Filmchen zu finden, wie kleine Äpfel beim Größerwerden in ein quadratisches Plastikästchen gezwängt werden, und dann halbwegs eckig vom Baum fallen. Mit etwas Gewalt gelang es auch dem in Hamburg lebenden Künstler Şakir Gökçebağ, den Äpfeln das Runde abzuzwingen. Er hat Äpfel so lange eckig zugeschnitten, bis sie in seinem Kunstwerk, ganz eng zusammengedrängt, einem Puzzle gleich, ein sauberes Quadrat bilden.

Rund und Eckig – das passt nicht

Für den Betrachter des Apfel-Gevierts bleibt ein Störgefühl zurück. Rund und eckig, das widerspricht sich einfach, das ist wie Feuer und Wasser, wie heiß und kalt. Deshalb halten wir inne vor dem Bild mit den sauber zum Quadrat zusammengeschnipselten Apfelgehäusen. Jeder Versuch, das Runde in das Eckige zu bringen, ist eben eine „Quadratur des Kreises“ – und wir wissen instinktiv: Es kann nicht ganz gelingen. Der Versuch, mit Zirkel und Lineal die Fläche eines Kreises exakt in die Fläche eines Quadrats zu übertragen, bleibt unmöglich für die Menschheit. Ein kluger deutscher Mathematiker namens Carl Louis Ferdinand Lindemann hat dafür im Jahr 1882 sogar den mathematischen Beweis erbracht.

So wurde die „Quadratur des Kreises“ zur sprachlichen Metapher. Sie steht für den zum Scheitern verurteilten Versuch, eine moderne Innenstadt gleichzeitig autogerecht und doch saftig grün und lebenswert durchlüftet zu gestalten; sie beschreibt das unmögliche Begehren an den Staat, Wohlstand für alle zu gewährleisten, und doch möglichst keine Steuern zu erheben. Jeder kennt solche Situationen: Man kann nicht beides gleichzeitig haben, die Dinge sind eben entweder rund oder eckig. Man kann sich oft annähern, man kann Kompromisse schließen, aber der Kreis wird nie quadratisch.

Zu besichtigen ist das gewaltsam zusammengepresste Apfel-Quadrat derzeit (und noch bis Mitte April 2023) im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart. Dort widmet man sich ganz speziell der Geometrie in der Kunst, mit Vorrang also solchen Bildern oder Skulpturen, die das Quadrat zum Thema haben. Das Museum gehört zu einem Schokoladenimperium, dessen Produkte ausgeprägt eckig daherkommen – quadratisch nämlich. Noch dazu tragen sie „Sport“ in ihren Namen trägt, was uns mitten hineinführt in diese Betrachtung über das Runde, das Eckige und die Moral.

„Das Runde muss in das Eckige“

„Das Runde muss in das Eckige“, philosophiert das ewige deutsche Fußballgedächtnis und meint damit den simplen Umstand, dass der Ball ins Tor muss. Der banale Satz zieht seine Spannung aus einem inneren Gefühl der Unmöglichkeit, die er auszudrücken scheint. Nicht nur der Fußballfan kennt die Verzweiflung darüber, wenn der Ball einfach „nicht reingehen will“, wo doch eigentlich und rein physikalisch betrachtet eine Lederkugel mit rund zwanzig Zentimetern Durchmesser mühelos zwischen ein Lattengerüst hineinpassen sollte, das mehr als sieben Meter breit und gut zwei Meter hoch ist. Gewiss, ein Torwart will das verhindern, und eine vielfüßige Verteidigung noch dazu. Trotzdem sollte es doch nicht so schwer sein, meint jeder Laie, der einmal vor der leibhaftigen Größe eines Fußballtores gestanden hat. Und wurde dann schnell eines Besseren belehrt, wenn er den Ball mit voller Wucht neben oder über das leere Tor gedroschen hatte.

Was soll das Gerede vom Runden und dem Eckigen? Es geht doch! Vieltausendfach mühen sich an jedem Tag sportbegeisterte Menschen auf der ganzen Welt damit ab, auf den verwöhnt-geheizten Rasenflächen der Stadien genauso wie auf den schweißgetränkten Buckelpisten der Vereine, in den gepflasterten Hinterhöfen oder auf staubigen Bolzplätzen. Und zappelt es dann endlich im Eckigen, das Runde, dann purzeln Kinder jubelnd auf dem Boden herum, brüllen wildfremde Männer ihre Erleichterung heraus, fallen sich erwachsene Frauen gegenseitig um den Hals.

Fußball-Deutschland und die Quadratur des Kreises

Ganz Fußball-Deutschland steht in den nächsten Wochen eine Quadratur des Kreises bevor. Das Runde muss mal wieder in das Eckige, diesmal zur gefühlten Unzeit vor Weihnachten, und noch dazu drängen sich die suspekten Scheichs von Katar dabei als Gastgeber auf den von Wüstenödnis umgebenen grünen Rasen. Die Umstände rund um die dargebotene Veranstaltung sind unsäglich. Eine böse Blutgrätsche der Fußball-Moral ist zu besichtigen: Über 6.500 migrierte Arbeiter sind (lt. der britischen Tageszeitung The Guardian) aufgrund der Arbeitsbedingung beim Bau klimatisierter Stadien in der Wüste verstorben. Für die neuen Arenen wird es keine Verwendung geben, wenn die Fußball-Millionäre abgereist sind. Ein Unrechtsstaat fläzt sich da auf die sportliche Weltbühne, eine Monarchie, die nach der Scharia urteilt, Frauen unterdrückt, Homosexuelle betraft und die Todesstrafe vollzieht. Eine rücksichtslose Elite beutet in Katar die ihnen zufällig zugefallenen Energieressourcen gnadenlos zum eigenen Vorteil aus.

Noch dazu wird eine wahnwitzige Verschwendung von Geld und Energie zu besichtigen sein für ein Turnier, das man genauso gut zu einer passenderen Jahreszeit anderenorts in ohnehin vorhandenen Arenen hätte durchführen können. Oder auf das man vielleicht auch ganz hätte verzichten können, da uns aktuell die Quadratur des allergrößten Kreises unserer Zeit abverlangt wird: Nämlich Energie zu sparen, das Klima zu retten, unsere demokratischen Werte zu verteidigen, in einem Krieg unserer Nachbarn solidarisch zu bleiben, und dabei trotzdem halbwegs Wohlstand für die meisten zu erhalten und allen eine warme Wohnung zu heizen.

Gucken oder nicht?

Was also tun? Gucken oder nicht? Glühwein zum Elfmeterschießen? Fein raus sind nur die, deren Desinteresse für Fußball tief verwurzeltet ist. Wer sich diesbezüglich frei glaubt von jeder Verlockung, werfe also den ersten Ball! Aber Achtung: Das Bekenntnis ist nur glaubwürdig von denjenigen, die noch niemals dabei waren, auch nicht in wichtigen Spielen bei Europa- oder Weltmeisterschaften, einem Finale gar, daumendrückend, Chipstüten-bewaffnet und jubelbereit, verzweiflungsgeplagt. Alle anderen, auch die nur gelegentlich Interessierten, erst recht die süchtigen Final-Zitterer, die spannungsgeladenen Hoffnungsfrohen, werden gnadenlos vor die Frage gestellt werden, ob sie ihr Rundes (also ihren Kopf) tatsächlich vom eckigen Bildschirm fernhalten wollen.

Moral und Spitzensport, das ist eben auch eine Quadratur des Kreises, das passt nicht zusammen. Sepp Herberger, von dem der Spruch mit dem Runden, das ins Eckige muss, stammt, war der Trainer jener deutschen Nationalmannschaft, die 1954 das „Wunder von Bern“ vollbrachte, der überraschend errungene Weltmeistertitel für das Fußball-Deutschland der geächteten Kriegsverursacher. Herberger war NSDAP-Mitglied und wurde doch zum deutschen Nachkriegshelden. 1978 fand die Weltmeisterschaft in Argentinien statt, das damals von einer blutigen Diktatur regiert wurde. Bei der WM von 2018 in Russland schieden die deutschen Jungs als Gruppenletzte schon in der Vorrunde aus. Die deutsche Öffentlichkeit beschäftigte das deutlich mehr als der Umstand, dass der „Gastgeber“ schon vier Jahre zuvor sich rechtswidrig Teile der Ukraine gewaltsam angeeignet hatte. Und wären uns die in Umerziehungslagern kasernierten Uiguren wichtig gewesen, oder die in ihrer kulturellen Identität unterdrückten Tibeter, dann hätten wir auch ganz sicher nicht die olympischen Spiele in China verfolgend dürfen.

Am Ende gewinnt immer das Runde!

Da bleibt dem zweifelnden Zeitgenossen nur die Gewissheit: Am Ende gewinnt das Runde! Der Kreis wird nicht zum Quadrat und der Apfel selbst im Plastikkorsett kein sauberer Würfel. Das Spiel gewinnt, wer das Runde ins Eckige bringt, und nicht umgekehrt.

Und es ist der runde Kopf, der hinsieht und sich das Seine denken kann zu dem kommerziellen Wahnsinn, der da aus dem elektronischen Viereck quillt. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, formulierte es einmal der französische Schriftsteller Francis Picabia. Was für ein Traumtor!

 

Die Ausstellung mit Werken von Şakir Gökçebağ ist noch bis 16. April 2023 im Museum Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart zu besuchen.

Die Erklärung, warum die Quadratur des Kreises eine unlösbare Aufgabe ist, übersteigt deutlich meine eigenen mathematischen Fähigkeiten. Wer tiefer in das Rätsel einsteigen möchte: Bitteschön, vielleicht hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Quadratur_des_Kreises

Francis Picabia war ein vielfältiges Talent, vor allem auch ein Maler. mehr über ihn  können Sie z.B. hier nachlesen: https://kunstmuseum.com/francis-picabia/

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Der Barde und die Baby-Boomer

Ein Essay über den Liedermacher Reinhard Mey, die Freiheit und die Verantwortung

Es gab nichts zu verantworten für die Schüler in der Kleinstadt, aber die Institution nannte sich trotzdem „Schülermitverantwortung“. Für den Schulrektor waren sie eine potenzielle Störung des Schulalltags, für die Lehrer aufschneiderische Wichtigtuer, für die meisten Schüler entweder selbstverliebt oder machtlos oder beides. Dennoch: einmal im Monat, nach dem Unterricht, früher Nachmittag, fand die gemeinsame Sitzung der von ihren gymnasialen Klassen gewählten Schülersprecher statt. Ort: Klassenraum 3.32, dritter Stock, Linoleum, zotiges Gekritzel auf den Schulbänken. Der abgegriffene Holzzirkel drohte von der Wand, die Tafel war verschmiert.  Man atmete den Muff des letzten Unterrichts, befühlte die fremden getrockneten Kaugummis unter Bänken und Stühlen. Irgendjemand hatte Jasmin-Tee gekocht, der neueste Schrei unter den Gymnasiasten, und bröckeligen Kandiszucker besorgt. Gesucht waren Ideen, was mit der Mitverantwortung anzustellen sei. Was könnte man den Schülern bieten?

70er Jahre: Mond betreten, Jasmin-Tee mit Kandiszucker

Es war die Zeit, als der Mond gerade eben vom Menschen betreten und, wie erwartet, als staubig und unwirtlich vorgefunden worden war. Die olympischen Spiele in München standen noch bevor. Beginn der siebziger Jahre in Deutschland, das Ende des kriegerischen Jahrhunderts dämmerte schon am fernen Horizont. Die Generation der „Baby-Boomer“ (die man damals noch nicht so nannte) sorgte für überquellende Klassenzimmer, seit im Land der Kriegsverursacher Frieden und Wohlstand eingezogen war.

Dazu immer Musik! Wenn es nicht die Beatles oder Stones waren, wenn es deutsch sein sollte, dann Peter Alexander, Roy Black oder Tony Marshall. „Mein Freund, der Baum“, die frühe Öko-Hymne der 1969 tödlich verunglückten Sängerin Alexandra war textlich schon herausragend anspruchsvoll gewesen, sonst aber waren deutsche Lieder rosarot und seicht.

Die erste verwöhnte Generation

„Was bin ich?“ fragte sich ganz Fernsehdeutschland vor dem Bildschirm, aber eine Antwort gab es dort nicht. Nur viele neue Fragen taten sich auf, wenn die einstigen Trümmerfrauen, die bescheiden wohlstandsstolzen Vertriebenen und die noch immer traumatisierten Kriegsheimkehrer auf ihre Kinder blickten: langhaarige, barttragende, dauergewellte Schlaghosenträger/innen. Auch diese Generation war sich einig in der Abgrenzung zu ihren Eltern, die nur schaufeln und schaffen und wegschauen wollten. Aber die ersten Kinder des Wirtschaftswunders waren auch schon verwöhnt vom Wohlstand, in dem sie satt und sehnsüchtig dem nächsten elternfinanzierten Italienurlaub entgegenträumen konnten.

Der Liedermacher und seine Generation: Reinhard Mey füllt jetzt große Hallen, in Stuttgart waren es mehr als 5000 Zuhörer/innen.

Der Frieden schien gesichert im Schatten der Waffen

Zurück lag der Aufruhr des Sommer 1968, als in den Großstädten Auflehnung gegen die Lähmschicht des Stillstandes und der stillen Verleugnung sich den Weg bahnte. Wütende Studierende hatten die Ruhe in den deutschen Wohnzimmern gestört, Pflastersteine waren geflogen gegen damals noch lächerlich schwach geschützte Polizisten. Schaufenster splitterten. Und die zerfetzten Bild-Zeitungen lagen im Schlamm der Straßen, durchweicht vom Nass der Wasserwerfer, mit deren Hilfe der verzweifelte Staat dem rebellischen Treiben seiner Jugend hatte Einhalt gebieten wollen. Vorbei war die Kuba-Krise und die Niederschlagung des Prager Frühlings, das System der atomaren Abschreckung war im Gleichgewicht, stabiler Frieden schien gesichert im Schatten der tödlichen Waffen.

Die Krawalle in München, Berlin oder Frankfurt hatten die Schüler-Mitverantwortlichen, genauso wie die Mondlandung, nur in verschneiten, wackeligen Schwarz-Weiß-Bildern auf der gewölbten Oberfläche des heimischen Fernsehers erlebt. Für die Provinz-Gymnasiasten in Raum 2.32 war alles das wichtig gewesen, aber auch sehr weit weg.

Dann holte einer ein mobiles Tonband hervor, fummelte das Kabel in die Steckdose, drückte ein paar Tasten. Mitschnitt aus dem Radio, vor ein paar Tagen, sagte er.

„Ich wollte wie Orpheus singen …“

„Ich wollte ….“, sang eine schüchterne Männerstimme, „… wie Orpheus singen“, tastete sich das Lied, begleitet nur vom Zupfen einer Gitarre, zwischen das Rauschen und Knacken im schwächlichen Lautsprecher. „Ich wollte wie Orpheus singen, dem es einst gelang, Felsen selbst zum Weinen zu bringen – durch seinen Gesang…“

„Reinhard Mey!“, riefen gleich mehrere Schülermitverantwortliche. Und dann war die Idee schnell geeint: Macht der nicht eine Tournee? Ganz sicher wird er nicht in unsere Kleinstadt kommen, aber vielleicht in den größeren Ort in der Nähe, könnten wir nicht eine Fahrt dorthin organisieren?

Dieser Mann war damals 29 Jahre alt und sang bisher ungehörte deutsche Lieder. Reinhard Mey tourte mit seiner Gitarre durch die Hinterzimmer und kleineren Säle des Landes. 1967 hatte er seinen ersten Plattenvertrag ergattert, verglich sich mit Orpheus, spottete über deutsche Krimis, in denen „immer der Gärtner“ der Mörder sei und erlebte 1972 seinen ersten Popularitätsdurchbruch mit der Ballade „Gute Nacht, Freunde“.

Politisch, aber nicht rebellisch

Es waren die Texte seiner Lieder, die dem Lebensgefühl junger Menschen in den Siebziger-Jahren Ausdruck verliehen. Reinhard Mey (und andere, wie Hannes Wader oder etwas später Konstantin Wecker) trafen den Nerv einer Jugend, die politisch sein wollte, aber nicht mehr so rebellisch wie ihre älteren Geschwister. Es waren 15-, 17-, 19-Jährige, denen es dank ihrer fleißigen Eltern gut genug ging, dass sie es sich nun leisten konnten, das Zuhören zu lernen.

120 Mark kostete die Miete für den Bus, der die Schüler des Kleinstadt-Gymnasiums zur Halle in der Regionalmetropole brachte. Zwanzig Teilnehmer hatten sich bei der Schülermitverantwortung für die Fahrt angemeldet. Als es so weit war, trat der junge Barde vor den beigefarbenen Vorhang. Der Saal war vollbesetzt mit vielleicht dreihundert jungen Menschen, die hören wollten, was damals neu und ungewohnt war: Deutsche Texte, sanft, nachdenklich machend, diskursiv, auch öfters spöttisch. Es war ein Ton, der die dumpfe Selbstgerechtigkeit der Nachkriegsjahre genauso hinter sich ließ wie den gewaltgeprägten Krawall der 68er-Bewegung.

Still war es damals im kleinen Saal, …

Ganz still war es damals im stickigen Saal, kein rhythmisches Klatschen, keine Feuerzeuge, nur das Zuhören junger Menschen und dann Beifall und Hoffnung auf eine Zugabe, vielleicht noch eine Zugabe. Damals waren die Lieder von Reinhard Mey Teil der Veränderung, die bevorstand. Sie waren in ihrer Einfachheit – nur eine Gitarre und ein Mann, der singt – eine Vision für eine neue deutsche Nachdenklichkeit. Sie kündeten früh von jener Achtsamkeit, die wir uns heute mühsam abringen. Sie nahmen auch den Spott vorweg, der nun Comedy heißt.

… heute warten 5000. Graue Locken bestimmen das Bild

Zeitsprung! Stuttgart, Porsche-Arena, Oktober 2022. Fünfzig Jahre sind vergangen, der Sänger ist an Jahren gealtert wie auch sein Publikum. Graue Locken bestimmen das Bild, wackelig und tastend auf Geländersuche staksen die Klassenkameraden der einstigen Schülervertreter über die steilen Stufen der Riesenarena in ihre Sitzreihen.

Beifallumrauscht, gleichermaßen vorfreudig wie vorsichtig, nimmt der fast achtzigjährige Reinhard Mey die Stufen hinauf zur Bühne, auf der seine Gitarre schon wartet. Still wird es auch jetzt noch im dunklen Saal, wenn der Barde die Gitarre zupft. Jetzt sind es mehr als 5000 Menschen, die einem alten, weißen Mann zuhören, der ihnen noch immer etwas zu sagen hat. Es ist eine demutsvolle, sehr persönliche Rückschau, zu der er einlädt, ein sanfter, dankbarer Blick auf ein Leben voll Liebe und Wein, auf Momente von Glück und tiefer Trauer, auf die eigenen Kinder, die nahen Mitmenschen, auch auf die Annäherung an den Tod.

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück

Ein Mann, seine Stimme, eine Gitarre. Im Dezember wird Reinhard Mey 80 Jahre alt. Er trifft noch immer den Ton seiner Generation. Aber welcher Ton ist das?

Politisch hält sich der Liedermacher auf der Bühne zurück. Das war nicht immer so. Immer wieder hat sich Reinhard Mey in seinen Liedern dezidiert politisch und pazifistisch positioniert.  „Nein, meine Söhne geb ich nicht …“ textete er 1986 im gleichnamigen Lied, „… sie werden nicht in Reih und Glied marschieren, nicht durchhalten, kämpfen bis zuletzt.“ Lieber werde er „mit ihnen in die Fremde ziehen, in Armut und wie Diebe in der Nacht.“ Im April 2022, im ersten großen Schock über den Krieg in Europa, hatte sich Reinhard Mey als Erstunterzeichner dem umstrittenen „Offenen Brief“ angeschlossen, in dem zahlreiche Künstler und Intellektuelle zur Zurückhaltung bei Waffenlieferungen an die Ukraine aufriefen.

Im Konzert sagt oder singt er kein Wort dazu. Aber dann, fast zum Schluss, schon als Zugabe, stimmt Mey seinen größten Erfolg an. Es ist die stille Hymne auf den Traum einer grenzenlosen Freiheit, die man wohl nur über den Wolken, nicht bei uns auf der Erde finden könne. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Der betörende Mehrklang der Wohlstandsfreiheit

Noch immer trifft der Liedermacher den Ton seiner Generation. Es ist der ungemein verlockende, in seiner Schönheit so betörende Mehrklang aus Sehnsucht und Tatenlosigkeit, der dieses Lied für viele Menschen berührend macht. Es ist ein Statement für eine Wohlstandsfreiheit, die nicht erkämpft oder aktiv verteidigt werden muss.

Leider ist die Welt von heute nicht so. Die Baby-Bommer werden nicht umhinkommen, noch einmal neu zu lernen, Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Reinhard Mey ist noch bis 15. Oktober 2022 auf Tournee. Ich habe das Konzert am 18. Oktober 2022 in Stuttgart erlebt.

Die angesprochenen Lieder habe ich jeweils direkt im Text verlinkt, jeweils zu Youtube. Wenn Sie draufklicken, stimmen Sie der Weiterleitung zu. Es lohnt sich, zuzuhören!

Mich persönlich hat auch eine Neuversion des pazifistischen Liedes „Meine Söhne geb ich nicht“, eine Gemeinschaftsproduktion von Reinhard Mey und mehreren weiteren Künstlern sehr angesprochen. Die Künstler werben damit für https://friedensdorf.de/

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