Mal mehr Mozart, mal mehr Zufall

Wenn KI Klassik komponiert – Ein Konzerterlebnis

Unterlegt vom Geschnatter der restlichen Streicher stürmt zunächst das drängende Cello auf die abwartende erste Violine ein; dann umgekehrt. Irgendwann im weiteren Verlauf einigen sie sich auf eine Harmonie und der anfangs stürmische Streit mündet in einem Hörerlebnis der Ausgeglichenheit. Es ist das Streichquintett C-Dur (KV 515) von Wolfgang Amadeus Mozart, das so beginnt.

Eine Installation aus der Ausstellung „Shift- KI und eine zukünftige Gemeinschaft“ im Kunstmuseum Stuttgart. Im Rahmenprogramm dieser Ausstellung fand das hier beschriebene Konzert statt. Foto: Gerald Ulmann, bereitgestellt vom Kunstmuseum Stuttgart

Entstanden sind diese Töne im Jahr 1787. Der umjubelte Komponist war 31 Jahre alt und berauscht vom Höhenflug des Erfolges seines „Figaro“. Wie hat er seine eigenen Töne gehört, während er sie, vielleicht in fliegend-kreativer Hast, zu Papier brachte? Das Genie musste sie vermutlich gar nicht hören können, seine Musik erklang ihm im Kopf. Wer aber kein Genie war, der brauchte Instrumente und fünf fachkundige Musikerinnen oder Musiker, um das Werk zum Erlebnis werden zu lassen.

Technische Intelligenz hat die Musik schon längst erobert

Gut hundert Jahre später trat das Grammophon auf den Plan. Seit 1889 hat technische Intelligenz die Musik erobert. Mit Hilfe eines furchterregend großen Kastens und seines emporragenden Schalltrichters rang die Technik dem Schellack krächzende und rauschende Töne ab. Es folgten viele Schritte des technischen Fortschritts, das Rauschen wurde leiser und die Qualität der musikalischen Konserve besser. Elektrische Lautsprecher lösten den Trichter ab und Motoren die Kurbel, handliche und weniger empfindliche Tonbandcassetten schließlich die sperrige Schallplatte. Die noch robusteren kleinen silbernen CD´s folgten, der Walkman brachte der Musik das Laufen bei, und heute quillt jederzeit Musik aus jedem Handy, ganz ohne Ruckeln und Rauschen, in glasklarer Qualität, immer und überall. Aber es blieb dabei: Komponieren musste der Mensch.

Der Kreis zu Mozart wäre daher erst geschlossen, wenn die kleinen Apparate, aus denen jetzt nach wenigen Wischbewegungen jene Musik quillt, die einst vom Menschen komponiert wurde, auch noch dazu in der Lage wären, die schönen Töne gleich selbst zu erfinden. Was die Produktion der Töne angeht, wäre das kein Problem. Aber die Komposition?

„Komponiere mir ein Streichquintett!“

„Komponiere mir ein Streichquintett im Stil von Wolfgang Amadeus Mozart“ – mit einer solchen Aufforderung hat Dr. Axel Berndt, Experte für „Interactive Algorithmic Sound and Music“ an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe seinen Computer tatsächlich auf eine musikalische Reise geschickt. Was dabei herauskam, war kürzlich im Stuttgarter Kunstmuseum zu hören, vorgetragen von den Streicher-Profis des Stuttgarter Kammerorchesters.

Der Konzertabend traf auf angemessen erregtes Interesse eines neugierigen Publikums, wobei sich die musik- und technikinteressierten Menschen bunt durchmischten, um eine halbe Stunde im klimatisiert kühlen Saal anzuhören, was der Computer ihnen musikalisch mitzuteilen hatte. Unstrittig ist immerhin, dass Computerprogramme bereits heute achtbare Ergebnisse erzielen, wenn sie sogenannte „Gebrauchsmusik“ komponieren, also zum Beispiel Musiksequenzen, die Filmszenen untermalen. Aber kann sich Komponist KI mit Mozart messen?

Zunächst ist menschliche Intelligenz gefragt

Zunächst sahen sich die erwartungsvollen Konzertbesucher geballter menschlicher Intelligenz ausgesetzt. Dr. Berndt war ehrlich bemüht, dem Publikum näherzubringen, wie das denn nun vor sich geht, wenn der Computer Musik im Stile Mozarts ausbrütet. Einfach ist es nicht, das wurde schnell deutlich. Mit sehr unterschiedlichen Methoden kann ein kundiger Computerfreund die Maschine zum künstlich intelligenten Komponieren anstiften. „Neuronale Netze“, „genetische Algorithmen“ oder „Markov-Ketten“ heißen diese Zauberformeln, wobei der mitfühlende Experte sich und seinem Publikum ersparte, deren Unterschiede auszubreiten. Je nachdem, was davon angewendet wird, kommt etwas anderes heraus.

Schwierige Materie, das Ganze, vielleicht so viel: Wie das vielzitierte KI-basierte Schreibprogramm kann auch der Musikcomputer nur komponieren, wenn ihm zuvor als Lernmaterial grundlegende Stilrichtungen vorgegeben wurden (z.B. ein Mozart-Streichquintett). In vielen sich wiederholenden Lernschritten erlernt die künstliche Intelligenz auf dieser Grundlage kompositorische Abläufe und Charakteristika, etwa so, wie man bei Kindern das Erlernen der Muttersprache miterlebt – in ungezählten, millionenfach wiederholten Alltagsschritten. Nur dass die Software keinen Alltag hat, nicht schläft und nicht träumt und nicht isst, so dass sie die Aneignung unermüdlich, ununterbrochen, Tag und Nacht, millionenfach neu in sich hineinlernen kann. Nach einiger Zeit könnte die Software dann tatsächlich Musik im Stile von Mozarts Kammermusik produzieren.

Eine Mozart-Retorte reicht nicht

Kann es dann jetzt also losgehen mit der KI-Musik?

Nein, erläutert der Experte. Denn so entstandene Musik würde zu sehr berechenbaren Ergebnissen führen, gewissermaßen eine sich ständig wiederholende Mozart-Retorte. „Zu langweilig“, urteilt Dr. Berndt. Der KI muss also zusätzlich die Aufgabe gegeben werden, gezielt und willentlich (hat KI einen Willen? Ja, wohl schon.) abzuweichen von dem, was sie da gerade mühsam erlernt hat.

„Und nach welcher Logik geht das?“, wird der musikalische Zauberlehrling fragt. „Das ist dann Zufall“, freut sich dieser über seine selbst gewählte Machtlosigkeit. Immerhin, in welchem Umfang er der musikalischen Software vorgibt, sich an Mozart zu halten, oder eigene, freie Ideen beizumischen, das könne er beeinflussen. Man solle sich das wie einen Regler vorstellen: mal mehr Mozart, mal mehr Zufall.

Wer KI spielt, blättert keine Papiernoten

Genug der Erläuterungen, jetzt endlich mal was hören von der komponierenden KI! Schon quillt das Streichorchester aus den rückwärtigen Türen des Saals. Mit i-Pads ausgerüstet nehmen sie ihre Positionen ein. Wer KI spielt, blättert kein Papier.

Gute Laune hinter dem i-Pad: Das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) versucht sich an der Interpretation von Klassik, die Künstliche Intelligenz erzeugt hat. Foto: Wolfgang Schmidt Ammerbuch, bereitgestellt von SKO

Was zu hören ist, klingt gefällig, hat auch musikalische Spannungsbögen, und doch: Irgendwie verhallen die drei Stücke „Cannon Crossover“, „Polyphnic Skeleton“ und „Deconstruction“ ziemlich konturlos im Raum. Wenig davon haftet im Ohr, und wenn, dann am ehesten jene Töne der leisen Ironie, die sich auch in den grinsenden Gesichtern der Musiker/innen ausdrückt, immer dann, wenn sich im KI-Werk deutlich manche Mozart-Zitate heraushören lassen. Das waren dann wohl die Stellen, an denen Dr. Berndt den Zufalls-Regler Richtung Mozart verschoben hatte. Artiger Beifall.

KI verhallt konturlos, Mozart aber steckt voller Überraschungen

Dann nimmt das Kammerorchester erneut Anlauf und lässt Mozart im Original hören. Eine Orchester-Version des berühmten c-dur-Streichquintetts füllt den Raum. Es war dies eines jener Stücke, mit denen die lernende KI als Anschauungsmaterial gefüttert worden war. Die Violinen und Violas, die Celli und der Kontrabass legen dynamisch los, mit dialogischer Wucht und voller Überraschungen. Ach, so schöne Töne, nichts Beliebiges haftet dieser Musik an. Die Magie der Kreativität eines Mozart bestand eben ganz sicher nicht nur in der Beimischung des Zufalls zu gelernten Regeln des Musikaufbaus. Sondern aus einem Zauber, der sich nicht errechnen lässt.

„Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart,“ hat bekanntlich Kaiser Josef II. die Aufführung der „Entführung aus dem Serail“ im Jahr 1782 kommentiert. Das würde der KI nicht passieren, da ihr jeder moderne Herrscher (und das sind heutzutage die Programmierer) die Länge eines Stückes exakt vorgeben könnte. Erst dann, wenn der Rechner antwortet wie einst Mozart: „Grad so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind“ – erst dann müssen wir uns Sorgen machen über die Zukunft menschlicher Kreativität.

 

Das besuchte Konzert war Teil des Begleitprogramms für die Ausstellung „Shift – KI und eine zukünftige Gemeinschaft“, die nur noch bis 21. Mai 2023 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen ist. https://www.kunstmuseum-stuttgart.de/ausstellungen/shift .

Danach zieht sie weiter in das Museum https://marta-herford.de/ in Herford, wo sie ab 17. Juni bis 15. Oktober 2023 für Besucher zugänglich sein wird.

Das Stuttgarter Kammerorchester beschäftigt sich schon länger mit der Wirkung von Künstlicher Intelligenz auf klassische Musik. Im aktuellen Magazin 1/23 des SKO findet sich auch ein ausführlicher Beitrag dazu. Es kann kostenfrei heruntergeladen werden: https://stuttgarter-kammerorchester.com/publikationen

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Ein Wessi staunt im „Elefantenklo“

Das Bauernkriegspanorama von Bad Frankenhausen

Die guten alten Zeiten waren noch niemals gut. Sie waren ungerecht, staubig und versprachen einen frühen Tod. Zu den rätselhaftesten Freizeitvergnügungen unserer Zeit zählen daher Mittelalterfeste. Menschen, die über Auto und Handy verfügen und sich lauthals darüber beklagen, wenn in ihrer Nachbarschaft das Provinzkrankenhaus geschlossen werden soll, wollen sich dort im Vollbesitz ihres Verstands freiwillig zurückversetzen in eine Zeit, in der schuldlose Frauen der Hexerei angeklagt und verbrannt wurden, es menschenverachtende Leibeigenschaften, allenfalls zufallsgetriebene Erfolge der Heilkunst und soziale Ungerechtigkeit zuhauf gab. Wie sicher muss sich jemand sein über die Unvergänglichkeit des eigenen Wohlstandes, wenn er sich in eine solche Welt zurück träumen möchte?

Vom Volksmund als „Elefantenklo“ verspottet: Der Rundbau oberhalb von Bad Frankenhausen in Thüringen birgt eines der größten Gemälde der Welt.

Mut zur Wut machte den Bauern die Bibel

Dabei weiß natürlich jedes wache Wesen, dass in der „guten alten Zeit“ nicht etwa nur romantisch auf offenem Feuer gekocht, süffig-trübes Bier getrunken und sich mit rupfig-rauem Tuch gekleidet wurde. Vielmehr herrschte Mord und Totschlag. Im Jahr 1525 zum Beispiel, als das, was wir heute „Mittelalter“ nennen, gerade zu Ende gegangen war, lehnten sich die Bauern im Süden Deutschlands gegen ihre Herrschaften auf. Getrieben waren sie von Hunger, materieller Not und der umfassenden Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation. Mut zur Wut machte ihnen auch der Reformator Martin Luther, der durch seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche das Gott-Vertrauen in ein Anrecht auf eine gerechtere Welt auch beim „einfachen Volk“ anwachsen ließ. Also kämpften die Bauern mit Dreschflegeln für ein besseres, gerechteres Leben und wurden von den mit Kanonen ausgerüsteten Söldnern der Feudalherren brutal niedergemetzelt. Einer der Anführer der Revolte war der Theologe Thomas Müntzer, ein Weggefährte Luthers, der sich anders als der große Reformator auf die Seite der rebellierenden Bauern schlug, während Luther jede Gewalt gegen die Obrigkeit ablehnte. Müntzer wurde wenige Tage nach der verlorenen Schlacht von Frankenhausen hingerichtet.

Hoch über dem Berghang thront ein Rundbau

Eine der größten Schlachten dieser Art im deutschen Bauernkrieg fand in der Nähe des Ortes Bad Frankenhausen in Thüringen statt, auf einem weiten, bis heute weitgehend kahlen Berghang. Hoch über ihm thront jetzt ein fensterloser Rundbau, der in den 70er Jahren errichtet wurde. Die Einheimischen nannten das Gebäude spöttisch ein „Elefantenklo“, und brachten damit zum Ausdruck, dass der Bau damals wie heute nicht gängigen Vorstellungen von schöner Architektur entsprach – und viele auch wenig Verständnis hatten für seinen Zweck.

Die Rotunde birgt eines der (flächenmäßig) größten Gemälde der Welt, ein Kunstwerk, das mehr über den Gang der Zeiten seit dem ausgehenden Mittelalter bis heute nachdenken lässt als jedes Mittelalterfest. Geschaffen hat das Riesenwerk (123 Meter lang, 14 Meter hoch) der Leipziger Universitätsprofessor und Künstler Werner Tübke. Tübke hatte auch im Westen Beachtung und Anerkennung gefunden und galt als berühmtester zeitgenössischer Maler der DDR. Seine ins Ausland verkauften Werke brachten dem Staat Devisen, aber der künstlerische Ausdruck Tübkes war nicht unumstritten, da er sich gegen ästhetische Vereinnahmungen durch die Ideologie wehrte. Der Maler war ein zweifelnder, von der Denkwelt des Christentums, auch von esoterischen Ideen beeinflusster Mensch. Als im Jahr 1975 entschieden wurde, dass er das größte Bild malen sollte, das der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden jemals in Auftrag gegeben hatte, warnte Tübke seine Auftraggeber: Er werde kein heroisches Schlachtengemälde malen. Vielmehr werde er die Ereignisse, um die es ging, in einen größeren Zusammenhang stellen. Und er forderte das ein, was dieser Staat, der einen perfektionistischen Überwachungsapparat unterhielt, weil er seinen Bürgern zutiefst misstraute, am wenigsten zu geben hatte: Vertrauen und künstlerische Freiheit.

Zwölf Jahre arbeitete Tübke am Panorama

Fronarbeit an der 1722 qm großen Leinwand: mehr als die Hälfte des Panoramas malte Werner Tübke selbst.

Nachdem ihm alles das weitgehend zugesichert worden war, machte sich Tübke an die Arbeit. Zwei Jahre lang studierte er die Maler der Renaissance, auch in Studienreisen ins westliche Ausland. Anschließend erstellte er ein Modell für das Rundbild im Maßstab 1:10, das er im Jahr 1982 fertigstellte. Dessen Konturen wurden mit Lichtprojektoren vergrößert und auf die schon seit vier Jahren in der Rotunde wartende Leinwand übertragen. Fünf weitere Jahre malte Tübke dann im „Elefantenklo“ auf insgesamt 1722 Quadratmetern sein Weltengemälde mit mehr als 3000 Figuren. Er ließ sich helfen von Schülern seines Vertrauens, aber mehr als die Hälfte des gewaltigen Panoramas malte er selbst. In diesen Jahren lebte und arbeitete er bis zur Erschöpfung. Am 16. Oktober 1987 signierte er sein Werk.

Als Tübke endlich fertig war, wollte der Staat bis zur Eröffnung noch weitere zwei Jahre warten. Für das Jahr 1989, zur 500. Wiederkehr des vermutetem Geburtsjahr von Thomas Müntzers (1489), plante die DDR umfassende Feierlichkeiten zur Vereinnahmung des revolutionären Theologen. Die Eröffnung des Bauernkriegspanoramas von Frankenhausen am 14. September 1989 sollte dafür den Höhepunkt bilden. Aber bekanntlich verordnete die Geschichte dem sterbenden Staat andere Prioritäten. Die höchste Staatsführung fehlte beim Festakt, weil sie bereits mit ihrer eigenen Rettung beschäftigt war: Tausende verzweifelte DDR-Bürger umlagerten die Prager Botschaft der Bundesrepublik und suchten den Weg nach Westen.

Die Geschichte verordnete andere Prioritäten

Zwei Monate später fiel die Mauer und im nun diskussionsfreudigen Klima der Nach-Wende-DDR geriet das gerade eröffnete Bauernkriegspanorama in die Kritik. Warum hatte sich dieser bankrotte Staat noch in seinen letzten Stunden ein solches Riesenwerk geleistet? War das nicht pure Propaganda? Und wer war dieser Werner Tübke eigentlich, der da jahrelang an seinem Bild gepinselt hatte – war das nicht ein angepasster Auftragskünstler des verhassten Regimes? Wozu dieses ganze Gebäude, das es jetzt auch noch zu unterhalten gilt? Und die westliche Kulturkritik spottete teilweise selbstgefällig über das Riesengemälde.

Wer schließlich das Schlachtfeld von Frankenhausen hinter sich lässt und hinaufsteigt auf die abgedunkelte Bühne im Inneren des Rundbaus, von der aus das effektvoll ausgeleuchtete Panorama zu besichtigen ist, sieht viel mehr, als Auge und Verstand erfassen können. Stundenlang könnte man all den Geschichten und Mythen nachforschen, all den Figuren begegnen, die sich der Künstler hat einfallen lassen. Es ist ganz sicher nicht ein verherrlichendes, heroisches Bild, das viele Ostdeutsche und erst recht die vorurteilsgetriebenen Wessis hinter den Mauern der Rotunde erwarten.

Das Bild lässt „alle Theorie grau in grau erscheinen“

Denn der Künstler verblieb in seinem Werk im historischen Kontext der Renaissance, schildert die Bauernschlacht in einem Moment, da bereits erkennbar ist, dass sie für die Bauern verloren ist. Tübke ergänzt diese ernüchternde, nachdenkliche Darstellung mit bildreichen Phantasien. Das Gemälde sei „keine didaktische Großillustration, sondern eine historische Parabel menschlicher Irrungen und Wirrungen“ schrieb der Kunstkritiker Eduard Beaucamp von der FAZ, der auch eine kommentierte Sammlung der Tagebuchaufzeichnungen von Werner Tübke herausgegeben hat.  Im Endlosbild ist, geordnet nach den Jahreszeiten, von Adam und Eva, dem Turmbau zu Babel bis zu Luthers Wirken, der Erfindung des Buchdrucks, dem erwachenden Widerstandsgeist der Bürger und Handwerker fast alles zu sehen, was ein christlich-europäisches Weltbild zu bieten hat. Wer dieses Bild gesehen habe, „dem wird die Zaubermacht der Kunst für einen Moment alle Theorie als grau in grau erscheinen lassen“, urteilte der Schriftsteller Golo Mann, nachdem er bereits 1987 das Panorama besucht hatte.

Thomas Müntzer als Zweifelnder: Inmitten der tobenden Schlacht erkennt der Theologe, den die DDR-Führung zum revolutionären Helden machen wollte, dass der Kampf verloren ist.

Das mag heute alles etwas angestaubt klingen. Und doch bleibt, dass hier ein bedächtig zweifelnder Künstler seinem sozialistischen Auftraggeber eine Botschaft aufgezwungen hat, die einerseits im Göttlich-Christlichen fußt, und andererseits den revolutionären Helden fast verloren zeigt im Mittelpunkt des Schlachtgetümmels. Die Regenbogenfahne, damals gedacht als Symbol der Einheit von Gott und Mensch, hat Thomas Müntzer auf dem Bild bereits gesenkt. Nachdenklich betrachtet er das blutige Geschehen, während die verzweifelten Bauern noch die Flagge der „Freyheit“ hoch halten, aber doch schon die Kanonen und Schwerter der vom Adel gedungenen Söldner morden.

Wo bleiben solche Zweifel am Heroischen andernorts?

Wo bleiben solche Zweifel bei anderen berühmten Bauten zur Verehrung historischer Helden der Deutschen? Niemals musste sich die „Walhalla“ bei Regensburg, in der nicht nur Forscher und Dichter, sondern auch zahlreiche Heerführer aller Jahrhunderte geehrt werden, ob ihrer Geschichte rechtfertigen, obwohl es dafür gute Gründe gäbe. Ähnliches gilt für das Völkerschlachtendenkmal bei Leipzig, für den Kyffhäuser in Thüringen oder das Niederwalddenkmal oberhalb des Rheins. Allen diesen Bauten fehlt jener Zweifel am Heroischen, das Tübkes Panoramabild prägt.

Draußen dann, nach diesem farbenprächtigen Rundum-Erlebnis im Halbdunkel, wartet eine große Terrasse vor dem Museum. Der Blick geht über das historische Schlachtfeld hinaus in die weite Landschaft des Südharzes. Vielleicht könnte das der richtige Ort sein für die Betrachtung eines noch größeren Panoramas:

Augen auf!

Einmal die Augen schließen, das Bewusstsein für das Hier und Jetzt anschalten und langsam um die eigene Achse drehen! Was dann zu sehen ist, ist keine mittelalterliche Szene, sondern das Bild der apokalyptischen Herausforderungen von heute zwischen Heiß und Kalt, zwischen Flut und Dürre, von tödlichem aktuellem Kriegsgeschehen, von sozialen Ungerechtigkeiten allerorten. Die Szene ist bevölkert von den vielen Mitmenschen, die sich als Figuren der Fremdbestimmung erleben, die empfinden, herumgeschubst zu werden in einer Welt, die sie nicht verstehen und die ihnen feindlich begegnet.

Es bedarf nur eines solchen Blickes, und Tübkes Rundbild vom Bauernkrieg wird hochaktuell, während auf dem Kyffhäuser das braune Moos wuchert und die meisten Marmorköpfe in der Walhalla längst verstaubt sind. Augen auf!

 

 

Das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke ist jeden Umweg wert. Eine virtuelle Tour über das Gemälde und nähere Informationen zu einem Besuch gibt es hier:  https://www.panorama-museum.de/de/

Weitere Informationen zu dem Künstler Werner Tübke z.B. auf Wikipedia, oder auch in diesem sehr interessanten Gespräch anlässlich der Herausgabe seiner Tagebücher mit  dem Kunstkritiker Eduard Beaucamp und der Kunsthistorikerin Dr. Annika Michalski.

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Kann Barock modern sein? (#43)

Ev. Stadtkirche Ludwigsburg, Marktplatz, 71634 Ludwigsburg

Mein Besuch am 9. Februar 2023

Kann eine barocke Kirche modern sein? Ich bin zunächst nicht auf die Idee gekommen, mir darüber Gedanken zu machen. Dann aber näherte ich mich, ein weiteres Mal über den traumhaft weiten, städtebaulich harmonischen (wenn man die über die Giebel des Platzes hinausragenden Bausünden aus den Jahren des Wirtschaftswunders übersieht), ganz und gar italienisch anmutenden Marktplatz von Ludwigsburg der in prächtigem Rosa herausgeputzten Stadtkirche. Und schon dieser Platz ist so offen, und doch geschützt und demokratisch, so stimmig, prächtig und doch einladend, wie es moderner nicht sein könnte.

Eine Dominante auf einem der schönsten Plätze, die ich kenne: Die Ev. Stadtkirche von Ludwigsburg.

Zwei Kirchen stehen sich am Rand seiner harmonischen Weite gegenüber, die kleinere katholische Kirche „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“, und ihr genau gegenüber, deutlich größer, als Dominante, die Evangelische Stadtkirche. Was für ein ökumenischer Ort! Zwei Türme bewachen Kirche und Platz, grüßen hinüber zum katholischen Gegenstück und geben dem Gesamtbild eine Harmonie, die sich wunderbar einfügt in das Ensemble. Dazwischen je nach Jahres-, Tages- und Witterungszeit spielende Kinder, ein lebendiger Marktplatz, ausufernde Cafes, keine Autos. Es ist einer der schönsten Innenstadtplätze, die ich persönlich erlebt habe.

Also hinein in die 1726 geweihte evangelische Stadtkirche, eine der wenigen Kirchen, die im Barockstil errichtet wurden, obwohl schon bei Baubeginn feststand, dass sie evangelisch geweiht werden würde. Eigentlich war der in Süddeutschland verbreitete Barockstil ein Ausdruck der Gegenreform, der stolzen Platzbehauptung für die katholische Kirche. Der württembergische Herzog Eberhard Ludwig, der den Kirchenbau in Auftrag gab, legte aber seine ganze neue  Residenzstadt Ludwigsburg im barocken Stil an, wie auch das prächtige Schloss, in dem er zu residieren gedachte, und war klug genug, dafür andere Prinzipen aufzugeben. Also wurde die evangelische Kirche auch in Barock gestaltet.

Das Innere der Kirche ist schmucklos weiß, es empfängt den Besucher ein offener, weiter heller Kirchenraum. Eine barocke Kanzel dominiert den Altarraum, der sonst mit einem modernen Altar und dazu gestaltetem Lesepult schwarz-golden glänzend ausgestattet ist. In Weiß und Gold schweigt auch die Orgel über dem Haupteingang auf der Empore, und ich nahm mir bei meinem Besuch sogleich vor, diese barocke, in ihrer Atmosphäre aber von stiller Modernität geprägte Kirche wieder zu besuchen, wenn – wie an jedem Samstags-Wochenmarkt um 11 Uhr – dort zur Orgelmusik geladen wird.

Weit und weiß – der Innenraum der Stadtkirche beruhigt in strahlender Stille.

Man kann es sich gut vorstellen: Zuerst zwischen den Marktständen schlendern, dann die Beine ausruhen lassen und den Kopf erfrischen in diesem hellen Raum, dahingleitender Orgelmusik zuhören, sich einen meditativen Moment gönnen, schließlich wieder hinaustreten auf diesen Platz, den Einkauf fortsetzen, einen Kaffee trinken. Es ist so ein unglaubliches Glück, in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben zu dürfen, und wenn ich es körperlich erfahren will, dann bin ich vor (und in) dieser Kirche an der besten Stelle auf der ganzen Welt.

 

Die Kirchengemeinde der Ev. Stadtkirche Ludwigsburg unterhält auch eine ausgesprochen informativ und ansprechend gestaltete Website: https://www.stadtkirche-ludwigsburg.de/

Das städtebauliche Gegenüber der Stadtkirche, die katholische Kirche „Zur heiligsten Dreieinigkeit“ ist ebenfalls Teil meiner Sammlung #1000Kirchen. Auch sie ist übrigens innen sehr modern gestaltet und einen Besuch Wert.

 

 

 

Doppelter Tumult auf den Rücksitzen

Eine Assoziation zur Neuinszenierung von Puccinis „Il trittico“ in Hamburg

Schon zu lange dauert die Fahrt. Kilometer um Kilometer zieht sich die Autobahn dahin. Tochter und Sohn sind festgeschnallt auf der Rückbank, aber die Stimmung droht zu kippen. „Erzähl uns eine Geschichte!“, wird von hinten gefordert. „Wir sagen Dir drei Worte“, übernimmt die Tochter die Regie, „und daraus machst Du eine Geschichte!“ „Aber eine coole!“, verlangt der Sohn. Die Mutter steuert und schweigt.

„Ein Einhorn soll vorkommen, ein wunderschönes Einhorn“, fordert die Tochter. „Und ein Dinosaurier“, schreit der Sohn. Die Tochter verdreht die Augen.

„Also gut“, sagt die Mutter, „ein wunderschönes Einhorn und ein Dinosaurier. Und was noch?“ Langes Beratschlagen auf den Rücksitzen über den dritten Begriff. Ein Fahrrad? Ein Feuerwehrauto? Die Kinder können sich nicht einigen. Da taucht vor ihnen ein LKW auf. Aufgemalt ist ein großer, runder Donut, gelbe Glasur, bunte Zuckerstreusel. „Ein Donut!“, ruft der Sohn. „Ohh, lecker“, bestaunt die Tochter das aufgemalte Riesen-Schmalzgebäck. Die Mutter lenkt und denkt.


Drei kurze Opern an einem Abend, das verspricht „Il trittico“. In Hamburg werden aber vier Geschichten erzählt. Es beginnt mit der witzigen Erbschleicher-Soap „Gianni Schicchi“ (hier Narea Son und Roberto Frontali) …

Tumult! Irreführende Ankündigung! Hier soll es doch um eine Oper gehen!

An der Staatsoper Hamburg geht es dieser Tage nicht um drei Worte, sondern um drei Kurzopern. „Il trittico“ heißt der Opernabend, den der auch damals schon weltberühmte italienische Komponist Giacomo Puccini, sechs Jahre vor seinem Tod im November 1924, als letztes komplettes Werk vertonte. Auf dem Programm stehen drei Einakter, jeder etwa eine Stunde lang, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Trotzdem wünschte sich der Komponist ganz ausdrücklich, dass sie gemeinsam an einem Abend gegeben werden sollten – als „Triptychon“, als dreiteiliges Gesamtkunstwerk. „Il trittico” ist ein Sittengemälde, in dem jede einzelne Oper für sich steht. „Der Mantel” erzählt dramatisch von Armut und der mörderischen Verzweiflung über eine erkaltete Liebe. „Schwester Angelica” schildert tragisch die Unerbittlichkeit von Moralvorstellungen, die ein junges Leben erst ins Kloster und dann in den Tod treibt. Und “Gianni Schicchi” schließlich spottet heiter über geldgierige Erbschleicherei und endet in der glücklichen Liebe eines jungen Paares.

Schöne, elegante Bilder verwöhnen das Publikum

In Hamburg hat das Regieteam um Axel Ranisch diese drei Opern in schöne, elegante Bilder gesetzt. Es ist eine Lust, auf diese Bühne zu schauen. Die Kulissen sind stimmig und erzählfreudig, das Licht strahlt und schimmert in jeder dargestellten Seelenlage genauso, wie es sein muss. Die Kostüme sind bunt und fantasievoll. Alles ist angenehm modernisiert, nicht angestaubt, und doch stören keine allzu gewagten Regie-Experimente die schönen Bilder zur schmelzenden Musik. Die Tragödie rund um den Mantel, der am Ende die Leiche eines Liebhabers verbirgt, wird – wie vom Komponisten gewünscht – in der düsteren Tristesse des Pariser Prekariats um 1900 verortet. Im Italien des Mittelalters ist die Komödie „Gianni Schicchi“ angesiedelt und erzählt in Hamburg äußerst unterhaltsam  den trickreichen Kampf der Erben am zu verteilenden Kuchen in der bunten Bildersprache einer Vorabendserie auf RTL2. Nur das tragische Schicksal von Angelica, der traurigen Klosterschwester wider Willen, wird aus dem 17. Jahrhundert auf ein modernes Filmset verlegt.

Aber trotzdem hält es Empörte kaum auf den Sitzen

…, dann folgt ein Sozialdrama mit mörderischem Ausgang: „Der Mantel“ (hier: Roberto Frontali und Elena Guseva). Und schließlich …

Es gäbe also für alle Puccini-Fans, für die oft romantisch veranlagten Genießer dahinschmelzender Arien und rauschhafter Orchesteraufwallungen, wahrlich nichts zu bemängeln an dieser Umsetzung der drei Einakter. Und doch ist der ganze Abend ein großes Experiment, das offenbar stark an den Nerven des Hamburger Opernpublikums zerrt. Auch am zweiten Abend der Neuinszenierung (Premiere war am 15. März 2023) hält es manche Empörte und Enttäuschte zeitweise kaum auf den Sitzen. “Aufhören!” wird gebrüllt, laut stöhnend raunt mehrstimmig „Nein, nicht schon wieder“ und vielfaches „Ojee“ durch das Auditorium. „Wir wollen Puccini hören!“, wird gerufen, sogar demonstratives Aufstehen und Türenknallen ist zu vernehmen.

Ein anderer – wie man am Ende sieht: weitaus größerer – Teil des Opernpublikums ereifert sich über genau diese Störungen: „Ihr habt alle keinen Anstand!“, hallt es durch die Polsterreihen. Ruhe kehrt erst ein, als sich der Vorhang wieder hebt und die Musik den genervten Protest zum Schweigen bringt.

Ein Leben blüht auf und fällt in sich zusammen

Was hat da so erregt? Es ist eine Rahmenhandlung, die vor jeder der drei Kurzopern in Videointerviews ausgebreitet wird. Wegbegleiter/innen einer fiktiven Schauspielerin berichten über deren Karriere-Höhepunkte. Wer zuhört (und nicht seinem demonstrativ empörten Desinteresse Ausdruck verschafft), erfährt die Lebensgeschichte einer Künstlerin, die einen steilen Aufstieg erlebte, auf dem Höhepunkt von Ansehen und Erfolg einen schweren privaten Schicksalsschlag erlitt, und schließlich ihrem Leben verzweifelt ein Ende setzte. Kurz: Ein Leben blüht auf und fällt dann in sich zusammen.

… verzweifelt in „Schwester Angelica“ eine Klosterschwester (hier: Elena Guseva) an Moral und Trauer über ihr verstorbenes Kind. Regisseur Axel Ranisch gelingt es, diese drei Geschichten intelligent zu einem spannenden Drama miteinander zu verbinden. Fotos: Brinkhoff/Mögenburg, bereitgestellt von Oper Hamburg

Das Hamburger Regieteam rund um Axel Ranisch mutet den wohlsituierten Großstadt-Grauköpfen zu, sich für wenige Minuten der ganzen Härte eines Menschenschicksals auszusetzen, bevor sie in rauschhafter Musik und schönen Bildern versinken dürfen. Die jeweils danach gezeigten Einakter werden zu fiktiven Filmproduktionen umgedeutet – ohne sie in der Substanz zu verändern. Ranischs Kunstgriff ergänzt die drei Handlungen der Opern um eine vierte, bindet sie schlüssig zusammen, und wenn man das „Trittico“ noch niemals anders gesehen hätte, würde man diese Zusammenführung als absolut naheliegend, geradezu zwingend, betrachten. Vielleicht hätte man statt einer imaginären Figur sogar ein historisch belegtes Künstlerinnenschicksal einführen können? Aber auch so entlassen Puccini und Ransich das Publikum nachdenklich und bereichert. Rauschender Applaus beendet einen Abend, der in Erinnerung bleibt.


„Langweilig!“, schreit der Sohn

„Es war einmal ein kleiner Dinosaurier,“, hob die Mutter an, „und der hatte sich im Wald verlaufen. Einsam und ängstlich stolperte er über die umgefallenen Bäume und kaute an den trockenen Blättern, denn er hatte Hunger. Bald schon würde es dunkel sein, und der Dinosaurier machte sich große Sorgen, ob er seine Familie bis dann wiederfinde würde.“

Blick in den Rückspiegel. Das Publikum wartet aufmerksam auf die Fortsetzung.

„Da sah der kleine Dino zwischen den Bäumen ein helles rosafarbenes Leuchten. Als er darauf zulief, erkannte er ein wunderschönes Einhorn, das weiß und rosa glitzerte und einen prächtigen weißen Haarschweif hatte. Mit großen blauen Augen sah es den Dinosaurier an. Suchst Du etwas?, fragte es freundlich, kann ich Dir helfen?“

Die Mutter unterbricht ihre Erzählung, setzt den Blinker und überholt einen Donut-LKW.

„Langweilig!“, schreit der Sohn.

„Weiter!“, fordert die Tochter.  

„Da klagte der kleine Dinosaurier: Ich suche meine Familie, und so viel Hunger habe ich auch! – Das wundersame Glitzertier wies mit seinem Horn in eine Richtung und sagte: Deine Familie ist hinter diesen Bäumen dort, die habe ich vorhin dort gesehen. Dann machte es Pling! – und im nächsten Moment ringelte sich um das Horn des Einhorns ein großer, fetter, bunter Donut, gelbe Zuckerglasur und darauf ganz viele bunte Streusel.“

Der Sohn gähnt vernehmlich.

„Der ist für Dich!, sagte das Einhorn und der kleine Dinosaurier verschlang den Kringel in Windeseile. Das Einhorn verschwand so schnell wie es erschienen war, und der Dinosaurier hörte seine Familie nach ihm rufen. Er lief schnell zu ihnen hin und gemeinsam stapften sie weiter durch den Wald. Und wenn sie nicht gestorben sind …“

„Jaja. Sind aber schon gestorben, die Dinos. Und Einhörner gibt es überhaupt nicht“, belehrt der Sohn. 

Stille auf der Rückbank. Dann beide Kinder im Chor: „Mama, wie haben sooo viel Hunger!“

 

„Il Trittico“ in Hamburg ist noch an mehreren Terminen im März und April 2023, und dann wieder im Januar und Februar 2024 zu sehen. Weitere Informationen hier: https://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=183686

Dort gibt es auch einen Trailer, der Lust auf Mehr macht: https://www.youtube.com/watch?v=G-MClvcIIo4&t=3s

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Vorstellung am 18. März 2023. 

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Vom Frieden träumen, im Krieg aufwachen

Über die Aktualität des Musicals „Hair“ am Staatstheater in Saarbrücken

Es wäre eine bösartige Verkürzung, würde behauptet, dass Deutschland gespalten sei über die Frage von Krieg oder Frieden. Es mag zwar sein, dass – grob gesagt – unter den Deutschen jeweils etwa die Hälfte meint, es solle mehr Waffen für die Ukraine geben oder eher weniger. Würde man aber fragen (was aus guten Gründen niemand tut), ob man für Krieg oder für Frieden sei, dann würden sich natürlich alle für den Frieden aussprechen. Wer kann da schon dagegen sein?

Es ist vielleicht gerade deshalb jetzt ein guter Zeitpunkt, nach Saarbrücken zu fahren. Im dortigen Staatstheater kann man bis tief in diesen Sommer hinein (letzte Vorstellung am 2. Juli 2023) als einzigem Ort in Deutschland das Musical „Hair“ erleben, in dem es um Krieg und Frieden geht, oder genauer gesagt: Um den Traum vom Frieden.

Langes Haar, bunter Fummel: Die Hippies sind bester Laune. Aber sie werden aufwachen aus ihrem Traum vom unbeschwerten Leben – Szene aus „Hair“ in Saarbrücken; Foto: Oliver Dietze, bereitgestellt von Saarländisches Staatstheater

Es war chic, gegen die USA zu opponieren

Das „American Tribal Love-Rock Musical“ aus dem Jahr 1968, an der Saar vor zwei Jahren neu aufgepeppt für die Opernbühne, gehört zur biografischen Erfahrung vieler Silver-Ager von heute. Auch wenn sie jetzt eher von Haarmangel betroffenen sind, füllen die Vertreter der 68er Generation die meisten der weichen Polstersessel des Staatstheaters. Angetreten zur bequemen Besichtigung einer besonders bunten Phase ihrer eigenen Biografie ist also die Generation, die sich erst gegen die sinnlose Brutalität der Amerikaner in Vietnam, und dann gegen deren Pershing-Atomraketen in Deutschland gewehrt hatte. Es war eine Zeit, in der es chic war, gegen die USA zu opponieren.

Ende der achtziger Jahre glitten diese Babyboomer dann ungläubig staunend in ihren eigenen Traum: Der „Ostblock“ kollabierte, der „Kalte Krieg“ schien zu enden, die gefürchteten Atomraketen wurden allseits eingemottet. Die Geschichte schenkte den Deutschen ihre Wiedervereinigung und es konnte endlich Frieden gemacht werden mit den Nachbarn im Osten. Es war ein Traum vom Frieden für immer.

Das Spektakel funktioniert noch immer

Als das geschah, war „Hair“ längst out. Einst hatte es aber den musikalischen Begleitsound geliefert für eine Zeit, in der junge Menschen sich entscheiden mussten: Zur Bundeswehr oder nicht? Für oder gegen die USA? Mehr als fünfzig Jahre später funktioniert die fetzige Musik (eine achtköpfige Band treibt das Geschehen auf der Bühne) noch immer und ist das farbenfrohe Tanzspektakel eine einzige sinnliche Freude. Knapp zwei Stunden wirbelt das Personal des Saarbrücker Staatstheaters äußerst kurzweilig über die Bühne. Die langhaarigen Blumenkinder führen ein Leben voller Müßiggang, Anpassungsverweigerung, Drogen, Sex und Illusionen. Religiöse Versprechungen aller Art würzen den berauschenden Cocktail. Dann drängen sich düstere Vorahnungen von Gewalt ins Bild, sei es im Krieg oder in der eigenen Welt der Vorurteile und Rücksichtslosigkeiten. Und auch der Raubbau an der Natur ist nicht mehr zu leugnen in dieser heilen Welt.

Ja, schön wär´s gewesen! Aber die Hippies müssen erwachen aus ihrem Traum. Noch rammdösig, benommen, verkatert – mindestens von ihrem letzten Marihuana-Trip, vielleicht auch vom ohnehin anstrengenden Rausch des Jungseins, stolpern sie herum in der Wirklichkeit. Ihr Gastwirt, der Hausherr ihrer durchgeknallten Partylokation, ist tot, rassistisch ermordet. Wie wollen sie es denn nun halten mit dem wahren Leben ihrer Zeit: Krieg oder Frieden?

Schlapp und antriebslos suchen sich die erwachten Blumenkinder aus der Altkleidersammlung zivile Klamotten heraus, werfen den lächerlichen Bunt-Fummel ab, und staunen über ihre alten Geldbeutel, die sie nicht vermisst hatten in ihrer Kapitalismus-kritischen Traumwelt. Als nächstes stünde wohl ein Friseurbesuch an.

Am Rande aber liegt der tote Gastwirt

In Saarbrücken entscheiden sich die ernüchterten Hippies schließlich für den bequemen Weg der Illusion. Das ist auch in der Originalvorlage des Musicals so vorgesehen. Einer von ihnen folgt dem Einberufungsbefehl, geht in die Armee, aber die anderen singen: „Let the sunshine in“, erst leise und verhalten und dann immer machtvoller anschwellend wie eine trotzige Hymne auf das unbeschwerte Leben. Als hätte man ein Recht darauf. „Let the sunshine in“, und die nostalgisch erwachte Schar der Grauhaarigen im Saal klatscht und singt mit. Am Rand aber, da liegt der tote Gastwirt. Vorhang.

Eine Ikone der 68er-Generation, die heute 80 Jahre alte Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, ist zur gleichen Zeit in der Frage nach Krieg oder Frieden medial allgegenwärtig. Vor wenigen Tagen stand auch sie auf einer Bühne. Mit ausdrucksstarker Haarpracht, mit ihrer ganzen kantigen Persönlichkeit und Lebensleistung, rief sie vor dem Brandenburger Tor Ihrer Gefolgschaft zu: Wie es denn sein könne, dass wir uns an die Barbarei eines Krieges gewöhnen? Warum das Wort „Pazifist“ zu einem Schimpfwort geworden sei? Wie „verbrecherisch“ es sei, „der Ukraine einzureden, sie könne gegen Russland siegen.“

Das wäre dann der Moment, gedanklich kurz auf die Bühne in Saarbrücken und den historischen Hintergrund von „Hair“ zurückzukommen. Den auch von der damaligen Sowjetunion unterstützten Vietnamesen ist es im Jahr 1975 eben doch gelungen, die Soldaten der Atommacht USA aus ihrem Land zu vertreiben. Nicht mit selbstgeflochtenen Traumfängern oder Blumenkränzen auf dem Haupt, sondern mit aufreibendem Kampf und tödlichen Waffen. „Putin hört nicht auf das Geträllere von Friedensliedern“, kanzelte die FDP-Frontfrau Agnes Strack-Zimmermann die Überlegungen von Alice Schwarzer und ihren Anhängern ab, und erwischt gleich alle mit, die „Hair“ einfach nur als nostalgische Erfahrung genießen möchten.

So eine schöne Welt hätte es sein können, in die wir uns bei „Hair“ hätten zurückträumen dürfen! Geht leider nicht, geträumt haben wir vom Frieden, jetzt herrscht Krieg. Also zu Ende geklatscht, herausgestemmt aus den tiefen Polstersesseln, zurück in die brutale Realität.

Auf nach Saarbrücken!

Ein „Geschenk des Führers“ an das Saarland: Das heutige Staatstheater in Saarbrücken.

Schon beim Verlassen des prächtigen Baus in Saarbrücken gilt es, nicht zu stolpern. Ein „Geschenk“ war dieses Theater gewesen (auch wenn danach die Stadt Saarbrücken die Hälfte selbst zahlen musste). Als Dankeschön des „Führers“ wurde es errichtet. Die Bewohner des Saargebietes hatten im Jahr 1935 bei einer Volksabstimmung zu mehr als 90 Prozent für den Anschluss ihrer Heimat an Deutschland und gegen ihre Eigenständigkeit unter Aufsicht des Völkerbundes votiert. Nacherleben kann man das alles im nahegelegenen „Historischen Museum“ der Saarmetropole. Ein Sieg der Nazi-Propaganda war das gewesen, und auch ein tragischer Akt plebiszitärer Selbstunterwerfung unter ein Gewalt-Regime. In vollem Wissen über den rassistischen Judenhass der in Deutschland regierenden Nationalsozialisten und deren blutig-brutale Verfolgung jedes Andersdenkenden wählten die Saarländer den Abgrund.

Sie träumten damals von Wohlstand und Frieden – und wachten auf in einem Albtraum von Repression und Krieg. Auf nach Saarbrücken! Es gibt viel mitzunehmen von dort, wenn man über Krieg und Frieden nachdenken möchte.

 

 

 

„Hair“ ist am saarländischen Staatstheater in Saarbrücken das nächste Mal am 12. März und dann an zahlreichen weiteren Terminen bis 2. Juli 2023 zu erleben. Weitere Informationen: https://www.staatstheater.saarland/stuecke/musiktheater/detail/hair-1

Lohnend ist bei dieser Gelegenheit ein Besuch im Historischen Museum des Saarlandes: https://www.historisches-museum.org/startseite

Auch mein Text über „Langes Haar und die Sehnsucht nach Freiheit“  greift Motive aus „Hair“ auf. Weitere Texte als #Kulturflaneur finden Sie hier. 

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Aufführung am 1. März 2023.  

Der Ring des Diktators

Zwei Ringe und das Kriegsglück – eine moderne Parabel

Er stand auf seines Daches Zinnen,
er schaute mit vergnügten Sinnen
auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig,“
begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, dass ich glücklich bin.“

(aus: Friedrich Schiller, „Der Ring des Polykrates“)

 

 

„Wer bist Du?“, fragt der Diktator seinen Gast. Der Fremde war, ohne anzuklopfen, eingedrungen in den Prachtsaal voller Gold und Stuck, aus dem der Diktator sein Reich befehligt.

„Ich bin Wotan, der Wanderer“, antwortet der Gast ohne Zögern. „Ich durchstreife die Welt.“

„Und kennst Du auch mein Reich?“, fragt der Diktator eitel.

Der Gast schweigt.

„Dann will ich es Dir zeigen, und Du wirst mich bewundern.“

Der Diktator öffnet eine unscheinbare Türe. Er geht voraus, und sie steigen eine schmale Treppe hinauf auf eine Terrasse. Sie ist, gut geschützt, in das Dach der stolzen Burg eingelassen. Mächtige Befestigungen umgeben die Burg, deren Pracht und Größe von grenzenlosem Reichtum und Wohlstand zeugen sollen. Gleich daneben glitzern die vergoldeten Zwiebelturmhauben der Kathedralen im Sonnenlicht.

Der Diktator ist bester Laune.

„Dies alles ist mir untertänig!“ ruft er im sanften Wind seinem Gast zu, und weist mit ausholender Geste im Halbkreis über sein Reich. Der Gast sieht eine prächtige Stadt, unter ihm liegt ein breiter, ruhig dahinströmender Fluss. Er sieht emsig eilende Autos, von hier oben klein wie Spielzeug. Am Horizont verliert sich weites grünes Land in der Unendlichkeit des Sichtbaren, Wälder, Wiesen, und wieder Wälder.

Der Blick des Gastes folgt der flachen Hand des Diktators, die nach Westen zeigt. Vor der Weite des Landes funkelt ein prachtvoller Ring an seinem Finger.

„Hier entlang marschieren meine Truppen,“ prahlt er. „Wir werden weitere Provinzen erobern!“,  Dann blickt er zu seinem Gast. „Gestehe, dass ich glücklich bin!“

Der Wanderer zögert. Dann widerspricht er. Ob der Herrscher nicht sehe, welche Gefahren überall lauern? Jederzeit könne er Opfer einer Palastrevolte oder eines Aufstandes werden, schon viele Diktatoren vor ihm wurden auf dem Höhepunkt der Macht grausam ermordet, warum nicht auch er? „Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,“ mahnt Wotan kopfschüttelnd, „solang des Feindes Auge wacht!“

In diesem Moment kommt ein Soldat aus der Leibgarde des Diktators heraufgeeilt. „Schau her, was wir verhindert haben!“, ruft er stolz und deutet auf den Bildschirm seines Handys. „Ein Attentäter wollte Euch stürzen, aber wir haben ihn mit Gift ausgeschaltet!“ Der Diktator lächelt, nimmt das Gerät und zeigt seinem Gast das Bild eines toten Mannes.

Der Wanderer tritt einen Schritt zurück. „Kein schönes Bild“, versetzt er mit besorgtem Blick. „Und doch warn´ ich Dich, dem Glück zu trauen. Bedenke die Gefahr fremder Armeen, die sich an den Grenzen Deines Reiches versammeln!“

Da winkt der Diktator seinen Assistenten heran, der still am Rand der Dachterrasse gewartet hatte und nun ein Notebook aufklappt. Eine Tabelle erscheint auf dem Bildschirm. „Wir mögen 100.000 Männer verloren haben in unserem Kampf, aber wir können noch Millionen neue und bessere heranziehen,“ rechnet er vor. Dann mustert der Diktator seinen Ring. „Ich habe die Macht. Alles wird mir gefügig sein.“

Das Notebook piepst. Eine Pushmeldung des Geheimdienstes flackert auf. Der Diktator und sein Gast lesen sie: Die Länder, die dem Überfallenen zu Hilfe geeilt sind, liegen im Streit darüber, ob sie mehr Waffen liefern sollen oder besser nicht?

Der Diktator lacht laut auf. Doch der Gast erbleicht. „Dein Glück ist heute gut gelaunt“, stammelt er, „doch fürchte seinen Unbestand!“ Der Wanderer schreitet auf der Terrasse hin und her. Dann setzt er hinzu: „Kennst Du die Geschichte des Polykrates?“

„Na klar,“ antwortet der Diktator, „er beherrschte die Insel Samos, war reich und glücklich, und auf dem Höhepunkt seines Glücks warf er seinen liebsten Ring ins Meer.“

„Stimmt,“ bestätigt der Gast. „Er wollte die Götter besänftigen, falls sie zürnen ob seines Übermaßes an Glück. Aber Polykrates bekam den Ring zurück, weil am nächsten Tag ein Fisch gefangen wurde, in dessen Bauch er lag.“

Der Diktator grinst. Der Wanderer jedoch bleibt ernst. „Er war sich seines Glückes zu sicher. Bald schon danach wurde Polykrates in eine Falle gelockt und getötet.“

„Gute Geschichte“, antwortet der Diktator und macht eine wegwerfende Handbewegung. Dicht und drohend hält er den prächtigen Fingerschmuck seinem Gast vor das Gesicht. „Aber ich bin nicht Polykrates, und das hier ist nicht sein Ring. An die Götter der Griechen glaube ich nicht. Ich muss niemanden beschwichtigen, und deshalb würde ich auch niemals diesen wunderbaren Ring in ein Meer werfen.“

„Woher hast du ihn?“, flüstert der Gast.

„Erobert“, antwortet der Diktator schmallippig.

Wieder betrachtet er den Ring von allen Seiten. Er holt tief Luft, blickt in die Ferne. „Der Ring gehörte einst den Nibelungen, einem germanischen Sagenvolk. Es war ein schweres Stück Arbeit, ihn zu beschaffen. Ich musste Blut vergießen und töten, Verträge und Versprechen brechen, Frauen betrügen, Vertraute beiseite räumen.“

„Und nun?“

„Nun habe ich die Macht und den Reichtum, mein Land so erstrahlen zu lassen, wie es ihm gebührt. Ich werde den Willen fremder Länder brechen und sie unterwerfen. Generationen nach mir wird mein Volk mich noch bewundern und verehren.“ Der Diktator fixiert seinen Gast, und setzt dann hinzu: „Dieser Ring ermöglicht meine Taten, und meine Taten werden mich unsterblich machen.“

Wotan wendet sich ab. „So kann ich hier nicht ferner hausen“, raunt er leise. „Fort eil ich, nicht mit Dir zu sterben.“ Schnellen Schrittes strebt er der Treppe entgegen.

„Sterben? Ich bin nicht Polykrates!“ ruft ihm der Diktator trotzig hinterher.

Da ist der Gast schon nicht mehr zu sehen. Er stürmt in großen Schritten hinab vom Dach der Burg. „Mag sein,“ ruft er dem Diktator durch das Treppenhaus noch zu, „aber auch dieser Ring wird Dein Verderben sein.“

Schon erreicht der Wanderer den Ausgang des Schlosses, stürmt vorbei an den Wachen, täuscht die Kontrolleure, kurvt geschickt herum um die Sperren und Zäune, eilt hinab in die lebendige Stadt, wohl wissend, dass die Schergen des Diktators ihm auf den Fersen sind.

Atemlos erreicht er den großen Fluss, sucht ein Versteck und erlaubt sich einen verborgenen Moment der Rast. Wie lange mag sie gedauert haben? Immer wieder erwartet Wotan die Schritte und Schreie seiner Verfolger, aber schließlich hört er stattdessen anschwellendes Rauschen. Das Wasser des Flusses, der gerade eben noch lautlos dahinströmte, kräuselt und schäumt, steigt an, kocht und brodelt. Wogende Wellen schlagen erst sanft, dann heftig an das Ufer, schon ist die erste Straße überschwemmt, die vorbeifahrenden Autos bremsen und schlingern, Menschen springen heraus und suchen Rettung am höherliegenden Gemäuer. Aber das Wasser wird immer mehr, es steigt und steigt, tobt und wogt.

Auch den Wanderer erfassen die Fluten, eine unerbittliche Woge reißt ihn mit. Im Wasser treibend, ringend mit der Kraft der Elemente, blickt er hinauf. Lodernde Flammen schlagen aus der prachtvollen Burg, auf deren Dach er einst gestanden hatte, ein entsetzliches Inferno verschlingt dort die ganze Pracht des Diktators. Rauchende Trümmer stürzen hinab in den ansteigenden, alles mit sich reißenden Schwall.

Da schlägt ein harter, kleiner, fester Gegenstand im brodelnden Chaos der aufschäumenden Wassermassen gegen seine Hand. Wotan greift danach, verfehlt ihn, versucht es nochmals, kämpft gegen die tobenden Wellen, die ihn hinaustreiben in die neue Zeit. Nochmals greift er zu, und fischt dann das Kleinod aus dem Nass.

Er muss nicht überlegen. In weitem Bogen wirft er den Ring hinaus in die chaotische Sintflut, damit er für alle Zeiten unauffindbar verloren bleiben möge.

 

Diese Parabel ist meine persönliche Auseinandersetzung mit dem 1. Jahrestag des Beginns des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Sie spiegelt meine Hoffnung wieder, dass eines Tages das System stürzen wird, das diese Aggression zu verantworten hat. 

Die Vorstellung, Ringen könnten magische Kräfte innewohnen, fasziniert die Phantasie der Menschen schon seit der Antike bis heute (z.B. „Der Herr der Ringe“ von Tolkien). Die (nicht zeithistorisch belegbare) Geschichte über das Ring-Erlebnis des Polykrates wurde vom Antikendichter Herodot überliefert, der wenige Jahre nach dem Tyrannen Polykrates von Samos lebte (beide ca. 500 v.Chr.). Inspiriert zu meinem Text hat mich die auf Herodots Schilderung basierende, faszinierend schöne Ballade Friedrich Schillers über den „Ring des Polykrates“.

Auch der Besuch aller vier Vorstellungen des „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner an der Oper Stuttgart trug dazu bei, mich an diese Ring-Parabel zu wagen. Als vollständiger Zyklus ist der Wagner-„Ring“ im Frühjahr in Stuttgart zweimal zu sehen: Vom 3. bis 12. März und vom 4. bis 10. April (jeweils an vier Abenden). Mehr dazu hier: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/der-ring-des-nibelungen/

Für jeden Teil des neuen Stuttgarter „Ring“ habe ich eine verkürzte, moderne Inhaltszusammenfassung erstellt, und dabei auch meine Eindrücke und aktuellen Assoziationen zusammengefasst. Diese Texte finden Sie hier: 

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung

 

 

 

 

 

Das ganze Bild ist größer als unser Ausschnitt

Über Hilfspaletten, Panzer und zwei Engel – Ein Essay über unsere Betrachtung der Wirklichkeit

Bilder von einem Flughafen: Palettenweise werden Decken, Zelte, Nahrungsmittel verladen. Hilfe ist unterwegs zu den eingestürzten Häusern, zu den verzweifelten Menschen in der Türkei und in Syrien, die mit bloßen Händen in den Trümmern graben. Was sagt das über diejenigen, die jenseits der Kameras leiden, deren Angehörige schon tot sind, für die solche Hilfe zu spät kommen wird?

Zu sehen ist das Bild von einem Panzer. Behängt mit Tarngeflecht rollt er durchs Gelände, überwindet Hindernisse scheinbar mühelos. Drohend richtet er sein Gefechtsrohr auf ein Ziel, das wir nicht sehen.

Zu sehen sind Waldbrände und Überschwemmungen. Menschen kämpfen um ihr Überleben. Es hat etwas zu tun mit der verschwenderischen Art und Weise, in der in den hochentwickelten Ländern gelebt wird. Hier nennt man es „Freiheit“, was anderswo den Tod bedeuten kann. Was ist das ganze Bild?

Zu sehen ist ihr Abbild auf Abermillionen Kaffeetassen, Papierservietten, Postkarten, Aufklebern. Es sind immer die gleichen zwei Engelchen mit ihrem lustigen Gesichtsausdruck. Nur die wenigsten wissen: Das ganze Bild, aus dem sie stammen, ist viel größer.

Jeder kennt die putzigen Engelchen …

Jeder will ein Selfie mit den Engeln

Das ganze Bild hängt in Dresden. Es ist mehr als zweieinhalb Meter hoch und zwei Meter breit. Es zeigt eine Madonnendarstellung mit Kind. Für die „Galerie Alte Meister“ in der sächsischen Landeshauptstadt ist die „Sixtinische Madonna“ des italienischen Renaissance-Malers Raffael so bedeutend wie die Mona Lisa für den Pariser Louvre. Menschentrauben bilden sich vor dem mehr als 500 Jahre alten Madonnenbild, ordnend muss das Personal eingreifen, damit alle ein Selfie machen können. Anders als in Paris steht aber gar nicht das zentrale Bildmotiv im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern ein kleiner Ausschnitt am unteren Rand: Jene zwei kleinen Engel, die wir alle kennen.

Das Maler-Genie Raffael hat sie hinzugefügt, vielleicht ein alberner Scherz, um der frommen Darstellung eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Oder um durch die nach oben gerollten Augen der Engelchen den Blick der Betrachtenden auf die Madonna zu lenken. Das ist nicht gelungen. Schon seit vielen Jahrzehnten sind die beiden Babyengel die Stars dieses Bildes, die große Madonna und ihr Kind wurden in der Wahrnehmung vieler Museumsbesucher zur Nebensache.

Das ganze Bild steht für Glauben – und einen Krieg

… aber nur wenige das ganze Bild, das uns zur Auseinandersetzung mit Glauben und Krieg zwingen würde. (Fotos: Gemäldegalerie Alte Meister Dresden)

Das ganze Bild anzusehen, würde bedeuten: Sich auseinandersetzen mit den großen Fragen der christlichen Religion. Für sich zu klären, ob es möglich ist zu glauben an eine Mutterschaft von Maria, und daran, dass hier ein Kind geboren wurde, das Menschen Halt und Erlösung geben kann. Zum ganzen Bild gehört auch: Das heute so wertvolle Bild war ein Geschenk des damaligen Papstes an den italienischen Ort Piacenza als Dank für einen in seinem Sinne gewonnenen Krieg.

Da ist es doch viel einfacher, sich an die kleinen Engel zu halten.

Mit den Hilfsgütern, den Panzern und den Wetterkatastrophen könnte es ähnlich sein. Es tut gut, sich mit Bildern von zügig anrollender Hilfe für die Verzweifelten zu beruhigen. Es ist leicht, sich gut inszenierte Firmenvideos von dahinrauschenden Leopard-Panzern auf einem Übungsgelände anzusehen. Tausendmal gefälliger sind diese Bilder als eine schmerzhafte Vorstellung davon, was dieses schwere Geschütz im kriegerischen Echt-Einsatz anrichtet. Man müsste sich ein ganzes Bild machen von der Verwüstung, der Angst, dem Tod, den es bringt.

Und auch dieses Bild wäre noch nicht groß genug. Denn es müsste auch und zuerst all das Leid zeigen, das der russische Angriffskrieg in der Ukraine erst verursacht hat, die Opfer an Leben, Körper und Psyche, die er täglich neu fordert. Es würde ein überfallenes Volk zeigen, das sich nun mit dieser besseren Waffe wehrt.

Die Panzer wirken wie Spielzeug

Doch was ist das? Da schwebt ein Ballon durchs Bild. Wo kommt der denn her? Schnell zwei Finger genommen und das Bild so gezoomt, dass der Ausschnitt, den wir sehen, noch größer wird. Ein Ballon kundschaftet da möglicherweise die Atomressourcen der USA aus. Er kommt angeschwebt aus China, einem riesigen Land, das keinen Hehl daraus macht, sich eine vergleichsweise kleine Insel einverleiben zu wollen. Die Menschen auf dieser Insel verlassen sich in ihrem Wunsch nach Eigenständigkeit auf den atomaren Schutz, über dem der Ballon gerade schwebte. Wie übrigens die Menschen in Deutschland auch.

Das Bild ist jetzt zu groß, um das Leid der verzweifelten Erdbebenopfer überhaupt noch erkennen zu können. Die Überschwemmungen und Waldbrände verschwinden im Nichts. Die furchteinflößenden Panzer wirken wie winziges Spielzeug. Und doch ist der Ausschnitt noch immer zu klein.

Wer nicht in die ISS steigen oder auf den Mond fliegen möchte, findet die entsprechenden Bilder im Internet. So schön blau ist unser Planet! Eine blau-weiß geäderte Murmel, eine marmorierte Perle, bewohnen die Menschen in den unermesslichen Weiten des Alls. Sie genießen das Glück des Zufalls, der diesen Planeten nach unserem Wissen einzigartig macht: Sonnenverwöhnt, aber noch nicht verbrannt, da gerade im richtigen Abstand zum Glutofen der Sonne. Wasserreich, aber noch nicht überflutet. Dank seiner schützenden Atmosphäre noch immer Heimat für Millionen Arten von Leben.

Das ganze Bild erzählt von Schönheit und Komplexität

Das ganze Bild. Foto: NASA

Wofür steht dieses ganze Bild? Es erzählt uns von strahlender Schönheit, aber auch von Komplexität, die es auszuhalten gilt. Mancher Wohlstandsmensch lehnt sich vorschnell beruhigt zurück, weil ein paar Hilfsgüter-Paletten rollen. Zu eilig wird gejubelt über Panzer, und zu hastig wird in wenigen Zeilen als gewissenloser Kriegstreiber verdammt, wer anders denkt. Jeder Ahnungslose weiß plötzlich Bescheid, wenn es um Wetterphänomene, Straßenblockaden oder Tempolimits geht.

Es ist leicht, sich die putzigen Engelchen herauszupicken aus dem ganzen Bild! Aber es ist auch billig.

 

Zur Geschichte des Gemäldes „Sixtinische Madonna“ von Raffael Santo – und insbesondere zur Rolle der zwei berühmten Engelchen, der „berühmtesten Lümmel der Kunstgeschichte“ habe ich das hier gelesen: https://www.welt.de/kultur/article1484114/Die-beruehmtesten-Luemmel-der-Kunstgeschichte.html

Weitere Texte als #Politikflaneur finden Sie hier.

 

Den Göttern sind die Zügel längst entglitten

Zur Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ in Stuttgart 

Vier normale Geschichten

Vier ganz normale Geschichten aus dem ganz normalen Leben, das uns umgibt:

Die erste: Eine Frau und ein Mann lieben sich innig und aufrichtig. Der Mann bricht zu einer Dienstreise auf, über deren Notwendigkeit man streiten kann. Dort trifft er, bereitwillig, aber ungeplant, auf eine andere Frau, verliebt sich in diese und vergisst die zuvor eben noch erneut beteuerte Liebe. Als die Betrogene die Untreue erkennt, sinnt sie nach Rache.

Die zweite: Wer kennt nicht einen solchen Kollegen (und die männliche Form ist hier Absicht)? Ihm ging schon vorab der Ruf voraus, mit heldenhaften Fähigkeiten ausgestattet zu sein. Und tatsächlich: Er bringt das Unternehmen voran, alles geht ihm locker von der Hand, Probleme räumt er mutig beiseite, erzielt traumhafte Abschlüsse. Er wird zum Liebling der Unternehmensführung, steigt auf in der Hierarchie. Das alles bleibt nicht ohne Spuren in seinem Wesen, der schnelle Ruhm steigt ihm zu Kopf, er strotzt vor Übermut und Selbstgefallen. Sein Mangel an Demut führt zu seinem tiefen Sturz.

Die dritte: Der Bildschirm flimmert, und wir sehen den Bundeskanzler. „Vertrauen Sie mir und meiner Regierung!“, sagt er, als es um tödliche Waffen geht. Wenn uns ein Plan plausibel erscheint, vertrauen wir auf die Strategie der Mächtigen. Doch wir wissen auch: Die Probleme der Welt sind zu groß, als dass dieser einzelne Mensch sie alle allein kontrollieren könnte. Diejenigen, die sichtbar im Rampenlicht stehen, brauchen im Hintergrund stille Strategen, „Spin Doctors“, routinierte Handwerker der Macht.  Wenn dort geirrt wird, scheitert der ganze Plan. Wer dort irrt, wird zum Sündenbock.

Die vierte: Mit brachialer Wucht schlagen vermummte Männer auf die Vitrinen eines Museums ein. Sie rauben Schmuckstücke, die einzigartig sind auf dieser Welt. Sie wollen sie zersägen, einschmelzen, ihre Herkunft unkenntlich machen, damit sie verkauft werden können. Diese Männer wollen reich werden, weil sie glauben, dass Reichtum ihnen ein besseres Leben sichert. Nun sitzen sie in Handschellen vor Gericht.

Daniel Kirch (Siegfried), Patrick Zielke (Hagen) in der Stuttgarter „Götterdämmerung“: Der Held stolpert selbstverliebt in eine Intrige. Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgart

 

 

Es sind mindestens diese vier Geschichten, die in der Oper „Götterdämmerung“ erzählt werden. Nichts von dem ist veraltet, was in diesem mehr als vier Stunden andauernden Werk (zzgl. Pausen) verhandelt wird. Dabei kommt keines der hier verwendeten Alltagsbilder in der Oper oder in der Stuttgarter Aufführung vor. Die Handlung der „Götterdämmerung“ ist mitten aus unserem Leben gegriffen. Und das, obwohl der Plot in einer frühgermanischen Sagenwelt angesiedelt ist und schon vor 150 Jahren als Musiktheater zu Papier gebracht wurde.

Ein komplexer Stoff. Hier eine Vereinfachung:

Der „Ring des Nibelungen“, ein Zyklus aus vier Opernabenden, komponiert und geschrieben von Richard Wagner, ist kein leicht verdaulicher Stoff. Das gilt auch für den vierten und letzten Abend. Vereinfachung tut daher dem Verständnis der Handlung gut.  Sie lässt sich in etwa so erzählen:

Siegfried, der Enkel des Göttervaters Wotan (und der Held des nach ihm benannten dritten Teils im „Ring“), ist nahezu unverletzlich, furchtlos, und stürmisch verliebt in die Gottestochter Brünhilde (die Heldin des zweiten Teils mit dem Titel „Die Walküre“). Zudem hat Siegfried durch Raub und Mord jenen Ring erobert, der ihm Macht über Himmel und Erde und unermesslichen Reichtum verspricht, der aber allen Besitzern zuvor nur Unglück eingebracht hat.

Nun bricht Siegfried auf zu neuen Heldentaten. Verwöhnt von seiner nahezu vollständigen Unverletzlichkeit stolpert er furchtlos, selbstverliebt und tölpelhaft in eine Intrige. Er gerät mehr oder weniger zufällig in die Fänge der Herrscherclique der Gibichungen, einem germanischen Sagenvolk am Rhein. Deren Chef Gunther schmeichelt ihm, denn er sucht zur gesicherten Erbfolge eine Frau, und Siegfrieds schöne und starke Brünhilde wäre ihm da gerade recht. Gunthers Halbbruder Hagen ist loyal zu seinem Herrscher, aber strategisch kompetenter als dieser, und zudem von der verwandtschaftlichen Zurücksetzung dauergekränkt. Er gibt sich nicht mit der Frauenfrage ab, sondern strebt nach dem mächtigen Ring des Siegfried.

Für beide Vorhaben hat Hagen den passenden Plan. Er veranlasst mittels eines Zaubertranks, dass Siegfried seine Brünhilde vergisst, und sich stattdessen in Gunthers Schwester verliebt. Siegfried macht begeistert mit. Wenig überraschend ist Brünhilde über den Verrat ihres Geliebten empört. Sie sinnt nach Rache. Wütend liefert sie ihren treulosen Gatten dem Tod aus, indem sie Siegfrieds einzige Schwachstelle, den Ort seiner Verletzlichkeit, verrät.

Hagen hatte genau dies erwartet, sein Plan geht auf. Er nutzt die erste Gelegenheit, dem Heldenleben Siegfrieds ein Ende zu setzen. Kaum ist der aber tot, geraten die an der Intrige Beteiligten in tödlichen Streit um den Ring. Ruhe kehrt erst ein, nachdem der Ring, dieser Auslöser des ganzen Ärgers, zurück in den Rhein geworfen wurde, wo er einst geraubt worden war (das war die Handlung des ersten Teils: „Das Rheingold“).

Am Ende ist alles wie am Anfang

Am Ende der vier Abende ist also nach rund 16 Stunden Musik und Drama fast alles wieder so wie am Anfang. Eine Gesamtaufführung des „Ring“, wie sie für das Frühjahr in Stuttgart auf dem Spielplan steht, noch dazu weitgehend als Neuinszenierung, ist ein Großereignis, aber auch eine sichere Bank für jedes Opernhaus. Menschen fahren durch halbe Kontinente, um einen ganzen „Ring“ zu erleben. Warum? Es ist einmal die rauschhafte Musik, die auch wie ein Zaubertrank wirkt und fast alles vergessen lässt, was man gegen Richard Wagner als Person vorbringen kann und muss: Sein unerträgliches Frauenbild, seine antisemitische Haltung, sein hochproblematischer Charakter.

Tumult bei den Gibichungen, aber der Handwerker der Macht scheint alles im Griff zu haben. Auf dem Bild: Patrick Zielke (Hagen), Staatsopernchor Stuttgart; Foto: Matthias Baus, bereitgestellt von Oper Stuttgart

Und dann ist da jedes Mal neu die Frage: Was machen moderne Regisseure aus diesem Stoff? Die Stuttgarter Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ strotzt mit vielen, auch originellen Einfällen, mit deren Hilfe die Spannung erhalten bleibt und das lange Werk immer wieder ausgesprochen unterhaltsam ist. Manche Figuren dieser halb göttlichen, halb menschlichen Sagenwelt werden so ironisch gezeichnet, dass das ganze Pathos des Textes der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Ironie macht Absurdes erträglich

Das ist einerseits gut so, denn manches, was man da mitlesen kann, ist inhaltlich schwer erträglich. Die Regie des Teams um Marco Storman nimmt dem Text und Teilen der Handlung ihre Absurdität, die ein aufgeklärter Opernbesucher trotz musikalischer Rausch-Betäubung nicht ignorieren kann. In Stuttgart spottet die Regie über Wagners Heldenbegeisterung und legt doch den Kern der ganzen Werkidee erbarmungslos offen: die selbstverliebte Dürftigkeit, mit der wir Menschen uns immer wieder aufs Neue in den ewigen Kreislaufs aus Eitelkeit, Neid, Verrat und Machtstreben stürzen.

Andererseits ist nicht jede Inszenierungsidee überzeugend, allzu viel Bühnenrauch vernebelt grundlos die Szene, zu viele Gemälde werden unerklärt hin- und hergetragen, und ein herbeirollendes Einhorn kurz vor Schluss ist fragwürdig auf der Kitsch-Spur zu verorten. Immerhin, auf billige Aktualisierungen wird weitgehend verzichtet, Bühnenbild und Kostüme bleiben meist mystisch-zeitlos. Die chaotischen Szenen des zweiten Aktes sind als mahnende Anspielung auf den Sturm des Kapitols von Washington vor zwei Jahren zu deuten (so Marco Storman in einem Interview im Programmheft). Und wer möchte, kann auch den Einfall, dass sich die brüskierte, um ihre Liebe beraubte Brünhilde die Haare abschneidet, als aktuellen politischen Bezug deuten.

Muss Walhall brennen? Längst nicht mehr.

Insgesamt stehen aber das Menschliche und seine Gefühlswelt im Mittelpunkt dieser Interpretation. Vom Göttervater Wotan, der im Rheingold noch mächtig war, sind in der „Götterdämmerung“ nur noch Schilderung über seinen depressiven Zustand zu hören. Die Zügel über den Verlauf des Geschehens sind ihm längst entglitten. Damit es eine „Götterdämmerung“ wird, soll nach dem Willen Richard Wagners (so seine Regieanweisung) zum Ende der Rhein rauschen und über seine Ufer treten. Dann soll ein Flammenmeer auflodern, das nicht nur Brünhilde und den toten Siegfried verschlingt, sondern auch die in der Ferne liegende (und im „Rheingold“ frisch bezogene) Götterburg „Walhall“ gleich mit.

Wie realisiert man solches Unmögliches? Das ist die spannende Preisfrage am Ende jeder neuen „Götterdämmerung“. In Stuttgart hat Storman für den Schluss wirkmächtige Bilder gefunden, die wenig mit Wagners Fantasien zu tun haben. Es ist ein Ende, das so intim wie dramatisch schön ist, dass man es hier nicht verraten darf. In einer Zeit, in der das Göttliche wenig Konjunktur hat, wird das Opernpublikum betäubt, beschwingt, hoffnungstrunken in unsere Welt entlassen, für deren weitere Ausgestaltung nur wir, und keine Götter, verantwortlich sind.

 

Die „Götterdämmerung“ ist am 12. März und 10. April 2023 jeweils als Teil eines ganzen „Ring“-Zyklus in Stuttgart zu sehen. Nähere Informationen bei der Oper Stuttgart: https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/goetterdaemmerung/

Zu den anderen Teile des „Ring des Nibelungen“ gibt es ebenfalls Texte von mir als #Kulturflaneur:

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Dieser Text erhebt nicht den Anspruch einer Aufführungskritik. Mein Fokus liegt ausschließlich auf dem (kultur-)politischen Aktualitätsbezug von Werk und Inszenierung. Daher gibt es in diesem Text auch nur Bemerkungen zur Konzeption der Inszenierung, nicht zu den Leistungen von Sänger/innen und Orchester.

Gesehen habe ich die Generalprobe am 26. Januar und die Premiere am 29. Januar 2023. 

 

 

 

Die Weiße leuchtet im Schnee (#42)

Pfarrkirche Sel. Pater Rupert Mayer, Gebr.-Asam-Str. 2a, 85586 Poing

Mein Besuch am 21. Januar 2023

Fassade und Dach der Rupert-Mayer-Kirche in Poing sind mit weißen Keramikkacheln ausgekleidet.

Es hatte geschneit, und die weiße Kirche strahlte noch heller heraus aus der Vorstadt-Landschaft. Das ungewöhnlich eckig geformte Gebäude ist ein moderner Kirchenbau, geschuldet dem rasanten Anwachsen der Einwohner-Zahl der Münchner Vorstadt-Gemeinde Poing. In immer weiteren Wellen werden dort Neubaugebiete erschlossen und mit dahingewürfelten Bauten gefüllt.

Gibt es unter diesen vielen Neubürgern, den jungen Familien, den Häuslebauern, den Zugezogenen aus aller Welt, die sich ein Leben im Speckgürtel der reichen und teuren bayerischen Hauptstadt leisten können oder müssen, auch genügend Kirchgänger? Nur wenige Spuren im Schnee führen zur Kirche, als ich sie an einem graukalten Samstagmittag (zugegeben: keine Gottesdienst-Zeit) aufsuchte. Mich empfing ein heller, transparenter Kirchenraum, eine einladende Halle mit Klarglasfenstern, die einen ungestörten Blick von innen nach außen und umgekehrt erlauben. Ein Raum, der von Tageslicht durch himmelhoch angebrachte Lichtschächte in Mattglas erhellt wird.

Geweiht ist diese Kirche einem Mann, der sich in beklagenswert seltener und gleichzeitig bewunderungswürdiger Deutlichkeit gegen den Nationalsozialimus  gestellt hatte und deshalb an Leib und Leben bedroht wurde. Pater Rupert Mayer, 1876 in Stuttgart geboren und ein halbes Jahr nach Kriegende am 1. November 1945 in München gestorben, war mehrfach in Konzentrationslagern interniert. Er steht für staatsfernen Mut und unbequeme Haltung in der katholischen Kirche.

Ein heller, hoher Innenraum – im Vordergrund eine Marienskulptur der Künstlerin Carola Heine.

Es ist eine schöne, stille, weite, luftige Kirche, die ihm nun gewidmet ist, eine Kirche zum Durchatmen. Eine Kirche, in der man über Mut und Engagement nachdenken kann, genauso wie über die eigene Verzagtheit angesichts viel kleinerer Bedrohungen im Vergleich zu denen, den Pater Rupert Mayer ausgesetzt war. 2020 wurde sie mit dem internationalen Preis für sakrale Architektur der italienischen Stiftung Frate Sole als „schönste moderne Kirche“ ausgezeichnet. Als „Sprungschanze Gottes“ werde sie wegen ihrer ungewöhnlichen Dachform verspottet, ist auf Wikipedia zu lesen. Das tut ihr unrecht.

Auf dem Weg nach Salzburg, in den Urlaub, in die Berge, ans Meer? Dann runter von der A99, ein paar Kilometer rüber nach Poing. Diese Kirche ist ein guter Ort für einen Moment des Innehaltens. 

Sehr schöne Fotos und eine gute Zusammenfassung der Architektur finden Sie hier:

Pfarrkirche Seliger Pater Rupert Mayer

 

Mehr über Pater Rupert Mayer bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Rupert_Mayer

Weitere Kirchen aus meiner Sammlung #1000Kirchen finden Sie hier. 

 

 

 

Schiller war schon in Sindelfingen

Eine kurze Reise zu zwei Buchstaben-Erlebnissen

Briefe, überall Briefe. Es ist wie aus der Zeit gefallen, was da zu besichtigen ist auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses. Denn wer schreibt noch Briefe? Ein paar Worte, einen Gedanken, etwas Persönliches auf ein Blatt Papier zu ver-„ewigen“ (was für ein Wort!), es damit einzigartig zu machen, unveränderbar, nicht weiterleitbar mit ein paar Klicks, sondern es in einen Umschlag zu stecken, ihn zu verschließen und darauf zu hoffen, dass das Gegenüber erreicht wird, vielleicht tagelang warten und bangen, wie es reagiert – wer macht das noch?

Briefe, überall Briefe: Szene aus der aktuellen Inszenierung von „Don Carlos“ im Schauspiel Stuttgart (Frida-Lovisa Hamann (Elisabeth), Matthias Leja (Philipp II.) Foto: Thomas Aurin, bereitgestellt von Schauspiel Stuttgart

Dem Theaterfreund wird das ganz nebenbei vor Augen geführt in der neuen Inszenierung von Schillers Klassiker „Don Carlos“, verantwortet vom Regieteam um David Bösch. Das „dramatische Gedicht“ von Friedrich Schiller ist fast 250 Jahre alt, und die kommunikativen Optionen von heute waren nicht vorstellbar. Wer nicht sprechen wollte oder konnte, musste Briefe schreiben. Also gibt es eine Szene, in der die ganze Bühne übersät ist von Briefen. Mit den Briefen treibt Schiller die Handlung voran, sie sind Trigger des weiteren Geschehens, lösen bei Empfängern jubelnde Begeisterung oder kochende Wut aus, stacheln an zu neuen Briefen, die dann ihrerseits ihre Wirkung erzielen. Viele davon sind keine langen, klug durchdachten Briefe, oft sind es schnell hingekritzelte Zeilen: Hier eine geheime Einladung, dort ein schmachtendes Geständnis, da ein giftiger Verdacht, ein Verrat sogar, Teil einer bösen Intrige.

Scharfsinniges Psychogramm

Schillers „Don Carlos“ ist ein vielschichtiger Stoff und soll hier gewiss nicht auf die Rolle der Briefe reduziert werden. Das scharfsinnige, hochaktuelle Psychogramm eines Konfliktes zwischen Alt und Jung, auch zwischen Liebe und Vernunft, das in Stuttgart aus diesem alten Stoff herausgearbeitet wurde, muss man selbst erleben. Ein Abend für Genießer klug gesetzter Worte!

Und so ist es auch eine schmale Brücke, über die zu gehen mit diesen Zeilen eingeladen wird, wenn die heutige Entsprechung zu den Briefen in Schillers Welt von einst gesucht wird. Die Verbindung besteht aus dem Rohmaterial, den 30 Buchstaben des deutschen Alphabets, denn daraus formte schon damals und bis heute ein jeder Mensch den Sinn seiner Worte. Frau wie Mann kann damit zart berühren, tief verletzen, klug informieren. Die Buchstaben sind es, aus dem gleichermaßen ein nachdenklicher Theaterabend werden kann, oder eine unverständliche Gebrauchsanleitung, oder auch ein vernichtender Streit, ein geflüstertes Geständnis.

Schnell ist das böse Wort gebildet

Friedrich Schiller brauchte vier Jahre für seinen „Don Carlos“, aber die vielen Briefe in seinem Drama beweisen: Schon damals wurde aus den Buchstaben schnell das böse Wort gebildet, eilig, vielleicht auch unüberlegt, hingeworfen auf ein Blatt Papier. Heute, schnell hineingetippt in den virtuellen Raum, bleiben sie dort erhalten, lassen sich nicht zerknüllen oder verbrennen, sondern krallen sich fest im digitalen Gedächtnis, haben Beweiskraft und Vernichtungsenergie. Und wer weiß schon, wer noch zuhört oder mitliest? Auch ganz öffentlich werfen sich in sozialen Medien die Menschen manches Lob, viel Spott, oft abwertende und verletzende Kommentare zu, halten fest an unerbittlichem Beharren auf die eigene Sicht der Welt und dokumentieren selbstverliebt ihre Weigerung, einfach einmal zuzuhören.

Aus Buchstaben wurden schon immer erhebend schöne, genauso wie hässlich verletzende Worte gebildet. Aber vor 250 Jahren gab weniger Menschen auf der Welt, viele konnten gar nicht schreiben, und wenn doch, hatten ihre Briefe meist nur einen einzigen Adressaten. Heute dröhnt uns das lärmende Dauergetöse Tinnitus-gleich in den Ohren, ein stetes Rauschen und Pfeifen und Stampfen aus Buchstaben, Worten und Sätzen.

Wo herrscht Stille? In Sindelfingen.

Wo also herrscht ein Moment der Ruhe in diesen lauten Zeiten? In Sindelfingen. Und zwar in einem Raum, der voller Buchstaben ist, und in dem gerade deshalb jede hitzige Debatte verstummt. Eine Halle des „Schauwerk“ war einmal ein industrielles Hochregallager, ein hochkant gestellter Quader. Seine fünfzehn Höhenmeter, seine luftigen 130 Quadratmeter Grundfläche sind heute schmucklos weiß ausgepinselt und raffiniert ausgeleuchtet. Den Quader kann man in seiner ganzen Höhe ersteigen. Entlang der fensterlosen Wände schraubt sich der Weg sanft und schneckengleich der dunklen Decke entgegen.

„Silent Word“, eine Installation von Chiharu Shiota im Schauwerk Sindelfingen – ein erstarrter Strom der Inspiration.

Aber warum dort hinauf, da doch schon der erste Blick genügt für die Überwältigung, die stumm macht in unserer lauten Zeit, allenfalls ein Flüstern duldet? Ein schmucker Schreibsekretär steht da in der Mitte der Grundfläche, aufgeklappt, schreibbereit, ein Stuhl dazu, locker zur Seite geschoben.

Der Platz zum Schreiben ist schon belegt

Der Stuhl ist leer, und auch der Schreibplatz trägt kein Schreibgerät, kein Notebook, keine Schreibmaschine, nicht einmal Papier und Stift sind zu sehen. Der Platz fürs Schreiben ist schon belegt von Buchstaben und noch dazu unbenutzbar eingesponnen. Überall Fäden, hunderte, vielleicht tausend, wie ein erstarrter Regen ergießen sie sich hinab aus der dunklen Höhe des Raumes. An den Schnüren verharren die Buchstaben in ihrem Hinabgleiten, lautlos wie Schneeflocken, wie schwankendes Herbstlaub. Sie kommen aus der Decke, füllen den ganzen Raum bis hinauf in seine äußerste, von unten kaum ergründliche Höhe.

Also doch hinauf! Vorbei an diesem erstarrten Strom der Inspiration. Ganz oben unter der schwarzen Decke des Quaders scheinen die Buchstaben noch größer zu sein und der Schreibplatz unten ganz klein. In der Installation „Silent Word“ der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota füllen die Lettern den ganzen hohen Raum bis hinab zum Boden, wo sie verwendungslos liegengeblieben sind.

„Meine Worte sind lautlos“, sagt die in Berlin lebende Künstlerin über ihr Werk. Wer sich also zutraut, aus den Buchstaben etwas zu formen, das es Wert ist, diese Stille zu durchbrechen, der setze sich an diesen oder einen anderen Schreibtisch. Wie es scheint, war Schiller war schon da.

 

 

„Don Carlos“ von Friedrich Schiller am Schauspiel Stuttgart hatte in einer modernisierten, gekürzten Fassung am 14. Januar 2023 Premiere. Zahlreiche weitere Aufführungen sind für Februar und März 2023 geplant: https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/monatsplan/don-carlos-/5949/

 

Das stille, raumgreifende Sprach-Kunstwerk „Silent Word“ von Chiharu Shiota ist noch bis 8. Oktober 2023 in Sindelfingen im „Schauwerk“ zu besichtigen, dem privaten Museum der Sammlung Schaufler:  https://www.schauwerk-sindelfingen.de/de/

 

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